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Über den Abgang von Donald Trump schreibt Joe Grim Feinberg

Nach dem bizarrsten Wahlkampf und der verrücktesten Nachwahlzeit in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika hat Joe Biden Donald Trump im Weißen Haus abgelöst. Manchmal sind die bizarrsten Momente in der Geschichte eines Systems jene, die offenbaren, wie verrückt das System seit jeher war und was es – in weniger spektakulärer Form – bereits hervorgebracht hat. Aber dennoch, wenn es schließlich nach langer Trächtigkeit ein Monster zur Welt bringt, ist nichts mehr so wie vorher.

Der Trumpismus und seine republikanischen Zutaten

Donald Trump ist zweifellos einzigartig, ein Mensch, so seltsam, dass alle Vergleiche versagen. Und doch waren alle Elemente, die den Trumpismus ausmachen, schon vorhanden, bevor Trump sie aufgriff und zusammenfügte. Der Trumpismus kombiniert Hassreden, Respektlosigkeit gegenüber demokratischen Verfahren und eine religionsähnliche Anbetung von Männern mit Geld. Die Republikanische Partei ist mindestens seit dem späten neunzehnten Jahrhundert die Partei der Wirtschaftseliten, sie mobilisiert seit Jahrzehnten Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Frauenfeindlichkeit. Sie hat eine lange Geschichte der Erschwerung des Wahlrechts für People of Color und kann mit der Demokratischen Partei überhaupt nur aufgrund eines Wahlsystems konkurrieren, das weiße ländliche Gemeinden der Mittelschicht überrepräsentiert. Trump also nahm alle rhetorischen Standardpositionen seiner Partei und sprach jene nur ein bisschen lauter aus, mit weniger Nuancen und mehr Idiotie. In einem politischen Theater, das an geschmeidiges Marketing, sorgfältige Vorbereitung und eine strenge Ökonomie der Verbote und Anspielungen gewöhnt ist, kann allerdings auch schon der kleinste Mangel an Nuancen viel Aufmerksamkeit generieren. Trumps Idiotie durchbrach das respektable Furnier eines Systems, das das Publikum bereits müde war, zu respektieren. Für Zuschauer, die noch nie in ihrem Leben die Worte »fuck« und »shit« gehört oder, trotz einer ständigen Flut von mit Bikinis gefüllten Werbespots, eine entblößte Brust im Fernsehen gesehen haben, war Trump wie ein Film mit Altersfreigabe, der endlich das bietet, was so lange unterdrückt und durch Unterdrückung begehrenswert gemacht wurde. Es war, als würde sich das gesamte politische System vor uns entkleiden. Das war nicht schön, aber wir konnten unsere Augen nicht davon abwenden. Trump konnte eine Allianz zwischen den spektakulär Reichen und der bedrohten Mitte beschwören, gegen die alten bescheidenen Eliten, die, weniger sichtbar in ihrem Reichtum als Trump und seine Hintermänner, ihren Erfolg versteckten Kräften zu verdanken schienen. Ihre Appelle zu Mäßigung und mildem Teilen klangen unaufrichtig neben Trumps stolzer Feier von Gier und Bestechung, die Trump zu einem verallgemeinerten Programm machte: Jeder Trumpianer konnte seinen Anteil an der Beute von Trumps »Deals« bekommen. Diese versprachen den Rest der Welt und die nichts besseres verdienenden Armen und Minderheiten im eigenen Land zu schröpfen und alle »zahlen« zu lassen – alle außer dem großen Banditen selbst, der mit seiner eigenen Steuerhinterziehung und seiner Weigerung, seinen Teil der Verträge einzuhalten, prahlte. Auf einer symbolischen Ebene ist die Vorstellung, von einem gierigen Arschloch vertreten zu werden, eine mächtige Sache. Vor allem, wenn es scheint, dass seit Jahren alle Arschlöcher sowieso gegen dich sind. Die Unterstützung für Trump war ein symbolischer Anspruch auf ein Stück der Beute in Trumps Banditenkreuzzug. Es war der Anspruch darauf, zu jenen Leuten zu gehören, die clever genug sind, das System zu schröpfen, das gegen sie aufgestellt zu sein scheint. »America First« weltweit, ich zuerst in Amerika. Als die Sowjetunion fiel und der Kampf gegen die Gleichheit sich nicht mehr als Kampf für die Demokratie gegen den Kommunismus darstellen konnte, löste sich die Gier von der Demokratie und wurde zu einem eigenen Programm. Der Trumpismus konnte sich als eine Bewegung präsentieren, die Privatinitiative, egoistisches Vergnügen und Ansprüche auf ethnische Privilegien von all dem demokratischen Ballast befreit, der sie noch zurückhielt. Aber freilich hatte die Republikanische Partei bereits vor Trump dieses Programm der antidemokratischen Gier entwickelt. Nur unterhaltsam war sie dabei nie. Die Partei hatte ihren Kult der privaten Macht und Gier nie in ein Spektakel verwandelt, welches so schwer nicht zu beachten war.

Trumps Aufmerksamkeitsökonomie

Trump besitzt ein großes Talent: Er weiß, wie man Aufmerksamkeit gewinnt. Ständig unterbricht er und wechselt das Thema zu etwas Neuem, Überraschendem, höchst Skurrilem oder geradezu Verrücktem. Wenn wir ihn zum Beispiel fragen: »Wie sollte die Regierung der aktuellen Pandemie begegnen?« wird Trump antworten: »Welche Pandemie? Wir haben alle genug über die Pandemie gehört. Covid, Covid, Covid ...« Oder wenn wir fragen, ob Trump mit den Vorschlägen seines Rivalen Joe Biden einverstanden ist, würde er sich doch niemals dazu erniedrigen, sich auf eine politische Debatte mit einer so langweiligen Figur wie »Sleepy Joe« einzulassen. Wir könnten Trump fragen, was er tun wird, wenn er die Wahl verliert, und er wird antworten, dass er unmöglich verlieren kann, und wenn er verliert, dann wird der Oberste Gerichtshof das Ergebnis zu seinen Gunsten kippen, und wenn nicht, dann sollten seine Anhänger gegen das Capitol marschieren, damit er gewinnt, und wenn sie es nicht tun, dann wird er sich vielleicht einfach in Florida entspannen, oder vielleicht wird er das Land verlassen, warum nicht? Als Trump-Anhänger das symbolische Zentrum der amerikanischen Legislative stürmten, reagierten die meisten Beobachter – zu Recht – entsetzt. Die Aufständischen wurden beschuldigt, einen Putsch zu planen und Trump, sie dabei zu unterstützen. Andere Beobachter, wie Mike Davis in einem Blog für die New Left Review, taten die ganze Sache als eine Farce ab. Das Problem ist, dass beide Positionen richtig und falsch gleichzeitig sind. Die Aufrührer:innen hatten keinen kohärenten Plan. Aber sie hatten Gewehre und mindestens einen Speer. Sie verprügelten die Polizei mit Hockeyschlägern und einem Feuerlöscher und drohten, gewählte Vertreter:innen zu ermorden. Aber vielleicht trugen sie nur Waffen, weil sie überall Waffen tragen, und vielleicht war der Speer nur ein Scherz, außer dass der Mann, der ihn trug und ein Kojotenfell und Büffelhörner trug, auch ein bekannter Extremist ist, der gedroht hat, den Vizeprä-sidenten »vor Gericht« zu stellen. Aber vielleicht war auch das nur ein Scherz. Das Wort »Coup« impliziert normalerweise eine koordinierte Anstrengung. Aber Trump koordiniert sich nie mit jemandem. Trump hat ihnen gesagt, sie sollen gegen das Kapitol marschieren, aber hat er das wirklich ernst gemeint? Sie – viele von ihnen Mitglieder des Militärs und der Polizei – befolgten seine Befehle. Aber an welchem Punkt haben sie entschieden, dass sie seine Befehle ernst nehmen? Wann hörte es auf, ein großes Spiel zu sein – eine Fortsetzung eines Online-Spiels – und wurde Realität? Die wirkliche Innovation des Trumpismus ist, dass es unmöglich ist diese Frage zu beantworten. Es ist immer Überreaktion zu behaupten, dass die Trumpianer bereit sind, einen Putsch zu starten und immer auch Unterreaktion, zu meinen, dass es sich nur um einen Haufen von Worten handelt. Milan Kundera hat angedeutet, dass eines der Merkmale des Stalinismus war, dass er alles ernst nahm und die Menschen die Bedeutung von Witzen vergaßen. Beim Trumpismus wird nichts, was der Führer sagt, ernst genommen, und alles scheint ein Witz zu sein. Meint Trump, was er sagt? Lügt er uns ins Gesicht? Auf einer gewissen Ebene sind solche Fragen nebensächlich. Ein Clown scherzt, auch wenn er es ernst meint. Ein:e Schauspieler:in lügt auch dann, wenn er:sie aufrichtig ist. Die Politik als einen großen komischen Akt zu behandeln … unerhört!? Ja und nein.

Die politische Sphäre

Politik, wie auch die sie umgebende Unterhaltungsindustrie, basiert auf der Macht der Illusion. Der Begriff der Politik selbst ist historisch entstanden, als der Raum, die Lebenssphäre, die für die Behandlung von Fragen des Staates und des Rechts eingerichtet wurde, im Unterschied zu anderen Sphären, die dem »privaten« und »sozialen« Leben vorbehalten sind. In der sozialen und privaten Sphäre arbeiten wir Beziehungen zwischen Menschen aus. In der politischen Sphäre beschäftigen wir uns mit Beziehungen zu etwas, das wir nicht sehen oder fühlen. Wir sehen den Staat in Form von politischen Repräsentationen, und diese Repräsentationen müssen die soziale Realität nicht genau widerspiegeln, um wirksam zu sein. Trump hat diese grundlegende Trennung der politischen Repräsentation von der sozialen Realität vollzogen, aber diese Autonomie der politischen Sphäre ist nicht einzigartig für den Trumpismus. Sie ist auch eine Säule des Liberalismus, für den Freiheit in der politischen Sphäre gleichbedeutend ist mit dem Widerwillen, gegen Unterdrückung in der privaten und sozialen Sphäre einzuschreiten. Auf andere Weise war die Autonomie des Politischen ein Pfeiler des Faschismus, der grandiose Repräsentationen in der politischen Sphäre und aktive Herrschaft in allen anderen Sphären bot. Der Trumpismus folgt dem Faschismus, indem er Größe als rein politische Repräsentation verspricht, aber er unterscheidet sich vom historischen Faschismus in der Art und Weise, wie er Repräsentationen arrangiert. Wenn Mussolini ein Rhapsode war, der Epen der Starken sang, ist Trump ein Komödiant, der die Schwachen lächerlich macht. Die Leute lachen, um zu beweisen, dass der Witz nicht auf ihre Kosten wirkt. Einige Eliten der Demokratischen Partei machten sich ihrerseits über Trump lustig, weil er nur so tat, als sei er Milliardär. Sie erkannten nicht, dass dies Teil seiner Anziehungskraft war. Ein falscher Milliardär – das übertriebene Spektakel eines Milliardärs, der von Gold, Supermodels und Pornostars umgeben ist, das Bild eines starken weißen Mannes, der tun kann, was er will – ist für die Öffentlichkeit akzeptabler als ein echter Milliardär, der mit unbewegter Mine und rechtschaffenen Worten von der Arbeit anderer lebt. Während traditionelle Mitte-Links-Politik die moderate Umverteilung von echtem Reichtum anbietet, sorgfältig berechnet, rational investiert und langweilig, bietet Trump ein Bild von Reichtum, durch das die Massen indirekt verbotene Vergnügen erleben können, die weit größer sind als jede reale Verteilung, die angeboten wird. Aber wir sollten uns vor Aufrufen hüten, die »Wahrheit« als Gegengift zu Trumps Lügen hochhalten. Soziale Emanzipation kann Wahrheit nicht als bereits gegeben hinnehmen. Die ganze Herausforderung besteht darin, die soziale Realität in all ihrer Mehrdeutigkeit in die Sphäre der poli-tischen Repräsentation zu bringen, die Politik zu zwingen, sich mit ebenjenen Problemen der sozialen Welt zu befassen, die Politiker:innen so sehr zu meiden versuchen. Was Joe Biden bot, war schließlich auch in erster Linie ein Image. Wenn Trumps Wähler:innen sich mit dem Bild eines rücksichtslosen Tyrannen wohlfühlen konnten, konnten sich Bidens Wähler:innen mit dem Bild eines anständigen, verantwortungsbewussten und moralisch aufrechten Staats-mannes identifizieren – und dank Trumps vierjähriger Wahnsinnsherrschaft hat das alte und langweilige Establishment noch nie so attraktiv ausgesehen. Aber das Establishment hat noch keines der Probleme gelöst, die Trumps Revolte so attraktiv gemacht haben. Warten wir mal darauf, zu sehen, was sich hinter dem neuen Image verbirgt.

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von Karl Reitter

Um Missverständnisse zu vermeiden, sei vorweg klargestellt, dass es zahlreiche Menschen christlichen Glaubens gibt, die sich sozial und humanistisch engagieren. So beteiligten sich viele katholische Organisationen am Appell, endlich Flüchtlinge aus ihren unzumutbaren Bedingungen zu retten und ihnen in Österreich Asyl zu gewähren. In vielen gesellschaftlichen Bereichen gedeiht die Zusammenarbeit zwischen christlichen und marxistischen Kreisen ausgezeichnet und ist von gegenseitiger Achtung und Respekt bestimmt. Diese kleine Geschichte handelt aber von einer ganz anderen Spezies, den Katholiban. Statt christlicher Nächstenliebe wird die Gewöhnung an hässliche Bilder gepredigt und es gilt ehern das Bibelwort »Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus)« (Eph 5,22). Wir müssten ihnen eigentlich keine besondere Aufmerksamkeit schenken, wenn sie nicht zu den Einflüsterern im Bundeskanzleramt zählen würden. Hier der Report über ihren Aufstieg in der ÖVP in fünf Akten.

Eins: Der Messias erscheint

Im Mai 2017 erklomm er endgültig das Lampenlicht der Öffentlichkeit. Sebastian Kurz wurde Bundesparteiobmann der ÖVP. Gut unterrichtete Kreise behaupten, der junge Feschak sei von der alten Garde der Katholiban gepusht worden. Allen voran vom Ehepaar Schüssel, wobei Krista Schüssel dem Vernehmen nach eine sehr spezifische Rolle spielte.

Zwei: Wo ein Messias ist, sind die Katholiban nicht weit.

Als Weggefährte der ersten Stunde ist Bernhard Bonelli zu nennen, Kabinettchef im Bundeskanzleramt. Und da großen Geistern Österreich oft zu beschränkt ist, betreut er ebenso das International Catholic Legislators Network (ICLN), ein Netzwerk von Politiker:innen des wahren Glaubens. Ursprünglich hieß Bonelli mit seinem Taufnahmen Adametz, nahm aber bei seiner Hochzeit den Namen seiner Braut an. Als Trauzeuge fungierte niemand Geringerer als Sebastian Kurz. Dieses Sakrament der Ehe dürfte unter dem besonderen Schutz der Heiligen stehen, seine Angetraute ist nämlich die Cousine von Raphael Maria Bonelli, der sich selbst bescheiden als »Neurowissenschaftler, Psychiater, Buchautor sowie Vortragender« (www.raphael-bonelli.com) bezeichnet. Raphael M. Bonelli widmet sich nicht nur besonders der Heilung von Homosexuellen, sondern erklärt auch einfühlsam und populär: »Warum Gender-Mainstreaming Männer kastriert und Frauen frustriert«. So viele Bonellis, da ist Verwechslung vorprogrammiert. So erklärte der Weggefährte des »Heilsbringers« (bürgerlicher Name Kurz), Bernhard Bonelli, auch überzeugend, nicht er, sondern sein Cousin Raphael Bonelli sei Mitglied bei Opus Dei, zu Deutsch beim Werk Gottes. Zu weiteren Vertreter:innen dieses Spezies zählt neben Dr. Gudrun Kugler, die es allerdings nur bis in Parlament schaffte, auch Mag.a Aleksandra Ledóchowski, der der Sprung vom Bundesministerium für Familien und Jugend in das Bundeskanzleramt gelang. Auch den Namen Ledóchowski sollten wir uns merken. Denn ihr Ehegatte Jan Ledóchowski zählt zweifellos zu den umtriebigsten Vertreter:innen: So soll er nicht nur regelmäßig in Rom gesehen werden, er hatte auch die Ehre, als langjähriger Präsident der Plattform Christdemokratie ein Gespräch mit dem Gründer des Gebetshauses in Augsburg, Johannes Hartl, zu führen. Dieser erklärte im lockeren Plauderton: »Im Christentum ist eine dialogische Grundstruktur enthalten. Es ist kein Zufall, dass das Christentum so gut mit Demokratie zusammen funktioniert und im Wesentlichen nur christliche Staaten Demokratien entwickelt haben.«1 Ja, die Gesprächskultur der Inquisition oder die Überzeugungsarbeit gegenüber Ketzern und Andersgläubigen muss schon gewürdigt werden, auch wenn der Dialog manches Mal etwas einseitig verlief.

Drei: Harte Prüfungen für die Rechtgläubigen

Die für ihre Ehrlichkeit und Offenheit bekannte ÖVP führte bei der letzten Wien Wahl im Oktober 2020 ein internes Prozedere der Vorzugsstimmen ein. Und tatsächlich, die beiden Katholiban Jan Ledóchowski (Plattform Christdemokratie) und Suha Dejmek-Kahlil (Freikirchen) bekamen 1.758 sowie 1.168 Vorzugsstimmen, was vom Institut für Ehe und Familie (www.ief.at) als »fulminantes Ergebnis« gefeiert wurde. Nur so zum Vergleich: Die ÖVP brachte es auf 148.238 Stimmen. Immerhin über 1 Prozent für Ledó-chowski. Nach dem Triumph folgte die Schmach. Die nach der Wahlordnung vorgereihte Antonia Heiml war jedoch nicht bereit, zurückzutreten und pfiff auf das vorher von ihr unterschriebene Fairnessabkommen, welches das parteiinterne Vorzugsstimmensystem über das der Gemeindewahlordnung stellt. Ihr kommendes Schicksal beim Jüngsten Gericht ist noch ungewiss, Tatsache ist nur ihr Ausschluss aus der ÖVP. Aber Ehre dem Gerechten: Ledóchowski wurde Sprecher für Christdemokratie des Landtagsklubs der ÖVP Wien und kommentierte seinen neuen Job mit Sendungsbewusstsein eines Vertreters des Herrn auf Erden: »Sprecherrollen werden im Normalfall nur von verdienten Gemeinderäten wahrgenommen. In die-ser Funktion kann ich für all die Anliegen eintreten, die so vielen von uns wichtig sind und in vielerlei Hinsicht wirkungsvoller, wie als einfacher Gemeinderat«. (www.ief.at) Über die finanzielle Regelung ist leider nichts bekannt, aber irgendwie wurde der Verlust seines Einkommen aus dem verweigerten Gemeinderatsmandat wahrscheinlich schon ausgeglichen.

Vier: Endlich, Gebete auf höchster Ebene

Im Dezember letzten Jahres war es dann sei weit: Es wurde im Parlament gebetet. Dem wahren Charakter unseres schönen Landes wurde endlich Rechnung getragen. Aufklärung hin, Laizismus her, was soll’s?, die Trennung von Staat und Kirche wurde so und so nie konsequent vollzogen. »Österreich ist auf christlichen Werten aufgebaut. Diese Werte können vom Staat nicht per Gesetz erzwungen und per Mehrheitsbeschluss eingeführt oder abgeschafft werden«, sagt Jan Ledóchowski. (Quelle: zackzack.at) Worum sich das »Gespräch mit Gott«, für Nicht-Katholik: innen »beten«, eigentlich drehte, wurde leider nicht bekannt. Gottlose Atheisten waren sofort zur Stelle, um das Ereignis von Stille und Einkehr herunterzumachen. Und das »in einer Krise und im Advent!« so Jan Ledóchowski am 21. Dezember im DerStandard, und setzt fort: »Diese Gebetsfeier steht in einer internationalen Tradition und ist Ausdruck eines entspannten, reifen Verhältnisses zu Glaube und Religion in unserer Gesellschaft.«

Fünf: Wo ein Messias und Gebete, da sei auch ein Seliger

Eine Partei, in der Gläubige des wahren, wirklichen, christlichen Glaubens sich mühsam, aber doch Gehör schaffen können, eine Partei, die einen Messias an ihrer Spitze ihr eigen nennt, das kann keine Partei wie jede andere sein. Den Habsburgern war das Gottesgnadentum sicher, aber müsste es nicht auch in der ÖVP, die ihn ihrem türkisen Gewand endlich zu sich selbst gefunden hat, Rechtgläubige von vorbildlichem Lebenswandel geben? Wer tot ist, kann sich nicht mehr wehren, also fiel die Wahl auf Leopold Figl. Ob für eine Seligsprechung tatsächlich noch immer Wunder des Verstorbenen nachzuweisen sind, dürfte angesichts der geringen Auskunftsfreude des Vatikans schwer zu eruieren sein. Der Märtyrertod scheidet wohl aus, aber ein »heroischer Tugendgrad« (heroicitas virtutum) wird sich schon nachweisen lassen. Laut Wikipedia sollen bei einer Seligsprechung »etwa 250.000 Euro an Kosten« anfallen. Daran dürfte es wohl nicht scheitern. Es keimt jedoch ein schlimmer Verdacht auf: Es wird sich bei den Katholiban doch nicht gar um eine Parallelgesellschaft handeln?

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Charlotte Dumard zeigt anschaulich, wie mathematische Grundbegriffe vermittelt werden können und welchen Erkenntniswert Gedankenexperi mente und Abstraktionen für unser Verständnis von Gesellschaft haben. Warum auch Parallelität eine Frage der Repräsentation ist und eine genaue Repräsentation ohne Perspektive unmöglich ist, wird schlussendlich auch klar.

Schulsituationen

In der euklidischen Geometrie geht es bei Parallelität um parallele Geraden. Ein Begriff, den alle über zwölf Jahren wahrscheinlich gut kennen. Einige unter zwölf auch. Interessanterweise werden in meinem Mathe-Schulbuch der 1. Klasse parallele Geraden darüber definiert, was sie nicht haben: »Parallele Geraden haben keinen Schnittpunkt.« Eine viel schwierigere Vorstellung als sie im ersten Moment wirkt. Ich habe in der Schule ein paar Pflanzenstäbe, die aus Bambus, die wir alle von jeder ein bisschen zu groß gewachsenen Pflanze kennen. Sie stellen meine Geraden dar und sind hochpraktisch, ich verwende sie von der ersten Klasse (Parallelität) bis zur 6. Klasse (Vektoren). Manchmal, weil es doch immer wieder nötig ist, bis in die 8. Klasse. Den 1. Klässler:innen erkläre ich parallele Geraden so: Sie sollen sich vorstellen, diese zwei Stäben seien unendlich lang. Sind sie parallel, dann treffen sie sich nie. Egal, wie weit wir sie entlang spazieren und an ihnen entlang schauen. Unendlich lang, ohne Ende dürften sie werden, und sie würden sich nie in die Quere kommen. Spätestens in diesem Moment kommen die spannenden Fragen. »Was ist eigentlich Unendlichkeit?« ist immer dabei. IMMER. Das aber wäre einen eigenen Beitrag wert, dafür reicht der Platz hier nicht aus. Aber auch Austausch wie dieser hier: »Aba, aba Frau Professor! Es geht gar nicht, sie können nicht nicht aufhören! Wenn sie so lang werden, treffen die Stäbe den Boden/die Wand/die Decke!« »Stimmt natürlich. In der Praxis geht es nicht, es ist ein Gedankenexperiment. Versuche, dir vorzustellen, du bist draußen, vielleicht auf einem Feld, und du hast gaaaaanz viel Platz!« »Draußen ist auch irgendwann ein Gebäude oder irgendwas.« »Klar. Dann stelle dir vor, du schwebst im Weltraum, da ist nichts weit und breit …« Eine Variante mit Bleistiften, die nicht ewig lang werden können, sonst könnte niemand damit schreiben, gab es auch dieses eine Mal, als ich meine Bambus-pflanzenstäbe vergessen hatte.

Alles ist berechtigt und ergibt Sinn. Weil Parallelität ein abstrakter Begriff ist. So abstrakt, dass er zuerst sogar über Gegeneigenschaften definiert wird. So abstrakt, dass Parallelität in der Tat nicht existiert. Geraden existieren nicht. Eine Gerade ist eine gerade, unendlich lange, unendlich dünne und in beide Richtungen unbegrenzte Linie. Aber was heißt hier bitte »unendlich dünn«? »Unendlich lang« kann sich vielleicht noch jede:r vorstellen, aber »unendlich dünn«? Eine Gerade besteht aus unendlich vielen Punkten. Ein Punkt ist ein Objekt ohne Dimension. Wie kann ein Objekt gar keine Dimension haben? Keine Breite, keine Dicke, keine Höhe? Und egal, wie gespitzt die Mine meines Bleistiftes ist, egal, wie sanft ich ihn auf das Papier drücke: Der Punkt, der entsteht, ist eigentlich kein Punkt. Er hat einen Durchmesser, auch wenn ich ihn mit meinem Schullineal nicht abmessen kann. Er hat sogar eine Dicke, weil er aus gar nicht so wenigen Grafitkristallen (ja, ja, Grafit, nicht Blei!) aus der Mine besteht. Ebene geometrische Figuren (die kennt ihr alle, nämlich die Quadrate, Kreise, Dreiecke …) sind nur abstrakte Objekte, Repräsentationen von reellen, greifbaren Objekten. Ein Rechteck hat Länge und Breite, aber keine Dicke, so etwas gibt es im echten Leben nicht. Wozu das Zeug dann? In den Klassen entstehen immer hochspannende Gespräche, wenn wir über Abstraktum und Unendlich-keit sprechen. Es hat etwas Philosophisches. Es fasziniert. Die 10-Jährigen lieben die Thematik, sie fragen danach, es hat etwas von einer unerreichbaren, magischen Parallelwelt.

Soeben existiert Parallelität nicht. Aber jede:r weiß, was sie ist. Und Parallelität hat auch im Alltag viele Anwendungen. Diese sind zwar meist nicht mehr ganz so mathematisch, aber trotzdem mit der Mathematik verwandt.

Parallelwelten – Parallelgesellschaften

Wir haben alle irgendwann einmal einen Film gesehen, ein Buch gelesen, wo es um Parallelwelten oder -universen geht. Wir wissen alle, was damit gemeint ist. Parallelwelten verlaufen nebeneinander. Meistens ignorieren sie einander, bis irgendeine Katastrophe stattfindet oder bis irgendwer auf der falschen Seite angekommen ist. Was so oder so zu irgendeiner Katastrophe führt, sonst gäbe es den Film oder das Buch nicht. Sie ignorieren einander, bis sie voneinander erfahren, bis sie einander wahrnehmen. In dem Moment, in dem ich eine Parallelwelt wahrnehme, erfahre ich, dass es ein anderes »Ich« gibt, der:die fast dasselbe erlebt hat wie ich. Aber eben nur fast dasselbe. Es darf nicht genau dasselbe sein: Wäre es genau dasselbe, würde es sich erstens um identische Welten handeln und zweitens würden wir diese andere sogenannte Parallelwelt gar nicht wahrnehmen können, weil sie … naja, sich von dieser einen, in der wir gerade sind, nicht unterscheidet. Gerade fällt mir auf, dass ich den Begriff »identisch« bis jetzt verdrängt habe. Identische Geraden sind ein Sonderfall: Sie sind parallele Geraden mit einem gemeinsamen Punkt (einem Schnittpunkt). Damit habe ich meine 6. Klasse vor kurzem im Distance-Learning gequält. Ohne Bambuspflanzenstäbe, die waren leider in der Schule geblieben.

Wir könnten es natürlich dabei belassen und damit unsere Parallelwelten gut erklären. Der Schnittpunkt ist der Moment, in dem die zwei Welten voneinander erfahren. Parallel und Schnittpunkt, das passt. Der Witz ist aber (die Mathematik ist witziger, als jede:r denkt!), dass zwei Geraden eigentlich undenklich viele gemeinsame Punkte haben, wenn sie parallel sind UND einen gemeinsamen Punkt haben. Nämlich jeder einzelne Punkt, der auf einer der zwei Geraden liegt, liegt auch auf der anderen. Die zwei Geraden sind identisch, sie müssen gar nicht getrennt betrachtet werden. Ob sie voneinander wissen, ist eine offene Frage … Wir sind also zu identischen Welten zurückgekommen, die eigentlich eh wieder nur eine sind. Logisches Dilemma: Parallelwelten, die voneinander erfahren, sind identisch und können gar nicht voneinander erfahren, sie sind einander.

So oder so, mathematisch betrachtet sind Parallelwelten gar nicht parallel. Höchstens ignorieren sie sich, so gut es geht. Und wenn sie sich nie treffen, werden sie nie voneinander wissen. Im selben Schulbuch der ersten Klasse sind neben der Definition von parallelen Geraden noch zwei Kleinigkeiten zu lesen: »Sie haben immer denselben Abstand zueinander« und »Wir schreiben g || h«. Wunderbares Symbol der Parallelität, das meine zwei Pflanzenstäbe darstellt, die sich nie treffen, und das zugleich ein unüberwindbares Hindernis darstellt: g wird nie bei h vorbeischauen können, h wird g nie zu nah treten können. Neben dem Fakt, dass g und h sich nie treffen dürften, dürfen sie nicht näher zueinander kommen. Aber auch nicht weiter auseinander driften. Für immer denselben Abstand. Irgendwie logisch. Sie wissen auch nicht voneinander, außer sie können einander sehen. Ein bisschen wie ein:e Autofahrer:in auf der Bundesstraße, der:die die parallele Autobahn in der Ent-fernung sehen könnte.

Dazu kommt ein (mathematisch, nicht gesellschaftlich gesehen) winziger Punkt. Bis jetzt hat sich nie die Frage einer Wertung gestellt. Es ist auch nicht so, dass die eine Gerade die »Hauptgerade« und die andere dann die parallele Gerade wäre (also die Autobahn und die parallele Bundesstraße). Es gibt sie nicht, die Gerade, die »wichtiger« ist als die andere. Sie haben dieselbe Rolle, sind austauschbar. Mathematisch geschrieben: g || h <=> h || g. Auf Umgangsdeutsch übersetzt: »g ist parallel zu h« bedeutet genau dasselbe wie »h ist parallel zu g«. Wenn die Bundesstraße parallel zur Autobahn verläuft, dann auch umgekehrt. Es gehören zwei (oder mehr) Geraden dazu, damit Parallelität überhaupt nachweisbar ist. Eine parallele Gerade existiert nicht ohne ihre Kolleg:in(nen).

So gesehen wären Parallelgesellschaften zwei (oder mehr) Gesellschaften, erstens die einander nie treffen werden und daher nichts voneinander wissen würden; zweitens – zueinander immer denselben Abstand haben. Als ob sie Respekt oder gar Angst voreinander hätten. Dazu kommt: drittens – Parallelgesellschaften können nur miteinander und durcheinander existieren, sie benötigen einander. Viertens – im Falle einer Parallelität sind beide Gesellschaften dann Parallelgesellschaften: Es gibt nicht eine »Hauptgesellschaft« und eine »Parallelgesellschaft«. Beide sind gleichberechtigt, beide hängen voneinander ab und beide existieren als Parallelgesellschaft nicht ohne die andere. Wenn es nach der Mathematik ginge, würden Parallelgesellschaft nebeneinander leben, einander nie treffen, nie stören, aber auch nie kennenlernen. Was es gäbe, wären Gesellschaften, die ihr Leben leben und irgendwann und irgendwo vielleicht voneinander erfahren würden.

Parallelität wird zum Schluss eine Frage der Repräsentation: Je nachdem aus welchem Winkel ich parallele Linien beobachte, eine genaue Repräsentation ohne Perspektive ist unmöglich. Früher oder später müssten sich die unendlich lang werdenden parallelen Linien treffen. Und wenn ich die zwei Parallelen aus dem richtigen Winkel betrachte, liegen sie sogar übereinander und sind doch identisch.

Nach zwei Studienabschlüssen und einer Dissertation in der Elektrotechnik hat sich Charlotte Dumard aus Leidenschaft für die Mathematik dazu ent-schieden, in Wien ein Lehramtsstudium in Mathematik und Physik anzufangen, das sie 2012 abgeschlossen hat. Seitdem ist sie begeis-terte Mathematiklehre-rin in einem Wiener Gymnasium und beschäftigt sich seit ein paar Jahren auch mit politischer Bildung im Mathematikunterricht.

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Von Karl Reitter

Begriffe sind nicht neutral und unschuldig. Mit Begriffen wird defi­niert, bestimmt, auf- und abgewertet, und vor allem wird mit Begriffen Politik gemacht. Einer der wichtigsten Begriffe aus dem Arsenal der herrschenden Klas­sen lautet »Parallelgesellschaft«. Dieser Ausdruck zieht eine scharfe Grenze zwi­schen einem fiktiven »Wir« und eben den anderen, die nicht wirklich dazugehören und, so der Vorwurf, gar nicht dazugehö­ren wollen: diese würden sich in »Paral­lelgesellschaften« abschotten. Dieses »Wir« wird als moralisch überlegen und kulturell homogen phantasiert. Es soll sich dabei um eine einheitliche, humanis­tisch geprägte Gesellschaft mit klaren Werten, Weltanschauungen und Verhal­tensweisen handeln. Dieses fiktive »Wir« nimmt oft nationalistische Färbung an. »Wir« seien eben die echten Österreicher: innen, anderswo die wahren Ungar:innen und richtigen Spanier:innen. Als gemein­same Klammer fungiert das Phantasma eines aufgeklärten, europäisch-christli­chen Kulturraums. Die »Parallelgesell­schaften« seien nicht bloß anders, sie seien gefährlich und bedrohlich, sie gefährden unsere Kultur und unsere Sit­ten. »Parallelgesellschaften« soll es meh­rere geben. Waren es früher die jüdischen Gemeinschaften, so sind es jetzt vor allem Migrant:innen mit moslemischem Hinter­grund und ihrem bedrohlichen Fremd­sein. Viel bedarf es nicht, um Angst und Hass gegen diese anderen zu schüren: Da genügt schon der Anblick einer türki­schen Frau mit Kopftuch, die am Brun­nenmarkt einkaufen geht und sich mit dem Verkäufer in türkischer Sprache unterhält.

Mit dem Konstrukt »Parallelgesell­schaft« wird nicht nur der Alltagsrassis­mus begründet und geschürt, sondern auch ganz praktische Regierungspolitik betrieben. Türkis-grün hat uns ein nagel­neues Integrationsministerium und eine Reihe von Gesetzen beschert, in deren Begründungen permanent der Begriff »Parallelgesellschaft« verwendet wird. Die Niederösterreichischen Nachrichten (NÖN) feierten die neue Bundesministerin Susanne Raab mit den Worten, nun würde eine »konsequente Linie im Kampf gegen Parallelgesellschaften« beginnen. (NÖN, 30.12.2019) Auf der Webseite des Bundes­kanzleramtes wird klargestellt, dass es mit »Parallelgesellschaften« ein Ende haben muss und Migrant:innen die »Grundwerte eines europäischen demokratischen Staa­tes kennen und respektieren« zu haben (bundeskanzleramt.gv.at). Worin denn diese Grundwerte eigentlich bestehen und ob sie hierzulande denn tatsächlich verwirklicht sind, bleibt vollständig offen. Dass die »Aufnahmegesellschaft«, so die Sprachre­gelung des Bundeskanzleramtes, moralisch und ethisch jeder »Parallelgesellschaft« überlegen sei, das hingegen ist sozusagen in Stein gemeißelt.

Der Kampfbegriff »Parallelgesellschaft« legitimiert auch eine ganze Reihe von Ver­ordnungen und Gesetzen, mit denen Migrant:innen und Asylwerber:innen drangsaliert werden. Insbesondere im Fremdenrecht und im 2019 beschlossenen Sozialhilfe Grundgesetz werden eine ganze Reihe von Schikanen juristisch legalisiert. Allerdings erkannte der Verfassungsge­richtshof die Senkung von Sozialhilfe um 35 Prozent für Migrant:innen ohne Nach­weis der entsprechenden Deutsch- oder Englischkenntnisse (!) als verfassungswid­rig, ebenso die degressive Staffelung der Sozialhilfe für Kinder. Aber auch »echte« Österreicher:innen bleiben nicht unge­schoren. Die Erwerbslosen würden aus dem sozialen Zusammenhang herausfallen, pflegten einen unverantwortlichen Lebensstil und müssten via AMS-Kursen wieder fit für die Reintegration in die Gesellschaft gemacht werden, »fit to work« also.

Die akademische Soziologie weiß, dass die Vorstellung einer kulturell und hin­sichtlich der Werteorientierung homoge­nen »Aufnahmegesellschaft« völliger Humbug ist. Ihre Begriffe sprechen von Differenzierung und Verschiedenheiten. Auf die Theorie der Zweidrittelgesell­schaft und der Rollentheorie folgte die feinere Lebensstilforschung, die uns unter anderem für das schlechter gestellte Seg­ment der Gesellschaft so nette Begriffe wie das »abgehängte Prekariat, die autori­tätsorientierten Geringqualifizierten, die selbstgenügsamen Traditionalisten und die bedrohte Arbeitnehmermitte« bescherte. (Steinert; old.links-netz.de) Hinzu kommt die Milieuforschung, die zahllose Unterschiede bezüglich der Grundwerte in den verschiedenen Milieus konstatiert. Der empirische Befund lautet zusammengefasst: Unsere Gesellschaft zerfällt in eine bunte Palette von Wertori­entierungen, Lebensstilen und kulturellen Orientierungen, die sich teilweise radikal unterscheiden. Die Trennlinien laufen kunterbunt quer durch die Gesellschaft.

Eines haben allerdings die differenziert beschreibende Soziologie und die ideolo­gische Gegenüberstellung von »Parallel­gesellschaften« und »Aufnahmegesell­schaft« gemeinsam: Mit ihren Begriffen und ihrer verwendeten Terminologie kann die Tatsache der sozialen Herrschaft nicht einmal beschrieben, geschweige denn kritisiert werden. Sie lassen uns nur die Wahl zwischen einem Bedrohungssze­nario und der oberflächlichen Beschrei­bung unterschiedlichster Werthaltungen und Lebensweisen. Zu einer wirklich kriti­schen Analyse taugen beide nicht. Zwei­fellos sind zum Beispiel soziologische Stu­dien zur Snowboard-Szene, die Vergleiche zur Pius-Brüderschaft erlauben sympathi­scher, als die paranoiden Bedrohungssze­narien durch die »Parallelgesellschaften«. Ein Verständnis von gesellschaftlicher Unterdrückung und Widerstand lassen beide nicht zu. Die Unmöglichkeit, mit diesen Ausdrücken, allen voran dem Begriff »Parallelgesellschaft«, über Herr­schaft überhaupt zu reden, macht sie so nützlich und brauchbar. Und genau des­wegen werden sie in den offiziellen Nach­richtensendungen wie in den Massenme­dien gerne verwendet.

Das Blatt wendet sich, wenn wir Begriffe und Ausdrücke verwenden, die eine Dis­kussion über alle Formen der Herrschaft ermöglichen. Wir sind mit einer Vielzahl von Herrschaftsformen konfrontiert, des­wegen benötigen wir auch eine Vielzahl von Begriffen. Wir benötigen den Klassen­begriff, um die Ausbeutung der Arbeiter: innenklasse durch die Bourgeoisie zu the­matisieren, wir benötigen den Begriff der bürokratischen Herrschaft, um die Herr­schaft des Staates über die Gesellschaft zu benennen und wir benötigen den Begriff des Patriarchats, um die Herrschaft des Mannes über die Frau zu erkennen. Mit diesen Begriffen verschiebt sich die Per­spektive gewaltig. Wir wissen, dass der Kampf gegen die »Parallelgesellschaften« heuchlerisch mit der Gleichstellung der Frau legitimiert wird. Als ob die Diskrimi­nierung von Frauen nichts mit sozialer Herrschaft, sondern mit massiven Kultur­defiziten fremder Zuwanderer zu tun hätte. Der Begriff Patriarchat ermöglicht hingegen den Blick auf Herrschaftsverhält­nisse selbst, etwas das es in der Denkwelt unserer Kulturkämpfer:innen gegen die »Parallelgesellschaften« gar nicht gibt und geben darf. Werden unsere wackeren Kul­turkämpfer:innen mit der Tatsache der Herrschaft konfrontiert, so schlägt Heu­chelei in Wut und Hass gegen »Emanzen« und »Genderwahn« um. Die Verteidiger: innen der abendländischen Kulturwerte erahnen, wenn von Patriarchat, Klassen und Staatsmacht gesprochen wird, wird auch über sie gesprochen.

Die Debatte um Begriffe ist kein leerer Streit um Worte. Was ich erkennen kann und was nicht, ja, worüber ich überhaupt sprechen kann und wozu ich schweigen muss, entscheidet sich an den Begriffen. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung spielt sich auch in der Sprache ab. Die For­derung nach einer nicht diskriminieren­den Sprache alleine greift da zu kurz. Es geht um Sprache und Begriffe, die die Mechanismen der Herrschaft darstellen, erkennen und kritisieren lassen. Und es geht um die klare Kritik an Begriffen, die exakt das Gegenteil bewirken.

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Von Karl Reitter

Die Gedanken der Herrschenden sind zugleich die herrschenden Gedanken, schrieb einst Karl Marx sinngemäß. Um Gedanken auszusprechen und zu formulieren, bedarf es der Worte und der Begriffe. Das Denken der Herrschenden bestimmt auch jene Begriffe, die tagaus, tagein verwendet werden und unser Denken, unsere Ansichten und unser Weltbild prägen sollen. Wir kennen diese Begriffe nur all zu gut. Parallelgesellschaft, Fake-News, Extremismus, Terrorismus, um nur einige zu nennen. Mit diesen Begriffen wird die Grenze zwischen gut und böse, richtig und falsch, vernünftig und unvernünftig gezogen. Es werden damit Gesetze begründet, Regierungsmaßnahmen und Kriege legitimiert, Gelder verteilt und in das soziale und politische Leben eingegriffen. Wo es Herrschaft gibt, gibt es auch Widerstand. Es gilt, die herrschenden Begriffe zu kritisieren und zu zeigen, auf welchen Unterstellungen und Annahmen sie beruhen. Wir haben uns diesmal für den Begriff »Parallelgesellschaft« entschieden.

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Dass die staatlich verordneten Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus katastrophale Folgen haben, steht außer Zweifel. Und zwar auf jedem Gebiet unseres ökonomischen, sozialen, kulturellen, emotionalen und persönlichen Lebens. Die aktuellen Ereignisse erfordern eine Ergänzung und Erweiterung der Argumentation. Diese soll in der kommenden Dezember Ausgabe geleistet werde.

VON KARL REITTER

Folgen der staatlich verordneten Maß­nahmen und deren desaströse Auswir­kungen sind derzeit nur vage abzuschät­zen. Dass diese Maßnahmen inzwischen sogar Todesopfer gefordert haben, scheint unbezweifelbar. »Die Coronavirus-Pande­mie hat die Versorgung von Nicht-COVID-19 Kranken weltweit schwer beeinträchtigt. Das geht aus einer Umfrage der Weltge­sundheitsorganisation (WHO) im Mai in 155 Ländern hervor.« (medmedia.at 30.06.2020) Andere Berichte verweisen auf die Gefahr von zusätzlichen Hungertoten angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs. Diese Tatsachen können kaum ernsthaft bestrit­ten werden – da es aber scheinbar keine Alternativen gibt, werden sie mit Bedauern akzeptiert. Der überwiegende Teil der Lin­ken reagiert auf die staatlichen Maßnah­men kaum. Wohl wird die Einhaltung der Verfassung durchaus eingefordert, aber letztlich kommen viele Linke über das Echo der staatlichen Regelungen »Ich schau auf dich, du schaust auf mich« kaum hinaus. Oder, wie es der linke Publizist Wolf Wetzel formulierte: »Es ist sicherlich nicht unge­recht, wenn man festhält, dass die Linke im Lockdown nicht existierte.« (Wetzel, tele ­polis, 21.5.2020)

Gehen wir einen Schritt zurück zu der Zeit, als Covid-19 noch unbekannt war. Im November letzten Jahres schrieb die Kleine Zeitung: »1.400 Tote im Vorjahr. Die Grippe ist wieder im Anmarsch. Die Todesfälle betrafen nicht nur Risikogruppen wie chro­nisch Kranke und hoch Betagte, sondern auch Kinder. … 2017/2018 waren es wegen einer stärkeren Influenzawelle um die 2.800 Opfer.« (Kleine Zeitung 13.11.2019) Nur zum Vergleich: Bis Ende September sind 802 Menschen an Covid-19 verstorben. Wie hat Politik und Öffentlichkeit auf diesen Mahn­ruf reagiert, was wurde unternommen, um bei der nächsten Grippewelle nicht wieder hunderte, ja tausende Grippetote beklagen zu müssen? Abgesehen von der Aufforde­rung, sich impfen zu lassen, nichts. Dann kam das Virus nach Europa, die Leichen­berge in Bergamo und später in Madrid erschütterten Öffentlichkeit und Politik. Ein kaum erforschter Virus drohte, eine Todesspur durch Europa zu ziehen. Die ers­ten Maßnahmen waren von Panik und Angst bestimmt. Wie Kurt Langbein berich­tet, folgte die Bundesregierung damals der Prognose des »Complexity Science Hub Vienna (CSH), eine von Ministerien und Fir­men finanzierte Forschungseinrichtung«. (Langbein, Falter, 30.9.2020) Doch weder ist der befürchtete Kollaps des Spitalwesens eingetreten noch waren zehntausende Toten zu beklagen. Von einem Kollaps des Gesundheitssystems konnte niemals die Rede sein. Der Höchststand an Corona-PatientInnen auf Intensivstationen war zu Beginn April; etwa 20 Prozent der Intensiv­betten waren belegt. Zum Stichtag 30.9.2020 sind es 12 Prozent, obwohl die Zahl der »Fälle« damals etwa 11.000 betrug, Ende September waren es 45.000. (Quelle: info.gesundheitsministerium.at)

Politik und Öffentlichkeit starren trotz sinkender Todesraten weiter ausschließlich auf Infektionszahlen

Nach über sechs Monaten Erfahrung wissen wir mehr. »Die anfangs als Begründung für die Maßnahmen genannte Sterblichkeit von bis zu fünf Prozent hat sich nicht bewahrheitet. Heute gehen die Forscher davon aus, dass 0,27 bis 0,36 Prozent der an Covid-19 Erkrankten nicht überleben.« (Langbein, Falter, 30.9.2020) Wir könnten uns also alle freuen: Covid-19 hat offenbar seine Gefährlichkeit nach und nach etwas eingebüßt. Die Todesraten sind also nach und nach zurückgegangen, eine Tatsache, die von niemandem bestritten wird. Folgendes Schaubild beruht auf den offiziellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts für Deutschland. Der Autor Joachim Schap­pert setzt die wöchentlich positiv Geteste­ten mit den wöchentlichen Sterbefällen in Beziehung und errechnete folgender Grafik:

Abb 1

Ich habe, basierend auf den offiziellen Daten des Gesundheitsministeriums, sowohl die Infektionszahlen als auch die Todesfälle im Zeitverlauf aufsummiert, das Ergebnis ist beeindruckend (Stand 1.11.2020): siehe Abb. 2 unten.

Abb 2

 

Statt Erleichterung weiter Panikmache

Man stelle sich vor, es wäre umgekehrt: Das Virus wirke immer tödlicher, was zugleich auch immer mehr schwerst Erkrankte bedeuten würde. Weitere drastische Maß­nahmen wären wohl angebracht. Anstatt jedoch der Erleichterung angesichts der sinkenden Gefährlichkeit Ausdruck zu ver­leihen, passiert geradezu das Gegenteil. »Angesichts solch guter Nachrichten wäre eigentlich zu erwarten, dass ein Jubelsturm durch die Medien und die Bevölkerung geht, da inzwischen vom neuen Coronavi­rus offenbar weitaus weniger Gefahr aus­geht, als es anfänglich der Fall war.« (Kuh­bandner, telepolis, 21.9.2020 ) Doch exakt das Umgekehrte geschieht. Mit allerlei Ausflüchten und Halbwahrheiten wird diese Entwicklung systematisch kleingeschrie­ben. Vor allem wird behauptet, das statis­tische Sinken der Todesrate sei auf stei­gende, positive Fallzahlen bei Jungen und Jüngsten zurückzuführen, die selten schwer erkranken oder gar sterben. Die Frankfurter Allgemeine titelt daher: »Noch retten die Jungen die Statistik«. (14.8.2020) Das ist irreführend. Wieder sprechen die Zahlen des Robert-Koch-Instituts (für Deutschland) eine andere Sprache: siehe Abb. 3

Abb 3

 

Selbst die Sterberate der über 80jähri­gen ist von Anfang März bis Mitte Sep­tember von 35 auf 5 Prozent gesunken. Nun kann es für diese Entwicklung viele Gründe geben: Diskutiert wird eine ver­besserte medizinische Behandlung, zudem werden durch die Ausweitung der Testungen Menschen als positiv gemeldet, die so gut wie keine Symptome haben, aber so die Verhältniszahlen beeinflussen. Zudem kann es falsche Testergebnisse geben, Menschen werden als positiv gezählt, obwohl sie es nicht sind, und, zu guter Letzt, das Virus kann mutiert sein und so seine Gefährlichkeit eingebüßt haben. Möglicherweise spielen alle Fakto­ren zusammen. »Unabhängig davon, wel­cher Fall konkret zutrifft, wäre die vom Coronavirus für die Bevölkerung ausge­hende Gefahr inzwischen in jedem Fall vergleichsweise gering.« (Kuhbandner, telepolis, 21.9.2020) Doch die Mainstream-Presse setzt weiterhin auf Panikmache und versteigt sich in abstruse Behauptun­gen: Oliver Klein macht sich auf der Web­seite des ZDF geradezu Sorgen: »Warum die Todesrate in den USA kaum steigt«, grübelt er und behauptet: »Ein weiterer Aspekt ist, dass offenbar doch mehr Men­schen an Corona sterben als in den offi­ziellen Statistiken genannt.« (Klein, 19.07.2020) In fast allen Studien wird das Gegenteil angenommen: »Die nach wie vor verfolgte Praxis ist es, einen Todesfall selbst dann als Coronavirus-Todesfall zu zählen, wenn die Person zwar an anderen Ursachen verstorben ist, aber ein positi­ves Coronavirus-Testergebnis aufweist.« (Kuhbandner, telepolis, 21.9.2020 ) Das Journal Fokus wiederum meint, »Schuld« an den sinkenden Quoten seien junge Menschen, die die Infektion nicht erken­nen: »Viele junge Menschen bemerken ihre Infektion angesichts komplett ausblei­bender Symptome nicht einmal.« (Fokus 8.9.2020)

Weiterhin: Starren auf Infektionszahlen

Inzwischen wissen wir auch, dass positiv nicht gleich positiv ist. »Es gehe nicht wie bei den PCR-Tests nur um ein Ja oder Nein zur Anwesenheit von Sars-CoV-2-Viren, sondern um eine Schätzung der Viruslast, womit sich auch abschätzen lassen könnte, wie ansteckend eine Person ist. ›Es ist wirklich irrational‹, so wird der Epidemio­loge Michael Mina von der Harvard T. H. Chan School of Public Health zitiert, ›die Erkenntnis zu übergehen, dass dies ein quantitatives Thema ist.‹« (Rötzer, telepo­lis, 3.9.2020) »Außerdem gilt: Zwar können auch symptomfrei Infizierte andere Men­schen anstecken; ob ein Positiv-Getesteter tatsächlich infektiös ist, kann jedoch nur über aufwendige Virenanzucht in einer Zellkultur nachgewiesen werden.« (Schap­pert, telepolis, 21.8.2020) Wäre es nun nicht hoch an der Zeit, die getroffenen Maßnah­men zur Eindämmung des Virus unter die­sen Gesichtspunkten zu evaluieren? Wäre es nicht sinnvoll, folgende Anregung von Joachim Schappert aufzugreifen? »Vor die­ser Entwicklung erscheint die Forderung vernünftig, Corona-Eindämmungsmaß­nahmen nicht mehr ausschließlich von den Positiv-Getesteten abhängig zu machen, sondern auch von der tatsächli­chen Bedrohungslage, die durch die Zahl der schwer Erkrankten und Verstorbenen repräsentiert wird.« (Schappert, telepolis, 30.9.2020)

Kein Zurück mehr möglich

Angesichts der enormen Schäden, die die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 angerichtet haben, ist es für die herr­schenden Kreise kaum noch möglich, Feh­ler einzugestehen oder gar Überreaktio­nen einzuräumen. Stattdessen legitimie­ren tägliche Horrormeldungen die massi­ven Eingriffe in Gesellschaft und Ökono­mie. Steigen die Zahlen der Infizierten, müssen eben noch drastischere Maßnah­men her – Diskussion beendet.

Vom Todesvirus zur heimtückischen Bedrohung

Schien es angesichts der Leichenberge von Bergamo so, als ob eine Infektion schwere Krankheit oder gar den Tod bedeuten könnte, hat sich nun das Bedro­hungsbild verändert. Das Heimtückische an Corona ist nun nicht mehr die Erkran­kung, sondern umgekehrt die Tatsache, dass viele, insbesondere jüngere Men­schen, es gar nicht wirklich merken, dass sie das Virus in sich tragen. Nicht offen­sichtlich Erkrankte müssen gemieden werden, sondern kerngesunde, insbeson­dere jüngere Menschen. Der Paranoia sind so keine Grenzen gesetzt. Versuchen symptomlose Menschen ein halbwegs normales Sozialleben zu praktizieren, werden sie als verantwortungslose Sub­jekte denunziert. »Wer an einer Neuauf­lage des kollektiven Ausnahmezustands samt Totalschaden der Wirtschaft schuld wäre, ist zum Glück auch schon geklärt: Es sind all jene Bürger, die sich den Anord­nungen der Politik widersetzen. ›Der Weg von der Hirnlosigkeit weniger zur Arbeitslosigkeit vieler ist ein kurzer‹, diagnostizierte jüngst Wirtschaftskam­merpräsident Harald Mahrer sympathisch und einfühlsam, wie man ihn kennt. Immerhin war schon länger nicht mehr von ›Lebensgefährdern‹ die Rede, wie noch zu Beginn der Pandemie. Aber das kommt vielleicht auch wieder.« (Rosema­rie Schwaiger, Profil, 19.09.2020)

Kann die Linke noch reagieren?

Für eine ganze Phase schien es so, als ob Kritik an den verheerenden Maßnahmen von extremen Rechten, ObskurantInnen und ReichsfahnenträgerInnen beherrscht würde. Wer an der Sinnhaftigkeit der Maßnahmen Zweifel hegte, fand sich rasch in diese Szene eingemeindet. Linke Opposition entfaltete sich wohl anhand der Frage der Vereinbarkeit mit der Ver­fassung, die – was inzwischen mehr oder minder zugegeben wurde – durchaus gebrochen wurde. Aber das unausgespro­chene Totschlagargument lautet nach wie vor: Na, wenn schon, solange wir auch durch illegale und halblegale Maßnahmen vor dem Virus geschützt werden, müssen wir halt ein Auge zudrücken. Ich sehe Anzeichen, dass sich das Blatt doch wen­den könnte. Immer mehr Linke bezwei­feln die Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit so mancher Verordnung. Überlassen wir doch das Thema schlechthin nicht weiter den Rechten und Ultrarechten. Thomas Schmidinger schrieb auf Facebook: »Ich erlebe das schon zunehmend auf ver­schiedenen Ebenen so, dass die Leute langsam die Geduld verlieren. Wenn all das nicht endlich einmal auch von links kritisch thematisiert oder noch besser lösungsorientiert angegangen wird, wenn stattdessen Kritik daran weiter immer gleich ins rechtsextreme Verschwörungs­eck gestellt wird, kann sich irgendwann die FPÖ (und THC) am Corona-Thema sanieren!« (Schmidinger, Facebook, 3.10.2020) Dem möchte ich nichts hinzufügen.

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VON DR. MARTINA WITTELS

Zu Beginn der Pandemie wurden wir belächelt, als wir mit FFP1-Masken auf die Station gingen, um unsere Patientinnen zu versorgen. In einem anderen Gebäude, das einem anderen Spitalsträger zugeordnet ist, sahen wir Beschäftigte mit Masken, die um das Kinn gebunden waren oder an den Ohren baumelten, wenn jemand näher­trat, wurde die Maske mit einer gelang­weilten Mine über den Mund geschoben, oben hing die Nase heraus, als hätten sie vergessen, den Hosenschlitz zu schlie­ßen. Nach kurzer Zeit waren mehrere Pflegekräfte und einige Patientinnen Covid positiv getestet. Ein paar Alte star­ben. Erst da verstand man langsam, dass es Ernst war mit der Pandemie. Die Mas­ken wurden nun korrekt getragen. Es gab zwar nur einen Mundnasenschutz, der weder Träger noch deren Gegenüber ausreichend schützt, aber FFP1- oder FFP2-Masken gab es zu wenige, und so wurde der Einsatz der qualitativ minder­wertigen Masken mit den Empfehlungen des NHS (National Health Services) von England, eines der totgespartesten Gesundheitssysteme, gerechtfertigt.

Wir schauten erschüttert nach Italien, hörten und sahen unsere weinenden Kollegen und Kolleginnen, wie sie berichteten, dass sie älteren Personen wertvolle Therapien verweigern muss­ten, da die wenigen Intensivbetten belegt und den Jüngeren vorbehalten waren. Ab wann? Ab 60 Jahren, ab 70, ab 80 Jahren? Ab welchem Alter wird es keine Therapie mehr geben, wenn gewählt werden muss? In den letzten 2020-Wochen kann es auch in Österreich so weit kommen, dass alle verfügbaren Intensivbetten vergeben sein werden.

Aufgrund von drohendem Personal­mangel wurde jetzt beschlossen, dass medizinisches Personal, auch wenn es Covid positiv getestet ist, unter bestimmten Bedingungen arbeiten soll. Doch man hörte von einer gemeinsamen Arbeit, bei der eine Covid positive Kolle­gin einer bis dahin gesunden Kollegin, beide mit Masken, ein paar Stunden gegenüber stand. Nach wenigen Tagen war die Kollegin infiziert, schmeckte und roch nichts mehr.

Einer gesunden 45-jährigen Kärntne­rin ohne jede Vorerkrankung mussten, um Covid zu überleben, Lungen trans­planiert werden. Ein 69-jähriger sport ­licher und gesunder Arzt ist trotz zwei­wöchiger Beatmung und bester intensiv­medizinischer Betreuung an Covid gestorben. Haben wir wirklich geglaubt, dass die Luft zwischen den Gasthausti­schen stagniert und wie eine Art Spiral­nebel nur um uns selbst kreist? Kein Tracken und Tracen konnte behilflich sein, die wichtigen Infektionscluster auf­zuspüren und die Zahlen in eine ordent­liche Statistik zu pressen.

Mittlerweile wird medizinisches Per­sonal abberufen, umverteilt, damit es zur Verfügung stehe, wenn auch jene, die es bis heute nicht glauben wollen, dass Corona existiert, eingeliefert wer­den. Am 18. Oktober wurde in Varese, Lombardei, eine Messe gelesen für die 179 toten Ärztinnen und Ärzte, die durch ihre Arbeit am Krankenbett an Covid 19 verstorben sind.

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Kinder und Jugendliche, Heranwachsende sind durch Corona-Maßnahmen in einem besonderen Umfang betroffen. STEFAN JUNKER versucht zu erkunden, wo die besonderen Herausforderungen für sie liegen.

Am heftigsten trifft es immer die Schwa­chen, und das sind im Zusammenhang mit dem Virenstamm SARS-CoV-2 die Kin­der. Besonders Kinder von Familien, die in der Corona-Krise stark belastet sind, sei es wegen der Überlastung von Homeoffice und Homeschooling oder aufgrund von Existenzängsten ihrer Eltern, erleben nun eine gefährliche Extremsituation, die sich in einer posttraumatischen Belastungsstö­rung äußern kann. Ähnlich ergeht es Ein­zelkindern, die stark unter der Einsamkeit leiden. Trotz dieser offenkundigen Pro­blemlagen gibt es bis dato keine Untersu­chungen über die Auswirkungen der beschönigend so genannten Hygieneregeln auf Kinder, weder zu den körperlichen noch zu den möglicherweise gravierende­ren seelischen Folgen.

Der besondere Druck, unter dem Kinder stehen, wurde mir mit einer eigentlich harmlosen Szene in der U-Bahn bewusst. Ein wohl fünf Jahre altes Mädchen schrie: »Ich will nicht älter werden, ich will keine Maske«, während ihr die Mutter eine Maske überzog und sie dabei nicht laut, aber bestimmt anherrschte: »Gewöhn dich schon mal dran!« Dies zu einer Zeit als von einem zweiten Lockdown noch nicht die Rede war. Der Vorfall prägte sich mir ein und ich dachte, was hier geschehe, da meine Freunde und ich in diesem Alter immer älter sein wollten, als wir waren. Im Internet fand ich den Brief eines Kindes, worin es sich entschuldigt, die Maske abgenommen zu haben, es wollte nur Luft holen.

Jede und jeder kann bestätigen, wie viel schwerer es sich hinter einer Maske atmet, weshalb es geringer Vorstellungskraft bedarf, sich die größere Anstrengung bei Kindern auszumalen. Bei ihnen ist die Atem­muskulatur noch nicht fertig ausgebildet und Kinder haben an ihrer Größe gemessen einen höheren Atembedarf als Erwachsene. Gerade bei den verbreiteten Stoffmasken gibt es große Unterschiede im Atemwider­stand und ich fürchte, dass nicht wenige Eltern aus Unwissenheit bei ihrer Kaufent­scheidung nicht darauf achten. Inzwischen gibt es eine Reihe von Hinweisen, die als Symptome längeren Maskentragens zu gel­ten haben, unter denen vor allem Kinder lei­den. Dazu zählen vermehrte Kopfschmer­zen, Schwindel, Bauchschmerzen, Müdig­keit, behinderte Lernfähigkeit, Sehstörun­gen (Flimmern), Rauschen in den Ohren, Herzklopfen, Schweißattacken, Orientie­rungslosigkeit, hoher Puls, eine häufige Beschwerde bei Kindern ist der Ausruf: »Ich krieg keine Luft!« Mehrfach nachgewiesen ist, dass der CO2-Gehalt unter der Maske die arbeitsschutzrechtlichen Bestimmungen überschreitet.

Nicht wenige Schulen verlangen, die Maske auch während des Unterrichts zu tra­gen. Dabei erkranken Kinder und Jugendli­che weitaus seltener an Covid-19, weshalb die Corona-Regeln bei ihnen am wenigsten Sinn ergeben. Im Gegenteil, diese Vorschrif­ten, die zum Teil sehr rigide ausgelegt wer­den, untersagen den Kindern, was für ihre Entwicklung am Wichtigsten ist: körper ­licher Kontakt und soziale Erfahrungen. Hinzu kommt der Dauerstress, dem sie in den Schulen nicht erst seit Covid-19 ausge­setzt sind, der aber insbesondere durch das Maskentragen massiv verstärkt wird. Über­eifrige SchuldirektorInnen und LehrerInnen überschütten Mädchen und Jungen mit zahlreichen strengen Verhaltensregeln in Schulen und Kindergärten. SchülerInnen wird verboten, sich ins eigene Gesicht zu fassen – machen wir uns nur die Störung eines einfachen Juckreizes bewusst – oder Gegenstände mit anderen zu teilen. Solda­tisch diszipliniert sollen sie unter ihren Masken in markierten Bahnen durchs Schulgebäude marschieren, während die LehrerInnen über das Einhalten der Regeln wachen. Die Kinder müssen feststellen, dass es in ihrer gesamten Schulzeit noch nie so wenig um Lerninhalte ging wie jetzt – statt­dessen stehen Verhaltenskontrolle und autoritäre Rollenmuster im Vordergrund. Sicherlich, diese Beschreibungen treffen nicht auf alle schulischen Einrichtungen zu und SchuldirektorInnen wie LehrerInnen haben gegen die Bestimmungen demons­triert, trotzdem geben diese Berichte Grund zur Sorge.

Die Betriebskrankenkasse Pronova BKK befragte 150 niedergelassene Kinderärzt ­Innen zu den körperlichen und seelischen Folgen der Corona-Maßnahmen. 89 Prozent der KinderärztInnen beobachten vermehrt psychische Probleme, 37 Prozent diagnosti­zieren eine Zunahme körperlicher Beschwerden. Jede_r zweite Kinderarzt/-ärztin berichtet von zunehmenden Verhal­tensänderungen wie Antriebslosigkeit, Reizbarkeit und Angststörungen. Der Lock­down könnte demnach auch langfristige Folgen haben: Knapp 40 Prozent der Ärzte und Ärztinnen erkannten Anzeichen für motorische und geistige Entwicklungsver­zögerungen bei ihren PatientInnen zwi­schen drei und 13 Jahren. All diese Berichte nähren die Vermutung, dass eine ganze Generation traumatischen Erfahrungen ausgesetzt wird. Die Masken bedeuten eine Störung der sozialen Entwicklung, da Kin­der an der Mimik der Erwachsenen lernen, die sie nicht mehr interpretieren können. Soziale Erfahrungen wie Würde, Respekt, Mitgefühl oder Anstand werden durch mas­kierte Kontakte mit fehlender Mimik mas­siv behindert. Es stellen sich Angststörun­gen ein und Überforderung durch die ihnen aufgebürdeten Verhaltensregeln. Weiter sind Schlafstörungen und Verhaltensstö­rungen wie Waschzwänge zu nennen. Eine menschliche Berührung ist für viele zur Bedrohung geworden! Das hat verheerende Folgen für die gesamte Beziehungsentwick­lung und das Beziehungsverständnis der Kinder und Jugendlichen. Bindungsstörun­gen liegen auf der Hand, aber auch das gesamte psychoimmunologische System ist davon betroffen. In diesem Zusammenhang berichtet Prof. Dr. Christian Schubert: »Das verpflichtende Tragen von Atemschutz­masken in der Schule steht symbolisch für die Gefahr einer tödlichen Virusinfektion. Daher ist die MNS mit ständiger Angst ver­bunden, sein eigenes Leben wie auch das der anderen zu gefährden. Kinder und Jugendliche laufen Gefahr, in ihrer ganz­heitlichen Entwicklung behindert, Angst und Stress ausgesetzt und traumatisiert zu werden, sie können später an schweren Folgeerkrankungen erkranken.« Laut einer Studie fanden ForscherInnen bei etwa 30 Prozent der Kinder aus Familien, die im Zuge anderer Viren wie zum Beispiel der Schweinegrippe in Quarantäne gehen mussten, Symptome einer posttraumati­schen Belastungsstörung.

Noch eine weitere Folge darf nicht über­sehen werden: Die Lockdowns und andere Corona-Maßnahmen haben in der häusli­chen Enge gewalttätige und sexuelle Über­griffe gegen Jungen und Mädchen ver­stärkt. So berichtet der Kinderarzt Dr. Oli­ver Berthold aus dem Nachbarland: »Wir werden teilweise wegen Verletzungen kon­taktiert, die sonst nur bei Zusammenstößen mit Autos auftreten. Da geht es um Kno­chenbrüche oder Schütteltraumata.« Im Mai vervierfachten sich die Anrufe bei der Kinderschutzhotline. Betroffen sind vor allem Kleinstkinder. Dass häusliche Gewalt in Krisensituationen zunimmt, ist durch eine Vielzahl an Studien längst belegt und bekannt. Auch ohne Corona stand dieses Thema zu wenig im Vordergrund. Wir spre­chen von geschätzt mehreren 100.000 Kin­dern, die alljährlich in Deutschland schwe­rer und wiederholter physischer, seelischer und sexueller Gewalt ausgesetzt sind, eine Situation, welche die Corona-Maßnahmen massiv verschärft hat.

Stefan Junker ist Politikwis­senschaftler und arbeitet an einem Buch zur Marxschen Staatstheorie.

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Von Judith Klemenc

Freitag, 5./6. Stunde Die Fenster zu. Es ziehe zu sehr.

27 Schüler:innen der 8. Klasse im Zeichen­saal. Meine Bitte, zumindest einen Spalt ... Das Sprechen mit Maske, das Euphorisieren mit Maske, das Ideen-Geben mit Maske … Maskenbildnerin wäre auch eine Möglich­keit.

Sonntag, 22.00 Die Mail von der Klassenvorständin: Ein Schüler wurde positiv getestet, die Schüler:innen bleiben heute und morgen daheim.

Donnerstag, 16.00

Eine weitere Mail: Vier weitere Schüler: innen wurden positiv getestet, alle Lehrer: innen, die die Schüler:innen am Mittwoch und Donnerstag unterrichteten, sind für zehn Tage in Quarantäne, ebenso die Schü­ler:innen.

Inzwischen die Tirol-Meldung: Oberstufe – Distance-Learning, außer die Maturaklas­sen: Schichtbetrieb.

Die Herbstferien. Den Rest kennen wir. Was wir nicht kennen, ist die Situation in den Klassen. Die Notwendigkeiten. Die Kin­der, die untereinander und miteinander. Die auch gegeneinander. Die eine hustet. Der andere schreit: Die hat Corona. Sie, die zurückschreit: Nein, ich habe keines. Die zu ihm rennt. Nach dem Unterricht. Die Stiegen runter, ihn festhält und schreit: Du mobbst mich. Er, der zurückschreit: Du greifst mich an. Die beiden schreiend auf der Stiege. Die Mädchen, die zu ihr halten. Der mobbt. Genau. Das Sprechen mit beiden im unteren Stockwerk: Husten heißt nicht gleich Corona. Wenn jemand Abstand will, gilt es das zu berücksichtigen.

Das Ende der Herbstferien naht. Die Zahlen steigen. Der Lockdown in Aussicht. Maximal sechs Menschen an einem Tisch. Maximal zwei Haushalte.

Würde ich voll unterrichten, hätte ich elf Mal ca. 30 Haushalte in einem Raum. Die Tische sind nicht einen Meter getrennt. Dazu ist der Raum zu klein. Und zu viele Kinder, um den Abstand permanent einzuhalten. Halb habe ich sechs Mal ca. 30 Schüler:innen in einem Raum, weniger in den Maturaklasse: also fünf.

Sonntag

Ich habe mich verkühlt. Nebenhöhlen. Kein Fieber. Kein Husten. Das stündliche Messen. Das Verrückt-Werden am helllichten Tag. Die Entscheidung. Für drei Tage kein Unterrich­ten. Zu schwach. Die Meldung an den Adminis­trator. Das Wissen, dass andere Kolleg:innen für mich einspringen müssen. Das schlechte Gewissen. Das auf den Magen drückt.

Mittwoch

Das Aufwachen in der Nacht. Schweißgebadet. Die Schmerzen. Kein Auge mehr zu. Das Hören auf die Lunge. Vielleicht die. Die Schmerzen unerträglich. Die Intensivstation vor dem geis­tigen Auge.

Donnerstag

Die Ärztin: akute Gastritis. Nein, die Lunge ist in Ordnung. Keine Symptome von Covid. Mich nicht krank zu machen. Auch wenn ich Aller­gikerin bin. Sie habe viele Covid-Patient:innen. Alle mit leichtem Verlauf. Selbst ihre 99-Jährige hat nur einen Schnupfen. Wir müs­sen damit leben. Absolute Diät und Pantoloc.

Brei. Brei. Brei.

Ein Brei aus Covid, ansteigenden Zahlen, Haferschleim, Reis, alles leicht verdaulich. Unverdaulich. Diese Angstmacherei. Diese täglichen Zahlen. Dieser Anschlag. Diese Wahlen.

Judith Klemenc ist Lehrerin und Performance-Künstlerin in Innsbruck. Sie schrieb zuletzt in der Volks­stimme 2020-7/8 über »Das eigentliche Leben«.

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