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Kleine Geschichte der Revolutionstheorie(n) nach der Pariser Kommune

von Michael Graber

Marx und Engels waren seit dem Kommunistischen Manifest im Unterschied zu den Anarchist*innen der Überzeugung, dass das Proletariat, um den Kapitalismus überwinden zu können, die politische Macht erobern müsse. Strategie und Taktik des politischen Kampfes waren seither Bestandteil des wissenschaftlichen Sozialismus. Revolutionstheorien bildeten deshalb auch jeweils das Kernstück der Programmatik revolutionärer Parteien, insbesondere der kommunistischen. Eine gute Theorie stützt sich auf die möglichst umfassende Analyse aller Faktoren, die die Gesellschaft prägen und ihre Entwicklung bestimmen: Stellung und Strukturen der Klassen und deren Kräfteverhältnisse, Eigentumsverhältnisse, die Rolle des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft, Parteien und vorherrschende Ideologien, historische und kulturelle Besonderheiten, die internationale Entwicklung u. a.

Trotzdem gelten Brechts Worte:

Ja, mach nur einen Plan,
Sei nur ein grosses Licht!
Und mach dann noch ‚nen zweiten Plan,
Gehn tun sie beide nicht.

Revolutionen fanden und finden selten nach vorgefertigten Plänen statt und ergeben auch nicht immer das erwünschte Resultat. Kommunistische Parteien haben immer versucht, das Element der Spontaneität durch Organisation auszugleichen oder glaubten, es kontrollieren zu können.

Diese Skizze beschränkt sich auf die theoretischen Ansätze im Mainstream kommunistischer Parteien in Europa. Antikoloniale und antiimperialistische Befreiungsbewegungen bleiben hier außen vor.

Nach der Pariser Kommune präzisierten Marx und Engels ihre Auffassung, dass das Proletariat für seine Zwecke nicht einfach den vorgefundenen Staatsapparat übernehmen könne, sondern diesen zerschlagen und einen neuen Staat aufbauen müsse, wie das die Kommune u.a. durch die Auflösung des stehenden Heeres, die Abschaffung der Polizei und der bürgerlichen Justiz und durch die Schaffung eigener funktionsfähiger Organe, deren Mitglieder jederzeit abwählbar waren, demonstriert hatte.

Krieg und Revolution

Friedrich Engels kam gegen Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts durch die gesellschaftlichen Veränderungen, ausgelöst durch die Revolution von 1848, zu dem Schluss, dass sozialistische Revolutionen nicht mehr aus der »Überrumpelung« kleiner Gruppen entstehen, sondern nur durch das Tätigwerden der Massen. Er stellte als erster einen Zusammenhang zwischen den Kriegen der Großmächte und proletarischen Revolutionen her: Es ist »kein anderer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg … Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen … Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges zusammengedrängt in drei bis vier Jahren und über den ganzen Kontinent verbreitet … Hungersnot, Seuchen, allgemeine Verwilderung der Heere wie der Volksmassen ... Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit ... absolute Unmöglichkeit vorherzusehen, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird; nur ein Resultat absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Siegs der Arbeiterklasse ...« (MEW 21, S.350f.)

Als kaum dreißig Jahre später tatsächlich der Erste Weltkrieg entfesselt wurde, orientierte Lenin darauf, den Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln, um ihn zu beenden und dem Proletariat zum Sieg zu verhelfen. Auf der Basis seiner Analyse des imperialistischen Weltsystems sah er zum Unterschied von Marx und Engels der 1848er Jahre die Möglichkeit eines Sieges einer sozialistischen Revolution nicht in erster Linie in den entwickelten kapitalistischen Ländern, sondern in Russland als dem »schwächsten Kettenglied« des damaligen imperialistischen Weltsystems. Diesen allerdings als Auftakt eines weltrevolutionären Prozesses, der auch die entwickelten kapitalistischen Länder Europas, insbesondere auch Deutschland, erfassen sollte, ein Gedanke, den schon Marx und Engels äußerten.

Lenin setzte allerdings nicht ausschließlich auf den bewaffneten Aufstand. In bestimmten Momenten der revolutionären Entwicklung in Russland 1917 hielt er einen friedlichen Übergang zu sozialistischen Machtverhältnissen (»alle Macht den Sowjets«) für möglich. Und im Sommer 1917 erwog er die Möglichkeit einer »revolutionären Demokratie« als Übergangsform, die den »staatsmonopolistischen Kapitalismus« in den Dienst einer sozialistischen Entwicklung stellen könnte. Unter »staatsmonopolistischem Kapitalismus« war die enge Verbindung und Verflechtung von Staat und Konzernen, dem monopolistischen Kapital zu verstehen, die insbesondere durch die Kriegswirtschaft entstanden war.

Eine Wende: Antifaschistische Bündnisse

Nach der Stabilisierung des Kapitalismus in Europa und dem Aufkommen des Faschismus und dessen Sieg in mehreren europäischen Ländern war eine neue theoretische Konzeption erforderlich, die nicht von der Möglichkeit einer unmittelbaren revolutionären Umwälzung, sondern von der Verteidigung bzw. Erkämpfung der bürgerlichen Demokratie als entscheidender Etappe einer strategischen Neuorientierung ausging. Es entstand 1935 in der Kommunistischen Internationale das Konzept der Volksfront, die den weiteren Vormarsch des Faschismus in Europa stoppen sollte, was zunächst in Frankreich und Spanien gelang. Dies bedeutete eine wesentliche Umorientierung und Erweiterung der Bündnispolitik kommunistischer Parteien, weil sie alle antifaschistischen Kräfte aus allen Klassen und Schichten der Bevölkerung erreichen sollte. Aus dieser Konstellation entstand auch das Konzept der Errichtung antifaschistisch-demokratischer Ordnungen als Ergebnis der Niederschlagung des Faschismus und als Ausgangspunkt einer Öffnung eines Wegs zum Sozialismus, wie er zunächst auch in Osteuropa, gestützt auf die siegreiche Sowjetunion, gegangen, aber auch 1974 in Portugal nach dem Sturz des faschistisch-kolonialistischen Regimes von der dortigen KP versucht wurde.

In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts tauchte in der kommunistischen Bewegung wieder der Begriff des staatsmonopolistischen Kapitalismus auf, den Lenin 1917 kurzzeitig verwendete. Ausgangspunkt dafür war die große Rolle, die der Staat in den kapitalistischen Ländern Europas in der Nachkriegszeit und weit danach in der Wirtschaft spielte. Große Teile der Grundstoff- und verarbeitenden Industrie waren verstaatlicht, ebenso große Bereiche der Banken und des Finanzkapitals. Unter dem Einfluss des »realsozialistischen« Machtbereichs wurde keynesianische Wirtschaftspolitik, gestützt auf korporatistische, sozialpartnerschaftliche und fordistische Strukturen in Wirtschaft und Gesellschaft mit bedeutenden sozialen Zugeständnissen und Reformen betrieben. Französische marxistische Theoretiker*innen ordneten dem Staat die Funktion der Entwertung überschüssigen Kapitals zu, um die Akkumulation des Monopolkapitals zu stabilisieren und zu beschleunigen.

Revolutionäre Demokratie unter neuen Vorzeichen

Als Strategie ergab sich daraus die Orientierung auf eine »antimonopolistische Demokratie« auf nationalstaatlicher Basis. Durch die Isolierung und Entmachtung des Monopolkapitals und die wirtschaftlich und sozial sinnvolle Nutzung staatlicher Funktionen durch ein Bündnis aller antimonopolistischen Klassen und Schichten sollte die Möglichkeit zu einer sozialistischen Entwicklung eröffnet werden. Diesem Konzept wurde spätestens durch den Übergang zum privatkapitalistischen, neoliberalen, finanzgetriebenen Kapitalismus einerseits und andererseits dem Wegfall der osteuropäischen sozialistischen Länder mit der Sowjetunion als Machtfaktor, auf die sich das Konzept unausgesprochen gestützt hatte, der Boden entzogen. Und damit auch den Konzepten des Eurokommunismus.

Erst in den 70er Jahren wurde in den kommunistischen Parteien außerhalb Italiens begonnen, Gramsci zu rezipieren. Antonio Gramsci war Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens, ihr Vorsitzender und herausragender Theoretiker. Er entwickelte im faschistischen Gefängnis eine differenziertere Sicht auf Staat und Gesellschaft, als es bis dahin im Kanon der kommunistischen Bewegungen der Fall war. Seine wichtigste Schlussfolgerung war, dass im Unterschied zur Oktoberrevolution, die aus einem »Bewegungskrieg« hervorging und unmittelbar den bürgerlichen Staat beseitigte, in Europa ein »Stellungskrieg« notwendig sei, der auf lange Sicht die Kräfteverhältnisse in der Gesellschaft derart verändert, dass eine revolutionäre Perspektive möglich wird.

Gramsci: Kampf um Hegemonie

Im Unterschied zur Struktur des Staates im Russland der Oktoberrevolution stütze sich der Staat in den entwickelten kapitalistischen Ländern nicht nur auf die politischen Machtorgane, Regierung, Verwaltung, Polizei und Justiz, sondern auf eine breit gefächerte Zivilgesellschaft, die dem Staat vorgelagert ist und die bürgerliche Gesellschaft umfasst. Die herrschende Klasse zu isolieren und zu entmachten sei letztlich nur möglich, wenn es gelänge, deren politische, ideologische und kulturelle Hegemonie in der Zivilgesellschaft zu überwinden. Dazu sind auch Stützpunkte von Gegenmacht erforderlich. Die Realitätsbezogenheit dieses Ansatzes erwies sich unter umgekehrten Vorzeichen in Osteuropa, wo die regierenden kommunistischen Parteien lange vor ihrem Machtverlust diese Hegemonie in der Gesellschaft verspielt hatten, (wenn sie diese überhaupt jemals besaßen) und im Wesentlichen auf den Staatsapparat reduziert bzw. mit ihm verschmolzen waren.

Das Scheitern der 1968er Bewegung, die in Frankreich Staat und Gesellschaft erschütterte, aber auch das übrige Europa beeinflusste, war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass es keine politische und gesellschaftliche Kraft gab, die über ein theoretisch fundiertes, strategisches Konzept verfügte, das das Hinüberwachsen der massenhaften Revolte in eine revolutionäre Bewegung ermöglichte, auch wenn deren Erfolgschance aufgrund der herrschenden Kräfteverhältnisse in Europa gering war.

Zweifellos müssen heutige Überlegungen zur Überwindung des Kapitalismus die Differenziertheit der Arbeiterklasse, die Vielfalt sozialer Bewegungen, die Überwindung des Patriarchats, ökologische Nachhaltigkeit, die fortgeschrittene europäische Integration, die Dominanz des Finanzkapitals und andere neuere Faktoren in der Entwicklung des Kapitalismus einbeziehen.

Die KPÖ orientiert sich heute als strategisches Etappenziel auf eine »Solidarische Gesellschaft«. Der Weg dorthin, wie ihn die KPÖ für ihren kommenden Parteitag formuliert, ist ein langer und gehört mit allen damit verbundenen Widersprüchen, aber auch Erfahrungen zum Anspruch ihrer über 100-jährigen Geschichte. Es gilt, sich auf mögliche dramatische Entwicklungen in Europa einzustellen und vorzubereiten.

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Peter Haumer über Louise Michel (1830– 1880), Aktivistin und Chronistin der Pariser Kommune

Louise Michel wurde am 29. Mai 1830 als uneheliches Kind eines einfachen Landmädchens und des Sohnes des Schlossbesitzers im Schloss Broncourt geboren. Zu ihrer Mutter, der sie auch ihre 1886 erstmals erschienenen Memoiren widmete, verbindet sie ihr Leben lang eine innige Beziehung. Sie erhält 1852 ihr Diplom als Lehrerin und eröffnet, um dem Amtseid zu entgehen, eine »freie Schule« in einem Dorf. Nach einem Jahr endet dieses Projekt. Sie nimmt eine Stelle als Aushilfslehrerin an. In dieser Zeit schreibt sie bereits mehrere regierungskritische Artikel. Sie gründet erneut eine »freie Schule«, die sie nach ein paar Monaten wieder aufgibt. Schließlich tritt sie 1856 in Paris eine Stelle als Hilfslehrerin in einem Internat an.

Um 1860 beginnt sie ihr Abitur nachzuholen. Einer der Lehrer gibt zusammen mit einigen Student:innen unentgeltlich an einer Schule Unterricht – Louise Michel ist eine von ihnen. In der Schule macht sie Bekanntschaft mit der Gruppe Frauenrecht (Droits des Femmes). »In der Gruppe Droits des Femmes wie überall dort, wo die fortschrittlichsten Männer den Ideen von der Gleichheit der Geschlechter Beifall zollen, konnte ich feststellen, dass sie uns nur scheinbar unterstützten; in Wirklichkeit halten sie an ihren alten Gewohnheiten und Vorurteilen fest. Bitten wir also nicht um unsere Rechte, nehmen wir sie uns.« Sie schreibt eine Reihe von Artikeln und wird 1868 Sekretärin der Société démocratique de moralisation. Sie nähert sich den Blanquisten und der Internationale an und beteiligt sich mit Gedichten und Artikeln am politischen Kampf.

Als es 1871 zum Aufstand der Pariser Kommune kommt, ist sie aktiv an den Kämpfen beteiligt. Über die Ereignisse am 18. März schreibt sie: »Im Morgengrauen hörte man die Glocken Sturm läuten. Wir stiegen, die Gewehre im Anschlag, den Hügel wieder hinauf; wir wussten, dass uns oben eine kampfbereite Armee erwartete. Wir dachten, wir würden für die Freiheit sterben. Man fühlte sich schwebend. Wenn wir tot wären, würde Paris sich erheben. Manchmal sind die Massen die Avantgarde. Der Hügel war in weißes Licht getaucht, ein wunderbares Morgendämmern der Erlösung.« Die Regierung flieht nach Versailles und erklärt der Kommune am 1. April den Krieg. Louise Michel baut in der Zeit ein Frauenbataillon auf und kämpft mit der Waffe in der Hand für die Revolution. Das Amtsblatt der Kommune ist vollen Lobes für dieses Bataillon. Sie selber wird in diesem Artikel als »tatkräftige Frau« gewürdigt, die mehrere Gendarmen und Polizisten getötet habe. Das Schießen hat sie bereits auf dem Rummelplatz ein paar Jahre zuvor gelernt. »Wir beschlossen, für unsere Stadt zu kämpfen, weil es die alte Regierung nicht tat. Ich war eine der vielen Frauen, die Paris verteidigten und die Verwundeten pflegten; während der gesamten Kommunezeit verbrachte ich nur eine Nacht bei meiner Mutter. Diese Nacht zwischen dem 18. März und meiner Verhaftung im Mai war die einzige, die ich im Bett verbrachte.«

Todesurteil und Verbannung

Nur 72 Tage lang hält sich die Kommune, danach überrollt die Reaktion die Aufständischen und rächt sich fürchterlich. Louise Michel entkommt anfangs den Truppen, die daraufhin ihre Mutter festsetzen und mit ihrer Erschießung drohen. Louise Michel stellt sich. Ihre Mutter kommt frei; ihr selbst wird die Erschießung angedroht. Letztendlich wird sie vor ein Kriegsgericht gestellt. »Ich will mich nicht verteidigen, und ich will nicht verteidigt werden. Ich übernehme die Verantwortung für alle meine Taten. [...] Man wirft mir vor, Komplizin der Kommune gewesen zu sein. Selbstverständlich war ich das, denn die Kommune wollte vor allem die soziale Revolution, und die soziale Revolution ist, was ich mir am sehnlichsten wünsche«, verkündete die damals 41-jährige Louise Michel auf die Anschuldigungen vor dem Kriegsgericht. Der Prozess wegen Aktivitäten im Rahmen der Pariser Kommune endete für sie mit dem Todesurteil. Sie wird aber nicht erschossen, sondern nach Neukaledonien verbannt, wo sie bis zu einer Generalamnestie 1880 lebt. Auf dem Weg ins Exil in Neukaledonien wird sie nach eigenen Angaben zur Anhängerin des anarchistischen Kommunismus. In dieser Zeit beschäftigt sie sich mit der Sprache und Kultur der Einheimischen. 1878 kommt es zu einem Aufstand der Ureinwohner Neukaledoniens, der Kanaken. Michel erklärt sich solidarisch mit dem Aufstand: »Auch sie kämpfen für ihre Unabhängigkeit, für ein selbstbestimmtes Leben, für ihre Freiheit. Ich bin auf ihrer Seite, so wie ich auf der Seite des Volkes von Paris stand.«

Bei ihrer Rückkehr nach Frankreich wird sie gefeiert. Sie setzt ihren Kampf für die soziale Revolution und die Emanzipation der Frauen fort. Am 9. Januar 1905 verstirbt sie in einem Hotelzimmer in Marseille. Mehr als 100.000 Menschen geben ihr bei der Beisetzung in Paris am 20. Januar das letzte Geleit.

1895 hat Louise Michel ihr Buch La Commune ihrem Verleger übergeben. Sie wollte mit ihren Aufzeichnungen über die Pariser Kommune möglichst vielen ihrer Mitstreiter und Mitstreiterinnen ein Denkmal setzen. Endlich liegt La Commune in deutscher Übersetzung vor. Es sei an dieser Stelle Veronika Berger, Eva Geber und dem Mandelbaum Verlag gedankt, dass mit diesem Erlebnisbericht eine der aufregendsten Gestalten der Pariser Kommune in deutscher Übersetzung vorliegt. »Sie will dem Vergessen entgegenwirken, vor allem will sie zukünftigen Generationen ein Vermächtnis hinterlassen, damit sie verstehen, lernen und manche Fehler nicht mehr machen müssen; aber auch damit sie glauben können: an den Fortschritt der Menschheit, an ihren Mut, an die Kraft, mit der Völker wieder aufgestanden sind, aufstehen und aufstehen werden, um gegen Unrecht zu kämpfen«, schreibt die Übersetzerin Veronika Berger im Vorwort.

Louise Michel, Die Pariser Commune, Mandelbaum Verlag 2020, 416 Seiten

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Um die Forderung vieler Linken nach einem solidarischen Shutdown, der Teil der Forderungen der Initiative #ZeroCovid ist, haben sich hitzige Debatten gesponnen. Insbesondere über die Rolle, die Polizei, Zwang und staatliche Gewalt in der Pandemiebekämpfung spielen sollen oder müssen. Diese Debatte dreht sich nicht nur um die Pandemiebekämpfung, sondern spricht auch Bände über die Vorstellungs kraft der Linken und ihren Glauben an die Möglichkeit einer gewaltlosen, solidarischen Gesellschaft.

Von Angelika Adensamer und Paul Herbinger

# ZeroCOVID fordert eine drastische Reduktion der Ansteckungen durch einen solidarischen Shutdown, der insbesondere auch weitreichender und glaubwürdiger die Produktionssphäre inkludiert. Polizeimaßnahmen und Kontrollen finden in den Forderungen keine Erwähnung, doch alleine die Forderung eines konsequenten Shutdowns scheint eine Projektionsfläche für diese Themen zu bieten.

So schreibt beispielsweise Alex Demirović als Antwort: »Ein harter Lockdown kann nur polizeilich durchgesetzt werden«1 und unterstellt den Forderungen einen unausgesprochenen, aber eindeutigen Autoritarismus. Diesem Vorwurf bescheinigt Polizeiphilosoph Daniel Loick wiederum eine »be merkenswerte Fantasielosigkeit«2 und verteidigt die Forderung einer Gesellschaft ohne Polizei – auch in der Pandemie. Auch durch viele andere linke Gruppen und Freundschaften ist diese Diskussion gegangen.

Was jedoch beide Seiten teilen, ist die Kritik an der Polizei: an ihrem strukturellen Rassismus und Klassismus, an ihrem Einsatz von Gewalt. All dies war auch an den Coronamaßnahmen bemerkbar.

Kritik der Polizei – aber Kritik an wem genau?

Eine Kritik der Polizei, insbesondere der rassistischen, klassistischen und inter-generationalen Übergriffe sowie der dahinterliegenden Strukturen, muss mit der Frage beginnen, wo mit einer solchen Kritik richtigerweise anzusetzen ist. Dass eine Kritik an dem*der einzelnen Polizist*in als bedauerlicher Einzelfall zu kurz greift, liegt auf der Hand. Insbesondere beim Einsatz der Polizei in der Pandemie stellt sich die Frage, als was die Polizei eigentlich zu verstehen ist: Ist sie bewaffnete Vollstreckerin des staatlichen Gewaltmonopols und dabei Durchsetzungsinstanz der Interessen der herrschenden Politik? Oder aber ist sie eine weitreichend autonome Institution, die eigenen Regeln und Interessen folgt und Korpsgeist, Rassismus, Klassismus, Sexismus und intergenerationale Konflikte unweigerlich in sich trägt?

Die österreichische Polizei selbst sowie ihr Einsatz in der Pandemie liefern Beispiele für beide Thesen. Einerseits muss die Lockdown-Strategie und ihre zwangsvolle Durchsetzung mittels Polizei als Versuch verstanden werden, den zunehmend kaputt-gesparten Gesundheits- und chronisch unterbezahlten Care-Sektor vor dem Kollaps zu schützen, anstatt notwendige, weitreichende und langfristige Investitionen zu tätigen. Dabei wird die Polizei genutzt, um die Interessen einer Politik (selbst in der Pandemie) umzusetzen, die Risiken und Kosten zugunsten einer Marktlogik weiter privatisieren will und diese Last mit einer völligen Selbstverständlich-keit auf die Schultern der privaten Reproduktionsarbeit in den Haushalten niederbrechen lässt. In Österreich müssen wir währenddessen dankbar sein, dass wir bei der zunehmenden Aushöhlung der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen unseren Nachbar*innen ein paar Schritte hinterherhinken. Wenn also die Polizei Personen aus unteren Einkommensschichten – oft am besten zu identifizieren anhand eines vermuteten Migrationshintergrunds – in ihre verhältnismäßig kleineren Wohnräume zurückstraft, sind trotzdem die richtigen Adressaten einer Kritik die dahinterstehenden Interessen der herrschenden Politik. Selbst wenn die Polizei eigenständig ihre social-media-Kenntnisse unter Beweis stellt und aufgrund einer Beobachtung von Tik- Tok unverhältnismäßige Schwerpunktkontrollen bei Jugendlichen in der Innenstadt durchführt, steht dies trotzdem im Dienste einer herrschenden COVID-Politik.

Andererseits ist es schwer, die Interessen herrschender Parteien und der Privatwirtschaft dafür zur Verantwortung zu ziehen, wenn täglich um 18 Uhr als Balsam für die öffentliche Psyche »I am from Austria« aus den Lautsprechern von Einsatzwägen ertönt. Vielmehr ist hier die Autonomie einer Institution mit eigenen Interessen, Vorstellungen und Regeln zu beobachten. Dasselbe gilt natürlich auch, wenn sich die Polizei schützend vor die straffällig Gewordenen in den eigenen Reihen stellt oder mittels Polizeigewerkschaft eine Kennzeichnungspflicht zu verhindern sucht. Der Hauptschauplatz polizeilicher Autonomie liegt allerdings woanders: beim polizeilichen Ermessensspielraum. Dieser hat die Eigenart, dass er zunimmt, je tiefer man die interne Hierarchie hinabsteigt und je spezialisierter und vereinzelter ein*e Beamt*in arbeitet. Insbesondere bei der Umsetzung der COVID-Maßnahmen im Einzelnen, auf der Straße, kommen also eine interne Logik, ein Wertesystem und eine Kultur der Polizei zum Tragen. In keiner Gesellschaft kann das geltende Recht absolut und nahtlos durchgesetzt werden. Wäre es so, würde die gesellschaftliche Entwicklung zu einem Stillstand kommen, weil es keinen Spielraum gibt, um die Normen zu verschieben und zu verändern. Es braucht den Ermessensspielraum – es ist nur zentral zu beobachten, wie dieser genutzt wird.

Der »graue Scheck« als COVID-Strategie

Während es also notwendig ist, eine differenzierte Kritik an der Polizei in der Pandemie zu entwickeln – zwischen ihrer Instrumentalisierung für Interessen der herrschenden Politik und dem Ausleben ihrer relativen Autonomie zu unterscheiden –, lässt sich der spezifische Einsatz der Polizei in der Pandemie erst dann verstehen, wenn die Entgegensetzung dieser beiden Thesen verworfen wird. Der Kriminologe Jean-Paul Brodeur bietet eine großar-tige Metapher für das Zusammenspiel von Instrumentalisierung und institutioneller Autonomie an: Aufträge an die Polizei nehmen weder die Form einer carte blanche, die alles erlauben würde, an, noch sind sie ausbuchstabierte und präzise Handlungsbefehle. Vielmehr nimmt die Vermittlung der Interessen der herrschenden Politik an die Polizei die Form eines grauen Schecks an. Damit ist gemeint, dass sowohl die ›Unterschrift‹ als auch die Handlungsanweisung ungenau genug sind, dass ein ausstellender Minister diese bei Bedarf abstreiten kann. Gleichzeitig sind sie verständlich genug, um der Polizei einen Ermessenspielraum zu gewähren, von dem sie plausibel behaupten kann, dieser sei ihr implizit erteilt worden. Didier Fassin fasst es wunderbar zusammen, wenn er schreibt: »Es handelt sich um ein Maskenspiel, in dem die eine Seite vorgibt, nicht zu befehlen, und die andere, nicht zu gehorchen.«3 Fassin beobachtet auch, dass paradoxerweise das Einrichten eines spezifischen Ermessensspielraums für die Polizei, der effektivste Mechanismus sein kann, Herrschaftsinteressen einer Politik durchzusetzen. Besonders sichtbar wird dies, wenn unser Innenminister eine nächtliche Ausgangssperre ausspricht und verkündet, ab 20 Uhr soll es im Ermessen der einzelnen Polizist*innen liegen, über die Glaubwürdigkeit der Rechtfertigungen von angehaltenen Menschen zu richten.

Diese Vorgangsweise – das Regieren mittels grauem Scheck – lässt sich auch in der allgemeinen politischen Strategie in der Pandemie beobachten. Es scheint, die Umsetzung von Herrschaftsinteressen und der Umgang mit der Pandemie nehmen oft die Form diffus umgrenzter Ermessensspielräume an. Regiert wird mittels Pressekonferenzen und übereilter Gesetzgebung. Konkrete Problemlösungen in der Praxis wiederum werden den Schulen, Lehrer*innen, Haushalten und darin insbesondere Frauen, und in anderen Fällen eben der Polizei und den einzelnen Polizist*innen überlassen. Zentral dabei ist in jedem Fall ein von der herrschenden Politik ausgehender Zwang und darin eingerichtete Ermessensspielräume – einerseits, um (infra)strukturelle Investitionen umgehen zu können und andererseits, um anhand des grauen Schecks die Verantwortung für Fehlentwicklungen, Ungerechtigkeiten und Übergriffe immer abstreiten zu können. Die Ausübung von Zwang sowie der Rassismus, Klassismus, Sexismus und Altersdiskriminierung in der Polizei, dem die Bevölkerung vermehrt ausgesetzt wird, ist Teil der eingerichteten Ermessensspielräume zur Durchsetzung spezifischer Interessen in der COVID-Strategie. Jede ernstzunehmende linke Alternative dazu muss diese – sich hinter der Strategie verbergenden – Probleme adressieren. Wir müssen für einen materiellen und strukturellen Rahmen kämpfen, in dem ein zwangs- und gewaltfreies, kollektiv-selbstbestimmtes Leben in der Pandemie und aus ihr hinaus möglich ist. Und wir müssen wieder die Fähigkeit zur Fantasie erlangen – uns wieder gedankliche Wege eröffnen, die das übersteigen, was wir vorfinden.

Defund the Police!

Im Zuge der Black Lives Matter-Proteste gegen Polizeigewalt, die sogar bis nach Österreich geschwappt sind, wurde auch die linke Forderung laut, die Polizei einzuschränken: finanziell (defunding), personell sowie in ihren Befugnissen und ihrer Bewaffnung bis hin zu ihrer Abschaffung. Diese Forderung wird oft als eine der besonders utopisch-unrealistischen diskutiert. Jedoch zu Unrecht, gerade im Vergleich zu anderen radikalen Forderungen wie Abschaffung des Kapitalismus oder die Abschaffung aller nationalen Grenzen. Die zentralisierte Polizei, wie wir sie heute kennen, ist nicht viel älter als der moderne Nationalstaat. Es gibt heute und in der jüngeren Geschichte viele Beispiele, in denen der gesellschaftliche Gewaltschutz anders organisiert wurde, sei es bei den Black Panthers in den USA, in »befreiten Gebieten« (autodefensa) in Mexiko, oder in Rojava, Kurdistan. Daneben gibt es in vielen Ländern Versuche, Communities von der Polizei unabhängig zu machen, indem auf transformative justice Prozesse gesetzt wird, insbesondere z. B. in Ländern mit indigener Bevölkerung und Kultur, wie in Neuseeland oder Kanada.

Dennoch braucht es – zugegeben – für jeden neuen Rückbau der Polizei, in der jeweiligen politischen und sozialen Situation Fantasie und Mut. Die Lücke, die bleibt, wenn die Gewalt der Polizei schwindet, muss durch kollektive Verantwortung und Lernprozesse gefüllt werden, und das ist in Anbetracht der vielen anderen Bürden und Aufgaben der Menschen nicht einfach. Aber es ist nicht unmöglich, und zu jeder Radikalität, zu jeder Vorstellung einer fundamental besseren Welt gehören auch diese Fantasie und dieser Optimismus über die sozialen Fähigkeiten des Menschen.

Für eine bessere Welt ohne Polizei zu kämpfen ergibt dann Sinn, wenn wir tatsächlich glauben, dass die Menschen ohne Gewalt und solidarisch miteinander leben können. Das bedeutet auch, daran zu glauben, dass auch eine Pandemie ohne Gewalt und Kontrolle eingedämmt werden kann: mit Information, Bildung und – am wichtigsten – der strukturellen und materiellen Möglichkeit für alle, sich und andere zu schützen. Das bedeutet, nicht arbeiten gehen zu müssen, wenn die Arbeit nicht systemerhaltend ist, Tests, Masken, Impfungen, Regelungen, die einhaltbar, logisch und verständlich sind, mitzutragen, Maßnahmen, die die Menschen mithelfen einzuhalten, weil sie so effektiv sind, dass die Pandemie tatsächlich beseitigt werden kann, ohne weiterhin immense soziale und psychische Opfer zu fordern. Dass dieser Ansatz des Möglichmachens im Vergleich zur Repression nicht nur der für eine Gesellschaft progressivere ist, sondern auch der effizientere, weiß man auch in der Kriminologie: wenige andere Merkmale korrelieren so stark mit Verbrechen wie ökonomischer Druck und Perspektivenlosigkeit.

Als Linke gilt es jetzt, den pandemischen Realismus zu durchbrechen: Es darf nicht länger leichter sein, sich die unendliche Pandemie vorzustellen als einen solidarischen Weg aus ihr und über sie hinaus. #ZeroCOVID enthält viele wichtige Ansätze für die effektive Eindämmung der Pandemie, wie etwa die kollektive Selbstermächtigung oder die finanzielle Umverteilung und Schaffung relevanter Strukturen. Vor allem hat die Initiative es geschafft, linken Debatten – die mit wenigen Ausnahmen4 in eine Ratlosigkeit verfallen sind – wieder Leben einzuatmen. Für ein würdiges Leben in der Pandemie und Perspektiven für ihre solidarische Überwindung braucht es aber mehr als eine Steigerung vorhandener Strategien und Ressourcen. Genauso braucht es die Vorstellungskraft, hier und jetzt die effektive (und lebenswerte) Eindämmung der Pandemie anzustreben, ohne den Einsatz von Polizeigewalt heraufzubeschwören.

Angelika Adensamer ist Juristin und Kriminologin, Sprecherin von LINKS und Redaktionsmitglied der Zeitschrift juridikum.

Paul Herbinger ist Soziologe am Vienna Centre for Societal Security (VICESSE) und Redakteur beim Mosaik-Blog.

1 https://www.zeitschrift-luxemburg.de/ueber-die-null-hinaus-denken/.

2 https://www.akweb.de/bewegung/zerocovid-zero-cops-solidarischer-shutdown-und-autoritaerer-staat/.

3 Fassin, D. (2018). Die Politik des Ermessensspielraums. In D. Loick, Kritik der Polizei (S.136). Campus Verlag.

4 Wie etwa der Initiative ›feministischer Lookdown‹,

https://www.feministischerlookdown.org/;

oder Aufbruch - ökosozialistische Alternative (Salzburg),

http://www.oekosoz.org/wp-content/uploads/2020/03/VK_CZ_20200320_Corona_Gesundheit.pdf

oder LINKS,

https://links-wien.at/wp-content/uploads/2020/08/LINKS_Programm2020.pdf

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Die geplanten Gesetzesnovellen sind ein weiterer Freibrief für Justiz- und Polizeiwillkür

Von Karl Reitter

Das Tempo verschärft sich. Die neuen, vom Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) vorgeschlagenen Gesetzesnovellen stellen einen weiteren Schritt Richtung Justiz- und Polizeiwillkür dar. Am 3. März wurden zwei Gesetzesänderungen zur Begutachtung ausgesandt, wobei die Frist bereits am 9. März endete. Wäre es nach den staatstragenden Medien gegangen, die Information über diese wäre kaum bekannt geworden. Aber der Reihe nach. Es geht bei den Änderungen um zwei verschiedene Gesetze. Einmal um das Epidemiegesetz 1950 sowie um das COVID-19- Maßnahmengesetz aus 2020. Das Epidemiegesetz von 1950 wurde mehrfach novelliert und stellt die gesetzliche Basis der staatlichen Pandemiemaßnahmen dar. Das COVID-19-Maßnahmengesetz ergänzt und erweitert das Epidemiegesetz, wobei sich einzelne Paragraphen des COVID-19-Maß-nahmengesetzes auf Paragraphen des Epidemiegesetzes beziehen. Die Materie ist also einigermaßen unübersichtlich und für Lai*innen nicht einfach zu durchschauen – für unsere Polizeibeamt* innen im Einsatz wohl ebenso wenig. Von den staatstragenden Medien war differenzierte Information nicht zu erwarten. Stattdessen geschah folgendes Bemerkenswertes, und zwar durchgehend: Kaum wurde ein kritischer Artikel zu diesen geplanten Novellen veröffentlicht, war der Artikel auch schon wieder von den Startseiten verschwunden und nur mehr schwerlich auffindbar. So geschehen bei der Wiener Zeitung, beim Standard und auf orf.at. Dass da offensichtlich eine Intervention aus dem Gesundheitsministerium vorlag, entging fast niemandem: Zahllose Postings zeugen davon. Vergessen wir nicht: Die Abhängigkeit von der Presseförderung und staatlichen Inseraten ist in Zeiten sinkender Druckauflagen nicht gering zu schätzen. Das Bestreben, dieses Thema möglichst rasch wieder aus dem Fokus der Öffentlichkeit zu nehmen, wundert angesichts der Änderungen nicht. Diese haben es tatsächlich in sich.

Die Novelle des Epidemiegesetzes

Wie die Gruppe »Rechtsanwälte für Grundrechte« aufzeigt (unter afa-zone.at nachzulesen), betrifft die Änderung vor allem den § 15. Der Ausdruck »Maßnahmen gegen das Zusammenströmen größerer Menschen-mengen« wurde durch den Begriff »Veranstaltungen« ersetzt. Nun soll der § 15 Abs. 1a lauten: »Als Veranstaltungen gelten Zusammenkünfte von zumindest vier Per-sonen aus zumindest zwei Haushalten.« »Das bedeutet, dass künftig jedes derartige, auch private Treffen als Veranstaltung gilt und nur mit behördlicher Erlaubnis zulässig ist, also im Verordnungsweg verboten werden kann«, kommentiert die Gruppe »Rechtsanwälte für Grundrechte«. Diese Interpretation wird von Seiten des Ministeriums explizit geteilt. Der Pressereferent Daniel Böhm stellt in einer APA-Aussendung unmissverständlich fest: »Die Regelung zum ›Zusammenströmen von Menschen‹ soll nun konkretisiert werden. Es wird explizit eine Mindestanzahl von vier Personen festgelegt. […] So wie die bestehende Regelung auch, soll die künftige auf alle Orte von Zusammenkünften anwendbar sein und erfasst damit sowohl öffentliche als auch private Orte. Kontrollen im privaten Wohnbereich schließt das Gesetz weiterhin explizit aus.« Die Novelle zum Epidemiegesetz sieht weiters vor, dass Epidemiegebiete festgelegt werden können, die weder betreten noch verlassen werden dürfen. Zudem sollen die Strafen massiv verschärft werden. Wer gegen den § 15 verstößt, wer sich also mit drei weiteren Freund*innen wo auch immer trifft, kann nun nach § 40 mit 500 Euro oder einer Woche Gefängnis bestraft werden. Wenn aber ein solches Zusammentreffen als verbotene Veranstaltung tituliert wird, beträgt die Strafe bis zu 1.450 Euro oder vier Wochen Arrest. Bei gewerbsmäßigen Veranstaltungen drohen den Veranstalter* innen bis zu 30.000 Euro Strafe.

Die Novelle zum COVID-19- Maßnahmengesetz

Hier geht es vor allem um den § 5, also um die Ausgangsregeln. Gleich im ersten Absatz § 5 (1) wird ein Passus eingefügt, der verstört. Nun genügt auch der Umstand einer wörtlich »nicht mehr kontrollierbaren Verbreitung«, um Ausgangsbeschränkungen verhängen zu können. Wenn es nicht so dramatisch wäre, wäre es auch lustig. Jede Pandemie und Seuche beruht auf einer »nicht mehr kontrollierbaren Verbreitung«, oder was sollen wir uns unter einer kontrollierbaren Verbreitung vorstellen? »Herr Landeshauptmann, nehmen wir nach Stockerau lieber Floridsdorf oder Korneuburg, wo soll sich denn das Virus ausbreiten?« Die Begründung von Seiten des Ministeriums für die neu eingefügte Bestimmung ist hanebüchen: Eine unkontrollierbare Verbreitung liege vor, »wenn die Kontaktnachverfolgung auf Grund der unkontrollierten Virusverbreitung nicht mehr aufrechterhalten werden kann«. Das war noch nie der Fall. Ganz offiziell wird von den Behörden zugegeben, dass das Contact Tracing nur in Ansätzen und sehr lückenhaft möglich war und ist. Die Novelle stellt zudem insbesondere Heime unter besonders strenge Bestimmungen. Die menschenunwürdige Isolation in den Hei Heimen kann mit den neuen Bestimmungen legitimiert werden, egal, wo das Virus tatsächlich stark verbreitet ist – und das angesichts der Impfungen insbesondere der alten und ältesten Menschen.

30.930 Einwände

Der offenbare Versuch des Ministeriums, die Novelle still und heimlich an der Öffentlichkeit vorbei zu schwindeln, ist deutlich gescheitert. Ein diesbezüglicher Artikel im Standard, obwohl rasch ins Archiv abgeschoben, hatte immerhin fast 5.000 sehr kritische Postings. Nun sollen über 30.000 kritische Stellungnahmen auf der Webseite des Ministeriums eingetroffen sein. Wie zu erwarten, hat auch bei diesem Thema der staatstragende Standard sofort die Keule der Denunziation parat: Die Flut der Einwände sei das Werk von »Staatsverweigerern« gewesen, werden wir von Gabriele Scherndl belehrt. Und ich war einer davon!

Entschärfung? Verschärfung!

Angesichts der massiven Proteste kündigte Gesundheitsminister Rudi Anschober per APA-Aussendung vom 17.3.2021 an, einige Konzessionen an die Kritik zu machen: »Die Regelung zum Zusammenströmen von Menschen ab 4 Personen wird im COVID-19-Maßnahmengesetz und nicht im Epidemiegesetz verankert und gilt damit befristet und ausschließlich für Rechtsakte in Zusammenhang mit COVID-19. Zudem sieht der aktuelle Entwurf eine zeitliche Beschränkung von 10 Tagen vor, wenn diese Regelung den privaten Wohnbereich betrifft (der weiterhin nicht kontrolliert werden darf).« Statt vier sind es nun fünf erwachsene Personen, die zu einer Versammlung erklärt werden können. Höhe und Ausmaß der Strafen bleibt gleich. Zugleich wurde angekündigt, tatsächlich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft wirklich werden zu lassen. An »Geimpfte, Getestete und Genesene« soll ein »Grüner Pass, ein digitaler, datenschutzkonformer Immunitätsnachweis« ausgegeben werden, der zu bestimmten noch festzulegenden Freiheiten berechtigt, die anderen verwehrt werden. So wird die verfassungsmäßig fragwürdige Impf- und Testpflicht durch die Hintertüre eingeführt.

Nachbemerkung: Der Bundesrat hat am 30.3. in einer Abstimmung das Gesetz blockiert - es bekam keine Mehrheit, da drei Abgeordnete der Regierungskoalition krank waren und die zwei Stimmen der SPÖ Abgeordneten aus dem Burgenland nicht ausreichten. Die Abstimmung endete 27 zu 29. Das Inkraftreten wird so um 8 Wochen verschoben. Das Gesetz tritt somit erst Ende Mai in Kraft.

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Luan Pertl über Sichtbarkeit, Anerkennung und Forderungen intergeschlechtlicher Menschen

Inter*Menschen sind weltweit gesellschaftlich kaum sichtbar, denn Intergeschlechtlichkeit ist nach wie vor stark tabuisiert. Aus Angst vor Stigmatisierung und sozialer Ausgrenzung bekennen sich viele Inter* nicht öffentlich zu ihrer Geschlechtlichkeit. Ist sie in seltenen Fällen bekannt, sind sie nicht nur verbaler und struktureller Diskriminierung ausgesetzt. Sie erfahren auch physische Gewalt und lebensbedrohliche Situationen. 

Intergeschlechtliche Menschen werden mit Geschlechtsmerkmalen geboren, die sich unter anderem hinsichtlich der Chromosomen, der Genitalien und/ oder der hormonellen Struktur nicht in die gängigen Kategorien von »männlich« und »weiblich« einordnen lassen oder die zu beiden Kategorien gehören. Häufig raten Ärzt*innen den Eltern, chirurgische und andere medizinische Eingriffe an intergeschlechtlichen Neugeborenen und Kindern vornehmen zu lassen, so dass die Körper der Neugeborenen (scheinbar) den Rahmen entweder männlicher oder weiblicher Geschlechtsmerkmale einhalten. In den meisten Fällen sind solche Eingriffe medizinisch nicht notwendig und können schwere negative Folgen für intergeschlechtliche Kinder in ihrer weiteren Entwicklung haben. 

»Intergeschlechtlich« steht für ein breites Spektrum von Variationen der Geschlechtsmerkmale, die innerhalb der menschlichen Spezies natürlicherweise vorkommen. Es steht auch für die Akzeptanz der physischen Tatsache, dass Geschlecht ein Spektrum ist und dass Menschen mit Variationen in ihren Geschlechtsmerk- malen jenseits‚ entweder männlich oder weiblich‘ existieren. 

Historisch wurde der Begriff »intersexuell« im Sinne einer Störung benutzt, die durch medizinische Eingriffe »repariert« werden müsse. In den vergangenen 20 Jahren wurde der englische Begriff »Intersex« von den Verteidiger*innen der Menschenrechte intergeschlechtlicher Menschen neu definiert und durch sie und ihre Organisationen als menschenrechtskonformer übergeordneter Sammelbegriff etabliert. 

Unsere Geschlechtsmerkmale sind von unserer Geburt an festgelegt, ob wir intergeschlechtlich sind oder nicht. Die Tatsache, dass ein Mensch einen intergeschlechtlichen Körper hat, kann zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Leben sichtbar werden: bei der Geburt, während der Kindheit, der Pubertät, selbst noch im Erwachsenenalter. 

Abhängig von der individuellen Lebenssituation und dem Grad an Tabuisierung im persönlichen Umfeld können Menschen sehr früh oder auch erst bedeutend später im Leben entdecken, dass sie einen intergeschlechtlichen Körper haben. Manche intergeschlechtliche Menschen finden nie heraus, dass sie intergeschlechtlich sind.

Der »inter« Geschlechtseintrag in Österreich

Alex Jürgen erhält im Juli 2020 endlich die Geburtsurkunde mit dem Geschlechtseintrag »inter«. 2016 ging Alex Jürgen zum Standesamt Steyr und beantragte eine Berichtigung des Geschlechtseintrags auf eine dritte Kategorie. Alex Jürgen ist intergeschlechtlich und wollte sich in den Identitäts-Dokumenten dementsprechend ausweisen können. Anschließend befassten sich mehrere Höchstgerichte innerhalb von vier Jahren damit, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, und gaben Alex Jürgen Recht.

Trotzdem wurde lange der beschiedene dritte Geschlechtseintrag nicht berichtigt – im Juli 2020, kurz nach Einbringen einer Strafanzeige gegen die zuständigen Behörden, hält Alex Jürgen nun die Geburtsurkunde mit dem Eintrag »inter« in den Händen.

Ich freue mich sehr mit Alex Jürgen über diesen Erfolg, nach so vielen Jahren endlich den richtigen Geschlechtseintrag bekommen zu haben. Doch frage ich mich auch, warum die Ausstellung der Geburtsurkunde mit den korrekten Daten ein so massiver Kraftakt sein muss?

Intergeschlechtliche Menschen gibt es schon immer, wir sind und waren in allen Jahrhunderten vertreten - teilweise sichtbar, teilweise versteckt. Wir waren sogar schon im Gesetz verankert, zum Beispiel mit dem sogenannten »Zwitterparagraph« des Allgemeinen Landrechts für die Preußischen Staaten aus dem Jahr 1794. Dieser gibt über die »Rechte der Zwitter« an:

Es gab damals nur die Option, »weiblich« oder »männlich« zu wählen, doch das Ausschlaggebende daran war die freie Wahl. Diese freie Wahl wurde uns intergeschlechtlichen Menschen genommen, und nicht nur das: wir wurden mit unserem Inter*-Sein auch in ein medizinisches Korrektursystem gezwungen, weil ...

... Ja, das »Weil« ist eine gute Frage, warum eigentlich?

Weil schon immer gerne mit Lebewesen experimentiert wurde?

Weil wir in einer zwanghaften Körpernormierungsgesellschaft leben?

Weil Menschen noch immer glauben, die Medizin ist die Gottheit in Weiß?

Es erscheint mir vollkommen unlogisch, ignorant, menschenverachtend, dass es einen gerichtlichen Prozess von vier Jahren braucht, damit ein Mensch den eigenen Geschlechtseintrag erhält, es ist mir vollkommen unklar, dass ein Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs (VfGH) nicht konform umgesetzt wird, sondern es eine zusätzliche Strafanzeige braucht, dass ein Mensch seinen eigenen Geschlechtseintrag erhält. Dass ein Innenminister Kickl und sein Nachfolger Nehammer auf einen Erlass pochen, der intergeschlechtliche Menschen wieder in die Abhängigkeit von der Medizin presst, genau von jenen Menschen, die unsere Körper und unsere Seelen zerstört haben.

Das einzige, was wir wollen, ist unser Leben leben zu können, frei von Zwang, von Bevormundung, von Tabuisierung, von medizinischer Gewalt, und unseren Geschlechtseintrag selbstbestimmt wählen zu können, selbst über unsere Körper zu bestimmen.

Forderungen intergeschlechtlicher Menschen

Weg von meiner persönlichen Wut und Enttäuschung nun zu den Forderungen des menschrechtsbasiert arbeitenden Vereins Intergeschlechtlicher Menschen Österreich (VIMÖ)

Gemeinsam mit 64 Organisationen österreichweit hat VIMÖ einen offenen Brief an den jetzigen Innenminister Karl Nehammer geschickt und folgende Forderungen formuliert:

  • Der dritte Geschlechtseintrag soll allen Menschen offenstehen, unabhängig ihrer individuellen körperlichen Geschlechtsmerkmale. Vom VfGH gab es diesbezüglich schon 2009 ein entsprechendes Erkenntnis im Fall einer transgender Person, in dem klargestellt wurde, dass der Geschlechtseintrag die Geschlechtsidentität und nicht körperliche Merkmale repräsentiert.
  • Neben den bisher möglichen Einträgen »weiblich«, »männlich«, »offen« und »divers« muss auch der Eintrag »inter« zur Verfügung stehen.
  • Die Regelung bezüglich eines medizinischen Expert*innenboards (sog. VdG-Board) ist überflüssig und zu streichen - eine Änderung nach Selbstauskunft beim Standesamt muss ausreichen. Das VdG-Board war ursprünglich vom Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz bzw. der dortigen Arbeitsgruppe für Behandlungsempfehlungen bei VdG als Expertise-Netzwerk für Diagnostik, Beratung und Behandlungsentscheidungen angedacht. Dies sollte auch die Kompetenz des Boards bleiben - die beteiligten Mediziner*innen sollten dagegen nicht plötzlich eine zweckentfremdete Funktion für Personenstandsangelegenheiten ausüben. Darüber hinaus existiert dieses Board de facto nicht - der Erlass verweist auf bloße Kontaktdaten einer (unvollständigen) Liste von Versorgungsstrukturen, und eben nicht auf das sog. VdG-Board.
  • Bürokratische Hürden zur Änderung des persönlichen Geschlechtseintrags müssen abgebaut werden. Gleichzeitig braucht es strenge Datenschutzmodalitäten für frühere Geschlechtseinträge.
  • Der Geschlechtseintrag einer Person muss mehr als einmal gewechselt werden können. Dies soll nicht einem möglichen Missbrauch dienen, sondern der Tatsache Rechnung tragen, dass sich das Empfinden der Geschlechtsidentität im Laufe eines Lebens (Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter) verändern kann. Die psychische und physische Entwicklung eines jeden Menschen zeigt sich erst im Aufwachsen, kann unterschiedlich lange dauern und ist nicht vorhersehbar. Bis zur Entscheidung, einen Geschlechtseintrag berichtigen zu lassen, durchlaufen Betroffene in der Regel meist lange persönliche Prozesse.

Dass 64 Organisationen die VIMÖ unterstützen, ist eine tolle Zahl, aber das soll nur ein Anfang sein. Wenn du unterstützen möchtest, egal ob als Organisation, oder Einzelperson, hier ein paar wichtige Punkte:

  • REDE DARÜBER
  • SCHAFFEN SIE EINE SICHERE UMGEBUNG FÜR INTERGESCHLECHTLICHE MENSCHEN
  • INTEGRIEREN SIE DAS »I« IN IHRE ARBEIT
  • UNTERSTÜTZEN SIE INTER*-AKTIVIST_INNEN UND INTER*-NROS
  • »NOTHING ABOUT US WITHOUT US«! - »NICHTS ÜBER UNS OHNE UNS«
  • NUTZEN SIE MENSCHENRECHTSSTANDARDS, -DOKUMENTE und -MECHANISMEN

Ein detailliertes Alliestoolkit findet ihr unter https://oiieurope.org/wp-content/uploads/2017/11/Menschenrechte_intergeschlechtlicher_Menschen_schuetzen.pdf

Für Eltern von intergeschlechtlichen Kindern bietet VIMÖ Beratung und Peerberatung an.

Bist du eine intergeschlechtliche Person, dann melde dich bei VIMÖ für ein Treffen, Beratung, Community Events und vieles mehr.

Kontakt:

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Na Boom. Auch schon wieder ein Jahr Leben und Lieben in Zeiten von Corona. Das Erfreuliche zuerst: Das Jahr 2021 bringt mir einen zweifachen Großtantenstatus ein. Denn offensichtlich hat der Frühjahrs-Lockdown 2020 nicht nur das sexfrustrierte Pandapaar Ying-Ying und Li-Li im Hongkonger Zoo liebestechnisch reaktiviert, sondern auch im Familien- und Freundeskreis herrscht Babyalarm. An der alten Weisheit, dass besondere Zeitumstände auch zu einem Babyboom führen, dürfte wohl was Wahres dran sein. Der Rückzug ins Private und mangelnde Ablenkung durch allerlei außerhäusliches Amüsement beflügelt offensichtlich die Fruchtbarkeit fortpflanzungswilliger Paare oder vielleicht hat manches Paar doch den Bedarf an Kondomen unterschätzt und doch zu sehr den Klopapiervorrat im Auge gehabt. Wie weitsichtig waren da die Franzosen schon im ersten Lockdown. Klären wird sich die Frage eines tatsächlichen Babybooms wohl erst bei Vorlage der Bevölkerungsstatistik nächstes Jahr lassen, dann hoffentlich schon in Post-Corona-Zeit.

Aber jetzt ist es auch schon wieder vorbei mit Erfreulichem, denn mühsam ist es derzeit: Die Pandemie trifft alle, aber nicht alle gleich. Besonders die Frauen sind wieder mal die Gelackmeierten. Entweder abgeklatscht als Systemerhalterinnen oder in der altbekannten Kombination Home office, Haushalt und Kinderbetreuung an den heimischen Herd verbannt. Im Rückzug ins Private liegt besonders für Frauen manch Teuflisches begraben. Nicht umsonst skandierte die zweite Frauenbewegung lauthals: Das Private ist Politisch! Der Mangel an kraftspendenden Zusammenkünften zu Tag und zu Nacht macht vielen zu schaffen. Existenzängste, Isolation, beengte Wohnverhältnisse und Perspektivlosigkeit drücken aufs Gemüt. Böse Zungen behaupten sogar, dass sich auch die Wohnungskatzen von der menschlichen Dauerpräsenz im trauten Heim genervt fühlen. Und es gäbe ja genügend Gründe sich im öffentlichen Raum gegen die Zumutungen der wirtschaftlichen und sozialen Krise zu verbünden. Neidvoll blickt man da nach Argentinien, immerhin das Herkunftsland des amtierenden Papstes, wo streitbare Frauen Ende 2020 das Recht auf sichere, legale und kostenlose Abtreibungen trotz Pandemie erkämpften. Soviel Durchhaltevermögen und Kampfgeist wünscht man auch den Polinnen, die derzeit gegen ein »de facto«- Abtreibungsverbot einer reaktionären und frauenhassenden Regierung ankämpfen.

Die pandemiebedingten Hindernisse fürs lustvolle Zusammentreffen treibt aber auch die Digitalisierung voran. Für Abenteuerhungrige und Nähesuchende bietet die digitale Welt so einiges. Onlinedating boomt. Die Ernüchterung folgt aber oft auf den Fuß. Auch in der digitalen Welt spiegeln sich die sexuellen Verhältnisse wider. Ob die Kontaktbeschränkungen mit dem Rückzug ins Private die in Österreich dominierende Sexualkultur der seriellen Monogamie bestärken wird, der Reaktion neue Wege bannt oder die Vielfalt der sexuellen Milieus obsiegen, bleibt offen. Denn man soll sich nicht täuschen, unter der Decke raschelt es gewaltig. Das Bedürfnis nach Nähe, Lust und Abenteuer lässt sich weder digitalisieren noch auf Dauer unterdrücken. Auch hört man, dass der Konsum von stimmungsaufhellenden Getränken alkoholischer Natur im trauten Heim zugenommen hat. Wissenswertes dazu erläutert eine Studie, die berichtet, dass ähnliches Trinkverhalten bei Paaren die Langlebigkeit einer Beziehung auch in Coronazeiten fördert. Na dann Prost!

Gerlinde Grünn ist Gemeinderätin (KPÖ) in Linz und schrieb schon im Mai 2020 in der Volksstimme über »Liebe in Zeiten von Corona«.

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Bärbel Danneberg über den Bus nach Bingöl von Richard Schuberth

 

»Die Geradlinigkeit erprobt sich erst in der Beweglichkeit und der gerade Weg führt zu keiner Erfahrung.«

Ahmet Arslan: Sozialarbeiter, türkischer Kurde, kurdischer Linker, Bauernsohn, Intellektueller an Wiener Instituten, jugendlich-politischer Widerstandskämpfer, alternder Heimatsuchender, Immigrant, Träumer und Realist, ein Zerrissener in den Gefühlswelten des Seins. Die Hauptfigur im Roman von Richard Schuberth macht sich im Bus nach Bingöl auf den Weg in seine Heimat, dem kleinen Dorf Holike in der kurdischen Provinz Dersim. Jahrelang saß er in Wien als Dozent »auf Podien, auf die uns wohlmeinende Österreicher einluden, welche unsere unausgesprochenen Konflikte nicht kannten«. In den Augen der Wiener Liboşlar aus der Türkei war er das »unkorrumpierbare Ausrufezeichen vor ihrer Anpassung«. Noch immer hielten sie es mit den Kemalisten. »Es waren dieselben Leute, welche, um von den Grünen und den Multikultifeministinnen gemocht zu werden, jede Kopftuchträgerin mit liberalen Theorien verteidigten, aber beim Istanbultrip mit größter Verächtlichkeit über sie spotteten.« Diese Gedanken gehen Ahmet Arslan durch den Kopf, als er im Bus nach Bingöl sitzt und die Mitreisenden betrachtet, diese eigenartige Menschenmischung, die ein Spiegel der Gesellschaft ist.

Schon am Flughafen in Istanbul wird unser Blick auf die Widersprüche dieses Landes und seine Menschen gelenkt. Der Airport wurde nach der Ziehtochter Kemal Atatürks, Sabiha Gökçen, benannt. Der »Leitstern weiblicher Emanzipation« war die erste Frau in der Türkei, die ein Flugzeug flog, die zur Kampfpilotin ausgebildet wurde und die aus der Luft Kurd*innen tötete: sie flog erste Einsätze während der Dersim-Massaker 1937 und ‘38 gegen kurdische Dörfer. Erst 2004 gelang dem Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Hrant Dink der Nachweis, dass Sabiha Gökçen aus einer armenischen Familie stammte, die den Massakern von 1915 zum Opfer gefallen war. Als Ahmet Arslan im April 2008 die Kontrollen dieses Flughafens passiert, überkommt ihn nach 28 Jahren Abwesenheit aus der Heimat eine alte Angst: »Durfte er dieser alerten, gut gelaunten ServiceTürkei trauen?« Im Bus nach Bingöl begegnen wir ähnlich widersprüchlichen Gestalten und sehen uns mit unseren schnellen Vorurteilen gegenüber ihrem äußeren Erscheinungsbild und ihrer Lebenswelt konfrontiert: der deutsche Schriftsteller reist, um sein Leben zu beenden; das ängstliche Mädchen reist, um von den Strapazen einer illegalen Abtreibung zurück in ihr Dorf zu kommen; die auffallend selbstbewusste Kemalistin reist, um ihren reichen Papa zu besuchen; die kopftuchbedeckte Aktivistin der AKP-Frauenorganisation mit Drogenvergangenheit reist, um andere Frauen mit ihrem neureligiösen, regierungstreuen Glauben moralisch zu erpressen; der Rekrut reist, um sein Land vor Terror zu schützen; die tote Frau im Sarg des Kofferraums reist, um beerdigt zu werden.

In seinem Dorf angekommen, wird Ahmet Arslan von ebendiesen Widersprüchen eingeholt: der »Peinlichkeit des neuen türkischen Mittelstandes der Ära Erdogan«, der religiösen Macht von Traditionen, den Sehnsüchten in den Mythen und Liedern, der Ungeduld eines Aufbruchs in eine neue Zeit und der Behäbigkeit des Stillstands. Wann er Kurde wurde, wird er irgendwann gefragt. »Im Gefängnis von Elazig haben sie mich als Kurden geschlagen. Seitdem bin ich einer.« Richard Schuberth nimmt die Lesenden mit auf eine spannende Reise zwischen den Kulturen und politischen Positionen.

Richard Schuberth: Bus nach Bingöl, Roman. Drava 2020

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Ein pädagogisches Antitoxin von Florian Haderer

 

Zentrale Impulse und Ansätze der Entwicklung von kritischer Bubenarbeit, Männer*forschung und Männlichkeitstheorie sind aus feministischen und queeren Bewegungen und Forschungstraditionen entstanden. In ihren Zielen wünscht gendersensible Bubenarbeit nichts weniger als in ihrer Männlichkeit reflektierte und empathische junge Männer* und ein (geschlechter-)solidarisches Leben für alle.

Einen Erfolg feministischer Kämpfe seit der Moderne markiert, dass die Kategorie Geschlecht in der Reflexion und Analyse gesellschaftlicher und kultureller Praxen etabliert ist. Es sind Frauen*, Lesben und Schwule, People of Color und andere, die sich mit ihren Bewegungen Räume erkämpfen und schaffen, aus denen heraus sie in aktivistischen Bündnissen nicht nur fundamentale Gesellschaftskritik formulieren, sondern auch widerständige Strategien entwickeln und umsetzen. Mit dem Begriff des Patriarchats etabliert die Frauen*bewegung einen performativen Kampfbegriff feministischer Kritik, der ab Mitte des 20. Jahrhunderts Geschlechterverhältnisse als Herrschaftsverhältnisse auffasst und einen Zustand der Ungerechtigkeit beschreibt, den es zu überwinden gilt. Sehr stark zeigt die feministische Selbstreflexion die historisch gewachsene Verschränkung von patriarchalen Strukturen mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise, sowie die die Geschlechterverhältnisse fortschreibende hegemoniale Rolle des Staates auf. Die Wahrnehmung des systemischen und systematischen Charakters von geschlechtsbasierter Diskriminierung und Unterdrückung wird mit Aufkommen der Gender- und Queer-Studies von Frauen auf FLINT* (Frauen*, Lesben, Intersex-, Nonbinary- und Transpersonen) ausdifferenziert, die Kritik am Patriarchat um die Kritik an der Heteronormativität sozialer Ausverhandlungsprozesse verschärft. Auch die Geschlechtsidentität von Männern wird mit dem Begriff des Cis-Mannes begrifflich neu gefasst und damit für andere Identifikationen (z.B. für Transmänner) geöffnet. Allen Anstrengungen gemeinsam ist das Bedürfnis, stärkere und solidarischere Akteur*innen im Kampf gegen Diskriminierungsmechanismen sein zu können. Diese Mechanismen zeigen sich in kulturellen und juristischen Beschränkungen für FLINT*, welche sich durch die Interdependenz mit rassistischer und klassistischer Unterdrückung maßgeblich auf die soziale Welt und die gedankliche und materielle Unabhängigkeit von FLINT* auswirken.

Gendersensible Bubenarbeit wäre ohne diese Vorarbeit nicht denkbar und entwickelte sich als Alternative zur schon etablierten Mädchenarbeit. Eine gendersensible Förderung von Jungen steht dabei, wie manchmal moniert, nicht im Widerspruch zu einer Förderung von anderen Geschlechtern, zu Feminismus oder Frauenbewegung. Allen diesen Traditionen ist gemeinsam, dass sie auf geschlechtliche und sexuelle Gleichberechtigung und gesellschaftliche Gerechtigkeit abzielen.

Wenn die Annahme stimmt, dass patriarchale und heteronormative Strukturen vor allem auch von Cis-Männern und ihren Männlichkeitsbildern perpetuiert werden, dann kann es doch nur hilfreich sein, die Burschen und jungen Männer* in ihrer Selbstreflexion und Identitätsfindung zu unterstützen. In den neueren Diskursen ist der Begriff der »toxischen Männlichkeit« Mode geworden und beschreibt Handlungen von Männern, die sich an stereotypen Normen orientieren, die sie dazu veranlassen, sich selbst und anderen zu schaden. Also so in etwa das Gegenteil eines sich um sich und das Wohlbefinden seines Umfelds kümmernde Person. Diese Männlichkeit ist giftig und nährt sich aus idealtypischen Männlichkeitsbildern. Ein Gegengift sieht die kritische Bubenarbeit in der Arbeit an alternativen, identitätsstiftenden Bilder, in die Burschen sich einpassen, wenn sie von anderen als Männer betrachtet werden bzw. werden wollen. Es geht um Anforderungen, um als »richtiger« Mann akzeptiert zu werden und diese Anforderungen werden von der Gesellschaft, der Familie, der Erwachsenenwelt, den peer groups, politischen und religiösen Institutionen und/oder popkulturellen Vorbildern in Musik und Sport formuliert. In der Arbeit mit den Buben und jungen Männern heißt das, nachzufragen, was sie von sich fordern, was oder wem sie nacheifern, wem sie gehorchen (müssen), wen oder was sie als stark empfinden, welche Wünsche sie in sich tragen, was sie wütend macht und wie sie mit ihrer Wut umzugehen gelernt haben, wo und bei wem sie sich verstanden fühlen – und es birgt den Versuch, ihnen alternative Identifikationsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Dafür muss aber erst ein Zugang zu den Buben gefunden werden, um direkt mit den Buben zu arbeiten, sie wahrzunehmen und ihnen zuzuhören. »Wir fragen viel und geben keine Antworten«, sagt Phillipp Leeb, der Gründer und Obmann des Wiener Vereins Poika (Verein zur Förderung gendersensibler Bubenarbeit in Unterricht und Erziehung) im Interview mit dem Augustin vom 17. November 2020. »Das sind sie nicht gewohnt, sie bekommen immer Antworten von Lehrern, Eltern, vom Internet. Wer hört den Jugendlichen aber wirklich zu?« Wer interessiert ist an dem, was Jugendliche denken, müsse sie fragen, was sie denken. Und das geht, indem man ihnen Räume anbietet, sich mit sich selbst, ihren Männlichkeitsbildern und den Vorstellungen von ihnen selbst auseinanderzusetzen. »Während feministische Mädchenarbeit schon lange safe spaces schafft, um darin über Problematiken oder schwierig besetzte Themen zu sprechen, haben Schulen und Jugendzentren die Burschen während dieser Zeit einfach auf den Fußballplatz geschickt«, stellt Rick Reuther, der auch bei Poika mit Burschen und jungen Männern arbeitet, in einem Interview in der April-2019-Ausgabe vom feministischen Magazin an.schläge fest.

Männlichkeitskonstruktionen bzw. männliche Identitäten verknüpfen sich häufig eng mit Erwerbsorientierung. Burschen binden Familienplanung oft an ihre Fähigkeit, eine Familie alleine finanzieren zu können, manche wenden sich von der Schule ab, weil sie davon ausgehen, dass sie ohnehin arbeitslos werden und sich daher Schule nicht lohnt. Die Buben dazu zu bringen, sich konstruktiv mit ihrer Berufs- und Lebensplanung zu beschäftigen, kann einen wichtiger Schub bringen, durch den Burschen eine Vorstellung von sich kreieren, an die sie auch glauben können und die nicht mit Verantwortung überfrachtet ist. Buben können dem Männlichkeitsversprechen des Versorgers zumeist genauso viel abgewinnen wie dem Versprechen von Souveränität und Überlegenheit. »Gekränkte Männlichkeit, jugendliche Enttäuschung trifft auf politische Extremisten, auf jemanden, der sagt, ich verstehe dich, räche dich an der Gesellschaft, schlag zu«, erläutert Philipp Leeb. In diesem Zusammenhang bietet genderkritische Bubenarbeit frühe Arbeit zur Rechtsextremismus- und Radikalisierungsprävention.

Gendersensible Bubenarbeit hat jedoch immer auch die Frage im Auge, wie geschlechterreflektiert gearbeitet werden kann, ohne Geschlechterstereotype zu verstärken. Die Buben gibt es nicht. Bubenrealitäten unterscheiden sich nach gesellschaftlichen Ungleichheitslinien wie Rassismus, sozio-ökonomischen Klassen bzw. Milieus, sexueller Orientierung etc. Eine Auseinandersetzung mit den Überschneidungen zwischen Geschlecht und anderen Linien der Ungleichheit ist mithin notwendig, um Geschlechterstereotype über Jungen nicht noch zu verschärfen, um Motivationen und Anlässe für Jungen zu unterschiedlichen Formen dominanten Verhaltens zu verstehen, um Geschlecht nicht gegen andere Unterscheidungslinien auszuspielen, kurz: um eine subjektorientierte und adressatengerechte Pädagogik zu machen.

Florian Haderer lebt nach einigen Jahren als Lehrer in Sarajewo und Halle wieder in Wien und unterrichtet an einer MS. Dazwischen schreibt er Prosa und Theaterstücke. Der Text folgt in weiten Teilen den Ausführungen in: *Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule. Texte zu Pädagogik und Fortbildung rund um Jungenarbeit, Geschlecht und Bildung. Herausgeber_ innen: Dissens e.V. & Katharina Debus, Bernard Könnecke, Klaus Schwerma, Olaf Stuve. 2012 Dissens e.V., Berlin

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Die Musiker*in und Aktivist*in Dafina Sylejmani in einem Interview mit Heide Hammer über Musik, Liebe, Politik und vieles dazwischen.

Du bist unter verschiedenen Namen bekannt: Duffy, Dacid Go8lin oder Femme DMC. Könntest du deine verschiedenen Identitäten kurz beschreiben? Was machst du unter welchem Label?

DAFINA SYLEJMANI: Duffy koordiniert alles. Dacid Go8lin rappt und macht Musik. Go8lins ist alles, es gibt kein Genre. Ich möchte eine Sinfonie schreiben können, Leute produzieren, alles machen. Ich hatte nie Musikunterricht. Früher fand ich das bedauerlich, jetzt aber weiß ich, dass ich so viel freier bin. So bricht man eher Normen. Meine Songs, meine Beats hören sich sehr trippy an, sie sind eine Mischung von allem Möglichen. Femme DMC ist ein kollektiver Name, es ist ein Movement, es ist weder Verein noch Label, es ist wie eine Schule, die stark macht und das Potenzial jeder Künstlerin in den Vordergrund hebt. Femme DMC gibt es seit 23. Oktober 2015, die erste Generation waren Frauen, die ich schon kannte: Bella Diabolo, Soul Cat, DJ Countessa. Für die zweite Generation – Lady Il-ya, EC, Zion Flex (aus Großbritannien) und VJ-M-Jane, die Visuals machte – gab es die erste Show nach zwei Monaten. Die Verbreitung lief über Mundpropaganda und die Leute haben uns von Anfang an gefeiert, weil es so echt war, alle superstark auf sehr verschiedene Art. Heute bin ich der Motor von Femme DMC und an meinem Beginn in Wien war da Denice Bourbon, die mich gebucht hat und mir geholfen hat, Femme DMC auf die Beine zu stellen und mich ins kalte Wasser gestoßen hat, um die starke Frau zu werden, die ich heute durch diese Erfahrungen geworden bin. Ich bin auch schon mit 39 Grad Fieber aufgetreten, es ist eine große Verantwortung und jenseits von Egoismus. Ich weiß, dass es als Frau schwierig ist, Räume zu betreten, besonders jene Räume, die weitgehend von Männern und ihren Codes dominiert werden. Deshalb ist es so wichtig, miteinander zu lernen und andere zu unterstützen. Wir müssen uns zusammenschließen, auch mit Männern, zugleich braucht es Frauenräume. Klar gibt es zwischendurch irgendwelche Dramen, jeder Mensch entwickelt sich in seiner eigenen Geschwindigkeit und es gibt auch Konflikte.

Im Rap spielt die Sprache eine wichtige Rolle. Du machst viele dreisprachige Songs (Albanisch, Englisch, Deutsch). Erklärst du deinem oft einsprachigen Publikum, worum es geht? In welchen Sprachen träumst du?

DAFINA SYLEJMANI: Drei Sprachen machen mich vollkommen, machen die Energie eins. Deutsch ist eine sehr genaue Sprache, am Anfang wurde ich oft missverstanden. Jahrelang hatte ich damit Probleme, es geht vielen Migrant*innen so. Mittlerweile haben sich diese drei Sprachen in mir ausgebreitet. Ich träume nicht in Worten, mehr in Bildern und Gefühlen, ich denke ebenso. Sprache ist Macht, ich bin eine Bereicherung für Österreich. Ich komme aus einem superstarken Land, bin im Krieg aufgewachsen. Teilweise tue ich mir schwer, empathisch für so kleine Probleme zu sein. Das Leben, das ich gehen musste, hat viel zu viel von mir verlangt. Wir sind oft so unsicher, entfernen uns voneinander. Wie soll ich gut für die Welt sein, wenn ich mich nicht selbst liebe? Aber wie? Irgendwann auf meinem Weg der Politisierung dachte ich auch, jeder weiße Mensch ist scheiße. Wenn ich mich nur auf das Schlechte konzentriere, dann dringt auch keine Energie durch. Diese negativen Gefühle verhindern Austausch, Beziehung und alles wird immer schlimmer. Das Ergebnis waren bei mir zum Beispiel Panikattacken. Dann wählte ich eher einen albanischen Zugang: Im Kosovo feiern dich die Leute, wenn du unsere Sachen magst – Cultural Appropriation (Kulturelle Aneignung), ja klar.

Dir gelingt es, auch sehr schmerzhafte Erfahrungen – Krieg und Flucht ebenso wie das Ende einer Liebesbeziehung oder den Tod einer Kolleg*in – in deiner künstlerischen Arbeit zu thematisieren. Ist das nochmal schmerzhaft? Vielleicht sogar heilsam?

DAFINA SYLEJMANI: Ich hatte eine erste Panikattacke 2017 und ich habe erst 2020 angefangen, über 2017 zu schreiben. Für manche Sachen brauche ich einfach länger, weil ich nicht alles gleich verarbeiten kann. Früher war ich in einem eher aggressiven mood, jetzt bin ich vielfach bewusster. Als ich dachte, ich sterbe, tat es mir leid, meinen Auftrag nicht erfüllt zu habe. Denn Femme DMC ist ein Auftrag, den ich für diese Welt leisten kann, dem Geschlechterkampf die Musik zu geben, Frauen zusammen, egal woher und egal wo, Räume einzunehmen, Frau sein neu zu entdecken, neu zu erschaffen; patriarchale Vorstellungen von dem, was es heißt, Frau zu sein, zu kontrastieren. Deshalb müssen wir unsere eigenen Räume einnehmen. Trennungen, Spaltungen halten uns klein. Ich kann nicht jede*n glücklich machen, aber die Verantwortung des Motors geht über mich hinaus, es geht nicht um mich. Den Opferstatus, den Frauen ebenso wie andere marginalisierte Personen und Gruppen einnehmen, müssen wir auch wieder verlassen, sonst spielen wir dasselbe Spiel immer weiter. Solange du das Privileg hast, über dich und deine Gefühle zu sprechen, bist du kein Opfer. Diese ständig negativen Gefühle machen auch etwas mit dem Rest der Welt, unser Handeln hat Effekt auf die Welt. Ich muss mir eine Antwort geben können auf die Frage: Warum erlebe ich so viel Scheiße? Meine Antwort lautet heute: Deinen Schmerz trage ich nicht. Ich habe meinen eigenen, den kann ich niemand umhängen. Die Erkenntnis lautet also: Raus aus der Opferposition/ -rolle. Ich will endlich meine Macht spüren, den Effekt, die Resonanz, die ich erschaffe, die dann auch zurückkommt.

Du hast hunderte Songs gemacht. Sind manche super, mache gut und manche mau? Arbeitest du rund um die Uhr oder machst du auch mal nichts? Und was ist mit dem Groupies?

DAFINA SYLEJMANI: Ich finde alle meine Songs super gut. Ich habe auch schon drei Songs für Filme verkauft. Als Künstler*in geht es darum, Resonanz zu erzeugen, es geht darum zu machen, nicht zu urteilen. Es geht nicht um mich, es geht um die Message, Story Telling in den Lyrics. Ich schreibe immer dann, wenn ich mich nicht verstanden fühle. Die meisten Songs sind persönliche Geschichten. Das, was mir gefällt, ist nicht unbedingt das, was dem Publikum gefällt. Am Anfang konnte ich vor einem Auftritt zwei, drei Wochen nicht schlafen, war super fertig. Heute mache ich keinen fixen Plan, ich habe alle meine Beats dabei, die Texte im Kopf, schließlich habe ich sie geschrieben, die zugrundeliegenden Geschichten erlebt. Das Ziel ist eine Welle, worin sich die Menschen selber spüren. Es ist schwer in Österreich, Menschen in Bewegung zu bringen. Dabei geht es auch um Magie – Menschen sollen sich spüren, abschalten, loslassen, sich selbst fühlen, ihre Energie, den Herzschlag, die Schwingungen, ihre Gedanken. Ich bin ein*e Alchimist*in, ich liebe es, aus dem Minimum ein Maximum herauszuholen. Ich mache Musik nicht wegen der Groupies. Ich hasse es, sexualisiert zu werden. Offenbar erleben wir eine sexuelle Revolution, eine Glorifizierung von Sexualität und zugleich hassen sich viele Frauen, können sich nicht fallen lassen. Ich habe mein Tinder-Profil jetzt auf Musik umgestellt, eine kleine Werbeplattform. Und ja, doch – ich mach auch mal nichts, muss auch mal raus. Dabei hasse ich es, wenn etwas nicht fertig ist. Ich hasse nichts mehr, als wenn ich Zeit vergeude, daher schau ich schlechte Filme auch bis zum Ende. Liebe ist ganz kompliziert, niemand gehört dir, Menschen teilen die Zeit. Liebe bedeutet, wir gehen einen Weg gemeinsam, so lange es geht, wir bauen uns gegenseitig auf. Kein Zwang, keine Abhängigkeit, das ist für mich keine Liebe, eine offene Beziehung ist für mich keine Liebe. Es geht darum, sich gemeinsam fliegend zu machen. Ich hatte einige toxische Beziehungen und zum Glück auch einige wunderbare. Ich hasse es, auf Dates zu gehen, ich will nichts Konventionelles. Ich muss mich auf den ersten Blick verlieben.

Du warst bei vielen do! Demos auf der Bühne, bist eine der wenigen »Embeded Artists« von LINKS. Du bist im Wien-Wahlkampf oftmals aufgetreten, hast im 8. Bezirk kandidiert. Aus welcher politischen Überzeugung heraus machst du das? Warum LINKS?

DAFINA SYLEJMANI: Politik kann man nur in den Institutionen machen. Es ist ein Privileg, politisch korrekt zu sein. Leute wie wir müssen in die Politik. Die FPÖ ist deswegen so stark geworden. Aktivistische Menschen müssen sich dauerhaft in den politischen Raum begeben. Demos machen, das ist nur ein kurzes Schütteln, unser Platz ist da oben, wo es gilt, die Strukturen zu verändern. Es geht um uns alle, es geht nicht um mich. Politisch geht es um die unterdrückten Menschen, daher gilt es, das Ego runterschrauben. Menschen – links und rechts – sind nicht dumm, oftmals uninformiert. Ich will nicht gewollt werden, nur weil ich lesbische Migrantin bin. Ich bin gegen diese Spaltungen, gegen ein Pronomen: kein er und kein sie, weder Mann noch Frau, weder Ausländer*in noch Österreich*in, weder weiß noch schwarz. Das soll alles nicht zählen, was zählt, ist die Essenz. Ich hasse diese Integrationskacke, wo es nur darum geht, Menschen niederzuhalten, ihnen zu sagen: »Du kannst dich nicht anpassen!« Linke sind oft zu akademisch, dein Wissen kommt vom Buch, aber das ist nur halbes Wissen und kommt aggressiver und ignoranter rüber. Unsere Sprache hat viele Wörter, aber wenig Seele. Ich + Du = Wir. Eine einfache Message, aber darum geht es. Wie bei Femme DMC geht es auch bei LINKS darum, das Konkurrenzdenken zu verjagen – für alle! Es ist der Platz, wo wir unsere Kräfte zusammentun. Jeder Mensch ist ein eigenes Universum, das entdeckt werden muss. Wenn so viele Menschen kommen, kann man das nicht ignorieren, alle zusammen ist viel cooler: Awareness, Zusammenhalt. Durch diese Spaltungen limitieren wir uns. Ich bin muslimisch aufgewachsen, da kann ich nicht verleugnen, dass ich auch Christ und Jüdin bin. Was ich von allen Religionen gelernt habe: Der größte Fehler ist, dass wir in Menschengeschlechtern denken. Die größte Frage ist: Warum wissen wir nichts über unseren Körper? Da fängt Rap an. Musik ist der Weg, wie ich mit Gott und der Welt kommuniziere.

Was sollte in der Kunst- und Kulturförderung anders laufen, damit Künstler* innen sich ihrer Arbeit widmen können?

DAFINA SYLEJMANI: Klar sind Förderungen wichtig und es braucht mehr davon. Die Community ist nicht so groß wie in anderen Städten, aber die Leute gewöhnen sich an dich und du wirst selbstverständlich. Jede*r auf einem Konzert sollte dich fragen: »Kannst du dich noch halten, während du uns hier unterhältst?«

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