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Gleichwertige Ungleichheit?

Eine Kritik am Intersektionalismus steht im Mittelpunkt der neuen Ausgabe von Z. Zeitschrift für marxistische Erneuerung.

Von Krista Springer

»Wir sind jedoch nicht überzeugt, dass eine sozialistische Revolution, die nicht auch eine feministische und antirassistische Revolution ist, unsere Befreiung garantie­ren wird. Wir stehen vor der Notwendig­keit, ein Verständnis von Klassenverhält­nissen zu entwickeln, das die spezifische Klassenposition Schwarzer Frauen berück­sichtigt.«

The Combahee River Collective Statement (1977)

Mit diesen Worten begründete das Schwarze feministische Combahee River Collective in den 1970er Jahren die Notwendigkeit intersektionaler Politik. Heute ist Intersektionalität aus dem akade­mischen wie politischen Diskurs nicht mehr wegzudenken. Stand die Forderung des Combahee River Collective noch auf marxistischen Füßen, so stößt man im heu­tigen Mainstream hauptsächlich auf ein liberal geklärtes Verständnis. Intersektio­nalität ist damit bei weitem nicht die erste politische Intervention, die zum Opfer libe­raler Vereinnahmung wurde.

Die in Frankfurt/M. erscheinende Z. Zeit­schrift für marxistische Erneuerung erhebt die Kritik am Intersektionalismus zum Schwer­punkt ihrer aktuellen Ausgabe. Die Autor:innen inspizieren darin sorgfältig die Anfänge und Weiterentwicklungen der Intersektionalitätsdebatte. Herausragend sind jene Texte, die aus dieser Kritik heraus eine alternative Analyse von Rassismus und Geschlecht entwerfen. Auch wenn sich Intersektionalität schon seit geraumer Zeit mit Kritik aus den eigenen Reihen konfron­tiert sieht, ist es der Verdienst der Z., die Mängel dieses theoretischen Konzepts in gesammelter Form auf Papier zu bringen. Die Stärke der Ausgabe liegt weniger in den Kritikpunkten selbst – Kenner:innen der Auseinandersetzung sind sich dem Gros der konzeptuellen Schwächen bewusst – als vielmehr in den Perspektiven, aus denen sie in die Debatte getragen werden sowie den marxistischen Gegenentwürfen, die einige Beiträge skizzieren.

Was ist Intersektionalität?

Im akademischen Diskurs etablierte sich der Intersektionalitätsbegriff durch die Arbeiten Kimberlé Crenshaws. Als Juristin kritisiert sie das US-Antidiskriminierungs­recht, Überschneidungen von Diskriminie­rungsachsen unbeachtet zu lassen und daher vielen Betroffenen keine juristische Absicherung bieten zu können. Sie argu­mentiert ihre Forderung anhand eines Prä­zedenzfalls bei General Motors, wo im Zuge einer Massenentlassung fast alle Schwarzen Arbeiterinnen des Unternehmens gekün­digt wurden. General Motors wertete den Vorgang weder als rassistische noch als geschlechtsspezifische Diskriminierung, da weder Schwarze Männer noch weiße Frauen von der Kündigung betroffen waren. Crenshaw folgert, dass erst die Ver­knüpfung von Geschlecht und Rasse aus­schlaggebend für die unrechtmäßigen Ent­lassungen gewesen war.

Historisch folgte aus diesem Verständnis von Ungleichheit schließlich ein Kanon theoretischer Beiträge, der sich in folgen­den Kernpostulaten zusammenfassen lässt: Unterdrückungsformen sind nicht von ­einander zu trennen und lassen keine Prio­risierung untereinander zu. Neben der indi­viduellen – wie im juristischen Fall – sind auch die strukturelle, repräsentative und diskursive Ebene gleichermaßen in die Analyse miteinzubeziehen. Darin sind Iden­titäten heterogene, historisch gewordene und gruppenbasierte Gebilde. Intersektionalität ist schließlich auf­grund seiner aktivistischen Praxis eine Kritik von Macht und zugleich eine Quelle von Gegenmacht.

Fehlender Gesellschaftsbegriff

Die Autor:innen des Leitbeitrags (John Lütten, Christin Bernhold und Felix Eckert) vollziehen eine ausführliche Sezierung dieser theoretischen Grundlagen. Ihr Hauptkritikpunkt ist der fehlende Gesellschaftsbegriff. Im Laufe der Lektüre ergibt sich daraus der gesellschaftstheoretisch interessanteste Kritikpunkt: In diesem abwesenden Gesellschaftsbegriff gründe das praktische Unvermö­gen, erfahrungsbasierte Identitäten als den Subjekten gegenüber­stehende verdinglichte Entitäten zu kritisieren. Der Intersektiona­lismus bestätige diese Entfremdung viel mehr.

Der zweite zentrale Kritikpunkt beschreibt, dass sich die Inter­sektionalität als Gegenkonzept zum Primat der Klasse versteht, dem Konzept selbst aber die klassenförmige Vergesellschaftung von Subjektiven als zentraler Mechanismus von Herrschaft und Ausbeutung fehlt. Klasse taucht nur noch als ökonomische Benach­teiligung in Form von »Klassismus« auf; einem zahnlosen Antidis­kriminierungsbegriff, dem letztlich Herrschaftskonformität inhä­rent ist. In den Worten der Autor:innen: »Im Intersektionalismus werden Ungleichheitsverhältnisse und ihre Überschneidung beschrieben, aber nicht erklärt; die Gesellschaftsanalyse erschöpft sich […] im Aufsummieren von Diskriminierungsverhältnissen. Der grundlegende Stellenwert von Ausbeutungsverhältnissen und Klas­seninteressen sowie ihre Vermittlung in Politik und Kultur lässt sich auf diese Weise nicht thematisieren. […]. Der Intersektionalis­mus gibt daher keine Agenda für grundsätzlich gesellschaftskriti­sche Analyse und Politik her.«

Intersektionalismus liefere somit eine Beschreibung statt eine Erklärung von Herrschaft. Auch wenn von Vertreter:innen der Strömung abgelehnt, resultiere das intersektionale Konzept letzt­lich in einem additiven Verständnis von Herrschaftsverhältnissen. Zusätzlich lade der fehlende Gesellschaftsbegriff dazu ein, keine strukturverändernde politische Strategie zu skizzieren. Hier ließe sich einwenden, dass Intersektionalität als Hilfsmittel für eine umfassende Gesellschaftsanalyse konzipiert ist, anstelle den Anspruch zu stellen, selbst Gesellschaftstheorie zu sein. Nichtsdes­toweniger bleibt in der Vielfalt intersektionaler Beiträge häufig ungeklärt, welches Verständnis von Gesellschaft die Grundlage der Analyse bildet. Das Plädoyer für die Gleichrangigkeit von Ungleich­heitsachsen, um eine angebliche politisch-normative Hierarchisie­rung des Marxismus zu vermeiden, mündet schließlich in einer prinzipiellen Ablehnung historisch-materialistischer Gesellschafts­theorie: Das Kind wurde sozusagen mit dem Bade ausgeschüttet. Übrig blieben Identitäts- und Diskriminierungsfragen, die die zugrundeliegenden Verhältnisse wenig bis gar nicht erklären kön­nen.

Offen bleibt jedoch, wie die Autor:innen das Verhältnis von poli­tischer Erfahrung und Struktur bestimmen wollen, wenn Erfah­rung als politischer Ausgangspunkt von Identität und Intersektio­nalität kritisiert wird. Ist Erfahrung denn etwa nicht konstitutiv für ein Verständnis von Gesellschaft? Sollten Linke das erlebbare Irritationsmoment mit der Gesellschaft, das einer Strukturkritik praktisch immer vorausgeht, nicht sogar fördern?

Geschlecht und Rassismus marxistisch verstehen

Für Marxist:innen sind zwei Beträge von besonderem Interesse. Gemeinsam ist ihnen die Kritik der kapitalistischen Produktion von Identität. Eleonora Roldán Mendívil und Bafta Sarbo heben an Ende ihres Beitrags »Rassismus, Identität und Marxismus« glän­zend hervor, wie uns Kategorien wie Weiß, Schwarz und Migrant:in und damit letztlich verdinglichte Identitäten als Normalität begegnen. Hinter diesen imaginierten Kol­lektiven verschwindet die ihrem Phantasma zugrundeliegende materiellen Struktur und damit letztlich die darin eingebetteten Sub­jekte als politisch Handelnde.

In eine ähnliche Richtung argumentiert der Text von Kim Lucht und Margareta Steinrücke »Was macht die Klasse mit dem Geschlecht?«. Während die These eines klas­senförmigen Vergeschlechtlichungsprozes­ses – dem »Klassengeschlecht« – empirische Schwächen aufweist, ist die Kritik an den Konsequenzen einer Vervielfachung von Geschlechtsidentität als Konservierung tra­ditioneller Formen von Weiblichkeit und Männlichkeit sehr plausibel. Das genannte Defizit könnte der von Martha E. Gimenez beigetragene Artikel zur »kapitalistischen sozialen Reproduktion« auf theoretischer Eben ausgleichen. Der vielversprechende Absatz bleibt dann aber sehr knapp. Hier wäre eine genauere Ausführung spannend gewesen. Interessierten sei also geraten, das Buch von Gimenez zu lesen.

Die neue Z. ist ein Muss für Marxist:innen und all jene, die sich in die Intersektionali­tätsdebatte aus einer kritischen Perspektive einlesen möchten. Zudem erfreut, dass die Ausgabe zahlreiche junge und weibliche Autor:innen zur Wort kommen lässt, die sich der kritischen Gesellschaftstheorie ver­schrieben haben. Obgleich die marxistische Kritik im deutschsprachigen Raum dazu neigt, sich abwehrend hinter Zitaten aus Marx-Engels-Werken zu verschanzen – auch die Z. blieb davor nicht gewahrt –, gelingt der Ausgabe ein hoffnungsvoller Ausblick auf die Erneuerung marxistischer Gesell­schaftsanalyse.

Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, »Kritik des Intersektiona­lismus«,
Nr. 126, Juni 2021, 10 Euro

www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de

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Von Peter Fleissner.

In der deutschen Linkspartei rumort es. »Die Selbstgerechten«, das neueste Buch von Sahra Wagenknecht, hat Öl ins Feuer gegossen und eine emotional aufgeheizte Debatte über die richtige Politik der Partei losgetreten, eine Debatte, die durch Ver­luste bei den WählerInnen an Dringlichkeit gewonnen hat. Worum geht es dabei?

Es ist sicher hilfreich, zwischen den Sach­argumenten für eine bestimmte Richtung der Politik und den parteistrategischen Aspekten zu trennen. Zum einen: Welchen Weg soll die Politik der Linkspartei länger­fristig einschlagen? Und zweitens: Wie kann sich die Partei nach Beantwortung der ersten Frage möglichst mehrheitsfähig positionieren? In ihrem Buch hat Sahra Wagenknecht Ursachen für die Abweichung von der traditionellen Linken unter die Lupe genommen und sich für einen neuen – eigentlich alten – Weg stark gemacht. Das »Wie?« eines Übergangs bleibt aber im Dunkeln.

Zur Person

Sahra Wagenknecht ist eine erfahrene und in den Medien präsente Politikerin. Nach vielen Jahren im Vorstand der PDS war sie nach der 2007 vollzogenen Vereinigung mit der WASG zur Nachfolgepartei Die Linke bis 2014 eine der stellvertretenden Parteivor­sitzenden. Internationale Erfahrung gewann sie von 2004 bis 2009 als Mandats­trägerin im Europäischen Parlament, seit­her vertritt sie Die Linke im Deutschen Bundestag, von 2015 bis 2019 als Fraktions­vorsitzende. Die studierte Ökonomin, die sich lieber als Ökonom bezeichnen lässt, hat immer wieder für Aufsehen gesorgt, etwa 2018 durch die Gründung einer linken Sammelbewegung »aufstehen«1 gemeinsam mit ihrem Ehemann Oskar Lafontaine. Sie wollte die verstreute Linke parteiübergrei­fend zu einer neuen gesellschaftspoliti­schen Kraft zusammenführen. Obwohl die Sammelbewegung rasch mehr als 150.000 Mitglieder zählte, gilt sie heute als geschei­tert. Wagenknecht zog sich aus Gesund­heitsgründen daraus zurück. Heuer kandi­diert sie wieder zur Bundestagswahl im September, nachdem sie von der Linkspartei von Nordrhein-Westfalen mit 61 Pro­zent der Stimmen auf Platz 1 der Landes­liste nominiert wurde. Aber gleichzeitig wurde auch Kritik laut: Mehrere Vorstands­mitglieder forderten sie auf, von der Kandi­datur abzusehen, da sie mit ihrem Buch eine Spaltung der Partei heraufbeschwören würde.

Die Linksliberalen

Angesichts der mäßigen Wahlergebnisse der Linkspartei, die meist unterhalb der Zehn-Prozent-Marke liegen (einzige posi­tive Ausnahme war Thüringen mit 31 Pro­zent), meint Sahra Wagenknecht, dass eine Neuorientierung der Parteipolitik auf andere Zielgruppen nötig wäre, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Sie konstatiert, dass in der Linken eine Umorientierung weg von der klassischen linken Politik, die sich immer mit den Schwächeren solidarisiert hat, erfolgt wäre. An Stelle einer klassenbe­zogenen Politik hätte die Gruppe der »Linksliberalen« auf Identitätspolitik gesetzt. Dies wäre »eine relativ junge geis­tig-politische Strömung, die erst in den letzten Jahrzehnten gesellschaftlichen Ein­fluss gewonnen hat«. Wagenknecht veror­tet die Linksliberalen in mehreren Parteien, einerseits in den Reihen der Sozialdemo­kraten (in Österreich wurde der Name Tos­kanafraktion geprägt), die sich dem Neoli­beralismus zugewandt haben; den Grünen, die sich nicht mehr klar für eine Politik des Friedens und der Abrüstung entschieden hätten; und eben ihrer eigenen Partei, in der die Linksliberalen immer stärker den Ton angeben. Dabei wären diese weder links noch liberal.

Weder links….

Links wären sie nicht, denn eine linke Poli­tik hätte sich immer für die eingesetzt, die es schwer haben und denen die Gesellschaft höhere Bildung, Wohlstand und Aufstiegs­möglichkeiten verwehrt. Durchaus partei­übergreifend hätte das linksliberale Milieu aber »seine soziale Basis in der gut situier­ten akademischen Mittelschicht der Groß­städte« (S. 9). Das Auftauchen dieser Milieus ist kein Zufall, sondern ein Ergebnis der kapitalistischen Entwicklung der letz­ten Jahrzehnte, bei der die Linksliberalen sich mehrheitlich auf der Seite der Gewin­ner fanden, währen die klassischen Arbeiter­schichten, kleine Angestellte, Arbeitslose und sich selbst ausbeutende kleine Selbstständige eine Verschlechterung ihres Lebensniveaus erfuhren.

… noch liberal

Liberal wären sie auch nicht, denn die klassi­schen Liberalen hätten sich neben Freiheit und Toleranz immer auch für soziale Verant­wortung interessiert. Die Linksliberalen hät­ten am Niedergang der Debattenkultur ihren Anteil. Rationale Argumente würden nicht mehr gegeneinander abgewogen, sondern durch Abwertungen und Beschimpfungen ersetzt. Der Diskussionspartner werde zum Feind. Der Diskurs stecke voller Widersprüche und falscher Schlussfolgerungen, die Kontra­hentInnen würden verteufelt. Wagenknecht gibt Beispiele für falsche logische Zuordnun­gen: »Nazis sind gegen Zuwanderung? Also muss jeder Zuwanderungskritiker ein ver­kappter Nazi sein! Klimaleugner lehnen CO2-Steuern ab? Also steckt wohl mit ihnen unter einer Decke, wer höhere Sprit- und Heizöl­preise kritisiert! Verschwörungstheoretiker verbreiten falsche Informationen über Corona? Wer anhaltende Lockdowns für die falsche Antwort hält, steht also mutmaßlich unter dem Einfluss von Verschwörungstheo­rien! Kurz: Wer nicht für uns ist, ist ein Rech­ter, ein Klimaleugner, ein Aluhut … So einfach ist die linksliberale Welt.« (S. 10)

Wahlergebnisse

Die verschlechterten Wahlergebnisse für die linken Parteien und die gleichzeitige Stärkung der Rechten treten nicht nur in Deutschland auf. Thomas Piketty hat in seinem zweiten umfangreichen Werk Kapital und Ideologie (nach Das Kapital im 21. Jahrhundert) die Verän­derungen in der WählerInnenlandschaft detailliert in 13 Ländern untersucht und eine ähnliche Entwicklung festgestellt: Es gibt zwei große Gruppen, die in den 1950er und 1960er Jahren linke Parteien wählten, jedoch in den Jahren 1990 bis 2020 nicht mehr. Es waren dies einerseits Industriearbeiter*innen, anderer­seits einfache Angestellte im Dienstleistungs­bereich, vor allem Menschen in den unteren Lohngruppen und mit geringerer Bildung, die sich von der traditionellen Linken angespro­chen und von ihr vertreten fühlten. Heute seien es die Bessergebildeten und in wachsen dem Ausmaß die Besserverdienenden, die links wählen, während die untere Hälfte der Bevölkerung den Urnen fernbleibt oder für konservative oder rechte Parteien stimmt.

Flüchtlingspolitik

Während viele Linke gemeinsam mit Mer­kel für eine Willkommenspolitik und für offene Grenzen plädierten, meinte Wagen­knecht 2016 in der Zeitung Die Welt: »Dass es Grenzen der Aufnahmebereitschaft in der Bevölkerung gibt, ist eine Tatsache, und dass Kapazitäten nicht unbegrenzt sind, auch. Das festzustellen, ist weder links noch rechts, sondern eine Banalität.« Dies brachte ihr den Vorwurf des Faschismus und den Bewurf mit einer Torte ein. Fünf Jahre später meinen parteiinterne Kritike­rInnen, in Wagenknechts Buch würden Bewegungen wie Unteilbar, Black Lives Matter oder Fridays for Future verun­glimpft, womit sie gegen ihre eigene Partei agiere. Auch durchaus richtige Bemerkun­gen Wagenknechts, dass sich die Wirt­schaftsflüchtlinge eher aus den besser Gebildeten und besser Verdienenden der Herkunftsländer zusammensetzten, dass gerade die qualifizierteren Menschen das Land verlassen würden und die ärmsten Menschen aus Geldmangel gar nicht flüch­ten könnten, werden als Affront verstan­den.

Reformvorschläge

In dieser aufgeheizten Stimmung kommen auch Wagenknechts programmatische Vor­schläge unter die Räder. Obwohl sie in dem Buch Begriffe wie Sozialismus oder Kom­munismus explizit nicht verwendet, sollte dies nicht zu negativ gesehen werden. Alle Vorschläge sind ja immer darauf zu prüfen, ob sie in Richtung Sozialismus weisen.

Wagenknecht verweist auf die Bedeutung des Nationalstaats, der von den Linkslibera­len als altmodisch und kontraproduktiv abgetan wird. Aber nach wie vor ist der Nationalstaat in Europa die Arena, auf der sich die wichtigen politischen Auseinander­setzungen abspielen. Erst in zweiter Linie kommt die Europäische Union, die von den Kräfteverhältnissen auf der nationalen Ebene bestimmt wird. Natürlich heißt das nicht, dass Umweltfragen, Energieproduk­tion, Migration oder digitale Standards auf nationaler Ebene entschieden werden soll­ten, sondern international abgestimmt wer­den müssen.

Für soziale Dienstleistungen (Gesundheit, Pflege) und für die digitale Infrastruktur (Plattformökonomien) schlägt Wagenknecht die Überführung in gemeinwohlorientiertes Eigentum vor. Für private Industrieunter­nehmen wäre eine alternative Rechtsform günstiger, die sie »Leistungseigentum« nennt. Ein solches Unternehmen hat keine externen Eigentümer, sondern Kapitalgeber, die für ihre Einlagen Zinsen erhalten und nach Auszahlung alle Ansprüche auf die Firma verlieren. Die Firma gehört sich schließlich zur Gänze selbst. Dies ist keine Utopie: Zeiss, Saarstahl, Bosch und ZF Fried­richshafen sind so strukturiert.

Refeudalisierung

Wagenknecht konstatiert eine Refeudalisie­rung von Wirtschaft und Gesellschaft, wodurch sich die ökonomische und soziale Ungleichheit und die Armut verstärken. Wohlhabende Schichten schotten sich ab, Misstrauen und Feindseligkeit zwischen unterschiedlichen Lebensniveaus nehmen zu. Das Bildungsprivileg kehrt wieder, Lebenschancen werden stärker von der Her­kunft geprägt und nicht von eigener Leis­tung. Linksliberalismus sei eine große Erzählung der akademischen Mittelschicht, die aus den gegenwärtigen Verhältnissen Vorteile ziehen kann, während Schwächere auf der Strecke bleiben. Die Chancen von Frauen und von Einwandererkindern aus ärmeren Verhältnissen sind heute geringer als vor 30 Jahren, es gibt weniger Integra ­tionsmöglichkeiten, trotz der identitätspoli­tischen Erzählung von der Überwindung nationaler Abschottung, provinzieller Bor­niertheit, von Weltoffenheit, individueller Emanzipation und Selbstverwirklichung.

Es wird die Aufgabe der Partei Die Linke sein, ihr Programm so zu gestalten, dass sie die Emanzipation der Arbeit (Marx) auf allen relevanten Ebenen fördert. Dabei wird es darum gehen, klassenbezogene Forderun­gen mit identitätsorientierter Politik zu ver­binden, ohne die Einheit der Partei aufzuge­ben. Dazu sind Diskussionen auf gleicher Augenhöhe nötig, die ohne Ausschlussdro­hungen und Beschimpfungen auskommen.

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Thomas Keck war der Lebenspartner des 1991 verstorbenen Schriftstellers Ronald M. Schernikau, dessen künstlerischen Nachlass er betreut und herausgibt. Die Volksstimme hat ihn anlässlich des Schernikau-Jahres 2020/21 zum Gespräch gebeten.

In wenigen Monaten geht das »Scherni­kau-Jahr« – 60. Geburtstag im Juli 2020 und 30. Todestag im Oktober 2021 – zu Ende. Wie ist es heute um die Bekannt­heit des Autors bestellt?

THOMAS KECK: 30 Jahre … das ist schon verrückt, oder? Damals gab es zwei, drei Zeitungsmeldungen anlässlich seines Todes, weil doch vereinzelt noch in Erinne­rung war, dass er im Herbst 89 die Staats­bürgerschaft der DDR angenommen hatte, ein paar Tage vor ihrem Ende. Dieser Umzug war bis Tokio groß im Feuilleton. Dabei war er nicht kalkuliert, kein Presse­coup, sondern natürlich aus innerster Überzeugung und gegen alle Widerstände aus West und Ost, grade auch der Partei, von langer Hand vorbereitet; der Zeitpunkt war Zufall.

Nicht ganz dieses Echo, aber doch jeweils starkes hatte die »Milva der deutschen Literatur«, eine schnell Kult gewordene Selbstbezeichnung, bis dahin mit KLEIN­STADTNOVELLE und DIE TAGE IN L., der Erzählung eines schwulen Comingout, als der Begriff noch nicht im Schwange war, in der westdeutschen Provinz und dem Essay über die systembedingte Sprach- und Ver­ständnislosigkeit zwischen DDR und BRD. Und auf dem Schreibtisch hatte er bei sei­nem Tod nach acht Jahren Arbeit fertig, aber ohne Verlag, den Riesenroman LEGENDE liegen.

Anfang der neunziger Jahre krähte kein Hahn nach solcher emanzipierter und hei­ter unbeirrbar um wirkliche Emanzipation werbender Literatur. Wer damals gestorben war, war wirklich, wenn du mir das unmög­liche Wort erlaubst, töter als tot. Schon die Lebenden, die nicht ausführlich coram publico Abbitte geleistet hatten, waren ja nicht bloß an den Rand, sondern rausge­drängt worden aus dem Betrieb und damit in ihrer Existenz geschädigt, so, dass etwa Gisela Elsner, langjährige enge Freundin von Schernikau, keinen Weg mehr für sich sah als den Freitod. An eine Publikation von LEGENDE war nicht zu denken, alle, wirk­lich alle Verlage hatten abgelehnt.

LEGENDE konnte erst Jahre später erscheinen, dank einer Subskriptions­kampagne, an der sich u. a. Peter Hacks und Elfriede Jelinek beteiligten.

THOMAS KECK: Ja, die Zeiten ändern sich, wir ändern sie, um einmal Schernikau zu zitieren: »Eine Niederlage ist eine Nieder­lage, das sind Angelegenheiten bloß eines Jahrhunderts«. Und je undurchlässiger betoniert der Sieg des Westens schien, desto beharrlicher begannen die Leute, Alternativen zu suchen. 1999 hatte es noch starker Worte von Peter Hacks und Elfriede Jelinek und einer Woge der Solida­rität bedurft, um mithilfe von 500 Subskri­bierenden die Erstveröffentlichung zu erzwingen. Heute haben wir, schon seit zwei Jahren, LEGENDE ausführlich kom­mentiert als ersten Band der im Berliner Verbrecher-Verlag in Arbeit befindlichen Schernikau-Werkausgabe vorliegen.

Wir blicken zurück auf erfolgreiche Theaterabende wie die ausschließlich aus Originaltexten zusammengestellte Scher­nikau-Collage DIE SCHÖNHEIT VON OST­BERLIN am Deutschen Theater in Berlin und eine Bühnenadaption von LEGENDE an der Berliner Volksbühne, beide auch über­regional hoch gelobt. Nicht zu vergessen die populäre Biographie von Matthias Frings. Es liegen auch Übersetzungen von KLEINSTADTNOVELLE ins Italienische und ins Spanische vor. Schernikau ist zuneh­mend präsent in der Literaturwissenschaft und den Genderwissenschaften.

Ihr habt in den 1980er Jahren oft gemeinsam Wien besucht. Wo habt ihr gewohnt, wenn ihr hier wart, und wie habt ihr in Wien eure Zeit verbracht?

THOMAS KECK: Grinzing war unser Früh­jahrs-, Sommer- und Herbstwohnsitz. Das hat mit meiner Herkunft aus Wien zu tun – ich bin hier geboren und aufgewachsen und habe das Max-Reinhardt-Seminar besucht – und mit der Tatsache, dass meine Eltern ein bisschen Platz in Gestalt eines Gartenhauses hatten, das ihnen in ihren mittleren Jahren nicht ganz so wich­tig war, als sie in ihren Urlauben lieber auf Reisen gingen. Ein wunderbarer Ort, par­zellierter Weingartengrund mit einem kleinen Holzhaus, das mein Großvater in der globalen Krise der dreißiger Jahre gebaut hatte.

Wir haben oft Monate dort verbracht, die Idee und große Teile von LEGENDE sind in Grinzing entstanden. Schernikau hat hier Wittgenstein gelesen und, stöhnend zwar, aber auch mit Lust und großem Gewinn, Hegel – »Wer sich den Luxus erlau­ben kann, sollte unbedingt Hegel lesen.« – neben der Volksstimme natürlich, die wir als Tageszeitung abonniert hatten, und der gan­zen österreichischen Literatur rauf und run­ter: Ingeborg Bachmann und Friederike Mayröcker, H. C. Artmann, Ernst Jandl und Andreas Okopenko, Michael Scharang und Peter Turrini und Elfriede Jelinek.

Elfriede Jelinek war von all diesen SchriftstellerInnen am wichtigsten für ihn.

THOMAS KECK: Schernikau hat Jelinek sehr genau verfolgt, er kannte und schätzte sie von ihren frühesten Texten beginnend. Ich habe eine Lesung der »Liebhaberinnen« erar­beitet in Westberlin, eine schöne, scharfe, lustige Sache, aber je näher die Premiere rückte, desto mehr hatte ich den Eindruck, irgendwas daran stimmt nicht. Also bat ich ihn auf eine Probe. Und er lachte sehr und fand das alles ganz wunderbar und sagte nur: »Du bist zu lang.« Setzte sich hin und strich das Buch, das ich auswendig kannte, auf die Hälfte zusammen, ich schreiend daneben, weil damit natürlich auch die Hälfte der krassen Pointen entfiel. Was soll ich sagen: er hatte Recht. Dieser beherzte dramaturgi­sche Zugriff fehlt mir bis heute, ich bin wohl eher der Peter Stein von uns beiden.

Er hat immer nach Gründen gesucht, sie zu treffen, aber erst, als er ihr DIE TAGE IN L. schicken und damit seinen Umzug in die DDR melden konnte, hat er sich wirklich an sie gewendet. Spät also kam es zu dieser Begeg­nung, die Elfriede Jelinek sehr schön irgendwo schildert.

Seid ihr in Wien auch direkt mit der KPÖ in Berührung gekommen, etwa am Volksstimmefest? Gibt es Wien-Bezüge, etwa in LEGENDE, die es noch zu entde­cken gilt?

THOMAS KECK: Ah, das Pressefest Ende des Sommers, wo auch immer die PoetIn­nen auftraten, Hand in Hand quasi mit der internationalen Box-Elite und den »kackengeilen«, wie er sagte, Judokas. Von ihnen sammelte er auch Fotos zwi­schen seiner Korrespondenz und den Manuskripten; die Mengen an Handzet­teln, Pamphleten, Aufrufen zu Demos, die wir mitnahmen von dort, Zeugnisse des politischen Tageskampfes.

Ich muss es hier einstreuen, weil es so gut passt, obwohl natürlich kein Wien-Bezug im Speziellen: In LEGENDE gibt es einen kleinen Text, den er als Siebzehn­jähriger für seine Parteigruppe in Hanno­ver geschrieben hat, da sitzen die Tugen­den beisammen und streiten, so nach dem Motto: »Ich bin die erste Sängerin«, wer unter ihnen die Größte sei, bis der Kampf diesen Rang beansprucht und sie ihn wäh­len, denn schließlich erschafft erst sein Zutun eine Welt, in der ihr Strahlen wirk­lich sinnvoll werden wird.

Ich will noch eine kleine Anekdote erzählen: Schernikau hatte großen Res­pekt, andere würden sagen, eine Phobie vor Kirchen. Er hat mir erzählt, er hätte noch nie eine betreten. Eines Tages bat er mich, ihn in den Stephansdom zu beglei­ten. Hand in Hand gingen wir also, nein, wir tasteten uns durchs Riesentor, und wie er sich diesen Raum eroberte, archi­tektonisch und gleichermaßen die Andächtigen, deren Haltungen er respekt­voll nachahmte, um ihren Sinn zu erfas­sen, vom Stecken der Votivkerzen bis zum Knien vor Altären, das gehört zu meinen unauslöschlichen Erinnerungen an ihn. Aufgehoben in LEGENDE.

Schernikau wird heute von der Jungle World und der jungen Welt gleicherma­ßen geehrt und gefeiert. Er ist sowohl für antideutsche Linke als auch für tra­ditionelle MarxistInnen eine »Identifi­kationsfigur«. Hast du eine Vorstel­lung, wie er sich selbst in heutigen politischen Debatten verorten würde?

THOMAS KECK: Du sagst es, aber wer soll das beantworten? Oder so: Schon in Klein­stadtnovelle ist eben nicht das Comingout die­ses Provinzkindes die unerhörte Begeben­heit, die der Titel suggeriert, sondern das, was über das bloß Zeit- und Entwicklungsge­bundene hinausweist, die Emanzipation zum politisch denkenden und agierenden Men­schen. Das ist es, was die Geschichte für immer mit Gewinn lesbar macht.

Noch für die kleinsten Artikel, die wir in KÖNIGIN IM DRECK zusammengestellt haben, gilt das, die Interviews mit Betroffe­nen in dem Beitrag über die Arbeit mit AIDS etwa, die Gespräche mit Cox Habbema und Ingrid Caven, das alles war tagesaktuell und wäre längst veraltet, aber die Leute sprechen, und Schernikaus Zugriff ist immer für morgen und übermorgen. LEGENDE ist ganz Westberlin auf tausend Seiten, aber niemand wird auf die Idee kommen, sie als Westberlin-Roman zu lesen. Ursula Püschel, eine deutsche Litera­turwissenschafterin, hat 2014 geschrieben: »Schernikau ist Weltliteratur.« Und wenn wir jetzt kurz an Homer denken, dann haben wir auch die Antwort: als Dichter.

Der Berliner Verbrecher-Verlag bringt seit 2009 Werke aus Schernikaus Nachlass heraus. Wie geht es mit der Werkausgabe weiter, die ihr 2019 mit LEGENDE begonnen habt?

THOMAS KECK: Es wird noch ein, zwei Jahre dauern. Wir bereiten gerade eine Aus­gabe seiner Briefe vor. Der Tod Schernikaus fällt mit dem Ende des Briefzeitalters zusam­men, und wir haben im Archiv der Akademie der Künste Berlin, wo der Nachlass dauerhaft untergebracht ist, an die tausend von ihm erhalten. Das wird ein Buch!

Interview: Manfred Mugrauer

Thomas Keck wurde 1956 in Wien geboren. Nach dem Studium am Max-Reinhardt-Seminar folgten Engage­ments in Oldenburg, Marburg, Salzburg, Wien und Berlin. Seit 1982 lebt er in (West)Berlin, wo er freibe­ruflich als Schauspieler und Regisseur arbeitet. Er ist Herausgeber der fünfbändigen »Berlinischen Drama­turgie« der von Peter Hacks geleiteten Arbeitsgrup­pen an der Akademie der Künste der DDR, Verwalter des Nachlasses von Ronald M. Schernikau und betreut die Website schernikau.net.

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Von Marian Demitsch.

Die Wahl der Österreichischen Hoch­schüler_innenschaft (ÖH) im Jahr 2021 ist geschlagen und die Feierlichkeiten gut überstanden. Und zu feiern gab es aus lin­ker Perspektive wahrlich einiges. Speku­lierten manche bereits im Vorfeld ange­sichts der zu erwartenden geringen Wahl­beteiligung mit einem guten Ergebnis des Kommunistischen Student:innenverbands – Linke Liste (KSV-LiLi), so übertraf dieses am Abend des 20. Mai jedoch alle Hoffnun­gen.

So konnten in der ÖH-Bundesvertretung (BV) trotz des Abfalls der Wahlbeteiligung von 25 auf 15 Proeznt die absoluten Stim­men gesteigert werden. Die Mandatszahl verdoppelte sich damit auf zwei Mandate. Auch in der Universitätsvertretung der Uni Wien konnte erstmals ein drittes Mandat errungen werden. Als neue drittstärkste Fraktion konnte der KSV-LiLi sowohl die Neos-Studierenden als auch die ÖVP-Akti­onsgemeinschaft hinter sich lassen. Die neue Innsbrucker KSV-LiLi-Gruppe konnte bei ihrem ersten Antritt noch nicht in die Universitätsvertretung einziehen, war dort aber bereits auf Anhieb stärker als RFS und KSV-KJÖ. Nicht zuletzt kann auch auf das Ergebnis an der Universität für Ange­wandte Kunst Wien hingewiesen werden, an der KSV-LiLi stärkste Fraktion auf BV-Ebene wurde.

Trotz des starken linken Ergebnisses lässt eine kommunistische Beteiligung an der Exekutive der ÖH-BV zunächst noch auf sich warten. Nach langen Gesprächen wurde den Verhandler:innen des KSV-LiLi schließ­lich mitgeteilt, dass auf ihre Forderungen nicht eingegangen wird. Statt einer Kampa­gne zur Sichtbarmachung von Prekarität unter Studierenden oder der Etablierung eines Referats für antifaschistische Gesell­schaftskritik beschränken sich VSStÖ und GRAS lieber auf ein »Rebranding« der ÖH.

Erfolgreicher verliefen die Koalitionsver­handlungen für den KSV-LiLi an der ÖH Uni Wien. Trotz des klaren Wunsches der Neu­auflage der großen Viererkoalition, in der auch die GRAS vertreten war, einigte man sich hier schließlich auf ein Bündnis mit dem VSStÖ mit Beteiligung der linken Basisgruppen. Neben der »Fight Preca­rity!«-Kampagne konnte hier etwa ein Anti­rassismus-Kongress, das Bekenntnis zum Kampf für kritische Rechtsextremismusfor­schung und erneut die starke Förderung von emanzipatorischen, linken Projekten durchgesetzt werden. Damit sorgt der KSV-LiLi weiterhin innerhalb der linken Koali­tion an der ÖH Uni Wien für radikale linke Politik, die den Anspruch hat, gesellschaft­liche Verhältnisse aktiv zu kritisieren und zu überwinden.

Marian Demitsch (25) studiert Soziologie an der Uni Wien und ist Aktivist von KSV-LiLi.

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Unter der Losung »Was tun!« trat der 38. Parteitag der KPÖ zusammen. Fortan wird eine neue Generation Gesicht und Politik der Partei prägen.

Von Michael Graber und Mirko Messner

Drei Mal musste er verschoben werden, am 19. und 20. Juni konnte er endlich stattfinden. An diesem heißen Wochenende versammelten sich rund 150 Kommunist* innen in der VHS Liesing, um den 38. Par­teitag der KPÖ durchzuführen. Es war damit auch das erste größere Zusammen­treffen der Partei seit Beginn der Corona-Zeit, das endlich auch wieder die Atmo­sphäre des kollektiven Beratens, Diskutie­rens und Entscheidens spürbar werden ließ. Delegierte aus allen Bundesländern und Vertreter*innen befreundeter Organi­sationen waren gekommen. Das Bedürfnis, einander wieder zuzuhören, war an der großen Aufmerksamkeit im Saal abzulesen. Während bei den Parteitagen anderer Parteien, aber oft auch bei Parteitagen der KPÖ in der Vergangenheit, die Musik, also die eigentlich relevanten Diskussionen, in den »Couloirs«, d. h. in den Nebenräumen oder beim Buffet spielte, war das diesmal ganz anders.

Generationswechsel

Es war auch deshalb ein besonderer Parteitag, weil er einen Einschnitt und einen neuen Aus­gangspunkt in der Entwicklung der KPÖ bedeutet. Der Einschnitt ergab sich daraus, dass er mit einem gründlichen Generations­wechsel in den leitenden Gremien verbunden war. Mirko Messner, der seit 2006 Bundesspre­cher der KPÖ war, kandidierte nicht mehr für diese Funktion. In gewisser Weise trat die »Nach-68er-Generation« ab, zu der auch der ehemalige Parteivorsitzende Walter Baier und der langjährige Finanzreferent Michael Graber gehören. Sie wurden vom Parteitag mit viel Applaus aus ihren Funktionen verabschiedet.

Motivierende Wahlerfolge

Eröffnet wurde der Parteitag von Michael Gra­ber. Er verwies unter anderem auf den Plan, das Arbeitslosengeld auf 40 Prozent Nettoer­satzrate zu reduzieren, sowie auf den Hinaus­wurf von einem Drittel der Belegschaft im LKW-Werk in Steyr und die Lohnkürzungen von 15 Prozent für den verbleibenden Rest. Darin zeige sich beispielhaft die antisoziale Brutalität, mit der in den nächsten Jahren zu rechnen sein werde. Umso motivierender sei es, dass der Parteitag an einige bemerkens­werte wahlpolitische Erfolge in den letzten drei Jahren anknüpfen kann: Wiedereinzug in den Salzburger Gemeinderat mit KPÖ Plus, Erringung der Vertretung der Alternativen Liste Innsbruck im Gemeinderat mit Unter­stützung und Beteiligung der KPÖ, Ausbau der Vertretung im steirischen Landtag mit den zwei Mandaten, wobei das Dritte nur knapp verfehlt wurde, sowie das gute Abschneiden bei den steirischen Gemeinderatswahlen. Wahlerfolg bei den Wiener Bezirksratswah­len gemeinsam mit Links mit 23 Mandaten in 15 Bezirken, von denen neun statt bisher fünf von Mitgliedern der KPÖ gehalten wer­den. Der fulminante Wahlerfolg der Liste Schuh-KPÖ in Fischamend bei den Gemein­deratswahlen in Niederösterreich, wo mit 12 Prozent sogar die SPÖ überholt wurde, Stim­men- und Mandatszuwachs des Gewerk­schaftlichen Linksblocks bei den Arbeiter­kammerwahlen usw. Insgesamt, so berich­tete Florian Birngruber dem Parteitag, hält die KPÖ derzeit 115 kommunale Mandate, davon 80 in der Steiermark. Und dann gab es vor wenigen Wochen bei den Wahlen zur Österreichischen Hochschüler*innenschaft (ÖH) den Wahlerfolg von KSV-LiLi mit drei Mandaten und absoluten Stimmengewinnen trotz niedriger Wahlbeteiligung an der Uni­versität Wien, der größten Uni im deutsch­sprachigen Raum. KSV-Lili wurde damit drittstärkste Fraktion, noch vor den ÖVP- Student*innen, und ist erstmals auch im Uni­versitätssenat, dem wichtigsten Gremium der Uni Wien, vertreten. In der Bundesver­tretung der ÖH konnten die beiden kommu­nistischen Listen (KSV-Lili und KSV-KJÖ) ihre Mandate von zwei auf vier verdoppeln.

KPÖ nicht allein zu Haus

Mirko Messner und seine bis 2012 Ko-, danach stellvertretende Bundessprecherin Melina Klaus, die ebenso wie die Stellvertre­tenden Christiane Maringer und Michael Schmida nicht mehr kandidierte, referierten den Rechenschaftsbericht gemeinsam.

Heute, so Messner, unterscheidet sich die politische Landschaft stark von jener in den vergangenen Perioden: Einerseits ist die KPÖ wie alle Linksparteien mit einer globalen Umbruchsituation konfrontiert, in der sich vielfältige Krisen ineinander verflechten und insgesamt durch die ökologische Krise ver­tiefen, und in der die Linke weltweit ihren Platz finden muss. Andererseits ist die KPÖ in der österreichischen politischen Land­schaft nicht mehr allein, was den organisier­ten politischen Raum links von SPÖ und Grü­nen betrifft. Beides vergrößere immens die Anforderungen an die Kommunikationsfä­higkeit der Partei, erfordere neue Ansätze der Organisierung gegen eine Rückkehr zur alten Normalität, für soziale Alternativen, für bedingungslose soziale Existenzsiche­rung.

Melina Klaus thematisierte auch den Begriff der Aktivist*innenpartei. Nach dem Verlust des angestellten Apparats seien Spre­cher und Sprecherin 2006 als Ehrenamtliche angetreten. Auch wenn es nicht ideal sei, so eine Funktion als Ehrenamt auszuüben, hät­ten sie hoffentlich aus der Not eine Tugend gemacht – wobei eine stringente bundespoli­tische Arbeit ohne politischen Apparat zu leisten sich allerdings als fast nicht zu leis­tende Aufgabe herausgestellt hätte. Bewährt habe sich die Aktivist*innenpartei, was die vielfältige, in hohem Maß eigenverantwortli­che Tätigkeit der Kommunist*innen auf regionalen Ebenen betrifft. Jedenfalls, so Klaus abschließend, hätten sie die Partei vor allem als eines geschätzt: als pluralistische Partei. Dies nicht nur zu erhalten, son­dern konstruktiv zu nutzen – diesen Wunsch gab sie weiter.

Neue Generation, neuer Sprecher*innenrat

Adressat dieses Wunsches ist neben dem neuen Bundesvorstand nun auch ein neuer sechsköpfiger Sprecher*innenrat aus jungen, aber politisch erfahrenen Genoss*i nnen. Sie erhielten bei der Wahl in den neuen Bundesvorstand einen gro­ßen Vertrauensvorschuss. Das Gesicht der Partei wird sich dadurch wesentlich ver­ändern, liegt doch das Durchschnittsalter des Sprecher*innenrats bei 38 Jahren. Zwei der neuen Sprecher*innen kommen aus der Jungen Linken, der Nachfolgeor­ganisation der Jungen Grünen nach 2017, deren Bundessprecher*innen sie waren: Sarah Pansy und Tobias Schweiger. Kate­rina Anastasiou war Spitzenkandidatin der KPÖ bei den Europawahlen des Jahres 2019, Natascha Wanek und Günther Hopf­gartner gehörten schon bisher dem Bun­desvorstand der KPÖ an, Rainer Hackauf ist seit Beginn dieses Jahres für die Öffent­lichkeitsarbeit des Bundesvorstands zuständig. Heidi Ambrosch wurde als Frau­envorsitzende bestätigt und Florian Birn­gruber als neuer Finanzreferent und Bun­deskoordinator gewählt. Allesamt ein­stimmig in der konstituierenden Sitzung des Bundesvorstands, die wie im mer am Parteitag selbst abgehalten wurde.

Das Konzept »Organizing«

Ein neuer Ausgangspunkt für die KPÖ besteht in der politischen Orientierung, wie sie am Parteitag rund um das Konzept des »Organizing« beschlossen wurde. Es geht dabei um die Mobilisierung und Akti­vierung der Partei, ihrer Mitglieder und Aktivist* innen auf allen Ebenen – mittels der Formulierung konkreter politischer und sozialer Vorhaben, die zusammen mit ande­ren gesellschaftlichen Kräften erreichbar und durchsetzbar sind und zum Wachsen der Organisation und der Gewinnung neuer Mitglieder beitragen sollen. Dazu sollen neben den Grundorganisationen auch offene Arbeitsgemeinschaften gebildet werden, die sich um konkrete Vorhaben kümmern. Namens des Sprecher*innenrats formulierte Tobias Schweiger das Ziel, bis zum nächsten Parteitag – also in drei Jahren – die Zahl der Mitglieder wieder annähernd auf 2.000 zu bringen. Die KPÖ für Frauen attraktiver zu machen, steht auf der Prioritätenliste ganz oben.

»Wer will, dass die KPÖ so bleibt wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt«

Der neue statutarische Vorsitzende der KPÖ und Mitglied des Sprecher*innenrats Günther Hopfgartner fasste seine Positionen in Abwandlung eines Zitats von Erich Fried so zusammen: »Wer will, dass die KPÖ so bleibt wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt.« Die Herausforderung bestehe in der Formu­lierung einer »transformatorischen Sozialpolitik«, die die Möglichkeit einer solidari­schen Gesellschaft sicht- und erfahrbar mache. Dazu beschloss der Parteitag auch eine Neufassung des Dokuments mit dem Titel »Solidarische Gesellschaft«, das die programmatische Richtung skizziert.

Parteitage, auch die der Kommunist*innen, haben ihre Rituale und meist auch ein fest gefügtes überkommenes zeitliches Korsett. Große Aufregung herrscht natür­lich dann, wenn plötzlich etwas umgestoßen wird. Als sich nach einigen Wortmeldungen zur Generaldebatte herausstellte, dass keine Frauen dabei waren – es gilt in der KPÖ seit vielen Jahren das Reißverschlusssystem –, forderte die Frauensprecherin eine Auszeit, um den anwesenden Frauen unter den Dele­gierten Zeit und Raum zu verschaffen, sich besser in die Diskussion einzubringen. Daraufhin mussten die Männer eine Zeit lang den Saal verlassen, bis es weitergehen konnte. Die Intervention war erfolg- und lehrreich.

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Das Alltägliche patriarchaler Hierarchien und die Konsequenzen für die Gefühle der Männer und die Leben von Frauen.

Von Daniel Sanin

Wie kommt es, dass »wir« in Öster­reich in diesem Jahr schon 14 (bei Erscheinen dieses Textes vielleicht gar schon mehr?) Frauenmorde hatten? Ich möchte mich dem Versuch der Beantwor­tung dieser Frage über verschiedene Ebe­nen annähern. Es gibt zum einen einen realpolitischen Hintergrund, der darin besteht, den Opferschutz und die Täter ­arbeit seit Jahren fast auf Feigenblatt-Niveau zu finanzieren; dann gibt es eine gesellschaftspolitische Dimension, näm­lich die Dominanz eines Männlichkeits­typs auf politischer Ebene, der ungeniert die eigene phallische Macht zur Schau stellt, ohne die üblichen Schleier von Stil, Klassenbewusstsein (Standesdünkel), Höf­lichkeitsformen usw. darüberzulegen. Diese Männer, für die Donald Trump den Prototyp darstellt, leben absolut ungefil­tert ihre phallische Macht aus und kön­nen sich so sogar sexueller Belästigung rühmen. Sebastian Kurz hingegen hat etwas Bübisches, daher bemerkt man die­sen Zug bei ihm nicht so, er täuscht mit jugendlicher Unschuld. Dahinter jedoch lungert genauso die unverstellte Macht­gier, die nichts und niemandem verpflich­tet ist, außer jenen Elementen und Perso­nen, die für den eigenen Machterhalt gerade notwendig sind. Die Dominanz sol­cher Männer in den sichtbarsten Positio­nen, die, koste, was es wolle, ohne Kom­promisse, ihr »Ding« durchziehen, leben vor, was möglich ist.

Hierarchie der Köper

Das schlägt durch auf die dritte Ebene, der ich mich nun widmen möchte, die psy­chische. Was diese Männlichkeit unter anderem nämlich auszeichnet, ist ein Gefühl der Berechtigung und das Ausleben davon. Dieses Gefühl ist »normaler« Bestandteil (westlicher) männlicher Sozia­lisation und Männlichkeit. Die patriarchale Weltsicht stellt alle als männlich identifi­zierten Menschen auf einen Sockel. Daraus ergibt sich eine narzisstische Erhöhung, welche viele gesellschaftliche, soziale und individuelle Probleme generiert und/oder mitbestimmt. Durch diese Erhöhung wird der Mann zum Eroberer der Welt und zu ihrem Herrscher. Die Frau ist Teil dieser Welt, aber nicht als gleichberechtigtes Subjekt, sondern als Teil der Landschaft, als Teil des zu Erobernden. Das wirkt sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche aus, von der geringeren Entlohnung, der nied­rigeren Stellung von »Frauenberufen«, bis hin zur symbolischen Unterordnung, wodurch der weibliche Körper als weich (schlapp, schwach), offen (penetrierbar), voller eigenartiger (komischer, ekliger) Flüssigkeiten usw. gesehen wird und Jungs schon sehr früh erleben, dass »Du Mäd­chen!« eine Beleidigung sein soll.

Demgegenüber wird der männliche Kör­per als stark, hart, geschlossen, sowie aus- und zustoßend imaginiert. Aus dieser »erhabenen« Position nimmt er die Welt in Besitz – samt Frauen in ihr. Es ist sein Recht. Es steht ihm zu. Ganz »natürlich«. Von Kindesbeinen an. Selbst antisexisti­sche Erziehung, das Vorleben von Gleich­berechtigung, ein geschlechtssensibler Kindergarten und noch mehr kommen nicht gegen die ganze sexistisch struktu­rierte Welt an, das kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Jungs spüren und erkennen, dass sie »besser« sind, dass sie auf keinen Fall ein Mädchen sein und nicht mal als ein solches bezeichnet werden möchten.

Zugang zu dieser privilegierten (aber prekären, immer auf Absicherung bedach­ten, aus Angst vor dem Fall beseelten) Position hat ein Individuum über den männlichen Körper, bzw. den Penis. An ihm macht sich der (Macht-)Unterschied fest, er ist der Fetisch der patriarchalen Macht. Kein Wunder, dass er so einen Stel­lenwert in der männlichen Psyche ein­nimmt, seine Glorifizierung wie auch die Verschleierung seiner Instabilität und Ver­letzlichkeit.

Hierarchie der Räume

Aus dem Gefühl heraus, das durch den patriarchalen, narzisstischen Sockel ent­steht, ergeben sich spezifische Formen der Raumnahme, vom bequemen, breitbeini­gen Sitzen im öffentlichen Raum bis hin zur Eroberung ganzer Landstriche. Dazu gehört auch der offene, unbeschwerte Blick, der das zu Erobernde auskundschaf­tet und vermisst. Männer schauen Frauen an. Für sie ist das ungefährlich. Dieses Frauen Anschauen ist Ausdruck einer (unbewussten) sorglosen Eroberungs- und Beherrschungshaltung, gespeist von Gefühlen der Verfügbarkeit und Berechti­gung, von »männlicher Penetrationsener­gie« (K. Hirr). Umgekehrt kann es für Frauen sehr wohl gefährlich sein, einem Mann offen ins Gesicht zu schauen. Das könnte als Aufforderung zur »Eroberung« aufgefasst werden und unangenehme bis lebensbedrohliche Folgen haben.

Die narzisstische Erhöhung der Männer im Patriarchat bildet den Boden männli­cher Gewalt gegen Frauen und das Weibli­che. Diese dient der (Wieder-)Herstellung von Herrschaft und Hierarchie durch Unterwerfung und Kontrolle. Und das drückt sich auch schon im »normalen« männlichen Blick auf der Straße aus.

Hierarchie der Gefühle

Die männliche Position gibt sich als stark, mächtig, kontrollierend, handlungsfähig usw. Alle Gegensätze davon müssen gege­benenfalls abgespalten werden, also Weichheit, Schwäche, Abhängigkeit, Unsi­cherheit, Angst, Ratlosigkeit etc. Die männliche Position ist also prekär, ständig bedroht, da sie sich durch Abgrenzung von ihren Gegensätzen konstituiert. Die Preka­rität ergibt sich auch aus der sozialen Genese von Männlichkeit, im dem Sinne, dass sie sich als Kultur von der bloßen Natur abgrenzen muss. Die Natur wird demgegenüber als zirkulär und immer­während gesehen. Die männliche Erhö­hung muss durch imaginierte körperliche, geistige, soziale und emotionale Überle­genheit gerechtfertigt werden, welche – da nicht real gegeben – ebenfalls sehr brüchig ist. Der Schriftstellerin Margaret Atwood wird das Zitat zugeschrieben, dass Männer Angst davor haben, dass Frauen sie ausla­chen, während Frauen Angst davor haben, dass Männer sie umbringen. Dieses Lachen ist nämlich ein aufklärerisches, eines, das die Wahrheit ans Licht bringt und wo der Witz aus dem Kontrast zwischen Eingebil­detem und Realem entsteht und ersteres in seiner Lächerlichkeit zutage tritt. Das männliche Korsett ist sehr eng, dieses Lachen attackiert den Kern der männli­chen Identität, nämlich, dass er gar nichts besonderes ist, bloß ein Mensch, ganz anders, als Patriarchat, Mama, Papa und wer auch immer es ihn glauben ließ, näm­lich ein Gebieter, Eroberer, Held oder was auch immer.

Alles, was den Selbstwert eines Indivi­duums als es selbst steigert, ist gut, da es die Notwendigkeit, sich an Identitätskon­struktionen zu klammern, weniger dring­lich macht. »Du bist gut, wie Du bist« ist eine heilsame und nährende Botschaft. Abstrakte Identitätsbotschaften wie: »Das machen Männer nicht«, »Bist ein Mann oder eine Maus?«, »Bist schwul oder was?« und ähnliches mehr signalisieren ein Nicht-Genügen des Individuums im Hinblick auf ein Ideal und werten den aktuellen Menschen ab. Wenn ein Mann wenig Selbstwertgefühl hat, können externe Kategorien, wie eben eine männ­liche Identität, umso wichtiger werden. Daher ist in diesem Fall der Schutz bzw. die Stabilisierung dieser exoskelettalen Elemente auch existentiell wichtig.

Hierarchie der Symbolik

Wie schon gesagt, dient Gewalt an Frauen bis hin zum Mord der Stabilisierung oder (Wieder-)Herstellung von Männlichkeit: Demütigungen können vermeintlich gesühnt, Kränkungen geheilt, Verletzun­gen versorgt, Ehre wieder hergestellt wer­den. Das ist zumindest die Phantasie dahinter. Die Realität sieht dann oft ganz anders aus, Existenzen sind zerstört, Beziehungen zerrüttet, Leben ausge­löscht. Das sind aber die Extrembeispiele, die, die in den Medien landen, vor Gericht usw. Auf sie können wir zeigen, mit Abstand. Sie sind dort, dort, wo wir nicht sind, es sind besondere Umstände, die sie dort hingebracht haben. Umstände, die nichts mit uns zu tun haben. Wir sind auf der guten Seite, auf der Seite des Norma­len. Es sind auch Taten, die aus »Liebe«, »Verzweiflung«, »Rache« usw. begangen werden, aus Gründen also, die nachvoll­ziehbar sind, die »wir« verstehen können. Diese beiden Elemente, die Abspaltung ins Abnorme und das Pseudo-Verständlich­machen durch Psychologisierung, dienen der Verschleierung der grundsätzlichen Problematik patriarchal-herrschaftlicher Männlichkeit, welche den Normalzustand stellt. Die Männlichkeit, die schlägt und mordet, ist keine andere, monströse Männlichkeit, es ist dieselbe wie die »nor­male«, »durchschnittliche«. Im alltägli­chen »Abchecken« von Frauen, in der selbstverständlichen Raumnahme in den Öffis, im Mitlachen bei »Witzen«, im Baga­tellisieren sexistischer Diskriminierung, im »Mithelfen« im Haushalt und bei der Kindererziehung (oder beim Ablehnen davon), im Konsum von Mainstream-Por­nografie usw. steckt dieselbe Männlich­keit. Sie steckt aber auch in der Werbung, in Filmen (Kinderfilme!), Büchern (Schul­bücher!), in der Aufteilung von Berufen, im Fernsehen, der Musik usw., also in allem.

Fazit

So gesehen kann es nicht nur darum gehen, sich um die Opfer von Männerge­walt zu kümmern (großzügige Finanzie­rung und Ausbau der Frauenhäuser, Not­rufe, Vernetzung mit der Exekutive etc.), sondern auch sich klarzumachen, dass die Männer, die in den Schlagzeilen landen, das tun, was im Kopf der anderen in man­chen Situationen auch aufgeblitzt, aber aufgrund ausreichender Sublimierungs- und Verdrängungsmechanismen und sonstiger Ressourcen nicht umgesetzt wird. Jene setzen das durch, was das Patri­archat, in dem wir ja alle stecken, als Möglichkeit eben auch schlüssig denken und als Handlungsoption erscheinen lässt. Es muss folglich die materielle und sym­bolische Dimension des Patriarchats ange­griffen werden, zum Wohle aller. Dazu bräuchten wir z. B. ein sofortiges Schlie­ßen des Gender Pay Gaps, Frauenquoten, die Aufwertung/Normalisierung/Entfeti­schisierung des weiblichen Körpers und die Hinwendung zu Beziehungen (jenseits klerikalfaschistoider Familienbilder) als zentralem Wert u.ä.m. Der letzte Punkt, die Beziehungen und ihre Pflege, was aktuell unter »Care« diskutiert wird, steht in Opposition zum kapitalistischen Ver­wertungsgedanken. Damit deutet sich ein Zusammenhang an, den ich hier nicht mehr ausführen kann, der aber eminent wichtig ist: Patriarchat und Kapitalismus sind zwei Seiten derselben Medaille (sie ist übrigens blechern). Feminismus sollte daher antikapitalistisch sein und Antika­pitalismus feministisch.

Daniel Sanin lebt in Wien, ist klinischer Psy­chologe und arbeitet angestellt und selb­ständig im Sozialbe­reich.

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Der frühere Volksstimme-Redakteur Ernst Fettner feiert seinen 100. Geburtstag.

Von Michael Graber

Nur wenige hundert Meter vom Sitz der Redaktion der Volksstimme entfernt wohnt Ernst Fettner. Der Hundertjährige empfängt den Besucher in seiner Wohnung rüstig und aufgeräumt wie immer. Warum sich mit dem Jubilar befassen? Er ist der ein­zige noch lebende Journalist, der die Anfänge der kommunistischen Presse nach 1945 erlebt und ihre Entwicklung mitgeformt hat. Ernst Fettner ist aber auch kompetenter Zeitzeuge zu den erlebten Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

Dieses Leben begann in einer armen jüdi­schen Familie in Wien – die meisten Juden und Jüdinnen in Wien waren arm – und setzte sich früh in einem jüdischen Waisen­haus fort, da die Mutter gestorben war. Als Ernst wieder zur Familie seines Vaters zurückkehrte, wohnten neun Personen in der Zweizimmerwohnung. Von diesen über­lebten nur zwei den Holocaust.

Wie Ernst Fettner mit KommunistInnen in Berührung kam? Er erzählt diese Geschichte nicht das erste Mal. Als jüdischer Jugend ­licher wurde er nach dem Einmarsch der Nazis in eine der »Reibpartien« gezwungen. Nachdem sich die jüdischen Beschäftigten der Schneiderwerkstatt, in der Fettner beschäftigt war, während des Pogroms am 10. November 1938 in einem Keller verbarri­kadiert hatten, glaubten die Nazis, dies sei eine kommunistische Zelle. Fettner war zu dieser Zeit, so sagt er, völlig unpolitisch. Die Leute wurden verhaftet, und einer nach dem anderen wurde während des Verhörs geschlagen und gefoltert, weil sie leugneten, »Kommunisten« zu sein. Fettner versuchte es umgekehrt und gab zu, Kommunist zu sein. Er unterschrieb ein Geständnis, ver­pflichtete sich, das Land binnen eines Monats zu verlassen, und ersparte sich die Schläge. Seither ist er »dabei«.

In der Emigration und einer der Befreier

Eine jüdische Jugendorganisation ermög­lichte Fettner im März 1939 die Flucht nach England. Er landete in Schottland, wo er einem landwirtschaftlichen Betrieb zugeteilt wurde. Später ging er nach Glasgow und stieß dort auf »Young Austria« und das »Aus­trian Center«, das sich – geführt von Kom­munistInnen – um die österreichischen Flüchtlinge kümmerte und für ein Wiederer­stehen eines unabhängigen, demokratischen Österreich einsetzte. In diesem Umfeld ent­standen auch Fettners erste journalistische Versuche. Er erstellte Wandzeitungen und verfasste Beiträge für den Zeitspiegel, die wichtigste Publikation der österreichischen Emigration in England und darüber hinaus.

Seine kommunistische Schulung erhielt er während der Internierung als »feindli­cher Ausländer« auf der Isle of Man durch die dort inhaftierten Kommunisten. 1943 durften die Antifaschisten in die britische Armee eintreten, wozu »Young Austria« aufgerufen hatte, und Ernst Fettner kam als »Austrian Volunteer« zu den »Gordon Highlanders«. Mit dieser Einheit war er an der Befreiung Frankreichs, Belgiens, der Niederlande und Westdeutschlands betei­ligt. Mit viel Glück überlebte er die Kämpfe.

Journalistische Anfänge in Kärnten

Nach dem Ende des Krieges, er war in Kärn­ten, rüstete Fettner ab, schloss sich der Freien Österreichischen Jugend (FÖJ) und der KPÖ an und meldete sich bei der Redak­tion des Volkswillen, der damaligen KPÖ-Tageszeitung für Kärnten. »In dieser klei­nen Redaktion musst du alles schreiben, von Chronik bis zur Politik«, fasst er diese Erfahrung zusammen; und Recherche außerhalb Klagenfurts sei nur mit dem Rad möglich gewesen. Damit begann seine jour­nalistische Laufbahn, die nur drei Jahre unterbrochen wurde, als auch in der KPÖ am Höhepunkt des Kalten Krieges das Miss­trauen gegenüber der englischen Emigra­tion grassierte.

Ernst Fettner kehrte mit seiner Frau nach Wien zurück und verdingte sich als Metall­arbeiter bei Steyr, wo er unverzüglich eine Betriebszeitung gründete. Knapp vor der Wahl in den Betriebsrat holte ihn 1955 der damalige Chefredakteur der Volksstimme, Erwin Zucker-Schilling, in die Redaktion des damaligen Zentralorgans der KPÖ.

Innenpolitiker im Zentralorgan

Zunächst wurde ihm die Lokalberichter­stattung über Niederösterreich anvertraut. Später entwickelte sich Ernst Fettner zu einem der kompetentesten innenpoliti­schen Redakteure mit den Schwerpunkten Wirtschafts- und Sozialpolitik. Sein gewerkschaftliches Engagement brachte ihn bis ins Präsidium der Journalistenge­werkschaft. »Wir haben mit dem Günther Nenning gegen den Willen der SPÖ gepa­ckelt«, resümiert Ernst Fettner diese Epi­sode.

1968 fiel ihm ausnahmsweise die Aus­landsberichterstattung aus der Tschechoslo­wakei nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts zu. Er konnte mit der Adresse eines Kinderheims, in dem sich seine beiden Söhne zwei Jahre zuvor im Sommer aufge­halten hatten, und mit einem Pass, in dem die Berufsbezeichnung »Journalist« durch »Angestellter« ersetzt war, einreisen, was damals auch für einen kommunistischen Journalisten aus der damals zunächst kriti­schen KPÖ nicht so leicht war. Allerdings wurden seine Pro-Dubček-Berichte in der Redaktion immer weniger berücksichtigt, da sich die Linie der KPÖ inzwischen wieder geändert hatte.

»Es gab zu viele Lügen«

Auch nach seiner Pensionierung blieb Ernst Fettner der Redaktion der Volksstimme bis zur Einstellung der Tageszeitung im März 1991 treu. In den Jahrzehnten danach war er ein gefragter Zeitzeuge und gab Interviews in verschiedenen Medien und sprach bei Veranstaltungen. Im Grazer Verlag Clio ist ein Buch über ihn in Vorbereitung. Zu den Fehlern der Vergangenheit in der Partei­presse meint Ernst Fettner: »Es gab zu viele Lügen«, allerdings vermisse er die Parteizei­tungen, denn da wisse man, woran man ist. Der so genannte unabhängige Journalismus sei eine Chimäre, denn jeder, der schreibt, wolle überzeugen.

Sein politisches Credo gab Ernst Fettner 1998 in einem Erinnerungsbuch ehemaliger FÖJler:innen zu Protokoll: »Für die Linken ist die Lage derzeit nicht besonders rosig. Der Kapitalismus scheint zwar zu blühen, aber Blüten sind dazu bestimmt, abzuster­ben. Es wird an den nächsten Generationen liegen, die Welt entsprechend zu verändern und die Fehler der vergangenen Generatio­nen nicht zu wiederholen.« Und später fügte er hinzu: »Dabei bleib ich.« Vor zwei Jahren starb seine zweite Frau, die ebenfalls viele Jahrzehnte in der Redaktion arbeitete.

Die Redaktion der Volksstimme gratuliert dem Jubilar, der seinen Hunderter am 29. Mai im Kreis seiner großen Familie feierte.

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Eva Schörkhuber im Gespräch mit Heide Hammer über ihren neuen Roman Die Gerissene, das Papiertheaterkollektiv Zunder und Politisch Schreiben (PS)

Dein jüngster Roman, Die Gerissene, ist im Februar in der Edition Atelier erschienen. Die Ich-Erzählerin Mira ist sehr gegenwärtig, sehr tätig und zugleich dis­tanziert, mitten drinnen und doch nicht voll dabei. Ist diese Distanz Miras zur Welt auch deine Distanz zur Figur?

EVA SCHÖRKHUBER: Der Schreibprozess an diesem Text dauerte vier Jahre. Dabei war Mira am Anfang eine sehr traurige, melancho­lische Figur. Meine Erstleser*in nen wünschten sich mehr zärtliches Zutrauen in sie. In der Komposition des Schreibens, den Wiederho­lungen und Schleifen, verdichtete sich für mich die Frage nach Freiheit: In welchem Namen wird Freiheit für wen durchgesetzt? Wenn wir von formalen Analogien sprechen, geht es weniger um einen Entwicklungs- als um einen Schelmenroman. Dafür gibt es wenige herausragende Vorbilder – Irmgard Keun und Irena Brežná –, die den Weg einer Schelmin beschreiben. Die üblichen Versatz­stücke, eine Herkunft aus der Arbeiter*innen­klasse oder die Ich-Erzählerin habe ich beibe­halten. Auf ihrer abenteuerlichen Reise erfüllt Mira eine Spiegelfunktion, sie erfährt gesell­schaftliche Dynamiken, lebt darin und zieht auch wieder weiter.

Wann geht Mira? Du kennst die Orte sehr gut, in denen die Geschichte spielt – Mar­seille, Oran, die Westsahara, Havanna – du hast sehr viel recherchiert. Inwiefern ent­zieht sich Mira, entziehen wir als jeweils privilegierte Menschen mit den richtigen Papieren uns einer globalen Veränderung?

EVA SCHÖRKHUBER: Ich habe für längere Zeit in diesen Städten gelebt, und neben den aktuellen Recherchen bin ich auch meine eige­nen Notizen durchgegangen. Dabei ging es mir um ein Wissen und Erinnern lokaler Gegeben­heiten, Erfahrungen und Begegnungen in einer konkreten Architektur und Geografie. Es geht zugleich auch nicht um meine Reisen, es ist keine wie immer fingierte Autobiografie, konkrete gesellschaftliche Möglichkeiten und Missstände sind ein durchgängiges Thema, wobei genau diese, wie du sagst, privilegierte Position, sozusagen »von Haus aus« mit den »richtigen«, den »guten« Papieren ausgestat­tet zu sein, stets mitverhandelt wird.

Die Mira des Romans geht, wenn ihr etwas durch die Finger rutscht, entgleitet oder wenn ihr Menschen zu nahe kommen, sie sich zu sehr an einem Ort verankert. In der geopo­litischen Dimension der Flucht macht Mira Gegenbewegungen, sie geht in jene Ecken der Welt, aus denen die Leute tendenziell weg wollen: Algerien etwa, seine revolutio­näre Geschichte und postkoloniale Gegen­wart mit einem Machtsystem, worin die alten FLN-Kader [Front de Libération Natio­nale] und heutigen Militärs und Geheim­dienste ebenso eine gewichtige, korrupte Rolle spielen wie der Erdölreichtum des Landes, der zwar langsam versiegt, aber insgesamt wohl eher ein Fluch für das Land war.

Oran, die größte Stadt im Westen, war früher, vor dem Bürger*innenkrieg, eine der liberalsten Städte Algeriens. Was ich auch beschreibe, sind die jungen Männer, die in den 1990er und frühen 2000er Jahren vom Land kamen und durch Gelegenheits­diebstahl und Raubüberfälle ihren Lebens­unterhalt bestreiten müssen, da es kaum andere Möglichkeiten für sie gibt. Viele, auch sehr gut ausgebildete Frauen und Männer kommen vom Land in die Stadt, weil es dort mehr Freiheiten gibt, wobei etwa in Oran nach dem Bürger*innenkrieg kein einziges Kino mehr existierte: Es han­delt sich also immer um relative Freiheiten und Zwischenräume, die genutzt werden.

Und wieder einen ganz eigenen Kosmos bildet jenes UNHCR Camp, das seit vier Jahrzehnten im äußersten Südwesten Alge­riens Schutzsuchende aus dem so genann­ten Westsahara-Konflikt beherbergt. Die Bewohner*innen leben in der Wüste, in einer Zelt- und Lehmhüttenstadt, ihre Zeit ist perspektivenlos. Zwar ist auch ihr Zugang zu Wissen sehr viel demokratischer geworden und manche verlassen das Nie­mandsland zum Studium in Frankreich oder einem anderen Land des globalen Nor­dens, dennoch ist die Anwendung dieses Wissens ein Nadelöhr. Nach ihrer Rückkehr hat sich an der alltäglichen Enge und den fehlenden Möglichkeiten nichts geändert.

Jedes Kapitel, jede neue Station beginnt mit sehr poetischen, philosophischen, auch melancholischen Sätzen: »[…] Etwas in Gang zu setzen, den Anstoß dafür zu geben, die gewohnten Bahnen zu verlassen, bedeutet nicht, alles im Griff zu haben. Der Griff nach den Ster­nen ist ein vager, ein tastender. Das leuchtende Ziel vor Augen kann, wenn man endlich so weit gekommen ist, schon erloschen sein. […] Die Bedrohungen sind zahlreich, den äußeren Feinden folgen die inneren, und wenn gar nichts mehr hilft, wird der einstige Leitstern selbst zum Gegner erklärt, den es zu bekämpfen gilt. Am häufigsten hat dieses Schicksal einen Stern namens Freiheit ereilt.« (S. 55)

EVA SCHÖRKHUBER: Viele dieser einleiten­den Passagen sind von bestimmten Lektüre ­erfahrungen inspiriert. In diesem Fall han­delt es sich um Bini Adamczaks Buch Bezie­hungsweise Revolution. Darin arbeitet sie ent­lang konkreter historischer Kontexte die großen revolutionären Konzepte – Gleich­heit, Freiheit und, nein, nicht Brüderlichkeit, sondern Solidarität – auf und verortet sie neu. Dabei zeigt sie, wie mitunter verhee­rend sich ein hoher Abstraktionsgrad auf revolutionäre Taktiken und Praktiken ausge­wirkt hat und wie wichtig es ist, diese revo­lutionären Konzepte auf einer sehr breiten Basis zu praktizieren, anstatt sie zu Dogmen, die von einer kleinen Elite verwaltet und durchgesetzt werden, gerinnen zu lassen.

Zugleich beschreibst du in sehr eingängi­gen Bilder das körperliche Empfinden Miras, als eine »alte, eine verrostete Saite« (S. 50), die sie schlicht vergessen hatte, da sie sich in Marseille »endlich angekommen« wähnte, um wenig später zu bemerken: »Mein Leben, mein ganzes Leben hier in Marseille erschien mir plötzlich öd und leer.« Mira bricht aus der Enge und Rigidität einer dörflichen Gesellschaft auf und findet Resonanz und Intensität. Sie bleibt aber auch stumm oder verstummt immer wieder, sie ist eine Reisende und vieles bleibt ambiva­lent.

EVA SCHÖRKHUBER: Diese theoretische wie musikalische Resonanz ist für Mira wich­tig. Sie lernt zuerst diese fremde Seite in sich kennen, sucht sie und läuft zugleich vor ihr davon. Zunächst ist sie primär mit dieser Art der Entfremdung beschäftigt: Sie fällt aus einem sozialen Rahmen, den sie eine Zeit lang aufrechtzuerhalten versucht, da er auch eine gewisse, für sie allerdings immer beklemmendere Stabilität gewährleistet. Schließlich macht sie sich auf, um das Weite zu suchen. Revolutionen und ihre Verwirk­lichung ziehen Mira an: Sie imaginiert sich selbst an der Spitze einer Bewegung, sie stürmt mit der Fahne voran. Der paterna­listische Gestus, der naive Glaube, etwas richtig machen zu können, held*innenhaft zu wirken und zu helfen, wird fortwährend dekonstruiert. Amarou ist eine Figur, die ihr diese Begrenzungen aufzeigt, die sie begreifen lässt, wie existenziell unter­schiedlich die Bedrohungen und Hand­lungsmöglichkeiten in einer Stadt je nach race, Klasse und Geschlecht verteilt sind. Dass sie danach auch in Kuba eine neue Revolution mit einer Fahne, einem Stück Stoff, voranzubringen sucht, zeugt zugleich von ihrer Unbeirrbarkeit oder eben unse­ren begrenzten Lernerfahrungen.

VS: Ein Ausweg aus solchen Verirrungen und Selbstüberhöhungen könnte in Kol­lektiven zu finden sein, eine kritische Gruppe oder Masse, die als Korrektiv wirkt. Du selbst widmest sowohl als Autorin als auch Redakteurin einen Teil deiner Zeit der kollektiven Produktion, seit einigen Jahren auch dem Papier­theater. Mit dem Kollektiv Zunder wird diese Form mit radikalen, revolutionä­ren Inhalten bespielt. Welche Geschich­ten erzählt ihr und was fasziniert euch an der Form?

EVA SCHÖRKHUBER: Am Papiertheater fasziniert uns das ursprünglich biedermei­erliche Modell ebenso wie die sehr mobile und autonome Form: Eine der allerersten Überlegungen war es, diese Form des Thea­ters aus den privaten, bürgerlichen Wohn­zimmern in den öffentlichen Raum, auf Plätze, in Cafés und Gaststätten zu verla­gern und insofern gleichsam vom Kopf auf die Füße zu stellen. Unsere selbstgebaute Bühne hat in etwa die Größe eines mittle­ren Flachbildfernsehers und ist mit allem, was eine Bühne so braucht, in Miniatur­form ausgestattet: Wir haben unterschiedli­che bewegliche Scheinwerfer, verschiedene Kulissen und ein Papierfigurenensemble. Um irgendwo auftreten zu können, benöti­gen wir ein wenig Platz und lediglich eine Steckdose. Inhaltlich haben wir uns mit unserem ersten längeren Stück, mit der Rätebewegung in Österreich unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges, befasst. Das Stück haben wir kollektiv entwickelt und im Rahmen der WienWoche 2018 umgesetzt. Wir sind damit herumgewandert, waren in Innsbruck, Ebensee, Linz, auch in Meran und München. Beim momentan aktuellen Stück handelt es sich um eine musikalische Revue in Kooperation mit der Band Laut Fragen: Wir inszenieren einen Festakt für den expressio­nistischen Vagabundendichter Hugo Sonnen­schein (1889–1953).

Du bist auch Teil der Redaktion der Litera­turzeitschrift PS: Anmerkungen zum Litera­turbetrieb/Politisch Schreiben. Ihr erscheint – ebenso wie die Volksstimme – im anti­quierten Papierformat. Was lässt euch daran festhalten und warum ist ein politi­sches Schreiben für euch wesentlich?

EVA SCHÖRKHUBER: Die PS erscheint ein­mal im Jahr sowohl auf Papier als auch digi­tal: Beim Printformat legen wir Wert auf eine kooperative Gestaltung, die stets von Grafi­ker*innen und Illustrator*innen, die nicht zur Redaktion gehören, übernommen wird. Und ein Heft, an dem wir beinahe ein Jahr lang gearbeitet haben, in Händen zu halten, ist immer auch und Jahr für Jahr etwas Besonde­res. Unsere Auffassung von politischem Schreiben ist weit gefasst und fokussiert nicht ausschließlich auf die inhaltliche Ebene, sondern auch darauf, dass wir Zugangsmöglichkeiten beziehungsweise -beschränkungen mitdenken, bei der Auswahl der Heftthemen ebenso wie bei der Auswahl der eingereichten Texte: Die PS-Ausgaben bestehen grundsätzlich aus einem inhaltli­chen Teil, in dem wir uns anhand von Essays und Gesprächen mit einem bestimmten Aspekt des Literaturbetriebs beschäftigen – die letzte Ausgabe haben wir zum Prosadebüt gemacht und uns angesehen, welche Auswir­kungen die marktökonomischen Strukturen auf die Möglichkeiten haben, sich als Autor*in zu positionieren. Neben dem inhalt­lichen Teil gibt es auch einen literarischen: Mit der Ausschreibung sprechen wir vor allem Personen an, die aufgrund ihrer sozia­len Herkunft, ihrer Erstsprache, ihres Geschlechtes, ihres Alters, ihrer physischen und/ oder psychischen Konstitution mit Zugangsbarrieren zum Literaturbetrieb zu kämpfen haben.

Bis zum 22. Juni können noch Texte eingereicht werden, die Aus­schreibung findet sich auf https://www.politischschreiben.net/offene-ausschreibung-fur-ps7/

Eva Schörkhuber lebt als Schriftstellerin und Literaturwissenschafterin in Wien, ist Mitglied im Redaktionskollektiv von PS sowie im Papier­theaterkollektiv Zunder.

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Marco Kammholz wirft einen Blick auf die Frage, was die Menschen in der Krise sexuell treiben und was in Wissenschaft, Politik und Medien über Sex in Zeiten von Corona behauptet wird

Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch hat 1984 in seiner Schrift Die Mystifikation des Sexuellen vielsagend zusam­mengefasst, dass im Zentrum jeder Sexual­forschung die Frage stehe, »wie Gesell­schaft in das Sexuelle eindringt und aus ihm spricht«. Nachdem sich im Frühjahr 2020 mehr als die Hälfte der Weltbevölke­rung in einem Lockdown befand, weil ein Virus die multiplen, von der Menschheit selbst produzierten Krisen miteinander verschränkt und dabei grundlegend in das soziale und körperliche Miteinander ein­greift, ist die Frage nach den Auswirkungen auf die Sexualität mehr als naheliegend. Wie und was Gesellschaft aus dem Sexuel­len heraus spricht, ist dabei allerdings mehr als offen, auch nach über einem Jahr pandemischer Verhältnisse.

Weniger Gelegenheitssex

Auf die Frage, was die Menschen in der Pandemie sexuell treiben, haben sich seit Beginn der Krise nicht wenige Medien gestürzt. Nicola Döring und Ricardo Walter haben in der Zeitschrift für Sexualforschung frühzeitig eine erste Analyse medialer Narrative zur Sexualität in der Covid-19-Pan­demie vorgelegt und wenig Überraschen­des festgestellt. Aufgerufen wird vor allem ein Mehr an sexualitätsbezogenen Hand­lungen und Dynamiken: mehr Solosexuali­tät, mehr Sex in Partnerschaften, mehr Schwangerschaften, mehr Scheidungen, mehr Sextoy-Kauf und -Nutzung, mehr Telefon- und Internetsex, aber auch mehr Gewalt und mehr Diskriminierung gegen­über Frauen und sexuellen Minderheiten.

Nur einer sexuellen Verhaltensweise wird dabei vor allem ein Rückgang prog­nostiziert: dem so genannten unverbindli­chen Partnersex, also Gelegenheitssex außerhalb fester Beziehungen. Die Befra­gungen der Nutzerinnen und Nutzer von Dating-Plattformen (wie etwa Planet ­romeo und JOYclub) und die Selbstaus­künfte von Singles legen auch in der Tat nahe, dass sich diese Prognose bewahrhei­tet hat: Die Anzahl und Frequenz direkter sexueller Begegnungen außerhalb fester Partnerschaften hat sich verringert, im Falle der promisken schwulen und bisexu­ellen Männer sogar drastisch. Kein Wun­der, sind doch die sozialen Kontakte der allermeisten Menschen generell stark ver­ändert. Man trifft nicht nur kalkulierter und terminierter als üblich deutlich weni­ger Menschen, sondern zudem fast aus­schließlich diejenigen aus dem sozialen oder (wahl-)familiären Nahfeld. Somit ent­fallen die spontanen und anonymen Begegnungen, die Kontakte im Nachtleben oder auf Reisen und die Begegnungsräume an kommerziellen Orten für sexuelle Dienstleistungen.

Auch die soziologischen Untersuchungen von Barbara Rothmüller zu »Liebe, Intimi­tät und Sexualität in Zeiten von Corona« zu Beginn der Pandemie bestätigen das medial vermutete Schicksal der Singles: Während Paare mit dem Ausmaß an Nähe und Berührung vergleichsweise relativ zufrieden sind und in Teilen von einer Intensivierung der bestehenden romanti­schen und sexuellen Beziehung berichten, sind Singles deutlicher unzufriedener mit ihrem Sexleben. Ein Teil von ihnen gibt gar an, in keinerlei nahem körperlichem Kon­takt zu anderen Menschen mehr zu stehen. Zieht man allerdings die Paardynamik in Liebesbeziehungen im Speziellen und die in der Coronapandemie für viele Menschen deutlich belastenderen Lebensumstände im Allgemeinen hinzu, so muss die Vorstellung von der Paarbeziehung als letzte Bastion der Lust und Zufriedenheit in der Pandemie korrigiert werden: Selbstverständlich strei­ten die bereits vor der Pandemie (hoch-) konfliktiven Paare nun häufig noch mehr als zuvor und selbstverständlich wirkt sich ein (coronabedingt) erhöhtes Stresslevel oft negativ auf die sexuellen Funktionen, das sexuelle Begehren und die sexuelle Genussfähigkeit aus. Ohnehin besitzt ein sexualwissenschaftlicher Allgemeinplatz für die pandemischen Verhältnisse und die sexuelle Reaktion der Menschen besondere Gültigkeit: In sexueller Hinsicht sind Libi­doverlust und Unlust (die häufig mit weni­ger sexuellen Begegnungen und Handlun­gen einhergehen) genauso »sinnvolle« und nachvollziehbare Reaktionen auf die Pan­demie wie gesteigerte Erregung und inten­sivere Sexualisierung.

Sexuelle Neuerungen

Was das sexuelle Verhaltensrepertoire der Menschen in der Pandemie anbelangt, kommen die wenigen bisher vorliegenden sexualwissenschaftlichen Studien – wie etwa die Untersuchung »Less Sex, but More Sexual Diversity: Changes in Sexual Beha­vior during the COVID-19 Coronavirus Pan­demic« von Justin J. Lehmiller u. a. – eben­falls zu wenig überraschenden Ergebnissen: Ein kleiner, aber statistisch nicht unerheb­licher Teil der Befragten gibt an, seit der Pandemie neue Sexualpraktiken auspro­biert zu haben, sowohl solosexueller als partnerbezogener Art. Wie gewöhnlich und wenig abenteuerlich die (quantitativ erfass­baren) sexuellen Realitäten allerdings sind, verrät ein Blick in die angegebenen sexuel­len Neuerungen: Man probiert eine neue Sexstellung aus, spricht mit der Partnerin oder dem Partner über eine sexuelle Fanta­sie, man versendet ein Nacktfoto oder praktiziert Sexting. Eher unbeantwortet bleibt in diesen Untersuchungen die Frage, inwieweit welche sexuelle Dynamiken und Handlungen nicht schon vor der Pandemie bestanden haben und welche Bedeutung und Qualität die eigene Sexualität insge­samt und die neuen Sexualpraktiken im Besonderen besitzen.

Let’s talk about Sex

Aufschlussreicheres über den Zustand des Sexuellen in der Pandemie liefert dahin­gegen die Art und Weise, wie über Sexua­lität in der Coronakrise gesprochen und was über sie behauptet wird. Neben den wissenschaftlichen Befragungen und den medialen Berichterstattungen sind es vor allem die staatlichen und nicht-staatli­chen Gesundheitseinrichtungen, die sich zur Sexualität in der Pandemie äußern. Ihr Tenor ähnelt sich häufig und hält sich an die (rein medizinisch betrachteten) Fakten: Fast jede Art direkter körperli­cher Nähe birgt die Möglichkeit einer Ansteckung mit dem Coronavirus in sich. Wenn aber also Küssen, Anhauchen und Anhusten, hautenger Körperkontakt und Austausch von Körperflüssigkeiten zu den – aus Perspektive des Corona-Schut­zes – riskanten Verhaltensweisen zählen, bleibt dem oder der Einzelnen, will er oder sie sich konsequent an die Präventi­onsgebote halten, wenig sexueller Hand­lungsspielraum. Von einer befriedigen­den, direkten, sexuellen Begegnung bleibt – ohne Küssen, ohne heftigere Atmung, ohne Körperkontakt, ohne schmieriges Eindringen – für die meisten Menschen nicht sonderlich viel bis gar nichts übrig.

Betrachtet man in dieser Hinsicht die Botschaften und Narrative, mit denen zum Thema Sex in der Pandemie operiert wird, genauer, so entsteht der Eindruck, in die Sexualität, die sich stets individuell realisiert, halte ein Seuchenschutz Einzug, der aber einen kollektivierenden Anspruch formuliert. Während das Indivi­duelle mit Dynamiken der Aushandlung, Abwägung, Ambivalenz, Wechselseitig­keit, Mehrdeutigkeit und Kommunikation begriffen werden muss, handelt die kol­lektive Präventionsanforderung unter einem Anspruch der Lösung, des Ein­klangs, der Vereinseitigung. Woran die gut gemeinten Ratschläge der Gesund­heitsbehörden in Bezug auf das Sexuelle also scheitern, ist ihre implizite, und zutiefst lebensfremde Behauptung, dass eine (befriedigende) Vereinbarkeit von Corona-Schutz bzw. -Prävention einer­seits und sexuellen Handlungen oder Wünschen andererseits möglich sei.

Grenzüberschreitende Sexualität

Mit Blick auf die psychosexuelle Dimension des pandemischen Alltags lässt sich zudem auch das Gegenteil bekräftigen und fragen: Bricht sexuelle Erregung nicht stets auch – für einen Moment – in die Hygiene-, Schutz- und Abstandsgebote ein und triumphiert über sie? Das Sexuelle gibt vermutlich nur bei den Wenigsten ungefiltert die Anforderungen nach Hygiene und Abstand wieder. Zwar können Abstandhalten, Händewaschen und Atem­schutzmasken – alles Maßnahmen der Mäßi­gung, der Einsicht, des Rückzugs, der Reini­gung, des Verzichts, der Trennung, der Ver­nunft und der Grenzwahrung – sexuell in Aktion treten und natürlich auch sexualisiert werden, das sollte aber nicht darüber hinweg­täuschen, dass Sexualität mitunter eine grenz­überschreitende, drängende, besudelnde, ver­bindende, radikal assoziative und irrationale Angelegenheit darstellt.

Wer allerdings in den irritierenden Ratschlä­gen und Einschätzungen offizieller Stellen zur Sexualität in der Pandemie, bloß eine unverän­derte und weiterhin wirkmächtige Sex- und Lustfeindlichkeit entdeckt, der irrt. Die post­moderne Besprechbarkeit von Sexualität ist in der Pandemie nicht unmittelbar von einem epidemiologisch begründeten Sexualkonserva­tismus gebrochen, sondern nur von diesem begleitet. Es gibt zwar Umstände, die in Bezug auf die sexuellen Verhältnisse als vor-liberal bezeichnet werden können – etwa die Dramati­sierung außerpartnerschaftlicher Sexualität, die Schließung von Bordellen, das Verbot der Sexarbeit, die Privatisierung intimer Kontakte, die Reduktion des Körpers auf seine Eigen­schaft als Virusträger und dadurch als Gefahr für Andere –, dem steht aber gleichzeitig die (nicht minder ideologische) Bejahung von Sexualität als gesund und der fortschrittliche Standpunkt von Sexualität als einem menschli­chem Grundbedürfnis gegenüber.

Was allerdings den Versuchen, Intimität und Sexualität in der Pandemie sowohl coronage­recht als auch »sexpositiv« zu thematisieren, häufig nicht gelingt, ist eine so simpel wie radikale Betrachtungsweise: In Bezug auf Sexualität in Zeiten der Coronakrise sollte doch letztlich weniger entscheidend sein, was die Einzelnen tun sollen und ob sie das Rich­tige tun, sondern vielmehr, ob ihr sexuelles Tun befriedigend ist.

Den ausführlichen Text von Marco Kammholz findet ihr im Jahrbuch Sexualitäten 2021.

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