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Was mache ich aus dem, was mit mir gemacht wurde?

VON HELGA WOLFGRUBER

In den letzten Jahren hat die Depressions­forschung mit einer Unzahl von Studien über Entstehung/Ursachen und Verlauf von Depressionen aufgewartet. Unter ande­rem aufgrund unterschiedlicher Interessen der AuftraggeberInnen wird aber die Frage, wie äußere, soziale Belastungs-Faktoren zu inneren Risiko-Faktoren werden können, nicht immer einhellig beantwortet.

Befürchtet das medizinisch-therapeuti­sche Feld den Verlust von Deutungshoheit und Macht, fürchtet die Pharmaindustrie den Verlust ihrer Profite? Als in den 1960er Jahren Psychopharmaka den Markt erober­ten, hat sich der »Marktwert« der Depres­sion deutlich erhöht und die Diagnosezah­len stiegen rasant an.

Die Bewertung von normal/abnormal, gesund/krank ist immer auch kulturhisto­rischer Beeinflussung ausgesetzt und bewegt sich innerhalb unscharfer Grenzen, bestimmt aber die Richtung der Behand­lung.

Fakten

Die WHO betont, dass im Rahmen der »Glo­bal Burden of Disease« Depressionen seit 2015 einen Spitzenplatz unter jenen Erkrankungen einnehmen, die weltweit zu den meisten gesundheitlich eingeschränk­ten Lebensjahren führen. Und für 2030 bedeutet das, dass in den westlichen Indus­trieländern die Depression die größte indi­viduelle und volkswirtschaftliche Krank­heitslast sein wird. Derzeit übersteigt die Zahl der Erkrankten die 300 Millionen­grenze. Obwohl bei Frauen die Diagnose dreimal so häufig gestellt wird wie bei Män­nern, ist deren Selbstmordrate dreimal so hoch.

Von Mythen zur Realität

Mit einigen Mythen der Vergangenheit wurde aufgeräumt: Depression trifft NICHT nur schwache Menschen (aber: der Krank­heitsverlauf von sozioökonomisch unter­privilegierten Menschen ist ungünstiger); Psychopharmaka allein heilen NICHT (sie kön­nen sogar das Kranksein-Gefühl und Chro­nifizierung fördern); Depression hat NUR genetische Ursachen (endogene Depression wurde aus dem Diagnosemanual gestri­chen; soziale Faktoren werden berücksich­tigt).

Aber Wissenschaft, gesellschaftliche Institutionen und vor allem eine verände­rungsscheue Politik widmen sich zu wenig den krankmachenden, sozialen Lebensbe­dingungen. Dazu bedürfte es des Hinterfra­gens hyperindividualisierter, autonomie­versessener Leistungsparadigmen unserer kapitalistischen Arbeits- und Lebenswelt. Aber es ist kein Zufall, dass den »Leiden an der Arbeitswelt« (Burnout, früher Erschöp­fungsdepression genannt) große öffentliche Beachtung geschenkt wird. Menschen müs­sen »arbeitskräftig« bleiben, um das »Werkl am Laufen zu halten«. Depressive Menschen begehren zwar nicht auf, aber sie fallen aus dem Produktionsrad. Den stil­leren Leiden von Kindern, alten Menschen, Hilfsbedürftigen, Geflüchteten, Reproduk ­tionsarbeiterInnen wurde noch keine »eigene Diagnose« gewidmet. Obwohl sich in den Räumen der Privatheit sehr viele Hamsterräder zur Produktion von seeli­schen Erkrankungen drehen, finden sich diese Personengruppen eher als störender »Kostenfaktor« in den Medien wieder. Das Leid vieler depressiver, überforderter Hausfrauen inspirierte zwar schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Pop.Musik, die Psychiatrie reagierte aber fast ausschließlich mit der Verord­nung von Tranquilizern, jenen besungenen »mother’s little helpers«. Eine gendersensi­ble Medizin steckt leider noch immer in den Kinderschuhen.

Spätkapitalistische Depressions-Theorien

Der Soziologe Martin Dornes führt die Depressionszunahme auf erweiterte indivi­duelle Gestaltungsspielräume und Wahl­möglichkeiten zurück. Die damit verbunde­nen Überforderungsgefühle können letzt­lich zu Erschöpfung und Depression führen: Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Verdankt sich diese Entwicklung also dem neoliberalen Dogma der Lebensgestaltung unter möglichst großer Eigenverantwort­lichkeit?

Oder besteht das Pathogene weniger in einer übergroßen, strukturarmen Freiheit, wie es der Philosoph Byung Chul Han beschreibt, sondern vielmehr in den gleich­zeitig steigenden, konkreten Leistungsan­forderungen an das Individuum? Müdigkeit und Erschöpfung als Zeichen gesellschaftli­chen Wandels und Vor-Zeichen von Depressivität spielen in beiden Theorien eine zentrale Rolle.

Ich möchte aber nicht jede als falsch empfundene, individuelle Entscheidung dem Kapitalismus oder ausschließlich exo­genen Faktoren in die Schuhe schieben. Das käme einer völligen Entmachtung des Sub­jekts gleich. Daher ein Aspekt, der sich dem intrapsychischen Anteil des depressiven Erlebens widmet.

Die psychoanalytische Theorie versucht das Entstehen einer späteren Depression mit einem missglückten Versuch der Verar­beitung von Verlusten/Trennungen in der frühen Kindheit zu erklären. Genauer gesagt werden (Liebes-)Enttäuschungen oder direkte Verluste (Tod, Abwesenheit) begehrter Bezugspersonen angenommen, die in vergleichbaren Enttäuschungssitua­tionen des Erwachsenenlebens eine Dispo­sition für das Wiedererleben verdrängter Gefühle bedeuten können.

Die Reaktion auf Kränkung und Enttäu­schung kann in narzistische Regression und in Symptome einer Depression münden: Hemmung, Apathie, Rückzug, Herabset­zung des Selbstwertgefühls, Verharren in der Opferrolle, Gier nach Entschädigung, Wut als Ausdrucksform der Trauer und letztendlich die Wendung der Aggression gegen die eigene Person sind Ausdruck davon.

Verlusterfahrungen INNEN und AUSSEN

Inneres Erleben und äußere Bedingungen stehen aber immer in einem dialektischen Zusammenhang, formen biographische Besonderheiten und begünstigen auch den angst- und verlustreichen Weg »in die Dun­kelheit«.

Angesichts der globalen Informations- und Bilderflut kann leicht der Faden oder die Übersicht verloren gehen. Der Imperativ zu Leistung und permanenter Betriebsam­keit gefährdet Denk- und Erlebnisräume als Orte der Kreativität und kann uns die Fähig­keit zum »kontemplativen Verweilen« verlie­ren lassen. Die Langlebigkeit des Patriar­chats könnte, besonders bei Frauen, zum Verlust der Geduld oder Beherrschung füh­ren. Verliere ich die Arbeitsfähigkeit oder den Arbeitsplatz, verliere ich auch oft die Wohnung, Ansehen, Sicherheit, Orientierung oder FreundInnen. Können das erste Schritte in die soziale Isolation sein? Was bedeutet der Verlust von Schlüssel oder Schirm gegen den Verlust von Heimat oder des Lebens naher Menschen durch Krieg und Tod? Legt das nicht den Grundstein zu Traumatisierung mit depressiven Folgen? Ein Spiel oder eine Wette zu verlieren wird mein inneres Gleichgewicht nicht nachhaltig erschüt­tern. Wie geht es mir aber, wenn mir mein Glaube an Gerechtigkeit oder Selbstachtung verloren geht? Weil ich mich gegen Demü­tigungen und Entwertungen durch Schule, am Arbeitsplatz oder durch geliebte Perso­nen nicht ausreichend zur Wehr setzen konnte?

Nähere ich mich einer Depression, wenn Hoffnung auf Veränderung schwindet? Wenn Antrieb und Energie nachlassen oder ein Gefühlsverlust innerer Leere (Entfrem­dungsgefühlen) Platz macht, nachdem ich jahrelang gegen Ohnmachtsgefühle ange­kämpft habe? Bin ich immer krank, wenn ich die Gesundheit verliere?

Betrachtet man diese Verlusterfahrungen durch die »symptomsuchende« Brille, dann wird sichtbar, wie fruchtbar der Boden des Alltagslebens für Depressionen ist.

Widerstandsressourcen

Warum es manchen Menschen, trotz ver­gleichbarer Verlust- und Belastungserfah­rungen, besser gelingt, gesund zu bleiben oder zu werden als anderen, versucht das Konzept der Salutogenese zu erklären.

Aaron Antonovsky, der Begründer dieses Modells, macht drei Komponenten für den Erwerb von Resilienz/Widerständigkeit verantwortlich: Erstens das Gefühl von Ver­stehbarkeit: ich begreife mein Tun, ich weiß um mein Wissen. Zweitens das Gefühl von Bewältigbarkeit: ich schaffe die an mich gestellten Anforderungen, fühle mich nicht überfordert. Und drittens das Gefühl von Sinnhaftigkeit bzw. von Bedeutsam­keit: das, was ich tue, ergibt für mich (oder andere) Sinn und ich bekomme dafür Aner­kennung. Wer auf diese weitgehend in der Kindheit erworbenen Ressourcen zurück­greifen kann, wird mit individueller Krank­heitserfahrung besser umgehen können. Vorausgesetzt die sozioökonomischen Ver­hältnisse ermöglichen das. Den Zusammen­hang zwischen steigender sozialer Ungleichheit und dem steilen Anstieg von »Verzweiflungsopfern« in der Klasse der ArbeiterInnen durch Suizid, Drogen und Alkoholmissbrauch belegen zwei US Ökono­men (Case, Deaton) in ihrem jüngst erschie­nenen Buch.

Ein langer Weg

Das Problembewusstsein hat zwar allge­mein zugenommen, das Wissen über Hilfs­angebote hat sich verbreitert und die gesellschaftliche Stigmatisierung hat abge­nommen, trotzdem finden psychisch Kranke noch immer sehr spät den Weg in eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis. Dieser Weg ist dann oft gepflastert mit falschen Diagnosen und Medikamen­ten, aber auch mit der Scheu vieler Betrof­fenen, das schambesetzte Gefühl der Wert­losigkeit – ein Symptom depressiven Lei­dens – »herzuzeigen«. Das lange Verber­gen-müssen von psychischem Leiden, das vermeintliche Aushalten-Müssen belasten­der Lebenssituationen kostet Kraft und endet oft im totalen Verlust von Lebens­qualität oder im Selbstmord.

In berührenden Selbstzeugnissen hat Mark Fisher, ein britischer linker Autor, festgestellt, dass man in dem undurch­dringlichen Labyrinth eines depressiven Lebens einer Aufgabe nicht gewachsen ist: der Selbstwerdung.

Was hilft?

Die Voraussetzung für dieses »Sein oder Werden« müsste durch notwendige struk­turelle Maßnahmen von Politik geschaffen werden. Auch das Gesundheitswesen, im Besonderen die Psychiatrie, sollte, ausge­hend vom Sozialen, neu gedacht werden. Es ist die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, es sind die vielen Stressfak­toren durch ungleiche Macht- und Chan­cenverteilung, es ist die Hierarchisierung vieler Lebensbereiche, es ist die zuneh­mende Prekarisierung der Arbeitswelt mit Einkommensunsicherheit und es ist die Zunahme sozialer Frustration, die depres­sive Erkrankungen zu einem alltäglichen »Abfallprodukt« des neoliberalen Indivi­dualisierungsprozesses machen. Und die nach einer radikaleren Umgestaltung unse­res gesellschaftlichen Lebens schreien.

Kritik ein Lebenselixir?

Friedrich Nietzsche hatte sicher nicht die Absicht, mit seinen Aussagen Depressions­prophylaxe zu betreiben. Ein Zitat könnte aber als Empfehlung dazu gelesen werden: »Wenn wir Kritik üben, so ist es nichts Will­kürliches und Unpersönliches. Es ist oft ein Beweis davon, dass lebendige, treibende Kräfte in uns sind, welche eine Rinde absto­ßen. Wir verneinen und müssen verneinen, weil etwas in uns leben und sich bejahen will. Etwas, das wir vielleicht noch nicht kennen, noch nicht sehen.«

Ein Ort, an dem diese Form der Widerständigkeit praktiziert werden könnte, ist politisches Engagement. Wenn individuelle Empörung den Weg über Kritik in sinnvolles, kollek­tives Handeln schafft und ein bewäl­tigbares Ziel anpeilt, dann wäre die­ses solidarische Handeln auch für das Individuum ein Weg zu einem bedeu­tungsvolleren Leben.

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Das Gesundheitssystem ist krank! Aber, ist es das Gesundheitssystem? Woran ein Recht auf Gesundheit scheitert.

VON ANKE STRÜVER

Wenn es um die Gesundheitsversor­gung in den EU-Mitgliedsstaaten geht, wird meist auf das vorherrschende Solidar- und Gleichheitsprinzip und die großen Unterschiede zu den USA verwie­sen. Wer hierzulande älter als fünfzig ist, wird sich aber auch an die großen Unter­schiede zu den 1970er Jahren erinnern. Seitdem sind die Abgaben für die gesetzli­chen Krankenkassen kontinuierlich gestie­gen und die Versorgungsleistungen gesun­ken; wer es sich leisten kann oder will, gleicht Letzteres heutzutage durch private Zusatzversicherungen aus. Diese Bestands­aufnahme ist allgemein bekannt und vor allem weitgehend anerkannt. Dennoch – oder gerade deswegen – gehen Politiker*innen gerne mit stolzen Aussagen wie diesen an die Öffentlichkeit: »Der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist Spiegel für den Wohlstand der Gesellschaft.« Sie verweisen damit auf eine (individualisierte) Wohlstandsgesellschaft, die sich von der (kollektiven) Wohlfahrtsgesellschaft seit den 1980er Jahren erfolgreich emanzipiert hat und die in den neoliberalen Gesellschafts- und Gesundheitsreformen und der Verschiebung von Versorgung auf Selbstsorge ihren erschreckenden Höhepunkt gefunden hat.

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Versorgung

Der oft zitierte Ausspruch des römischen Dichters Vergil »der größte Reichtum ist Gesundheit« ist auf Englisch viel eingängi­ger (»the greatest wealth is health«) und wird seit fünf Jahren als Teil der Agenda 2030 der UN bzw. der Sustainable Develop­ment Goals als Slogan plakativ vermarktet (siehe bspw. https://www.unenviron­ment.org/news-and-stories/story/ greatest-wealth-health). Für das Erreichen dieser Art von Reichtum steht, zumindest in Mitteleuropa, der gesicherte Zugang zu hochwertigen grundlegenden Gesundheits­diensten im Mittelpunkt. Doch genau das, der Zugang zu Gesundheitsdiensten, und seien sie noch so gut (oder gar umsonst) reicht bei weitem nicht aus für eine gesunde Gesellschaft. Vor ziemlich genau zehn Jahren haben Wilkinson & Pickett (2010) ihre Studie zu den gesundheitlichen Auswirkungen gesellschaftlicher Ungleich­heiten publiziert: Sie machen deutlich, dass sich gesamtgesellschaftliche Ungleichhei­ten stärker auf die Gesundheit der margi­nalisiert und prekarisiert lebenden Men­schen auswirken als auf die der Situierten. Umgekehrt hängt eine Reduktion gesund­heitlicher Ungleichheiten von der Steige­rung der gesellschaftlichen Gleichheit ab. Kurz gesagt: sozial gleichere Gesellschaften sind auch gesündere Gesellschaften.

Verhältnisse und Verhalten

Bereits 2008 hatte die Weltgesundheitsor­ganisation einen Bericht zu sozialen Deter­minanten von Gesundheit betitelt mit »Soziale Ungerechtigkeit ist für den Tod von Menschen im großen Stil verantwort­lich« (WHO 2008). Der Bericht bezieht sich vor allem auf globale Ungleichheiten. Doch er macht erstens verständlich, dass und inwiefern gesellschaftliche Ungerechtigkeit der zentrale Faktor für Gesundheit und Krankheit ist. Und er stellt zweitens heraus, dass eine Verbesserung der globa­len Gesundheitssituation nur über eine Verbesserung der gesellschaftlichen Ver­hältnisse erreichbar ist.

In den Debatten um Gesundheit spielt der Begriff der Verhältnisse eine umkämpfte Rolle. Anders als Ansätze zur Public Health, die in der Regel die sozialen Determinanten von Gesundheit über quantitativ orien­tierte Risikoanalysen bestimmen und/oder auf Verhaltensänderungen abzielen, spricht die WHO gesellschaftliche Konstel­lationen an, wodurch sich die WHO-Kritik durchaus auf nationale Gesellschaften übertragen lässt. Denn sozioökomische Armut, fehlende Bildung, Migrationserfah­rung, Wohnraummangel, Umweltgifte etc. resultieren nicht zwangsläufig in schlech­ten sozialräumlichen Verhältnissen; sie machen nicht direkt krank und verringern nicht automatisch die Lebensqualität und Lebenserwartung. Vielmehr handelt es sich dabei um gesellschaftlich ungerecht struk­turierte und vermittelte Prozesse.

So zeigt sich bspw. in vielen europäi­schen Städten, dass Menschen, die sozio­ökonomisch, soziokulturell oder sozial­räumlich marginalisiert werden, eine kür­zere Lebenserwartung haben und über­durchschnittlich häufig an psychischen wie physischen chronischen Krankheiten lei­den (vgl. Poliklinik 2020). Dies kann nicht – oder zumindest nicht allein – über einen gesicherten Zugang zu Gesundheitsdiens­ten (s. o.) und/oder eine verbesserte Quali­tät der medizinischen Versorgung refor­miert werden, da soziale Faktoren wie Wohnungsgrößen und Mieten, Arbeitslosig­keit und Einkommensunsicherheiten, Alters-Diskriminierung oder Rassismus die Gesundheit nachweisbar stärker beeinflus­sen als lokale räumliche oder soziale Ver­hältnisse oder individuelles (Fehl-)Verhal­ten.

Gesundheitliche Ungleichheiten sind also nicht nur Effekte von Verteilungsungleich­heiten, sie werden nicht direkt und unmit­telbar durch Umweltfaktoren oder sozialen Stress hervorgerufen. Denn sonst müsste bspw. eine hohe Konzentration von Umweltgiften in der direkten Wohnumge­bung alle dort lebenden Menschen krank und »gleich krank« machen. Gesundheitli­che Ungleichheiten sind aber auch nicht nur auf individuell krankmachendes Ver­halten oder fehlende Selbstsorge zurückzu­führen.

Verteilung

In Ergänzung zum oben zitierten »wealth is health« ist mittlerweile der Ausspruch »health is wealth« auf dem Vormarsch (Stanwell-Smith 2017). Er definiert Gesund­heit als Lebensstil und Lebensziel, als Voraussetzung für Freiheit und Wohlbefin­den und verwehrt damit nicht nur chro­nisch wie akut Erkrankten diese Rechte, sondern reduziert (vermeintliche) Freiheit auf erfolgreiche Selbstsorge oder zumin­dest einen risikoarmen Lebensstil; d. h. das Recht auf Gesundheit wird individualisiert. Im Umkehrschluss bedeutet Gesundheits­gerechtigkeit in einer Gesellschaft der Gleichheit, dass alle ihre Lebensumstände wählen und gestalten können. Das ist aller­dings weniger im Sinne eines bewusst ver­folgten gesunden Lebensstils und damit verbundenen Verhaltensänderungen zu verstehen (z. B. geringer Nikotin- und Alkoholkonsum, gesteigerte sportliche Aktivität, Umzug in »bessere« Nachbar­schaft etc.). Es geht viel grundlegender um die basalen Möglichkeiten der Teilhabe und Einflussnahme; darum, die eigenen Wohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen selbst, aktiv und in Solidarität mit anderen verän­dern zu können.

In der EU ist derzeit absolute Armut weniger ein Problem als die relative Ungleichheit in der Gesellschaft – von der alle in einer ungleichen Gesellschaft betrof­fen sind. Aber der in niedrigeren sozialen Statusgruppen durch das Erleben von Ungleichheit erhöhte und teilweise chroni­sche Stress steigert das Krankheitsrisiko (vgl. Exner 2013; Wilkinson & Pickett 2010, 2018). Der soziale Stress kann zu gesund­heitsschädlichem Verhalten führen (Niko­tin- und Alkoholsucht, Bewegungsarmut, Über- oder Untergewicht) und ist somit kein individuelles, sondern ein gesell­schaftliches Problem. Gesundsein ist dadurch genauso wenig individuelle Leis­tung wie Kranksein individuelles Versagen. Strukturelle Ungleichheit, die sich u.a. in Gesundheit oder Krankheit verkörpert, kann durch Umverteilung und gesellschaft­liche Teilhabe bekämpft werden – und zwar im Sinne einer Verteilungsgerechtigkeit, die viel komplexer als Gleichbehandlung oder Gleichverteilung wäre (Fraser 2009). Erst die Anerkennung struktureller Ungleichheit ermöglicht, durch ökonomi­sche Umverteilung und politische Teilhabe Ungerechtigkeit zu bekämpfen – und Gleichheit zu erreichen.

Verwertung versus Verantwortung

Ökonomische Umverteilung und soziale Teilhabe sind gleichwohl kaum ausrei­chend, um das kranke System zu heilen. So lange kapitalistische Verwertungsprinzi­pien dominieren, reproduzieren sich struk­turelle soziale Ungleichheiten, die sich durch neoliberale Regierungspraktiken und Austeritätsmaßnahmen noch verstärken. Im übertragenen Sinne sind hier weniger akut oder chronisch erkrankte Menschen krank, als ein System, das nur über die ( Re-)Produktion von Ungleichheiten funk­tioniert. In ihrem neuen Buch fokussieren Wilkinson & Picket (2018) die Auswirkun­gen von Austeritätsmaßnahmen und der wachsenden Arbeits- und Einkommensun­gleichheiten auf (vermeintlich individuelle) Probleme wie fehlendes Gefühl von Aner­kennung und Angstzustände, die in physi­schem wie psychischem Stress resultieren. Sie mahnen zudem den Rückbau des finan­zialisierten Kapitalismus zu egalitär-koope­rativen Gesellschafts- und Wirtschaftsfor­men an – und koppeln damit viel stärker als die Sustainable Devlopment Goals die Stei­gerung der sozialen Gleichheit an wachs­tumskritische ökologische und ökonomi­sche Produktions- und Arbeitsformen. Wenn »der Gesundheitszustand einer Bevölkerung Spiegel für den Wohlstand einer Gesellschaft ist«, dann wäre ein etab­liertes Recht auf Gesundheit Ausdruck von Verantwortung – und Spiegel für den Gleichheitsgrad einer Gesellschaft.

Anke Strüver ist Professorin am Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz.

Zitierte Literatur:

Exner, Andreas (2013): Gesundheit und soziale Gleichheit. In: Initiative Solidarisch G’sund (Hrsg.): Gesundheit für alle! Wien: Mandelbaum, S. 26–55.

Fraser, Nancy (2009): Scales of Justice. Reimagining Political Space in a Globa­lizing World. New York: Columbia University Press.

Poliklinik (2020): Poliklinik Veddel. Hamburg. http://poliklinik1.org/kon­zeptvision (08.03.2020)

Stanwell-Smith, Rosalind (2017): Health is wealth. In: Perspectives in Public Health 137 (4), 198.

WHO (2008): Closing the gap in a generation. Health equity through action on the social determinants of health. Genf: WHO.

Wilkinson, Richard & Kate Pickett (2010): the Spirit Level : Why Equality is Bet­ter for Everyone. London: Penguin.

Wilkinson, Richard & Kate Pickett (2018): The Inner Level: How More Equal Societies Reduce Stress, Restore Sanity and Improve Everyone’s Well-being. London: Allen Lane.

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Zum Verhältnis von ideologischer Verblendung und Emanzipation.

Von LINDA LILITH OBERMAYR

Fetischcharakter

Es ist eine Eigentümlichkeit der warenpro­duzierenden Gesellschaft, dass die ökono­mischen Beziehungen der Menschen als sachliche Beziehungen von Dingen erschei­nen. Die Warenform, so Marx, spiegelt »den Menschen die gesellschaftlichen Charak­tere ihrer eignen Arbeit als gegenständli­che Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften der Dinge zurück« (MEW 23; 86). In der scheinbaren Verselbständigung des Wertes gegenüber dem lebendigen Arbeitsprozess fetischisiert sich unser Verhältnis zu den Arbeitsprodukten; darin gleicht der Waren­fetisch der religiösen Verehrung von Gegenständen, denen übernatürliche Eigenschaften zugeschrieben werden. In diesem Sinne stellt sich das Arbeitsprodukt als eine geheimnisvolle »gesellschaftliche Hieroglyphe« ihren Schöpfern gegenüber, die sich aber dadurch vom religiösen Fetisch unterscheidet, dass sich in letzte­rem die dem Gegenstand zugeschriebenen Eigenschaften niemals wirklich realisieren werden (außer wir glauben daran). Anders beim Warenfetisch: Tatsächlich beziehen sich die ­ProduzentInnen unter den Bedingungen kapitalistischer Produktion sachlich aufeinander, denn die voneinander unabhängigen, das heisst privaten Produzent*innen treten ausschließlich über den Austausch ihrer Produkte in gesellschaftliche Beziehung.1 ­­ Es ist daher auch völlig falsch, im Warenfetisch nur das falsche Bewusstsein, die bloße Ideologie zu sehen. Die Ideologie ist, und das ist eine entscheidende Pointe Marxens, wahr und falsch zugleich. 

Totaler Verblendungszusammenhang?

Das Bewusstsein der Menschen in der kapi­talistischen Gesellschaft wird also verkehrt durch die Form, in der sie sich aufeinander beziehen, denn diese Form – die allgemeine Wertform bzw. Geldform – verschleiert die Einsicht in den gesellschaftlichen Charak­ter dieser Form. Wie ist dieser »ideologi­sche Verblendungszusammenhang« (Adorno/Horkheimer) aber zu verstehen? Müssen wir es wortwörtlich nehmen, wenn Marx schreibt: »Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umge­kehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt« (MEW 13; 9)? Ja, aber nicht in der Variante eines umfängli­chen Determinismus, in dem sich die Rolle von Sein und Bewusstsein im Erkenntnis­prozess unerklärlicherweise dadurch umdreht, dass die geistlose Materie sich die Menschen unterwirft. Marx spricht ja immer noch von ihrem gesellschaftlichen bzw. vom gesellschaftlichen Sein, also einem Sein im Sinne der spezifischen materiellen und historischen Umstände, in denen sich die Sozialität des Menschen formiert. Damit ist der ideologische Verblendungszusam­menhang jedenfalls als gesellschaftlich und historisch bestimmt erkannt, denn er ent­springt ausschließlich den Formen der warenproduzierenden, das heißt wertför­mig vermittelten Gesellschaft.

Die Unmöglichkeit des externen Standpunktes

Die Kritik und Entschlüsselung der Fetisch-Verhältnisse kann nur innerhalb dieser Verhältnisse selbst stattfinden und nicht von außen an diese herangetragen werden. Ein solches Außen kann es nicht geben, denn die (Ideologie-) Kritik äußert sich immer nur von einem Standpunkt inner­halb der gesellschaftlichen Totalität. Das Beziehen eines externen Standpunkts bleibt ihr verwehrt, weil jede Kritik die Kri­tik eines Subjekts ist, das in der einen oder anderen Art ins Kapitalverhältnis verstrickt ist; sei es die Kritik seitens der eigentums­losen ArbeiterInnenklasse oder seitens der Kapitalfraktion. Eine moralisierende Kritik, deren angebliche Stärke ja gerade im Bezug auf externe, universale Maßstäbe liegt, müsste sich die Unmöglichkeit der Über­windung des Kapitalismus eingestehen.

Die Stärke der Immanenz

Demgegenüber sehe ich den internen Standpunkt dieser Kritik nicht als ihre Schwäche, sondern vielmehr als ihre Stärke an: »Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Politik, an die Partei­nahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien.« (MEW 1; 345). Die immanente Kritik ist sogar die einzig legitime Kritik, gerade weil sie ihre Maßstäbe aus den Verhältnissen selbst bezieht. So sind Freiheit und Gleich­heit als die zentralen, selbst verkündeten Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft nicht etwa als defizitär verwirklichte zu kritisieren, sondern es ist zu zeigen, dass Freiheit und Gleichheit gerade durch ihre (vollständige, nicht bloß formelle) Verwirk­lichung als Freiheit des Eigentums und des Verkaufs der Ware Arbeitskraft die Klas­senherrschaft vermitteln und reproduzie­ren. Persönliche Freiheit, Eigentumsfrei­heit und Gleichheit sind die wesentlichen Voraussetzungen des gelingenden Tausch ­akts, in welchem der/die ArbeiterIn als doppeltfreier seine Arbeitskraft dem Kapi­tal zur Verfügung stellt.

Daran anknüpfend ist auch die Erklärung des Proletariats zum revolutionären Sub­jekt nicht in dem erkenntnistheoretischen Sinne misszuverstehen, dass etwa nur das Proletariat in der Lage wäre, die Verhält­nisse zu begreifen oder dass nur das Prole­tariat die wirkmächtige Gewalt zur Bekämpfung der Verhältnisse besitzt, gerade weil sie die »Verlierer« des Systems wären, nein. Der Standpunkt des Proletari­ats ist deswegen der revolutionäre Stand­punkt, weil das Proletariat begreifen bedeutet, die Produktionsweise zu begrei­fen. Der dialektische Zusammenhang besteht darin, dass die Einsicht in das Pro­letariat als besondere Klasse die allgemeine Einsicht in die gesellschaftlichen Verhält­nisse vermittelt. Daher schreibt Marx: »Diese Auflösung der Gesellschaft als ein besonderer Stand ist das Proletariat.« (MEW 1; 390).

Dadurch schließt sich aber auch der Bogen zu der eingangs skizzierten, sehr abstrakten Entwicklung des Fetischbegrif­fes. Den Fetisch als Fetisch zu durch­schauen, geht nicht allein aus der begriffli­chen Analyse der Wertformtheorie hervor, sondern ist gebunden an die Erkenntnis einer durch Klassengegensätze und -kämpfe strukturierten Wirklichkeit.

Immanente Kritik und Emanzipation

In diesem Sinne muss die immanente Kritik bzw. das Begreifen der Funktionsweise der gesellschaftlichen Formen Ware, Wert, Kapital usw. als Bedingung der Möglichkeit der Überwindung dieser Verhältnisse betrachtet werden. Die intellektuelle Leis­tung der Kritik zum entscheidenden Moment im Emanzipationsprozess zu erklä­ren, hieße aber, von Marx zu Hegel zurück­zugehen, denn bei Marx heißt es ja in Umkehrung der Hegelschen Philosophie: »Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Ver­wirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen.« (MEW 1; 386). Auch hier ist aber nicht von einer Wirklichkeit auszugehen, die dem mensch­lichen Bewusstsein entgegengesetzt oder dessen Zugriff gänzlich verschlossen wäre, sondern von einer Wirklichkeit, die wesentlich vom Menschen zu gestalten, zu verändern und umzuwälzen ist. Insofern sind antikapitalistische Wirklichkeiten zu schaffen, aufzufinden und an diese anzuknüp­fen. Das Bedingungslose Grundeinkommen wäre eine solche Institutionalisierung einer antikapitalistischen Wirklichkeit, dem zugleich – trotz seiner Institutionalisierung – ein systemtranszendierendes Moment inhäriert ist, da das Lohnarbeitsverhältnis an sich gesprengt wird, indem die Geldleis­tung gerade nicht von der Verrichtung der Lohnarbeit abhängig gemacht wird. Die Überwindung der Verhältnisse geschieht natürlich nicht durch eine Horde rebelli­scher Maschinenteile, die sich von ihrem geistlosen Dasein lossagen, sondern durch diejenigen Menschen, die der Verkehrtheit der Produktionsweise den Kampf ansagen, weil sie deren auf Ausbeutung, Entfrem­dung und Selbstwidersprüchlichkeit basie­rende Funktionsweise verstanden haben. Ideologiekritik ist daher auch eine soziale und insbesondere politische Praxis, die sich die Umwälzung der politischen Ökonomie zur Aufgabe macht. Als solche ist sie die sich konstituierende kommunistische Macht.

1 Darüber hinaus sehen wir uns alltäglich unter der Kontrolle der Bewegung von Dingen: Alles und jedes ist abhängig vom Geld, dessentwegen der morgendliche Gang in die Arbeit angetreten wird.

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Sie erweisen sich als empathielos und schamlos, unsere Systemjournalisten von rechts bis linksliberal.

Von WILHELM REICHMANN

Jeder Anlass ist den Medien recht, um die VR China als Land des Bösen dar­zustellen, in dem die Bevölkerung unter­drückt, irregeführt und mit ihrer Gesundheit gespielt wird. Behauptet wird »die verspätete Reaktion der chine­sischen Führung … Es ist das Verhaltens­muster autoritärer Regime … beunruhi­gende Informationen zu verschweigen. Aus Angst, Kontrolle und Macht könnten ihnen entgleiten.« Deshalb sei alles zu lange verschwiegen worden und die Maßnahmen seien viel zu spät gekom­men. Hätte man rasch reagiert, noch vor der Hauptreisewelle zum chinesischen Neujahr, wäre die Epidemie vermutlich (!?) vermieden worden. … Die öffentliche Warnung vor der Übertragung von Mensch zu Mensch kam am 20. Jänner. Dazwischen liegen Wochen der behördli­chen Vertuschung und Beschwichti­gung.« (Franz Kössler im Falter 6/2020).

Als Angelpunkt für diese Erzählung dienten die Aktivitäten des jungen Augenarztes Li Wenliang. Für die Abfolge der Ereignisse beziehe ich mich auf einen CNN-Bericht vom 4. Februar 2020. Am 30.12.2019 schrieb Li Wenliang in seiner Alumni-Chat-Gruppe, in seinem Spi­tal in Wuhan seien sieben Personen, alle mit Beziehung zu einem Fischmarkt, mit SARS-ähnlichen Symptomen unter Quaran­täne gestellt worden. Er hätte Tests gese­hen, die zu dem Zeitpunkt auf ein Virus der Corona-Gruppe, wahrscheinlich der SARS-Erreger, schließen ließen. Man möge auf­passen. Am gleichen Tag wurde von der Städtischen Gesundheitskommission an alle Spitäler in Wuhan eine Warnung gesendet, dass eine Reihe von Personen an einer Lun­genentzündung mit unbekanntem Erreger unter Behandlung stünden. Die Beziehung zum Fischmarkt war auffällig. Er wurde am nächsten Tag, den 31.12.2019, gesperrt. Parallel dazu wurde die Mitteilung des Augenarztes über das Internet verbreitet. Eine Polizeibehörde wurde darauf aufmerk­sam und hat seine Warnungen als unautori­sierte, Panik machende Aktivität eingestuft und die Löschung der Meldungen im Inter­net veranlasst.

Zeitraster

Am 31.12.2019 fand eine Dringlichkeitssit­zung der erwähnten Städtischen Gesund­heitskommission statt, in der der Arzt über die Quelle seiner Beobachtungen befragt wurde. Er wurde wahrscheinlich für sein unautorisiertes Vorgehen und nicht fun­dierte Informationen (gefürchteter SARS-Virus) kritisiert. Li Wenliang hat sich von seiner Meldung distanziert, aber die SARS-Warnung war nun einmal im Netz. Am Nachmittag des 31. Dezember informierte die Gesundheitsbehörde in Wuhan die Öffentlichkeit über den Ausbruch einer infektiösen Krankheit. Die Behörden infor­mierten offiziell die Weltgesundheits-Orga­nisation (WHO). Am 3.1.2020 wurde Dr. Li Wenliang bei der Polizei vorgeladen. Die Polizeibehörde hat gegen ihn formalistisch eine Rüge und Verwarnung ausgesprochen und ließ ihn ein Schuldeingeständnis unterschreiben. Diese polizeilichen Sank­tionen wurden beeinsprucht und der Oberste Gerichtshof hat sie am 20.1. aufge­hoben. Li Wenliang hat seine Arbeit trotz Wissens um die Infektionsgefahr fortge­setzt. »Ich konnte weiter nichts tun, alles musste den amtlichen Weg gehen«, sagte er im Interview mit China Youth Daily. Er steckte sich bei einer Augenbehandlung an und ist letzte Woche als tragischer Held gestorben. Für manche wird er wohl als Symbol für Meinungsunterdrückung benutzt, die meisten Chinesen dürften ihn als Held sehen, der seine Arbeit trotz aller Gefahren fortgesetzt hat.

In den sensationsgeilen Berichten in unseren Medien wird Li Wenliang jetzt sogar als Entdecker des Virus bezeichnet. Das ist nicht korrekt. Erst am 22. Jänner konnten die wesentlichen Merkmale des Virus 2019-nCoV (Genom Sequenz von 82 Virus-Strains) veröffentlicht werden. Bis 17. Jänner gab es nur 41 bestätigte Fälle, bis 20. Jänner stieg die Zahl sprunghaft auf 198. Zur gleichen Zeit wurde von dem Chef der staatlichen Gesundheitskommis­sion die Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch außer Zweifel gestellt.

Am 23. Jänner wurden drastische Qua­rantänemaßnahmen in der Provinz Hubei sowie andere landesweite Maßnahmen verfügt (Absage aller Veranstaltungen, Verlängerung des Neujahrs-Urlaubs). Die chinesischen Zeitungen sind voll von Berichten über Sicherheitsmaßnahmen, über die Mobilisierung der gesamten Gesellschaft im Kampf gegen die Verbrei­tung des Virus. Es wird offensichtlich kein Aufwand gescheut, um die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung abzuwenden. Die Reaktion eines autoritären Regimes, das die Interessen einer Elite an die erste Stelle setzt, ist das wohl nicht. Manche Menschen fragen sich sogar, ob die Reak­tion der chinesischen Regierung nicht übertrieben wäre, »bei uns sterben ja in einer normalen Grippesaison jedes Jahr auch 1000 Menschen«. Der Vergleich ist oberflächlich. Dieses neue Corona-Virus scheint ungleich aggressiver und anste­ckender zu sein und hat eine lange Inku­bationszeit. Es ist eben neu und wir wis­sen noch zu wenig über Herkunft und Übertragungsmechanismen. Der Krank­heitsverlauf entspricht einer schweren Lungenentzündung mit einer relativ hohen Sterblichkeitsrate, wenn auch viel niedri­ger als bei SARS oder MERS. Jedenfalls gefährlich und beängstigend.

Heroische Arbeit

Im Gegensatz zu unseren ideologischen China-Bashern hat die WHO von Anbeginn der Krise die chinesische Reaktion gelobt. »China hat eine heroische Arbeit geleistet, um die Epidemie einzugrenzen« (Prof. Robin Shattock vom Londoner Imperial College). Seit dem SARS-Ausbruch im Jahre 2003 hat sich viel verändert. Die Technolo­gie ist fortgeschritten und macht es für die Betroffenen heute leichter, zu Informatio­nen zu kommen. Heimarbeit und Versor­gung durch Lieferdienste ist leichter mög­lich. 2003 waren die sozialen Medien noch unentwickelt. Ihre Verbreitung ist von gro­ßem Vorteil für die Betroffenen. Gleichzei­tig kann nicht geleugnet werden, dass soziale Medien auch zu Hysterie und Panik beitragen können.

Im großen Unterschied zur SARS-Krise hat die chinesische Regierung diesmal nach Erfassen der Gefahr eine sofortige, ent­schlossene und umfassende Reaktion gezeigt. Innerhalb Chinas ist eine Debatte über Fehler und Schwächen, die sich im Verlauf dieser Krise auf allen Ebenen gezeigt haben, im Laufen. Von Bürokratis­mus und Formalismus ist die Rede, von Funktionären und Beamten, die sich stur hinter Vorschriften verstecken und jedem Risiko eines selbständigen, auf neue Situa­tionen angemessenen Handelns aus dem Weg gehen. Ob die Quarantäne über 40 Mil­lionen Einwohner hätte ein paar Tage frü­her kommen können? Vielleicht, im Nach­hinein ist man immer klüger. Aber welche andere Regierung hätte so entschlossen wie die Führung um Xi Jinping reagiert und sich dabei zusätzlich auf die Unterstützung der Bevölkerung stützen können?

Aufruf:

Spendensammlung für medizinische Hilfsgüter der Österreichischen Gesellschaft für Chinaforschung

IBAN: AT58 3200 0000 1701 2451

BIC: RLNWATWW

Vermerk Chinahilfe

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HEIDE HAMMER im Gespräch mit Katarína Staroňová über die Gesundheits ­versorgung in Österreich.

Katarína Staroňová ist auch medial bekannt – sie kam 2011 nach Graz, um nach einem zweimonatigen Crash-Kurs in der Slowakei als 24h-Betreuerin zu arbei­ten. Auch wenn sie diese Lohnarbeit wegen des in Aussicht gestellten tollen Verdiens­tes antrat und wie so viele ihr Lehrgeld bezahlte, ist die heute als diplomierte Kran­kenpflegerin in einem Wiener Spital Tätige überzeugt, dass der Pflegebereich für sie genau das Richtige sei. Katarína hat sich trotz ihres schwierigen Berufseinstiegs das Interesse und die Neugier an Menschen bewahrt, wesentliche Voraussetzungen für den körperlich wie psychisch anstrengen­den Beruf.

Als wir uns bei der Demo am 5. Februar für die 35-Stunden-Woche in der Sozial­wirtschaft gesehen und zum Interview verabredet haben, hast du betont, nicht nur über Pflege sprechen zu wollen. Wie geht es dir nun als diplomierte Kranken­pflegerin auf einer neurologischen Sta­tion?

KATARÍNA STAROŇOVÁ: Ich bin nun Vertragsbedienstete der Stadt Wien. Ich hatte Glück, meine Ausbildung zur Diplom­krankenpflegerin mit Unterstützung des WAFF [Wiener ArbeitnehmerInnen Förde­rungsfonds], einem sog. Fachkräftestipen­dium, absolvieren zu können. Ich finde es schade, dass diese Möglichkeit nicht mehr angeboten wird, auch weil es mittlerweile ein Bachelor-Studium ist. Es hat die Kran­kenpflegeausbildung auch für Personen in späterem Alter ermöglicht, und wie wir alle von Prognosen und Medienberichten wis­sen, mangelt es überall an diplomiertem Pflegepersonal. Nur ganz wenig 24h-BetreuerInnen haben diesen Umstieg von der Betreuung in die professionelle Pflege geschafft. Es war nicht einfach. Ich habe die Aufnahmeprüfung beim zweiten Versuch geschafft, dazu musste ich meine Deutsch­kenntnisse verbessern. Der Unterschied zwischen Arbeit im Krankenhaus und in der 24h-Betreuung ist riesig – auf meiner Station arbeite ich in einem tollen Team, wir können uns aufeinander verlassen und dafür sorgen, dass es PatientInnen und deren Angehörigen trotz schwieriger Erkrankungen gut geht. Man hat auch alle notwendigen Hilfsmittel zur Verfügung, dies gibt es in der 24h-Betreuung nur sel­ten, weil es an Geld mangelt. In der 24h-Betreuung bist du auf dich selber gestellt und ich habe mich ganz oft isoliert gefühlt.

Gerade gibt es KV-Verhandlungen in der Sozialwirtschaft (seit 2016 SWÖ, davor BAGS), bislang gibt es keine Einigung. Die einzige Forderung der Gewerkschaf­ten GPA-djp und vida ist eine flächende­ckende 35-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Betroffen von der Regelung sind 125.000 Beschäf­tige im privaten Pflege-, Gesundheits- und Sozialbereich. Die Gruppe »Wir sind sozial aber nicht blöd« fordert zudem sechs Prozent Lohnerhöhung. Wie kann die Durchsetzung dieser richtungswei­senden Forderung gelingen?

KATARÍNA STAROŇOVÁ: Selbstverständ­lich würde auch ich mich über eine Arbeits­zeitreduktion freuen, allein es fehlt schon jetzt an Personal und die Verweildauer im Job ist aufgrund der hohen Belastung gering. In der jetzigen Organisationsform ist das einfach nicht zu machen, es braucht vielmehr eine umfassende Strukturände­rung. Die Arbeitsintensität ist jetzt schon extrem hoch und könnte so noch weiter steigen. Ich finde es traurig, dass in der Dis­kussion die 24h-Betreuung vergessen wird. Die Menschen übernehmen doch fünf Pro­zent der Versorgung zu Hause und sind rund um die Uhr in Einsatz. Community Nursing erscheint mir und vielen PflegerInnen als ein attraktives Modell. Auch hier geht es um das Zuhause-Bleiben so lange wie möglich. Das Konzept umfasst aber nicht nur die Pflege und Betreuung von alten und unterstützungs­bedürftigen Personen oder Familien, es geht um ein weitreichendes Modell von Gesundheitsvorsorge und Prävention. Die­ses System würde auch in der 24h-Betreu­ung helfen. Die Community Nurse kann beratende Funktion übernehmen und somit den Wildwuchs an Agenturen beenden (es sind jedenfalls hunderte), die sich jetzt in der 24h-Betreuung umtun und nach wie vor das große Lohngefälle in den europäi­schen Staaten und die individuelle Notlage der Menschen – sowohl der PflegerInnen als auch der KlientInnen – für ihre teils mafiösen Geschäfte nutzen. Community Nurses sind Angestellte der Gemeinde oder des Bezirks, kennen die BewohnerInnen, die medizinische Hauskran­kenpflege in Wien geht in diese Richtung. Das gegenwärtige System ist zu wenig flexi­bel, um auf individuelle Bedürfnisse rasch und adäquat zu reagieren und damit auch hohe Folgekosten zu vermeiden. Wenn z. B. Frau Huber nach einem Schlaganfall inten­sive Betreuung und Therapie bezahlt bekommt und so wieder ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben führen kann, dann ist allen geholfen. Ein Schema Post-Schlaganfall kann dabei viel zu kurz greifen, und dann hängt es von den finanziellen Mit­teln und dem Wissen von Frau Huber oder ihren Angehörigen ab, ob die Rehabilitation gelingt.

Das klingt ziemlich vernünftig, wer oder was steht der Einführung entgegen?

KATARÍNA STAROŇOVÁ: Es gibt einige Lobbygruppen auch in der Wirtschaftskam­mer, die dagegen sind. Auch die Ärztekam­mer fürchtet offenbar um ihren Einfluss. Da­bei könnte dieses Modell fehlende Hausärz­tInnen, besonders in kleinen Landgemein­den, aber auch den Ambulanzbereich im Spi­tal entlasten. Das Entlassungsmanagement der Krankenhäuser könnte durch Communi­ty Nurses weitgehend übernommen werden. Die KrankenpflegerInnen sind dafür, es wür­de sich ein angesehenes neues Beschäfti­gungsfeld eröffnen. Die Frage, wo kommen die neuen Arbeitskräfte her, bleibt offen.

Die sog. Indexierung der Familienbeihilfe für in Österreich tätige ArbeitnehmerIn­nen, deren Kinder im EU-Ausland leben, ist vor einem Jahr in Kraft getreten. Du hast damals bei einer Donnerstagsdemo gemeinsam mit Deinem Kollegen Dušan Valach gesprochen. Dušan hat damals gesagt: »Ihr habt keinen Cent für unsere Ausbildung bezahlt und jetzt wollt ihr uns das Geld für die Ausbildung unserer Kin­der wegnehmen.« Obwohl die EU-Kommis­sion in dieser Frage ein Verfahren gegen Österreich anstrebt, hat auch die neue Türkis-Grüne Regierung diese diskrimi­nierende Regelung nicht zurückgenom­men. Welche Auswirkungen zeigen sich nach einem Jahr?

KATARÍNA STAROŇOVÁ: Die nationale Zu­sammensetzung der 24h-PflegerInnen hat sich verändert und wird sich weiter verän­dern. Als ich 2011 begonnen habe, kamen 60 bis 70 Prozent der PflegerInnen aus der Slo­wakei, heute sind es vielleicht 30 bis 40 Pro­zent. Wenn sich die Arbeitsmarkt-, sprich die Einkommenssituation in den Herkunfts­ländern verbessert, bleiben die Frauen (und wenigen Männer) klarerweise lieber zuhau­se. Zudem gibt es die Konkurrenz aus den Nachbarländern, auch die Schweiz ist ein mögliches Ziel. Da der Bedarf an PflegerIn­nen in Österreich steigt, greift man eben auf ärmere, weiter entfernte Länder zurück, neuerdings Bulgarien, Moldavien, zuletzt sogar Marokko. Für Menschen aus diesen neuen Herkunftsländern beginnt das zuvor beschriebene System und es wird brauchen, bis sie sich austauschen und die Fallstricke im System erkennen. Zwar habe auch ich am Beginn meiner Tätigkeit als 24h-Be­treuerin für eine slowakische und eine österreichische Agentur gearbeitet, das be­deutete im Kleingedruckten des Vertrags die Strafdrohung von 16.596 Euro, sollte ich die Agentur wechseln oder meine eigene Agentur gründen, 5.000 Euro für das Aus­plaudern von Interna. Regelmäßig zu ent­richten wären je 500 Euro Jahresgebühren jeweils für die slowakische und die österrei­chische Agentur. Die zahlt man gleich zu Beginn, und dann stand auch noch im Ver­trag, wenn ich meinen Turnus vorzeitig be­ende, kriege ich nichts. Den KlientInnen wird selbstverständlich der volle Betrag verrechnet, denn ich oder eine andere Pfle­gerin waren schließlich dort. Dieser Miss­brauch von Arbeitskräften, der von der Un­wissenheit, den sprachlichen Barrieren, der formalen Selbstständigkeit und den relativ hohen Anfangsinvestitionen des Berufsein­stiegs lebt, wird durch den Staat Österreich gefördert.

Du warst zwei Jahr in diesem Über-Aus­beutungsschema tätig. Wie bist du da wieder rausgekommen?

KATARÍNA STAROŇOVÁ: Ich war anfäng­lich zwar auch, wie so viele andere, überfor­dert, übermüdet und habe die Tage gezählt, bis der Turnus beendet war. Viele Kompe­tenzen erwirbt man erst in der Arbeit, auch ich war schlecht vorbereitet. Ein Phäno­men, das ich immer wieder wahrnehme: kranke Leute haben ein besonderes Radar, jede Unsicherheit, schlechte Laune wird gespiegelt und kommt zurück. Andererseits hatte ich keine weiteren Ver­pflichtungen, keine Kinder zu versorgen. Ich war relativ jung, hatte in der Slowakei matu­riert. Ich hatte keinen spezifischen Grund, den Rhythmus von Arbeit und Nachhause-Fahren beizubehalten. Ich wechselte nach Wien, lernte viele Leute kennen, die auch in dem Feld tätig waren, und auch meinen Part­ner Roland Loidl. Mit ihm zusammen grün­dete ich das Institut für Personenbetreuung (IPB).

Was habt ihr in den letzten Jahren erreicht? Wie sehen eure Pläne aus?

KATARÍNA STAROŇOVÁ: Die ursprüngli­che Idee war eine Interessensvertretung, sagen wir mal analog zum ÖAMTC, denn eine gewerkschaftliche Vertretung, wie sie eigentlich nötig wäre, ist aufgrund der for­malen Selbständigkeit der ca. 60.000 in Österreich tätigen PersonenbetreuerInnen nicht möglich. Wir haben sehr viele Einzel­fallberatungen gemacht und den Leuten geholfen, aus diesen miesen Agenturverträ­gen auszusteigen. Klarerweise kommen immer neue PflegerInnen nach, ihre Zwangs­lage nimmt meist mit der Entfernung vom Herkunftsland zu. Das Lohngefälle ist noch größer, die Anreisewege noch länger, die Erfahrungen mit Selbstorganisierung oder das Wissen um die eigenen Rechte ist kaum vorhanden. Gerade arbeiten wir mit der FH Campus Wien an dem Projekt »24h QuAA­Lity«. Dabei geht es um die Entwicklung von Software Lösungen zur Qualitätssicherung der 24h-Betreuung. Die BetreuerInnen soll­ten mit mehr Wissen ausgestattet werden. Es entstehen E-Learning Module, es wird ein elektronisches Dokumentationssystem, ein Notfallmanagement sowie eine Vernetzungs­plattform für Betreuungskräfte und KundIn­nen entwickelt. Das Arbeitsfeld ist geprägt von zwei Faktoren: die besonders am Beginn fehlende Kompetenz und die übergroße Ver­antwortung. Gegen die oft erlebte Ohnmacht helfen auch die sozialen Netzwerke der BetreuerInnen, diese versuchen wir gerade zu institutionalisieren und für alle zugäng­lich zu machen.

Danke für das Gespräch.

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Der Zeitraffer, den starsky mit dem Projekt »100 Jahre in 100 Minuten« quer durch die Entwicklung von Frauen*rechten und Frauen*realitäten vornahm, findet am 21. März einen freudvollen, lauten End- und Auftakt für die Zeit danach.

VON BÄRBEL DANNEBERG

Im Atelierhaus der bildenden Künste in Wien, dem Semper-Depot, wird es nach den zahlreichen Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag ein fulminantes Symposium samt Ausstellung, Workshops und Performance geben. In der Gesamtheit soll das Programm das Geschehene des ein­jährigen Projekts von starsky zu 100 Jahre Frauen*wahlrecht zusammenfassen und Fragen stellen: Was hat sich verändert und was nicht, welche Forderungen sind erfüllt worden? Welche sind immer noch tagesak­tuell? Wo stehen wir? Was ist zu tun und wie?

Im Gespräch mit der Volksstimme erzählt die multimediale Künstlerin starsky von ihren Projekten, dem Ideenreichtum und deren Verwirklichung – immer unter dem Zeichen, »urwenig Budget und mangelnde öffentliche Unterstützung« zu haben. »Die Ideen für meine Arbeit kommen durch mein Arbeiten selbst, das gibt mir Anstoß zu den Texten, Bildern, Raumplänen.« Störung ist ein feministisches Prinzip, meint sie. Hat das Projekt »100 Jahre in 100 Minuten« wen gestört? starsky: »Die Riege von Männern stört’s, sie lehnen feministi­sche Äußerungen ab und empfinden es als Bevorzugung, wenn Frauen sich das Wort nehmen. Die finden, Frauen sind doch eh schon gleichberechtigt – und das nach hundert Jahren Frauen*wahlrecht …«

Mit dem Projekt »100 Jahre in 100 Minuten« war starsky ein Jahr lang in Österreich unterwegs, hat öffentliche Räume, Landschaften und Gebäude mit ihren Botschaften belichtet und Diskus­sionen durch provokante Textbotschaften ausgelöst. Im vergangenen November wurde z. B. der Karl-Seitz-Hof, ein berühmtes Exemplar sozialdemokrati­schen Wohnbaus in Foridsdorf, mit Bot­schaften und einer Propagandamaschine für’s Publikum bespielt, wo verdiente Frauen* aus dem Bezirk zu Wort kamen. Wie haben die Leute reagiert? starsky: »Da hat es offene Diskussionen mit Mieterin­nen gegeben. Als wir dem Mieterbeirat sagten, wir wollen ein feministisches Pro­jekt machen, ob das geht, haben die gesagt: Ja super, da helfen wir euch.«

Wir wollen alles!

starskys Arbeit hat viel mit technischem Know-How zu tun, hat sie darin eine Aus­bildung, frage ich. starsky lacht. »Das wer­den auch nur Frauen gefragt, so wie: hast du Kinder? Ich habe Diaprojektoren, Video, fette Technikbatterien, die ich zusammenschnorre … Ich habe nie Geld bekommen für technische Erweiterungen. Jetzt habe ich ein neues Gerät gebaut für die nächsten zwei Jahre.«

Woher kommt der Optimismus für Visio­nen und eine Goldene Revolution? »Bei mir ist das Scheitern immer einkalkuliert. Wir machen Experimente, die können natürlich auch mal daneben gehen«, sagt starsky. Ein Scheitern wäre, »wenn die Kommunikation nicht angenommen wird. Doch man lernt vom Scheitern. Und ich bin Anarchistin und brauche Freiräume.«

Was erwartet uns am 21. März? »Wenn ich das wüsste!« lacht starsky. »Viele Tische von Organisationen mit ihren Botschaften, viele Sessel, viel Gesprächsbereitschaft, Sichtbarmachen, Workshops, eine Tafel der Visionen, Redezeit, Papier und unfertige Kollagen aus vergangenen Aktionen. Jede* bringt einen Beitrag zur Tafel der Visionen mit, fünf Minuten Redeformat, das hat sich als gut erwiesen. Der Abschluss wird poe­tisch, dazu ist der Raum wie gemacht … Das Gesamtprojekt – im Semper-Depot arbeiten bis zu 60 Leute mit – switcht zu den Visio­nen: 100 Jahre lang haben wir zurecht geschimpft und wir werden weiter lästig sein, aber an diesem Tag werden wir nicht mehr aus der Position des Mangels argu­mentieren, sondern wir wollen die Goldene Revolution!«

100 Jahre in 100 Minuten #005

Wir sind Vision! Wir sind die Goldene Revolution!

21. März 2020 | 14–24h Symposium | Ausstellung | Workshops | Diskurs | Polymediale Live Performance (Beginn 20h)

Atelier Haus, Akademie der bildenden Künste, Lehargasse 6-8, 1060 Wien

Alles für Alle: Eintritt frei !!!

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Interventionen der Universalkünstlerin Marianne Maderna.

Interview von EVA BRENNER.

In zahlreichen Medien – von Zeichnung, Skulptur und Installation, über Video, Performance und Musik bis hin zu Texten – befasst sich Marianne Maderna (* 1944 Wien) kritisch mit gesellschaftsrelevanten Fragestellungen, insbesondere mit hierar­chischen Macht- und Gewaltstrukturen sowie dem Verhältnis der Geschlechter. 2005 versah sie in einer abenteuerlichen Kletter-Performance einen Wiener Flak­turm mit den Graffitis

HISTORYSTERIA, WA(R)S YOU, TIE(D) WORLD. 2013 präsentierte sie in der Domi­nikanerkirche Krems ihr Weltentheater HUMANIMALS, eine Groß Installation mit tausenden nachtleuchtenden Skulpturen, die an Schnüren hängend im Raum schwe­ben. 2015 positionierte sie im Arkadenhof und der Aula der Universität Wien die Installation RADICAL BUSTS.

Die Künstlerin lebt in Wien sowie in einer Kartause aus dem 14. Jahrhundert in Aggs­bach-Dorf, Niederösterreich, wo sie als »freiwillige Einsiedlerin« wohnt und (zumeist) im Freien arbeitet. Inmitten des weitläufigen Geländes sind Schüttböden mit ihren Skulpturen und Installationen eingerichtet, die auf Voranmeldung besich­tigt werden können. Ihr Werk ist in mehre­ren öffentlichen Sammlungen vertreten.

»Sie kommen in der Dunkelheit – den Rest übernimmt die Zeit.«

HUMANIMALS (2013) heißt die fantastische multimediale Installation, die die Künstle­rin 2013 für Zeit Kunst Niederösterreich in der romanischen Dominikanerkirche Krems schuf. Hier verdichtet Maderna ihre radikal-feministische Kritik an hierar­chischen Gesellschaftsstrukturen und mobilisiert gegen die Übermacht aktueller und vergangener »Phalloider«, »Krawatti­tuden« oder »Web-Freaks«. In ihrem 2019 bei sonderzahl erschienenen Buch HUMA­NIMALS or the INVENTRESS of wheel Acts entwirft sie ein Welttheater, in dem ihr alter ego der INVENTRESS zusammen mit von ihr bemalten Fighterinnen den Kampf gegen die »Big-Rulers« dieser Welt auf­nimmt. Dieses DaDa-eske Dramolett verbin­det Animationsfilm mit totemistischer Live-Bemalung weiblicher Modelle und einer Tonspur aus Sprachfragmenten, pri­mitiven Lauten und mythologischen Zita­ten. Durch die Intervention der INVEN­TRESS endet das grotesk-düstere Polit-Spektakel der »Gemächtler« schließlich in einem befreienden Trance-Ritual. »Auch das Rad wurde einst von Frauen erfunden. Die Rettung der Welt kommt von den Frauen«, sagt Maderna mit voller Überzeu­gung.

2013 schritt die Künstlerin mit selbstkon­struierten Wasserschuhen als »Päpstin« über die Donau.

2015 stellte Maderna erstmals anlässlich der 650-Jahr-Feier der Universität Wien 36 vergoldete Büsten berühmter Frauen den permanent installierten 153 Büsten und Gedenktafeln männlicher Honoratioren in der Aula der Universität gegenüber.

Handschriftlich versah sie deren Podeste mit den jeweiligen, von ihr verfassten poe­tischen Biographien.

Wenn ich deine Arbeit betrachte, so fällt nicht nur die radikal feministische Grundhaltung, sondern auch die unge­heure Vielfalt an Medien auf, die du ver­wendest.

MARIANNE MADERNA: Interdisziplinari­tät ist selbstverständlich für mich. Ich habe mit Zeichnungen begonnen, mich aber sehr bald der Skulptur und der Performance zugewendet, in der ich meinen eigenen Körper einsetze. Ich lasse mich nicht einen­gen, je nach Thema und Anforderung ist als Ausdrucksform ein anderes Medium not­wendig – Zeichnung, Fotografie, Malerei, Skulptur, Video, Film, Musik, Poesie …

Manche deiner Arbeiten sind sehr räum­lich konzipiert, gewagt, kritisch und humorvoll. Sie erinnern mich an das amerikanische Happening, aber auch an das europäische DaDa.

MARIANNE MADERNA: Ich habe in den 60er-Jahren in Amerika gelebt, allerdings nicht lange, aber ja, der Einfluss ist da – genauso wie von der feministischen Theo­rie und dem Aktionismus. Aber ich muss nicht in die USA blicken. Wir haben in Österreich ganz hervorragende KünstlerIn­nen-Persönlichkeiten. Sie werden interna­tional zu wenig wahrgenommen.

Würdest du deine Arbeit als politisch bezeichnen?

MARIANNE MADERNA: Ja, durchaus. In meinen Augen ist jede/r KünstlerIn poli­tisch! Wir alle suchen nach der Überwin­dung von Grenzen, des Leidens in der Welt, des Mediums, wir suchen etwas Neues. In der Bildenden Kunst hat sich das Politische in den letzten Jahren verstärkt. Für mich geht es allerdings um Verschlüsselung von Botschaften – jedes neue Werk verlangt nach einem anderen »Schlüssel«, den ich dazu erfinden muss. Das Rätsel in der Kunst muss bewahrt werden.

In der Skulpturengruppe RADICAL BUSTS (2013) konfrontierst du die Über­macht männlicher Büsten – von Profes­soren, Rektoren, Wissenschaftlern, – in der Aula der Universität Wien mit Por­träts berühmter Frauen aus der Geschichte. Nach welchen Kriterien hast du die Frauen ausgesucht?

MARIANNE MADERNA: Ich ging nicht nur von biografischen Daten aus. Ich trage diese Frauen in mir. Sie müssen mich »beseelen«, bevor ich sie gestalten und for­men kann. Es geht also um »Darstellung«, das ist ein »schauspielerischer« Akt. Die in Handschrift auf die Sockel geschriebenen Texte nenne ich poetische Biografien. Alle Büsten stellen Erfinderinnen, Tabubreche­rinnen, Künstlerinnen, Wissenschaftlerin­nen dar: Olympe de Gouge, Madame Curie, Marie Jahoda, Meret Oppenheim, Lise Meit­ner, Ingeborg Bachmann oder Maria Lass­nig. 36 an der Zahl. Mit RADICAL BUSTS positionierte ich somit erstmals beim 650-Jahr-Jubiläum der Universität Wien die skulpturalen Portraits bedeutender Frauen vis-á-vis der ausschließlich männlichen Büsten.

Deine Installation HUMANIMALS in der Dominikanerkirche Krems gestaltet ein großes Weltentheater mit Skulptur, Per­formance, Video, Live-Malerei und Musik. Wie kam es dazu?

MARIANNE MADERNA: Ich beobachte das Weltgeschehen, nehme Strömungen auf. Hier habe ich meine Beobachtungen und Erkenntnisse vieler Jahre zusammenfließen lassen.

Deine Gesellschaftskritik ist implizit. Nur finde ich die avantgardistische Gestaltung und die sehr herausfordern­den Film- und Tonspuren nicht leicht zu rezipieren. Wie reagieren die Menschen darauf?

MARIANNE MADERNA: Man muss in die Skulpturen-Installation hineingehen, sich umhüllen lassen. Die Raumskulptur besteht aus 6000 kleinen handgeformten Figuren aus Draht, die mit Leuchtfarbe bestrichen sind und im Dunkel leuchten. Als Pyramide patriarchaler Hierarchien in unserer schö­nen neuen Welt hängen sie an unsichtbaren Fäden von der Decke. Die vis-à-vis plat­zierte 3-D Raumprojektion projiziert die Figuren dann nochmals in den Raum – es sind bizarre, Quallen-artige Figuren, PC-Gesichter, Web-Freaks, Krawattenträger ohne Kopf, die den/die BesucherIn virtuell »bespielen«.

Dein Novum Theatrum Mundi ist ein »schwarzes Theater«, es entwirft ein düsteres Bild der Welt. Die »Ermächtler« sind die Protagonisten deines Szenarios – jene »Pinguine«, die wir täglich im TV sehen, die alle gleich agieren und die Welt beherrschen. Das Oratorium ist unterlegt mit rasend lauter Tonspur aus Sprachfetzen und Musik, die die Sinne verwirren. Wie kreierst du ein Werk wie dieses?

MARIANNE MADERNA: Es ist ein langwie­riger Prozess. Ich arbeite meist an mehre­ren Werkzyklen gleichzeitig. HUMANIMALS nahm acht Jahre in Anspruch, inklusive Film und Musik/Ton. Es geht dabei um Rückkoppelung. – Um die Unmöglichkeit, einen fixierten Blick zu erleben. – Um die Möglichkeit, durch Aktivität in »verurteil­ter« Rebellion den »Starrsinn« entgegen setzen zu können. – Es geht um Entklei­dung. – Dann marschieren und gruppieren die »Pinguine« nicht mehr – Ist TIE(D) WORLD – a ME WORLD again.

Wenn eine kleine Drahtfigur … als Erfin­derin des Rades Tätigkeit …, wenn der schauspielerische Akt es ermöglicht, tätig, tätlich zu werden, dann kommt die INVEN­TRESS of Wheel Acts, die HEUTE oder immer schon Dagewesene. Also gibt es Hoffnung. – Denn SIE kommt – SIE kommen aus der Dunkelheit der HISTORYSTERIA – wo sich die Geschichte noch nicht einge­schrieben hat.

Wo bleibt die positive Metapher? Hast du Hoffnung auf die Zukunft?

MARIANNE MADERNA: Nein, ich habe wenig Hoffnung, aber ich kann diese »meine Arbeit« machen. Es ist ein Ritual. – Gleichbe­deutend mit den Erfinderinnen, Schamanin­nen – später bezeichnet als Künstlerinnen. Alles »läuft« über die Kunst. In der Live-Per­formance schwirre ich am Ende als INVEN­TREESS of Wheel Acts durch den Raum, als Schamanin und Welt-Erretterin, unterstützt von meinen Helferinnen. Das sind Frauen, die sich freiwillig zur Verfügung stellen und deren Gesichter ich in der Performance bemale.

Wie kommst du zu diesen fantastischen Figuren?

MARIANNE MADERNA: Ich schaue mich um in der Geschichte, aber ich erfinde sie. Ich liebe Comics und Science Fiction, vergleich­bar mit früheren Sagengestalten. Die Frauen sind hier magische SciFi-Figuren, die den Abwehrzauber gegen die männlichen Horden der »Big Rulers« veranstalten. Das ist ein ritueller Vorgang, sie helfen mir als INVEN­TRESS im Kampf, das Böse in der Welt auszu­treiben. Wenn du in einer dieser Masken auf­trittst, bist du jemand anderer, dann bist du zu allem fähig. Die Frauen sind Rebellinnen.

Greifst du auf Theorien zurück, z. B. Canettis Masse und Macht?

MARIANNE MADERNA: Nein, Theorien und Bezüge kann man nachträglich dazufügen. Ich schaue mir die Welt jetzt an. Alle starren auf ihre Smartphones und Screens. Ihre Kör­per, ihre Sinne verkümmern. Das Horden-Wesen verstümmelt die Menschheit. Das ist heute schon wieder die Stimmung, also nichts dazugelernt aus den Bild-Reportagen über »Big Rulers« Mimik und daraus folgen­der Manipulierbarkeit der Masse. Nichts dazugelernt für Selbstbestimmung und Ver­antwortung.

Als Künstlerin und Einzelperson ist mir nur ein Ausweg geblieben, es ist die Erfin­dung einer Science-Fiction Erzählung, eines Dramoletts. Deren Hauptdarstellerin, eine Sci-Fi-Fighterin, kann Frauen durch Graffiti-Face-Bemalung Macht verleihen, um dann gemeinsam mit ihr wieder eine neue und nicht-kontaminierte Welt erschaffen zu kön­nen.

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Feministischer Widerstand & Kampf für ein gutes Leben für alle.

VON ELISABETH KLATZER

Aus feministischen Visionen eines guten Lebens für alle ergeben sich mehrere strategisch wichtige Projekte der Transfor­mation. Eines davon ist der Kampf um gute gesellschaftlich organisierte Leistungen für alle. Dazu gehören Geschlechtergerechtig­keit und Versorgung aller in allen wichti­gen Lebensbereichen wie Gesundheit, Bil­dung, Gewaltschutz, Wohnen, Kunst und Kultur, Betreuung, Pflege, Einkommenssi­cherheit, funktionierender Rechtsstaat und vieles mehr. Und für all das braucht es aus­reichend öffentliche Einnahmen.

Femme Fiscale, ein Netzwerk feministi­scher Organisationen, rückt mit der Kam­pagne »Wir lieben Steuern!« die Fiskalpoli­tik ins Zentrum des feministischen Engage­ments. Steuergerechtigkeit, faire Beiträge von Konzernen, Vermögenden und der Ein­kommenselite sind ein ganz wichtiger Teil des feministischen Kampfes für ein gutes Leben für alle.

Unser Sozialstaat mit öffentlichen Dienst­leistungen und Sozialversicherungssyste­men sind wichtige Bausteine in Richtung eines Guten Lebens für alle. Er ist wie ein großes Haus, nicht perfekt, es gäbe viel, das verbessert, ausgebaut und demokratisiert werden muss. Gerade um Geschlechterge­rechtigkeit zu realisieren, braucht es viele Zubauten und Renovierungen, damit alle einen guten Platz finden.

Dennoch, wir befinden uns derzeit schon zu lange im Abwehrkampf. Die Strategie der Regierung ist nicht nur, den Sozial­staat, der wie ein großes Haus ist, in dem alle Platz finden sollten, zu vernachlässi­gen, sondern aktiv die Spitzhacke an den Fundamenten anzusetzen.

Die Strategie, das gemeinsame Haus zu beschädigen, ist simpel, aber wirkungsvoll, da es wenig Widerstand gibt: Regelmäßig sehen wir einen Zyklus in zwei Schritten: Zunächst werden Steuersenkungen ver­sprochen und auch umgesetzt. Die Regie­rung setzt auf drastische Kürzungen bei den Steuereinnahmen. Und der zweite Schritt folgt auf dem Fuß: Drastische Sen­kungen – oder fehlende Erhöhungen – bei Ausgaben in jenen Bereichen, die für die soziale Absicherung und Geschlechterge­rechtigkeit wichtig sind. Begleitet von ras­sistischer und/oder antifeministischer Rhe­torik, je nachdem, wo die Kürzungen gerade durchgeführt werden.

Mittlerweile ein sich wiederholendes Spiel, auf das allzu viele hereinfallen. Mit der Rhetorik der »Steuerlast« wird völlig ausgeblendet, dass Steuereinnahmen das Fundament für öffentliche Leistungen, für eine gerechtere Verteilung und den gemeinsamen Wohlstand sind. Diese Rheto­rik dient vor allem dazu, den Boden aufzu­bereiten: So lassen sich die Beiträge der Konzerne und Einkommenselite senken, die sich zuweilen mit Parteispenden dankbar zeigen. So wird HERRschaft gestärkt: Ein­kommen, Reichtum und Einfluss jener – vorwiegend Männer – wird ausgebaut, die ohnehin bereits obszön viel davon haben. Und das Steuersystem wird Schritt für Schritt ungerechter: Der Anteil der Umsatz- und Verbrauchssteuern am Steueraufkom­men steigt. Das belastet jene, die ohnehin weniger Einkommen haben, viel stärker. Die Steuerpläne der Regierung bedeuten steigende Ungerechtigkeiten. Und damit auch besonders die Geschlechterungleich­heiten.

Und hierbei zeigt sich eine erschreckende Kontinuität der Türkis-Blauen Strategie im Regierungsprogramm von Türkis-Grün. Die Pläne der Regierung bürden uns allen hohe Kosten auf: 5,7 Milliarden jährlich an Geschenken durch Steuerkürzungen wer­den verteilt, wobei der große Teil Konzer­nen und Besserverdienenden zugute­kommt: Senkung der Unternehmensbe­steuerung (KöSt), Senkung der Einkom­menssteuer für die höheren Einkommen, Steuerzuckerl für WertpapierbesitzerIn­nen, Gewinnfreibeträge und anderes mehr. Und die Kosten tragen wir alle.

Diesen Trend gilt es umzukehren: Es braucht volle Kassen für ein gutes Leben für alle. Grundsätzlich ist in Österreich genug da: Die Einkommen und Vermögen steigen, konzentrieren sich aber immer mehr in den Händen weniger. Mittlerweile kommt (fast) die Hälfte des Gesamteinkom­mens nur »den obersten« 20 Prozent der Menschen zu. Die Hälfte der Bevölkerung besitzt zusammen nur zwei Prozent des gesamten Vermögens, während der Rest unter wenigen Privilegierten geteilt wird: Das reichste eine Prozent besitzt ein Drittel des Vermögens. Anders ausgedrückt: Wenige haben obszön viel, während viele wenig oder zu wenig haben. Und wo die meisten Frauen sind, ist bekannt. Es ist genug da: Jene die viel haben, sollen auch mehr zu den Steuereinnahmen beitragen.

Die Kampagne »Wir lieben Steuern!« soll dazu beitragen, die Dynamik umzudrehen, vom Abwehrkampf in die Offensive zu kom­men. Von der Politik der leeren Kassen –Steuersenkungen als Rechtfertigung für Leistungskürzungen – zu öffentlichen Finanzen in Fülle für ein gutes Leben für alle.

Dabei geht’s im Kern darum, das Steuer­system gerechter zu machen: es ist beschä­mend und empörend, dass in Österreich jene, die ohnehin viel haben, immer weni­ger zu den Steuereinnahmen beitragen. Es ist beschämend und empörend, dass bei rasch steigender Vermögensungleichheit in Österreich die Vermögenden minimal Steu­ern zahlen: mit 1,3 Prozent der Gesamtab­gaben ist der Beitrag der Vermögenden verschwindend gering. Und Reiche verer­ben an Reiche und zahlen keine Erbschafts­steuer, da diese in Österreich seit langem erfolgreich verhindert wird. Auch Steuer­betrug und -hinterziehung werden nicht entschieden genug bekämpft. Es braucht eine progressive Besteuerung von Unter­nehmen (höhere Steuern für größere Unternehmen und geringe für kleine Unternehmen) und höhere Steuern für hohe Einkommen. All das ist dringend nötig, um unser gemeinsames Haus auszu­bauen. Wir wollen nicht unter der Last der Luxus-Penthäuser zusammenbrechen, son­dern kämpfen für ein schönes und gutes Haus für alle. Vorschläge gibt’s genug, wie das Steuersystem gerechter werden kann. Es geht darum, in Bewegung zu kommen, um diese auch umzusetzen.

Wir stellen in den Mittelpunkt der Kam­pagne, dass eine gerechte Besteuerung mit ausreichend Einnahmen für den Erhalt und Ausbau des gemeinsamen sozialstaatlichen Hauses dringend nötig ist. Wir brauchen, gerade um Geschlechtergerechtigkeit und ein gutes Leben für alle zu ermöglichen, eine gut gefüllte Kasse! Das ist eine Voraus­setzung für dringend nötige Investitionen in öffentliche Leistungen, Güter und Infra­struktur und bei gleichzeitiger Arbeit am geschlechtergerechten Umbau für ein gutes Leben für alle!

Elisabeth Klatzer ist Vorstandsmitglied von Attac Österreich und als feministische Ökono­min zu geschlechterge­rechter Budget- und Steuerpolitik aktiv. Sie ist Mitglied der Gruppe Femme Fiscale.

Die Femme Fiscale ist eine Initiative von Gruppen und Netzwer­ken, die sich für geschlechtergerechte Steuer- und Budgetpo­litik einsetzt. Mit dabei sind unter anderem FeministAttac, Attac, Frauenring, Plattform 20000frauen, Katholi­sche Frauenbewegung Österreichs, Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchen­beratungsstellen, OBRA – One Billion Rising Austria, WIDE, Watch Group. Gender und öffentliche Finanzen.

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Ob Blau-Schwarz, Schwarz-Orange, Rot-Schwarz, Türkis-Blau oder jetzt Türkis-Grün – die Experimente der verschiedenen Regie­rungsfarben der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass keine auch noch so verwegene Tönung dem Großteil der Frauen grundlegend gleichberechtigt geholfen hätte.

VON BÄRBEL DANNEBERG

Wer redet denn von »den Frauen«. Natürlich haben Frauen profitiert von feministischem Druck, der auch Regierungskoalitionen weiblich verän­derte. Parteipolitisches Karrierestreben eröffnet die Möglichkeit auch für Frauen, gut dotierte Posten zu erhaschen, Geld zu verteilen und Macht zu genießen. Voraus­gesetzt, sie bewegen sich im abgesteckten ideologischen Feld ihrer jeweiligen Partei. Diese haben sich jedenfalls geschmückt mit dem weiblichen Attribut in ihren Spit­zenrängen, zumindest das haben sie, wenn schon sonst nichts, von der Frauen­bewegung abgekupfert. Darin bedienten sich die Schwarzen, Blauen, Orangen oder Türkisen entgegen ihren programmati­schen Grundsätzen um einiges ungenier­ter als die Roten: Frauen garnieren ver­mehrt auch konservative Spitzenpositio­nen, und manch eine verwechselt das mit verwirklichter Gleichberechtigung in unserem Land.

Die weibliche Bevölkerungsmehrheit hingegen stößt sich immer wieder den Kopf nicht nur an einer gläsernen Decke, sondern an der Systemgrenze von Patriar­chat, Kapital und Arbeit. Wir kennen und beklagen die Einschränkungen für Frauen vor allem im unteren Einkommensseg­ment oder für jene, die erwerbsarbeitslos, alleinerziehend oder geflüchtet sind, die Gewalt und Erniedrigung erfahren und deren Überlebensgeschick in Achterschlei­fen verläuft, um wiederholt am gleichen Ausgangspunkt anzukommen. Nach all den mageren Jahren und bitteren Erfahrungen ist frau geneigt zu sagen: Schert euch doch zum Teufel mit eurer Frauenpolitik. Resig­niert und müde vom Kampf und den nicht eingelösten Wahlversprechen wenden sich viele ab vom politischen Geschehen, es ist ja letztlich völlig gleich, denken sie, in wel­cher Farbkombination ihnen noch mehr von dem Wenigen, das ihnen zugestanden wird, abgenommen wird.

Da haben sie uns also genau dort, wo sie uns hinhaben wollen: passiv, schicksals ­ergeben, demütig und politikmüde. Wer wundert sich über sinkende Wahlbeteili­gungen und demokratiepolitische Igno­ranz? Wen wundert, dass die Wut über schlechtere Lebensbedingungen ein Ventil bei radikalen Rechtspopulisten sucht? Denn eines muss leider gesagt werden: Die zunehmende weibliche Teilhabe an Regierungsämtern, staunend auch bei den Konservativen wahrgenommen, hat den Frauen leider nur Einschnitte im Arbeits-, Pensions- und Sozialrecht gebracht. Dass die Türkis-Grünen nun den jemals höchs­ten Frauenanteil ihrer MinisterInnen ­posten aufweisen, ist zwar löblich, aber wer glaubt noch an frauenpolitische Wunder?

Im Kreislauf der Windeln

In Österreich haben Frauen ein weitaus höheres Risiko als Männer, unter die Armutsgrenze zu rutschen, bestätigen NGO-Schattenberichte. Frauen verdienen hierzulande im Durchschnitt lediglich 60 Prozent des mittleren Einkommens von Männern, Arbeiterinnen sogar nur 45 Pro­zent. In den vergangenen Jahren hat sich die Einkommensschere nicht verringert. Im Gegenteil. Armut greift immer weiter in die gesellschaftliche Mitte und bedroht insbesondere Alleinerzieherinnen. Neben der schlechten Bezahlung ist der hohe Anteil von weiblichen Teilzeitbeschäftig­ten ein weiterer Risikofaktor für Armut auch im Alter. Schließlich sind Kinderbe­treuung und Familien»pflichten« noch immer vorwiegend Frauendomäne, beglei­tet von konservativen Modellen der Fami­lienförderung, wie z.B. das unter Blau-Schwarz eingeführte Kindergeld, oder die damalige Kärntner F-Version der Mütter­pension von Jörg Haider als Belohnung für Kinderreichtum, oder der Türkis-Blaue und jetzt von Türkis-Grün übernommene Familienbonus-plus im aktuellen Regie­rungsprogramm. Die ökonomische Frauen­welt unterteilt sich wie gehabt in Kinder oder Karriere. Das Dazwischen ist der Frauenspagat, den viele versuchen und an dem viele, die keine Kohle für private Kin­derbetreuung oder Haushaltshilfen haben, verzweifelt zerbrechen. Wer, wie die jet­zige Frauenministerin Susanne Raab der Ansicht ist, die Berufsausübung sei eine ebenso wahlfreie Entscheidung wie die häusliche Kinderbetreuung, blendet die Folgen für Frauen aus. Aber gut, unsere Frauen- und Integrationsministerin will nicht als Feministin missverstanden wer­den.

Für eine Aktion der 20000frauen (www.20000frauen.at) habe ich einmal die Achterschleifen von Müttern an einem Glücks-Windelrad beschrieben – an den Windelmengen und -größen lassen sich die Lebensphasen weiblicher Menschen able­sen:

Phase 1: It’s a girl! Marie! Nackt geboren, betritt sie sogleich gewickelt und gewin­delt die Bühne Leben. Den ersten Stuhl­gang eines Neugeborenen bezeichnen wir als »Kinds-Pech«. Meist bleibt den Müttern das Pech, die Windeln vom Kinds-Pech und allem, was dann noch folgt, zu reinigen.

Phase 2: Nach den Stoffwindeln (heute wieder öko-logisch in Mode) tauchten die Pampers auf. Mit steigendem Kindesalter wuchs deren Größe. Auch hier hatten meist die Frauen das Pech, sich um tro­ckene Kinderpopos zu kümmern.

Phase 3: Für kurze Zeit war Ruhe im Sturm des weiblichen Windelrades – außer: es betraten weitere ErdenbürgerIn­nen die Bühne im Leben einer Frau.

Phase 4: Tochter Marie, den Windeln ent­wachsen, mausert sich langsam zur Frau und wird eingeweiht in die Geheimnisse des blutigen Kreislaufes: Die Wand­schränke im Badezimmer sind gefüllt mit Binden, Tampons, Slipeinlagen für Mutter und Tochter. Sie werden einander immer ähnlicher in Phase 4 dieses Kreislaufs, der sich unablässig neu perpetuiert: Das kleine Mädchen, nun Mutter-Frau, erfährt Phase 1, die Mutter, nun Großmutter, erfährt Phase 5.

Phase 5: Während Marie Kinds-Pech-Phase 1 durchlebt, bekommt Mutter, jetzt Großmutter, Familienzuwachs: Urgroß­mutter muss von ihr daheim gepflegt wer­den. Nun, in Pension und im Klimakte­rium, braucht Mutter-Großmutter zwar weder Windeln noch Tampons oder Bin­den, doch Urgroßmutter braucht sie. Auch sie hat alle Phasen im Windelrad durchlebt und erlitten und ist nun bei Phase 6 angekommen.

Phase 6: Inkontinenz. Mit steigendem Lebensalter werden die Windeln immer größer. Und die Hoffnungen immer klei­ner, dass das Rad der pflegenden Windel­geschichte sich einmal in die andere Rich­tung drehen möge. Unentwegt dreht es sich im Kreis der Töchter, Mütter, Groß­mütter, Urgroßmütter: raus aus den Win­deln, rein in die Windeln. Kinds-Pech gehabt, Marie! Windelglücksrad? Väter, Männer, Partner, Freunde, Großväter: dreht doch auch einmal eure Runden in diesem Windel-Kreislauf!

Im Hamsterrad des Patriarchats

Es gab einmal eine Zeit, da waren uns die Berichte zur Lage der Frauen in Öster­reich, die auf Initiative der früheren Frau­enministerin Johanna Dohnal in regelmä­ßigen Abständen erschienen, Ansporn, über Strategien und Lösungskonzepte zur Veränderung der Situation nachzudenken. Ausführlich gaben diese Berichte Auskunft über den Zustand österreichischen Frau­enlebens. Das ist schon lange vorbei und wurde von Schwarz-Blau auch schon mal durch einen Männerbericht ab- und dann überhaupt aufgelöst (wie es in dieser Zeit auch einmal einen männlichen Frauenmi­nister gab). Heute gibt es weder noch – und noch nicht einmal ein Frauenstaatsse­kretariat für allgemeine Frauenfragen wie zu Dohnals Zeit oder ein eigenes Frauen­budget. Diese Frauenberichte waren immer wieder Anlass für Aktionen von Frauen, um bessere Lebensbedingungen zu kämpfen. Damals wurde zumindest noch gestritten um Strategien, Ressourcen und politische Einflussnahme. Auf Enqueten, Frauenveranstaltungen und Demonstratio­nen ermächtigten sich Frauen, ihre Inte­ressen selbst zu vertreten. Solidarität war damals nicht nur der Name eines Gewerk­schaftsblatts.

Heute ist das anders. Heute wird dele­giert und Verantwortung abgeschoben, und zwar nach unten – vom Bund zu den Ländern und Gemeinden, von den Sozial­ressorts zu den karitativen Einrichtungen und letztlich zu den Betroffenen selbst. Heute heißt es, wir haben doch Gender-mainstreaming, wer will, kann die eigene Situation verbessern. Wer nicht will, muss durch Zwangsarbeitsnahmen genötigt werden, jeden noch so beschissenen und schlecht bezahlten Job anzunehmen. Heute sind Frauen in verstärktem Ausmaß Kon­kurrentinnen am globalisierten Arbeits­markt, Bittstellerinnen in einem ausge­höhlten Sozialstaat, sie sind eine unsicht­bar gemachte Verschubmasse, die je nach Wirtschaftslage für Sozial- oder andere Dienste eingesetzt oder freigesetzt werden kann. Heute wird der Überlebenskampf von Frauen privatisiert, anonymisiert und individualisiert. Ein, zwei, drei prekäre Jobs – und es reicht vielen noch immer nicht zum Überleben.

Aber auch immer mehr Männer erfahren nun, wie es ist, auf der sozialen Stufenlei­ter weiter nach unten zu rutschen. Prekäre Beschäftigung ist jetzt zunehmend auch ein Männerschicksal, ebenso die von Tür­kis-Blau beschlossenen neuen Arbeitszeit­modelle des Zwölfstundentages oder einer wöchentlichen Arbeitszeit von 60 Stunden. Die erste Tat der jüngsten Regierung ist die Abschaffung der von der Vorregierung eingeführten Hacklerregelung unter dem Vorwand, Frauen hätten sowieso nichts davon. Rolle rückwärts …

Im Würgegriff der Politik

Vor 45 Jahren wurde von der UNO-Gene­ralversammlung das Internationale Jahr der Frau ausgerufen. Es folgten UNO-Dekaden der Frau und Frauenweltkonfe­renzen (bei der letzten 1995 in Peking war ich dabei) mit entsprechenden Aktionsplä­nen. Entscheidend für politische Verände­rungen war damals der außerparlamenta­rische feministische Druck von Links. Das hat Parteien und Politik angeschoben, sich zu bewegen – und nicht die gutbezahlten Spin Docs aus der Beraterbranche.

Doch immer wieder stoßen Frauen an die Grenzen von Kapital, Arbeit und Patri­archat. Der politische Frauenalltag ist zäh, wie auch der Film »Die Dohnal« von Sabine Derflinger (derzeit in österrei­chischen Kinos) anschaulich zeigt. »Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen«, heißt es zu Beginn des Films (großartig der musikalische Auftritt von Yasmo dazu!). Das wurde Johanna Dohnal zum Verhängnis, als sie nach einem Gespräch mit Bundeskanzler Vranitzky offen über ihre Pläne sprach: Sie wollte bis Ende 1995 nach der Bundesfrauenkonferenz, nach der Präsentation des Zehn-Jahres-Frauen­berichts und nach ihrer Teilnahme an der UNO-Frauenweltkonferenz in Peking aus der Regierung ausscheiden. »Das öffnete die Schleusen für ein leichtes Spiel«, wird aus ihren Tagebüchern zitiert. Aus der Zeitung erfuhr sie, dass sie schon vorher gehen soll. Am 31.3.1995, nachdem Dohnal sich dem Koalitionsabkommen mit der Absage an die Karenz regelung gebeugt hatte, wurde sie vor aller Augen vorzeitig demontiert. Diese Filmszene der Erniedri­gung zeigt die nervliche Belastung am Ende ihrer politischen Karriere, begleitet von einer Musik, die an Herzklopfen erin­nert.

Die Verzweiflung, das weibliche Ruder im männlichen Strom in der Hand zu behalten, drückt sich nicht zuletzt auch in der jetzigen Mitgliederbefragung von SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner aus, die in den nächsten Wochen von der Basis wissen möchte, ob sie die richtige Person an der Spitze der Sozialdemokratie sei. Das ist der freie Fall ins Messer männ ­lichen Macht kalküls. Ich hoffe nicht, dass Rendi-Wagner über die Medien von ihrem weiteren politischen Werdegang erfahren wird.

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