Margarete Schütte-Lihotzky und Wilhelm Schütte in Sofia, 1946 Sissi Rausch Margarete Schütte-Lihotzky und Wilhelm Schütte in Sofia, 1946 KPÖ-Archiv
03 Februar

Herr Schütte und Frau Lihotzky

von

Ein Paar reist durch Zeiten und Räume.

Von Sissi Rausch

In und nach dem Ersten Weltkrieg mit Schule, Ausbildung und beginnenden Berufserfahrungen konfrontiert, haben beide, Grete und Wilhelm, angehende, energievolle, interessierte, vor allem an Veränderungen und Verbesserungen für große Bevölkerungsschichten reformerische und revolutionäre Umsetzungen für das Alltagsleben im Blick. Grete wird von ihrem Professor Oskar Strnad aufgefordert, sich einmal die Wohnsituation der armen Leute in Wien, Mehrheit der Bevölkerung, anzuschauen. Ihr Entsetzen reicht, um sich ihr ganzes Leben lang für Verbesserungen, oder überhaupt, annehmbare Möglichkeiten des Lebens, einzusetzen. Auf Grundlage und in Kombination mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die aus der Not geborene Siedler Innenbewegung ist praktisch ihr erstes größeres Eintauchen in die Misere der Nach- und Zwischenkriegszeitverhältnisse. Ernst May, Architekt, Lehrer, Stadtplaner des NEUEN FRANKFURT, wird bei einer Besichtigung der Siedlerhäuser in Wien von der jungen Architektin geführt, und ist von ihr so beeindruckt, dass er ihr anbietet, nach Frankfurt zu kommen, um in seiner Gruppe zu arbeiten. Sie nimmt an und übersiedelt 1926, arbeitet am Frankfurter städtischen Hochbauamt und lernt Wilhelm Schütte kennen. Aufgewachsen in einem evangelischen Pfarrershaushalt, ist er nach gründlicher Ausbildung bereits Regierungs baumeister, und wendet sich vor allem dem Reformschulbau im Neuen Frankfurt zu. Er war damals schon ausgewiesener Fachmann in dieser Sparte und sollte es bis an sein Lebensende bleiben.

1927 wird geheiratet, das Paar bezieht nahe ihrer Arbeitsstätte eine kleine Wohnung. Es muss dort recht vergnügt zugegangen sein, wie ein Nachbar Jahrzehnte später zu berichten weiß. Seine Eltern hätten sich oft beschwert über den Lärm, da »Mays Architektin« oft bis spät in die Nacht auf dem Balkon gefeiert habe.

Zeitgleiches

In Deutschland, das Luft holt für den nächsten Krieg, und in Österreich wird sowieso alles immer enger für Leute ihrer Profession und politischen Einstellung. Und eine bemerkenswerte zeitgeistige Unterscheidung in gute deutsche und ungute undeutsche Zeitgenossen macht sich in etlichen deutschen Oberstübchen bemerkbar. Eine Gegnerschaft Bauhausschule versus Heimatschutzarchitektur wird konstruiert und ideologisch aufgepäppelt. Und zwar nicht wegen der Schneelasten in den Alpen. Wegen der Herkunft, Einstellung, ideologischen Vorstellung der damit befassten Bauhausarchitekten und -Architektinnen wird das »bolschewistisch-jüdische« Flachdach gegen das alpenländische Giebeldach ausgespielt. Einer der diesbezüglichen Hauptpropagandisten ist der Architekt, Gartenstadtplaner, Hochschullehrer und – ab 1933 – Nazi Dr. Paul Schmitthenner. Auch ist er Mitbegründer einer Architekturvereinigung. DER BLOCK ist die Antwort auf die Interessensgemeinschaft DER RING, der von Walter Gropius, Ernst May und anderen gebildet wird und sich im Zuge der Gleichschaltung 1933 selbst auflösen muss. Paul Schmitthenner, als einflussreicher Universitätslehrer, verfasst als Vertreter der Stuttgarter Schule 1931 im Kampfbund für deutsche Kultur und als Mitunterzeichner des Manifests »Deutsche Geisteswelt für den Nationalsozialismus« zahlreiche Schriften – Die deutsche Volks­wohnung, Das deutsche Wohnhaus –, entwi­ckelt ein bis ins das Heute reichendes deutsches Konzept der Gartenstadt. Er wird Reichsfachleiter für bildende Kunst bis zum Kriegsende. Noch 1944 wird er von Adolf Hitler in die Gottbegnadetenliste aufgenommen. Er erhält diverse Professu­ren und Auszeichnungen, auch in Wien. Kurz nach Kriegsende ist etwas Pause, doch nach 1947, als Entlasteter, ist er wie­der in diversen Bündnissen aktiv und erhält zahlreiche Ehrenzeichen, das große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik, den Orden Pour la Merite für Wissenschaft und Künste, wird Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde usw. 2003 werden im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt Schmitthenners Arbeiten ausgestellt, unter dem sinnigen Titel: »Schönheit ruht in der Ordnung«.

Ordnungsstörer

Nicht schön und ordentlich ist es den damaligen Nicht-Deutschen gegangen. Den Jüdinnen und Juden, allen AnhängerInnen von Nicht- oder Anti-Nazigruppierungen. Einer von ihnen war Herbert Eichholzer: steirischer Architekt, Staatspreisträger, politisch aktiv im Schutzbund, in der Vaterländischen Front, in der KPÖ. Viel unterwegs auf Studienreisen. Er arbeitet in der Sowjetunion, bei französischen Architekten, ab 1938 auch in der Türkei bei Clemens Holzmeister. Er gibt, wieder einmal in Österreich, gemeinsam mit Richard Zach das angeblich einzige Flugblatt heraus, das gegen die grassierende Euthanasie Stellung bezieht: »Nazi-Kultur«. Er gibt auch, federführend, die einzige Zeitschrift in Österreich heraus, die die kulturelle Seite der ganzen Geschichte beleuchtet, den PLAN. Bemüht um das KP-Widerstandsnetz, will er Gruppen in Österreich mit den Auslandsgruppen verbinden.

Ab in die Sowjetunion

In, mit und zwischen diesen architektonischen Beben bewegen sich die Lebens- und Arbeitsabläufe der handelnden Personen. 1930: ein Team um Ernst May wird zusammengestellt, ca. zwanzig Fachleute, jeweils mit Spezialgebiet, um in der Sowjetunion beim Aufbau von Städten mitzuwirken. Die Schüttes sind dabei. Gemeinsam mit den Leuten um Ernst May verlegen sie ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in die Sowjetunion. Sie planen ganze Stadtviertel, Wohnhäuser und Kindertagesstätten samt Schulen, schreiben Artikel und pflegen Freundschaften. Fassungslos und voller Tatendrang beschreibt Margarete die Herausforderung in einem Brief an Adele Hanakam aus Moskau (12. November 1930, Abschrift von Thomas Flierl, zit. aus Margarete Schütte-Lihotzky. Architektur. Politik. Geschlecht): »Am 1. Tag, als wir im Büro waren und wir alle so etwas herumstanden und nicht gleich wussten, wie wir anfangen sollen, sagte HEBEBRAND in seiner trockenen witzigen Art: ›Man reiche mir eine Stadt‹; es ist aber Wirklichkeit, dass man uns alle paar Tage eine neue Stadt zur Projektierung reicht.« Dann wird es auch hier, in diesem riesigen Land, eng für gewisse Personen. Der im Volksmund des Kalten Krieges später Hitler-Stalin-Pakt genannte deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt lässt Antifaschist Innen für einige Zeit und weitum geschüttelt oder gerührt oder sonstwie gaga zurück. Schon davor, am 25. Juli 1937, wird ein heute nicht mehr geheimer Befehl Stalins erlassen, Personen deutschen Ursprungs in der Rüstungsindustrie und im Transportwesen, Sowjetbürger deutscher Herkunft, deutschsprachige politische EmigrantInnen auch aus Österreich und der Schweiz, zu verhaften. 1938 sind bereits Zehntausende verurteilt, davon viele erschossen. Möglicherweise erhalten die Schüttes eine Warnung von Ernst Fischer, der sich zu dieser Zeit als KPÖ-Emigrant in Moskau aufhält. Jedenfalls übersiedelt das Paar über mehrere Ecken in die Türkei, zur Gruppe um Clemens Holzmeister. Es kann wieder entworfen, gebaut und geschrieben werden.

Auf nach Wien

Grete tritt 1937 der KPÖ bei. Offenbar war es Herbert Eichholzer, auf den sie in Ankara trifft, gelungen, sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, in Österreich für den Aufbau von Widerstandsgruppen tätig zu werden. Sie reist, so wie vor ihr schon Eichholzer, am 24. 12. 1939 Richtung Wien, und kann dort einen knappen Monat lang Widerstandsarbeit leisten. Ins Visier der Spitzel bzw. der Gestapo geraten, wird auch sie inhaftiert, und durch mehr als Glück und Zufall wird sie zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt und in das Frauengefängnis Aichach in Bayern verbracht, wo sie schließlich im April 1945 die Befreiung erlebt. Viele Personen, mit denen sie zu tun hatte, werden hingerichtet. Auch Herbert Eichholzer. Die beiden Spitzel – Kurt Koppel und Grete Kahane –, liefern allein von Wien aus rund achthundert Menschen ans Messer; insgesamt werden im Lauf des Jahres 1941 allein von der Wiener Gestapo-Leitstelle 1.507 Personen wegen »kommunistischer Tätigkeit« verhaftet.

Wilhelm, der gegen die Ausreise seiner Frau nach Wien war, bleibt in der Türkei, arbeitet weiter an Schulprojekten, arbeitet auch für den britischen Geheimdienst, schreibt, unterrichtet, wird von 1944 bis 1946 interniert. Er muss sich in einer kleineren Stadt in Anatolien aufhalten, kann sich aber mit kleineren Bautätigkeiten und Entwürfen, dem Einrichten einer kleinen Bibliothek beschäftigen.

Enttäuschung im befreiten Wien

1946, aus Sofia kommend wieder in Wien, beide mit Ideen und der Hoffnung, sie auch umsetzen zu können, erleben sie Zurückhaltung und Boykott von offizieller Seite. Aufträge der KPÖ geben ihnen die Möglichkeit, ihr umfangreiches Wissen wenigstens zum Teil einzusetzen. Diverse Aufbauten und Gestaltungen für das Volks stimme fest werden entworfen, das Volkshaus in Graz, das Globus-Gebäude in Wien, das Volkswille-Haus in Klagenfurt von Grete gemeinsam mit Fritz Weber projektiert.

Etliche Gedenkstätten werden von Wilhelm geplant bzw. tragen seine Handschrift. Die Gedenkstätte am Wiener Zentralfriedhof, errichtet gemeinsam mit Fritz Cremer, der Gedenkraum im Wiener Landesgericht, der Gedenkpark bzw. der Denkmalhain in Mauthausen, Gedenksteine in Ebensee, Gusen, Hartheim, Melk.

1951 trennt sich das Paar. Sechs Jahre inhaltsgeladene Trennung sind eine lange Zeit. Im Interview mit Chup Friemert, dem ersten, der sich um eine Herausgabe ihrer Geschichte als Buch bemühte, meint Grete, mit einem Kind hätte sie das nicht gemacht, im Krieg nach Wien zu gehen. Sie bekam keine Kinder, und es dürfte dann auch eine Nachwuchsgeschichte seinerseits gewesen sein, die den Bruch verstärkte: »Er war richtig verlottert«, so Grete rückblickend.

Wilhelm bemüht sich um internationale und nationale Architekturvereinigungen und Unterstützung junger ArchitektInnen, und natürlich um die Gestaltung von Schulgebäuden. Sein Schlüsselwerk in Wien ist die allgemeine Sonderschule Floridsdorf, oder die Freiluftschule Wien-Floridsdorf. Der Schulbau bleibt weiterhin sein Urthema. Noch im Oktober 1967, bei einer Diskussion an der TU Dresden, schon schwer erkrankt an einem Herz leiden, wendet er sich gegen die Ansicht, sich dabei nach kurzfristigen ökonomischen Aspekten zu richten. Fritz Weber zitiert ihn in seinem Nachruf: »Wir dürfen die Kinder nicht spüren lassen, dass wir für sie kein Geld haben. ... Wenn wir also Schulen bauen, dann mit einer Blickrichtung in die Zukunft. Die besten Schulen sind die, die dem Kind das Gefühl einer neuen heimatlichen Umgebung geben, in der es sich wohlfühlt und in der es mit Stolz seine Eltern herumführen möchte.« Ein halbes Jahr später, am 17. April 1968, stirbt Schütte an seinem Herzleiden.

Unverwüstlich

Grete ist weiterhin unterwegs. Politisch in der ersten Reihe des Bunds demokratischer Frauen und im Weltfriedensrat. Sie besucht China, Kuba, Bulgarien, die DDR, übt Beratertätigkeiten aus, schreibt viel und bleibt einfach gesund und voller Energie. Als Peter Noever, seinerzeit Direktor des MAK (Museum für angewandte Kunst) in Wien, eine Ausstellung über sie vorbereitet, kommt es auch zu einem Treffen mit dem zuständigen Stadtrat in Noevers Büro. Der Stadtrat ist überzeugt, eine freudige Überraschung für Grete parat zu haben: sie möge bitte im Auftrag der Gemeinde Wien einen Kindergarten projektieren. Da ist sie bereits 96 Jahre alt und hat schon schlecht gesehen. Manche Zeitlosigkeiten sind schon einfach hinterfragenswert.

In einem Vortragsmanuskript schreibt sie, und das ist so etwas wie ihr Vermächtnis: »... die Vorstellung weiterzugeben, dass wir Architekten nicht nur dazu berufen sind, irgendwelche mehr oder weniger interessante äußere Architekturformen für das Auge zu schaffen – sondern dass die Gestaltung unserer Umwelt, die ja in den Händen der Architekten liegt – ständig auf die Nerven aller Menschen einwirkt und deshalb in ihnen Wohlbefinden oder Mißbehagen, Harmonie oder Disharmonie, das heißt Glücksgefühl erzeugt.«

Zu ihrem Hundertsten hatte Margarete Schütte-Lihotzky bekanntermaßen mit Bürgermeister Michael Häupl das Tanzbein zu Walzerklängen geschwungen. Das hat sie dann auch noch beim Wiener KPÖ-Ball Rote Tanz gemacht. Ohne Bürgermeister und ohne viel Aufhebens.

BENUTZTE LITERATUR:

Marcel Bois, Bernadette Reinhold (Hg.): Margarete Schütte-Lihotzky. Architektur, Politik. Geschlecht. Basel 2019.

Thomas Flierl (Hg.): Margarete Schütte-Lihotzky | Wilhelm Schütte. »Mach den Weg um Prinkipo, meine Gedanken werden Dich dabei begleiten!« Der Gefängnis-Briefwechsel 1941–1945. Berlin 2021.

ÖGFA – Österreichische Gesellschaft für Architektur, Ute Waditschatka (Hg.): Wilhelm Schütte. Architekt. Frankfurt. Moskau. Istanbul. Wien 2019.

Heimo Halbrainer: Herbert Eichholzer 1903–1943. Architektur und Widerstand. Katalog zur Ausstellung. Graz 1998.

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Gelesen 906 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 03 Februar 2022 11:19
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