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Interventionen der Universalkünstlerin Marianne Maderna.

Interview von EVA BRENNER.

In zahlreichen Medien – von Zeichnung, Skulptur und Installation, über Video, Performance und Musik bis hin zu Texten – befasst sich Marianne Maderna (* 1944 Wien) kritisch mit gesellschaftsrelevanten Fragestellungen, insbesondere mit hierar­chischen Macht- und Gewaltstrukturen sowie dem Verhältnis der Geschlechter. 2005 versah sie in einer abenteuerlichen Kletter-Performance einen Wiener Flak­turm mit den Graffitis

HISTORYSTERIA, WA(R)S YOU, TIE(D) WORLD. 2013 präsentierte sie in der Domi­nikanerkirche Krems ihr Weltentheater HUMANIMALS, eine Groß Installation mit tausenden nachtleuchtenden Skulpturen, die an Schnüren hängend im Raum schwe­ben. 2015 positionierte sie im Arkadenhof und der Aula der Universität Wien die Installation RADICAL BUSTS.

Die Künstlerin lebt in Wien sowie in einer Kartause aus dem 14. Jahrhundert in Aggs­bach-Dorf, Niederösterreich, wo sie als »freiwillige Einsiedlerin« wohnt und (zumeist) im Freien arbeitet. Inmitten des weitläufigen Geländes sind Schüttböden mit ihren Skulpturen und Installationen eingerichtet, die auf Voranmeldung besich­tigt werden können. Ihr Werk ist in mehre­ren öffentlichen Sammlungen vertreten.

»Sie kommen in der Dunkelheit – den Rest übernimmt die Zeit.«

HUMANIMALS (2013) heißt die fantastische multimediale Installation, die die Künstle­rin 2013 für Zeit Kunst Niederösterreich in der romanischen Dominikanerkirche Krems schuf. Hier verdichtet Maderna ihre radikal-feministische Kritik an hierar­chischen Gesellschaftsstrukturen und mobilisiert gegen die Übermacht aktueller und vergangener »Phalloider«, »Krawatti­tuden« oder »Web-Freaks«. In ihrem 2019 bei sonderzahl erschienenen Buch HUMA­NIMALS or the INVENTRESS of wheel Acts entwirft sie ein Welttheater, in dem ihr alter ego der INVENTRESS zusammen mit von ihr bemalten Fighterinnen den Kampf gegen die »Big-Rulers« dieser Welt auf­nimmt. Dieses DaDa-eske Dramolett verbin­det Animationsfilm mit totemistischer Live-Bemalung weiblicher Modelle und einer Tonspur aus Sprachfragmenten, pri­mitiven Lauten und mythologischen Zita­ten. Durch die Intervention der INVEN­TRESS endet das grotesk-düstere Polit-Spektakel der »Gemächtler« schließlich in einem befreienden Trance-Ritual. »Auch das Rad wurde einst von Frauen erfunden. Die Rettung der Welt kommt von den Frauen«, sagt Maderna mit voller Überzeu­gung.

2013 schritt die Künstlerin mit selbstkon­struierten Wasserschuhen als »Päpstin« über die Donau.

2015 stellte Maderna erstmals anlässlich der 650-Jahr-Feier der Universität Wien 36 vergoldete Büsten berühmter Frauen den permanent installierten 153 Büsten und Gedenktafeln männlicher Honoratioren in der Aula der Universität gegenüber.

Handschriftlich versah sie deren Podeste mit den jeweiligen, von ihr verfassten poe­tischen Biographien.

Wenn ich deine Arbeit betrachte, so fällt nicht nur die radikal feministische Grundhaltung, sondern auch die unge­heure Vielfalt an Medien auf, die du ver­wendest.

MARIANNE MADERNA: Interdisziplinari­tät ist selbstverständlich für mich. Ich habe mit Zeichnungen begonnen, mich aber sehr bald der Skulptur und der Performance zugewendet, in der ich meinen eigenen Körper einsetze. Ich lasse mich nicht einen­gen, je nach Thema und Anforderung ist als Ausdrucksform ein anderes Medium not­wendig – Zeichnung, Fotografie, Malerei, Skulptur, Video, Film, Musik, Poesie …

Manche deiner Arbeiten sind sehr räum­lich konzipiert, gewagt, kritisch und humorvoll. Sie erinnern mich an das amerikanische Happening, aber auch an das europäische DaDa.

MARIANNE MADERNA: Ich habe in den 60er-Jahren in Amerika gelebt, allerdings nicht lange, aber ja, der Einfluss ist da – genauso wie von der feministischen Theo­rie und dem Aktionismus. Aber ich muss nicht in die USA blicken. Wir haben in Österreich ganz hervorragende KünstlerIn­nen-Persönlichkeiten. Sie werden interna­tional zu wenig wahrgenommen.

Würdest du deine Arbeit als politisch bezeichnen?

MARIANNE MADERNA: Ja, durchaus. In meinen Augen ist jede/r KünstlerIn poli­tisch! Wir alle suchen nach der Überwin­dung von Grenzen, des Leidens in der Welt, des Mediums, wir suchen etwas Neues. In der Bildenden Kunst hat sich das Politische in den letzten Jahren verstärkt. Für mich geht es allerdings um Verschlüsselung von Botschaften – jedes neue Werk verlangt nach einem anderen »Schlüssel«, den ich dazu erfinden muss. Das Rätsel in der Kunst muss bewahrt werden.

In der Skulpturengruppe RADICAL BUSTS (2013) konfrontierst du die Über­macht männlicher Büsten – von Profes­soren, Rektoren, Wissenschaftlern, – in der Aula der Universität Wien mit Por­träts berühmter Frauen aus der Geschichte. Nach welchen Kriterien hast du die Frauen ausgesucht?

MARIANNE MADERNA: Ich ging nicht nur von biografischen Daten aus. Ich trage diese Frauen in mir. Sie müssen mich »beseelen«, bevor ich sie gestalten und for­men kann. Es geht also um »Darstellung«, das ist ein »schauspielerischer« Akt. Die in Handschrift auf die Sockel geschriebenen Texte nenne ich poetische Biografien. Alle Büsten stellen Erfinderinnen, Tabubreche­rinnen, Künstlerinnen, Wissenschaftlerin­nen dar: Olympe de Gouge, Madame Curie, Marie Jahoda, Meret Oppenheim, Lise Meit­ner, Ingeborg Bachmann oder Maria Lass­nig. 36 an der Zahl. Mit RADICAL BUSTS positionierte ich somit erstmals beim 650-Jahr-Jubiläum der Universität Wien die skulpturalen Portraits bedeutender Frauen vis-á-vis der ausschließlich männlichen Büsten.

Deine Installation HUMANIMALS in der Dominikanerkirche Krems gestaltet ein großes Weltentheater mit Skulptur, Per­formance, Video, Live-Malerei und Musik. Wie kam es dazu?

MARIANNE MADERNA: Ich beobachte das Weltgeschehen, nehme Strömungen auf. Hier habe ich meine Beobachtungen und Erkenntnisse vieler Jahre zusammenfließen lassen.

Deine Gesellschaftskritik ist implizit. Nur finde ich die avantgardistische Gestaltung und die sehr herausfordern­den Film- und Tonspuren nicht leicht zu rezipieren. Wie reagieren die Menschen darauf?

MARIANNE MADERNA: Man muss in die Skulpturen-Installation hineingehen, sich umhüllen lassen. Die Raumskulptur besteht aus 6000 kleinen handgeformten Figuren aus Draht, die mit Leuchtfarbe bestrichen sind und im Dunkel leuchten. Als Pyramide patriarchaler Hierarchien in unserer schö­nen neuen Welt hängen sie an unsichtbaren Fäden von der Decke. Die vis-à-vis plat­zierte 3-D Raumprojektion projiziert die Figuren dann nochmals in den Raum – es sind bizarre, Quallen-artige Figuren, PC-Gesichter, Web-Freaks, Krawattenträger ohne Kopf, die den/die BesucherIn virtuell »bespielen«.

Dein Novum Theatrum Mundi ist ein »schwarzes Theater«, es entwirft ein düsteres Bild der Welt. Die »Ermächtler« sind die Protagonisten deines Szenarios – jene »Pinguine«, die wir täglich im TV sehen, die alle gleich agieren und die Welt beherrschen. Das Oratorium ist unterlegt mit rasend lauter Tonspur aus Sprachfetzen und Musik, die die Sinne verwirren. Wie kreierst du ein Werk wie dieses?

MARIANNE MADERNA: Es ist ein langwie­riger Prozess. Ich arbeite meist an mehre­ren Werkzyklen gleichzeitig. HUMANIMALS nahm acht Jahre in Anspruch, inklusive Film und Musik/Ton. Es geht dabei um Rückkoppelung. – Um die Unmöglichkeit, einen fixierten Blick zu erleben. – Um die Möglichkeit, durch Aktivität in »verurteil­ter« Rebellion den »Starrsinn« entgegen setzen zu können. – Es geht um Entklei­dung. – Dann marschieren und gruppieren die »Pinguine« nicht mehr – Ist TIE(D) WORLD – a ME WORLD again.

Wenn eine kleine Drahtfigur … als Erfin­derin des Rades Tätigkeit …, wenn der schauspielerische Akt es ermöglicht, tätig, tätlich zu werden, dann kommt die INVEN­TRESS of Wheel Acts, die HEUTE oder immer schon Dagewesene. Also gibt es Hoffnung. – Denn SIE kommt – SIE kommen aus der Dunkelheit der HISTORYSTERIA – wo sich die Geschichte noch nicht einge­schrieben hat.

Wo bleibt die positive Metapher? Hast du Hoffnung auf die Zukunft?

MARIANNE MADERNA: Nein, ich habe wenig Hoffnung, aber ich kann diese »meine Arbeit« machen. Es ist ein Ritual. – Gleichbe­deutend mit den Erfinderinnen, Schamanin­nen – später bezeichnet als Künstlerinnen. Alles »läuft« über die Kunst. In der Live-Per­formance schwirre ich am Ende als INVEN­TREESS of Wheel Acts durch den Raum, als Schamanin und Welt-Erretterin, unterstützt von meinen Helferinnen. Das sind Frauen, die sich freiwillig zur Verfügung stellen und deren Gesichter ich in der Performance bemale.

Wie kommst du zu diesen fantastischen Figuren?

MARIANNE MADERNA: Ich schaue mich um in der Geschichte, aber ich erfinde sie. Ich liebe Comics und Science Fiction, vergleich­bar mit früheren Sagengestalten. Die Frauen sind hier magische SciFi-Figuren, die den Abwehrzauber gegen die männlichen Horden der »Big Rulers« veranstalten. Das ist ein ritueller Vorgang, sie helfen mir als INVEN­TRESS im Kampf, das Böse in der Welt auszu­treiben. Wenn du in einer dieser Masken auf­trittst, bist du jemand anderer, dann bist du zu allem fähig. Die Frauen sind Rebellinnen.

Greifst du auf Theorien zurück, z. B. Canettis Masse und Macht?

MARIANNE MADERNA: Nein, Theorien und Bezüge kann man nachträglich dazufügen. Ich schaue mir die Welt jetzt an. Alle starren auf ihre Smartphones und Screens. Ihre Kör­per, ihre Sinne verkümmern. Das Horden-Wesen verstümmelt die Menschheit. Das ist heute schon wieder die Stimmung, also nichts dazugelernt aus den Bild-Reportagen über »Big Rulers« Mimik und daraus folgen­der Manipulierbarkeit der Masse. Nichts dazugelernt für Selbstbestimmung und Ver­antwortung.

Als Künstlerin und Einzelperson ist mir nur ein Ausweg geblieben, es ist die Erfin­dung einer Science-Fiction Erzählung, eines Dramoletts. Deren Hauptdarstellerin, eine Sci-Fi-Fighterin, kann Frauen durch Graffiti-Face-Bemalung Macht verleihen, um dann gemeinsam mit ihr wieder eine neue und nicht-kontaminierte Welt erschaffen zu kön­nen.

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Feministischer Widerstand & Kampf für ein gutes Leben für alle.

VON ELISABETH KLATZER

Aus feministischen Visionen eines guten Lebens für alle ergeben sich mehrere strategisch wichtige Projekte der Transfor­mation. Eines davon ist der Kampf um gute gesellschaftlich organisierte Leistungen für alle. Dazu gehören Geschlechtergerechtig­keit und Versorgung aller in allen wichti­gen Lebensbereichen wie Gesundheit, Bil­dung, Gewaltschutz, Wohnen, Kunst und Kultur, Betreuung, Pflege, Einkommenssi­cherheit, funktionierender Rechtsstaat und vieles mehr. Und für all das braucht es aus­reichend öffentliche Einnahmen.

Femme Fiscale, ein Netzwerk feministi­scher Organisationen, rückt mit der Kam­pagne »Wir lieben Steuern!« die Fiskalpoli­tik ins Zentrum des feministischen Engage­ments. Steuergerechtigkeit, faire Beiträge von Konzernen, Vermögenden und der Ein­kommenselite sind ein ganz wichtiger Teil des feministischen Kampfes für ein gutes Leben für alle.

Unser Sozialstaat mit öffentlichen Dienst­leistungen und Sozialversicherungssyste­men sind wichtige Bausteine in Richtung eines Guten Lebens für alle. Er ist wie ein großes Haus, nicht perfekt, es gäbe viel, das verbessert, ausgebaut und demokratisiert werden muss. Gerade um Geschlechterge­rechtigkeit zu realisieren, braucht es viele Zubauten und Renovierungen, damit alle einen guten Platz finden.

Dennoch, wir befinden uns derzeit schon zu lange im Abwehrkampf. Die Strategie der Regierung ist nicht nur, den Sozial­staat, der wie ein großes Haus ist, in dem alle Platz finden sollten, zu vernachlässi­gen, sondern aktiv die Spitzhacke an den Fundamenten anzusetzen.

Die Strategie, das gemeinsame Haus zu beschädigen, ist simpel, aber wirkungsvoll, da es wenig Widerstand gibt: Regelmäßig sehen wir einen Zyklus in zwei Schritten: Zunächst werden Steuersenkungen ver­sprochen und auch umgesetzt. Die Regie­rung setzt auf drastische Kürzungen bei den Steuereinnahmen. Und der zweite Schritt folgt auf dem Fuß: Drastische Sen­kungen – oder fehlende Erhöhungen – bei Ausgaben in jenen Bereichen, die für die soziale Absicherung und Geschlechterge­rechtigkeit wichtig sind. Begleitet von ras­sistischer und/oder antifeministischer Rhe­torik, je nachdem, wo die Kürzungen gerade durchgeführt werden.

Mittlerweile ein sich wiederholendes Spiel, auf das allzu viele hereinfallen. Mit der Rhetorik der »Steuerlast« wird völlig ausgeblendet, dass Steuereinnahmen das Fundament für öffentliche Leistungen, für eine gerechtere Verteilung und den gemeinsamen Wohlstand sind. Diese Rheto­rik dient vor allem dazu, den Boden aufzu­bereiten: So lassen sich die Beiträge der Konzerne und Einkommenselite senken, die sich zuweilen mit Parteispenden dankbar zeigen. So wird HERRschaft gestärkt: Ein­kommen, Reichtum und Einfluss jener – vorwiegend Männer – wird ausgebaut, die ohnehin bereits obszön viel davon haben. Und das Steuersystem wird Schritt für Schritt ungerechter: Der Anteil der Umsatz- und Verbrauchssteuern am Steueraufkom­men steigt. Das belastet jene, die ohnehin weniger Einkommen haben, viel stärker. Die Steuerpläne der Regierung bedeuten steigende Ungerechtigkeiten. Und damit auch besonders die Geschlechterungleich­heiten.

Und hierbei zeigt sich eine erschreckende Kontinuität der Türkis-Blauen Strategie im Regierungsprogramm von Türkis-Grün. Die Pläne der Regierung bürden uns allen hohe Kosten auf: 5,7 Milliarden jährlich an Geschenken durch Steuerkürzungen wer­den verteilt, wobei der große Teil Konzer­nen und Besserverdienenden zugute­kommt: Senkung der Unternehmensbe­steuerung (KöSt), Senkung der Einkom­menssteuer für die höheren Einkommen, Steuerzuckerl für WertpapierbesitzerIn­nen, Gewinnfreibeträge und anderes mehr. Und die Kosten tragen wir alle.

Diesen Trend gilt es umzukehren: Es braucht volle Kassen für ein gutes Leben für alle. Grundsätzlich ist in Österreich genug da: Die Einkommen und Vermögen steigen, konzentrieren sich aber immer mehr in den Händen weniger. Mittlerweile kommt (fast) die Hälfte des Gesamteinkom­mens nur »den obersten« 20 Prozent der Menschen zu. Die Hälfte der Bevölkerung besitzt zusammen nur zwei Prozent des gesamten Vermögens, während der Rest unter wenigen Privilegierten geteilt wird: Das reichste eine Prozent besitzt ein Drittel des Vermögens. Anders ausgedrückt: Wenige haben obszön viel, während viele wenig oder zu wenig haben. Und wo die meisten Frauen sind, ist bekannt. Es ist genug da: Jene die viel haben, sollen auch mehr zu den Steuereinnahmen beitragen.

Die Kampagne »Wir lieben Steuern!« soll dazu beitragen, die Dynamik umzudrehen, vom Abwehrkampf in die Offensive zu kom­men. Von der Politik der leeren Kassen –Steuersenkungen als Rechtfertigung für Leistungskürzungen – zu öffentlichen Finanzen in Fülle für ein gutes Leben für alle.

Dabei geht’s im Kern darum, das Steuer­system gerechter zu machen: es ist beschä­mend und empörend, dass in Österreich jene, die ohnehin viel haben, immer weni­ger zu den Steuereinnahmen beitragen. Es ist beschämend und empörend, dass bei rasch steigender Vermögensungleichheit in Österreich die Vermögenden minimal Steu­ern zahlen: mit 1,3 Prozent der Gesamtab­gaben ist der Beitrag der Vermögenden verschwindend gering. Und Reiche verer­ben an Reiche und zahlen keine Erbschafts­steuer, da diese in Österreich seit langem erfolgreich verhindert wird. Auch Steuer­betrug und -hinterziehung werden nicht entschieden genug bekämpft. Es braucht eine progressive Besteuerung von Unter­nehmen (höhere Steuern für größere Unternehmen und geringe für kleine Unternehmen) und höhere Steuern für hohe Einkommen. All das ist dringend nötig, um unser gemeinsames Haus auszu­bauen. Wir wollen nicht unter der Last der Luxus-Penthäuser zusammenbrechen, son­dern kämpfen für ein schönes und gutes Haus für alle. Vorschläge gibt’s genug, wie das Steuersystem gerechter werden kann. Es geht darum, in Bewegung zu kommen, um diese auch umzusetzen.

Wir stellen in den Mittelpunkt der Kam­pagne, dass eine gerechte Besteuerung mit ausreichend Einnahmen für den Erhalt und Ausbau des gemeinsamen sozialstaatlichen Hauses dringend nötig ist. Wir brauchen, gerade um Geschlechtergerechtigkeit und ein gutes Leben für alle zu ermöglichen, eine gut gefüllte Kasse! Das ist eine Voraus­setzung für dringend nötige Investitionen in öffentliche Leistungen, Güter und Infra­struktur und bei gleichzeitiger Arbeit am geschlechtergerechten Umbau für ein gutes Leben für alle!

Elisabeth Klatzer ist Vorstandsmitglied von Attac Österreich und als feministische Ökono­min zu geschlechterge­rechter Budget- und Steuerpolitik aktiv. Sie ist Mitglied der Gruppe Femme Fiscale.

Die Femme Fiscale ist eine Initiative von Gruppen und Netzwer­ken, die sich für geschlechtergerechte Steuer- und Budgetpo­litik einsetzt. Mit dabei sind unter anderem FeministAttac, Attac, Frauenring, Plattform 20000frauen, Katholi­sche Frauenbewegung Österreichs, Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchen­beratungsstellen, OBRA – One Billion Rising Austria, WIDE, Watch Group. Gender und öffentliche Finanzen.

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Ob Blau-Schwarz, Schwarz-Orange, Rot-Schwarz, Türkis-Blau oder jetzt Türkis-Grün – die Experimente der verschiedenen Regie­rungsfarben der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass keine auch noch so verwegene Tönung dem Großteil der Frauen grundlegend gleichberechtigt geholfen hätte.

VON BÄRBEL DANNEBERG

Wer redet denn von »den Frauen«. Natürlich haben Frauen profitiert von feministischem Druck, der auch Regierungskoalitionen weiblich verän­derte. Parteipolitisches Karrierestreben eröffnet die Möglichkeit auch für Frauen, gut dotierte Posten zu erhaschen, Geld zu verteilen und Macht zu genießen. Voraus­gesetzt, sie bewegen sich im abgesteckten ideologischen Feld ihrer jeweiligen Partei. Diese haben sich jedenfalls geschmückt mit dem weiblichen Attribut in ihren Spit­zenrängen, zumindest das haben sie, wenn schon sonst nichts, von der Frauen­bewegung abgekupfert. Darin bedienten sich die Schwarzen, Blauen, Orangen oder Türkisen entgegen ihren programmati­schen Grundsätzen um einiges ungenier­ter als die Roten: Frauen garnieren ver­mehrt auch konservative Spitzenpositio­nen, und manch eine verwechselt das mit verwirklichter Gleichberechtigung in unserem Land.

Die weibliche Bevölkerungsmehrheit hingegen stößt sich immer wieder den Kopf nicht nur an einer gläsernen Decke, sondern an der Systemgrenze von Patriar­chat, Kapital und Arbeit. Wir kennen und beklagen die Einschränkungen für Frauen vor allem im unteren Einkommensseg­ment oder für jene, die erwerbsarbeitslos, alleinerziehend oder geflüchtet sind, die Gewalt und Erniedrigung erfahren und deren Überlebensgeschick in Achterschlei­fen verläuft, um wiederholt am gleichen Ausgangspunkt anzukommen. Nach all den mageren Jahren und bitteren Erfahrungen ist frau geneigt zu sagen: Schert euch doch zum Teufel mit eurer Frauenpolitik. Resig­niert und müde vom Kampf und den nicht eingelösten Wahlversprechen wenden sich viele ab vom politischen Geschehen, es ist ja letztlich völlig gleich, denken sie, in wel­cher Farbkombination ihnen noch mehr von dem Wenigen, das ihnen zugestanden wird, abgenommen wird.

Da haben sie uns also genau dort, wo sie uns hinhaben wollen: passiv, schicksals ­ergeben, demütig und politikmüde. Wer wundert sich über sinkende Wahlbeteili­gungen und demokratiepolitische Igno­ranz? Wen wundert, dass die Wut über schlechtere Lebensbedingungen ein Ventil bei radikalen Rechtspopulisten sucht? Denn eines muss leider gesagt werden: Die zunehmende weibliche Teilhabe an Regierungsämtern, staunend auch bei den Konservativen wahrgenommen, hat den Frauen leider nur Einschnitte im Arbeits-, Pensions- und Sozialrecht gebracht. Dass die Türkis-Grünen nun den jemals höchs­ten Frauenanteil ihrer MinisterInnen ­posten aufweisen, ist zwar löblich, aber wer glaubt noch an frauenpolitische Wunder?

Im Kreislauf der Windeln

In Österreich haben Frauen ein weitaus höheres Risiko als Männer, unter die Armutsgrenze zu rutschen, bestätigen NGO-Schattenberichte. Frauen verdienen hierzulande im Durchschnitt lediglich 60 Prozent des mittleren Einkommens von Männern, Arbeiterinnen sogar nur 45 Pro­zent. In den vergangenen Jahren hat sich die Einkommensschere nicht verringert. Im Gegenteil. Armut greift immer weiter in die gesellschaftliche Mitte und bedroht insbesondere Alleinerzieherinnen. Neben der schlechten Bezahlung ist der hohe Anteil von weiblichen Teilzeitbeschäftig­ten ein weiterer Risikofaktor für Armut auch im Alter. Schließlich sind Kinderbe­treuung und Familien»pflichten« noch immer vorwiegend Frauendomäne, beglei­tet von konservativen Modellen der Fami­lienförderung, wie z.B. das unter Blau-Schwarz eingeführte Kindergeld, oder die damalige Kärntner F-Version der Mütter­pension von Jörg Haider als Belohnung für Kinderreichtum, oder der Türkis-Blaue und jetzt von Türkis-Grün übernommene Familienbonus-plus im aktuellen Regie­rungsprogramm. Die ökonomische Frauen­welt unterteilt sich wie gehabt in Kinder oder Karriere. Das Dazwischen ist der Frauenspagat, den viele versuchen und an dem viele, die keine Kohle für private Kin­derbetreuung oder Haushaltshilfen haben, verzweifelt zerbrechen. Wer, wie die jet­zige Frauenministerin Susanne Raab der Ansicht ist, die Berufsausübung sei eine ebenso wahlfreie Entscheidung wie die häusliche Kinderbetreuung, blendet die Folgen für Frauen aus. Aber gut, unsere Frauen- und Integrationsministerin will nicht als Feministin missverstanden wer­den.

Für eine Aktion der 20000frauen (www.20000frauen.at) habe ich einmal die Achterschleifen von Müttern an einem Glücks-Windelrad beschrieben – an den Windelmengen und -größen lassen sich die Lebensphasen weiblicher Menschen able­sen:

Phase 1: It’s a girl! Marie! Nackt geboren, betritt sie sogleich gewickelt und gewin­delt die Bühne Leben. Den ersten Stuhl­gang eines Neugeborenen bezeichnen wir als »Kinds-Pech«. Meist bleibt den Müttern das Pech, die Windeln vom Kinds-Pech und allem, was dann noch folgt, zu reinigen.

Phase 2: Nach den Stoffwindeln (heute wieder öko-logisch in Mode) tauchten die Pampers auf. Mit steigendem Kindesalter wuchs deren Größe. Auch hier hatten meist die Frauen das Pech, sich um tro­ckene Kinderpopos zu kümmern.

Phase 3: Für kurze Zeit war Ruhe im Sturm des weiblichen Windelrades – außer: es betraten weitere ErdenbürgerIn­nen die Bühne im Leben einer Frau.

Phase 4: Tochter Marie, den Windeln ent­wachsen, mausert sich langsam zur Frau und wird eingeweiht in die Geheimnisse des blutigen Kreislaufes: Die Wand­schränke im Badezimmer sind gefüllt mit Binden, Tampons, Slipeinlagen für Mutter und Tochter. Sie werden einander immer ähnlicher in Phase 4 dieses Kreislaufs, der sich unablässig neu perpetuiert: Das kleine Mädchen, nun Mutter-Frau, erfährt Phase 1, die Mutter, nun Großmutter, erfährt Phase 5.

Phase 5: Während Marie Kinds-Pech-Phase 1 durchlebt, bekommt Mutter, jetzt Großmutter, Familienzuwachs: Urgroß­mutter muss von ihr daheim gepflegt wer­den. Nun, in Pension und im Klimakte­rium, braucht Mutter-Großmutter zwar weder Windeln noch Tampons oder Bin­den, doch Urgroßmutter braucht sie. Auch sie hat alle Phasen im Windelrad durchlebt und erlitten und ist nun bei Phase 6 angekommen.

Phase 6: Inkontinenz. Mit steigendem Lebensalter werden die Windeln immer größer. Und die Hoffnungen immer klei­ner, dass das Rad der pflegenden Windel­geschichte sich einmal in die andere Rich­tung drehen möge. Unentwegt dreht es sich im Kreis der Töchter, Mütter, Groß­mütter, Urgroßmütter: raus aus den Win­deln, rein in die Windeln. Kinds-Pech gehabt, Marie! Windelglücksrad? Väter, Männer, Partner, Freunde, Großväter: dreht doch auch einmal eure Runden in diesem Windel-Kreislauf!

Im Hamsterrad des Patriarchats

Es gab einmal eine Zeit, da waren uns die Berichte zur Lage der Frauen in Öster­reich, die auf Initiative der früheren Frau­enministerin Johanna Dohnal in regelmä­ßigen Abständen erschienen, Ansporn, über Strategien und Lösungskonzepte zur Veränderung der Situation nachzudenken. Ausführlich gaben diese Berichte Auskunft über den Zustand österreichischen Frau­enlebens. Das ist schon lange vorbei und wurde von Schwarz-Blau auch schon mal durch einen Männerbericht ab- und dann überhaupt aufgelöst (wie es in dieser Zeit auch einmal einen männlichen Frauenmi­nister gab). Heute gibt es weder noch – und noch nicht einmal ein Frauenstaatsse­kretariat für allgemeine Frauenfragen wie zu Dohnals Zeit oder ein eigenes Frauen­budget. Diese Frauenberichte waren immer wieder Anlass für Aktionen von Frauen, um bessere Lebensbedingungen zu kämpfen. Damals wurde zumindest noch gestritten um Strategien, Ressourcen und politische Einflussnahme. Auf Enqueten, Frauenveranstaltungen und Demonstratio­nen ermächtigten sich Frauen, ihre Inte­ressen selbst zu vertreten. Solidarität war damals nicht nur der Name eines Gewerk­schaftsblatts.

Heute ist das anders. Heute wird dele­giert und Verantwortung abgeschoben, und zwar nach unten – vom Bund zu den Ländern und Gemeinden, von den Sozial­ressorts zu den karitativen Einrichtungen und letztlich zu den Betroffenen selbst. Heute heißt es, wir haben doch Gender-mainstreaming, wer will, kann die eigene Situation verbessern. Wer nicht will, muss durch Zwangsarbeitsnahmen genötigt werden, jeden noch so beschissenen und schlecht bezahlten Job anzunehmen. Heute sind Frauen in verstärktem Ausmaß Kon­kurrentinnen am globalisierten Arbeits­markt, Bittstellerinnen in einem ausge­höhlten Sozialstaat, sie sind eine unsicht­bar gemachte Verschubmasse, die je nach Wirtschaftslage für Sozial- oder andere Dienste eingesetzt oder freigesetzt werden kann. Heute wird der Überlebenskampf von Frauen privatisiert, anonymisiert und individualisiert. Ein, zwei, drei prekäre Jobs – und es reicht vielen noch immer nicht zum Überleben.

Aber auch immer mehr Männer erfahren nun, wie es ist, auf der sozialen Stufenlei­ter weiter nach unten zu rutschen. Prekäre Beschäftigung ist jetzt zunehmend auch ein Männerschicksal, ebenso die von Tür­kis-Blau beschlossenen neuen Arbeitszeit­modelle des Zwölfstundentages oder einer wöchentlichen Arbeitszeit von 60 Stunden. Die erste Tat der jüngsten Regierung ist die Abschaffung der von der Vorregierung eingeführten Hacklerregelung unter dem Vorwand, Frauen hätten sowieso nichts davon. Rolle rückwärts …

Im Würgegriff der Politik

Vor 45 Jahren wurde von der UNO-Gene­ralversammlung das Internationale Jahr der Frau ausgerufen. Es folgten UNO-Dekaden der Frau und Frauenweltkonfe­renzen (bei der letzten 1995 in Peking war ich dabei) mit entsprechenden Aktionsplä­nen. Entscheidend für politische Verände­rungen war damals der außerparlamenta­rische feministische Druck von Links. Das hat Parteien und Politik angeschoben, sich zu bewegen – und nicht die gutbezahlten Spin Docs aus der Beraterbranche.

Doch immer wieder stoßen Frauen an die Grenzen von Kapital, Arbeit und Patri­archat. Der politische Frauenalltag ist zäh, wie auch der Film »Die Dohnal« von Sabine Derflinger (derzeit in österrei­chischen Kinos) anschaulich zeigt. »Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen«, heißt es zu Beginn des Films (großartig der musikalische Auftritt von Yasmo dazu!). Das wurde Johanna Dohnal zum Verhängnis, als sie nach einem Gespräch mit Bundeskanzler Vranitzky offen über ihre Pläne sprach: Sie wollte bis Ende 1995 nach der Bundesfrauenkonferenz, nach der Präsentation des Zehn-Jahres-Frauen­berichts und nach ihrer Teilnahme an der UNO-Frauenweltkonferenz in Peking aus der Regierung ausscheiden. »Das öffnete die Schleusen für ein leichtes Spiel«, wird aus ihren Tagebüchern zitiert. Aus der Zeitung erfuhr sie, dass sie schon vorher gehen soll. Am 31.3.1995, nachdem Dohnal sich dem Koalitionsabkommen mit der Absage an die Karenz regelung gebeugt hatte, wurde sie vor aller Augen vorzeitig demontiert. Diese Filmszene der Erniedri­gung zeigt die nervliche Belastung am Ende ihrer politischen Karriere, begleitet von einer Musik, die an Herzklopfen erin­nert.

Die Verzweiflung, das weibliche Ruder im männlichen Strom in der Hand zu behalten, drückt sich nicht zuletzt auch in der jetzigen Mitgliederbefragung von SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner aus, die in den nächsten Wochen von der Basis wissen möchte, ob sie die richtige Person an der Spitze der Sozialdemokratie sei. Das ist der freie Fall ins Messer männ ­lichen Macht kalküls. Ich hoffe nicht, dass Rendi-Wagner über die Medien von ihrem weiteren politischen Werdegang erfahren wird.

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Gender Studies und der »Genderismus« haben den Feminismus längst als rechtes Feindbild abgelöst. Wird Kritik von links so unmöglich?

BRIGITTE THEISSL

Als ich mich 2007 für das Masterstudium Gender Studies in Wien einschrieb, interessierte sich die Öffentlichkeit kaum noch für den neuen Studiengang. Als Orchi­deenfach starteten die Gender Studies im Wintersemester 2006/07, mit ein paar Dut­zend Kolleg*innen zählte ich zum zweiten Jahrgang am neu gegründeten Referat. Im Vergleich zu den völlig überfüllten Hörsä­len an der Publizistik oder der benachbar­ten Anglistik genossen wir eine fast schon familiäre Atmosphäre. Keine elendslangen Anmeldelisten für Seminare, Raum für Dis­kussionen und dafür andere Studierende über den Austausch von Mitschriften hinaus kennenzulernen. Wie die Gender Studies überhaupt war auch das Masterstu­dium in Wien klar geisteswissenschaftlich geprägt. Trotz einiger Seminare zu feminis­tischer Ökonomie oder Politikwissenschaft, die den Studienplan sprenkelten, war der rote Faden die Sprach- und Literaturtheo­rie, Dekonstruktion die Königsdisziplin.

Themen wie eine Cyborg-Ethik, die wir in den Seminaren diskutieren, konnte ich manchmal tatsächlich kaum mit der Reali­tät außerhalb der Hörsäle in Einklang brin­gen, wo die Lohnschere von populären Magazinen als vermeintliche Lüge enttarnt wurde. Die Entwicklung von der Frauenfor­schung hin zu den Gender und Queer Stu­dies, sie wurde in der Einführungsveran­staltung als lineare Fortschrittsgeschichte erzählt: Von der bloßen Erforschung von Frauen und ihren Lebenslagen und -leistun­gen habe sich die frühe Frauenforschung dahin entwickelt, die Herstellung von Diffe­renz, von Macht- und Herrschaftsachsen zu untersuchen – komplexe gesellschaftliche Prozesse. Aktivistinnen und Denkerinnen der Frauenbewegung – allen voran Diffe­renzfeministinnen – beklagten indes eine Entpolitisierung, die mit dem Shift zur Kategorie Gender und der Institutionalisie­rung des neuen Wissenschaftszweigs ein­hergegangen sei.

Unverschämt politisch

Populäre Kritik an den Gender Studies, wie sie gegenwärtig durch die Feuilletons gereicht wird, zielt in die gegenteilige Rich­tung: Gender Studies seien keine Wissen­schaft, sondern ein ideologisches Polit-Pro­gramm, das an den Universitäten keinerlei Berechtigung habe. Für das »Addendum«-Magazin begab sich Anna Schneider sogar under cover als Masterstudentin in Gender-Lehrveranstaltungen. »Es schien, als ob die meisten Kolleginnen (...) schon mit einem gewissen vorgefertigten Weltbild in den Lehrsaal gekommen wären. Das bestätigte sich (...), als nicht bloß eine auf die Frage der Lehrveranstaltungsleiterin, was wir denn unter dem Begriff Geschlecht ver­stünden, wie aus der Pistole geschossen mit: Herrschaftsstruktur! antwortete. So weit, so eigenartig«, berichtet die Journalis­tin von ihrer Hörsaal-Erfahrung. Die Strate­gie der Rechtskonservativen ist mehr als durchschaubar: Jene vermeintliche wissen­schaftliche Neutralität bzw. Objektivität, die die feministische Theorie als androzen­trisches und historisch verortetes Konzept entlarvt hat, wird zur Waffe, um Geschlech­terforschung zu delegitimieren. Das von Macht und Ausbeutung geprägte Geschlechterverhältnis müsse »neutral« erforscht werden, fordern die KritikerIn­nen – wer sich mit stolz geschwellter Brust auf Seite der wissenschaftlichen Objektivi­tät wähnt, verschleiert umso eifriger die eigene ideologische Position.

Katholische Bedrohung

Noch umfassender fällt die Kritik von Rechtsaußen aus. Gender und Queer Stu­dies wären für die »Abschaffung« von Mann und Frau angetreten und würden die traditionelle Familie bedrohen, allerorts hätten sich die »Gender-Ideologen« breit­gemacht, die Kinder in pädagogischen Ein­richtungen in ideologische Geiselhaft neh­men würden. VertreterInnen der katholi­schen Kirche finden hier Gemeinsamkeiten mit AfD und FPÖ, in Deutschland haben sich auch Pegida und »Besorgte Eltern« dem Kampf gegen den Genderismus und progressiver Sexualaufklärung verschrie­ben. Selbst der Papst meldet sich immer wieder zu Wort und wettert gegen eine »Ideologie, die den Unterschied und die natürliche Wechselseitigkeit zwischen Mann und Frau leugnet«. Der Schaum vor dem Mund rechter und erzkatholischer Kreise macht die politische Sprengkraft von Gender und Queer Theorie eindrück­lich deutlich: So hat Papst Franziskus wohl verstanden, dass queer-feministische Den­kerinnen die heterosexuelle Kleinfamilie ebenso wie eine unveränderbare Zweige­schlechtlichkeit infrage stellen und gelebte Alternativen längst gesellschaftlich sicht­bar sind.

Diversity Kapitalismus

Das revolutionäre Potenzial moderner Gen­der und Queer Theorien lässt sich somit kaum leugnen – doch heftige Kritik kommt auch von linken Denkerinnen. Gender, die »Flexibilisierung« und Beliebigkeit von Identitäten seien Teil eines neoliberalen Projekts, das auch als »Diversity Kapitalis­mus« kritisiert wird. So erhielten Frauen­förderungseinrichtungen in verschiedenen Institutionen das Label »Gender Main­streaming«, um schließlich in einer Diver­sity-Abteilung aufzugehen. Statt funda­mentale Kritik an Macht- und Diskriminie­rungsstrukturen zu üben und die Regeln des Spiels neu zu schreiben, lässt sich das bestehende Spiel auch einfach aufhüb­schen. So üben sich Unternehmen in der Verwaltung von Vielfalt, zeigen sich stolz auf Pride-Paraden und erklären, dass Frauen oder Menschen mit Migrationsge­schichte in ihren Reihen dieselben Chancen auf Aufstieg hätten. Diskriminierung wird so privatisiert: Sexismus, Rassismus oder Behindertenfeindlichkeit dürfen von den Betroffenen unter dem Stichwort der Selbstverantwortung nicht länger als Hür­den wahrgenommen werden – wer sich nur anstrengt!

Klassenkampf

Haben Gender Studies diese neoliberale Entwicklung gefördert – oder mit ihren theoretischen Konzepten erst möglich gemacht? Wohl kaum. Selbst Judith Butler, die vielen europäischen Feministinnen und Gender-Studies-Kritikerinnen als Feindbild dient, übt in der Rolle als Aktivistin immer wieder scharfe Kritik am neoliberalen Kapi­talismus. Dessen uneingeschränkte Anpas­sungsfähigkeit zeigt sich aktuell auch an der Vereinnahmung des Feminismus, den gerade junge Aktivistinnen von Argenti­nien über die USA bis in die Schweiz wieder populär machen. »Sisterhood« und »The Future is Female« lässt sich ebenso auf T-Shirts drucken wie »Sushi Rollen statt Geschlechterrollen«.

Klar ist aber auch, dass die Analyse öko­nomischer Verhältnisse in den vergange­nen Jahrzehnten auf der Agenda der Gen­der Studies keineswegs ganz oben gestan­den ist. Klasse, das sei heute angesichts der Diversifizierung der Lebensformen keine relevante Kategorie mehr, hörte ich in der Einführungsveranstaltung meines Master Studiums. Dafür musste die »Billa-Kassiere­rin« sehr oft herhalten als Symbol der Unterdrückung, von dem man sich als »pri­vilegierte Akademikerin« gerne abgrenzte. Ein elitärer Wissenschaftsbetrieb, der zunehmend durchökonomisiert wird, braucht ganz dringend eine Rückbindung an zivilgesellschaftliche Initiativen, jene DenkerInnen, die an Universitäten relevan­tes Wissen schaffen, braucht es wiederum dringend als kritische Stimmen in einem gesellschaftspolitischen Diskurs, der immer weiter nach rechts rückt. Kritik an den Gender Studies, sie darf nicht den Rechten und den Zynikern überlassen werden.

Brigitte Theißl ist Redakteurin der femi­nistischen Zeitschrift an.schläge

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Von Lisbeth N. Trallori

Angekündigt hatte sich bereits Anfang dieses Jahres eines der gängigen kommerziellen Institute aus der Ukraine namens »Biotexcom«, einen Kinderwunsch-Infotag in Wien in einem Hotel am Ring abzuhalten. Frau/Mann konnte sich dazu online anmelden und die bevorzugte Technologie ankreuzen: Wünscht das werte Publikum eine Eizellenspende, Samenspende, Embryonenspende oder eine Leihmutterschaft? Ein eher seltsamer Vorstoß einer ukrainischen Klink hierzulande, zumal die Leihmutterschaft bekanntermaßen einem berechtigten Verbot unterliegt, das allerdings, wie noch zu zeigen sein wird, schleichend untergraben wird. In Europa ist die Frage der Leihmutterschaft umstritten, aber die meisten Länder verfügen über eine gesetzliche Barriere. International bündeln sich feministische Bestrebungen, die sogenannte »Leihmutterschaft« weltweit abzuschaffen. Und das zu Recht. Wenn frau sich vor Augen hält, welche gravierenden Auswirkungen in der Realität damit verbunden sind, dann wird evident, dass eine globale Abschaffung der »Leihmutterschaft« absolut notwendig, aber unter kapitalistischen Bedingungen mehr als fragwürdig erscheint. Für gewöhnlich gibt es kaum Einblicke in die damit verbundenen Problemlagen, und in medialen Berichten werden durchwegs scheinbare Erfolgsseiten aufgeschlagen oder es werden exzentrische Hollywood-Stars gezeigt, die auf ihrem Shopping-Trip so nebenbei die Uteri anderer Frauen für neun Monate eingekauft haben. Die Life-Style-Propaganda in allen Medien und der Lobbyismus der Fruchtbarkeitsindustrie haben dafür gesorgt, dass diese Technologien in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. »Rent a womb« – ist in USA eine gängige Formel geworden, insofern erscheint der Ausdruck »Mietmutterschaft« realitätsgerechter.

Zellulärer Warenverkehr

Der Ansturm auf weibliche Eizellen gestaltete sich ebenso rasant wie die Ausweitung der Repro-Technik und im Einklang mit dieser. Die ständige Nachfrage führte zu einem internationalen Warenverkehr mit zellulärem Biomaterial und zu einem regelrechten Fortpflanzungstourismus. Um internationale Kundschaft anzulocken, verweist die ukrainische Privatklinik in ihrer Selbstdarstellung ganz klar auf die Fülle von weiblichen Ressourcen, die in diesem Land verfügbar scheinen. Im Originaltext heißt es dazu: »Anders als in den meisten hoch entwickelten Ländern mangelt es in der Ukraine nicht an Eizellenspenderinnen.« Damit wird offen geprahlt, dass unzählige Frauen jederzeit für die chirurgische Eizellentnahme zur Verfügung stehen, zumal diese Techniken und die »Leihmutterschaft« in diesem Land ohnehin nur verwaltungsrechtlich geregelt sind. Und weiter: »Ausländische Kliniken verwenden z.B. die Eizellen einer einzigen Spenderin für mehrere Patientinnen. Unsere Klinik dagegen ist in der Lage, jeder Patientin eine individuelle Spenderin zu bieten. Diese wird von der Patientin persönlich anhand von Bildern und vielen weiteren Kriterien ausgewählt.« 

Allerdings übernimmt hier das Wort »Spenderin« die Funktion einer Schutzbehauptung, denn es geht vielmehr um kommerzielle Transaktionen - unter welchem Titel auch immer. Des Weiteren ist anzumerken, dass das Herausholen von Eizellen aus dem weiblichen Körper ein langwieriges und zumeist schmerzhaftes Prozedere mittels variabler, chirurgischer Techniken ist, das eine hormonell aufgeputschte Hochproduktion von Eizellen voraussetzt. Empörend ist dabei das von der Fruchtbarkeitsindustrie offensichtlich propagierte Herrin-Magd-Verhältnis, das in der angekündigten Katalogauswahl sich niederschlägt: Die eine wählt aus, die andere muss liefern, lautet die Anweisung. Einmal davon abgesehen, beweisen filmische Sequenzen über die Leihmutterschaft in der Ukraine (wohl ungewollt), dass oftmals Problemen bei der Einnistung der Eizelle in die Gebärmutter der austragenden Frau auftauchen. In der Klinik wird dann eine andere Frau als »Mietmutter« herangekarrt und unter Vertrag genommen, so ist jedenfalls die Praxis, die eine »sichere« Erfüllung des Kinderwunsches verspricht. Tatsache ist, dass mit den Daten ordentlich getrickst wird, aber das nur nebenbei. 

 

Hoffnung auf Glückssträhne

»Biotexcom« verfügt über eine eigene PR-Maschinerie, die gezielt versucht, einen Dammbruch herbeizuführen. Schätzungsweise kann »Biotexcom«  in den letzten drei Jahren Einnahmen von mehr als 30 Millionen Euro verzeichnen. Diese Firmengruppe hatte bereits über das Web Seminare in deutschsprachigen Ländern organisiert, um ihr Geschäftsmodell auch mit All-inclusie-Paketen  zu bewerben. Die Leihmutterschaftsprogramme kosten in den USA etwa ab 100.000 Euro, hingegen in der Ukraine zwischen 30.000 und 40.000 Euro. Wie sollte es unter den Bedingungen dieses Fruchtbarkeitsmarktes jemals um eine »freie« Entscheidung gehen?

Agenturen, Ärzte und kinderwünschende Personen stehen den ihren Uterus zur Vermietung offerierenden Frauen gegenüber, aber sie alle eint die Hoffnung auf eine Glücksträhne, sei es durch ein gekauftes Baby oder durch den Geldbetrag einer (wenn auch schlecht) bezahlten Schwangerschaftsarbeit. Diese vermeintliche Wunsch- und Glückserfüllung um jeden Preis ist zu einer tragenden Ideologie des Neoliberalismus geworden. Vertragsmäßig werden Pflichten der angemieteten Frauen festgelegt, so etwa wie diese während der Schwangerschaft sich zu verhalten haben, das inkludiert Untersuchungen wie Gentests, Präimplantationsdiagnose, Geschlechterselektion bis zu Gymnastik-, Diät- und Ruhevorschriften. Die Geburt selbst erfolgt über Kaiserschnitt, die austragende Frau hat sich allen Vorschriften zu fügen. Als Kuriosum sei angemerkt, dass zudem jegliche Bindung der Mietmutter zu dem werdenden Baby strikte unterbunden wird, indem spezielle psychologische Programme zur Desensibilisierung zur Anwendung kommen. Erst wenn das »richtige« Kind, klarerweise nur gesund und nicht behindert abgeliefert wird, dann geht es zur Bezahlung des vereinbarten Restbetrags des Honorars oder einer sog. »Aufwandsentschädigung«. Die Bestell-Babies austragenden Frauen als auch die Babies selbst sind Gegenstand von Verträgen, sie werden folglich als Objekte mit Warencharakter behandelt.

 

Wachsam bleiben!

Wie bereits Gena Corea in ihrem Band »MutterMaschine« (1986) vorausgesehen hat, entstand im Zuge avancierter Repro-Technologien eine neue Spezies von Frauen, die sie als »Kaste von Gebärerinnen«  bezeichnet. Historisch verweist sie auf die Sklaverei schwarzer Frauen, denen man jederzeit ihre Kinder wegnehmen und weiterverkaufen konnte. Sklavinnen hatten keinen Anspruch auf ihre Kinder, sie waren rechtlos. Und Gena Corea erinnert an die Pläne der Nazis, eine Art von »Brutbordellen« einzurichten, ähnlich der Strategie, den sogenannten »rassisch wertvollen« Nachwuchs in den Heimen des »Lebensborn« heranzuzüchten. Möglicherweise sind feministische Analysen längst vergessen, möglicherweise auch durch Erfolgsstories der Repro-Industrie und deren Lobbyismus verdrängt worden. 

Eine Klarstellung hierbei ist nicht allzu schwer, es genügt, sich der Deklaration der Frauen- und Menschenrechte zu entsinnen, dann wird evident, dass das ganze Prozedere um die »Mietmutterschaft« genau diesen Rechten widerspricht. Weder mit Frauen, noch mit Kindern sollte ein Handel betrieben werden, denn es geht dabei um Menschen und um keine Kaufsujets. Doch weit gefehlt! Gerade in diesem Prozedere geraten nach der Eizelle, dem Embryo auch das auszutragende Baby im Körper einer genetisch fremden Frau in den Rang eines Geschäftsobjekts. Explizit aber unterliegt der Verkauf von Kindern, egal zu welchem Zweck, einem Verbot - verankert in der UN-Kinderrechtskonvention. Rechte aber dürfen nicht von wirtschaftlichen Interessen ausgehöhlt werden, wiewohl es in der Praxis passiert. Die internationalen Standards für Adoption sind ein deutliches Zeichen dafür, wie Kinder geschützt und nicht als Warengüter angesehen werden können, wenn sie zu »Wunschfamilien« kommen. 

Aufzutreten gegen das »reproduktive Unrecht«, wie es die aus Indien stammende Expertin Sheela Saravanan nennt, erscheint unumgänglich, da die körperliche und psychische Integrität von Mietmüttern durch das (vermeintliche) Recht auf Reproduktion der Bestelleltern einerseits und durch das Profitstreben der Agenturen zur Vermittlung der Leihmutterschaft andererseits zutiefst verletzt wird. Aus einem Wunsch selbst entsteht noch lange kein Recht. Vielmehr aber haben Kinder das international geschützte Recht, möglichst bei ihren leiblichen Eltern aufzuwachsen, was ihnen bekanntlich verunmöglicht wird. 

Nachdem gegen die Werbekampagne von »Biotexcom« und gegen deren zweifelhafte Praktiken eine Anzeige erstattet wurde, hat diese Klinik ihre angekündigte Präsenz und ihren Infotag Mitte Februar im Wiener Ringhotel abgesagt. Nicht zuletzt ist das der Aufmerksamkeit einer Initiative zu verdanken, die gegen die kommerzielle Vereinnahmung und Ausbeutung von Frauen und Kindern auftritt und für die Einhaltung der Menschenrechte votiert.  

 

Buchtipp

Lisbeth N. Trallori: Der Körper als Ware. Feministische Interven­tionen. Mandelbaum­verlag 2015

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Von Heidi Ambrosch

Anlässlich 100 Jahre Internationaler Frauentag hatte sich 2010 die Plattform 20000frauen gegründet. Der Vielzahl von anstehenden Forderungen wurde mit einer großen Demonstration 2011 Nachdruck verliehen und wir entwickelten unsere gemeinsamen Visionen* als Richtschnur für realpolitisches Handeln. Längst schon war deutlich geworden, dass es nicht nur um ein größeres Stück des Kuchens geht, sondern zumindest um die Hälfte oder um einen ganz anderen Kuchen, ja mehr noch: um die Organisation einer anderen Bäcke­rei, die – wie heute festzuhalten wäre – mehr als einen grünen Farbanstrich braucht und solarenergiebetrieben ist. Grundlegende Fragen sind überfällig, etwa was wir wie produzieren und wie das Pro­duzierte gerecht verteilt wird. Ebenso die

Die Vier-in-einem-Perspektive** stellt einen solchen ganzheitlichen Handlungsan­satz zur Diskussion, in dem sie in Zusam­menhang bringt, was als erlebter Gegensatz daherkommt. Das Stichwort Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in erster Linie immer an uns Frauen gerichtet – modern, also auch für Kinderlose, formuliert im Credo der work-life-Balance. Allein dieser Begriff ist mehr als irreführend, weil es, so scheint es, außerhalb der bezahlten Erwerbsarbeit ein Leben ohne Arbeit gäbe … Was wiederum dazu dient, den Haufen unbezahlter, aber gesellschaftlich notwen­diger und mehrheitlich von Frauen geleiste­ter Arbeit im Verborgenen zu belassen.

Vor den Vorhang

Holen wir das ganze Leben vor den Vor­hang: Neben der bezahlten Erwerbsarbeit, die bestenfalls Hilfe sein sollte, auch unsere Fähigkeiten zu unterstreichen und zu ent­wickeln und die auf jeden Fall existenzsi­chernd sein muss, gibt es den Bereich der sogenannten »Familien- oder Reproduktionsarbeit« sowie die Arbeit an der eigenen Entwicklung und schlussendlich die notwendige Teilnahme an gesellschaftspolitischen Entscheidungsprozessen. ­­­

Die Plattform 20000frauen entwickelte eine Vielzahl außerparlamentarischer Pro­testformen, an denen sich auch grüne und sozialdemokratische Frauen beteiligten. Die Themen, die dabei aufgegriffen wurden, waren allerdings bis auf wenige Ausnah­men von der sonstigen Parlamentsarbeit abgekoppelt. Sieht man von der schwarz- bzw. türkis-blauen Regierungen ab, war es immer der als Entschuldigung dienende Hinweis auf den Koalitionspartner, warum man oder frau diesem oder jenem zustim­men müsse. Etwas verwundert war ich dann schon über den Neusprech im K.u.K.-Gleichklang bei Verkündigung der türkis-grünen Regierungserklärung – sie sei »Das Beste aus beiden Welten«, die als Funda­ment mehr als der verankerte kleinste gemeinsame Kompromiss sei.

Aha – ist es das? Klar, das Ö1-Morgen­journal ohne O-Ton Kickl schont die Magennerven. Aber in der Substanz, den Auswirkungen den programmatischen Vor­haben sehe ich auch weiterhin nur eine Welt mit einem entscheidenden Interes­senskonflikt zwischen den 99 Prozent der Frauenwelt und dem Rest. (Frazer, »Femi­nismus für die 99 %«).

Die budgetären Vorhaben – in Zahlen gegossene Politik – werden in anderen Bei­trägen hinreichend dargestellt. Die damit verbundene weitere Entlastung der Besit­zenden und oberen Einkommensbeziehe­rInnen bedeutet entsprechende Belastun­gen auf der anderen Seite. Deswegen ist es auch regierungslogisch, Frauenpolitik in konservativer Hand zu belassen, denn wer sorgt sich um jene, die den neoliberalen Hochgeschwindigkeitszug nicht erreichen? Aufbegehrende Frauen wie z. B. im Pflege­bereich sind da ein Störfaktor.

Es bleibt auch weiterhin bei uns, den außerparlamentarischen Druck aufrechtzu­erhalten. Es wird sich zeigen, inwieweit die grüne Partei es versteht, diesen nicht nur als unabdingbar für die Schärfung der eige­nen Positionen zu schätzen, sondern auch entsprechend zu fördern, um nicht im Sog nach rechts unterzugehen.

Heidi Ambrosch ist Frauenspre­cherin der KPÖ

*http://zwanzig­tausend­frauen.at/2011/01/unsere-vision/

**www.frigga­haug.inkrit.de

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Von Gabriele Michalitsch

Einem Heimatfilm gleich, dessen Kamera-Blick über die in der Weite verbläuenden Berge schweift, betrachtet das türkis-grüne Regierungsprogramm, geblendet von Schön­heit, dies wunderbare Land: Österreich – im Herzen Europas, gerühmt für seine Kunst und Kultur, voll Fleiß und Engagement seiner Bürge­rinnen und Bürger. Zu all dem Wunderbaren, das Österreich ausmacht, zählen neben Ver­fassung, Rechtsstaat und Demokratie auch unsere Werte und Traditionen. All diese – aus­schließlich – positiven Errungenschaften und Eigenschaften bilden letztlich unsere Identität – und machen »uns« einzigartig.

Das weiße »Wir« und die dunklen »Anderen«

Kein Wölkchen verdunkelt die heimische Idylle, kein Schatten dies glorreiche »Wir«. Sorgsam abgespalten, steht das Ausge­schlossene jedoch bedrohlich bereit, die Grenzen des kontrollierten Territoriums zu überschreiten. Umso mehr drängt es, »unser« mühevoll eingerichtetes Heim, dies vermeintlich ideale »Wir«, zu schützen und zu bewahren – und das Verdrängte abzuwehren, die »Anderen«, die all das sind, was »wir« angeblich keinesfalls sind.

Zuwanderung erfolgt daher entlang unse­ren Erfordernissen und nach von »uns« vorge­gebenen klaren Spielregeln – und nicht etwa nach der internationalen Rechtsordnung samt Genfer Flüchtlingskonvention. Zu »unseren« Anforderungen zählen dabei nicht nur das Erlernen der deutschen Sprache und das rasche Erlangen der Selbsterhaltungs ­fähigkeit, sondern auch die Akzeptanz unserer österreichischen Rechts- und Werteordnung, die vermeintlich ganz dem imaginierten Ideal entspricht und die Trennung von Religion und Staat, die Gleichstellung der Geschlechter und die Ablehnung jeder Form von Gewalt meint.

Politische Mythen der Gegenwart

Vergessen ist das 1934 ratifizierte Konkor­dat, das zwar nicht Kruzifixe in den Klassen­zimmern, aber katholischen Religionsunter­richt in staatlichen Schulen und katholisch-theologische Fakultäten an öffentlichen Universitäten festschreibt. Zugleich beruft sich das Regierungsprogramm mehrfach auf die zur heimeligen Einheit verklärte christ­lich-jüdische Tradition, die heimischen Antisemitismus, anti-jüdische Pogrome und nationalsozialistische Vernichtung zum Verschwinden bringt.

Negiert wird auch, dass Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen nach wie vor Männern untergeordnet sind, bei der Ver­teilung von Einkommen und Vermögen, von bezahlter und unbezahlter Arbeit oder von zentralen Entscheidungspositionen. Ökono­mische Unabhängigkeit, die etwa ermög­licht, ohne Armutsgefahr allein zu leben, bleibt Privileg weniger Frauen. Auch die kulturellen Stereotype von »starken Män­nern« und dem »schönen« oder – je nach Bedarf – »schwachen Geschlecht«, vom männlichen Helden und Eroberer (hetero-) sexualisierter Weiblichkeit erweisen sich als ungebrochen.

Verdrängt wird auch, dass fast ein Drittel der Frauen sexuelle Gewalt im Erwachse­nenalter erfährt, etwa 80 Prozent der Män­ner und Frauen psychische Gewalt und rund 60 Prozent körperliche Gewalt (Gewalt-Prä­valenzstudie der Universität Wien 2011). Rund drei Viertel erinnern körperliche und psychische Gewalt in der Kindheit, 28 Pro­zent der Frauen, 12 Prozent der Männer auch sexuelle Gewalt. Vor allem über die Familie als primärer Hort von Gewalt aber hüllt sich ein Mantel des Schweigens.

Post-Faktum

Gewalt, Patriarchat und Verflechtung von Staat und Religion gibt es offenbar nur bei den »Anderen«. Die Regierung kreiert damit neue politische Mythen, auf deren Grund­lage sie nationale Gemeinschaft über ein alle Differenzen eliminierendes »Wir« herstellt und dieses zugleich ebenso homogenisier ­ten – unschwer als spezifische Migrant* innen erkennbaren – »Anderen« gegen­überstellt. Indem sie ganz und gar post-fak­tische Erzählungen über »uns« schafft, die »uns« als aufgeklärt, fortgeschritten und zivilisatorisch überlegen erscheinen lassen, die »Anderen« hingegen als rückständig und bedrohlich, avancieren diese »Anderen« zu Feinden, gegen die sich die »Volksgemein­schaft« wappnen müsse. Die Anerkennung zentraler gesellschaftlicher Problemlagen wird zugleich verweigert. So artikuliert sich kapitalistisches Patriarchat derzeit konkret in Österreich/diesem Regierungspro ­gramm. – Wie aber will eine Regierung Probleme lösen, die sie verleugnet?

Anm.: Die kursiv gesetzten Textstellen sind Originalzitate aus dem Koalitionsabkom­men der Bundesregie­rung.

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Vier Überlegungen zur revolutionären Geduld von WALTER BAIER.

I. Mit Recht wird am Regierungsab­kommen kritisiert, und keineswegs nur von Links, dass die Grünen die Fortsetzung des Schwarz-Blau-Kurses in der Flüchtlings- und Migrationspolitik ermöglichen. Diese Kritik wird zunehmen und möglicherweise sogar die Koalition sprengen.

Man kann ein Regierungsprogramm sicher als ein Kompendium von Einzelmaßnah­men lesen und Bilanz ziehen: So und so viel Pluspunkte, so und so viel Minus, ergibt netto… Ein solches Urteil bleibt aber sub­jektiv, je nach dem Stellenwert, den man einzelnen Kapiteln einräumen möchte.

Man kann aber auch nach der Qualität fra­gen, nach dem gesellschaftspolitischen Gehalt.

Werner Kogler hat dazu einen interessan­ten Gedanken beigetragen: Bei den Europa­parlamentswahlen seien, so sagte er, zwei Strömungen, die Konservativen und die Grünen, gestärkt worden. »Nun müsse man an der ›großen Versöhnung von Ökonomie und Ökologie‹ arbeiten.«

Umstandslos setzt er »die Ökonomie« mit dem neoliberalen Programm der Konserva­tiven gleich: Senkung der Körperschafts­steuer, Nulldefizit, Übergang der Arbeits­marktkompetenzen ins Wirtschaftsministe­rium, Subventionen für die Privatbahnen, Entrepreneurship Education in den Schu­len, Deregulierung der Kapitalmärkte, För­derung des Wohnungseigentums, so steht’s, gleichmäßig über den Text verstreut, im Regierungsabkommen.

Die Grünen sind eine gesellschaftspoliti­sche Catch-all-Partei und keine »Klassen­partei«, was viele für einen Vorteil halten. Die ÖVP hingegen ist eine Klassenpartei, die den wirtschaftlichen Nutzen und den Machtgewinn ihrer Klientel in keinem Augenblick aus den Augen verliert. Die Staatsquote auf 40 Prozent abzusenken, ist Gesellschaftspolitik pur und setzt die Para­meter für einen Generalangriff auf den Sozialstaat. Dieser Kohärenz haben die Grü­nen nichts entgegenzusetzen.

Was somit links von der Mitte fehlt, ist eine Klassenpartei, die die Interessen der Bevölkerung mit ähnlicher Konsequenz artikuliert wie die ÖVP die des Kapitals.

II. Erweitert sich der politische Raum für die Linke? Der politi­sche Raum für die Linke würde sich unter zwei Voraussetzungen erwei­tern: erstens, wenn ein größerer Teil der Grün-Wähler_innen davon überzeugt wäre, dass die Bewältigung der Umweltkrise nicht eine Versöhnung, sondern eine Kon­frontation mit dem neoliberalen Kapitalis­mus erfordert; und zweitens, wenn eine Partei, die den Bruch mit dem Neoliberalis­mus zu ihrem Programm macht, von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wer­den könnte.

Diese beiden Voraussetzungen bestehen zurzeit nicht, aber man kann an ihnen arbeiten.

Ideen für eine »gerechte Gesellschaft« oder ein »schönes Leben für alle« gibt es.

Verhalten wir uns aber nicht wie die von Rosa Luxemburg karikierten Sozialisten, die sich die Geschichte als »dienstfertiges Ladenfräulein denken, das jedem nach Belieben und Geschmack das Gewünschte aus der ganzen Masse der guten Dinge herauskramt.«

Welche Konflikte müssten ausgetragen werden? In der Politikwissenschaft wird konstatiert, dass kulturelle Gegensätze den Klassengegensatz als die prägende Konflikt­linie verdrängt haben.

So viel Gramsci hat sich in der Linken durchgesetzt, dass Brechts Zeile »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral« nicht als politisches Programm, sondern als Warnung gelesen wird.

Jeder politische Kampf ist auch ein kultu­reller Kampf, aber die Kehrseite des angeb­lichen Verblassens des Klassengegensatzes besteht darin, die Entpolitisierung der Kon­flikte in der Arbeitswelt als eine gegebene Tatsache hinzunehmen.

Das Liberale am Neoliberalismus besteht darin, dass Gleichheit und Demokratie sich auf den Staat beschränken. In den Betrie­ben, Dienststellen, Hörsälen, Schulen, Spi­tälern, Call Centers und Internetplattfor­men soll hingegen die vom Kapital defi­nierte Effektivität uneingeschränkt herr­schen, was auch die Grenzen der Demokra­tie immer enger zieht.

Die feministische Erkenntnis, dass das Private politisch ist, gilt auch für die durch das Privateigentum definierten Produkti­onsverhältnisse, die in allen Bereichen der Gesellschaft unsymmetrische Machtver­hältnisse erzeugen. Diesen Zustand haben alte weise Männer vor 150 Jahren »Klassen­gesellschaft« genannt.

III. Was aber ist der Erklärungs­wert des Begriffs »Klasse« in einem Staat, in dem 90 Pro­zent der Männer und Frauen direkt oder indirekt vom Arbeitsmarkt abhängen?

Automatisierung und Digitalisierung, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Umweltzerstörung, Care-Ökonomie zeiti­gen ein paradoxes Ergebnis. Einerseits erscheint es sinnlos, von einer »Arbeiter­klasse« im Sinne einer vom Rest der Bevöl­kerung abgehobenen Gruppe zu sprechen; andererseits rücken aber die Fragen der Arbeit: was, wie, wieviel und in wessen Interesse gearbeitet wird, ins Zentrum der politischen Konflikte. Arbeiterklasse – männlich, weiblich, einheimisch, zugewan­dert, jung, alt, in Industrie oder Reproduk­tion tätig umfasst heute fast die gesamte Gesellschaft, deren Zukunft gegen die am Profit orientierte Produktionsweise gewon­nen werden muss.

IV. Das österreichische Parteien­system befindet sich im Umbruch. Untypisch für Westeuropa ist, dass keine Partei links von Sozialdemokratie und Grünen parlamenta­risch vertreten ist. Die Lücke wollen nun einige, außerhalb und unabhängig von der KPÖ gebildete Initiativen schließen.

Ich meine, dass die KPÖ sich an diesen Versuchen beteiligen muss, ohne ihre Iden­tität aufzugeben. Dafür spricht vor allem die Tatsache, dass die meisten Menschen, die für eine, sagen wir provisorisch, ökolo­gisch-feministisch-sozialistische Partei gewonnen werden können, sich nicht unter dem Dach der KPÖ vereinigen lassen wol­len.

An den bisherigen Versuchen ist man­ches zu Recht zu kritisieren, berücksichti­gen sollte man aber, was Brecht in den 30er-Jahren über fortschrittliche Experi­mente gesagt hat, dass in ihnen »nicht angeknüpft wird an das gute Alte, sondern an das schlechte Neue«.

Revolutionäre Geduld war schon immer die hervorstechende Tugend des österrei­chischen Kommunismus. Ob die gestarteten Projekte »fliegen« oder ins Sektenhafte abstürzen, müssen ihre Initiator_innen ver­antworten, wird aber auch davon abhän­gen, ob die »gute alte« KPÖ sich auf das »schlechte Neue« ernsthaft einlässt. Dabei sollten alle realistisch genug sein, einzu­räumen, dass, weil das Neue amorph und ungewiss ist, die Kommunist_innen dabei auch die Interessen der eigenständigen KPÖ wahren.

Notwendigerweise bleibt vieles offen. Doch eines ist unabdingbar. Nur dasjenige Neue ist wert, auf den Weg gebracht zu werden, das sich von der herrschenden Politik dahingehend unterscheidet, dass es transparent, inklusiv und demokratisch funktioniert.

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Im Jänner fand in Wien der Gründungs- konvent von LINKS statt, einem Zusam- menschluss von Menschen aus der Zivil- gesellschaft, Feministinnen, Donnerstags - demonstrant*innen, politischen Akteur* innen aus dem linken Spektrum und Genoss*innen mit langem, revolutionärem Atem, die sich der Wien-Wahl im Herbst stellen. Volksstimme-Redakteurin HELGA WOLFGRUBER war eine der Redner*nnen bei der Eröffnung. Hier ihr Redebeitrag.

Ich wünsche euch allen einen schönen, guten Morgen!

Ich bin keine begeisterte Saalrednerin, trotzdem freue ich mich heute, das anspre­chen zu können, was mir schon lange am Herzen und manchmal auch im Magen liegt.

Noch größer aber ist meine Freude über den fast vollbesetzten Saal, in dem ich so viele junge Gesichter sehe. Das nährt viel­leicht auch meine Hoffnung …

Ich sage vielleicht, weil jedem Anfang – auch einem politischen Neubeginn – ein Zauber innezuwohnen scheint. Ein Zauber, der, wie in jeder Verliebtheit, rasch verflie­gen kann, wenn wir nicht behutsam mitei­nander umgehen und bemüht sind, sowohl Kränkungen als auch Entwertungen offen zu thematisieren. Auch gelegentliches Lob schadet nicht. Theoretisches Wissen und praktische Erfahrung sollten wir nicht gegeneinander ausspielen und das überge­ordnete Gemeinsame nicht aus den Augen verlieren.

Ich gestehe, ich war von Anfang an ver­liebt in den Aufbruch – ich habe dort gespürt, wie solidarisches Handeln mit jun­gen Menschen Motivation fördert und auch lustvoll sein kann. Ich habe lange, trotz Skepsis von außen, durchgehalten. Aber missionarischer Aktionismus ohne konkre­tes Ziel frustriert und vertreibt auf Dauer auch hochmotivierte AkteurInnen.

Bewegen

Ich bin seit dem Verlassen meines tief­schwarzen Elternhauses, also seit ca. 50 Jahren, in linken Milieus unterwegs. Politisch sozialisiert wurde ich in der Frau­enbewegung, in der männerdominierten Gewerkschaftswelt, in der Armutskonfe­renz und in meiner Tätigkeit als psychiatri­sche Sozialarbeiterin. Zuletzt bin ich in der KPÖ gelandet.

Auf diesem Weg bin ich müde geworden. Aber nicht zu müde, um nicht immer wie­der aufbrechen zu wollen. Diesmal aber möchte ich auch ankommen.

Ich bin es nämlich leid, dem erfolglosen, vereinsamenden Schaulaufen der Linken zuzuschauen und vielleicht den besonders Linken zu applaudieren, wenn ihnen fall­weise ein doppelter Rittberger auf dem gesellschaftspolitischen Eis gelingen sollte.

Ich bin davon überzeugt, dass es an der Zeit ist, sich von in Stein gemeißelten Dog­men und kritikresistenten Standpunkten zu verabschieden. Stand: bedeutet für mich Unbeweglichkeit und Punkt: Ende.

Wir katapultieren uns ins Out, wenn wir uns nicht von der Frage verabschieden, wer die Linksten im ganzen Land sind. Wessen Wahrheit die richtige oder die einzige ist.

Ideologische Glaubensbekenntnisse kön­nen zu einem Panzer werden, der zwar für manche Menschen ein stützendes, weil identitätsstiftendes Korsett sein mag, aber auf Dauer zu einem sauerstoffarmen Leben in einer Blase führt.

Intellektuelle Systemkritik ALLEIN, sei sie auch noch so radikal formuliert, wird Men­schen nicht berühren, wird sie kalt lassen.

Selbstgerechtigkeit gepaart mit einer moralisierenden Opferhaltung macht uns nicht zu glaubwürdigen AkteurInnen, denen man die Veränderung der Verhält­nisse zutraut.

Phrasen und Schlagworte müssen wir durch Argumente ersetzen und sie sollten auch von der Neugierde an anderen Hal­tungen begleitet sein. Wir werden die gewünschte Resonanz nicht erreichen, wenn wir so weiterma­chen wie bisher.

Strategien

Wir müssen zuhörende AktivistInnen werden, die neben den digitalen Ver­kehrsformen auch die Begegnung mit Menschen mögen und diese als sinnliche Bereicherung erleben. Politik darf auch sinnlich sein. Berühren. Viktor Adler betonte sogar die Notwendigkeit, Men­schen zu lieben als Voraussetzung für erfolgreiche Politik. Dem stimme ich zwar nicht ganz zu – aber es ist ein schö­ner Gedanke.

Einige Punkte zu meinem Politikver­ständnis oder eine postweihnachtliche Wunschliste:

Es ist das gemeinsame Ziel, hinter dem alle politischen AkteurInnen stehen, das den Weg zum Erfolg erleichtert – das gilt für parteierfahrene alte Hasen ebenso, wie für junge Unabhängige.

Unser radikal systemkritisches Pro­gramm sollte nicht durch den Narziss­mus der kleinen Differenzen zu endlosen Debatten führen und Interessierte ver­schrecken, ein Programm, das vorhan­dene Erkenntnisse einbezieht, unter­schiedlichen politischen Erfahrungen auch gerecht wird, aber das an Machba­res angelehnt ist und das sich dem Dringlichsten widmet: der Veränderung von Macht-und Besitzverhältnissen.

»In einer demokratischen Politik ist es selbstmörderisch«, schreibt der ameri­kanische Politologe Mark Lilla, »wenn man die Latte für das Maß an Überein­stimmung höher legt, als notwendig ist, um Anhänger und Wahlen zu gewin­nen.«

Wir brauchen eine gemeinsame Stra­tegie, die von gleichberechtigten Partne­rInnen auf demokratische Weise erar­beitet ist und vor allem in der öffentli­chen Wahrnehmung gebührende Beach­tung findet. Unsichtbare können nicht gewählt werden.

Ich wünsche mir von PolitakteurInnen Verbindlichkeit in ihrem Engagement und einen langen Atem, aber auch einen selbstfürsorglichen Umgang mit eigenen Kräften.

Ich wünsche mir AktivistInnen, die neben Systemkritik auch ihre Fähigkeit zu Selbstreflexion pflegen – als Schutz vor dem Wiederholen von Fehlern und vor­schnellen Schuldzuschreibungen nach außen. Auch als Schutz gegen individuelle Machtansprüche zu Lasten des Gemein­wohls.

Wir müssen nicht alles wissen – wir soll­ten aber die Bereitschaft haben zum Sich-kundig-Machen.

Solidarität

Wir sollten akzeptieren, dass menschliches Handeln und Leben nicht NUR von ökono­mischen Gegebenheiten abhängt, sondern AUCH von psychischen, oftmals unbewuss­ten Kräften geleitet wird. Dieser Dialektik zwischen Innen und Außen, zwischen indi­viduellem Verhalten und gesellschaftli­chen Verhältnissen sollten wir mehr Bedeutung zuschreiben. Anders, so glaube ich, werden unsere politischen Antworten der Komplexität und Verrücktheit dieses Lebens nicht gerecht werden.

Ich wünsche uns, dass es gelingt, durch gemeinsames Handeln die zerrissene Soli­darität zwischen uns Linken zu flicken und allen gesellschaftlichen Spaltungsversu­chen das Wasser abzugraben.

Ohne Solidarität, wie Albert Camus sie versteht, verlieren Menschen den Kontakt zur Welt und manchmal auch zu sich selbst. Und was gibt es Traurigeres als Ein­samkeit?

Lassen wir daher nicht zu, dass Keile und Pfeile von außen eine zerstörerische Wir­kung auf ein geeintes linkes Projekt bekommen.

Und vor allem, geben wir auch unserem oft ausufernden Hang zur Selbstzerflei­schung keine Chance.

Wir wollen uns von anderen Politiken unterscheiden.

***

Zum Abschluss ein Apell aus Antonio Gramscis Feder: »Bildet Euch, denn wir brauchen all Eure Klugheit. / Bewegt Euch, denn wir brauchen all Eure Begeisterung. / Organisiert Euch, denn wir brauchen eure ganze Kraft.«

Wann, wenn nicht jetzt.

Wer, wenn nicht wir.

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