Scham. Grenzen. Los. Helga Wolfgruber PHOTO BY IKE LOUIE NATIVIDAD FROM PEXELS
02 Juni

Scham. Grenzen. Los.

von

Der Mensch erkennt sich in der Scham als das »verminderte, abhängige und erstarrte Objekt, das ich für den Anderen bin« (J. P. Sartre).

Von Helga Wolfgruber

Scham ist ein in seiner körperlichen und psychischen Reaktivität ein folgen­schwerer Affekt. Seine Bedeutung findet in Theoriebildung und psychotherapeutischer Praxis noch immer nicht genügend Beach­tung. Das führt zu einer häufigen, konse­quenten Ausblendung oder Verkennung von Schamreaktionen und sorgt oft für nie enden wollende Konflikte durch trans ­generationale Weitergabe.

Die schmerzliche Wirkmächtigkeit dieses Affektes findet in den Worten Sartres stim­migen Ausdruck: Selbstwertproblematik, Abhängigkeit von Anderen, Erstarrung als möglicher Schutz vor Wieder-Erleben oder Reagieren-Müssen.

Das Wesen der Scham

Scham, ein intersubjektiver, sozialer Affekt, ist nur im »Zwischen« (Altmeyer) oder an der inneren Grenze des Begegnungsraumes angesiedelt. Das heißt, ohne reale oder phantasierte Anwesenheit eines Anderen ist Scham nicht vorstellbar. Sie ist an ein »Gesehen werden« gebunden und regis­triert als »Grenzwächter« das Eindringen von Fremden und Fremdem. Sie fungiert daher auch als Regulationshilfe des eigenen moralischen, ethischen Verhaltens und des Gestaltens von Beziehungen. Sie hilft mir, Andere »in die Schranken zu weisen« oder sie »mir vom Leibe zu halten«. Ich kann auch aktiv zur Beschämer*in werden und Scham lebenslang als Sozialisationshilfe nutzen.

Ein Charakteristikum des (heftigen) Scha­merlebens ist die Unfähigkeit des Verstan­des, diesen Zustand kontrollierend zu been­den. Das klare Denken wird vorübergehend außer Kraft gesetzt und bringt Beschämte in eine unsichere Lage über ihre Identität. Der Bruch im Selbsterleben wird von Seid­ler u.a. mit einem Zustand der Selbst-Ent­fremdung verglichen. »In den Boden zu versinken« oder zumindest »sich in ein Mausloch verkriechen zu wollen« würde Erlösung bringen. Kein anderes Gefühl ver­anlasst Menschen dazu, sich eine Auslö­schung ihrer selbst zu wünschen. Ebenso verweisen die Metaphern »wenn Blicke töten könnten...« oder »dein böser Blick hat meinen Körper durchbohrt ...« auf die Bedrohlichkeit dieses Affektes.

Seine Wirksamkeit lässt sich auch nicht verbergen, weil der Körper ein schneller Gehilfe und Überbringer der erlittenen Beschämung ist. Schamröte, Zittern, Schwitzen, verwirrtes Stammeln, Herzra­sen oder unkoordinierte Bewegungen machen einen der intimsten Aspekte der Persönlichkeit sichtbar: seelische Verletz­lichkeit. Mit Grausamkeit wird diese sicht­bare Reaktion besonders oft von Jugendli­chen durch Verspottung, also einer Ver­dopplung der Beschämung, beantwortet. Auf dem Prüfstand stehen immer Verlust von Würde, Integrität und die Angst vor dem Ausgeschlossen-werden.

Schämen wovor?

»Schäm dich!« als verbaler, pädagogischer Imperativ hat zwar an Bedeutung verloren, als Mittel der Beschämung zur Durchset­zung gesellschaftlicher oder gruppenspezi­fischer Normen ist er aber ein Akt der Be­strafung geblieben. Es wäre falsch, Scham als Relikt des vorigen Jahrhunderts zu »be­greifen«. Sie ist ein universales (Macht-) Phänomen, begleitet uns ein Leben lang so­wohl als positive, emotionale Erfahrungs-, als auch schädliche zerstörerische Leidens­möglichkeit.

Die verbreitete menschliche Lust zu Kate­gorisierung und Begriffsbestimmung hat Schamexpert*innen zur Untersuchung und Beschreibung unterschiedlicher Scham­quellen veranlasst. Das Ergebnis lässt kei­nen sicheren Ort erkennen, an dem Beschä­mung keine Rolle spielen könnte. Sei es die Verweigerung des Wahlrechts für ALLE hier Lebenden, Frauen bei der Arbeitsplatzsuche wegen möglicher Schwangerschaft zu benachteiligen, an Ausländer*innen keine Wohnung zu vergeben oder die Aufforde­rung beim Arzt, den Oberkörper freizuma­chen.

Zeitgeist, Kulturspezifika und persönliche Schamerfahrungen bestimmen lediglich die Qualität des Erlebens. Sicher ist, dass unter hierarchischen Bewertungskriterien eines auf Exklusion beruhenden Gesellschafts ­systems die Folgen »zum Schämen« sind. Das stressreiche Heraustreten aus dem Schatten der Scham gelingt oft nur durch Gehorsam und Anpassung an Gruppen- oder Mehrheitsnormen, durch Perfektio­nismus bis hin zu Rechthaberei, emotionale Er starrung/Aktivitätslähmung oder durch eine Schamumkehr: Arroganz und vorge­täuschte Selbstsicherheit. Toxische Inhalts­stoffe für das Miteinander-Leben. Und auch oftmals für das Miteinander-Kämpfen in politischen Parteien.

Du bist nicht liebenswert …

Säuglings- und Bindungsforscher*innen haben die Bedeutung frühkindlicher Schamentwicklung für die Persönlichkeits­entwicklung ausführlich untersucht. Als Existentielle Scham oder Daseinsscham bezeichnen sie Schamgefühle, die sich auf die eigene Körperlichkeit beziehen. Das Gefühl des Nicht-gewollt-Seins, sich im »Glanz der mütterlichen Augen« (H. Kohut) nicht positiv gespiegelt zu sehen oder sich immer als Sündenbock erleben zu müssen, führt zu großem Selbstmisstrauen, verhin­dert Entwicklung von Selbstwert und begünstigt ein zweifelndes Grundgefühl, auch der Welt gegenüber. Eine negative Scham-Biographie ist beinahe vorgezeich­net, wenn sich Eltern oder nahe Bezugsper­sonen kindlichen Bedürfnissen gegenüber dauerhaft so verhalten, als wäre das Kind nicht existent. Die kindliche Frage heißt: Bin ich es nicht wert? Und die Antwort: Ich bin bedeutungslos.

Herkunftsscham/Sozialscham

Dazu eine Mini-Beschämungsgeschichte vom Beginn meiner Gymnasialzeit. Meine Tante hat mich zur Aufnahmeprüfung angemeldet und war im Gespräch mit dem Direktor von seiner entlarvenden Frage/ Feststellung irritiert. »Ach, das ist die Tochter von dem kleinen Wirten da drüben …?!« Noch beim Durchwandern meiner spä­teren Bildungsinstitutionen, den Laborato­rien von Beschämung, bin ich oft über die­sen Satz, für mich eine schmerzliche Erin­nerung, gestolpert. Norbert Elias hätte jene von mir empfundene Scham vielleicht »als Angst vor der sozialen Degradierung oder (…) vor den Überlegensheitgesten Anderer« interpretiert. Das soziale, hierarchische Gefälle mit »Schamhoheit« und Racheant­worten habe ich früh als Klassenspezifika kennen- und kritisieren gelernt.

An der Bedeutung von Herkunft als »Schamproduzenten« und sozialen Platzan­weiser haben sich schon viele Disziplinen abgearbeitet. Und Menschen erst recht. Darüber gibt eindrücklich auch autobiogra­phische Literatur (Innerhofer, Eribon ...) Auskunft. Die Diskrepanz zwischen dem, »wie ich bin«, und meiner »Idealvorstel­lung von mir« hat schon viele Menschen bewogen, ihrer Herkunftsklasse entfliehen zu wollen. Die Scham darüber beschreibt Neckel als Gefühl der Selbstentfremdung und »wer sich schämt, verachtet sich, der ist sich selbst fremd geworden (...)«. Diesem Zustand entkommen zu wollen, ist ver­ständlich. Auch wenn der Preis manchmal hoch ist, weil er zu einem lebenslangen Nomadenleben in der eigenen Biographie verurteilen kann. Solange eine Gesellschaft aber das Erklimmen der obersten sozialen Stufenleiter mit Kapital- und Machtbesitz belohnt, hat auch Armut schlechte Karten, um sich aus den Fesseln der Scham befreien zu können. Es reicht nicht, die Sprossen der Leiter enger zu setzen – eine Neuorganisa­tion der noch immer patriarchalen Gegen­wart ist notwendig. Ohne Leiter. Ohne Bein­bruch.

Fremdschämen

Eine merkwürdige Variante des Schämens ist das Fremdschämen. Es wurde 2010 zum Wort des Jahres gekürt und meint »stell­vertretende Peinlichkeit«. Es setzt die Fähigkeit voraus, sich in andere Men­schen, Berufsgruppen oder Situationen hineinversetzen zu können. Je näher, desto heftiger die Reaktion. Meine per­sönliche Bereitschaft zum Fremdschämen nimmt zu und wird häufig von Politiker* innen ausgelöst. Es sind deren stereotype Worthülsen, ihre Scham-Losigkeit, mit der sie Kritik abweisen und dem politi­schen Gegner alleinige Schuld am eigenen Versagen zuschreiben. Die Angst vor dem »Gesichtsverlust« rechtfertigt neben Lügen auch das Klammern an Machter­halt. Auf diese fehlende Bereitschaft zu Selbstkritik, auch von Genoss*in nen, hat Rosa Luxemburg in vielen Texten hinge­wiesen.

Eine Antwort heißt Rache

Die menschliche Seele kennt eine Vielzahl von Möglichkeiten, schambesetzte Grenz­verletzungen zu beantworten. Im Rache­akt wird passiv Erlittenes in aktives Han­deln verwandelt. Durch die Opfer-Täter-Umkehr wird zumindest ein Gefühl der Genugtuung garantiert. Wer erinnert sich nicht an das Haxl-Stellen, jemanden auf­blatteln, anrennen oder auf die Seife stei­gen lassen? Vielleicht spiegelt sich in die­sen Ritualen jene Schadenfreude wider, die einem kurzfristig das Gefühl von Überlegenheit bereitet.

Übertragen auf die politische Bühne der Gegenwart heißt der Beschämungs-Ping-Pong: aufdecken, der Korruption überfüh­ren, verdächtigen, entwerten, zerstören. Angesichts der Schamlosigkeit der Regie­rungspolitik im Besonderen einiger ihrer Repräsentant*innen scheint die Strategie die einzige zu sein, um demokratische Rechte zu verteidigen. Was dadurch wirk­lich zerstört wird, ist politische Kultur und der Glaube an die Lösung von Proble­men durch Politik.

Scham ein Kriegstreiber?

Missachtung und Zurückweisung als Beschämung wirken lebenslang nach. Nicht immer bleiben die Konsequenzen als Wut, Neid oder geheimer Groll im Res­sentiment als Schamteile der Seele ver­borgen. Oft erst nach Jahren zeigen sich Scham-Folgen im Außen und bestimmen Handlungen der Beschämten, bis hin zu Gewalt und Krieg.

Beispiel dafür aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts wäre Milosevic’s Schwur am Amselfeld, dass »die Serben nie wieder ge demütigt werden« sollten. Oder Hitler, der die »Schande von Ver­sailles« auslöschen wollte. Ist Scham einer der Treibstoffe, der die Kampfbe­reitschaft aufrecht hält?

Kein Entweder/Oder!

Wollen wir in einer solidarischen Gesell­schaft leben, in der Angst und Scham der Nährboden entzogen ist, dann bedarf es größerer Anstrengungen, als nur Symptome zu bekämpfen. Die Lösung liegt nicht in einer Therapeuti­sierung der Gesellschaft. Aber auch nicht im Unterschätzen der emotionalen Bedürfnisse der Menschen. Denn dadurch erhöht sich das Risiko, dass diese Menschen gegen ihre ökonomi­schen Interessen wählen, weil sie sich für ihre emotionalen Bedürfnisse ent­scheiden. Die Soziologin A. R. Hoch­schild lieferte dafür ein berührendes Beispiel: Ausgerechnet die ärmsten Wähler*innen in den verelendeten Bezirken im Süden der USA wählten republikanisch – gegen ihre ökonomi­schen Interessen. Warum? Weil sie sich von den Demokraten beschämt fühlten, die sie als dumme und rassistische Hin­terwäldler verhöhnt hatten. Dafür räch­ten sie sich an der Wahlurne.

Eine emanzipatorische Politik darf die emotionalen Bedürfnisse nicht zum Nebenwiderspruch degradieren und deren Befriedigung auch nicht der Rech­ten überlassen. Das wusste schon Wil­helm Reich vor fast 100 Jahren: »Ver­sucht man die Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesell­schaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen«.

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Gelesen 1034 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 02 Juni 2021 12:11
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