Kategorie: Buchbesprechung

Der Bankrott der Kriegslogik

von Werner Wintersteiner

In dem vielbeachteten Buch Wahnsinn Rüstung von Peter Koch (1982) wird die Absurdität der damaligen Aufrüstungswelle der NATO (verharmlosend „Nachrüstung“ genannt) aufgedeckt, die der Autor durch keinerlei Bedrohungsanalyse gerechtfertigt sah.

Der provokante Titel war Programm: das, was als selbstverständlich und vernünftig hingestellt wurde, als Wahnsinn zu entlarven.

Wer diese Zeit erlebt hat, hat heute wohl ein Déjà-vu. Allerdings mit dem großen Unterschied, dass es damals funktionierende Mechanismen zur Rüstungskontrolle gab und dass eine weltweite Friedensbewegung Einfluss auf die Öffentlichkeit nahm, sodass es 1987 schließlich zum INF-Vertrag kam (beiderseitige Vernichtung von landgestützten Nuklearraketen mit Reichweiten von 500–5500 km). Heute ist die Situation viel gefährlicher, weil alle Verträge zur Rüstungsbegrenzung ausgelaufen sind oder gekündigt wurden und weil die USA wie auch Russland sich in einer bis dato unerhörten Weise über das Völkerrecht hinwegsetzen, Militärinterventionen durchführen und neue Kriege anzetteln.

Und gerade in dieser so brisanten Situation sehen europäischen NATO-Staaten keinen anderen Weg, als dieses Spiel mitzuspielen, ihrerseits die Rüstungsausgaben gewaltig zu erhöhen, auf 5 % ihres Bruttosozialprodukts. Und es ertönt sogar immer lauter der Ruf nach eigenen Atomwaffen der EU. Die Rückkehr zur Atomenergie, die Von der Leyen kürzlich verkündet hat, steht wohl auch in diesem Zusammenhang. Diese Aufrüstung erfolgt ungeachtet der Tatsache, dass die NATO-Staaten, auch ohne USA, Russland in allen Bereichen außer den Atomwaffen haushoch überlegen sind, wie eine Greenpeace-Studie nachweist und Militärexperten bestätigen. Auch wenn man der Meinung ist, dass Russland nach seinem Angriff auf die Ukraine auch die EU bedrohen möchte, wäre es kontraproduktiv, mit Gegendrohungen zu antworten. Denn die militärischen, materiellen und geistigen Kriegsvorbereitungen verschärfen nur die bestehenden Spannungen und das Misstrauen und tragen zu Gegenreaktionen bei. Damit erhöhen sie die Gefahr, dass es tatsächlich zu einem Weltkrieg kommt.

Über den Sinn des Wahnsinns

Angesichts dessen stellt sich die Frage nach dem Warum. Was ist der Sinn hinter dem Wahnsinn? Gibt es da überhaupt einen Sinn? Müssen wir tatsächlich mit dem Wahnsinn als Faktor der Weltpolitik rechnen? Die offizielle Begründung lautet: Aufrüstung ist die logische (und einzig mögliche) Antwort auf eine reale Bedrohung. Es geht um unsere Sicherheit.

Wie schon dargelegt, ist das sachlich nicht richtig. Noch wichtiger ist aber das Faktum, dass das Argument an sich falsch ist. Es gibt alternative Verhaltensweisen im Fall einer Bedrohung, die im Gegensatz zur Spiegelung des gegnerischen Verhaltens und damit des Aufschaukelns des Konflikts auf Entspannung und Détente setzen. Die Entschärfung der Kuba-Krise, der Helsinki-Prozess, die Beendigung des Kalten Krieges sind lauter Beispiele dafür.

Doch vielleicht hat der Rüstungswahn ganz andere Gründe? Geht es hier um die Interessen der Rüstungsindustrie, die bereits als Lokomotive für das Wirtschaftswachstum gelobt wird? Geht es um ein Expansionsstreben der großen EU-Staaten, die auf kleinere Druck ausüben, doch der NATO beizutreten?

Das mag so sein, erklärt aber noch nicht, warum diese Politik – gegen die Mehrheit der Menschen gerichtet – so wirkungsmächtig ist. Wir müssen verstehen, dass hinter dieser potentiell selbstmörderischen Politik, eine, wenn auch absurde Logik steckt. Wenn man einmal die Grundannahmen akzeptiert hat, dann ergeben sich daraus »logisch« die nächsten Schritte. Die Aufrüstung wird mit einer »vernünftigen« Sicherheitslogik legitimiert, die allerdings in den meisten Fällen unvermeidlich in die Kriegslogik mündet.

Wie sicher ist die Sicherheitslogik?

Sicherheitslogik versteht sich als Kriegsvermeidung. Es ist die hoffungsvolle Behauptung, militärische Gewalt wäre ohnehin nur das »letztes Mittel«, wenn alle anderen Mittel versagt haben. Doch die Erfahrung zeigt, dass die militärische Option schnell zum »ersten Mittel« wird.Schon alleine die immensen Investitionen in Militär und Rüstung gehen auf Kosten jeder zivilen oder diplomatischen Konfliktbearbeitung. Österreich setzt auf das Bundesheer und spart beim Außenministerium. Ganz zu schweigen von den Kürzungen bei der zivilen Sicherheit, Gewaltschutz, Gesundheit, Umweltschutz. Dazu kommt, dass damit die gesamte politische, mediale, pädagogische Aufmerksamkeit auf das Militär und die Logik der Abschreckung gelenkt wird. Eine Kultur des Friedens kann sich nicht entfalten, eine Praxis der gewaltfreien, diplomatischen wie auch zivilen Konfliktbearbeitung bleibt unterentwickelt.

Die militärische Sicherheitslogik kapert unsere legitimen Sicherheitsbedürfnisse. Egal was dein Problem ist, Rüstung ist die Lösung! Statt alle Kraft auf das Eindämmen der Klimakatastrophe zu richten, statt die Lehren aus Covid-19 zu ziehen und entsprechend vorzusorgen, statt die Schere zwischen Arm und Reich wieder zu schließen, wird überall gespart, nur für das Militär gilt: Koste es, was es wolle.

Die Sicherheitslogik mündet in die Kriegslogik

Wer aber Frieden durch Sicherheit verlangt, statt Sicherheit durch Frieden anzustreben – wer also der Sicherheitslogik anhängt, handelt sich regelmäßig eine Logik der Gewalt und des Krieges ein. Dazu kommt die Heuchelei – Sicherheit als Vorwand für handfeste Interessen. Man interveniert nicht dort, wo man bedroht ist oder andere vor Bedrohung schützen möchte, sondern wo es um strategischen Einfluss oder Rohstoffe geht.

Die erratische Politik von Donald Trump ist keine Ausnahme von der Kriegslogik, sondern ihre groteske Übersteigerung. Der Angriff auf den Iran folgt offenbar keinem klaren Plan und verfolgt kein realistisches Ziel. Der Krieg scheint Trump längst englitten zu sein und droht einen Flächenbrand in der gesamten Region auszulösen. Aber das war ja auch beim Irakkrieg und beim Angriff auf Libyen so. Die Kriegslogik führt dazu, das Völkerrecht als unverbindliche Nebensache zu betrachten und jede Gewalt als legitim, solange sie den eigenen Interessen dient. Aus der Rechtsordnung wird das uralte Recht des Stärkeren. Die Kriegslogik ist, auch ohne Krieg, ein Schritt in die Barbarei. Und sie führt in den Krieg.

Friedenslogik

Friedenslogik hingegen weiß: Frieden kann nicht durch Gewalt entstehen. Das gilt in der Innen- wie in der Außenpolitik. Friedenslogik versucht zunächst immer, Konfliktherde aufzuspüren und Spannungen zu entschärfen, bevor sie zu Krieg führen. Sie trachtet danach, Kriege mithilfe des breiten Spektrums politischer und diplomatischer Aktivitäten und bewährter Strukturen wie UNO und OSZE zu beenden. Besonders für kleine neutrale Staaten gilt: Wir können nicht mit dem Rüstungswettlauf mithalten. Wir müssen uns stattdessen durch das Anbieten guter Dienste und die Vermittlung in Konflikten profilieren. Das bedeutet auch den Aufbau gewaltfreier, ziviler Konfliktbearbeitung. Österreich hätte die Chance, sich als neutrale »Friedensrepublik« auszuzeichnen, die ihre Friedenspolitik auch in der EU vertritt und diese von ihren Supermacht-Bestrebungen abzuhalten versucht. Und die über den engen europäischen Horizont blickt, um Verbündete im globalen Süden zu finden.

Friedenslogik garantiert keinen Frieden. Aber sie erhöht die Chancen auf Frieden. Das meint auch der Wahlspruch des österreichischen Friedenspioniers Hans Thirring: Mehr Sicherheit ohne Waffen.

Ein Leben in vollen Zügen

Porträt der Lyrikern Traude Veran von Eva Brenner

Traude Veran hat ein neues Buch veröffentlicht: Mein Burgenland. Eine poetische Vermessung legt einen sehr persönlichen Blick auf das »stille Land«, wie sie die (süd)burgenländische Landschaft nennt, frei. Mit großer Aufmerksamkeit wendet sie sich Land und Menschen, Arbeit und Alltag, Sprache und Geschichte zu – als eine, die gegangen ist und doch geblieben.  [/Vorspann]

Von Eva Brenner

In behutsamer, klarer Sprache beschreibt sie eine Welt, die sie kennt die zugleich verschwindet. Ihr Schreiben ist schwungvoll, und stilsicher in der Konzentration auf das Wesentliche. Der empathische  Blick auf die kleinen Dinge des Alltags führte sie zum Haiku und anderen poetischen Kurzformen, die Momente von Stille und Zuwendung bewahren, zu exakten Beobachtungen ihrer Umgebung, Gesten und Erinnerungen, die aufzeigen, dass auch im »Flüchtigen des Augenblicks« (nach Lore Heuermann) etwas Gültiges, Bleibendes liegt.

Zuerst Schulpsychologin, dann Dichterin
Traude Veran wurde 1934 in eine Wiener Arbeiterfamilie geboren und verbrachte ihre Jugend in Salzburg. Sie studierte nach der Ausbildung zur Sozialarbeiterin als Werkstudentin Psychologie, heiratete den Philosophen Hubert Schleichert, mit dem sie zwei Kinder bekam. 1967 folgte sie ihrem Mann, der Professor an der Uni Konstanz wurde, nach Deutschland. Sie arbeitete in Praxis, Lehre und Forschung (u.a. in Wien an der Universitätsklinik für Psychiatrie und für die IBM-Forschungsgruppe sowie später an der Universität Konstanz) an wechselnden Projekten, wobei sie ihre Berufslaufbahn wegen familiärer Verpflichtungen immer wieder unterbrechen musste.

Im Jahr 1976 ließ sie sich scheiden und wurde Leiterin der Schulpsychologischen Beratungsstelle Oberwart im Burgenland. Dort widmete sie sich schwerpunktmäßig der Integration (heute Inklusion) benachteiligter Kinder, der Lehrer*innenfortbildung und der Vernetzung sozialer Projekte; ab 1979 arbeitete sie mit einer Gruppe von Interessierten daran, in Oberwart als Schulversuch eine inklusive Volksschulklasse einzurichten, was 1984 gelang.

Die Lyrik ist Traude Veran ein vertrautes Terrain – sie schreibt seit ihrem 11. Lebensjahr, dann kamen Fachliteratur und dokumentarische Prosa hinzu. Nach der Pensionierung zog sie wieder nach Wien und widmete sich ganz der Schriftstellerei. Seither sind über 30 Bücher entstanden. Sie betätigte sich außerdem als Kulturjournalistin, versuchte sich in Kunstfotografie und Collagen, veranstaltete Performances und Lesungen und hielt lokalhistorische Lichtbildvorträge. Seit 2023 organisiert sie eine Literatur-Vitrine mit wöchentlich wechselndem Programm in dem Pflegeheim, in dem sie lebt.

Sie gehört der Grazer Autor:innen Versammlung GAV und den Österreichischen Dialekt Autorinnen Autoren Ö.D.A. an. In den letzten Jahren befasst sie sich vor allem mit Formen der japanischen Lyrik und ist Gründungs- und Ehrenmitglied der Österreichischen Haiku Gesellschaft sowie Mitglied der Deutschen Haiku-Gesellschaft.

Integration statt Aussonderung

Liebe Traude Veran, was steht für dich im Vordergrund: die Psychologie oder das Schreiben?

Im Laufe meines langen Lebens haben sich die Schwerpunkte verschoben – mit dem Schreiben hab ich in jungen Jahren begonnen; zwischen intensiven Schreibphasen hab ich meinen Traumberuf als Kinderpsychologin ausgeübt. Gearbeitet hab ich eigentlich immer, angestellt oder in freier Praxis. Das wichtigste Kapitel war definitiv meine schulpsychologische Arbeit im Burgenland.

Wie bist du zur Arbeit in Integrationsklassen und mit behinderten Menschen gekommen?

Das hat sehr persönliche Gründe, mein Leihopa hatte nur einen Arm, im Freundeskreis war ein Spastiker; von Kindheit an hatte ich durch den Umgang mit behinderten Menschen das Unrecht erfahren, mit dem diese in der Gesellschaft zurechtkommen müssen. Ein zweites Standbein war die Sprachpsychologie – ein hochaktuelles Fach, das man leider aus der Psychologie ausgelagert hat; die Befassung damit ist aber gerade in Zeiten von Social Media extrem wichtig.

Wie hat sich dein pädagogischer Ansatz entwickelt?

Mir war sehr früh bewusst, dass man ganz normal mit Behinderten umgehen muss, anstatt sie »auszusondern«!  Ich hab erkannt, dass viele Probleme, die im späteren Leben eines Menschen auftauchen, vor allem in der Arbeitswelt, ihren Ausgang in der Schule nehmen. Die vielfältigen Formen der Diskriminierung haben meine berufliche Einstellung geprägt und ich hab immer versucht, dagegen anzukämpfen. Auch in meiner lyrischen Arbeit.

Wo lag in der Pädagogik dein Schwerpunkt?

Begonnen hat es mit Legasthenie, später ging es um lernbehinderte Kinder allgemein. Meine These: Wir brauchen keine »Sonderschulen«, sondern funktionierende Integrationsklassen mit fachspezifisch geschultem Lehrpersonal, wie wir sie erstmals durchgesetzt haben. Das war politisch keineswegs leicht zu bewerkstelligen. Nach einem sechs Jahre währenden Kampf (heute würde man es Kulturkampf nennen) konnten wir die erste Integrationsklasse Österreichs in Oberwart eröffnen. Der damalige Landeshauptmann Theodor Kery, mit dem ich keineswegs immer einverstanden war, hat uns in der Frage der Integration aktiv unterstützt. Unser Modell führte 1993 zur bundesweiten Festschreibung der schulischen Integration im Gesetz.

Was hat sich im Schulwesen seither verändert?

Es ist seither sicherlich nicht besser geworden, auch wenn die Theorie etwas anderes sagt; das liegt vor allem an mangelnden finanziellen Mitteln und an Personalknappheit. Auch ist man in Wien heute mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert. Im Burgenland gab es damals behinderte und sozial benachteiligte Kinder, jedoch keine, die nicht Deutsch sprachen. Da ich seit langen Jahren pensioniert bin, überblicke ich das Feld aber nicht mehr wirklich.

»Ich wechsle von Wagon zu Wagon«

Wie ging es weiter mit deiner lyrischen Arbeit?

Seit der Pensionierung konzentriere ich mich aufs Schreiben, das ich aus Zeitmangel immer wieder vernachlässigt hatte. Mein Mann, der auf anderen Gebieten ein sehr aufgeschlossener Mensch war, wusste zu verhindern, dass ich Gedichte schreibe, und auch meine Vorlesungen an der Uni musste ich einstellen. Vergessen wir nicht, es handelt sich um Zeiten vor der Kreiskyschen Familienreform.

Das klingt sehr rückständig und anstrengend …

Als die Kinder größer waren, hab ich mich scheiden lassen und bin ins Burgenland gezogen, das war eine Befreiung. Gleich im ersten Jahr sind über 100 Gedichte entstanden, einige davon finden sich nun im neuen Buch. Insgesamt hab ich fast drei Dutzend Bücher publiziert, daneben auch viele Werke anderer Autor*innen gestaltet oder lektoriert.

Heißt das, du verstehst dich heute als Autorin?

Ja, ganz bestimmt. Bis 1990 war ich eine Schulpsychologin, die auch schreibt, seither bin ich eine Schriftstellerin, die auch Psychologin ist (eigentlich: war). Rückblickend kann ich sagen, dass eine Aktivität die andere befruchtet hat.

Wie würdest du dein Verhältnis zum Schreiben bezeichnen?

Ich verwende gern folgendes Bild: Mein ereignisreiches Leben ist wie ein Zug, in dem ich von Wagon zu Wagon wechsle – die Familie war ein kleiner Wagon, den ich bald verlassen habe, dann gab es den größeren Zug der Psychologie, ein Beruf, den ich liebte und von dem ich bis heute im Ruhestand leben kann, und letztlich den größten Wagon, das Schreiben. Diese Leidenschaft zieht sich durch meine gesamte Biografie. Über die wichtigsten Stationen berichte ich auf der CD »Ich rede in den Zungen der Sprachlosen«, die2019 bei der edition lex liszt 12 erschienenen ist. In meiner Beschreibung dazu steht: »So floss bei mir schon immer alles in eins zusammen: ins Leben. Seit früher Kindheit beobachte ich, ordne alles ein, was ich erlebe; bewahre, zeichne auf. Schönes und Gutes finde ich auch in dunklen Zeiten, aber auch Dunkles und Böses selbst dann, wenn alle sorglos sind. Manches sehe ich voraus, weil ich mich erinnere, was gewesen ist. Das ist nicht immer leicht zu verkraften; manchmal hilft es mir, der Fassungslosigkeit mit Ironie zu begegnen.«

War es leicht, dich als freie Künstlerin zu positionieren?

Nein, für meine Generation war es schwer. Vom Schreiben konnte ich nie leben – ich hab viel gratis gemacht und auch junge Autor*innen gefördert – aber das bekümmert mich wenig. Schreiben ist mir ein Bedürfnis, das hat nichts mit Geldverdienen zu tun! Neben der Lyrik hab ich mich auch mit anderen Aspekten der Literaturszene beschäftigt, habe an der Rechtschreibreform mitgearbeitet und war 1992 Mitbegründerin des Verlags Edition Doppelpunkt, der hauptsächlich Lyrik herausgebracht hat. Wir waren ein kleines Team, haben fast alles selbst gemacht – vom Lektorat über Grafik und Layout und haben viel Geld hineingesteckt. Leider konnten wir uns keinen Vertrieb leisten, hatten dadurch kaum Umsatz und mussten den Verlag nach mehr als zehn Jahren schließen. Aber das hat mich nicht entmutigt, ich habe weitergeschrieben und schreibe bis heute. Und ich empfinde das als Privileg!

Traude Veran hat viele Auszeichnungen und Preise erhalten: 1988 Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 1994 Theodor-Körner-Förderpreis, 1994 Theodor-Kery-Förderpreis, 1996 Ptakodrák des Forum Petrovice (Tschechische Republik), 1997 Hermes-Lyrikpreis Bad Tatzmannsdorf, 2001 Wilhelm-Zorn-Ehrenpreis des KWP, Wien, 2002 Wilhelm-Zorn-Preis, 2005 4. Preis im Haiku-Wettbewerb der NIPPON Öst.-Jap. Gesellschaft, Wien, 2012 ein Ü-70-Preis der Schweizer Stiftung JULL, Zürich, 2021 Wiedner Rosa des 4. Wiener Gemeindebezirks.

Japan: Anmut und Giftgas

„Es gibt zwei gegensätzliche Japan: das Japan der Kunst, des Ahnenkults und auf der anderen Seite das Japan des Polizeistaats und des Militarismus. Das eine ist Anmut und Schönheit, das andere ist Hässlichkeit und Dummheit.“ Dieses Zitat stammt aus den Aufzeichnungen des Schweizer Diplomaten Camille Gorgé, der von 1940 bis 1945 Schweizer Botschafter in Japan war und als Vertreter eines neutralen Staates eine einzigartige Perspektive auf die Ereignisse in Japan hatte. Doch wie sieht es mit den beiden Japan heute aus, und wie manifestieren sie sich in der Gedenkkultur?

Von Jonas Kraft

Das Hiroshima Friedensmuseum und Gedenkstätte

Der heutige Hiroshima Friedenspark war in den 20er und 30er Jahren ein beliebtes und belebtes Geschäftsviertel, auf einer Insel nicht weit von der Burg und dem alten Stadtzentrum gelegen. Die Atombombe, die am 6. August 1945 abgeworfen wurde, zerstörte die Holz- und Ziegelgebäude in der unmittelbaren Umgebung des Hypozentrums vollkommen. Lediglich zwei moderne Stahlbetonkonstruktionen überstanden die Druckwelle, die Ruinen einer davon sind als „Atombombenkuppel“ ein bekanntes Fotomotiv und Symbol für die atomare Zerstörung.

1954 entschloss die Stadt sich, die leere Fläche in einen Gedächtnispark umzuwandeln, dessen Herzstück das ein Jahr später eröffnete Friedensmuseum ist. Mit etwa einer Million Besuchern pro Jahr zählt es zu den wichtigsten Gedenkstätten Japans und kann als Aushängeschild der staatlich organisierten Gedenkkultur betrachtet werden.

Beim Betreten des Museums kommt man nach der Eingangshalle über einen langen dunklen Korridor in den Westflügel, der ebenfalls abgedunkelt ist. Nur die Ausstellungsstücke sind beleuchtet, manche in Schaukästen, manche auf Podesten. Es sind persönliche Gegenstände oder Fotos von Bombenopfern, kombiniert mit Beschreibungen oder Zitaten und Erzählungen ihrer Schicksale. Die Ausstellung ist chronologisch angeordnet, sie geht von den unmittelbaren Zerstörungen über die Tage danach zu den gesundheitlichen Langzeitschäden der Überlebenden. Sie ist ausgezeichnet gestaltet und auf maximalen emotionalen Effekt bei den Besuchern ausgerichtet.

Es fehlt aber jegliche Kontextualisierung: wenn über die toten 13-jährigen Schulkinder gesprochen wird, die zum Zeitpunkt der Detonation damit beschäftigt waren, Brandschneisen in die Stadt zu schlagen, da Hiroshima bis dahin keinen größeren Luftangriffen ausgesetzt war, wird mit keinem einzigen Wort Kritik an einem Regime geübt, das 13-jährige zum Militärdienst in einem längst verlorenen Krieg einzieht. Wenn über koreanische Opfer der Bombe gesprochen wird – unter der Überschrift „Atombomben kennen keine Nationalitäten“ – wird nicht erwähnt, dass tausende Koreaner nur deshalb in Hiroshima waren, weil sie zur Zwangsarbeit in den Rüstungsbetrieben verschleppt wurden. Wenn von dem Krieg die Rede ist, wird ausgeblendet, wer ihn begonnen hat und für die Ermordung von vielen Millionen Zivilisten in ganz Asien verantwortlich ist; das Thema wird behandelt, als ob Kriege eine unvermeidbare Naturkatastrophe wären, die halt dann und wann passieren.

Nach diesem älteren Teil der Ausstellung kommt man in den Ostflügel, der in den 90er Jahren abgeteilt wurde. Zuerst gibt es einige Seitenräume mit Bildschirmen, auf denen Atombombenopfer ihre Geschichten in Videoform erzählen, dann folgt zumindest in kleinen Teilen der Kontext: Schaukästen über die historische Entwicklung der Stadt Hiroshima, das Manhattan Project und wie Präsident Truman sich dazu entschloss, den Atombombenabwurf zu genehmigen, die Verbreitung von Atomwaffen und der Versuch, sie international einzudämmen, Atomtests und die dadurch hervorgerufenen Langzeitschäden. Aber auch hier fehlen die japanischen Kriegsverbrechen wie das Massaker von Nanking, bei dem die japanische Armee nach der Einnahme der damaligen Hauptstadt über 300.000 ZivilistInnen ermordete, vollständig, lediglich einmal ist ganz klein im Text ein Hinweis auf die japanische Invasion Chinas zu lesen.

Insgesamt entspricht das Museum damit der Linie des offiziellen Japans, das zwar auf dem Papier pazifistisch ist und sehr gerne betont, gegen Krieg im Allgemeinen zu sein, den zweiten Weltkrieg aber nur dann verurteilt oder bereut, wenn es um die japanischen Opfer geht. Sogar das Mahnmal hinter dem Museum im Park, auf dem der Satz „Ruhet in Frieden, wir werden den Fehler nicht wiederholen“ wurde von den japanischen Rechten kritisiert und sogar mutwillig beschädigt, da sie jede Form des Schuldeingeständnisses als Vaterlandsverrat bezeichnen. Doch nicht alle Gedenkstätten sind ganz auf dieser Linie.

Okunoshima Giftgas Museum

Okunoshima ist eine kleine Insel im japanischen Binnenmeer zwischen den Hauptinseln Honshu und Kyushu. Bis in die Neuzeit war sie von ein paar Familien besiedelt, die hauptsächlich vom Fischfang lebten. Während der Modernisierungs- und Industrialisierungspolitik in der Meiji-Ära errichtete der Staat eine Fischkonservenfabrik, um die lokale Wirtschaft voranzutreiben. Im Russisch-Japanischen Krieg (1904-1905) installierte das Militär einige Geschützstellungen, da sie damit die Meerengen gegen potentielle russische Kriegsschiffe verteidigen wollten. Ein solcher Angriff kam allerdings nie zustande. 1925 übernahm das japanische Militär die Insel als Ganzes, vertrieb die Zivilbevölkerung und erklärte sie zum Staatsgeheimnis. Sie wurde von allen Seekarten gestrichen und sogar einige Leuchttürme auf Nachbarinseln versetzt. Der Standort – weit weg von Tokyo, abgelegen und leicht abzuriegeln – war perfekt dafür geeignet, Giftgas zu produzieren und zu lagern, also wurde die Konservenfabrik zur Chemiefabrik umfunktioniert und mit der Produktion von Senfgas und verschiedenen Tränengasen begonnen. Im Laufe des zweiten Weltkriegs wurden ausgebildete Arbeitskräfte rar, also zog die Militärführung Studenten und Koreaner zur Zwangsarbeit ein. Nachdem sie keine entsprechende Ausbildung hatten, waren Arbeitsunfälle an der Tagesordnung – Hunderte starben, Tausende trugen lebenslange Gesundheitsschäden davon. Nach Kriegsende 1945 wurden die Produktionsanlagen von den alliierten Besatzungstruppen gesprengt und verbleibende Gasbestände verbrannt oder im Meer versenkt.

Heute ist Okunoshima ein beliebtes Ausflugsziel, allerdings aus giftgasfreien Gründen. Die Inselkette, zu der sie gehört, ist ein Nationalpark, und auf ihr befinden sich wunderschöne Strände, ein Campingplatz, ein Hotel und Sportanlagen. Die Hauptattraktion aber sind die freilaufenden Kaninchen, die überhaupt nicht scheu sind und von Besuchern gerne gefüttert werden. Die Ruinen der militärischen Einrichtungen sind sichtbar, aber aus Sicherheitsgründen nicht betretbar. Gegenüber des Nationalpark-Besucherzentrums ist das Okunoshima Giftgas Museum, ein kleiner Ziegelbau. Im Gegensatz zum Hiroshima Friedensmuseum ist es kein staatliches Projekt, sondern wurde 1988 von privaten Initiativen der Geschädigten der katastrophalen Arbeitsbedingungen und ihrer behandelnden Ärzte, wie z.B. Masato Yukutake (1934-2004), einem Spezialisten für die Behandlung von Chemiewaffenfolgen, gegründet.

Das Museum enthält nur zwei Räume, einer für die Ausstellungsstücke und der andere ein Hörsaal, in dem Schülergruppen über die schreckliche Geschichte der Anlage erfahren können. Es werden ebenso Bilder von Giftgasopfern aus jüngeren Kriegen wie dem Iran-Irak-Krieg gezeigt. Zu den Ausstellungsstücken gehören unter anderem ein Exemplar der vollkommen unzureichenden Schutzausrüstung, die den Arbeitern zur Verfügung gestellt wurde, Propaganda und Dokumente, sowie historische Fotos. Die Begleittexte betonen, dass die Leidtragenden des Militarismus nicht nur die „Feinde“ sind, sondern auch die eigenen Leute, die für Kriegszwecke gleichermaßen an der Front wie in der Waffenproduktion verheizt werden. Mehrmals wird erwähnt, wie schlecht die Arbeiter und Fachleute von der Militärführung behandelt wurden und wie Verletzungen und sogar Todesfälle in Kauf genommen wurden. Auch Verantwortung für den Einsatz von Chemiewaffen gegen Zivilisten in China wird eingestanden.

Fazit

Die beiden Japan sind immer noch da, sie haben nur ihre Form verändert – das offizielle Japan, welches bis heute aus den gleichen Familien und Schichten besteht, die das Land in Militarismus und Faschismus geführt haben, und sich nach 1945 mit den Amerikanern arrangiert haben, um an der Macht zu bleiben, und das eigentliche Japan der einfachen Menschen, die in Fabrik und Schützengraben gelitten haben und die am eigenen Körper erfahren haben, warum um „Nie wieder Krieg, Nie wieder Faschismus“ kein Weg herum führt. Solange die beiden Japan ihre Widersprüche nicht lösen können, werden sie in ihrer Vergangenheit gefangen bleiben. Eine Situation, die uns vielleicht bekannt vorkommt?

Blinde Flecken im globalen Kriegsgeschehen

Die Kriege in Nahost und zwischen Russland und der Ukraine bewegen derzeit die Linke weltweit, andere finden gleichzeitig unter der Wahrnehmungsschwelle statt. Während zumindest in Gaza nach US-Vermittlung ein fragiler Waffenstillstand herrscht, wird der Ukraine-Krieg mit unvermittelter Härte fortgesetzt. Im Folgenden ein Überblick über diverse globale Konflikte, die anscheinend niemanden interessieren.

Von Georg Elser

Viele kriegerische Auseinandersetzungen, über die nur wenig berichtet wird, finden derzeit in Afrika statt. So schlagen sich etwa derzeit Truppen mit maßgeblicher Unterstützung aus Ruanda raubend, mordend und vergewaltigend durch den Ostkongo, während Paul Kagame, der ruandische Präsident, kaum Kritik befürchten muss. Kagame ist vielmehr ein Freund der ganzen Welt und im Westen wie Osten gerne gesehener Gast. Der ruandische Raubzug hat einen beträchtlichen Anteil an den Millionen Opfern des Kongo-Konflikts der letzten Jahrzehnte zu verantworten.

Der Bürger:innenkrieg in Äthiopien zählt zu den blutigsten in der Gegenwart. In den vergangenen Jahren sind in und um die Region Tigray hunderttausende Menschen aufgrund der Kämpfe ums Leben gekommen. Der aktuelle Konflikt hat sich in die Region Amhara verlagert, wo die täglichen Opferzahlen mit dem Krieg in der Ukraine mithalten können. Es handelt sich um einen ethnisch motivierten Konflikt bei dem Hunger von der äthiopischen Regierung dezidiert als Waffe eingesetzt wird.

Im Sudan findet gerade ein Massenmord mit besonderem historischem Hintergrund statt. Die arabischstämmige Bevölkerung im Sudan war jahrhundertelang massiv am internationalen Sklavenhandel sowohl in die arabische Welt, wie auch in Richtung europäischer Kolonien beteiligt. Ihr Opfer war die schwarze Bevölkerung im Süden. Aktuell sind es erneut arabische Milizen, welche die schwarze Bevölkerung im Süden und Osten zu Tausenden vertreiben und ermorden. Es ist nach den Kriegen im Südsudan und in Darfur der dritte große Konflikt der letzten Jahrzehnte im Sudan.

Im Jemen tobt seit Jahren ein brutaler Krieg zwischen der schiitischen Bevölkerungsgruppe und den sunnitischen Nachbarstaaten des Jemen. Geführt wird dieser Krieg hauptsächlich von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Huthi sind keine Heiligen, aber Hunger und Cholera sorgen wegen der Blockade des Jemen für zehntausende tote Zivilist:innen aufseiten der jemenitischen Bevölkerung. Besonders betroffen sind wie so oft Kinder.

Von Afrika nach Asien

Indonesien setzt seit Jahrzehnten auf die Vertreibung und Marginalisierung der einheimischen Papua Völker in West-Papua. Kolonist:innen aus den Zentralinseln werden nach Westpapua umgesiedelt und der Widerstand der dort wohnenden Bevölkerung militärisch mithilfe von Konzernarmeen, die riesige Goldminen im Dschungel erhalten, bekämpft. Durch das Programm »Transmigrasi« werden seit 1969 Menschen aus der muslimischen Mehrheitsbevölkerung Javas auf andere Inseln, insbesondere jene mit anderen religiösen Mehrheiten umgesiedelt und so versucht die gesamte Inselgruppe zu islamisieren. Erwähnenswert ist auch ein Genozid mit Millionen Opfern in den 1960er Jahren, welcher bis heute in keinster Weise aufgearbeitet ist.  

Der Bürger:innenkrieg in Myanmar gehört zu den blutigsten der Welt. Die Zentralregierung bekämpft rücksichtslos die eigene Bevölkerung und dabei werden manchmal ganze Dörfer abgeschlachtet. Jeglicher Widerstand wird gnadenlos verfolgt. Myanmar ist ein Vielvölkerstaat, in dem gewisse Bevölkerungsgruppen über viel Autonomie verfügen und andere, besonders die muslimische Minderheit, stark unterdrückt werden.

Selektive Wahrnehmung

Neben diesen Konflikten finden sich weltweit zahlreiche weitere die ohne nennenswertes internationales Interesse stattfinden. Wir müssen uns die Frage stellen, warum diese Kriege nicht nur in den bürgerlichen Medien, sondern auch in der linken Mediensphäre kaum thematisiert werden, handelt es sich doch um einige der brutalsten Konflikte weltweit.

Eine besondere Kritik verdient die Linke angesichts des offensichtlichen Widerspruchs, der sich aus der – richtigerweise oft betonten – Gleichheit der Menschen ergibt: Im Süden werden weder Täter:innen noch Opfer als selbständige Akteure wahrgenommen. Zurückzuführen ist dies wohl auf eine sträflich einfache Sicht auf die Imperialismustheorien Lenins und eine ebenso vereinfachte Übernahme gewisser antikolonialer Diskurse aus den USA. Das mündet in paternalistischem Denken gegenüber genau jenen Menschen, die man vorgibt schützen zu wollen, und einer Vorstellung wonach das gesamte Elend der Welt auf den westlichen Imperialismus zurückzuführen sei. Konsequenterweise sind daher nur jene Konflikte beachtenswert, an denen wir als »der Westen« aktiv beteiligt sind. Es macht nur die weißen Menschen im Nordens zu Akteur:innen und den Süden als Ganzes entweder zum wehrlosen Opfer, bzw. zu Subjekten westlicher Allmachtphantasien. Es gibt noch eine weitere Konsequenz dieses Denkens: die Solidarisierung mit den übelsten reaktionären Kräften unter dem Deckmantel des »Antikolonialen Freiheitskampfes«.

Sicher, der Westen hat ungleich mehr Macht und Mittel um global Druck auszuüben als die meisten anderen Weltgegenden. Aber alle Konflikte auf dieses schwarz/weiß Schema zurückzuführen ist sträflich vereinfacht. Es enthebt lokale politische Eliten nämlich der Verantwortung für ihre Verbrechen. Paul Kagame ist seit 20 Jahren Präsident Ruandas, wann wird er endlich als selbständig handelndes Subjekt wahrgenommen und wann darf/muss er die Verantwortung für seine Taten übernehmen? Global wäre neben dem Blick auf die Täter:innen auch ein Blick auf die Opfer wichtig. Diese könnten etwas Aufmerksamkeit und internationale Solidarität in ihrem Kampf gegen Tyrannei und Gewalt nämlich sehr gut gebrauchen.

Schmonzette – Wer zahlt?

Von Bärbel Danneberg

Eine Verkäuferin wird mit einem Lohnabschluss unter der Inflationsrate rechnen müssen. Als Draufgabe gibt es den Frust von Kund*innen, wenn sie nach der Jö-Karte fragt oder Pickerl fürs Sammelalbum anbietet. Statt ständiger Vorteilsaktionen a la »Nimm zwei« soll der Handel lieber stabile Preise anbieten, höre ich immer öfter und sehe Menschen vor der Lebensmittel-Filiale kopfschüttelnd den Kassabon studieren. Wir gewöhnen uns an schrumpfende Inhalte, vorgegaukelte Preisnachlässe, Sonderangebote, die keine sind. Das rote Minus-Prozentzeichen für abgelaufene Ware wird nicht mehr schamvoll verdeckt, sondern als soziale Tat des Lebensmittelhandels gepriesen: »Zu schade zum Wegwerfen« ist ein produzierter Überfluss-Mangel auf Kosten der Sozialmärkte und Konsument*innen.

Es scheint üblich zu werden, dass vereinbarte Kollektivvertragsabschlüsse neu verhandelt oder Lohnabschlüsse unterhalb der Inflationsrate ausgehandelt werden. Pensionist*innen hatten bereits mit der Erhöhung des Krankenversicherungsbeitrags eine Pensionskürzung hingenommen und waren die ersten im Reigen der herbstlichen Anpassung unterhalb der Inflation. Gefolgt von den Metallern, die sich auffallend rasch auf einen KV-»Krisenabschluss« geeinigt haben. Der ausverhandelte Lohnzuwachs für die kommenden zwei Jahre liegt deutlich unter der Inflationsrate. Auch die Gehaltsabschlüsse für Beamte und den öffentlichen Dienst werden nun nachverhandelt. Der Deal des Vorjahrs dürfte damit hinfällig sein, Bahn und anderen Branchen wird mit Lohnkürzung gedroht.

Angesichts der »angespannten Budgetsituation« freut sich der Finanzminister, »denn die Sanierung der Staatsfinanzen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe«. Gesamtgesellschaftlich? Das Geldvermögen privater Haushalte hat in Österreich den Rekordwert von 30 Milliarden Euro im vergangenen erreicht, die sich bei zehn Prozent der Bevölkerung konzentrieren. Gleichzeitig wird das Verteidigungsbudget kriegstauglich im Vergleich zu 2024 um rund 18 Prozent auf heuer 4,740 Milliarden und um weitere rund 8,5 Prozent im Jahr 2026 auf 5,184 Milliarden Euro aufgestockt. Laut OGM-Umfrage sind 51 Prozent der Österreicher*innen, allen voran die NEOS und Grüne, für noch mehr Aufrüstungsmittel… Von nix kommt nix, wie Marx meinte.

VS 2025/7-8 S.33

Bildquelle: Ullstein Verlag

Keine Zeit

Von Fiona Sinz

In »Alle_Zeit« widmet sich Teresa Bücker ausführlich dem Thema Zeitpolitik. Im Zentrum steht Zeit als zentrale Ressource unserer Gesellschaft, die jedoch oftmals nicht als solche begriffen wird. Wer wann warum Zeit für was verwenden kann oder muss, ist eine grundsätzlich politische Frage und spiegelt nicht nur gesellschaftliche Ungleichheiten wider, sondern erzeugt und reproduziert diese. Die Freiheit, über die eigene Zeit verfügen zu können, und weiter die Zeitnutzung von anderen zu beeinflussen, ist ein integraler Bestandteil von Macht und Machterhalt. In einer kapitalistischen Gesellschaft, in der die Erwerbsarbeit und die Zeit, die für sie aufgewendet wird, auf ein Podest gestellt wird, verliert die Freizeit immer mehr an Bedeutung. Doch was ist das eigentlich, diese »Freizeit«?

Menschen tendieren dazu, sich über die Nutzung ihrer Zeit zu definieren. Es ist wichtig, die Zeit mit »sinnvollen« und »interessanten« Tätigkeiten zu füllen, wir suchen nach »Erfüllung« und wollen uns als »wertvoller« Teil der Gesellschaft sehen. Dabei geht es vor allem um die Zeit, die wir mit bezahlter Arbeit verbringen. Als eindrückliches Beispiel bringt Bücker die klassische Vorstellungsrunde: Hallo, mein Name ist ____ und ich arbeite als ____. Die Erwerbsarbeit ist im Gegensatz zur Zeit, die wir unbezahlt verbringen, stark identitätsstiftend. So nennt man äußerst selten zuerst ein Hobby oder eine Charaktereigenschaft, um sich anderen vorzustellen. Damit öffnet sich eine Kategorie, anhand derer wir uns und andere bewerten und zuordnen. Menschen, die aus verschiedensten Gründen keiner Erwerbsarbeit (mehr) nachgehen, sehen sich mit einem gewissen Identitätsverlust konfrontiert, da ihre Zeitnutzung als nicht wertvoll empfunden wird. Gleiches gilt für Menschen mit Berufen, die als nicht wertvoll oder interessant genug gesehen werden.

Laut der Studien, die Bücker nennt, wird Zeitknappheit von allen Gesellschaftsschichten unabhängig von Klasse und sozialem Standing wahrgenommen. Dass Zeit eine endliche Ressource ist und damit »knapp«, wird Kindern explizit beigebracht, und ihre Wahrnehmung als solche gilt als wichtiger Schritt im Erwachsenwerden. Im Gegensatz zu vielen anderen Ressourcen kann sie jedoch nicht aufgespart werden und zum Beispiel im Alter genutzt werden, auch ist Zeit, in der wir gesund und agil sind, vielseitiger einsetzbar und damit etwas »freier« als die Zeit im Alter. Einfach auf die Pension warten funktioniert also nicht. Wie wir diese Zeitknappheit jedoch wahrnehmen und in welchen Lebensbereichen sie uns einschränkt, unterscheidet sich fundamental nach finanziellen und sozialen Merkmalen. Besonders interessant und beschäftigt zu wirken, ist zum Beispiel eher ein Problem der Oberschicht. Auch extrem lange Arbeitszeiten plagen eher gut verdienende Männer. Dass man neben der Arbeit am Arbeitsplatz und der Arbeit zu Hause, wie etwa Kinderbetreuung, keine Zeit mehr für ausreichend Bewegung hat, ist ein grundsätzlich weibliches Problem. Wer das Geld hat, die Arbeit zu Hause großflächig auslagern zu können, also Personen für diese Arbeit zu beschäftigen, spürt die Auswirkungen davon im Alter natürlich weniger.

Bücker behandelt den Einfluss von Zeitpolitik auf patriarchale Strukturen besonders ausführlich und hält den Lesenden immer wieder mit deprimierenden Zahlen vor Augen, wie ungleich verteilte Care-Arbeit zum Beispiel Müttern die Zeit raubt, wie wir als Mädchen erzogenen Kindern beibringen, wie sie ihre Zeit zu nutzen haben. Besonders einprägend war hier das Thema Homeoffice: »Bei Müttern führt das Homeoffice […] sogar dazu, dass sie nicht nur länger für ihren Job arbeiten, sondern sich zusätzlich etwa drei Stunden mehr um ihre Kinder kümmern als Mütter mit außerhäusigem Arbeitsplatz. Väter arbeiten zu Hause bis zu sechs Stunden mehr pro Woche als im Büro, kümmern sich aber weniger um ihre Kinder als Väter mit festem Arbeitsplatz im Unternehmen.« Bücker sieht Care-Arbeit ganz klar als Arbeit und sieht diese daher als im Diskurs und in der Gesellschaft ungerecht behandelt gegenüber der Erwerbsarbeit. Daher hagelt es seitenweise Kritik für das, was die Autorin weißen Karriere-Feminismus – jüngere Generationen nennen ihn oft »girlboss feminism« – nennt, der Klasse und intersektionale Unterdrückung aus seinem Verständnis der feministischen Befreiung ausschließt.

Bücker beschreibt in »Alle_Zeit« ausführlich belegt den Status quo der Zeitungleichheit in der kapitalistischen Gesellschaft. Vor allem aber versucht sie sich an dem Ansatz einer Zeit-Utopie. »Muss das so sein?« und »Wie können wir das besser machen?« scheinen die grundoptimistischen führenden Fragen hinter dem Text zu sein. Das Buch ist also in keinem Fall zynisch, auch wenn die Faktenlage zur Thematik das eindeutig hergeben würde. Langwierig wird jeder Aspekt der Zeit im menschlichen Alltag aufgedröselt, erklärt und problematisiert. Als Einstiegswerk ist es damit zwar inhaltlich zugänglich, durch seine Länge mit 330 Seiten braucht man aber Durchhaltevermögen. Neben der Einbettung von zahlreichen Studien und Forschung setzt sich das Buch tiefgehend mit der Politik rund um die Zeit auseinander. Die Errungenschaften, aber vor allem die Versäumnisse der Gewerkschaften rund um Zeitpolitik kritisiert Bücker, aber nicht ohne Verbesserungsanleitung für die Zukunft. Gleichzeitig bemüht sich die Autorin um den Diskurs rund um Zeitpolitik. Bücker ist der einleuchtenden Auffassung, dass, wie wir über Zeit(politik) reden, ändern kann, wie wir sie nutzen – oder zumindest ändert, was wir fordern und erkämpfen können. 

Juli-August 2023

Aus dem Inhalt:

  1. Überschrift 1
  2. Überschrift 2
  3. usw.

Schwerpunkt dieser Nummer: …