Ein Leben in vollen Zügen

Porträt der Lyrikern Traude Veran von Eva Brenner

Traude Veran hat ein neues Buch veröffentlicht: Mein Burgenland. Eine poetische Vermessung legt einen sehr persönlichen Blick auf das »stille Land«, wie sie die (süd)burgenländische Landschaft nennt, frei. Mit großer Aufmerksamkeit wendet sie sich Land und Menschen, Arbeit und Alltag, Sprache und Geschichte zu – als eine, die gegangen ist und doch geblieben.  [/Vorspann]

Von Eva Brenner

In behutsamer, klarer Sprache beschreibt sie eine Welt, die sie kennt die zugleich verschwindet. Ihr Schreiben ist schwungvoll, und stilsicher in der Konzentration auf das Wesentliche. Der empathische  Blick auf die kleinen Dinge des Alltags führte sie zum Haiku und anderen poetischen Kurzformen, die Momente von Stille und Zuwendung bewahren, zu exakten Beobachtungen ihrer Umgebung, Gesten und Erinnerungen, die aufzeigen, dass auch im »Flüchtigen des Augenblicks« (nach Lore Heuermann) etwas Gültiges, Bleibendes liegt.

Zuerst Schulpsychologin, dann Dichterin
Traude Veran wurde 1934 in eine Wiener Arbeiterfamilie geboren und verbrachte ihre Jugend in Salzburg. Sie studierte nach der Ausbildung zur Sozialarbeiterin als Werkstudentin Psychologie, heiratete den Philosophen Hubert Schleichert, mit dem sie zwei Kinder bekam. 1967 folgte sie ihrem Mann, der Professor an der Uni Konstanz wurde, nach Deutschland. Sie arbeitete in Praxis, Lehre und Forschung (u.a. in Wien an der Universitätsklinik für Psychiatrie und für die IBM-Forschungsgruppe sowie später an der Universität Konstanz) an wechselnden Projekten, wobei sie ihre Berufslaufbahn wegen familiärer Verpflichtungen immer wieder unterbrechen musste.

Im Jahr 1976 ließ sie sich scheiden und wurde Leiterin der Schulpsychologischen Beratungsstelle Oberwart im Burgenland. Dort widmete sie sich schwerpunktmäßig der Integration (heute Inklusion) benachteiligter Kinder, der Lehrer*innenfortbildung und der Vernetzung sozialer Projekte; ab 1979 arbeitete sie mit einer Gruppe von Interessierten daran, in Oberwart als Schulversuch eine inklusive Volksschulklasse einzurichten, was 1984 gelang.

Die Lyrik ist Traude Veran ein vertrautes Terrain – sie schreibt seit ihrem 11. Lebensjahr, dann kamen Fachliteratur und dokumentarische Prosa hinzu. Nach der Pensionierung zog sie wieder nach Wien und widmete sich ganz der Schriftstellerei. Seither sind über 30 Bücher entstanden. Sie betätigte sich außerdem als Kulturjournalistin, versuchte sich in Kunstfotografie und Collagen, veranstaltete Performances und Lesungen und hielt lokalhistorische Lichtbildvorträge. Seit 2023 organisiert sie eine Literatur-Vitrine mit wöchentlich wechselndem Programm in dem Pflegeheim, in dem sie lebt.

Sie gehört der Grazer Autor:innen Versammlung GAV und den Österreichischen Dialekt Autorinnen Autoren Ö.D.A. an. In den letzten Jahren befasst sie sich vor allem mit Formen der japanischen Lyrik und ist Gründungs- und Ehrenmitglied der Österreichischen Haiku Gesellschaft sowie Mitglied der Deutschen Haiku-Gesellschaft.

Integration statt Aussonderung

Liebe Traude Veran, was steht für dich im Vordergrund: die Psychologie oder das Schreiben?

Im Laufe meines langen Lebens haben sich die Schwerpunkte verschoben – mit dem Schreiben hab ich in jungen Jahren begonnen; zwischen intensiven Schreibphasen hab ich meinen Traumberuf als Kinderpsychologin ausgeübt. Gearbeitet hab ich eigentlich immer, angestellt oder in freier Praxis. Das wichtigste Kapitel war definitiv meine schulpsychologische Arbeit im Burgenland.

Wie bist du zur Arbeit in Integrationsklassen und mit behinderten Menschen gekommen?

Das hat sehr persönliche Gründe, mein Leihopa hatte nur einen Arm, im Freundeskreis war ein Spastiker; von Kindheit an hatte ich durch den Umgang mit behinderten Menschen das Unrecht erfahren, mit dem diese in der Gesellschaft zurechtkommen müssen. Ein zweites Standbein war die Sprachpsychologie – ein hochaktuelles Fach, das man leider aus der Psychologie ausgelagert hat; die Befassung damit ist aber gerade in Zeiten von Social Media extrem wichtig.

Wie hat sich dein pädagogischer Ansatz entwickelt?

Mir war sehr früh bewusst, dass man ganz normal mit Behinderten umgehen muss, anstatt sie »auszusondern«!  Ich hab erkannt, dass viele Probleme, die im späteren Leben eines Menschen auftauchen, vor allem in der Arbeitswelt, ihren Ausgang in der Schule nehmen. Die vielfältigen Formen der Diskriminierung haben meine berufliche Einstellung geprägt und ich hab immer versucht, dagegen anzukämpfen. Auch in meiner lyrischen Arbeit.

Wo lag in der Pädagogik dein Schwerpunkt?

Begonnen hat es mit Legasthenie, später ging es um lernbehinderte Kinder allgemein. Meine These: Wir brauchen keine »Sonderschulen«, sondern funktionierende Integrationsklassen mit fachspezifisch geschultem Lehrpersonal, wie wir sie erstmals durchgesetzt haben. Das war politisch keineswegs leicht zu bewerkstelligen. Nach einem sechs Jahre währenden Kampf (heute würde man es Kulturkampf nennen) konnten wir die erste Integrationsklasse Österreichs in Oberwart eröffnen. Der damalige Landeshauptmann Theodor Kery, mit dem ich keineswegs immer einverstanden war, hat uns in der Frage der Integration aktiv unterstützt. Unser Modell führte 1993 zur bundesweiten Festschreibung der schulischen Integration im Gesetz.

Was hat sich im Schulwesen seither verändert?

Es ist seither sicherlich nicht besser geworden, auch wenn die Theorie etwas anderes sagt; das liegt vor allem an mangelnden finanziellen Mitteln und an Personalknappheit. Auch ist man in Wien heute mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert. Im Burgenland gab es damals behinderte und sozial benachteiligte Kinder, jedoch keine, die nicht Deutsch sprachen. Da ich seit langen Jahren pensioniert bin, überblicke ich das Feld aber nicht mehr wirklich.

»Ich wechsle von Wagon zu Wagon«

Wie ging es weiter mit deiner lyrischen Arbeit?

Seit der Pensionierung konzentriere ich mich aufs Schreiben, das ich aus Zeitmangel immer wieder vernachlässigt hatte. Mein Mann, der auf anderen Gebieten ein sehr aufgeschlossener Mensch war, wusste zu verhindern, dass ich Gedichte schreibe, und auch meine Vorlesungen an der Uni musste ich einstellen. Vergessen wir nicht, es handelt sich um Zeiten vor der Kreiskyschen Familienreform.

Das klingt sehr rückständig und anstrengend …

Als die Kinder größer waren, hab ich mich scheiden lassen und bin ins Burgenland gezogen, das war eine Befreiung. Gleich im ersten Jahr sind über 100 Gedichte entstanden, einige davon finden sich nun im neuen Buch. Insgesamt hab ich fast drei Dutzend Bücher publiziert, daneben auch viele Werke anderer Autor*innen gestaltet oder lektoriert.

Heißt das, du verstehst dich heute als Autorin?

Ja, ganz bestimmt. Bis 1990 war ich eine Schulpsychologin, die auch schreibt, seither bin ich eine Schriftstellerin, die auch Psychologin ist (eigentlich: war). Rückblickend kann ich sagen, dass eine Aktivität die andere befruchtet hat.

Wie würdest du dein Verhältnis zum Schreiben bezeichnen?

Ich verwende gern folgendes Bild: Mein ereignisreiches Leben ist wie ein Zug, in dem ich von Wagon zu Wagon wechsle – die Familie war ein kleiner Wagon, den ich bald verlassen habe, dann gab es den größeren Zug der Psychologie, ein Beruf, den ich liebte und von dem ich bis heute im Ruhestand leben kann, und letztlich den größten Wagon, das Schreiben. Diese Leidenschaft zieht sich durch meine gesamte Biografie. Über die wichtigsten Stationen berichte ich auf der CD »Ich rede in den Zungen der Sprachlosen«, die2019 bei der edition lex liszt 12 erschienenen ist. In meiner Beschreibung dazu steht: »So floss bei mir schon immer alles in eins zusammen: ins Leben. Seit früher Kindheit beobachte ich, ordne alles ein, was ich erlebe; bewahre, zeichne auf. Schönes und Gutes finde ich auch in dunklen Zeiten, aber auch Dunkles und Böses selbst dann, wenn alle sorglos sind. Manches sehe ich voraus, weil ich mich erinnere, was gewesen ist. Das ist nicht immer leicht zu verkraften; manchmal hilft es mir, der Fassungslosigkeit mit Ironie zu begegnen.«

War es leicht, dich als freie Künstlerin zu positionieren?

Nein, für meine Generation war es schwer. Vom Schreiben konnte ich nie leben – ich hab viel gratis gemacht und auch junge Autor*innen gefördert – aber das bekümmert mich wenig. Schreiben ist mir ein Bedürfnis, das hat nichts mit Geldverdienen zu tun! Neben der Lyrik hab ich mich auch mit anderen Aspekten der Literaturszene beschäftigt, habe an der Rechtschreibreform mitgearbeitet und war 1992 Mitbegründerin des Verlags Edition Doppelpunkt, der hauptsächlich Lyrik herausgebracht hat. Wir waren ein kleines Team, haben fast alles selbst gemacht – vom Lektorat über Grafik und Layout und haben viel Geld hineingesteckt. Leider konnten wir uns keinen Vertrieb leisten, hatten dadurch kaum Umsatz und mussten den Verlag nach mehr als zehn Jahren schließen. Aber das hat mich nicht entmutigt, ich habe weitergeschrieben und schreibe bis heute. Und ich empfinde das als Privileg!

Traude Veran hat viele Auszeichnungen und Preise erhalten: 1988 Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 1994 Theodor-Körner-Förderpreis, 1994 Theodor-Kery-Förderpreis, 1996 Ptakodrák des Forum Petrovice (Tschechische Republik), 1997 Hermes-Lyrikpreis Bad Tatzmannsdorf, 2001 Wilhelm-Zorn-Ehrenpreis des KWP, Wien, 2002 Wilhelm-Zorn-Preis, 2005 4. Preis im Haiku-Wettbewerb der NIPPON Öst.-Jap. Gesellschaft, Wien, 2012 ein Ü-70-Preis der Schweizer Stiftung JULL, Zürich, 2021 Wiedner Rosa des 4. Wiener Gemeindebezirks.