Von Fabian Storch
Künstliche Intelligenz gibt sich als autonome, immaterielle Intelligenz. Sie ist das Gegenteil: die »fünfte frontier«, an der sich das Kapital die Natur billig aneignet und die es zu verschlingen droht wie alle frontiers davor.
Die Luftschlösser in den Wolken, die verpuffen
Kein Bild trifft das Versprechen der künstlichen Intelligenz besser als das von Luftschlössern hoch oben im Himmel. Die „Cloud“ schwebt über den Dingen, körperlos, überall und nirgends, eine Intelligenz, die sich selbst zu genügen scheint. Aber diese stellen sich heraus als gewaltige Luftschlösser, die uns nicht nur etwas vorschwindeln, sondern auch einen riesigen Bedarf an Energie und Materie einfordern. Genau darin liegt, wie John Bellamy Foster in seinem Artikel ausführt, ihr Fetischcharakter: Was in Wahrheit ein gesellschaftliches Verhältnis ist, wird als Eigenschaft einer Sache mit einer autonomen Rechenlogik verkauft, der wir uns bestenfalls nur anpassen können. Doch die Wolke ist, mit dem Medientheoretiker Tung-Hui Hu gesprochen, vor allem eine Metapher für Privateigentum. Und unter ihr liegt kein Himmel, sondern ein Tagebau.
Kate Crawford hat die künstliche Intelligenz als das analysiert, was sie materiell ist: eine extraktive Industrie. Ihre Erzeugung beruht auf dem Abbau von Lithium, Kobalt und Seltenen Erden, auf dem enormen Energie- und Wasserhunger der Rechenzentren und auf der Arbeit unzähliger, kaum sichtbarer Menschen. Schon hier bekommt der Schein der Autonomie einen Riss: Die vermeintlich selbstständige Maschine läuft auf einer verdeckten Schicht menschlicher Arbeit und dass diese im globalen Süden sitzt, ist kein Zufall. In den Kobaltminen des Kongo graben sie für ein, zwei Dollar am Tag, in Kenia sichten Klickarbeiter:innen für weniger als zwei Dollar die Stunde die giftigsten Inhalte des Netzes, damit die Chatbots verkäuflich werden. „Weder künstlich noch intelligent“ sei diese Intelligenz, schreibt Crawford, sie ist ein Register der Macht. Die scheinbar entstofflichte Sphäre ist in Wahrheit die stofflichste, die der Kapitalismus je errichtet hat.
Die cheap four und die fünfte neue frontier zur billigen Aneignung
Um zu verstehen, was hier geschieht, lohnt der Umweg über die Geschichte. Der Historiker Jason W. Moore hat gezeigt, dass der Kapitalismus von Beginn an nicht nur von der Ausbeutung der Lohnarbeit lebt, sondern ebenso von der Aneignung dessen, was er nicht bezahlt. Sein Wachstum hängt an der fortwährenden Verfügbarkeit billiger Natur, und diese organisiert er entlang von commodity frontiers, von Warengrenzen, die er immer weiter vorschiebt: die Zuckerplantage auf Madeira, die Silberminen von Potosí, die Baumwollfelder des Südens. Egal wo auf der Welt, vier große Aneignungen tragen immer dieselbe Geschichte. Moore nennt sie die Four Cheaps: billige Arbeit, billige Energie, billige Rohstoffe und billige Nahrung. Jede von ihnen ist ein Bereich, den das Kapital als kostenlos gegeben behandelt, um ihn in Wert zu verwandeln.
Die künstliche Intelligenz eröffnet eine fünfte frontier: die cheap intelligence. Was hier angeeignet wird, ist die kognitive und kommunikative Tätigkeit der Menschen selbst, unser Sprechen, Schreiben, Suchen, Bilderteilen, unser Wissen, unser alltägliches soziales Leben, verwandelt in einen abschöpfbaren Datenstrom und verarbeitet durch maschinelles Lernen. Nick Couldry und Ulises Mejias haben diesen Vorgang data colonialism genannt und dabei ausdrücklich an Moore angeschlossen: Daten sind keine neuen Sklaven für billige Arbeit, kein neues Öl für billige Energie, kein neuer Wald für billige Rohstoffe, keine neue Anbaufläche für billige Nahrung, die wir einfach so in der Natur vorfinden können. Sie müssen erst hergestellt werden, indem das Leben selbst als Ressource konstruiert wird, sodass sich diese von uns entwickelte Intelligenz billig angeeignet werden kann. So wie die ursprüngliche Akkumulation sich billig Wälder und Böden aneignete für Profite, macht die fünfte frontier aus dem menschlichen Dasein selbst eine Ressource, die frei verfügbar im Datenstrom erscheint, und niemand für sie bezahlt. Damit ist die künstliche Intelligenz kein Bruch mit der Logik des Kapitalismus, sondern deren jüngste, konsequenteste Gestalt. Sie ist die neue frontier, die sich das Kapital erschließt, um weiter akkumulieren zu können und in seinem erhöhten Bedarf an Boden, Energie und Ressourcen nur noch schneller die cheap four und damit auch seine Grundlagen auffrisst.
Der Allesfresser
Warum ist das aber eine Krise und nicht bloß ein weiterer Expansionsschritt? Die Antwort gibt Nancy Fraser mit einem eindringlichen Bild. Der Kapitalismus ist ein Allesfresser, er verschlingt beharrlich genau die Grundlagen, auf denen er ruht: die Natur, die Care Arbeit, die öffentlichen Güter, die politischen Institutionen. Er behandelt sie als äußerlich und kostenlos und zehrt sie auf, bis sie erschöpft sind. An der künstlichen Intelligenz lassen sich diese Hintergründe genauso klar besichtigen. Was Moore Aneignung nennt, schärft Fraser noch weiter: Sie unterscheidet die Ausbeutung der geschützten Lohnarbeit von der Enteignung jener, denen der Kapitalismus nie den vollen Status des Rechtssubjekts und nie eine Entlohnung für die Erhaltung der eigenen Arbeitskraft zugestanden hat: kolonisierte, rassifizierte, verfügbar gemachte Bevölkerungen, denen genommen wird und ihre öffentlichen Güter ausgeschlachtet werden, ohne dass auch nur ein Tausch stattfindet. Genau auf dieser Enteignung ruht auch die KI. Die Kobaltminen des Kongo und die Klickfarmen Ostafrikas sind nicht bloß schlecht bezahlte Arbeit, sie sind die Fortschreibung kolonialer Verhältnisse mit digitalen Mitteln und sie sind nur die sichtbarste Schicht. Dieselbe Maschine zehrt zugleich an der Natur, deren Mineralien, Wasser und Energie sie verschlingt, mit der gesteigerten Produktivität am Arbeitsplatz indirekt an der Care Arbeit, die jedoch notwendig ist, Arbeitskraft zu erhalten und unsere Gesellschaft tagtäglich am Leben hält und an den öffentlichen Institutionen, die ihr mit Subventionen, Infrastruktur und einem deregulierten Zugriff auf unsere Daten den Weg bereiten. Der eigentliche Schwindel der Autonomie liegt genau hier: Was als sich selbst genügende Intelligenz auftritt, ist ein Gebäude, das ohne die permanente Aneignung kolonialer Arbeit, äußerer Natur, unbezahlter Care Arbeit und öffentlichen Guts keinen einzigen Tag bestünde.
Der Kapitalismus hat schon vorher in diesen Bereichen seine Grundlagen aufgefressen und jede neu aufgemachte frontier verschiebt das Problem nur, sie löst es nicht. Genau das geschieht mit der cheap intelligence. Hier werden sich nicht nur unsere Daten angeeignet. Der scheinbar körperlose digitale Raum steigert den Verbrauch an Energie, Wasser und Mineralien weiter, statt ihn zu senken. Wer hofft, größere Effizienz werde die Sache entschärfen, unterliegt einem alten Irrtum: Schon William Stanley Jevons zeigte 1865 an der Kohle, dass effizientere Nutzung den Gesamtverbrauch nicht dämpft, sondern anheizt, weil die Ersparnis in weiteres Wachstum fließt. Der Kapitalist nutzt dies nur zur gesteigerten Produktivität bei gleichbleibendem Lohn damit er sich noch mehr Mehrwert von unserer Arbeit nehmen kann. Die künstliche Intelligenz treibt so einen Stoffwechsel voran, der die stofflichen Grundlagen schneller verzehrt, als er sie ersetzt, bis zu jenem grotesken Punkt, an dem die Systeme beginnen auch ihre eigene produzierte Nachahmung des menschlichen Daseins selbst zu verschlingen: Sie trainieren auf ihren eigenen synthetischen Ergebnissen und drohen im model collapse an sich selbst zu ersticken. Ganz in der Metapher von Nancy Fraser: der Allesfresser frisst am Ende sich selbst.
Die Illusion der Autonomie und die Krise der Aneignung sind dabei zwei Seiten derselben Sache. Was als Eigengesetzlichkeit der Technik und als eine „Selbstorganisation“ einer angeblich autonomen Sphäre erscheint, ist die Organisation einer neuen frontier zur Kapitalakkumulation durch eine Handvoll Technologie- und Energiekonzerne, die unsere Datenströme abschöpfen, die Rechen- und Energieinfrastruktur kontrollieren und diese mit massiven Datacentern und Kraftwerken für die Erschließung ihres neuen digitalen Marktes immer weiter ausbauen. Die Verselbständigung der Maschine ist nichts anderes als eine weitere Folge der autonomen Kapitalakkumulation und seine tiefste Abhängigkeit von der immer neuen Aneignung billiger Natur, Care Arbeit, Kolonialismus und Institutionen. Und die vermeintliche Selbsttätigkeit der Maschine wird noch auf einer zweiten Ebene erzeugt: Ein Heer meist prekärer Beschäftigter hält sie überhaupt erst am Laufen, sie beschriften Trainingsdaten, korrigieren Ausgaben, moderieren Inhalte, bewerten Antworten etc. Was den Menschen wie sinnlose Bullshit-Jobs erscheint, ist in Wahrheit unverzichtbar für die neue frontier. Die mühsame Handarbeit wird unsichtbar gemacht damit die Maschhine autonom erscheinen kann. Und wo sich diese Arbeit nicht auslagern lässt, wird sie an uns selbst unbezahlt zurückdelegiert, um mit jedem Klick, mit jeder Korrektur und Bestätigung noch mehr von uns als Datensatz anzueignen.
Krise bedeutet nicht automatisch Verbesserung
Man könnte versucht sein, in dieser Dynamik einen Trost zu suchen: Wenn das Kapital seine eigenen Grundlagen auffrisst, schafft es sich dann nicht selbst ab? Diese Hoffnung trügt. Der Kapitalismus schafft sich nicht selbst ab, er stößt an die Grenzen dessen, was er als kostenlos voraussetzt, aber aus dieser Erschöpfung folgt keine Emanzipation von allein und ohne systemische Transformation endet diese nur in der Barbarei und neuen feudalen Zuständen. Was diese Krise eigentlich erzeugt, ist eine offene Lage und wir entscheiden, wie die Zukunft aussieht.
Rosa Luxemburg hat diese Offenheit auf die klassische Formel gebracht: Sozialismus oder Barbarei. Der Zusammenbruch der alten Ordnung mündet in keines der beiden Resultate zwangsläufig, er macht beide möglich. Der Barbarei-Pol hat heute eine konkrete Gestalt. Die scheinbare Autonomie der künstlichen Intelligenz kann sich zu einer Ordnung verfestigen, in der die Kontrolle über die digitale frontier bei wenigen Konzernen konzentriert bleibt, eine Tendenz, die manche schon als Technofeudalismus beschreiben. Sie zielt darauf ab diese Systeme zu trainieren, um einen wachsenden Teil der Menschheit schlicht überflüssig zu machen: ein Proletariat, das gezwungen ist an seiner eigenen Abschaffung mitzuarbeiten und darum wieder zunehmend auf der Straße landet, während nach der Zerstörung unserer Lebensgrundlange nur noch ein paar wenige Herrschende über die letzten verbleibenden Ressourcen verfügen. Die Illusion der körperlosen Intelligenz ist dann kein harmloser Werbeslogan, sondern die ideologische Hülle einer sehr realen Machtkonzentration.
Der andere Pol verlangt das Gegenteil des Wartens. Wenn die künstliche Intelligenz ein Register der Macht ist und kein Naturereignis, dann ist die einzige ernsthafte Antwort, gesellschaftliche Macht über ihre Entwicklung auszuüben: die Datenströme, die Infrastruktur und die in den Maschinen geronnene kollektive Intelligenz der demokratischen Kontrolle der Vielen zu unterstellen, statt der privaten Verwertung der Wenigen. Die künstliche Intelligenz enthält, wie jede große Produktivkraft, beide Möglichkeiten. Welche sich durchsetzt, entscheidet keine Rechenlogik. Das entscheiden wir.