Marx: Verfechter von Commons und Degrowth? FEDERICO CAPUTO / DEPOSITPHOTOS.COM
27 November

Marx: Verfechter von Commons und Degrowth?

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Marx: Verfechter von Commons und Degrowth?

Passend zu den wachsenden weltweiten Klimakatastrophen hat Kohei Saito, ein junger japanischer Philosoph, in einem Bestseller eine Neuinterpretation der Marxschen Theorie vorgelegt, die viele Diskussionen auslöste. Anhand des wissenschaftlichen Werdegangs von Marx trug er Belege dafür zusammen, dass Marx als Gegenmodell zum Kapitalismus in seinen späten Jahren Ansätze verfolgt hat, die man heute in der Tradition der Commons und von Degrowth verorten würde.

Von Peter Fleissner

Marx erfindet sich neu

Aus heutiger Sicht kritisiert Saito die ersten Hauptwerke des Marxismus als linear, eurozentristisch und produkti vistisch. Aber er bleibt dabei nicht stehen, sondern verfolgt das Denken von Marx weiter zu Positionen von Commons und einer stationären Wirtschaft bzw. Degrowth. An seinem Alterswerk schätzte Saito die Unterstützung eines nicht kapitalistischen Weges durch egalitäre und nachhaltige Gesellschaften der dritten Welt.

Nach Saitos Analyse entwickelten sich Marx’ ursprüngliche Ausfassungen vom Produktivismus im Lauf seines Lebens wesentlich weiter. Saito findet Indizien für den theoretischen Wandel des späten Marx, der »das unvollendete ›Kapital‹ als Theorie des Degrowth-Kommunismus« weitergeführt hätte.

Eurozentristische Anfänge

Marx selbst hat seine Analyse der Gesellschaft aus der Sicht einer linearen Geschichtsauffassung begonnen und sah zunächst den Kapitalismus als notwendiges Durchgangsstadium, bevor eine sozialistische Gesellschaft erreicht werden kann: »Das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eignen Zukunft.« (MEW 23: 11) Die Positionen im Kommunistischen Manifest und im ersten Band des Kapital gingen aus der Sicht von Europas Vorherrschaft in der Welt aus. Der Doyen der Postkolo­nialistenforschung, Edward Said, kritisiert Marx gar als »Orientalisten«, als Europäer, der Nichteuropäer als minderwertig und barbarisch ansieht. Es finden sich in Marx Schriften tatsächlich Belege, wonach er die britische Kolonialherrschaft rechtfertigte, dass sie für den historischen Fortschritt der Menschheit nötig gewesen wäre. Asiatische Gesellschaften seien an sich statisch, passiv, und besäßen überhaupt keine Geschichte, und er lobt quasi England, indem es, »welche Verbrechen es auch begangen haben mag, doch das unbewusste Werkzeug der Geschichte (war), indem es diese Revolution (der sozialen Verhältnisse in Indien) zuwege brachte.« (MEW 9: 131)

Dorfgemeinschaften als Ausgangspunkt

Marx blieb aber bei dieser Auffassung nicht stehen. Am deutlichsten tritt Marx’ Änderung seiner Ansichten in seinen letzten Lebensjahren hervor, als er an die russische Revolutionärin Vera Sassulitsch 1881 einen Brief schrieb. Im damaligen Russland existierten Agrardorfgemeinschaften (Mir). Marx stellte ihr gegenüber klar, dass seine historische Analyse im Kapital ausdrücklich auf die Länder Westeuropas beschränkt sei und es nicht nötig wäre, die russischen Dorfgemeinschaften zu zerstören. Sie seien vielmehr wichtige Stützpunkte im Widerstand gegen den Kapitalismus und eine Chance für die Verwirklichung des Kommunismus (MEW 19: 243). Und in seiner im Folgejahr veröffentlichten Vorrede zur zweiten russischen Ausgabe des Kommunistischen Manifests äußerte er sich wie folgt: »Wird die russische Revolution das Signal einer proletarischen Revolution im Westen, so dass beide einander ergänzen, so kann das jetzige russische Gemeineigentum am Boden zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung dienen.« (MEW 19: 296).

Ähnliche positive Einsichten verband er mit den asiatischen Dorfgemeinschaften und den germanischen Markgenossenschaften, wo der Grundbesitz Gemeingut war und die Produktionsmethoden strengen Regeln unterworfen waren. Verkauf von Land, aber auch Bauholz, Schweinen und Wein an Nichtmitglieder waren strengstens verboten. Durch diese Regeln konnte der Kreislauf der Bodennährstoffe erhalten und nachhaltiges Wirtschaften umgesetzt werden, oft verbunden mit einer größeren Bodenfruchtbarkeit. Der gemeinschaftliche Landbesitz schützte überdies vor willkürlichen Missbrauch. Marx lobte die Ackerbaugemeinschaft: »Dank der ihrem Prototyp entlehnten Wesenszüge wurde sie während des ganzen Mittelalters zum einzigen Hort der Volksfreiheit und des Volkslebens.« (MEW 19: 402) Marx sah in der egalitären und nachhaltigen Wirtschaft der Ackerbaugemeinschaften eine Eigenschaft, die für die Zukunft wertvoll wäre. Er sprach positiv von einer »Rückkehr der modernen Gesellschaft zu einer höheren Form des ›archaischen‹ Typus des kollektiven Eigentums und der kollektiven Produktion«. (MEW 19: 386)

Marx und Degrowth

Bisher wurden der Marxismus und Degrowth als gegensätzliche Entwicklungs­modelle gesehen. Die Ursache dafür: Degrowth als politisches Konzept wurde von Marx-Forscher*innen bisher abgelehnt. Dabei wird im Degrowth-Kommunismus die individualistische kapitalistische Produktion durch den »genossenschaftlichen Reichtum« ersetzt, der kollektiv verwaltet wird. Es handelt sich also – mit einem modernen Begriff wiedergegeben – um Commons (im Deutschen ähnlich der Allmende). Wie die Wirtschaftsnobelpreis trägerin von 2009, Elinor Ostrom, gezeigt hat, stellen sie einen ausbaufähigen Ansatz dar, gemeinsame Ressourcen über Jahrhunderte hinweg mittels selbstorganisierter Gruppen nachhaltig zu bewirtschaften.

Kritik am wissenschaftlichen Mainstream

Gleichzeitig mit der Umdeutung von Marxschen Überlegungen vertritt Saito im Buch seine Hauptthese: Grünes Wachstum wäre unmöglich. Es wäre Selbstbetrug, zu glauben, die Welt durch nachhaltigen Konsum vor der Klimakatastrophe retten zu können. Im Gegenteil: Nichts, was die Welt jetzt braucht, lässt sich innerhalb eines kapitalistischen Systems realisieren.

Auf 277 Seiten belegt Saito seine Meinung, indem er den Nachhaltigkeitsdiskurs der letzten Jahre aus seiner Sicht nacherzählt. Er kritisiert dabei Exponent*innen des wissenschaftlichen Mainstreams genauso wie die 17 Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (SDGs – Sustain able Development Goals) als Vehikel für die Aufrechterhaltung des Kapitalismus.

Als ein Beispiel für viele Expert*innen im Mainstream wählte Saito William D. Nordhaus aus, den Träger des Wirtschaftsnobelpreises von 2018. Dieser hatte 1991 die Probleme des Klimawandels in die Wirtschaftswissenschaften eingeführt, was zu den wenigen Ausnahmen in der Zunft zählte. Nordhaus sprach sich für die Einführung einer CO2-Emissionssteuer aus. Aber auch mit dieser würde die Durchschnittstemperatur der Erde bis 2100 um 3,5 Grad Celsius ansteigen. Demgegenüber legt das 2016 in Kraft getretene Pariser Übereinkommen fest, die Temperatur bis 2100 auf unter 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, besser noch auf unter 1,5 Grad. Ein Anstieg von 3,5 Grad würde vor allem die Entwicklungsländer Afrikas und Asiens in Katastrophen stürzen. Saito unterstellt Nordhaus, keine Rücksicht auf schwächere Mitglieder der Weltgemeinschaft zu nehmen und alles dem übergeordneten Wachstumsziel zu opfern. Dabei wäre die Welt bereits heute mit einem Temperaturanstieg von über 1,1 Grad konfrontiert. Wir könnten uns nicht mehr leisten, weitere Zeit zu vergeuden. Schon 2022 überschwemmten riesige Fluten in Pakistan ein Drittel des Staatsgebiets, während Dürren in Afrika zu Hungersnöten führten. Eine große Gefahr ist das Abschmelzen der Polkappen: New York und San Francisco könnten bis zur Jahrhundertwende unter Wasser stehen. Hunderten Millionen Menschen wird nichts anderes übrigbleiben als umzusiedeln.

Ursachen für die Umweltkrise

Eine der Ursachen für die Umweltkrise wäre unsere imperiale Lebensweise, die Ulrich Brand hellsichtig beschrieben hat. Eisen und Benzin für unsere Fahrzeuge, Baumwolle für unsere Kleidung, oder Rindfleisch: alles kommt von weit her. Ohne die ausgebeuteten Arbeitskräfte und die geplünderten Rohstoffe des globalen Südens wäre unser Leben im Wohlstand unmöglich. Eine Tragik sei damit verbunden: der globale Süden wäre von der Produktion und dem Konsum der imperialen Lebensweise abhängig geworden. Der nörd ­liche Kapitalismus lagert seine zusätzlichen Kosten auf verschiedene Arten aus. Er zieht dazu neue Technologien heran, oder er verschiebt die Belastungen zeitlich oder räumlich in die Peripherie. Wachstum kann dadurch im Zentrum ungehindert und sauber weiterhin vonstattengehen.

Eine Voraussetzung zur Überwindung der Klimakrise sieht Saito in der Abschaffung der »imperialen Produktionsweise«. Erst dadurch könnte es zum Ende der weitverbreiteten »imperiale Lebensweise« kommen.

Notwendigkeit und Freiheit

Saito verweist auf den von Marx formulierten Übergang vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit. Beim Reich der Notwendigkeit handelt es sich um die verschiedenen Arten der Produktion und des Konsums, die für das Überleben als notwendig angesehen werden. Das Reich der Freiheit steht dagegen für Tätigkeiten, die erforderlich sind, um menschenwürdig leben zu können, wie z. B. Kunst, Kultur, Freundschaft, Liebe oder Sport. Dieses Reich der Freiheit kann aber »nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn.« (MEW 25: 828) Am besten würden diese Tätigkeiten aus dem Reich der Freiheit durch freiwillige Selbstbeschränkung und Selbstbegrenzung erreicht, was im Gegensatz zur kapita­listischen Akkumulation steht und daher nicht leicht realisiert werden dürfte.

Auswege

Saito versucht nicht, ein eigenständiges Übergangsmodell zur Bekämpfung des Kapitalismus zu entwickeln. Stattdessen verweist er auf bereits existierende Graswurzelbewegungen in Städten auf der ganzen Welt, die wegen ihrem hohen Anteil an CO2-Emissionen eine besondere Verantwortung tragen. Er streicht dabei Barcelona mit seinem Netzwerk der »Fearless Cities« heraus. Deren Bürger*innen haben ein Manifest entwickelt, das einen Aktionsplan mit der quantitativen Zielvorgabe umfasst, bis 2050 Null CO2-Emissionen zu erreichen. Die Wege dazu sind die Begrünung des öffentlichen Raumes, Konsum lokal produzierter Nahrung und Energie, Ausbau der Öffis, Beschränkungen für Autos, Flugzeuge und Schiffe, Beseitigung der Energiearmut, Abfallverringerung und Recycling. Klar ist dabei die Absicht, die Bürger*innen zu schützen, anstatt auf weiteres Wirtschaftswachstum zu setzen.

Saito führt auch Initiativen in Amsterdam oder Paris an, wo die Anzahl der Tage reguliert wurde, für die eine Wohnung auf Airbnb vermietet werden darf, und verweist auf Grenoble, wo die Produkte multi­nationaler Großkonzerne aus den Schulkantinen verbannt wurden. Positiv sieht Saito Klimaversammlungen, Bürgerversammlungen mit zufällig ausgewählten Teilnehmer*innen, wie sie von der britischen Extinction Rebellion und den französischen Gelbwesten auf den Weg gebracht wurden. Saito vertraut darauf, dass, je weiter die Klimakrise voranschreitet, sich spontan neue Bewegungen bilden würden, die schließlich zu einem weltweiten Netzwerk zusammenwachsen.

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