Die Scham ist nicht vorbei Bärbel Danneberg BUCHCOVER : ANJA MEULENBELT, DIE SCHAM IST VORBEI. FRAUENOFFENSIVE

Die Scham ist nicht vorbei

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Die Scham ist nicht vorbei

Von verdrängten Gefühlen, Schamlosigkeit und stiller Scham. Von Bärbel Danneberg

Das Buch Die Scham ist vorbei avancierte zum Bestseller und hat Frauen aus dem konservativen Winterschlaf geweckt. Wie ein Brandbeschleuniger befeuerte die Autorin Anja Meulenbelt in den 1970er Jahren damit bei einer ganzen Frauengeneration die Einsicht, dass sie die konservativen Geschlechterrollen, die »einverleibten Normen, mit denen die Frauen sich selbst klein halten«, verinnerlicht hatten. Das Aufbegehren der 1968er-Kinder adressierte vor allem die verzopften Moralvorstellungen ihrer Eltern und empörte sich über die Amnesie eines Großteils der Bevölkerung gegenüber den Verbrechen des Nationalsozialismus und der Politik der kollektiven Zurichtung und Verdrängung. Aber schämen tun wir uns bis heute.

Geschlechterzeichen der Zeit

Selbstbestimmter Sex und das offene Reden darüber schockieren heute niemanden mehr, sondern sind mittlerweile Selbstverständlichkeit und Voraussetzung für mediale Auflagensteigerungen geworden. Dieses Korsett ist bis zur Schamlosigkeit aufgeschnürt. Ein Blick in soziale Medien entblößt den Konsum- und Verwertungscharakter weiblicher wie auch männlicher Körperbefindlichkeiten. Weitgehend geblieben sind Männernormen, Machtfragen und die Vergesslichkeit gegenüber vorangegangenen Emanzipationskämpfen. Und nicht selten reproduzieren Frauen wieder »einverleibte Normen« oder werden »selbst klein gehalten« – auch von ihren Geschlechtsgenossinnen.

Frauenministerin Susanne Raab hat zum Beispiel den Käthe Leichter-Staatspreis für Frauenforschung, Geschlechterforschung und Gleichstellung in der Arbeitswelt ersatz- wie schamlos gestrichen. Gleichzeitig wurden auch vier weitere, den einzelnen Bundesministerien zugeordnete Käthe Leichter-Preise in allgemeine Frauenpreise umgewandelt und die gesellschaftspolitische Intention damit unkenntlich gemacht. Die soziale Dimension der Frauenanliegen und die antifaschistische Erinnerungskultur sollen zum Schweigen gebracht werden. Alle Proteste des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands, von Arbeiterkammer und Gewerkschaft sowie von Fraueninitiativen und -organisationen blieben bislang von der ÖVP-Ministerin unbeachtet. Sie sprach vielmehr von »künstlicher Aufregung«.

Die international anerkannte Sozialwissenschaftlerin Käthe Leichter wurde aufgrund ihres Widerstands gegen die nationalsozialistischen Herrscher und als Jüdin am 17. März 1942 in der NS-Tötungsanstalt Bernburg ermordet. Frauenministerin Johanna Dohnal hatte 1991 in Erinnerung an diese Frau diesen Staatspreis eingeführt. Es war damals der »Beginn der neoliberalen Ära, die den Sozialstaat zum Auslaufmodell erklärte«, schreibt die Historikerin Brigitte Pellar. Mit dem Schwerpunkt Geschichte der Arbeitnehmer*innen-Interessenvertretungen war sie bis 2007 Leiterin des Instituts für Gewerkschafts- und AK-Geschichte in der AK Wien. Der Käthe Leichter-Staatspreis »kann als eines der Projekte gesehen werden, sich dem Mainstream-Trend der Gleichsetzung von ›freiem Markt‹ und Demokratie entgegenzustellen.« (awblog.at 19.12.2022)

Beschämend steigende Armut

Die Benennung von Staatspreisen nach Käthe Leichter signalisiert, dass hier Forschung ins Zentrum gerückt werden soll, die den gesellschaftlichen Zusammenhang im Auge behält. Irmgard Schmidleithner, als Gewerkschafterin wegen ihres besonderen Eintretens für Chancengleichheit, Gleichberechtigung und die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen vergangenes Jahr vor dessen Einstellung mit dem Käthe Leichter-Lebenswerkpreis ausgezeichnet, warnte bereits in den 1980er Jahren vor den negativen neoliberalen Erscheinungen der Thatcher-Ära und meinte, dass vor allem Alleinerzieherinnen die künftigen Armutsbetroffenen sein werden.

In feministischen Diskursen fand damals weniger die Ausbeutung weiblicher Arbeitskräfte in der Produktion Beachtung als vielmehr Diskussionen über Körperpolitiken, Differenztheorien oder berufliche Aufstiegsmöglichkeiten und die Frage, wie die Gläserne Decke ins Management oder zu Top-Jobs mit Gender Mainstreaming durchbrochen werden kann. Die weibliche Betroffenheitsskala changierte zwischen Hausfrauen, Müttern, Alleinerzieherinnen, weiblichen Werktätigen, insbesondere Teilzeitkräften, dem geringen Frauenanteil im Wissenschaftsbetrieb und der Teilhabe von Frauen in den Institutionen. Eine übereinstimmend gemeinsame Betroffenheit kam in der Frage Gewalt gegen Frauen sowie der viel kritisierten patriarchalen Werteskale des Sexismus zum Ausdruck und Frauen sagten dem männlichen Vorherrschafts-Prinzip und der Spaltung weiblicher Betroffenheiten in Haupt- und Nebenwidersprüche den Kampf an.

Käthe Leichter war von 1925 bis 1934 erste Leiterin der Frauenabteilung der Arbeiterkammer in Wien. Die Erkenntnis, dass zwischen der Emanzipation von Frauen und der Zunahme sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe eine untrennbare Verbindung besteht, war Richtschnur ihres wissenschaftlichen und politischen Engagements. Heute registrieren wir, wie brüchig diese Verbindung ist. Laut Armutskonferenz sind 568.000 Frauen in Österreich von Einkommensarmut betroffen. Die Armuts-Beschämung ist im Sozialsystem besonders groß. So groß, dass manche auf die ihnen zustehenden Unterstützungen verzichten. Der demütigende Bittgang auf Ämter oder zum Arbeitsmarktservice lässt das Selbstbewusstsein von Armutsbetroffenen gegen Null sinken. Schamlos hingegen beanspruchen manche Gutsituierte trotz gutem Auskommen mit ihrem Einkommen oder Steuervermeidungsstrategien staatliche Förderungen, wie die Corona-Hilfen gezeigt haben und sich in der Energiekrise fortsetzt: Die Energiekonzerne sind Gewinner*innen, während die armutsgefährdeten Haushalte nicht wissen, wie sie die steigenden Energiekosten stemmen sollen.

Betroffenheitsscham und Sorgearbeit

Einkommen und Armut zwischen Frauen und Männern sind in höherem Maße ungleich verteilt als in anderen, vergleichsweise ärmeren Ländern Europas. Die Abwärtsspirale dreht sich für Frauen schneller. Befeuert durch multiple Dauerkrisen verschärft sich auch die Gewaltspirale. Die Erkenntnis, dass diese Welt berechenbar endlich ist, bringt viele junge Menschen in Widerstand zur politischen Untätigkeit. Das eröffnet nach beschämenden Flüchtlingsdramen, Aufnahmeverweigerung von Erdbebenopfern, Coronakrise und Krieg ein weiteres Feld für Auseinandersetzungen. Bisher vertraute Solidaritätsmuster brechen auseinander, was die politisch Rechte bis tief hinein in den Mittelstand schamlos zu instrumentalisieren weiß. Strukturelle Gewalt produziert rasant tiefgreifende soziale Ungleichheiten, führt vor allem Frauen* in Armut und versperrt Auswege aus Gewaltbeziehungen. In Österreich steht jedes Jahr eine hohe Anzahl an Femiziden chronisch unter finanzierten Gewaltschutzeinrichtungen gegenüber. Eine nachhaltige Strategie gegen Gewalt an Frauen bedarf struktureller Veränderungen.

Die Frage, wo die Abwärtsspirale beginnt, ist wie jene nach Henne und Ei. Viele Frauen arbeiten prekär, beziehen trotz Erwerbsarbeit ein Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle, was sich mit Altersarmut rächt. Die Hälfte der Frauen arbeitet in Teilzeit. Grund dafür sind zu wenig gute Betreuungsplätze, lebensferne Familienideologien, wirtschaftliche Interessen. Sorgearbeit für Kinder oder Familienangehörige ist Frauensache. Zynismus gegenüber der Lebensrealität von Frauen zeigte ÖVP-Arbeitsmister Kocher mit seinem unverschämten Vorschlag, Familienleistungen für Menschen in Teilzeit zu kürzen. Die Begründung: Sie würden ja freiwillig Teilzeit arbeiten, und das müsste sanktioniert werden, weil es schlecht für die Wirtschaft sei. Eine solche Meinung spottet jeglicher schlecht entlohnter oder unbezahlter Care-Arbeit.

Die Scham ist nicht vorbei. Eine Freundin schämt sich, dass sie der Dauerbelastung durch die Pflege ihres todkranken Mannes nicht anders als mit Tränen standhält; eine andere Freundin schämt sich, dass sie nach der langen Betreuung ihres sterbenden Vaters seinen Tod nicht mit Tränen beantworten kann; eine alleinerziehende Mutter schämt sich, weil ihre Tränen der Wut sie vor der AMS-Angestellten hilflos machen; die Bekannte im Waldviertel schämt sich, weil sie wegen des knappen Haushaltbudgets putzen gehen muss und ihr Kind nicht zu Hause betreut; die Nachbarin weint und schämt sich für das blaue Auge. Und ich schäme mich als alte Frau, weil ich nach langer Berufstätigkeit finanziell recht und schlecht über die Teuerungsrunden komme im Gegensatz zu meinen prekär lebenden Kindern, denen ich finanziell etwas unter die Arme greife, was wiederum sie beschämt.

»Pantarhei«, alles fließt, wird dem griechischen Philosophen Heraklit zugeschrieben. Doch was nützen all die Tränen, wenn zweimal in denselben Fluss gestiegen wird, statt daraus einen Strom der Bewegung zu machen?

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Gelesen 1366 mal Letzte Änderung am Sonntag, 12 März 2023 09:25
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