Und anderer Falter-Geschichtsunterricht
von Karl Wimmler
Klaus Nüchtern belehrte uns am 23.3.2026 (Falter maily#2025) , was es mit dem Begriff „Eiserner Vorhang“ tatsächlich auf sich hatte: „Als Schöpfer des Begriffs gilt übrigens der mehrfach mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnete US-Reporter Herbert Bayard Swope. Dessen Freund Bernard Baruch, Berater von Präsident Roosevelt, hatte den Begriff im Juni 1947 erstmals öffentlich verwendet, ehe ihn der Publizist Walter Lippmann durch seine, im selben Jahr erschienene Schrift ‚The Cold War. A Study‘ populär machte.“ – Gut und schön. Aber nicht die ganze Wahrheit. Tatsächlich stammt der Begriff von Joseph Goebbels. In seinem Leitartikel vom 25. Februar 1945 für die Wochenzeitung Das Reich reagierte Goebbelsunter dem Titel „Das Jahr 2000“ direkt auf die Ergebnisse der Konferenz von Jalta und prophezeite darin mit dem Begriff „Eiserner Vorhang“ eine Teilung Europas.
Goebbels als Erfinder eines solchen Propagandabegriffs macht sich allerdings nicht gut. Also besser eine andere Erzählung. Diese untermauert der Falter-Redakteur Nüchtern durch eine weitere Story. Er reanimiert den Churchill zugeschriebenen Ausspruch „Wir haben das falsche Schwein geschlachtet“, der behauptet, es wäre besser gewesen, statt dem Nazireich die Sowjetunion zu besiegen. Wortreich widerlegt er Eulen nach Athen tragend Churchill als Urheber, um zugleich das historische Datum „5.März 1946“ achtzig Jahre später zu glorifizieren; damals bekräftigte Churchill „die Allianz des United Kingdom mit den USA“ und kündigte „jene mit der Sowjetunion unter Stalin“ auf. Das findet Nüchtern nicht nur bemerkenswert, sondern toll.
Nun gibt es allerdings Gründe, warum das „Falsche-Schwein-Zitat“ immer noch auftaucht: „Bald nach dem Kriegsende in Europa ließ der britische Premier Winston Churchill im Mai 1945 eine Studie erstellen, wie die sowjetische Rote Armee aus Mitteleuropa zurückgedrängt werden könnte. Der Deckname lautete: ‚Operation Unthinkable‘ “ Das stand so bereits am 24.3.2023 in der Zeitung „Die Welt“.[1] Schon ein Vierteljahrhundert davor wurden die dies beweisenden Papiere durch das Britische Nationalarchiv publiziert.[2] Die Großoffensive sollte am 1.Juli 1945 mit US-amerikanischen und wiederbewaffneten deutschen Streitkräften beginnen. Militärs rieten davon ab: Der daraus folgende Krieg wäre unkontrollierbar.
Solche Fakten interessieren einen Falter-Redakteur nicht. Das „falsche Schwein“ muss auf einem sowjetischen Mist gewachsen sein: „Das wirklich Schreckliche am Totalitarismus“, so zitiert er im selben Mail am 23.3. George Orwell aus einem Aufsatz vom Februar 1944, „besteht nicht darin, dass er Gräueltaten begeht, sondern darin, dass er das Konzept der objektiven Wahrheit vernichten will: Er geht davon aus, dass er die Vergangenheit genauso kontrollieren kann wie die Zukunft.“ Nun ist – bei allen Verdiensten Orwells – so ein Satz weder besonders originell, noch ist die „Kontrolle der Vergangenheit“ beschränkt auf einen „Totalitarismus“, was immer Hinz und Kunz darunter verstehen mögen. Die Oberhoheit über Vergangenheitserzählungen ist ein Grundprinzip aller Herrschaft. Wer wie das offizielle Deutschland den Nazi und Antisemiten Stauffenberg zur Ikone des antinazistischen Widerstands stilisiert, weiß, warum er so viele andere links liegen lässt und wozu das heute gut ist.
Allerdings entstammte das „Falsche Schwein-Zitat“ nicht der Propagandakiste der Sowjetunion, sondern dem Dunstkreis von Nazis und Ex-Nazis, die gegen Kriegsende (und danach) gerne mit den Westmächten gegen die Sowjetunion marschiert wären, was – dies nebenbei – auch dem Grafen Stauffenberg nicht fern gelegen wäre. Ähnlich dubios agiert der Falter-Redakteur Nüchtern, wenn er einige Wochen danach (Falter Nr.18/26, 29.4.2026) ein Buch zum Spanischen Bürgerkrieg zum Anlass für politische Verwirrungen nimmt; nicht jenes großartige, eben in der Wiener Edition Atelier erschienene „Egon Erwin Kisch. Der rasende Reporter im Spanischen Bürgerkrieg“, sondern das eines FAZ-Journalisten über Literatur zum Bürgerkrieg.
Aber er rezensiert das Buch nicht, sondern sucht nur passende Stichworte für seine eigenen Vorurteile. Orwell wollte er hier nicht zitieren: „Der Ausgang des Spanischen Krieges wurde in London, Paris, Rom und Berlin entschieden – jedenfalls nicht in Spanien. (…) Aber die herrschende Klasse [Großbritanniens] tat in der gemeinsten, feigsten und heuchlerischsten Weise alles, um Spanien an Franco und die Nazis auszuliefern. Warum? Die Antwort ist einfach – weil sie pro-faschistisch war.“[3] – Aber das geht beim Falter gar nicht. Stattdessen enthüllt Nüchtern schon zu Beginn: „Die Hoffnung auf die Einigkeit einer antifaschistischen Volksfront aber wurde zunichte und als Illusion entlarvt.“ Kamen die Geschwister Klaus und Erika Mann, Kinder des berühmten Thomas, zum Schluss, dass die „Meinungsverschiedenheiten zwischen Sozialisten und Anarchisten, zwischen Liberalen und Kommunisten“ zwar „gewiß nicht unwesentlich“ allerdings auch „nicht unüberwindlich“ gewesen seien, so weiß Nüchtern: „Schlimmer kann man gar nicht daneben liegen“. Denn da hätten sie natürlich „Stalins Schergen“ übersehen. Und er verhöhnt die internationale Mobilisierung der Internationalen Brigaden als „Hoch die in- ter-na-tionale Soli-dari-tät!“-Geplärr, natürlich ohne die Erwähnung, wer zur Bildung dieser Brigaden aufgerufen hatte, die Kommunistischen Internationale.
Wer so auf die Geschichte schaut, der muss letztlich auch über Picasso den Stab brechen, weil dessen Monumentalgemälde über die Abscheulichkeit der Bombardierung Guernicas durch die Legion Condor „ein bisschen geschmäcklerisch anmutet“. – Bobo-Historiographie vom Feinsten.
[1] https://www.welt.de/geschichte/article244456818/Operation-Unthinkable-Churchills-Idee-eines-Krieges-gegen-Stalin-1945.html
[2] Siehe Bob Fenton: The secret strategy to launch attack on Red Army, The Telegraph, Issue 1124, 1 October 1998 und Jonathan Walker: Operation Unthinkable – Churchill’s plans to invade the Soviet Union, online unter https://www.thehistorypress.co.uk/articles/operation-unthinkable-churchill-s-plans-to-invade-the-soviet-union/. Abbildungen der Originaldokumente online unter: https://www.nationalarchives.gov.uk/education/resources/cold-war-on-file/operation-unthinkable/.
[3] Rückblick auf den Spanischen Krieg, geschrieben 1942, erste vollständige Veröffentlichung in Such, Such Were the Joys 1953; dt.: Orwell, Die Rache ist sauer, Zürich 1975, S.30f. Siehe dazu auch den Abschnitt „Die Verballhornung der Appeasementpolitik“ in meinem Buch „Nach Odessa“, Graz 2024, S.61-67