Von Carina Karner
“I, the communal mind of a score of galaxies, seemed now to myself to be the abortive and crippled mind of the cosmos itself.”
Olaf Stapledon, Star Maker (1937)
Keine Technologie ist in den letzten Jahren so stark in unser Leben eingedrungen wie Künstliche Intelligenz.
Durch das Aufkommen der Chatbots verwenden viele von uns zumindest Teile dieser neuen Technolgie regelmäßig. In unseren Bürojobs schreiben wir nun Texte mit Chat Gpt, als Student*innen reichen wir unsere zu spät angefangen Essays voller KI-Passagen ein und manche von uns beantworten sogar E-Mails damit, wobei man da immer aufpassen muss, dass man nicht die erste Zeile – “hier ist was ich schreiben würde” – mitkopiert. Viele meiner Kolleg:innen im Tech-Sektor schreiben nicht mal mehr eine Codezeile selbst; sie sagen, die Maschine sei besser und schneller als sie, trotz jahrelanger Erfahrung.
Diese neue Technologie reicht aber auch bis in unseren Alltag hinein und geht durch alle Bevölkerungs- und Altersschichten durch. Erst letztens hat meine Mama, eine pensionierte Putzfrau, ihr Wohnzimmer mit der Hilfe von KI eingerichtet, während ein guter Freund von mir seine Beziehungsprobleme mit Chat Gpt bespricht.
Indem wir mit der KI durch ein Messenger-Fenster kommunizieren, sprechen uns die Chatbots auf eine sehr niederschwellige und fast schon intime Art an: Sie sind dabei nicht nur persönliche kleine Helferchen, die uns mühsame Teile unserer Arbeit abnehmen, nein, es gibt auch eine starke emotionale Komponente: Sie werden mehr und mehr zu Vertrauten vieler Menschen, man kann ihnen peinliche Fragen stellen kann, die dennoch unvoreingenommen und tröstend behandelt werden.
Die Illusion, dass wir einen Menschen am anderen Ende der Leitung haben, ist fast perfekt. Das ist kein Zufall, ist es doch so, dass diese Chatbots auf menschlichen Texten trainiert wurden, im Prinzip mit allem was von uns in den letzten 30 Jahren im Internet gelandet ist: In Foren und wissenschaftlichen Publikationen, auf Wikipedia und Social Media Feeds, und auch den digitalisierten Büchern der Weltliteratur.
In gewisser, vereinfachter Weise kann man die Maschine also wie ein kollektives “Bewusstsein” der digitalisierten Weltgemeinschaft betrachten. Wie in “Star Maker” von Olaf Stapeldon, wo ein namenloser Protagonist seinen Körper verlässt und durch das Universum reist, wo er verschiedenen intelligenten Spezies begegnet. Er kann sich mit einigen davon geistig verbinden. So wird aus seinem Bewusstsein nach und nach ein kollektives Gruppenbewusstsein.
Mit dem Chatfenster offen, können wir nun jederzeit die Ressourcen dieses Gruppenbewusstsein, dass in gewisser Weise von uns allen, die sind und waren, gespeist wurde, anzapfen. Was für ein Potenzial darin liegt, verstehen wir intuitiv. Es regt zum Träumen darüber an, was alles möglich ist, wenn sich die Menschen mit einer Superintelligenz verbinden können, die so viel schneller Fakten herausfinden, interpretieren und neu kombinieren kann wie wir Menschen.
In dem Essay “Machines of Loving Grace” aus 2024 schreibt Dario Amodei, der Chef der im Moment wohl erfolgreichsten KI-Firma Anthropic, dass die Zusammenarbeit verschiedener KIs wie “ ein Land voller Genies” sei und es diesen Künstlichen Intelligenzen bald gelingen werde, Krankheiten wie Krebs, Alzheimer und Parkinson zu besiegen.
In diesen Vorstellungen von Superintelligenz steckt zweifellos einiges an magischem Denken: Den Maschinen wird eine beinahe gottgleiche Problemlösungsfähigkeit zugeschrieben.
Was sich allerdings schon abzeichnet, ist, dass die KI eine beträchtliche Produktivkraft hat, die uns als Gesellschaft nützlich sein kann, sei es bei tatsächlichen Fortschritten in der Medizin oder bei der Möglichkeit, die Arbeitszeit bei gleicher Produktivität zu verkürzen.
In der kapitalistischen Verwertung wird diese neue Technologie in den Dienst der Profitmaximierung gestellt. Die vielen Milliarden, die in die Entwicklung und Erhaltung der KI-Infrastruktur fließen, müssen erwirtschaftet werden. Das Geschäftsmodell, auf das die KI-Unternehmen dabei setzen, ist, die KI zur Einsparung menschlicher Arbeitskraft zu verkaufen.
Amodei formuliert dabei unverblümt: „AI isn’t a substitute for specific human jobs but rather a general labor substitute for humans.” Anthropics Zahlen sprechen dafür, dass die Masche aufgeht. Mittlerweile kommen 77 % des Umsatzes von Anthropic von Firmenkunden, auch wenn die KI hier vor allem (noch) als Unterstützung der Arbeiter:innen, denn als Ersatz eingesetzt wird. Die befürchtete Massenarbeitslosigkeit ist bis jetzt ausgeblieben. Die Angst ist groß, dass es noch dazu kommen könnte.
Dazu kommt, dass sich sowohl die Infrastruktur als auch das Know-how dieser Technologie derzeit stark konzentrieren. Nur eine Handvoll, vor allem US-amerikanischer KI-Konzerne, verfügt über die finanziellen und technischen Ressourcen, um die leistungsfähigsten Systeme zu entwickeln und zu betreiben.
Diese ökonomische Konzentration, verbunden mit der offensiven Bewerbung von KI als Arbeitskraftersatz, erklärt auch, warum sich der Widerstand gegen KI häuft.
Er zeigt sich etwa in Protesten gegen neue Rechenzentren – nicht zuletzt auch in Österreich –, in Arbeitskämpfen wie jenem der TikTok-Beschäftigten in Berlin, die 2025 gegen den geplanten Ersatz von rund 150 Stellen durch KI streikten, oder wenn Absolvent:innen der University of Central Florida eine Festrednerin ausbuhen, als diese verkündet, Künstliche Intelligenz sei die nächste industrielle Revolution.
Doch vor dieser zunehmend von Protesten und Buhrufen begleiteten Weltbühne behaupten CEOs und Fürsprecher dieser Firmen weiter, dass man den Fortschritt nicht aufhalten kann; es liege gewissermaßen in der Natur des Fortschritts, immer weiterzugehen. Und wenn das bedeute, dass ein großer Teil der Arbeiter:innen seine Jobs verliert, müsse man sich diesem Prozess eben anpassen.
Dieses Verständnis von Fortschritt ist nicht neu. Schon Walter Benjamin kritisierte in seinen Thesen Über den Begriff der Geschichte (1940) die Vorstellung eines „Fortschritts des Menschengeschlechts“, der unabschließbar und unaufhaltsam eine „homogene und leere Zeit“ durchläuft.
Ein solches Geschichtsbild lässt gesellschaftliche Entwicklungen wie einen beinahe naturgesetzlichen Prozess erscheinen. Es verdeckt, dass Geschichte von handelnden Akteur:innen, politischen Konflikten und materiellen Interessen gemacht wird – und dass auch das, was eine Epoche für Fortschritt hält, von ihren herrschenden Vorstellungen geprägt ist.
Im Fall der KI ist diese dominierende Vorstellung von Fortschritt stark durch die Kultur des Silicon Valley geprägt – ein Amalgam aus industriellem Fortschrittsoptimismus, amerikanischen Frontier-Mythos und der technokratischen Vorstellung, technische Entwicklung gebe die Richtung vor.
Im Moment wird dort das KI-Zeitalter gerne mit der industriellen Revolution verglichen. Fast apologetisch heißt es: Ja, technischer Fortschritt zerstöre Berufe und Lebensweisen, steigere aber letztlich die Produktivität und führe zu allgemeinem Wohlstand. Was diese Erzählung unterschlägt, ist, dass auch die gesellschaftlichen Errungenschaften der Industrialisierung nicht automatisch aus der neuen Technik folgten, sondern politisch erkämpft wurden, denn: Höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten oder soziale Absicherung sind die Ergebnisse von langwierigen Klassenkämpfen.
Gerade deshalb ist auch heute nicht vorgegeben, welche gesellschaftlichen Folgen technologischer Fortschritt haben muss. Um, mit Benjamin gesprochen, aus dem Kontinuum dieses vermeintlich zwangsläufigen Fortschritts herausspringen, müssen wir uns zunächst von der Vorstellung lösen, der gegenwärtige Einsatz von KI sei bereits in der Technologie selbst angelegt. Stattdessen müssen wir fragen, wem diese Technologie gehört, wer über ihren Einsatz entscheidet und welchen gesellschaftlichen Zwecken sie dienen soll.
Das beginnt bei der materiellen Infrastruktur. Im Moment befinden sich die leistungsfähigsten KI-Systeme und ein großer Teil der dafür notwendigen Rechenkapazitäten in den Händen weniger Konzerne. Angesichts der Milliarden, die in Rechenzentren und das Training immer größerer Modelle fließen, kann diese Konzentration beinahe naturgegeben erscheinen. Doch sie ist es nicht. Kleinere und frei verfügbare Modelle zeigen schon heute, dass leistungsfähige KI nicht zwangsläufig an die Infrastruktur der größten US-Konzerne gebunden sein muss.
Damit eröffnet sich zumindest die Möglichkeit einer anderen Eigentumsstruktur: Staaten, Universitäten, öffentliche Einrichtungen oder genossenschaftlich organisierte Strukturen könnten eigene KI-Infrastrukturen betreiben und gesellschaftlich kontrollieren. Das klingt zunächst nicht besonders revolutionär – und ist es für sich genommen auch nicht. Aber es würde die Macht jener wenigen Unternehmen beschneiden, die heute die Modelle nicht nur besitzen, sondern auch wesentlich bestimmen können, wofür diese Technologie entwickelt und eingesetzt wird.
Natürlich löst eine öffentlich oder dezentral organisierte KI den grundlegenden Konflikt noch nicht. Auch eine demokratisch kontrollierte KI kann dazu eingesetzt werden, Arbeitskraft einzusparen und die dadurch entstehenden Gewinne ungleich zu verteilen. An diesem Punkt beginnt wieder der Kampf um Arbeitszeit, Eigentum und darum, wem die steigende Produktivität zugutekommt.
Dieser Arbeitskampf hat schon begonnen, sei es in den Protesten gegen Rechenzentren, dem Streik der TikTok Beschäftigten oder sogar den Buhrufen jener Studierenden, denen erklärt wurde, sie müssten sich eben an die nächste industrielle Revolution anpassen.
Es liegt nun an uns allen, diesen Kampf weiterzutragen und dabei diese Technologie zu einer Technologie für jene Menschen zu machen, aus deren kollektiven Wissen und Erfahrungen sie sich ursprünglich gespeist hat.