„Es gibt zwei gegensätzliche Japan: das Japan der Kunst, des Ahnenkults und auf der anderen Seite das Japan des Polizeistaats und des Militarismus. Das eine ist Anmut und Schönheit, das andere ist Hässlichkeit und Dummheit.“ Dieses Zitat stammt aus den Aufzeichnungen des Schweizer Diplomaten Camille Gorgé, der von 1940 bis 1945 Schweizer Botschafter in Japan war und als Vertreter eines neutralen Staates eine einzigartige Perspektive auf die Ereignisse in Japan hatte. Doch wie sieht es mit den beiden Japan heute aus, und wie manifestieren sie sich in der Gedenkkultur?
Von Jonas Kraft
Das Hiroshima Friedensmuseum und Gedenkstätte
Der heutige Hiroshima Friedenspark war in den 20er und 30er Jahren ein beliebtes und belebtes Geschäftsviertel, auf einer Insel nicht weit von der Burg und dem alten Stadtzentrum gelegen. Die Atombombe, die am 6. August 1945 abgeworfen wurde, zerstörte die Holz- und Ziegelgebäude in der unmittelbaren Umgebung des Hypozentrums vollkommen. Lediglich zwei moderne Stahlbetonkonstruktionen überstanden die Druckwelle, die Ruinen einer davon sind als „Atombombenkuppel“ ein bekanntes Fotomotiv und Symbol für die atomare Zerstörung.
1954 entschloss die Stadt sich, die leere Fläche in einen Gedächtnispark umzuwandeln, dessen Herzstück das ein Jahr später eröffnete Friedensmuseum ist. Mit etwa einer Million Besuchern pro Jahr zählt es zu den wichtigsten Gedenkstätten Japans und kann als Aushängeschild der staatlich organisierten Gedenkkultur betrachtet werden.
Beim Betreten des Museums kommt man nach der Eingangshalle über einen langen dunklen Korridor in den Westflügel, der ebenfalls abgedunkelt ist. Nur die Ausstellungsstücke sind beleuchtet, manche in Schaukästen, manche auf Podesten. Es sind persönliche Gegenstände oder Fotos von Bombenopfern, kombiniert mit Beschreibungen oder Zitaten und Erzählungen ihrer Schicksale. Die Ausstellung ist chronologisch angeordnet, sie geht von den unmittelbaren Zerstörungen über die Tage danach zu den gesundheitlichen Langzeitschäden der Überlebenden. Sie ist ausgezeichnet gestaltet und auf maximalen emotionalen Effekt bei den Besuchern ausgerichtet.
Es fehlt aber jegliche Kontextualisierung: wenn über die toten 13-jährigen Schulkinder gesprochen wird, die zum Zeitpunkt der Detonation damit beschäftigt waren, Brandschneisen in die Stadt zu schlagen, da Hiroshima bis dahin keinen größeren Luftangriffen ausgesetzt war, wird mit keinem einzigen Wort Kritik an einem Regime geübt, das 13-jährige zum Militärdienst in einem längst verlorenen Krieg einzieht. Wenn über koreanische Opfer der Bombe gesprochen wird – unter der Überschrift „Atombomben kennen keine Nationalitäten“ – wird nicht erwähnt, dass tausende Koreaner nur deshalb in Hiroshima waren, weil sie zur Zwangsarbeit in den Rüstungsbetrieben verschleppt wurden. Wenn von dem Krieg die Rede ist, wird ausgeblendet, wer ihn begonnen hat und für die Ermordung von vielen Millionen Zivilisten in ganz Asien verantwortlich ist; das Thema wird behandelt, als ob Kriege eine unvermeidbare Naturkatastrophe wären, die halt dann und wann passieren.
Nach diesem älteren Teil der Ausstellung kommt man in den Ostflügel, der in den 90er Jahren abgeteilt wurde. Zuerst gibt es einige Seitenräume mit Bildschirmen, auf denen Atombombenopfer ihre Geschichten in Videoform erzählen, dann folgt zumindest in kleinen Teilen der Kontext: Schaukästen über die historische Entwicklung der Stadt Hiroshima, das Manhattan Project und wie Präsident Truman sich dazu entschloss, den Atombombenabwurf zu genehmigen, die Verbreitung von Atomwaffen und der Versuch, sie international einzudämmen, Atomtests und die dadurch hervorgerufenen Langzeitschäden. Aber auch hier fehlen die japanischen Kriegsverbrechen wie das Massaker von Nanking, bei dem die japanische Armee nach der Einnahme der damaligen Hauptstadt über 300.000 ZivilistInnen ermordete, vollständig, lediglich einmal ist ganz klein im Text ein Hinweis auf die japanische Invasion Chinas zu lesen.
Insgesamt entspricht das Museum damit der Linie des offiziellen Japans, das zwar auf dem Papier pazifistisch ist und sehr gerne betont, gegen Krieg im Allgemeinen zu sein, den zweiten Weltkrieg aber nur dann verurteilt oder bereut, wenn es um die japanischen Opfer geht. Sogar das Mahnmal hinter dem Museum im Park, auf dem der Satz „Ruhet in Frieden, wir werden den Fehler nicht wiederholen“ wurde von den japanischen Rechten kritisiert und sogar mutwillig beschädigt, da sie jede Form des Schuldeingeständnisses als Vaterlandsverrat bezeichnen. Doch nicht alle Gedenkstätten sind ganz auf dieser Linie.
Okunoshima Giftgas Museum
Okunoshima ist eine kleine Insel im japanischen Binnenmeer zwischen den Hauptinseln Honshu und Kyushu. Bis in die Neuzeit war sie von ein paar Familien besiedelt, die hauptsächlich vom Fischfang lebten. Während der Modernisierungs- und Industrialisierungspolitik in der Meiji-Ära errichtete der Staat eine Fischkonservenfabrik, um die lokale Wirtschaft voranzutreiben. Im Russisch-Japanischen Krieg (1904-1905) installierte das Militär einige Geschützstellungen, da sie damit die Meerengen gegen potentielle russische Kriegsschiffe verteidigen wollten. Ein solcher Angriff kam allerdings nie zustande. 1925 übernahm das japanische Militär die Insel als Ganzes, vertrieb die Zivilbevölkerung und erklärte sie zum Staatsgeheimnis. Sie wurde von allen Seekarten gestrichen und sogar einige Leuchttürme auf Nachbarinseln versetzt. Der Standort – weit weg von Tokyo, abgelegen und leicht abzuriegeln – war perfekt dafür geeignet, Giftgas zu produzieren und zu lagern, also wurde die Konservenfabrik zur Chemiefabrik umfunktioniert und mit der Produktion von Senfgas und verschiedenen Tränengasen begonnen. Im Laufe des zweiten Weltkriegs wurden ausgebildete Arbeitskräfte rar, also zog die Militärführung Studenten und Koreaner zur Zwangsarbeit ein. Nachdem sie keine entsprechende Ausbildung hatten, waren Arbeitsunfälle an der Tagesordnung – Hunderte starben, Tausende trugen lebenslange Gesundheitsschäden davon. Nach Kriegsende 1945 wurden die Produktionsanlagen von den alliierten Besatzungstruppen gesprengt und verbleibende Gasbestände verbrannt oder im Meer versenkt.
Heute ist Okunoshima ein beliebtes Ausflugsziel, allerdings aus giftgasfreien Gründen. Die Inselkette, zu der sie gehört, ist ein Nationalpark, und auf ihr befinden sich wunderschöne Strände, ein Campingplatz, ein Hotel und Sportanlagen. Die Hauptattraktion aber sind die freilaufenden Kaninchen, die überhaupt nicht scheu sind und von Besuchern gerne gefüttert werden. Die Ruinen der militärischen Einrichtungen sind sichtbar, aber aus Sicherheitsgründen nicht betretbar. Gegenüber des Nationalpark-Besucherzentrums ist das Okunoshima Giftgas Museum, ein kleiner Ziegelbau. Im Gegensatz zum Hiroshima Friedensmuseum ist es kein staatliches Projekt, sondern wurde 1988 von privaten Initiativen der Geschädigten der katastrophalen Arbeitsbedingungen und ihrer behandelnden Ärzte, wie z.B. Masato Yukutake (1934-2004), einem Spezialisten für die Behandlung von Chemiewaffenfolgen, gegründet.
Das Museum enthält nur zwei Räume, einer für die Ausstellungsstücke und der andere ein Hörsaal, in dem Schülergruppen über die schreckliche Geschichte der Anlage erfahren können. Es werden ebenso Bilder von Giftgasopfern aus jüngeren Kriegen wie dem Iran-Irak-Krieg gezeigt. Zu den Ausstellungsstücken gehören unter anderem ein Exemplar der vollkommen unzureichenden Schutzausrüstung, die den Arbeitern zur Verfügung gestellt wurde, Propaganda und Dokumente, sowie historische Fotos. Die Begleittexte betonen, dass die Leidtragenden des Militarismus nicht nur die „Feinde“ sind, sondern auch die eigenen Leute, die für Kriegszwecke gleichermaßen an der Front wie in der Waffenproduktion verheizt werden. Mehrmals wird erwähnt, wie schlecht die Arbeiter und Fachleute von der Militärführung behandelt wurden und wie Verletzungen und sogar Todesfälle in Kauf genommen wurden. Auch Verantwortung für den Einsatz von Chemiewaffen gegen Zivilisten in China wird eingestanden.
Fazit
Die beiden Japan sind immer noch da, sie haben nur ihre Form verändert – das offizielle Japan, welches bis heute aus den gleichen Familien und Schichten besteht, die das Land in Militarismus und Faschismus geführt haben, und sich nach 1945 mit den Amerikanern arrangiert haben, um an der Macht zu bleiben, und das eigentliche Japan der einfachen Menschen, die in Fabrik und Schützengraben gelitten haben und die am eigenen Körper erfahren haben, warum um „Nie wieder Krieg, Nie wieder Faschismus“ kein Weg herum führt. Solange die beiden Japan ihre Widersprüche nicht lösen können, werden sie in ihrer Vergangenheit gefangen bleiben. Eine Situation, die uns vielleicht bekannt vorkommt?