Mischkulanzen

Mit einem Straßenfest feierte der »Verein FreundInnen des Oskar Grossmannhof« das 100jährige Bestehen dieses Wiener Gemeindebaus. Bärbel Danneberg Gespräch mit Katharina Erich, der Obfrau des Vereins und Initiatorin.

Bärbel Danneberg: Wie bist du dazu gekommen, dich auf dieses Projekt einzulassen? Bist du Bewohnerin dort?

Katharina Erich: Ich wohne seit fünf Jahren im Grossmannhof. Ich mochte von Anfang an die Architektur des Gebäudes und war mit einigen meiner Nachbarn besorgt um dessen Zustand. Die Renovierung war nach einer ersten Phase in Stillstand geraten und wir fragten uns, wie es weitergeht. Drei Jahre lang stand ein Gerüst, das unverrichteter Dinge wieder abgebaut wurde. 


Unsere Absicht war es, dem Haus und dessen Bewohner:innen Aufmerksamkeit zu schenken. Vor ein paar Monaten, lang nachdem wir unsere Veranstaltung angekündigt hatten, begann die rasante zweite Phase der Renovierung. Und genau zu diesem Zeitpunkt brach ein Brand am Dach aus, bei dem außer dem Schrecken zum Glück niemand zu Schaden kam. Der Grossmannhof bekommt somit die doppelte Aufmerksamkeit. 

BD: International werden die Gemeindebauten des Roten Wien als Vorzeigeprojekte des gemeinschaftlichen Zusammenlebens gelobt. Was macht den Charme dieser Anlagen aus?

KE: Als der Wiener Bürgermeister Karl Seitz am 1. August 1926 den Wohnbau mit 88 Wohneinheiten in der Denisgasse 39-41 eröffnete und an seine Bewohner:innen übergab, war sein Wunsch für die nächste Generation, dass sie »glücklichere Menschen werden als wir«. In der Architektur des Roten Wien spiegelte sich der Kampf um soziale Gerechtigkeit, emanzipatorische Bildung, um ein würdevolles, selbstbestimmtes Leben der Menschen wider. Es ging der Stadtregierung darum, den nächsten Generationen ein »besseres Leben zu zimmern«. Damals herrschte soziales Elend in der Brigittenau, ganze Familien lebten in den kleinen Wohnungen und teilten sich die Betten. 

Der Charme der Anlage ist in der Architektur erkennbar, zahlreiche Details entzücken mich täglich. Die Wohnungen sind klein und leben bis heute in einer hohen Qualität. Jede Bewohner:in richtet sich unterschiedlich ein und das Haus hält das aus, seit 100 Jahren.

Zum heutigen Zusammenleben kann ich am besten anhand der geplanten 100-Jahr-Feier berichten. Am 1. August 2025, also ein Jahr vor dem Fest, haben wir in jeden Postkasten
eine Einladung zu einer Informationsveranstaltung alle Bewohner:innen in den Hof eingeladen. Wir stellten einen Tisch mit Knabbereien und Getränken auf. Es kamen tröpfchenweise Bewohner:innen, immerhin etwa 30 Personen von 82 Wohnungen. Viele sind Singlewohnungen, der Kontakt untereinander ist eher wenig. Einladungen dieser Art haben danach öfters stattgefunden, die Besucher:innen wurden nicht zahlreicher. Ich sprach Personen an, die vorbeischleichen wollten. Viele stellten sich auch vor die Kamera und reagierten sehr offen und neugierig auf Freundlichkeit.  

Ich nenne die Feier mittlerweile einen Versuch der Gemeinschaft.  

BD: Der Wiener Gemeindebau ist in Verruf geraten: zu wenig schick, zu viele AusländerInnen, zu wenig gewinnbringend. Wie ist das Gemeinschaftsleben im Grossmannhof?

KE: Im Grossmannhof leben Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Mischkulanzen eben – eine besondere Mischung verschiedener Einflüsse – so wie es schon immer war in der Brigittenau, in Wien.
Im Juli 1938 mussten Mieter:innen mit der Begründung »nicht Arier« innert zwei Wochen ihre Wohnung verlassen. Delogiert aus Denisgasse 39-41, starben einige im Konzentrationslager.  Wir wollen Ihrer gedenken – nie vergessen.

Heute leben im Grossmannhof: der echte Wiener, Kroaten, Slowenen, Serben, Syrer, Armenier, Türken, Afrikaner, Rumänen, Ägypter, Russen, Pakistani etc.  und -:innen.
Wir feiern das Haus, erzählen die Geschichte, feiern die Mischkulanz mit Musik und Speis und Trank.



Das Straßenfest ist bewilligt, die Förderungen sind erfolgt (mit Absagen), der Grossmannhof wird sich im eleganten Schleier präsentieren, die Baufirma Sedlak unterstützt uns mit Sachleistung, auch die fleißigen Bauarbeiter sind eingeladen.    

BD: Der Namensgeber des Grossmannhofes war ein Kommunist und Widerstandskämpfer gegen die NS-Herrschaft. Was weiß man über ihn? 

 
KE: Im Eingang vom Grossmannhof steht die Gedenktafel »Oskar Grossmann – Freiheitskämpfer«. Er war Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

Oskar Grossmann ist 1903 in Teplice geboren und hatte im Laufe seines Lebens mehrere Pseudonyme, nannte sich »Alexander Schönau« (nach Teplitz-Schönau) oder »Lucien«. Er war schon früh beim Kommunistischen Jugendverband, Delegierter im Arbeiterrat der Brigittenau, wohnte in der Traunfelsgasse und arbeitet hauptberuflich als Postangestellter. In den 1930er Jahren schloss er sich der KPÖ an und wurde Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ. Er war Redakteur der »Roten Fahne«, publizierte in zahlreichen Zeitschriften, war unter anderem Vertreter auf dem 7. Weltkongress der Komintern.

 
[Box]»Er war kein Journalist im üblichen Sinne, er war auch als Publizist ein leidenschaftlicher Kämpfer der Befreiungsbewegung des österreichischen Volkes. Den Arbeiter-Lesern in den komplizierten Zusammenhängen der Politik und Wirtschaft des bürgerlichen Staates den sicheren Kompaß des Marxismus-Leninismus anwenden zu lehren, darin sah Oskar Grossmann seine besondere Aufgabe in der Presse.« 

Oskar Grossmann muss 1934 fliehen, zuerst in die Tschechoslowakei und 1938 weiter nach Frankreich-Paris, wo er zunächst Mitarbeiter der Emigrantenschrift »Nouvelles d’Autriche« wurde und sich nach der Besetzung des Landes einer Widerstandsbewegung anschloss.

Seine Lebensgefährtin war die Wiener Exilantin Selma Steinmetz, mit der er politisch zusammenarbeitet.

Bei einer Partisanenaktion in einem Vorort von Lyon wurde Grossmann 1944 schwer verletzt, von der Gestapo in einem Krankenhaus entdeckt und zu Tode gefoltert.

BD: Du bist auch für das tolle Programm des Straßenfestes verantwortlich. War es schwer, die Auswahl zu treffen?

KE: Die Personen die auf dem Podium sprechen sind Personen mit Bezug zum Grossmannhof, die ich im Laufe der Planung kennengelernt habe: Historiker, Wissenschaftler, Museumsleiter, Verleger die sich an der Publikation »100 Jahre Grossmannhof & 82 Mischkulanzen« beteiligten. Die Zusagen, nicht nur im Buch, sondern auch auf dem Podium zu sprechen, haben mich sehr gefreut.
Mit wertvoller Beratung aus der Brigittenau und bekannten Musikern konnte ich eine tolle musikalische Mischkulanz zusammenstellen. Die erste Zusage bekam ich von Robert Rotifer, der mit seiner Gitarre auftreten wird – seine Zusage gab mir Aufwind. Zahlreiche weitere Musiker:innen treten auf – vom Wiener Lied, zum Gesang, zu afrikanischem Balafon und armenischem Duduk.