„Die Frauen und ihr Schicksal beschäftigen mich ein Leben lang“

von Antonia Zarth

Revolutionärin, Schriftstellerin, Diplomatin, Feministin – es gibt keinen singulären Begriff, der dem vielfältigen aktivistischen Wirken der Kommunistin Alexandra Kollontai gerecht wird. Ein Rückblick auf die erste Ministerin und Botschafterin der Welt. Von Antonia Zarth

Eine unermüdliche Für-sprecherin für die Rechte der Frauen – das war Alexandra Kollontai im wahrsten Sinne des Wortes. Denn sie gab den vielen weniger Behüteten stellvertretend eine Stimme und nutzte ihre höhere Stellung, um auf jene aufmerksam zu machen, die einen niedrigeren gesellschaftlichen Status hatten. Am 31. März 1872 wird sie als Tochter einer finnischen Mutter und eines adeligen Generals in Sankt Petersburg geboren. Ihrem Stand entsprechend genießt sie alle Annehmlichkeiten der Oberschicht, unter anderem eine hervorragende Schulbildung durch eine Privatlehrerin. Doch diese setzt ihr keine Scheuklappen auf oder erzieht sie dazu, die Gesellschaft stets von einem Elfenbeinturm herab zu betrachten. Im Gegenteil – Alexandra Kollontais Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit wird maßgeblich durch ihre Gouvernante geprägt. Mitunter gilt der Besuch einer Textilfabrik 1896 als augenöffnend und wegweisend für die junge Frau, die dort sieht, wie unwürdig und ausbeuterisch die Arbeitsbedingung besonders in der Anfangsphase der Industrialisierung sind. Ihre ihr in die Wiege gelegten Privilegien nutzt sie in dieser Zeit nicht wie von ihren Eltern und der gehobenen Gesellschaft intendiert – um eine gute Partie zu machen und sich auf einem durch Heirat gesicherten Vermögen auszuruhen. Stattdessen heiratet sie 1893 sehr zum Missfallen ihrer Eltern ihren mittellosen Cousin Wladimir, von dem sie 1894 einen Sohn zur Welt bringt. Doch die Ehe scheint eher ein kurzes Intermezzo in Kollontais Biographie darzustellen. Nach fünf Jahren Ehe zieht Kollontai eine Bilanz, die eine Frau zeigt, die trotz Zuneigung mehr wollte: „Wir haben uns getrennt, obgleich wir uns liebten. Aber ich fühlte mich eingesperrt […] Ich wollte frei sein“.

Heraus aus dem Käfig

Mit der Unterstützung ihrer Familie verlässt Kollontai kurz nach ihrer Trennung 1898 Russland und zieht nach Zürich, um dort Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Doch das Studium, welches Frauen in Russland zu der Zeit noch vorbehalten blieb, interessiert sie bedeutend weniger als die Frage nach eben jener Ungleichheit, mit der sich Frauen konfrontiert sahen. Nach ihrer Rückkehr 1899 wird sie daher aktives Mitglied der sozialrevolutionären Bewegung und spricht sich für die Auflösung der Ehe als „bürgerlich-dekadente Institution“ aus – bemerkenswerterweise trotz ihrer eigenen Heirat aus Liebe. Ihre Entscheidung zur Trennung trotz einer eigentlich glücklichen Beziehung illustriert, wie wenig Raum zur Selbstentfaltung Frauen im rigiden Korsett der patriarchalen Gesellschaft zugestanden wurde. Kollontai selbst schreibt später: „Das ‚glückliche Dasein‘ einer Hausfrau und Gattin wurde mir zum ‚Käfig‘.“

Nach der gescheiterten Revolution 1905, in der die Hoffnung auf Neuerung im Keim erstickt wird, setzt sich Kollontai umso entschlossener für die Gleichberechtigung der Frau ein und verknüpft die soziale Frage mit der Dimension des Geschlechterkampfes. In der Folge fällt ihr auf, „[…] wie wenig sich [ihre] Partei mit dem Schicksal der Frauen der Arbeiterklasse beschäftigte und wie gering ihr Interesse an der Befreiung der Frau war“. Feminismus darf ihrer Meinung nach kein Luxusgut der höheren Klasse sein, sondern muss eine Verbesserung der Lebensumstände jeder Frau bewirken können.

Die feministische Revolutionärin

Da sie in ihrer Kritik auch scharfe Worte an die Regierung richtet, ist Alexandra Kollontai schließlich gezwungen, Russland 1908 zu verlassen. Ganze neun Jahre verbringt sie im Exil, zunächst in Deutschland, wo sie auf Clara Zetkin, Rosa Luxemburg und weitere Größe der deutschen Linken stößt, später in Frankreich und Skandinavien. 1909 veröffentlicht sie ihr Buch „Soziale Grundlage der Frauenfrage“. Nach der Oktoberrevolution 1917 kann Kollontai schließlich wieder nach Russland zurückkehren und wird von der nun herrschenden bolschewistischen Regierung zur Volkskommissarin für Soziales und Volksfürsorge ernannt. Unter Lenin wird sie somit zur ersten Ministerin der Welt. In ihrer Funktion als Volkskommissarin schafft sie binnen der wenigen Monate, in denen sie das Amt bekleidete, umfassende Neuerungen zur Gleichstellung der Geschlechter. Dabei vertritt sie einen dezidiert sozialistischen Feminismus, der die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau zum zentralen Fundament ihrer Überzeugungen macht. Nur durch Arbeit und ein eigenes Einkommen sei die Freiheit der Frau erreichbar.

In ihrer Ansprache „An die Arbeiter“ von 1920 findet sie deutliche Worte für ihre Position: „Genossen-Arbeiterinnen, lange Jahrhunderte war die Frau erniedrigt und rechtlos. Der Mann hat die Frau ernährt, dafür musste sie als seine unrechtmäßige häusliche Sklavin leben. Die Oktoberrevolution hat die Frau aus ihrer Gefangenschaft befreit. Jetzt haben Bäuerin und Bauer, Arbeiterin und Arbeiter dieselben Rechte. […] Aber das Leben hat die Frauen noch nicht befreit! Sie müssen noch zuhause arbeiten, die Kinder betreuen. […] Ohne die Gleichberechtigung der Frau gibt es keinen Kommunismus.“

Als Ministerin mit Tabus brechen

Ihre Reformen zur Erreichung dieses Ziels sind vielfältig und visionär. So erwirkt sie einen viermonatigen bezahlten Schwanger- bzw. Mutterschaftsurlaub mit Arbeitsplatzgarantie und finanziert den Ausbau der Infrastruktur zur Kinderfürsorge durch die Finanzierung und Errichtung zahlreicher Kindergärten, Krippen und Kinderheimen. Darüber hinaus werden zahlreiche öffentliche Wäschereien und Kantinen eröffnet, denn Kollontai definiert die Kindererziehung als kollektive Aufgabe der Gesellschaft und nicht als alleinigen Zuständigkeitsbereich der Mütter, deren Arbeitskraft und Potenzial bis dato meist im Schatten der Gesellschaft verblieben. Doch nicht nur die weibliche Care-Arbeit wird aus den Schatten der Familien in die Öffentlichkeit gezerrt – Kollontai schafft eine Bühne für alles, was entweder tabuisiert war oder als Frauenthema abgetan und abgewertet wurde: Von Aufklärungskampagnen zu Säuglingspflege und Hygiene bis hin zu Informationen über Verhütungsmöglichkeiten und gynäkologischen Beratungs- sowie Untersuchungsstellen. Der Fakt, dass Frauen einen Zugang zu Wissen und Entscheidungsmacht über ihren eigenen Körper bekamen war eine Pionierleistung und ist bis heute kein gesichertes Recht, selbst in so genannten Demokratien wie den USA.

Nach ihren wenigen Monaten als Ministerin tritt Alexandra Kollontai 1918 aus Protest gegen den Friedensvertrag von Brest-Litowsk (es wurden große Zugeständnisse an das deutsche Reich gemacht) von ihrem Posten zurück. Doch ihr feministisches Engagement reißt damit nicht ab, sondern verlagert sich auf die Integration der Frauenfrage innerhalb der Partei. Sie wird Leiterin der Frauenabteilung im Zentralkomittee. In dieser Funktion reformiert sie das Ehe- und Scheidungsrecht, indem sie beispielsweise die Eheschließung als kirchliche Trauung durch eine zivile Vermählung ersetzt und ein Scheidungsrecht implementiert, welches Scheidungen erleichtert. So wird auch der Sphäre des kirchlichen Einflusses etwas von seinem stigmatisierenden Potenzial genommen, was weibliche Emanzipation, losgelöster von moralisierenden Dogmen wie die Frau zu sein habe, signifikant erleichtert. Die revolutionärste und beinahe prophetische Neuerung ist neben der Anerkennung unehelicher Kinder die Legalisierung von Abtreibungen, welche auch heutzutage in den meisten Ländern Wunschdenken ist.

„Wege der Liebe“

Doch leider waren die hehren Ideale Kollontais in großen Teilen nur das – Vorhaben, die in einer bereits vom Patriarchat befreiten Gesellschaft umsetzbar wären. Die Realität war, dass eine einzige, sich als sexuell emanzipiert bezeichnende Kommunistin, ihren ausnahmslos männlichen Genossen gegenüberstand und immer wieder mit der Parteilinie in Konflikt geriet. Besonders ihre Vision der freien Liebe wird ihr von konservativeren und prüderen Genossen als lockerer (und implizit amoralischer) Lebenswandel ausgelegt. Dabei handelte es sich nicht etwa nur um Hedonismus oder reine Bedürfnisbefriedigung. Freie Liebe meinte die freie Entscheidung zum Geschlechtsverkehr mit Personen ohne Verpflichtungen wie finanzieller Abhängigkeit. Kollontai-Biographin Katharina Volk fasst es folgendermaßen zusammen: „Sie sagt, dass in der kapitalistischen Gesellschaftsform eine wirkliche Liebe zwischen den Geschlechtern nicht entstehen kann, weil dieses Besitzdenken, was wir in der Ökonomie haben, das überträgt sich auch auf unser Verständnis dessen, wie wir mit Menschen umgehen, dass wir auch das Gefühl haben, wir können einen Menschen besitzen.“

Alexandra Kollontai, die in Texten wie „Wege der Liebe“ (1925) die monogame Ehe als überkommenes Relikt vergangener patriarchaler Zeiten bezeichnet, propagiert stattdessen den Begriff der „Kameradschaftsehe“. Sie definiert diese Verbindung als gemeinsame Übernahme von Verantwortung für die Familie und der Entfaltung des Gegenübers, ohne dass dabei ökonomische Faktoren oder die Verpflichtung zur lebenslänglichen Beziehung (einem Strafmaß gleichkommend) eine Rolle spielen. Ihre Ideen zur gleichgestellten Liebe durch Solidarität sind bis heute aktuell, relevant und inspirierend. Doch Kollontai war ihrer Zeit voraus. Sie forderte eine offene Debattenkultur in der Partei und schloss sich 1921 der später als parteifeindlich eingestuften „Arbeiteropposition“ an. Ihre unverhohlene Kritik sorgte für eine Abseitsstellung innerhalb der Partei und führt schließlich dazu, dass sie ab 1923 zunächst in Norwegen und dann in Schweden als erste weibliche Botschafterin diplomatischen Aufgaben nachkommt. 

Als Botschafterin abgeschoben

Zu jener Zeit beginnt Kollontai, sich Stalin anzunähern, was ihr vermutlich das Leben rettete. Sie wird nicht wie viele andere Weggefährten Lenins von Stalin liquidiert. Im Gegenteil – ihre Karriere als Diplomatin ist von zahlreichen Erfolgen gekrönt. So gehört sie zur russischen Delegation, als Russland 1935 in den Völkerbund aufgenommen wird und sorgt bei Verhandlungen mit Finnland dafür, dass Finnland seine Unterstützung des Dritten Reiches einstellt und 1944 aus dem Krieg austritt. Von Stalin wird sie für diesen verhandelten „Frieden von Moskau“ ausgezeichnet und bekommt 1943 den Botschaftertitel verliehen. 1946 und 1947 wird sie für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, erhält diesen aber nie.

Doch ihr Schweigen angesichts der politischen Verfolgungen und „Säuberungen“ in Stalins Regime machen sie im Exil zu einer indirekten Befürworterin des Diktators. Selbst als ihr zweiter Ehemann, der trotzkistische General Pawel Dybenko 1937 (zu diesem Zeitpunkt waren sie bereits getrennt) von Stalins Regime erschossen wird, ergreift Kollontai keine kritische Position. Zu den düsteren Aspekten ihrer Biographie zählt zudem die verstörenden Aussagen, die für ein Verbot der Fortpflanzung bei Menschen mit Erbkrankheiten plädiert, was man auch heute trotz ihrer zahlreichen liberalen Positionen und Verdienste nicht verschweigen darf. Alexandra Kollontai lebte in ihren letzten Jahren (durch einen Schlaganfall 1942 bedingt) größtenteils zurückgezogen und verstarb am 9. März 1952, kurz vor ihrem 80. Geburtstag, in Moskau. In ihren autobiographischen Aufzeichnungen zieht sie jene Bilanz, die es nach wie vor schwer macht, ihr mit einer Bezeichnung gerecht zu werden: „Ich habe nicht ein, sondern viele Leben gelebt“.