20 Juni

»Solidarität über die Konkurrenz stellen«

von

Lebensmittel anders eingekauft. Ein Bericht von Hilde Grammel.

Es geht hier in erster Linie nicht um betriebliche Mitbestimmung und Genossenschaften, sondern um ein alternatives Modell der Lebensmittelversorgung, die sogenannten FoodCoops, zu Deutsch: »Lebensmittel-Einkaufs- Gemeinschaften«. Von diesen gibt es in Österreich mittlerweile über hundert, über dreißig allein in Wien. Eine davon ist die SeeFoodCoop in der Wiener Seestadt, die Modell für diesen Beitrag gestanden ist.

Für eine FoodCoop schließen sich mehrere Menschen, die idealerweise in räumlicher Nähe zueinander wohnen, zusammen und ordern ihre Lebensmittel von Produzent_innen aus der Region. Der Vorteil ist, dass die Lebensmittel garantiert nicht mit giftigen Dünge- und Spritzmitteln und anderen Errungenschaften der industriellen Landwirtschaft behandelt, sondern – meist sehr arbeitsintensiv – von kleineren landwirtschaftlichen Betrieben hergestellt werden. Das hat natürlich seinen Preis, sprich: Die so erstandenen Lebensmittel können nicht mit Supermarktpreisen Schritt halten und dies, obwohl sie nicht viele Tausende von Kilometern quer über den Kontinent oder den Globus transportiert wurden.

Was braucht es, um eine FoodCoop zu initiieren?

Neben den Menschen mit Zeitressourcen – denn ohne ehrenamtliches Engagement ihrer Mitglieder funktioniert eine FoodCoop nicht –, bedarf es einer Software, über die Bestellungen abgewickelt werden können, einer Person, die die Einzahlungen der Mitglieder verwaltet, und einer weiteren, die die Abrechnungen der einzelnen Bestellgruppen – im Regelfall eines Haushalts – vornimmt; es braucht Personen, die Bestellungen bei einzelnen Produzent_innen in der Software anlegen, damit die anderen innerhalb eines über Mail kommunizierten Zeitfensters bestellen können; außerdem bedarf es eines Lagerraums, wohin die Lebensmittel ein- bis zweimal in der Woche geliefert werden. Für diesen ist, ebenso wie für die Software, Miete zu bezahlen. Sobald geliefert wurde, beginnt die Arbeit der Aufteiler_innen, jener Mitglieder, die die Lebensmittel den einzelnen Bestellgruppen zuordnen, damit diese sie abholen können. Die Aufteiler_ innen überprüfen auch, ob die gelieferten Waren tatsächlich mit den bestellten übereinstimmen und sorgen für Übersichtlichkeit im Lagerraum.

Zumeist sind FoodCoops in Vereinen organisiert, d.h., es braucht auch die üblichen Verdächtigen für den Vereinsvorstand (Obleute, Kassier_in, Schriftführer_ in, Rechnungsprüfer_in) und ein- bis zweijährlich stattfindende Mitgliederversammlungen.

Lebensmittel können zusätzlich zu den wöchentlich stattfindenden Lieferungen auch »auf Lager« bestellt werden, d. h. es wird bspw. ein Vorrat an Fruchtsäften angelegt, auf den die einzelnen Mitglieder bei Bedarf zugreifen können. Wie viele Waren auf Vorrat bestellt werden können, hängt dabeivon der Größe des Lagerraums ab. Jedes Mitglied bezahlt eine einmalige Einschreibegebühr (€ 50) und einen halbjährlich zu bezahlenden Mitgliedsbeitrag, der sich an der Haushaltsgröße orientiert (€ 30 für einen Einpersonen-, € 60 für einen Mehrpersonenhaushalt).

Zusätzlich zu den regulären Abläufen veranstaltet die SeeFoodCoop einmal jährlich einen Filmabend, der einerseits der Werbung neuer Mitglieder, andererseits der Bewusstseinsbildung über die Bedeutung von gesunder, regional produzierter Nahrung dient. An diesen Abenden werden Interessierte mit Köstlichkeiten, die aus Lebensmitteln der FoodCoop hergestellt werden, bewirtet, andererseits wird ein Film ausgewählt, der Anlass zu Diskussionen bietet. Bisher wurden gezeigt: Bauer unser (Regie: Robert Schabus), The Green Lie (Regie: Werner Boote), Unser Boden, unser Erbe (Regie: Marc Uhlig), Zeit für Utopien (Regie: Kurt Langbein). Als nächstes auf dem Programm steht Der Bauer und der Bobo, ebenfalls von Kurt Langbein. In den Filmen erfahren die Besucher_innen über Initiativen städtischer Landwirtschaftweltweit, über das Ausmaß der Bodenversiegelung hierzulande und anderswo, über Greenwashing oder über die Schwierigkeiten, in Österreich biologische Landwirtschaft zu betreiben, über den Druck, dem bäuerliche Kooperativen und ihre Aktivist_ innen ausgesetzt sind, die sich gegen die Ausbreitung von Monokulturen in ihren Ländern zur Wehr setzen u. v. a. m. Kurz gesagt: über die Schattenseiten der globalen Lebensmittelindustrie und die zunehmende Schwierigkeit, sich mit Lebensmitteln zu versorgen, vor allem auch in den Megacitys dieser Welt.

Wie können FoodCoops politisch eingeordnet werden?

In Zeiten von Teuerung und Inflation, in denen die meisten Menschen Sorgen plagen, wie sie sich überhaupt ihren täglichen Lebensmitteleinkauf leisten können, mögen Einkaufsgemeinschaften wie FoodCoops wie Bobo-Initiativen erscheinen. Bei näherer Betrachtung wird aber schnell klar, dass es um eine Prioritätensetzung geht: Ist es mir wichtig, dass ich mich möglichst gesund ernähre und dass die Lebensmittel, die ich konsumiere, nicht auf trans-europäischen Straßennetzwerken oder mit dem Flugzeug hierher transportiert werden? Will ich mit der Wahl meiner Lebensmittel regionale landwirtschaftliche Produzent_innen unterstützen oder die industriell organisierte Landwirtschaft? Sollen meine Lebensmittel nährstoffreichund geschmackvoll sein oder zu Tode gedüngt und chemisch behandelt? Will ich wissen, was die Lebensmittel enthalten, die ich konsumiere und interessiere ich mich für die Arbeitsbedingungen der Menschen, die diese herstellen? Frage ich mich, wie Tiere gehalten und womit sie gefüttert werden und welchem Leid sie ausgesetzt sind? Bin ich bereit, weniger Geld für andere Dinge auszugeben und stattdessen meiner Ernährung einen höheren Stellenwert einzuräumen?

Das Genossenschaftliche an FoodCoops ergibt sich aus der Zusammenarbeit ihrer Mitglieder und deren koordiniertem, arbeitsteiligen Vorgehen. Treffen von Angesicht zu Angesicht und teils intensive E-Mail-Kommunikation sind ebenso notwendig wie die Verbreitung der Idee und die Werbung von Mitgliedern, damit das Modell funktioniert. In der Seestadt etwa hat sich gezeigt, dass der arbeitsintensive Alltag vieler berufstätiger Menschen mit Kindern wenig Zeit lässt für ehrenamtliches Engagement. Mitglieder der FoodCoop sind daher eher Alleinlebende und nicht in Vollzeit arbeitende Eltern (zumeist Mütter), die Zeit ha ben, selbst zu kochen, und denen es ein Anliegen ist, ihre Kinder gesund zu ernähren, aber auch Pensionist_innen, die sich – oft aufgrund von Erkrankungen – gesund ernähren möchten.

Die Grenzen der FoodCoops

Keines der Mitglieder der FoodCoop in der Seestadt schafft es momentan, sich ausschließlich von den Produkten der FoodCoop zu ernähren, da einerseits die Kosten dafür zu hoch sind, andererseits der Alltag der Menschen wenig Raum und Zeit lässt für weitsichtige Planung der Nahrungszubereitung. Vielen fehlen auch die Lagermöglichkeiten für die Lebensmittel, da diese nicht gleich am Tag der Lieferung verkocht werden können. FoodCoops können somit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein, ein Sandkörnchen im Getriebe der industriellen Landwirtschaft. Aber sie sind ein – wenn auch bescheidener – Beitrag zur Überwindung der Stadt-Land-Spaltung in unseren Gesellschaften und somit Brückenbauerinnen zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung.

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