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Von Kilian Jörg

Versuch einer Ausweitung der Kampfzone fürs 21. Jahrhundert

Antifaschismus und Ökologie hatten sich traditionell wenig zu sagen. Doch je mehr der fossile Kapitalismus ins Visier der Kämpfe für eine lebbare Zukunft rückt, desto mehr lohnt es sich, dem schwerwiegenden Erbe des Faschismus bei der Errichtung von fossilen Abhängig keiten und seiner materiellen Linien bis in die Gegenwart nachzu spüren und entgegenzutreten.

Krise der Gedenkkultur?

Die Gedenkkultur ist in einer Krise. Seit ich Holocaustgedenkdiener vor knapp eineinhalb Jahrzehnten war, bangt man der nicht allzu fernen Zukunft entgegen, in der es keine lebenden Zeitzeugen mehr geben wird. An diesem entscheidenden Punkt des Übergangs von oraler zu geschriebener Geschichte stehen wir nun und die Ewiggestrigen stehen schon bereit und verlautbaren, dass es keiner Gedenkkultur mehr brauche und man endlich ein »gesundes« (was aus irgendeinem unerfindlichen Grund »stolz« und »patriotisch« sein soll) Geschichtsverständnis in den ehemaligen Täter*innenstaaten braucht.

Ich möchte mich in diesem Essay der Frage annehmen, wie der Antifaschismus mit dieser Zäsur umgehen kann und – in einem neuen, bislang wenig angedachten Bündnis mit ökologischen Belangen – sogar eine neue Stärke und Aktualität erreichen kann. Meine Argumente beziehe ich hierbei hauptsächlich aus dem jüngst erschienen Buch White Skin, Black Fuel – On the Danger of Fossil Fascism vom schwedischen Öko-Marxisten Andreas Malm und dem Zetkin-Kollektiv.

Fossiler Faschismus

In ihrem Buch versuchen die Autor*innen die Faschismustheorie zu aktualisieren und auf die Höhe der Anthropozändiskurse zu bringen. Grob zusammengefasst argumentieren sie, dass kein Faschismus jemals ohne die Glorifizierung der fossilen Stoffe verbrennenden Maschinen wie Autos und Flugzeuge und den sie ermöglichenden fossilkapitalistischen Lebensstil auskam. Dies eint auch alle neuen Rechtsparteien von der FPÖ, der AfD, den Schweden Demokraten, den spanischen Vox, wie jene des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro oder des US-amerikanischen Ex-Präsidenten Trump: Sie alle verteidigen das Recht auf den SUV (»Kein SUV ist illegal« war der besonders geschmacklose Wahlspruch der AfD Rosenheim), die eigene Kohle- oder Ölindustrie, deren weitere Deregulierung sowie den Bau von immer mehr Autobahnen.

Nun würde es natürlich zu weit gehen zu behaupten, bloß Faschist*innen würden den Errungenschaften des fossilen Kapitalismus frönen: Sowohl liberale, wie sozialdemokratisch geprägte und sogar kommunistische Staaten haben diese genauso gefördert und ihre Macht durch sie konsolidiert. Für die herrschende Klasse, die ihren Reichtum in den letzten zwei Jahrhunderten primär auf fossilem Kapital aufgebaut hat, waren die Faschist*innen nie die erste Wahl, wenn es »appetitlichere« politische Alternativen gab, die ihre Interessen wahrten. Allerdings zeigt die Geschichte, dass wenn die gesteigerte Akkumulation von fossilem Kapital bedroht ist (wie etwa durch die europäischen Arbeiter*innenbewegungen der ersten Hälfte des 20. Jhs), große Teile dieser Klasse bereit sind, mit den Faschist*innen Bündnisse einzugehen und sie gewähren lassen. Auch wenn es mit z. B. Henry Ford, der große Teile der Protokolle der Weisen von Zion und Mein Kampf auf Englisch drucken ließ und offen mit Hitler sympathisierte, auch in den USA ebenso stramm antisemitische fossile Kapitalist*innen gab, fühlten sich diese niemals zu gleichem Maße dazu gedrängt, ihre Macht faschistisch zu konsolidieren, da sie sich niemals im gleichen Maße bedroht fühlten, wie etwa in Italien oder Deutschland mit ihren damals starken Arbeiter*innen-bewegungen.

»Er hat auch Autobahnen gebaut«

Es ist vergleichsweise wenig bekannt, dass die erste Autobahn der Welt das Werk von Faschist*innen war. Benito Mussolini baute diese in den ersten beiden Jahren nach seiner Machtübernahme 1922 von Mailand in die Alpen beim Laggio Maggiore. Diese wurde nicht nur vom norditalienischen, sondern vom gesamten westlichen Großbürger*innentum (damals die einzige Klasse, die sich Automobilität leisten konnte) gefeiert, sodass die Autostrada ein Pilgerort für technikbegeisterte Entscheidungsträger*innen wurde, die somit einen prägenden Einfluss auf das hegemoniale Mobilitätsparadigma weit über die faschistisch geprägte Politsphäre hinaus ausübte.

Viel bekannter ist, dass Hitler nicht nur Konzentrationslager und Panzer bauen ließ, sondern auch Autobahnen. Diese Feststellung verliert mit zunehmendem Fortschreiten der Klimakrise und der Politisierung der Automobilität seine apologetische Konnotation. Das erste, nationen-übergreifende Autobahnnetz Europas wurde bekanntlich unter der NS-Herrschaft errichtet und diente in den Nachkriegsjahren den in automobiler Infrastruktur weit hinterherhinkenden Nationen Frankreich oder Großbritannien als Vorbild.

Wenn heute allerorts moniert wird, dass die Autoindustrie zu entscheidend puncto Arbeitsplätze und nationaler Verankerung ist, um angegriffen zu werden, dann ist dieser Umstand das Resultat einer fossilkapitalistischen Sattelzeit, die so ohne faschistische Zerschlagungen (von Gewerkschaften, Arbeiter*innenbewegungen und alternativen Verkehrsmitteln) in Europa nicht denkbar geworden wäre. Nach 1945 biegt sich bekannter Maßen die Kurve des globalen Schadstoffausstoßes ins Exponentielle. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass dieser konsumkapitalistische Eintritt in die ökologische Katastrophe in Europa ohne die unheilige Allianz des fossilen Kapitals mit dem Faschismus nicht so (intensiv) eingetreten wäre. Wenn man sich heute politisch wirksam der Klimakrise wie den wieder wachsenden faschistischen Tendenzen in den Weg stellen will, muss man diese als co-abhängig und co-konstitutiv verstehen.

Ökologischer Antifaschismus heute

Heute ist keine neue Arbeiter*innenbewegung in Sicht, die eine reale Bedrohung für den fossilen Kapitalismus darstellen würde. Es sind nicht mehr (nur) die Menschen, die sich gegen dieses unmenschliche System auflehnen, sondern auch das, was wir bisher »Natur« nannten. Die Klimakatastrophe ist in vollem Gange und es wird immer schwerer, die Augen davor zu verschließen, dass diese menschengemacht, will heißen kapitalismusgemacht ist.

Innerhalb der politischen Ökologie hat man sich bislang zumeist zu einfache Vorstellungen von politischer Macht gemacht: Man dachte, dass die Akkumulation von genügend Daten und Fakten genügt, um alle zur rationalen Einsicht in den Ernst der Lage und also zum Umdenken und Anders-Handeln zu bringen. Doch je mehr die Klimakrise ins Allgemeinverständnis der modernen Gesellschaften dringt, desto deutlicher sehen wir: Proto-faschistische und anti-ökologische Tendenzen wie der Trumpismus sind genauso eine politische Reaktion auf die Klimakrise wie der Kauf eines SUV auf individueller Ebene. Das für diese Politik anfällige Bevölkerungssegment fühlt sich zunehmend bedroht und will sich also abschotten, die Grenzen dichtmachen und von immer größeren Karosserien mit immer stärkeren Motoren umhüllt wissen. Eine antifaschistisch denkende Ökologiebewegung sollte weg kommen von der netten Hippiementalität des »alle ins Boot holen« und stattdessen mit vermehrt antagonistischen Reaktionen rechnen. Die Klimakrise bringt eine faschistische Gefahr mit sich und ein Kampf um den ökologischen Wandel kann nur Erfolgsaussichten haben, wenn er auch antifaschistisch ist.

Betonpolitik = faschismusoffen

Wie kann es sein, dass Namen wie Porsche, Thyssen und Volkswagen weiterhin bei einer großen Mehrheit positiv konnotiert sind? »Wehrwirtschaftsführer« Ferdinand Porsche war bekanntlich der Chefauto- und Panzerbauer Hitlers und bei jedem großen Porscheschriftzug, der am Wiener Ring oder sonst wo prangt, könnte ich fast genauso auch »Hitler« lesen. Bei jedem Mercedes sehe ich die berühmte Szene aus Leni Riefenstahls Propagandafilm Triumph des Willen, bei dem ein Mercedesstern nahtlos zu einem Hakenkreuz überblendet. Die beiden für mich aussichtsreichsten Fördergeber in Deutschland heißen Thyssen und Volkswagen-Stiftung – zwei Namen, die aufs engste mit dem deutschen Faschismus verwoben sind.

Doch es hört natürlich nicht bei diesen symbolträchtigen und daher wichtigen Namen auf. Selbst die Lobau-Autobahn, die seit einem Jahr von mutigen Aktivist* innen verhindert wird, wurde erstmalig in NS-Zeiten geplant und ist seitdem ein Schubladenmonster, welches die vollkommen verwirrte Sozialdemokratische Partei heute mit Ach und Krach durchzusetzen versucht. Dies darf aber nicht so weit gehen, Michael Ludwig oder anderen Betonfetischist*innen selbst eine faschistische Politik vorzuwerfen. Sie ist faschismus-offen, will heißen, sie stellt sich dem fossilen Kapitalismus nicht entschieden (genug) in den Weg, um zu verhindern, dass irgendwann mal Faschismus als einzige Alternative für die herrschende Gemengelage erscheint. Nur wenn alles mit Autobahnen und Kraftwerken zubetoniert ist, kann man so kaputt gemacht werden, dass einem nichts Anderes übrigbleibt, als die fossile Verbrennung auch noch zu glorifizieren.

Faschismus ist die patriarchale und rassistische Hingebung an den Todestrieb, der durch fossil betriebene, stinkende Maschinen modern geworden ist. Dieser Faschismus hat nicht nur willentlich sechs Millionen Jüdinnen und Juden und ca. acht Millionen weitere Opfer industriell getötet. Mehr oder weniger unwillentlich hat uns der Faschismus bis heute ein fossilkapitalistisches Mobilitäts- und Energieregime hinterlassen, welches heute die allermeisten Lebensformen auf diesem Planeten bedroht. Deswegen und mehr denn je: Macht kaputt was euch kaputt macht.

Im 21. Jahrhundert sollte sich die Erinnerungskultur von den Gräueltaten der NS-Verbrecher*innen ausweiten auf ihr materielles Erbe, welches bis heute sowohl in vielen staatstragenden Namen wie im materiellen Erbe in Form von Straßennetzen, vernachlässigten Bahnverbindungen und irrationaler Förderung von fossilen Brennstoffen fortbesteht. Ausschwitz liegt in einem Kohlerevier und in einigen Nebenlagern wurden die Häftlinge auch durch Zwangsarbeit im Untertagebau ermordet. Auf eine ähnliche Weise ist die »freie Fahrt für freie Bürger« mit den Aufschrift »Arbeit mach frei« und »Jedem das Seine« der Konzentrationslager Theresienstadt und Buchenwald verbunden. Wer heute einen Porsche mit Stolz fährt, reiht sich unwissentlich und unwillentlich in diese Tradition ein. Wenn wir bald mal wieder auf der Baustelle der aktuellen Stadtautobahn zur Lobau stehen und diese besetzen, können wir mit Fug und Recht auch »Alerta Antifascista« rufen und so dem Antifaschismus eine neue Kraft verleihen.

Kilian Jörg hat in der Volksstimme 02/22 den Text »Linke Corona-Politik?« veröffentlicht.

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In Lesekreisen versammeln sich Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen, Vorkenntnissen und Sozialisierungen, um gemeinsam Texte zu lesen und zu diskutieren. Das ist manchmal zwar ganz schön anstrengend, bringt aber meistens einen deutlichen »Mehrwert« gegenüber der vereinzelten Lektüre im stillen Kämmerlein.

Im Zeitalter allgegenwärtiger Digitalisierung über »richtige« Bücher zu sprechen, erscheint fortschrittsoptimistischen Linken möglicherweise als romantisch, also verzichtbar. Und dann erst »Lesekreis« – alleine schon das Wort riecht nach dem Muff männlich dominierter Post-68er-Mühseligkeiten. »Wir studiern, wir studiern, es vertrocknet unser Hirn«, sang die frühe EAV, damals noch so etwas wie die Band des Grazer KSV, in schlechtester intellektuellen ­feindlicher Manier. Warum also 2022 über Lesekreise schreiben?

Der folgende Text von Martin Birkner versucht eine Antwort in fünf Thesen, gefolgt von einer kleinen Handreichung für die Praxis.

Lesekreis macht sichtbar

Durch die multiperspektivische Sicht auf den Text – es gibt kaum zwei identi­sche Lektüren bzw. Interpretationen – ent­stehen diskursive Räume. Die Bereitschaft zum produktiven Austausch vorausgesetzt entstehen in diesen Räumen Sichtweisen auf Aspekte des Texts, die vorher für die Teilnehmer:innen nicht erkennbar waren. Damit verbundene Diskussionen gehen frei­lich nicht immer reibungslos vor sich, manchmal wird auch gestritten, mitunter kommt man auch nach längerer Diskussion auf keinen »grünen Zweig«. Aber selbst – oder vielleicht gerade – in diesen Momen­ten zeigt sich, dass es keinen sich selbster­klärenden Text gibt, dass es um seine Inter­pretation geht. Und kollektive Interpreta­tion ist komplexer, multidimensionaler und erkenntnisreicher. Mit Marx gesprochen könnte man sagen, der »General Intellect«, also das implizite Wissen der »gesellschaft­lichen Gesamtarbeiterin« erscheint im Rah­men kollektiver intellektueller Anstren­gung.

Lesekreis macht dicke Bücher bewältigbar

Im Groben gibt es zwei Arten von Lesekrei­sen: Entweder man liest mehrere eher kür­zere Texte zu einem bestimmten Themen­komplex, oder aber es geht um die gemein­same Lektüre komplexer, meist umfangrei­cher Bücher. Letzteres kann dabei helfen, Bücher durchzuackern, die man alleine sonst nicht lesen würde. Gerade bei viel­schichtigen Argumentationssträngen ver­liert der bzw. die Einzelne oft das große Ganze aus den Augen, viele Augen können hier jedoch Abhilfe schaffen. Wichtig erscheint mir dabei eine gute Dokumenta­tion des Diskussions- und Leseprozesses, damit auch Teilnehmer:innen, die einmal nicht anwesend waren, gut wieder einstei­gen können. Dabei entstehende Protokolle sind auch für andere Leser:innen desselben Textes, die nicht beim Lesekreis dabei waren, eine große Hilfe.

Lesekreis macht Haltung

Die kollektive Interpretation verändert die Welt. Dies mag der elften Marxschen Feuer­bachthese widersprechen, dies ist jedoch ein notwendiger Widerspruch. Politische und soziale Praxen sind nie völlig abge­trennt von der Interpretation der Welt zu betrachten, letztere sind vielmehr sowohl Teil als auch Voraussetzung eines politisch nicht im luftleeren Raum agierenden politi­schen Handelns. Es macht natürlich einen Unterschied, ob eher abstrakt-theoretische oder konkret politische Texte gelesen wer­den, aber dieser Unterschied tritt zumal bei linken Lesekreisen für gewöhnlich immer hinter die Verknüpfung von Erkenntnis und Interesse zurück. Wir lesen ja gemein­sam Texte, um – wie vermittelt auch immer – eine den realen Gegebenheiten adäqua­tere politische und soziale Praxis entwi­ckeln zu können. Und so kann auch die gewonnene Erkenntnis, dass es eben »nicht so geht«, wie es der gelesene Text nahelegt, eine wichtige Erkenntnis darstellen.

Lesekreis macht sozial

Manchmal bilden sich Untergruppen, die gemeinsam geteilte Sichtweisen gegenüber anderen vertreten, manchmal gibt es so viele Perspektiven und Meinungen wie Teilnehmer:innen, manchmal sind auch alle einer Meinung. Diese kann sich auf positive, aber auch in negativer Weise auf das Gelesene beziehen. Manche Lesekreise scheitern konstruktiv, da alle oder fast alle Teilnehmenden zur Überzeugung gelangen, dass es nicht wert ist, den Text weiter zu verfolgen – oder aber, dass die Differenzen in Interpretation und Diskussion zu groß sind, um noch konstruktiv weiterzulesen. Es gibt aber auch – und zum Glück auch mehrheitlich – positiv sozialisierende Momente. Man trifft sich über größere Zeiträume hinweg, lernt sich besser ken­nen: So mancher politische Zusammenhang hat sich ganz oder teilweise aus Lesekreisen heraus entwickelt, weil die Teilnehmer: innen Vertrauen zueinander gefasst haben, sich ihre Kompetenzen und Affekte gut ergänzten.

Lesekreis macht Spass

Last but not least macht ein guter Lesekreis Freude, Freude auf das Wiedersehen mit den Mit-Lesenden, Freude auf gute Inputs und spannende Diskussionen, Freude auf ein Bierchen danach, Freude auf das gemeinsame Planen des nächsten zu lesen­den Buches, Freude an der Tatsache, dass männliche Dominanzen – und ja, diese gibt es auch und vielleicht gerade in Lesekrei­sen – ein Stückchen zurückgedrängt wer­den konnten, Freude, sich zum Beispiel das Marxsche Kapital in seinen unzähligen Dimensionen, Schichten und Geschichten gemeinsam erschlossen zu haben. In die­sem Sinne: Schafft 2, 3, viele Lesekreise!

Dos und Don’ts

Der richtige Text

Er kann ruhig schwierig und komplex sein, aber er soll Räume für Befragungen öffnen, »gut diskutierbar sein«. Es gibt Texte, die in ihrer Hermetik nur wenig Spielräume für konstruktive Diskussionen öffnen. Manch­mal sind es gar nicht die argumentativ »besten« Texte, die auch am besten zu lesen und zu diskutieren sind.

Die richtige Größe

Sehr kleine Lesekreise können zwar unge­mein produktiv sein, oft aber schon beim Ausfall weniger Teilnehmer:innen zusam­menbrechen; sehr große Lesekreise beför­dern wiederum Hierarchisierungen in den Diskussionen (ev. Moderation andenken!), sie erschweren es tendenziell auch zurückhaltenden Teilnehmer:innen mit­zudiskutieren. Eine gute Größe ist in etwa 7, 8 Personen. Auch bei den Textabschnit­ten auf die richtige Größe und Zeitbe­schränkungen achten – erfahrungsgemäß nimmt man sich eher zu viel vor.

Angenehme Atmosphäre

Eine ruhige Umgebung, ansprechendes Ambiente, kulinarische Genüsse, ev. Pau­sen einplanen und genügend Zeit für soziale Interaktionen lassen. Dazu gehört auch die gegenseitige Rücksichtnahme, indem z.B. lange Monologe vermieden werden. Produktiv ist Runden einzu­bauen, bei denen alle zu Wort kommen.

Gute Vorbereitung

Eine gute Debatte braucht gute Vorberei­tung. Möglichst alle sollen die jeweiligen Textstellen gelesen haben, ein konziser, auch auf Leerstellen und Widersprüche hinweisender Input zu Beginn ist hilf­reich.

Dokumentation

Sie hilft nicht nur jenen, die einmal feh­len, sondern auch beim abschließenden Fazit. Bei längeren Texten sind ansonsten frühere Leseeinheiten gerne schon in Ver­gessenheit geraten.

Aufhören können

Ein Lesekreis, der zur Pflichtübung ver­kommt, ist ein schlechter Lesekreis. Dann lieber einen Spritzer trinken und plau­dern. Vielleicht taucht dabei ja ein neues Buch am Horizont auf.

Martin Birkner arbeitet im Mandelbaum Verlag. Er liest andauernd, seit über 20 Jahren gerne auch in Lesekreisen. Er ist noch unsicher, ob er Graeber/Wengrows Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit oder Jane Bennetts Lebhafte Mate­rie. Eine politische Ökonomie der Dinge als nächs­tes vorschlagen soll. Sein Lieblingslesekreis war jener zu Paolo Virnos Grammatik der Multitude im Rahmen der Zeitschrift Grundrisse im Jahr 2005.

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Was bedeutet Bildung heute? Eine Polemik von Stefan Vater

Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache und die Spra-che wiederum ist untrennbar mit der sozialen Praxis verbunden, schrieb Ludwig Wittgenstein Mitte des 20. Jahrhunderts in seinen Philosophischen Untersuchungen. Mit Antonio Gramsci lässt sich ergänzen: Die soziale Praxis und ihre Diskurse sind bestimmt von hegemonialen Vorstellungen und den materiellen Verhältnissen.

Wie wird über Bildung gesprochen? Es geht heutzutage in hegemonialen öffent lichen Diskursen – der EU, der Mainstreammedien aber auch andernorts – um Verwertbarkeit der Bildung und Employability, für die klarerweise jede und jeder verantwortlich ist, egal ob es Arbeitsplätze gibt oder nicht. Es geht um effektive Organisation der Bildungsinstitutionen, um die Qualität von Bildung, die in unzähligen kostspieligen Qualitätssicherungsverfahren gewährleistet werden soll. Zumindest verdienen die diese verkaufenden Consulting Institute gut damit. Qualitätssicherungssysteme, die die Kund*innennähe, das gelungene Lernen, die Effektivität sichern, aber meist ohne jeglichen Inhalt auskommen.

Zentral ist die Brauchbarkeit von Bildung angesichts der Bedürfnisse der Wirtschaft oder drohender Krisen. Es geht um den Output der Bildung, um Abschlüsse, Prüfungen, Klausuren, Ergebnisse, Punkte, ETCS ... Bestätigt wurde diese Aussage von einem ehemaligen Bildungsminister, der treffend festhielt: Auch in der Zeit von Corona sei das Wesentliche der Bildung, der Abschluss, die Prüfung nicht gefährdet. Nennen wir es Ignoranz und Ideologie.

Real errichtet die Ausbreitung der Outputorientierung, von quantifizierenden Mess- und Legitimationssettings, eine neue, kalkulierende und prüfende Kultur des Abrechnens. Oder radikalisiert diese. Und warum? Die Antwort ist erschreckend simpel: um die Vermessenen in kapitalistische Konkurrenz zu setzen und den erlösenden Wettbewerb freizusetzen. Und auch darum, den Einfluss der Konkurrenz und des kapitalistischen Egoismus auf alles auszudehnen. Der Markt soll alles durchströmen. Mit seiner erfrischenden Zerstörungskraft kann nur er für Profit und Ungleichheit sorgen.

Die Wirtschaft braucht Kompetenzen, die für den Markt verwertbar sind, die für Resilienz bürgen. Die Gebildeten sollen ihre Kompetenz ja nicht nur haben, sondern auch billig und willig einsetzen. Ziel ist die Nutzbarmachung von Humankapital, die billige Arbeitskraft, die disponible und mobile Arbeitskraft. Und es geht um Empowerment, die Armen und Bedürftigen sol-len sich doch endlich mal empowern und nicht den Leistungswilligen länger auf der Tasche liegen. Empowerment zur Employability!

Aktuell reduziert sich – besonders unter Covid Bedingungen – die Idee der Bildung und die Praxis des Lernens auf Defizitbehebung, oder auf eine Vorstellung der schlichten Abfüllung von Inhalten in leere oder halbleere Köpfe. Ein Abfüllen ohne Bezug zu den Problemen der Menschen oder zu demokratischer Praxis. Noch dazu sind Teile der Bildungspolitik – wie die Erwachsenenbildung - intensiv mit harter, rechter Migrationspolitik verschränkt, wo Bildung nicht dem Wissenserwerb dient, sondern der Ausgrenzung und Abgrenzung.

Wir leben in einer Zeit ohne Reflexion über Machtverhältnisse, in einer Zeit der Individualisierung und des »Wir schaffen das!«.

Das ist Neoliberalismus! – Mikropolitiken des Neoliberalismus

Es geht in diskursiven Mikropolitiken des Neoliberalismus um die Deutungshoheit des Alltags, um die Formierung einer neuen Subjektivität, eines neuen Bezuges zur Welt und zu den Anderen – die Stichworte sind: Konkurrenz, Individualität, Eigenverantwortung, Kompetenz und Willigkeit, diese einzusetzen. Dazu Judith Butler: »Die neo liberale Vernunft fordert Autarkie als moralisches Ideal, während gleichzeitig neoliberale Machtformen genau diese Möglichkeit auf der ökonomischen Ebene zunichtemachen, indem sie jedes Mitglied der Bevölkerung zum potenziell oder tatsächlich Gefährdeten machen und die allgegenwärtige Bedrohung der Prekarität sogar zur Rechtfertigung der verstärkten Regulierung des öffentlichen Raumes und der Marktexpansion nutzen.« Jede soll »zum Unternehmer seiner/ihrer selbst werden – unter Bedingungen, die diese dubiose Berufung unmöglich machen«1. Scheitern und Angst sind Grundelemente des Neoliberalismus ebenso wie Entbürokratisierung und Mitarbeiter*innen-Animation. Die Strategien dazu – ich verstehe Strategien hier mit Foucault – wie lebenslanges Lernen, Validierung, New Public Management, Output-orientierung, Qualitätssicherung und Professionalisierung formen in ihrer Gesamtheit das, was ich in diesem Beitrag als Neoliberalismus bezeichne. Moderne Bildungsdiskurse spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Ist das alles?

Aber das Arbeiten in Bildungszusammenhängen ist von einer Art Schizophrenie gekennzeichnet oder – um wieder Gramsci zu bemühen – von einem Pessimismus der Analyse und einem unbeugsamen Optimismus der Praxis. Weil es sie gibt, ist die gegenhegemoniale Bildung als Wunsch, als Erfahrung und auch als Praxis historisch und aktuell. Die folgenden Zeilen sprechen aus der Perspektive des Erwachsenenbildners: Alternative, heterotope Bildungspraxen, Gegenpositionen, Nischen und Konzepte gibt es viele. Erwähnt werden können Initiativen kritischer Bildung, Migrant*innenvereine oder Frauenbildungsvereine. Theoretisch kann von gegenhegemonialen Bewegungen oder von epistemischem Ungehorsam dieser Bewegungen gesprochen werden, um diese Praxen zu benennen, von Standpunktbezug oder situiertem Wissen. In diesen Bewegungen und Theorieansätzen zeigt sich eine Wissensproduktion und Praxis, die Voraussetzungen für die Dekolonisierung von Bildung darstellen. Es gibt kein Wissen für alle, auch wenn Bildung für alle natürlich ein Anspruch bleibt. Handlungsermächtigung, Orientierung an den Interessen der Teilnehmer*innen, Partizipation und Mitbestimmung stehen im Zentrum dieser Bildungspraxen, gegen die hegemonialen Diskurse, gegen das Alltagsverständnis von Bildung.

»Wir sehen uns mit einer klaren Wahl konfrontiert: Bildung zur Befreiung oder Erziehung zur Herrschaft«. (bell hooks)

Es geht in der Bildungspraxis um eine Widerständigkeit des Handelns in hegemonialen Strukturen. bell hooks beschrieb Widerständigkeit als »Queerness«, als ein »in der Welt mit anderen Sein«, das ständig im kon-struktiven Widerspruch zu allem anderen steht. Im Widerspruch nicht ausschließlich durch eigene Wahl oder Haltung, sondern auch schlicht durch den eigenen Standpunkt, die Klassenposition, die Hautfarbe sowie das Geschlecht. bell hooks schreibt in Where We Stand: Class Matters (2000) über die Lebens-Bedingungen einer schwarzen Arbeiterklasse, über den Mangel an Wohnraum und Geld, über versteckte Kosten des Bildungssystems und über die Widersprüchlichkeiten, die Bildungsaufsteiger*innen zu ertragen haben, als Fremdkörper und Außen im vermeintlich neutralen System der Bildung. Ein Bildungssystem, für das Weiß-Sein, Mittelschicht-Werte und Mittelschicht-Kultur – neben anderen Charakteristika – unhinterfragte, unsichtbare Normalität darstellen.

»I will not have my life narrowed down. I will not bow down to somebody else’s whim or to someone else’s ignorance.« (bell hooks und Maya Angelou im Gespräch 1998)

Stefan Vater ist Erwachsenenbildner und lebt in Wien

1 Vgl. Butler, Judith (2016). Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung, Frankfurt: Suhrkamp, S. 24ff.

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175 Jahre Österreichische Akademie der Wissenschaften, Peter Fleissner bespricht die drei Jubiläumsbände

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist eine traditionsreiche Gelehrtengesellschaft. Im internationalen Vergleich eher als ein Spätling im Vormärz 1947 von Kaiser Ferdinand I. mit 40 (männlichen) Mitgliedern gegründet, wurde sie heuer 175 Jahre alt. Die Akademie sollte als Ventil für die liberalen und weltlichen Strömungen in den Kronländern der Monarchie dienen, da an den Universitäten der konservative Geist des Katholizismu herrschte. Ihre Mitglieder gehören zwei Klassen an, der mathematisch-naturwissenschaftlichen und der philosophisch-historischen Klasse. Die Theologie war und blieb aus dem Fächerkanon ausgeschlossen. Unter den ersten Mitgliedern der Akademie waren revolutionäre Gesellen, die u. a. im ersten Gebäude der Akademie, im Polytech-nischen Institut (heute die Technische Universität am Karlsplatz), in den Keller räumen Schießbaumwolle für die 1848-Revolution erzeugten. Sie wurden bald wieder aus der Akademie ausgeschlossen, angeblich weniger wegen ihrer revolutionären Gesinnung als vielmehr, weil ihr Sprengstoff nicht zündete.

Heute hat die ÖAW die Größe eines Mittelbetriebes mit beinahe 200 wirklichen Mitgliedern und rund 1.000 wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen. Sie ist die größte Forschungseinrichtung Österreichs außerhalb der Universitäten und besitzt in wissenschaftlichen Streitfragen eine Schiedsrichterrolle. Zu ihrem Jubiläum legt sie der Öffentlichkeit auf 2.000 Seiten in drei opulenten Bänden, herausgegeben vom hauseigenen Verlag, ihre Geschichte vor, in der sie von Glanzzeiten und Zeiten der Krise berichtet und auch die dunklen Jahre der NS-Zeit im Kontext der Akademien des Dritten Reiches nicht ausklammert. Positiv schlägt zu Buche: 69 Mitglieder haben den Nobelpreis erhalten.

Seit ihrer Gründung werden neue Mitglieder auf Vorschlag der bisherigen zugewählt. Diese institutionelle Verfassung und die frauenfeindliche Grundhaltung in der Wissenschaft erklärt, dass es mehr als hundert Jahre dauerte, bis das erste weibliche Mitglied 1963 in die Akademie aufgenommen wurde. Mittlerweile gibt es rund 30 Frauen.

Aber auch nach der Jahrtausendwende gibt es ein Echo aus längst vergangen geglaubten Zeiten: Die international renommierte Molekularbiologin Renée Schroeder und der Ökonom Gunther Tichy traten 2012 unter Protest aus der ÖAW aus. Renée Schröder, die selbst erst 2003 als zweite Frau Mitglied der ÖAW geworden war, begründete ihren Schritt wie folgt: »Aus Solidarität mit jenen exzellenten Wis-senschaftlerInnen, denen es wegen ihres kulturellen Hintergrundes oder ihrer politischen Einstellung nicht möglich ist, Mitglied dieser Gesellschaft zu werden, lege ich meine Mitgliedschaft zurück.« Der Hintergrund war, dass die Sprachforscherin Ruth Wodak, die bereits korrespondierendes Mitglied war (korrespondierende Mitglieder können – nach einem Scherz, der in der ÖAW kursiert – zum Unterschied zu den wirklichen Mitgliedern Lesen und Schreiben), nicht zum wirklichen Mitglied gewählt wurde und danach die Akademie verließ.

Verjüngungskuren

Das Durchschnittsalter der Mitglieder ist permanent angestiegen, derzeit liegt es bei 75 Jahren. Ein statistischer Trick ermöglichte ab 1971 eine formale Verjüngungskur. Mitglieder über 70 werden nicht mehr mitgezählt.

Seit 2007 wurde eine institutionelle Neuerung eingeführt, die früher ganz undenkbar war: Die Junge Akademie (damals: Junge Kurie) wurde gegründet. Aus dem Kreis von Nachwuchs-Wissen-schaftler*innen wurden 70 Personen in die Junge Akademie gewählt, allerdings habe sie laut Betriebsrat »keinen Sitz im Präsidium (der ihr bei der Gründung versprochen worden war) und […] kein Wahlrecht bei den wirklichen Mitgliedern, was die wesentlichen Mitspracherechte der ÖAW sind.«

Betriebsrat verschwiegen

Auch wenn ein unvoreingenommenes Team von Forscher*innen die Texte zur jüngsten Akademiegeschichte verfasst hat, spiegeln sich doch in der Auswahl und Betonung der Inhalte die herrschenden Tendenzen in den Leitungsorganen der Akademie wider. Ich selbst hatte ab 1970 zwanzig Jahre lang Gelegenheit, die Entwicklung der Akademie von innen mitzuerleben. Ich setzte mich gemeinsam mit einer parteiunabhängigen Liste erfolgreich für die Gründung eines Betriebsrates ein, war später selbst Betriebsrat und eine Zeit lang Betriebsratsvorsitzender. Damals herrschten nicht nur paternalistische und ziemlich konservative Leitungspersonen, auch der Ungeist des Nationalsozialismus war noch nicht ganz verschwunden. Dennoch konnten wir eine Betriebsvereinbarung abschließen und mehrere Arbeitsgerichtsprozesse gewinnen, die der Akademie einiges Geld kosteten. Aber die Revanche ließ nicht lange auf sich warten. Ich denke, ich war einer der wenigen unter den Angestellten der Akademie, der in 15 Jahren keine außertourliche Gehaltserhöhung erhalten hatte. Darüber hinaus wurde meine Ernennung für die Position eines Institutsdirektors durch General sekretär Werner Welzig verhindert, der mir unter vier Augen sagte: »Ein Marxist wird bei mir in der Akademie nix!«

Es ist schon seltsam, dass in der neuen historischen Selbstdarstellung der Betriebsrat der Akademie keine Erwähnung findet, obwohl die ÖAW laut eigener Homepage »als Österreichs führende außeruni-versitäre Institution für Wissenschaft und Forschung für gesellschaftlichen Diskurs« steht. Der Betriebsrat äußerte sich aus Anlass der Feierlichkeiten um das 175-Jahr Jubiläum, das mit umfangreichen und eindrucksvollen Renovierungsarbeiten im Zentrum Wiens verbunden war: »Die Arbeitsplatzsituation zahlreicher Mitarbeiter*innen hat sich … durch die Übersiedlungen und Umbauten verschlechtert: Die Büroräume sind so dicht belegt, dass konzentriertes Arbeiten erschwert wird. Auch gibt es zu wenig Platz für Bücher und anderes Arbeitsmaterial. Labore und Werkstätten verfügen über kein natürliches Licht. Bibliothek und Tiefspeicher sind nicht über einen durchgehenden Lift verbunden, Bücher und Archivalien können daher nur über Umwege in den Lesesaal gebracht werden. Für – auch in Zeiten der Digitalisierung – notwendige Zuwächse in Bibliothek und Archiv ist platzmäßig nicht vorgesorgt. […] Es ist unklar, wie sich die ÖAW in diesen Räumlichkeiten weiter entwickeln kann, die bereits jetzt kaum ausreichend Platz für das derzeit beschäftigte Personal bieten. Dies erschwert die unbedingt notwendige und immer wieder geforderte Einwerbung von Drittmitteln und macht die Akademie für exzellente Forscher*innen weniger attraktiv.«

Man kann nur hoffen, dass mit dem designierten Präsidenten, dem ehemaligen Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungsminister Heinz Fassmann, in die ÖAW ein für gesellschaftliche Fragen offeneres Klima einzieht. Er sollte wissen, was er tut. Schließlich war er im Lauf seiner Karriere viele Jahre an der Akademie angestellt.

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Schulgeschichten von Maria Lodjn, Franziska Haberler und Jonathan Herkommer

Beim Betreten des hellen, lichtdurchfluteten Schulgebäudes begrüßt mich eine geräumige Aula mit einladenden Sitzflächen und viel Grün. Die Wände dokumentieren die unterschiedlichsten Projekte der Schüler*innen. Mit mir strömen mehrere Schüler*innen ins Gebäude. Die meisten Schüler*innen kämen eine halbe Stunde früher, erzählt jemand von der Schulleitung. Viele würden sich am Buffet ein kostenloses Frühstück holen, zum Lesen oder Social Media Update in die Bibliothek gehen bzw. sich mit ihren Freund*innen für eine Runde Tischtennis oder zum Austausch über den neuesten Gossip treffen. Mein wandernder Blick erheischt einige dieser gerade mitgeteilten Momente. Großzügige Aufenthaltsräume und -plätze mit verschiedenen Sitz- und Liegemöglichkeiten laden zum Verweilen, Arbeiten und Zusammensein ein.

Architektonisch orientiert sich das Gebäude nicht mehr an vielen, hermetisch abgeschlossenen, ehemals Klassenzimmer genannten Räumen. Vielmehr gibt es fachbezogene Räume. Diese sind mit den entsprechenden Utensilien ausgestattet und werden von den Schüler*innen aufgesucht, wenn sie sich mit dieser Thematik beschäftigen wollen. Dieselben weisen keine Reihe von Tischen und Stühlen auf, sondern sind mit Tischinseln und diversen Sitz- und Arbeitsmöglichkeiten ausgestattet. Je nach Bedarf gibt es so genug Platz für Einzel- bzw. Gruppenarbeiten. Wo gearbeitet wird, ist den Schüler*innen offen gelassen. Des Weiteren ist jeder der Räume mit dem höchsten Stand der Technik ausgestattet und verfügt über vielfältiges Arbeits- und Bastelmaterial, sodass keiner Gestaltungskreativität Einhalt geboten ist. Räume und Gebäude ohne PCs, Tablets und Beamer oder gar WLAN sind unvorstellbar.

Neben der Raumgestaltung hat sich auch der sogenannte Stundenplan verändert. Während der Vormittag überwiegend mit Lernsettings des Sach- und Fachunterrichts aufgebaut ist, schreiben sich die Schüler* innen nachmittags, nach einem gratis Mittagessen aus lokalen und biologisch angebauten Nahrungsmitteln, für Kurse ein. Diese können je nach Interesse sowie Neugier und für die Länge eines Semesters ausgewählt werden. Das Angebot reicht von vielfältigen Sportaktivitäten über Theater und Kunst bis hin zu Vertiefungskursen des Sach- und Fachunterrichts als auch Gartenbau und landwirtschaftlichen Kursen. Selbige sind nicht nach Geschlecht oder Alter getrennt und werden selbstredend von einem diversen Team organisiert und betreut. Das viel zu lange andauernde in Reih und Glied sitzen und vorgekauten Stoff konsumieren ist passé. Heutzutage entscheiden die Kinder und Jugendlichen mit welchen Inhalten und mit welchen Schwerpunkten sie sich im Semester auseinandersetzen wollen. Diese Kurse lassen sich jedes Semester neu wählen. So können unterschiedlichste Eindrücke gewonnen werden. Gleichzeitig können bei Fortführung Vertiefungskurse belegt und so ein immer größeres Expert*innenwissen aufgebaut werden.

Der Schulort ist ein Ort der gelebten Demokratie. Die Leitung besteht aus einem gewählten Team, das sich die Aufgaben und Verantwortlichkeiten untereinander aufteilt. Unterstützt werden sie von einem personell ausreichend ausgestatteten Büro und Administration. Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen, die ausschließlich unserem Standort zugeteilt sind, ergänzen die psychosoziale Infrastruktur der Schule. Das Team stellt sich nach jeder Periode zur Wiederwahl. Schulinterne bewerben sich um Positionen innerhalb der Schule. Eltern und Schüler*innen haben eine jeweilige, gewählte Vertretung. Das Schulparlament trifft sich einmal im Monat zu Sitzungen und Abstimmungen zu Schulangelegenheiten. Da mittlerweile nur noch eine 25 Wochenstunde vorherrscht, Lehrer*innen mehrsprachig sind sowie Simultanüberstetzungen selbstverständlich sind, haben Eltern Zeit und Sprachbarrieren als Ausschlussmechanismus gehören der Vergangenheit an.

Kommen Sie näher und staunen Sie

Die Lernstation »Design your Life« ist heute gut besucht. Über 20 Kinder und Jugendliche arbeiten altersübergreifend an ihrem persönlichen »Sinn« des Lebens. Dazu haben die Lernbegleiter*innen verschiedenes Material und Modelle vorbereitet. Intensiv besucht ist auch der Exchange Room, der völlig selbstverständlich in mehreren Sprachen gleichzeitig stattfindet. Schüler*innen tauschen sich hier nach klassischen Regeln des radikalen Respektes miteinander aus, präsentieren Ideen und suchen Unterstützung und Feedback. Die mehrsprachigen Lernbegleiter*innen, die den Exchange Room moderieren, können selbst auch beitragen. Im Rahmen ihrer Ausbildung haben sie die üblichen Sprachstudien gemacht, sprechen mindestens zwei Fremdsprachen, wovon eine nicht europäischer Herkunft ist und kamen somit auch in den Genuss, eine völlig fremde Schrift zu erlernen. Im Rahmen ihres Auslandssemesters durften sie selbst im außereuropäischen Ausland leben, arbeiten und die Erfahrung machen, wie man sich in einer fremden Kultur, Schrift und Sprache zurechtfindet. Diese Erkenntnis ist obligatorisch, wenn man in Wien an einer Schule mit multiethnischer Schüler*innenschaft arbeiten möchte und hilft immens, sich in die Kinder und Jugendlichen, die ganz selbstverständlich altersübergreifend unterrichtet werden, hineinzuversetzen. Längst sind überall Videodolmetscher*innen implementiert, um die Zusammenarbeit mit den Eltern zu erleichtern und vor allem, um das Defizitgefühl der Eltern aufzufangen, wenn sie die deutsche Sprache nicht beherrschen. Schon lange verlangt man nicht mehr die deutsche Sprache von den Zugewanderten, sondern sieht die multilinguale Kommunikation als eine große Bereicherung für diese schon immer mehrsprachig gewesene Stadt. Zu wichtig sind die Qualifikationen und Kompetenzen, die Menschen aus anderen Ländern in diese Stadt bringen, als dass man diese monate- und jahrelang mit ineffizienten Deutschkursen schikanieren muss. Da der Druck nun weg ist und »das Eintrittsticket in die Gesellschaft« wegfällt, kommt die gemeinsame Sprache sowieso. Die Ghettoisierung hat sich durch die Gesamtschule weitestgehend aufgehoben, alle Kinder werden nun von gleich gut ausgebildeten Lehrkräften auf ihrem Lernweg begleitet und unterstützt.

Teamteaching ist Teil der Ausbildung und über das reine Vermitteln von Unterrichtsstoff im Frontalformat lacht man heute, im Jahr 2049, oft noch herzlich in den gemeinsamen Lernbegleiter* innen- und Lerner*innenräumen bei einem selbstgezüchteten Kombucha. Fächer gibt es schon lange nicht mehr, ebenso wenig wie zeitlich durch eine Klingel begrenzte Stunden und Noten, um das Wirken der Kinder zu bewerten. Schulangst ist aus dem Duden gestrichen und die Bewerbung um den beliebten und gesellschaftlich geachteten Lehrberuf ist langwierig und komplex. Dass Bildung einst vererbt wurde, kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Wir leben in einem Land, wir arbeiten in einer Stadt, die sinnvoll in Bildung investiert und entsprechende Ergebnisse dafür erhält.

Wagen Sie einen Blick in die Kristallkugel

Gleich neben dem Lernbüro meiner Kollegin sitze ich mit sieben Schüler*innen um einen Tisch. Ayse hat heute ein Zeugnis ihrer Großmutter mitgebracht. Weil Ayse lieber in ihrer Erstsprache türkisch kommuniziert, ist eine Kollegin an ihrer Seite, die bei Bedarf übersetzt. Eigentlich würden wir die Kollegin gar nicht brauchen, weil alle Schüler*innen und ich zurzeit gemeinsam Türkisch lernen. Aber sie geht lieber auf Nummer sicher.

Das Zeitdokument Zeugnis liegt vor uns. »Damals gab es noch Noten«, erzählt Ayse. »Noten? So wie in Musik?«, fragt Ella erstaunt. »Haben die dann das Zeugnis ihren Eltern vorgesungen?«, kichert Mansur. »Was wurde dann benotet? Und wie soll das gehen?«, staunt auch Elvetiano. Die Augen meiner Schüler*innen werden immer größer. »Meine Oma hat erzählt, dass sie meistens dann gute Noten bekommen hat, wenn sie still auf ihrem Platz gesessen ist, und schön geschrieben hat. Und dass sie, nachdem sie gelernt hat, immer alles gleich vergessen hat. Und dass vieles, was sie lernen musste, gar nichts mit ihrer Welt zu tun hatte.« Ayse ist in ihrem Element. Sie ist sprachlich extrem begabt, und liebt es, wenn sie vor allen reden kann. Elena lacht mich an und sagt: »Würdest du mir also eine Eins geben, wenn ich das nächste Mal nichts verstanden habe, aber dafür mit meiner schönsten Schrift brilliere?« Kluges Mädchen, denke ich mir. Sie ist graphisch eine der Besten. Mansur hat lange nichts gesagt, aber jetzt bringt er sich in die Diskussion ein. »Wozu oder warum gab es die Noten überhaupt?« Ich versichere mich zuerst, ob nicht ein*e Schüler* in darauf antworten will. Das gehört auch zum Lernkonzept 2050. Expert*innen sind nicht wie selbstverständlich die Lehrer*innen, Vorrang haben die Schüler*innen. Nachdem keiner antworten möchte, erkläre ich den Begriff Leistungsgesellschaft. Diese hat längst ausgedient, zum Glück. Und als ich sage, dass in dieser Gesellschaftsform die Ansicht vorherrschte, dass es jede*r, der oder die wollte es schaffen würde, ein tolles Leben zu führen, unterbricht mich Mansur entrüstet. »Blödsinn. Das kann gar nicht gehen. Meine Großeltern haben immer gearbeitet, aber als sie dann in Pension gingen, waren sie arm. Sie hatten auch kein Geld, um zum Beispiel meinem Vater Nachhilfe zu bezahlen. Nachhilfe war so, dass du nach der Schule noch Privatunterricht bekommen hast. Weil die Schule es nicht geschafft hat, dir etwas beizubringen.«

»Aber, gab es in diesen Zeiten keine Lehrer*innen, die Noten und Leistungsgesellschaft kritisch betrachtet haben?« »Und das haben sich alle gefallen lassen?« »Und, war es wirklich so, dass viele Schüler*innen Angst hatten in die Schule zu gehen?« Ich sehe, diese Einheit wird heute länger dauern. Immer mehr Fragen kommen auf. Viele, die ich nicht so leicht beantworten kann. Auch ich brauche eine Expertin oder einen Experten. Zum Glück sind Schulen im Jahr 2050 perfekt vernetzt. Eine Historikerin und Wirtschaftsfachfrau steht uns in einem Videochat Rede und Antwort. Nach drei Stunden, natürlich mit Pausen, verlassen die Schüler*innen das Lernbüro, nur Ella bleibt zurück. »Sag, wann hat dieses Umdenken eigentlich stattgefunden?«, will sie wissen. »Das war ein paar Jahre nach der Corona-Krise.« »War das diese Pandemie? Können wir morgen darüber reden?«, fragt sie mich. »Gerne. Ich glaube, meine Großmutter hat in der Zeit sehr viel darüber geschrieben«, antworte ich.

Maria Lodjn, Franziska Haberler und Jonathan Herkommer sind Lehrer*innen in Wien und im Redaktionsteam von Schulgschichtn. Der Text erschien im Juni 2021 auf schulgschichtn.com in der Rubrik »Erfolgsgschichtn«.

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Fragen von Jan Niggemann

Bildung wird für viele wichtige Aufgaben angesprochen: Vorurteile und Diskriminierung abbauen, Menschen ohne Erbe sozial aufsteigen lassen, gegen rechten Populismus helfen usw. Bildung hat aber in der Form der Schulbildung die Funktion, bestehende Ungleichheit zu erhalten, Lebenschancen zu verteilen und nach zukünftigen Tätigkeiten zu sortieren. Zeit für außerschulische politische Bildung ist knapp. Vereine und Initiativen, die sie gezielt und kostenlos anbieten, haben knappe oder keine Budgets, werden nicht gefördert oder nur sehr selektiv. Was bedeutet es, wenn eine Gesellschaft die wichtige und sozial unverzichtbare Arbeit kaum oder schlecht bezahlt, während sie sie lobt, so lange Ruhe herrscht und es nichts kostet?

Diese komplexen, gewollt emanzipatorischen Prozesse sind langwierig: Lernen, bilden, erziehen, fürsorglich und unterstützend oder assistierend da sein lohnen sich für Menschen, aber nur bedingt für den Markt. Dennoch boomen Privatschulen, Nachhilfe, Coachings und Beratungen oder Tutorials auf youtube, tiktok oder insta. Der Bedarf ist riesig, die Bezahlung ein Witz. In der Hochschule werden massenhafte Befristungen zur neuen Normalität, so dass sich ohne sachlich-inhaltliche Begründung alle paar Monate die Karrieren und Lebensläufe statt dem Forschungs- oder Lernprozess zu folgen, einer abstrakten Konkurrenz also einer konkret unplanbaren Situation anpassen müssen. Bildung wird zur Ware, die Orte ihrer Vermittlung oder Ermöglichung werden zum Markt oder dem Zufall überlassen.

Andererseits hält diese Zwangslage, weil diejenigen, die im Bildungsbereich arbeiten, die Lücken mit Engagement, Idealismus, Mut und Fleiß tragen, also Mittragen, auch ohne angemessene symbolische oder materielle Aufwertung. Das Gefühl, etwas Gutes und Sinnvolles zu tun, ist sicher angenehmer, als Ohnmacht und wenige Spielräume zu erkennen. Dennoch beschleicht einen das Gefühl, dass genau dort die Falle zuschnappt. Und es stimmt, wenngleich auch nicht ganz. Denn so sehr Bildung zur Dienstleistung wird, widerstreben ihre Unplanbarkeit und Eigentümlichkeit sowie die Interessen und Wünsche der an ihr Beteiligten auch ihrer kompletten Vereinnahmung.

Bildung ist nicht neutral

Denken hat die Aufgabe, die Alternativlosigkeit von Gegenwart und das Erbe der Vergangenheit nicht als Perspektive der Ohnmacht, sondern des Möglichen (dabei überschreitenden) zu entwerfen. Der italienische Journalist, Philosoph und Mitbegründer der sozialistischen und der kommunistischen Partei Italiens, Antonio Gramsci interveniert in die als Naturgesetz erlebte und empfundene Geschichte, indem er all die Gruppen adressiert, die bisher keine oder keine »gemeinsame« Zukunft erwartet, gedacht oder geplant haben und stellt sich gegen jede Form von »Schicksalsgemeinschaft«. Mit und durch Bildung können sich Menschen selbst in die Geschichte einmischen lernen, sich selbst als denkende und fühlende individuell-kollektive Wesen kennenlernen, die »ohne Inventarvorbehalt« die Spuren der Gewalt und Herrschaft in ihnen und zwischen ihnen kennen lernen wollen. Nicht um sie zu leugnen, sondern mit ihnen Bündnisse, Lernprozesse und Kämpfe zu ermöglichen, in denen sie sich und die Welt verändern. Strukturen und Beziehungen zu sich selbst und untereinander sind nicht abstrakt, aber wirken unsichtbar. Menschen können selbst Erkenntnis- oder Beherrschungsobjekte sein und Objekte das Ergebnis subjektiver Tätigkeiten anderer: »Der Mensch ist zu begreifen als ein geschichtlicher Block von rein individuellen, subjektiven Elementen und von massenhaften, objektiven und materiellen Elementen, zu denen der Mensch eine tätige Beziehung unterhält.« (Gramsci) Das Wesen des Menschen liegt nicht in einem authentischen Kern, sondern in der Gesellschaftlichkeit, die Gramsci auch als »Konformismus« bezeichnet. Was einen Menschen als einzigartiges Individuum ausmacht, ist ein tätiges Dasein. Menschen sind ein Knotenpunkt sozialer Mehrfachzugehörigkeiten, sie gehören gleichzeitig vielen Gruppen an. Das gesellschaftliche Wesen des Menschen ist so widersprüchlich wie seine Existenzbedingungen, seine Geschichte und Situation.

Alle Menschen machen die Welt

Gesellschaftliche Widersprüche durchziehen die Geschichte und zeigen sich als Zerrissenheit des Menschengeschlechts durch Arbeitsteilung und Besitzungleichheit, in der Fragmentierung der Subjekte, ihrer Seelen, Körper und Gedanken, aber auch in der manchmal uneindeutigen Zugehörigkeit und Zuweisung zu verschiedenen sozialen Gruppen. Solche Spaltungen drücken sich in der Einsetzung von Gegensätzen aus: von Stärke und Schwäche, intellektuell und manuell, Kognition und Emotion und vielen weiteren. Wenn aber Spaltungen Ergebnisse sozialer Ungleichheit sind, müssen sie historisch verstanden werden, um ihre Wirkmächtigkeit aufzuschlüsseln und den Zweck, den sie für die Interessen bestimmter Gruppen erfüllen. Es genügt nicht, sie als Tatsachen zu sehen oder als menschliche Natur. Es gibt keine Konflikte außerhalb der Hierarchien von Gruppen. Sich selbst erkennen und die eigene Lage verstehen, das lernt niemand in der Schule oder eben gerade. »Diese Verhältnisse sind nicht mechanisch. Sie sind tätig und bewusst, d. h. sie entsprechen einem größeren oder geringeren Grad des Verständnisses, das der Einzelmensch von ihnen hat. Daher kann man sagen, dass jeder in dem Maße selbst anders wird, sich verändert, in dem er die Gesamtheit der Verhältnisse, deren Verknüpfungszentrum er ist, anders werden lässt und verändert.« (Gramsci) Das tätige Verhältnis, das Menschen zu ihren Verhältnissen eingehen, zeigt ihren sozialen Charakter und nicht der Status. Ihre Abhängigkeit in der Organisation des Zusammenlebens stellt die Idee einer Individualität als autonomer Existenz unabhängig von anderen radikal in Zweifel.

Der Mensch stehe in einem Austausch mit seinem Selbst, der Welt und den Anderen, einer Tätigkeitsbeziehung zu den anderen Menschen und der Ordnung der Dinge. Das schließt die Gleichzeitigkeit von Individualität und Kollektivität, von Vergangenheit und Gegenwart mit ein. So können sie durch die Kritik an der Aneignung und Umgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse »in einen Prozess der sozialen und kulturellen Selbstpotenzierung« (Merkens) eintreten, indem sie Möglichkeiten sehen und ergreifen. Und selbst zu anderen werden. In der diskreten Poesie der Sprache von Gramsci: »Die Außenwelt, die allgemeinen Verhältnisse zu verändern, heißt sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln.« Selbstveränderung, die sich ohne die Veränderung der Bedingungen, unter denen sie stattfindet, vollzieht, muss dementsprechend noch keine Selbstpotenzierung sein. Sie wird es erst, wenn Menschen über die Fortsetzung oder Rücknahme dieser Entwicklung selbst verfügen. Gramsci bezeichnet die menschliche Selbstpotenzierung in Veränderung der Umstände als explizit politisch-pädagogischen Prozess, weil sie die Entwicklung der Persönlichkeit an die Entwicklung gesellschaftlicher Umstände knüpft. »Daher kann man sagen, dass der Mensch wesentlich politisch ist, denn die Tätigkeit zur bewussten Umformung und Leitung der anderen Menschen verwirklicht seine ›Menschlichkeit‹, sein ›menschliches Wesen‹.«

Vom Fühlen zum Verstehen zum Wissen

Die schwierige Aufgabe, in der die Hoffnung auf Bildung steckt, ist es also all die Verbindungen und Zusammenhänge zu verstehen, wo andere Prinzipien, Wesen oder Schicksal sagen. Das geht nicht, wenn Denken, Fühlen und Handeln gegeneinander ausgespielt oder voneinander isoliert werden. Autonomie ist selbst ein Ergebnis von Herrschaft: die Freude über Autonomie bleibt allen anderen im Halse stecken. Emotionen haben eine »erkenntnisleitende Funktion«, sie sind Bewertungen von Zuständen und Situationen, die man erstmal verstehen und deuten muss. Das zu Beginn erwähnte Denken als individuelle und kollektive Suche nach den Möglichkei-ten einer Situation, einer Zeit eines Raumes, einer Politikform bedeutet dann nicht, aus jeder Ruine ein Schloss zu bauen, sondern die Grenzen des Möglichen als Begrenzungen durch Machtverhältnisse erkennen zu lernen, inklusive der eigenen Umgangsweisen mit Emotionen als widersprüchliche Verbindung zu den gesellschaftlichen Bedingungen.

Double Binds und Dilemmata

Pädagogische Autorität ist eine mögliche Umgangsweise, in der Menschen anderen zeigen, wie mit dieser widersprüchlichen und überdeterminierten Ausgangslage umzugehen ist. Darin wird Bildung als offener Möglichkeitsraum begriffen, in dem die Verstrickung mit der Herrschaft als gewordene Tätigkeitsbeziehung so untersucht wird, dass individuelle und gesellschaftliche Perspektiven durch kollektive, solidarische Sorgebeziehungen entstehen, die die Abhängigkeiten voneinander nicht leugnen. Das eigene Inventar der Überzeugungen, des Glauben, der emotionalen Zugehörigkeiten benötigt Umgangsformen und auch Bildungsformate, die unterstützend sein sollen und Konflikte nicht vermeiden, sondern austragen. Und das ist gegen machtvolle Bedingungen schwierig. Dazu brauchen wir einander mehr denn je. Und um noch einmal wegzugehen von den Einzelnen: ermöglichen die Bildungsinstitutionen Räume und Möglichkeiten, neue Koopera tionsformen zu finden, zu üben und sich gemeinsam den Herausforderungen einer verschwindenden Zukunft zu stellen? Wie kommt das Volk in die Volkshochschulen und wie hoch sind die Hürden der Schulen? Wie lange möchte sich ein Bildungssystem leisten, nach marktkonformen Kriterien zu funktionieren, die Zeit, Potentiale und Energie der in ihr Arbeitenden vergeuden und mit den Ressourcen umgehen wie Bolsonaro mit dem Regenwald? Schließlich kommt keine Erziehung ohne Zwang aus. Am Ende ist auch für die im Bildungsbereich Tätigen eine offene Frage, wer die Erziehenden bildet und wo die Grenzen sind, wo Erziehung, Bildung, Lernen und Sorgen vernünftig bezahlt, höher geschätzt und ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens rücken. Es gibt keine Zukunft ohne Sorge um die Zukünftigen.

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Von Phili Kaufmann

Vor mehr als zwei Jahren gingen tausende Schüler*innen für eine klima-gerechte Zukunft auf die Straße. Man konnte die Wut auf die Regierung, aber auch die Entschlossenheit und Zuversicht, die Welt verändern zu können, förmlich spüren. Doch wenn man das Fazit heute zieht, ist die Realität mehr als ernüchternd. Zehn oder elf weltweite Klimastreiks später – man hat schon lange aufgehört zu zählen – steuern wir weiterhin direkt auf die Klimakrise zu. Fossile Großprojekte in Millionenhöhe, wie die der Stadtstraße, werden weiter mit aller Gewalt, die nötig ist, durchgesetzt. Doch ist die Klimakrise nicht die einzige Krise, in der die Regierung versagt(e). Als die Corona Pandemie die Welt das erste Mal stillstehen ließ, waren es Schüler*innen und Student*innen, die ohne einen Plan nach Hause geschickt wurden. Monatelanger Online-Unterricht, kein langfristiger Plan und gleichbleibender Leistungsdruck gehörten fast zwei Jahre lang zum Alltag der Schüler*innen und Student*innen. Wer in der Zeit keinen eigenen Laptop besaß oder sich um jüngere Geschwister kümmern musste, war mit seinen*ihren Problemen auf sich alleine gestellt. Bis heute sind die sozialen Ungleichheiten, die die Pandemie noch weiter aufgerissen hat, spürbar. Kein Wunder, dass die jungen Menschen, die seit Jahren unermüdlich für sich und ihre Zukunft kämpfen, langsam frustriert sind. Doch genau in dieser schwierigen Zeit gründete sich etwas Neues.

Klima, Feminismus, Schule

Im Frühling 2020 rief der Jugendrat das erste Mal zu einer Versammlung in der Marx-Halle auf – circa hundert Menschen kamen. Seitdem hat sich durch die junge Organisation so Einiges verändert. Der Jugendrat versteht sich selbst als eine unabhängige, linke und feministische Jugendorganisation, die sich mit sozialen und klimabezogenen Konflikten beschäftigt. Gehört hat man den Namen wohl vor allem in Verbindung mit »LobauBleibt«, wo der Jugendrat von Beginn an gemeinsam mit der Gründerin und Sprecherin Lena Schilling eine tragende Rolle im Kampf spielte. Er war es, der noch vor allen anderen, im Frühling 2021 die Besetzung der Lobau ankündigte, sollte das Lobau-Projekt tatsächlich verwirklicht werden. Doch der Jugendrat ist sehr viel mehr als »LobauBleibt«. In seinen drei Themenbereichen, Klima, Feminismus und Schule werden ständig Kämpfe auf der Straße in der Schule oder Uni ausgefochten. Was den Jugendrat wohl am stärksten von den meis-ten Jugendorganisationen in Österreich unterscheidet, ist das Alter der Mitglieder. Denn man findet hier wirklich vor allem Schüler*innen. Was fast schon eine Seltenheit ist, in der sehr stark von Studierenden geprägten Organisationslandschaft. Doch genau das ist die Grundessenz des Jugendrats – jungen Menschen eine Stimme und Handlungsmöglichkeit geben. Dezentral werden seit der Gründung in Wiener Schulen unabhängige Schüler*innen-Komitees aufgebaut. Ein Startpunkt für junge Menschen, die politisch aktiv werden wollen. Egal ob es darum geht, Konsequenzen für einen sexistischen Lehrer einzufordern oder gemeinsam mit der ganzen Schule zum nächsten Streik zu gehen, die Schüler*innen-Komitees arbeiten in Schulen, aber auch schulübergreifend. Sie sind das linke, unabhängige Pendant zur AKS und der Schülerunion, an dem sich jede*r beteiligen kann der*die wirklich was verändern will.

Für alle, die sich die Frage stellen, warum es den Jugendrat braucht, gibt es eine ganz einfache Antwort. In der heutigen Zeit fühlen wir uns oft überwältigt und machtlos gegen die Probleme der Welt. Junge Menschen, um deren Zukunft es ja eigentlich geht, haben am wenigsten Mitspracherecht. Zusammen werden wir das verändern! Wir nehmen ab jetzt unsere Zukunft selber in die Hand.

Phili Kaufmann ist eine junge, feministische angehende Journalistin, Fotografin und Sprecherin des Jugendrats. In den letzten Jahren hat sie in Österreich soziale und Klimagerechtigkeits-Bewegungen begleitet und mitgeformt. Durch Texte und Fotografien versucht sie die Kämpfe zu verewigen und Menschen näher zu bringen.

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Beobachtungen aus Moskau von Katja Woronina

Russlands politisches Machtsystem sieht vor, dass keine politische Bewegung, Partei oder andere gesellschaftlichen Zusammenhänge dem Staatsapparat gegenüber Konkurrenz bieten dürfen. Wer eine eigenständige Agenda verfolgt, geht gewisse Risiken ein, ist gezwungen Grenzen des Erlaubten auszutesten oder sich unterzuordnen, um im vorgegebenen Rahmen zu agieren. Diese Prämisse trifft auch auf die russische extreme Rechte zu. Selbst in Fällen, wo sich Interessen decken, bleiben Handlungsspielräume begrenzt. Zwar wäre es verkehrt von einer stringenten ideologisch motivierten Vorgehensweise der russischen Führung oder gar einer kohärenten Ideologie zu sprechen. Dabei setzt sie spätestens seit Wladimir Putins Rückkehr ins Präsidentenamt 2012 durchaus zunehmend auf traditionalistische und konservative Wertvorstellungen bis hin zu faschistischen Elementen. Theoretische Vorgaben liefert der Philosoph und Vordenker des russischen Faschismus Iwan Iljin.

Mit der Perestroika und der damit einhergehenden Meinungsfreiheiten erlebte die russische extreme Rechte einen Aufschwung. Aus der Russischen Nationalen Einheit, kurz RNE, ging ein Großteil der von vielfältigen Spaltungen und Konflikten geprägten rechten Organisationen und Zusammenhänge hervor. Während sich in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken – vor dem Hintergrund der Distanzierung zur Moskauer Zentralregierung und der neuerworbenen staatlichen Unabhängigkeit – nationale Identitätsprozesse abspielten, gestaltete sich die Idee von der Schaffung eines russischen Nationalstaates weitaus komplizierter.

Russischer Nationalstaat versus Vielvölkerimperium

Letztlich gibt es ihn bis heute nicht. Russland ist gleichzeitig ein Produkt kolonialer Großmachtbestrebungen und dessen Teilzerfalls bei Erhalt einer Vielzahl von Ethnien und autonomer Teilrepubliken bestimmter nationaler Minderheiten. In der extremen Rechten findet sich dementsprechend ein breites Spektrum an Haltungen und Zielstellungen wieder. Ein grundsätzlicher Scheidepunkt macht sich daran fest, ob der imperiale Charakter Russlands im Vordergrund steht oder aber der Versuch eine russisch-nationalistische Definition anzuwenden ist. Dazu kommen unterschiedliche Vorstellungen von Staatlichkeit – von der Monarchie bis hin zu einer national-demokratischen Staatsform – und natürlich die Einstellung zur orthodoxen Kirche oder die komplette Ablehnung von Religion wie bei heidnischen Neonazis.

Trotz aller Differenzen fanden sich lange Zeit organisationsübergreifend tausende Rechtsradikale zum sogenannten Russischen Marsch ein. Anlass dafür bot der 2005 ins Leben gerufene Tag der Volkseinheit, der am 4. November begangen wird und als Alternative zum 7. November gedacht war – dem ehemaligen Tag der Oktoberrevolution. Einerseits entledigte sich die Regierung damit eines missliebigen, symbolträchtigen und an soziale Werte appellierenden Feiertags, andererseits war dieser Schritt auch eine Reaktion auf die sogenannte Orangene Revolution in der Ukraine. Rechtsextreme Bewegungen und die Neonaziszene erfuhren durch die legalen alljährlichen Aufmärsche einen enormen Aufschwung und betrachteten dies als Signal, sich alle Freiheiten der Welt herausnehmen zu dürfen. Es war die Zeit, als Neonazis alljährlich Dutzende rassistisch motivierte Morde verübten und poli-tische Gegner*innen töteten. In Bezug auf die Ablehnung der Zuwanderung von Migrant*innen aus Zentralasien und dem Kaukasus trafen sich Rechte unterschied licher Couleur. Den öffentlichen Diskurs darüber bestimmten lange Zeit weitestgehend russische Nationalist*innen, die ihn anheizten, bis der Sicherheitsapparat nach Pogromen im Moskauer Stadtteil Birjulowo im Oktober 2013 dieses Thema zum Staatsmonopol erklärte. Letztlich war und ist der Umgang mit der extremen Rechten für die staatlichen Organe immer ein Balanceakt.

Aus politischen Loyalitätsbekundungen gegenüber dem Staatsapparat zogen viele Rechte Profit – sei es, dass sie ungestört agieren durften oder auch durch finanzielle Zuwendung. Einzelne, wie Dmitrij Rogosin, der einst den Block Rodina (Heimat) angeführt hat, von dem Fotos mit Hitlergruß existieren, und der bis Mitte der Nullerjahre den Kreml offen kritisierte, legten eine famose Karriere hin: Rogosin ist heute Chef der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos. Andere machten sich Hoffnungen und gerieten ins Abseits. Dmitrij Djomuschkin, über viele Jahre einer der führenden Figuren der rechten Szene, entwickelte sich vom überzeugten Nationalsozialisten zum traditionalistischen Nationalisten und saß zwi-schendurch im Gefängnis. Ilja Gorjatschew, politischer Kopf der »Kampforganisation russischer Nationalisten« (BORN), auf deren Konto etliche Morde gehen, sitzt eine lebenslange Freiheitsstrafe ab.

Neonazis als freiwillige Kämpfer gegen die Ukraine

Mit dem Jahr 2014 setzte in vielerlei Hinsicht eine Zäsur ein und führte zu neuen Konstellationen. Der überwiegende Teil der extremen Rechten unterstützte den sogenannten russischen Frühling und die separatistischen Bewegungen im Donbass. Ohne sich infolge mit eigenen Positionen profilieren und vom Mainstream sichtbar absetzen zu können, erblasste sie im öffentlichen Raum. Im Donbass kämpften damals etliche Freiwilligenverbände, denen sich neben diversen Neonazis auch Anhän-ger*innen der Nationalbolschewistischen Partei anschlossen. Djomuschkin mit seiner Bewegung »Russkije« bezeichneten hingegen den Maidan als Kampf gegen ein korruptes Regime und wertete die propagandistische Begleitung des russischen Frühlings als Versuch, Nationalismus als solchen und damit Nationalist*innen auch in Russland zu diskreditieren.

Der deutsche Bundesnachrichtendienst veröffentlichte Daten, wonach die russische extreme Rechte auch heute in den Kampf gegen die Ukraine involviert ist. Genannt wird die Russische imperiale Legion, ein Ableger der monarchistisch ausgerichteten Russischen imperialen Bewegung (RID), die ein offen rassistisches Weltbild vertritt. Anführer Denis Garijew erhielt in der Vergangenheit für weite Teile seiner Strukturen Aufträge aus dem russischen Sicherheitsapparat. Auch die Gruppierung Rusitsch wird genannt, 2014 entstanden und von dem notorischen Neonazi Aleksej Miltschakow aus St. Petersburg angeführt. Miltschakow hatte zwischenzeitlich offenbar für die Söldnertruppe Wagner in Syrien gekämpft, zumindest legt dies ein Foto nahe, auf dem er deutlich zu erkennen ist. Auch unter den Kriegskorrespondent*innen finden sich Neonazis wie beispielsweise der für die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti tätige Gleb Erwje.

Ein Teil der russischen Neonaziszene hegt allerdings weder Sympathien für die sogenannten Volksrepubliken im Donbass oder den Kampf gegen die Ukraine, noch befürworteten sie den Maidan von 2014. Sie werden angetrieben vom Hass auf Nicht-Weiße, auch auf Obdachlose. Für sie steht die individuelle mörderische Praxis an erster Stelle. Instrumentalisieren lassen sie sich durch den Staat auf eine andere Weise: Im Frühjahr erfolgte die Festnahme mehrerer Neonazis, darunter auch zuvor straffällige. Ihnen wird unter anderem ein Mordanschlag auf den wohl bekanntesten Fern-sehpropagandisten Russlands, Wladimir Solowjow vorgeworfen.

Katja Woronina ist freie Journalistin und lebt in Moskau.

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Wie eine – gar nicht so neue – Organisations form dabei hilft, Entscheidungen prinzipiell gemeinsam und mit großem Respekt für Minderheitenpositionen zu treffen.

Von Michaela Moser

Gute Entscheidungen in Gruppen leben von der Mehrperspektivität des Kollektivs. Einfach sind diese selten, besonders wenn Diversität und Meinungsvielfalt genauso geschätzt werden wie die gleichberechtigte Mitbestimmung aller Beteiligten. Ärger und Unzufriedenheit scheinen unvermeidbar. Entweder es nerven die sich im Kreis drehenden Diskussionen auf der Suche nach einem Konsens, oder es werden Minderheitenanliegen ignoriert und die in einer Mehrheitsentscheidung Überstimmten ziehen sich zurück, oder suchen nach alternativen Wegen, ihre Anliegen trotzdem umzusetzen. Einen möglichen Ausweg bietet die Soziokratie, die versucht als Organisations- und Entscheidungsform einen Weg zu gehen, dessen höchstes und unumstößliches Prinzip es ist, gemeinsam zu entscheiden.

Dabei ist als Grundsatz die Gleichwertigkeit aller Beteiligten von größter Bedeutung. Es geht darum, dass jede*r zu Wort kommt und für ihre*seine Position Anerkennung erfährt, dass auch Minderheitenpositionen nicht einfach überstimmt werden können, unterschiedliche Meinungen geschätzt und letztlich praktikable und für alle lebbare Lösungen gefunden werden.

Klingt nach Quadratur des Kreises, ist trotzdem möglich.

Konsententscheidung nach Kreisgespräch

Zentrale Rolle spielen dabei moderierte Kreisgespräche, in denen zunächst zum jeweiligen Thema alle notwendigen Informationen gesammelt werden. Danach werden in »Meinungsrunden« Stellungnahmen und Vorschläge aller Anwesenden gehört, dabei wird strikt in Kreisform gesprochen, das heißt eine Person spricht nach der anderen, ein zweiter Redebeitrag ist erst möglich, wenn alle einmal gehört wurden. »Bildformende« Gesprächsrunden nennt die soziokratische Kreismethode das und macht damit deutlich, dass es um die Entwicklung eines gemeinsamen Bildes bzw. Vorstellung von einer für alle akzeptablen Lösung geht. Dazu braucht es meist einige Runden, Offenheit für den Prozess und reichlich Geduld. Spezielles Geschick und Verantwortung kommt der Moderation des Gesprächs zu, die dafür verantwortlich ist, Argumente zusammen zu fassen und zu visualisieren, zum Aufeinander-Eingehen und zur Meinungsänderung zu animieren und schließlich den Moment zu erkennen, an dem ein Lösungsvorschlag reif zur Entscheidung ist.

Kristallisiert sich nämlich eine gemeinsame Lösung heraus, schlägt die Moderation diese zur Entscheidung vor und fragt den »Konsent« ab, d. h. sie fragt nach, ob es einen schwerwiegenden Einwand gegen den Vorschlag gibt. Ein solcher Einwand ist kein Veto im Sinne von persönlichem Geschmack oder gar Blockade. Er muss mit Bezug auf übergeordnete Organisations- und Gruppenziele genau begründet werden und nach Möglichkeit sollte dies auch gleich mit einem Alternativ-Vorschlag verbunden werden. Die Erfahrung zeigt, dass ein solcher Einwand oft etwas konstruktiv aufgreift, das übersehen wurde und somit zu einer besseren Entscheidung beiträgt. Gibt es einen schwerwiegenden Einwand, muss weiter nach einer Lösung gesucht werden, bis schließlich eine Entscheidung möglich ist, die – so der entsprechende soziokratische Slogan – »good enough for now und safe enough to risk« (gut genug für den Moment und sicher genug, um sie zu ris-kieren) ist. Auch »einfache Einwände« können in diesem Prozess deponiert werden, konkret bedeutet das, dass vorhandene Bedenken artikuliert und zu Protokoll gegeben werden können, diese aber die ausreichend gute Entscheidung nicht blockieren. Das ist oft wichtig, wenn – was in der Soziokratie üblich ist – die getroffene Entscheidung nach einer gewissen Zeit evaluiert und gegebenenfalls adaptiert wird.

Gefragt ist für soziokratische Konsententscheidungen folglich nicht die völlige Übereinstimmung aller Beteiligten, sondern das Erreichen von Akzeptanz. Alle müssen mit der vorgeschlagenen Lösung leben können. Niemand soll sie mit ihrem oder seinem Widerstand behindern, wie es der übergangenen Minderheit nach Mehrheitsentscheidungen oft nicht zu verdenken ist.

Offene Wahl, Kreisstruktur, doppelte Verknüpfung

Soziokratische Konsententscheidungen brauchen Gruppen in einer Größe, die die Beteiligung aller zulässt. Das können zwar auch bis zu 40 Personen oder mehr sein, für die Auseinandersetzung und Entscheidung detaillierterer Fragen aber braucht es kleinere Gruppen.

In der Soziokratie hat sich daher die Strukturierung in kleinere Arbeitsgruppen mit klar abgesteckten und autonom auszuführenden Verantwortungen bewährt.

Hier zeigt sich der Subsidiaritätscharakter der Methode und ihr Vertrauen in die Weisheit kleinerer Gruppen, die Entscheidungen in jenen Feldern oder zu jenen Themen, mit denen sie sich speziell beschäftigen, auch fürs große Ganze treffen können und sollen. Koordiniert und abgestimmt werden die Entscheidungen der einzelnen Kreise bzw. jene, die mehrere Kreise betreffen, in einem Koordinationskreis, der sich aus zwei Vertreter* innen jedes anderen Kreises zusammensetzt und als sogenannte »doppelte Ver-linkung« ein weiteres wichtiges Element der Methode darstellt.

Die offene soziokratische Wahl als zusätzliches Element besticht durch ein Vorschlagsprinzip und die Regel, dass prinzipiell jede Person für jede Leitungsaufgabe vorgeschlagen werden kann. Auch hier geht es um Argumente, diese sollen letztlich den Ausschlag geben und nicht eine einfache Stimmenmehrheit. Und es ist ebenfalls erwünscht, wenn in einer zweiten oder dritten Runde die Beteiligten ihre Meinung ändern, sich durch die Argumente der Vorredner*innen überzeugen lassen, dass vielleicht doch Person A für diese Leitungsfunktion noch besser geeignet ist als Person B. Ein wunderbarer Nebeneffekt besteht hier darin, dass alle Vorgeschlagenen, auch wenn sie letztendlich nicht gewählt werden, im Laufe des Prozesses viel Positives über sich hören und damit meist eine Vielzahl von Personen explizit ausgesprochene Anerkennung für ihre Qualitäten erfährt. Zum Zug, also in Leitungspositionen, kommen erfahrungsgemäß dann oft ganz andere Menschen als in anderen Verfahren, nämlich nicht diejenigen, die – aus welchen Gründen immer – stets die Ersten sind, wenn es darum geht, Aufgaben zu übernehmen, sondern jene, die das größte Vertrauen der Gruppe haben.

 

No dictatorship. Die Anfänge der Soziokratie.

Niedergeschrieben wurden die Grundzüge der Soziokratie erstmals unter diesem Namen in dem im Jahr 1945 vom niederländischen Ingenieur Kees Boeke veröffentlichten Manifest No dicatorship. Boeke war engagierter Quäker und Pazifist, hatte in den 1910er Jahren einige Zeit im Libanon und in Syrien Schulen aufgebaut und eröffnete 1926 gemeinsamer mit seiner Frau Elizabeth Cadbury eine beteiligungsorientierte Alternativschule in den Niederlanden.

Zentrales Anliegen war es, eine Alternative zu Entscheidungen nach einem Mehrheitssystem zu schaffen und eine Struktur zu entwickeln, die Allen Mitsprache garantierte. Inspiration und Basisregeln dafür bezogen sie aus der über 300jährigen Geschichte erprobter, egalitärer Entschei-dungsstrukturen der Quäker.

Gerard Endenburg, ein Schüler Boekes, entwickelte in den späten 1960er Jahren dann daraus für das von seinem Vater übernommene Elektronik-Unternehmen die sogenannte Soziokratische-Kreis-Methode SKM, die seither weltweit Verbreitung findet und seit rund zehn Jahren auch in Österreich angewandt wird

Boeke selbst hatte die Soziokratie auch als Modell für die Politik geplant. Sein konkreter Vorschlag dafür war es, in Wohnvierteln entsprechende Gruppen zu formieren und dabei Einheiten von je ca. 150 Leuten als Nachbarschaft zu organisieren. Darüber hinaus hatte er die Idee, dass 40 dieser Gruppen wiederum eine nächsthöhere Einheit und quasi einen Wahlkreis bilden sollten, 40 dieser Wahlkreise einen Distrikt usw. bis hin zu einem Zentralen Kreis, der mit den Entscheidungen für ein ganzes Land befasst wird und einer Weltversammlung, in der globale Verteilungsfragen verhandelt und neu gelöst werden sollten. Sein wichtigstes Anliegen war es, dass alle Menschen lernen, ihre eigenen Interessen zu vertreten und zu verhandeln und er setzte darauf, dass das System von unten wachsen würde, ganz einfach deshalb, weil Menschen erfahren, dass es funktioniert.

Ja, es funktioniert

Als hilfreiche Organisationsform bewährt sich die Soziokratie in Österreich heute u. a. in zahlreichen kooperativen Wohn projekten, soziokratisch organisiert ist seit einigen Jahren auch die österreichische Armutskonferenz. Dabei zeigt sich, dass es damit gelingt, bestehende Status- und Machtdifferenzen zumindest bis zu einem gewissen Maß auszugleichen. Weil das Kreisgespräch dafür sorgt, dass wirklich jede*r zu Wort kommt, egal wie schnell oder langsam sie formuliert oder wie dominant das eigenen Sprechverhalten üblicherweise ist. Und weil die offene Wahl in den meisten Fällen dafür sorgt, dass nicht die »lautesten« Personen in Leitungsfunktionen kommen, sondern jene, die das größte Vertrauen haben.

Natürlich gibt es auch in soziokratischen Organisationen Schwierigkeiten und Konflikte und für das Gelingen braucht es die grundlegende Kooperationsbereitschaft aller. Mit konkurrenzfixierten Egoman* innen funktioniert auch die Soziokratie nicht, auch wenn sich zeigt, dass die Methode durchaus dafür sorgen kann, einzelne solcher Persönlichkeiten zu Verhaltensveränderungen zu bewegen.

Einfach und schwierig zugleich

Soziokratie ist – wie die praktischen Erfahrungen in der Anwendung zeigen – einfach und schwierig zugleich. Sie ist einfach, weil die Regeln – einmal erklärt und ein wenig eingeübt – rasch zur Routine werden. Gleichzeitig ist sie voraussetzungsvoll, weil sie von allen eine Haltung der Kooperation und folglich entsprechendes Augenmerk auf und Investitionen in gute Beziehungen verlangt. Dafür braucht es ein starkes Commitment zu Transpa-renz, zur tatsächlichen Anerkennung jede*r Einzelnen und zur Bereitschaft, Macht tatsächlich zu teilen. Soziokratie ist nicht dogmatisch, sondern eher ein Open-Source-System, das von den Gruppen und Communities, die es anwenden, mitentwickelt werden kann und soll. Erlaubt und möglich ist dabei vieles und unantastbar nur die Grundregel der gemeinsam getroffenen Entscheidungen und geteilter Macht.

Michaela Moser ist Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ilse Arlt Institut für Soziale Inklusionsforschung der Fachhochschule St. Pölten, wo sie den Forschungsschwerpunkt Partizipation, Diversität und Demokratieentwicklung leitet. Sie lebt gemeinsam mit gut 60 Erwachsenen und fast 40 Kindern im soziokratisch organisierten Wohnprojekt Wien und ist seit vielen Jahren als Aktivistin der – mittlerweile ebenfalls soziokratisch organisierten – Armutskonferenz engagiert.

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