Aufbruch zu den roten Sternen Christian Kaserer Orig. Foto: NASA, CC BY 2.0
10 November

Aufbruch zu den roten Sternen

von

Ein Rückblick auf das Wettrennen von Kommunisten und Kapitalisten um das Weltall.
Von Christian Kaserer, zitiert aus der Volksstimme No. 11 November 2017

Lang liegt sie nun bereits zurück, jene Zeit, als in der Weltraumfahrt alles möglich schien, Planeten und Sterne greifbar nahe waren. Der staatlich vorangetriebene Aufbruch in den Kosmos – sei es durch den ersten Mensch im Weltall, Juri Alexejewitsch Gagarin, durch den ersten künstlichen Satellit Sputnik oder durch die Mondlandung der Amerikaner – wirkt heute nur noch wie eine kurze Episode, angetrieben durch den Systemwettstreit zwischen der (real-)sozialistischen UdSSR und den kapitalistischen USA. Vergessen wird dabei oft, dass das Weltraumrennen erst durch den Schock des Westens über den Start Sputniks ausgelöst wurde und es sich dabei nicht um ein singuläres Ereignis handelte, sondern um den ersten Höhepunkt einer langen Beschäftigung mit der Raumfahrt durch die Russen.

Der staatlich vorangetriebene Aufbruch in den Kosmos ... wirkt heute nur noch wie eine kurze Episode, angetrieben durch den Systemwettstreit zwischen der (real-)sozialistischen UdSSR und den kapitalistischen USA.

Die Anfänge

Neben dem Franzosen Robert Esnault-Pelterie, dem österreich-ungarischen Hermann Oberth und dem Amerikaner Robert H. Goddard gilt auch der Russe Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski als einer der Pioniere der Raumfahrt. In großem Maße beeinflusst von der frühen Science-Fiction-Literatur des Jules Verne wandte sich Ziolkowski noch im russischen Zarenreich in seinen theoretischen Abhandlungen der Weltraumfahrt zu. Beeindruckend ist dabei, dass der 1857 geborene und 1935 gestorbene Russe nicht nur als erster die Idee eines Weltraumlifts artikulierte, sondern ebenso maßgeblich verantwortlich ist für mehrstufige Raketen, Raumstationen, Luftschleusen sowie einem biologischen Kreislauf für Nahrung und Sauerstoff im Rahmen der Kolonisation anderer Himmelskörper. Ziolkowski, der bis heute in allen Teilen der Welt große Wertschätzung erfährt, war ein Unterstützer der russischen Revolution und konnte zum Ende seines Lebens hin noch das erste staatlich gestützte Raketenprogramm der Sowjetunion erleben. Die 1931 gegründete GIRD (Группа изучения реактивного движения – auf Deutsch: »Gruppe zur Erforschung reaktiver Antriebe«) führte am 17. August 1933 mit der Rakete GIRD-09 den ersten Raketenstart des Landes durch.

Von Ziolkowski beeinflusst entstand 1924 auch der sowjetische Stummfilm »Aelita«. Der Film gilt als eines der frühesten Zeugnisse der kinematografischen Science-Fiction und nahm viele Themen in den heute berühmteren Fritz-Lang-Werken »Metropolis« und »Frau im Mond« vorweg. Beeinflusst war das Werk nicht unwesentlich durch die Aufbruchsstimmung der russischen Revolution. So wird nicht nur ein Flug zum Mars thematisiert, sondern damit einhergehend auch ein Revolutionsexport eben dorthin. »Aelita« kann als erster künstlerischer Höhepunkt einer Reihe von Science-Fiction-Werken, angefeuert durch die Ereignisse der russischen Revolution, betrachtet werden.

Weltraumrennen?

Schillerende Figur und auch im Westen noch bekannte Person hinter den ersten Erfolgen der sowjetischen Raumfahrt war Sergei Pawlowitsch Koroljow. So geht beispielsweise der erste Start einer Rakete mit Lebewesen – in diesem Falle zwei Hunde – im Juli 1951 auf den Ingenieur zurück. Zwischen 1957 und 1958 wurde das Internationale Geophysikalische Jahr von 67 Staaten aus allen Erdteilen ausgerufen, was die Amerikaner dazu verleitete, den Start eines künstlichen Erdtrabanten anzukündigen. Koroljow hatte zu diesem Zeitpunkt bereits längere Zeit an einem solchen Konzept gearbeitet und vermochte es, bezugnehmend auf die Amerikaner, den ansonsten von der Raumfahrt unbeeindruckten Nikita Chruschtschow davon zu überzeugen, den Bau eines Satelliten in Auftrag zu geben. Vor ziemlich genau 60 Jahren, am 4. Oktober 1957, nahe am vierzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution, wurde mit Sputnik 1 der erste künstliche Satellit in eine Erdumlaufbahn gebracht und überall auf der Welt lauschten Menschen mit ihren Radios den von Sputnik ausgehenden »Biep-Signalen«. Um den Jahrestag der Oktoberrevolution zu feiern, beauftrage Chruschtschow Koroljow damit, einen weiteren Satelliten in den Orbit zu befördern. So startete am 3. November 1957 Sputnik 2. Die Besonderheit hierbei war, dass sich mit Laika eine Hündin an Board befand, welche das erste irdische Lebewesen im Weltraum wurde. Im Westen sprach man schnell vom sogenannten Sputnik-Schock. Vertieft wurde dieser durch den ersten Flug eines Menschen in den Weltraum. Juri Alexejewitsch Gagarin flog am 12. April 1961 mit dem Raumschiff Wostok 1 in den Orbit und umrundete dabei ein Mal die Erde.

Dieses Ereignis führte schließlich dazu, dass der amerikanische Präsident John F. Kennedy am 25. Mai 1961 offiziell verkündete, man wolle bis zum Ende des Jahrzehnts einen Amerikaner auf den Mond bringen. Während diese Rede und der folgende Wettlauf zum Mond heute oft romantisiert dargestellt werden, handelte es sich für Zeitgenossen dazumal lediglich um ein politisches Instrument. So sprach Kennedy kurze Zeit darauf in einer Stellungnahme davon, dass man lediglich die Sowjets überholen wolle und alsbald dies geschafft sei, keine weitere Ausgaben in dieser Höhe unternommen werden sollen, zumal Kennedy selbst kein Interesse an bemannter Raumfahrt habe. Überhaupt fällt es schwer, von einem Wettlauf zum Mond zu sprechen, da auch die sowjetische Führung kaum greifbares Interesse an diesem Thema zeigte. Erst am 1. August 1964, also drei Jahre nach der Rede Kennedys, wurde ein Mondprogramm offiziell in Auftrag gegeben. Das Programm war im Vergleich zur amerikanischen Konkurrenz chronisch unterfinanziert und blieb erfolglos, bis es in den 1970er-Jahren eingestellt wurde. Ein schwerer Schlag nicht nur für das Mondprogramm, sondern für die sowjetische Raumfahrt überhaupt war der Tod von Koroljow am 14. Januar 1966 durch die Folgen einer Operation.

So erfolgreich und prestigeträchtig die sowjetische Raumfahrt auch gewesen sein mag und so sehr sie dem Geist der Oktoberrevolution entsprang, so war sie doch auch mitverantwortlich für den Untergang des realsozialistischen Landes.

Nach dem Rennen

Kaum bekannt bis heute sind andere Erfolge der Russen: So wurde bereits im September 1959 mit Luna 2 eine erste Raumsonde auf den Mond und 1966 mit Luna 10 ein erster Satellit in einen Orbit um den Mond gebracht. Am 19. April 1971 startete Salyut 1, die erste Weltraumstation der Geschichte. Auf die zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren realisierten Projekte Vega und Venera gehen die ersten Untersuchungen vor Ort der Atmosphäre unseres Nachbarplaneten Venus zurück und mit dem Projekt Buran formulierten die Sowjets ihre Antwort auf das amerikanische Space Shuttle. Die 1986 gestartete und 2011 verglühte Raumstation Mir (russisch für Frieden) überdauerte das Ende des Warschauer Pakts und wurde ein Zeichen internationaler Kooperation.

So erfolgreich und prestigeträchtig die sowjetische Raumfahrt auch gewesen sein mag und so sehr sie dem Geist der Oktoberrevolution entsprang, so war sie doch auch mitverantwortlich für den Untergang des realsozialistischen Landes. Bedenkt man die westlichen Handelsembargos gegenüber den Ostblockstaaten im Bereich des Technologieaustauschs, so nimmt es nicht Wunder, dass jeder Erfolg deutlich teurer erkauft werden musste, als zum Beispiel in den USA. Die Raumfahrt sorgte nicht nur für Anerkennung und Bewunderung, sondern ebnete auch den Weg in den wirtschaftlichen und finanziellen Niedergang.

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