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Eine persönliche Reflexion zu Hetero-Elternschaft, männlicher Identität und jugendlichem Serienkonsum.

Von Daniel Sanin

Die zwei Söhne sind auf die Sitcom Two and a Half Men reingekippt. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Eine Protestaktion auf einen feministischen Haushalt? Auf den lange zurückliegenden »gendersensiblen« Kindergarten? Auf die elterliche Begeisterung für Queer Eye? So viele Bemühungen haben wir in eine feministische Erziehung gesteckt – geschlech-tergerechtes Vorlesen (Nennung weiblicher Formen, Auswechseln von Geschlechtern), Unterstützung und Förderung der freien Kleiderwahl (Hello Kitty-Shirts, Feenkostüme zum Verkleiden, Nagellack), Entkräftung von Vorurteilen u.v.m. – und nun müssen wir uns mit der absoluten Begeisterung für eine der sexistischsten Serien überhaupt herumschlagen.

Psychologie der schlechten Realität

Das plötzliche Eindringen dieser in kontinuierliches Publikumslachen eingenebelten sexistischen Männerwelt fällt zusammen mit meiner Lektüre von Elisabeth Badinters 1993 erschienenes XY – Die Identität des Mannes, das sehr viel Literatur zusammenträgt und einen sehr guten Überblick bietet über die Dynamiken und das Spannungsfeld des Geschlechterverhältnisses. Gleichzeitig vertritt die Autorin einen klassischen psychoanalytischen Konservatismus, nämlich dass die Zweigeschlechtlichkeit unumgänglich sei und gemäß den psychoanalytischen Entwicklungsstadien ablaufe: orale, anale, genitale Phase und natürlich der Ödipuskomplex, der die notwendige und unvermeidliche Identifikation mit dem Geschlecht leiste. Hier begeht die Psychoanalyse denselben Fehler wie das klassische Identitätsdenken, nämlich die schlechten Zustände zu verstetigen, anstatt sie als negativen Ausgangspunkt zu nehmen, von dem aus eine Utopie zu entwickeln wäre.

Mann = Subjekt, Frau = Objekt

Doch zurück zu unserem eigentlichen Schauplatz. (Vorbemerkung: Ich beschränke mich in meiner Analyse auf die ursprüngliche Konstellation mit den Brüdern Charlie und Alan Harper, sowie Alans Sohn Jake. Die Folgen mit Walden Schmidt statt Charlie sind zwar nicht substantiell unterschiedlich, setzen aber doch einige andere Akzente.) Die Männer in dieser Serie sind komplett eindimensional. Charlie verkörpert den Typus »hegemonialer Männlichkeit«: beruflich erfolgreich (er komponiert Werbejingles), wohlhabend (er wohnt in einem luxuriösen Strandhaus), rücksichtslos und funktional zum eigenen Körper (er trinkt viel Alkohol und raucht Zigarren) und beständig auf sexuelle »Eroberung« aus (er ist eigentlich hauptsächlich damit beschäftigt, zu versuchen, so viele Frauen wie möglich zu penetrieren). Sein Bruder Alan verkörpert den Typus der »komplizenhaften Männlichkeit«: Dieser passt, laut der Entwicklerin des Konzeptes der hegemonialen Männlichkeit, Raewyn Connell, nicht in das hegemoniale Schema, ist also im konkreten Fall eben nicht erfolgreich im Beruf und bei Frauen, stützt aber das System, in dem er ihm zustimmt und mitmacht. Alan ist ein »Loser«: Er hat nie Geld und wird von Charlie als Schmarotzer bezeichnet, weil er in seinem Haus wohnt; er ist tollpatschig und erfolglos bei Frauen; und er hat einen »unmännlichen« Beruf, Chiropraktiker, der beständig für Lacher herhalten muss. Zwischen diesen ungleichen Brüdern gibt es noch Alans Sohn Jake, rundlich und nicht sehr helle, der sich oft mit Charlie gegen seinen Vater verbündet und schließlich beim Militär landet, einem klassischen Männerbund.

Zentrale Figur bleibt aber Charlie, denn auch wenn beide Brüder zentrale Charaktere sind, funktioniert das Zusammenspiel nur, weil Charlie der Bezugspunkt ist. Alan möchte eigentlich so sein wie er und versucht das auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Es geht beständig um die Penisse der Brüder und wie beglückend diese für Frauen sind. Sexuell interessante Frauen sind hier keine Subjekte, mit denen mensch ebenbürtig eine Beziehung eingeht, in der Sexualität stattfinden kann oder nicht; sie sind auch nicht solche, wo es von vorneherein ebenbürtig nur um Sex ginge. Sie sind Objekte. Diese können zwar sprechen, sind aber keine handelnden Subjekte wie die Männer. Sie sind Pornophantasien, die gerne von einem »richtigen« Mann (Charlie) penetriert werden wollen und für die es scheinbar das höchste der Gefühle ist, von ihm begehrt zu werden. Es geht also um das Begehren des Mannes, während sie selbst nur eine Funktion dessen sind. Ihre Aufgabe ist es, ihm seine Begehrlichkeit zu spiegeln, aber nicht als tolles Individuum, sondern als Vertreter einer Kategorie.

Dramaturgie des Geschlechterverhältnisses

In der patriarchalen Geschlechterordnung gehört die Frau der Sphäre der Natur an, sie ist durch Zyklus und Gebärfähigkeit in selbiger verankert; der Mann hingegen kann sich darüber erheben, ist das kulturschaffende Subjekt. Durch diese künstliche Erhöhung, die eine weitreichende narzisstische Schieflage mit sich bringt, ist der Mann beständig in Gefahr, von seiner Höhe herabzufallen, also seine Männlichkeit zu verlieren. Daher brauchen Männer andere Männer, die ihnen bestätigen, dass sie noch innerhalb der Kategorie sind und sie brauchen Frauen, die ihnen ihre Begehrlichkeit spiegeln und so zeigen, dass sie das andere sind, das Nicht-Weibliche, also männlich und dadurch hervorstehend, besonders, erhöht.

Diese Dynamik wird in Two and a Half Men beständig inszeniert. Die Frauen, die hier vorkommen, sind entweder absolute Zicken, die nur am Geld von Männern interessiert sind (z. B. Alans Ex-Frau Judith, von der er sich total unterdrückt und ausgeblutet vorkommt), männerfressende, von Schönheitsoperationen besessene Egomaninnen (die Mutter der Brüder, Evelyn, die schon mehrere Männer überlebt und/oder um viel Geld erleichtert hat), hässliche – in einem hegemonialen Sinn gemeint – und übelgelaunte Untergebene (die Haushälterin Berta), sowie zuletzt eine vielleicht zwar sehr intelligente und hübsche (wieder im oben genannten Sinn verstanden), aber extrem neurotische Stalkerin (die Nachbarin Rose, von Charlie besessen) oder hauptsächlich dumm und sexy (in genanntem Sinne) und haben oft keine Namen bzw. wird ständig damit gescherzt, dass ihre Namen völlig unwichtig sind (unzählige One Night Stands).

Positive Männerfiguren kommen nicht vor. Alle Väter von Charlie und Alan sind tot oder jedenfalls nicht mehr vorhanden.

Attraktivität und Verdrängung

Dieses Männerensemble hat etwas sehr Verlorenes in ihrem Strandhaus, um sich selbst kreisend und sich von Frauen spiegeln lassend; die Kehrseite davon ist Narrenfreiheit – und das auch noch in der Herrschaftsposition, die ihnen vom patriarchalen System, in dem wir hängen und an dem wir stricken, gewährt wird.

Diese Position der Beziehungslosigkeit, der offenen Handlungsoptionen durch Geld (Arbeit ist hier nicht spürbar), der Verfügung über Frauen (sie fliegen Charlie zu und bewundern ihn, bei Anhänglichkeit – Beziehung! – werden sie spätestens abserviert), der Selbst- und Fremdverachtung getarnt als Selbstsicherheit wird scheinbar von vielen als attraktiv empfunden, was zumindest ein großer Publikumserfolg und mehrere Auszeichnungen vermuten lassen.

In diesen Elementen (Handlungs optionen – Erfolg – Selbstsicherheit) ver-mute ich auch die Begeisterung meiner Söhne. Wenn wir sie fragen, was ihnen daran so gefällt, kommt als Antwort nur, dass es »so witzig« sei. Die Frauenverachtung – und letztlich Selbstverachtung – wird nicht gesehen. Die Witzigkeit ist nur die Oberfläche, aber durch die Konstellation von erfolgreichem Charlie und Tollpatsch Alan sehr dynamisch gestaltet. Wir als Eltern sehen aber die Oberfläche nur als dünnen Firnis und die darunter grinsende Fratze springt uns regelmäßig ins Gesicht, so, dass wir immer wieder ätzende Bemerkungen machen müssen, wenn der Sexismus vom üblichen Pegel durch die Decke schießt. Scheinbar kann er aber relativ mühelos ausgeblendet werden. Das zeigt sich im Vergleich zum Rassismus gegenüber BIPoC*: Hier haben unsere Kinder sehr wohl ein gutes Bewusstsein und bringen Geschichten mit nach Hause, wo sie z. B. rassistische Diskriminierungen von Mitschüler*innen thematisieren. Eine Serie, in der Rassismus die Folie für beständige Lacher böte, scheint unvorstellbar. Ganz anders aber verhält es sich beim Geschlechterverhältnis: Hier können Frauen als reaktionäre Karikaturen auftreten und es ist ein großer Erfolg.

Psychologisch gesehen müssen wir unsere Welt ordnen, da wir für unsere Subjektbildung Orientierung und Abgrenzungen brauchen. Diese Ordnung muss aber nicht unterdrückend und hierarchisch sein. Die Trennung in zwei Geschlechter ist in dieser Striktheit weder phylo- noch ontogenetisch, also weder gattungs- noch individualgeschichtlich, zwingend; wohl aber, wenn sie in der konkreten Gesellschaft, in der ich meinen Platz als Heranwachsende*r finden soll und muss, das erste und fundamentalste Unterscheidungsmerkmal bildet. Dann wird es zu einer psychologischen Notwendigkeit, sich auf dieser Achse zu verorten. Eine Aufweichung oder Dekonstruktion ist nur in einem nachfolgenden, mühe- und schmerzvollen Prozess zu haben.

Da ist es natürlich viel lustvoller, sich auf humorvolle Art mit Männlichkeit zu beschäftigen. Die Frauenfeindlichkeit muss dabei verdrängt werden. Das ist sowieso eine sehr herausfordernde Verdrängungsleistung: Die Herabstufung der Hälfte der Menschheit, nur um sich selbst, als Vertreter der anderen, höherstufen zu können. Diese Herabstufung beinhaltet ja auch die Mutter, vielleicht Schwestern, Tanten, Großmütter, Töchter, für die dann intra-psychisch Ausnahmen und Sonderregelungen gefunden werden müssen. Dieser ganze widersprüchliche Verdrängungsprozess geht natürlich lachend viel leichter.

Bescheidenes Fazit

In dieser Zwangsvergeschlechtlichung wäre es bei einer solchen Serie tatsächlich wünschenswert, eine positive männliche Identifikationsfigur zu haben, statt zwei Lachnummern, die Kapital aus Frauenverachtung schlagen. Als Eltern sehen wir diese Begeisterung unserer Kinder und lassen sie zu – gleichzeitig äußern wir unseren Unmut, wenn es gerade allzu würdelos und sexistisch ist. Letztlich müssen wir jedoch zusehen, wie sich die hässliche Fratze männlicher Sozialisation direkt vor unseren Augen manifestiert. Wir begleiten kritisch und einfühlsam, aber die Geschlechterhierarchie ist unerbittlich und unaufhaltsam. Doch stur und kontinuierlich werben wir z. B. für Queer Eye und thematisieren Vielfalt und Offenheit, damit neben der hegemonialen Männlichkeit auch marginalisierte Optionen Prominenz erhalten.

*)BIPoC ist eine Abkürzung aus dem Englischen für Black People, Indigenous People and People of Colour.

Daniel Sanin ist klinischer Psychologe in Wien. In der Volksstimme 2021/6 erschien von ihm der Text: Abspaltung.

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Von Diana Leah Mosser

Liebe Genoss*innen, auf der vorherigen Seite seht ihr ein Glossar. Ein großes Feld, in dem Begriffe erklärt werden, die angeblich niemand ver­steht. Zum Glück mag ich Begriffsdefinitio­nen. Enzyklopädien. Glossare. Sie geben mir Klarheit darüber, wie Begriffe verstan­den werden (können). Deshalb bin ich gern eine der Ersten, die sich meldet, wenn wo ein Glossar oder Begriffskastel zu schreiben ist.

Ich nehme mir Zeit und Platz, überlege »Was heißt das für mich«. Beim Erklären von Begriffen aus queeren Bereichen – also z. B. die trans-inter*-nonbinary-Ecke – komm ich ein bisschen in ein Spannungs­feld. Ich beschreibe Begriffe, die auch andere Menschen verwenden, um sich zu beschreiben. Ich erforsche mich selbst, aber nehme auch Definitionen vorweg. Ich helfe meinen Mitmenschen, Dinge besser zu verstehen, aber erfülle auch eine Erwar­tungshaltung, die unangemessen ist.

Von uns nichtbinären und trans Personen wird sehr oft erwartet, dass wir uns selbst erklären. Und zwar höflich, freundlich und ohne Gegenleistung. Wir erklären uns auf Social Media, im Freundeskreis, in Polit­gruppen, vor den Türen von Frauenzen­tren. Wir erklären uns vorm Psychiater, vorm Standesamt, vor der Polizistin, die grade die falsche Anrede verwendet hat. Das ist oft ermüdend, vor allem weil wir statt der Gegenleistung auch gern mal Skepsis, Misstrauen, Argwohn oder blanke Gegnerinnenschaft ernten, und nie so genau wissen, wann das passieren wird.

Diese komplexen Anforderungen und der häufige Druck, mein Dasein zu erklären, gibt mir manchmal das Gefühl, meine Mit­menschen wären schon mit meiner bloßen Existenz – als nichtbinäre trans Frau – überfordert. Manchmal sagen Leute, nicht-binär oder transgender wären universitäre, elitäre Begriffe. Und dann denke ich an Hörsäle, PhD Abschlüsse und Gender Studies und irgendwie sind das nicht die Dinge, die ich selber mit transgender und nichtbinär verknüpfe: Ich hab’ keine Matura.

Ich muss Leuten erklären, was ich bin, aber kenne diese Judith Butler nicht.

Erfahrungsgemäß (meine ... Erfahrungen) haben trans Personen kein fertiges Stu­dium und gehören keiner Elite an. Und mit Karriere is’ oft auch nix. Weil während unsere cis Schulkolleg*innen mit 25 über­legen, ob sie den Job bei der Bank mit guten Aufstiegschancen behalten oder ihr neues Hobby – Webdesign oder Schmuck­design oder Gartendesign – zum Beruf machen, haben wir als trans Personen oft grad erst mal raus gefunden, wie wir an ein Maturazeugnis kommen, auf dem der richtige Name steht (wenn wir uns in dem Alter überhaupt schon so ernst nehmen, dass wir uns einen richtigen Namen zuge­stehen).

Das Gefühl, das ich bekomme, wenn mein Sein zu einer Sache deklariert wird, die man dauernd erklären muss – oder gar studieren – ist ein sehr hemmendes Gefühl. Denn mir – UNS – wird damit vermittelt, meine Existenz, meine Erfahrungen, die Art wie ich ausgegrenzt werde und wie über mich bestimmt wird, sei etwas sehr Kompli­ziertes und eine Auseinandersetzung damit sei der breiten Masse nicht zumutbar. Als wäre mein Geschlecht eine persönliche Angelegenheit, die ich bitte für mich behal­ten soll, wenn es gerade um etwas Anderes geht.

Aber dieses hemmende Gefühl … Das ist doch gar keine trans Erfahrung, keine Ein­zelbefindlichkeit. Es ist Alltag im Patriar­chat: Ihr kennt das.

Anwältinnen kennen das. Mechanikerin­nen kennen das. Reinigungskräfte kennen das. Frauenministerinnen ... kennen das auch, verdammt.

Drei Augenpaare, die euch anschauen mit diesem »Was willst du jetzt?«-Blick. Fremde Menschen, die ungefragt erklären, was der wahre Hintergrund eurer Erfahrungen mit Diskriminierung ist.

Auf der vorhergehenden Seite seht ihr ein Glossar, eine Liste von Worten, die die Welt begreifbarer und damit veränderbar machen. Zaubern ist die Veränderung der Realität durch Worte.

Wenn ihr im Glossar Begriffe lest, die ihr nicht versteht, versucht sie nachzu ­empfinden. Zu fühlen. Wenn ihr sie nicht fühlen könnt, fragt eure Mitmenschen: »Warst du schon einmal in einer Situation, in der du …?«

Denn was nützen uns Begriffe, wenn wir nicht empfinden.

Was nützt uns das Be-Greifen, wenn wir nichts fühlen?

Danke.

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Ein Porträt von Hannah Luschnig

Grazer Rathaus, zweiter Stock. Die KPÖ ist umgezogen. Sie ist gewachsen und das alte Büro zu klein geworden. Im Gang lehnt hochkant eine rote Couch an der Wand, überall stehen Kisten. Elke Kahr schreitet voran und mahnt zur Eile. Sie hat nicht viel Zeit. Seit November ist sie die neue Bürgermeisterin der zweitgrößten Stadt Österreichs. Hier sprechen noch alle über die ORF-Pressestunde vom Sonntag. Elke Kahr kam gut an und ließ sich vom Interviewstil nicht beirren. Stalin und Nordkorea: geschenkt, damit hat sie nichts am Hut. Dabei könnte man innerhalb der ideologischen Verzweigungen der KPÖ-Steiermark durchaus bis zu Lenin-Kult und Sowjet-Nostalgie vordringen. Aber mit allzu platten Fragen gelingt das freilich nicht.

Elke Kahr führt in ihr Büro. Rechts steht das berüchtigte Kallax-Regal, das die Medien so bewegt hat. Es hätte die steiri­schen Tischler nicht sehr gefreut, so die bissige Moderatoren-Bemerkung in der ORF-Pressestunde, dass Kahr »abgewohnte Ikea-Möbel« in ihr Büro gestellt hätte. Die Büromöbel wären alle von der steirischen Firma Neudörfler, erzählt ein KPÖ-Mitar­beiter von Kahr. Aber wegen dieses einen Ikea-Regals hätte es viel künstliche Aufre­gung gegeben. Auf Elke Kahr schien das wenig Eindruck zu machen. Ob ihr nun ein einflussreicher Journalist oder eine einfa­che Bürgerin gegenübersitzt – sie behan­delt alle gleich und ohne Kalkül. Sie orien­tiert sich nicht an Status und Geld, den Din­gen, die andere antreiben. Das macht sie außergewöhnlich. Den Großteil ihres Gehalts spendet Kahr für Menschen in Not­lagen. Als Bürgermeisterin bekommt sie über 14.500 Euro monatlich, davon behält sie ungefähr 2000. Das reicht ihr zum Leben. Der Versuchung, gesellschaftlich aufzusteigen, ist sie nicht erlegen. Sie hat andere Träume.

Mit dem österreichischen Durchschnittsge­halt auszukommen, erfüllt noch einen wei­teren Zweck: man verliert nicht die Boden­haftung, den Sinn für die Sorgen der Men­schen, »die es sich nicht richten können«. Elke Kahr wird von ihren Bekannten als bescheiden, menschlich und integer beschrieben. Das schätzen offensichtlich auch die Wähler*innen, die der KPÖ bei den Gemeinderatswahlen im Herbst fast 29% Prozent aller gültigen Stimmen beschert haben. Mit diesem Sieg endete auch die Amtszeit des ÖVP-Langzeitbürger­meisters Siegfried Nagl. Auf ihn folgte an der Spitze einer Dreierkoalition mit der SPÖ und den Grünen Elke Kahr, deren Stil sich wohltuend von der Politik der Selbst­bereicherung und der Prestigeprojekte abhebt. »Wir sind alle nicht in die KPÖ gegangen, um etwas zu werden«, sagt sie und nimmt einen Zug von ihrer Zigarette. Ein bisschen Asche fällt auf den Tisch, die wischt sie in den Aschenbecher.

An ihrem Alltag hat sich nicht viel verän­dert, seit sie Bürgermeisterin ist. Die Sprechstunden hält sie noch immer ab, jetzt aber meist freitags oder samstags. Am Samstag kann es schon vorkommen, dass 80 Leute sie um Rat fragen, manchmal sind es aber auch bis zu 150 in einer Woche. Dann verlässt sie das Büro erst um 20 Uhr. Elke Kahr powert durch, in einer rastlosen, wenngleich gelassenen Art. Die Leute kom­men überwiegend, weil sie eine Wohnung brauchen oder Probleme mit Vermieter*innen haben. Sie hört sich ihre Sorgen an und versucht, Lösungen zu fin­den. In der Presse wird sie dafür oft als nette Sozialarbeiterin belächelt. Ob sie das stört? »Ist eine Ehre«, antwortet sie. Elke Kahr ist die erste weibliche Bürgermeiste­rin in Graz. Ihr Feminismus ist zurückhal­tend und selbstverständlich. Auch hier konzentriert sie sich auf soziale Fragen: das Problem der prekären Beschäftigung, der Frauenarmut, der ökonomischen Ungleich­heit.

Angefangen hat sie 1993 als Gemeinderä­tin in Graz, da war sie schon seit zehn Jah­ren KPÖ-Parteimitglied. Anfang der 80er hatte sie noch in der Kontrollbank gearbei­tet, der Partei ihre Wochenenden gewidmet und unter der Woche die Abendmatura gemacht. In der Zeit lernte sie auch ihren Lebensgefährten kennen, den ehemaligen KPÖ-Landesvorsitzenden Stephan Parteder, mit dem sie einen mittlerweile erwachse­nen Sohn hat. Gefördert wurde sie damals von Ernest Kaltenegger, der die KPÖ aus der Versenkung geholt und sie zu einer bedeutenden politischen Kraft in der Stei­ermark gemacht hatte. Bevor er sich »in die zweite Reihe verabschiedete«, baute er mit Elke Kahr bereits seine Nachfolge auf. Beide verdanken ihren Erfolg unter anderem ihrem unermüdlichen Einsatz für Mieter*innen. Sie prüfen Mietverträge, beraten, schlichten und betreiben dafür seit Jahrzehnten einen Mieternotruf. Die Partei gibt sich zugänglich, bürgernahe und sozial. Und: bei Elke Kahr ist das nicht gespielt, sie ist so.

Aufgewachsen ist Kahr bei ihren Adoptiv­eltern in der Triestersiedlung in Graz, »wo es damals noch Baracken gab«, wie sie bei ihrer Antrittsrede erzählte. Ihr Vater, ein Schlosser, ist in jeder Hinsicht ein Vorbild gewesen: ein »gebildeter Arbeiter« mit offenem Herzen und Neugierde auf die Welt. Ein durchaus politischer Mensch, auch wenn er das von sich nicht so gesagt hätte. Jemand, der Grundsätze in ihr gefes­tigt hat. Dass es wichtig ist, eine Arbeit zu haben, um auf eigenen Beinen zu stehen, und dass es keine niederen Arbeiten gibt. Dass ein Mädchen gleich viel wert ist wie ein Bursche. Politisiert hat sie die Sehn­sucht nach einer sozial gerechteren Welt. Als sie aufgrund dieser Sehnsucht zur KPÖ ging, fand sie eine antiquierte Partei vor. Verstaubt in Geschlechterfragen, unge­schickt im Auftreten. Zu abgeschottet, kei­nen Sinn für Ästhetik, wenig freundlich. Das hatte schon Ernest Kaltenegger ver­standen und die KPÖ auf einen konsequent sozialen Weg gebracht.

Mittlerweile steht die Partei in Graz für offene Türen und Konten. Die reden nicht nur, die tun auch was. Kahr gewinnt das Vertrauen der Leute durch alltagstaugliche, nützliche Politik, nicht indem sie »auf eine bessere Welt irgendwann« vertröstet, selbst wenn die Möglichkeiten der Lokalpo­litik beschränkt sind. So hat die Stadt heuer die Gebühren für Müll und Kanal nicht erhöht, dafür den Energiekostenzuschuss erweitert. Aber eine Mietobergrenze: darü­ber kann eben nur die Bundesregierung entscheiden. Nur weil man ein Gesetz nicht ändern kann, heißt das nicht, dass man nichts machen kann. »Einfach konkret da sein für die Leute«, sagt Elke Kahr. Und zwar mit einem »Blick von unten«. Dann steht sie auf, irgendwer braucht eine Unterschrift von ihr. Und auch sonst gibt es noch viel zu tun.

Hannah Luschnig arbeitet im IT-Bereich und ist LINKS-Bezirks­rätin in der Brigittenau. Unlängst hat sie sich auch als Fotografin betätigt. Sie schreibt verdammt gerne.

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Ein literarischer Essay von Eva Schörkhuber mit Illustrationen von Paulina Molnar

Vorgeschichten

Meine erste Fahrt nach Klagenfurt/ Celovec seit vier Jahren: Das letzte Mal bin ich auf der Durchreise nach Slowenien, Kroatien und Bosnien/Herzegowina hier gewesen. Die Städte Jajce und Sarajevo waren damals das Ziel, wobei, wenn eine sich entscheidet, nicht in das Flugzeug zu steigen, sondern auf Land- und Seewegen zu reisen, immer auch der Weg ein Ziel ist.

Das vorletzte Mal war ich vor mehr als dreißig Jahren hier: ein Stadtausflug vom Klopeinersee aus unternommen. Vom Lindwurm und von Mini-Mundus, davon gibt es Fotos: Wir, meine Mutter, mein Opa, mein Bruder und ich, stehen vor dem Mini-Eiffelturm, vor dem Mini-Atomium und auf dem Mini-Golfplatz. Die meisten Fotos hat mein Vater gemacht, mit einer silber-schwarzen Nikon, die ich mir Jahre später ausleihen durfte, um Dias auf meinen Reisen zu machen. Dass Fotografie eine Art und Weise ist, mit Licht zu schreiben, gefällt mir noch heute.

Mein Großvater, pensionierter Mathematik-Professor an der HTL in Steyr, hat mit mir während dieser Kärnten/Koroška-Urlaube immer gerechnet: Ich habe ihn im Kopfrechnen gegen meine Rechenspielmaschine, den »Kleinen Professor«, der, wenn eine Rechenaufgabe gelöst wurde, fröhlich mit dem Schnurrbart gewackelt hat, antreten lassen. Meistens hat der große Professor gewonnen.

Mäh-Opa habe ich den großen Professor genannt: Als ich zwei oder drei Jahre alt war, ist er oft mit mir zu den Schafen gegangen, die in einem Gehege neben der Donau grasten. Bei jedem Spaziergang habe ich befürchtet und doch insgeheim gehofft, dass eines der Schafe blöken würde. Wohliges Schaudern an der Hand eines Menschen, dem ich mein vollstes Vertrauen schenkte.

Dieser Großvater wurde am 23. November 1920 geboren, am selben Tag wie Paul Celan. Zwei Leben, die gleichzeitig ihren Ausgang genommen haben und so unterschiedlich verlaufen sind.

Eine der Lieblingsgeschichten meines Großvaters war, wie der Kater seiner Familie sich im Winter ins Vogelhaus gesetzt und darauf gewartet hat, dass ihm die hungrigen Vögel ins Maul fliegen. Der schlaue Kater Gucki.

Mein Großvater war in Reichraming, in der Nähe von Steyr, aufgewachsen. Er hatte drei Brüder. Seine Mutter, meine Uroma, war stolz darauf, dass ihr von den Nationalsozialisten das Mutterkreuz verliehen wurde. Ihren Lieblingssohn, meinen Großonkel, habe ich nie kennengelernt. Er ist im Zweiten Weltkrieg umgekommen.

Paul Celan war in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, aufgewachsen. Er hatte keine Geschwister. Seine Eltern wurden im Zwangsarbeitslager Michailowka von den Nationalsozialisten ermordet. Auch er musste Zwangsarbeit verrichten. Nach der Befreiung durch die Rote Armee kehrte er nach Czernowitz zurück.

Mein Großvater wurde am Ende seiner Schulzeit, kurz vor der Matura, zur Wehrmacht eingezogen. Dass er dem Marschbefehl nach Russland nicht nachkam, lag daran, dass sein Pferd ausschlug und seine Kniescheibe zertrümmerte. Zeit seines Lebens hatte er Probleme mit seinem Knie und Zeit seines Lebens liebte er Pferde. Meine Reitstunden als Kind hat er mir geschenkt.

Paul Celan ging 1945 nach Bukarest, um sein Studium fortzusetzen. Zwei Jahre später floh er über Ungarn nach Wien, wo er Ingeborg Bachmann kennenlernte. Er übersiedelte Ende der 1940er Jahre nach Paris. 1970 nahm er sich dort das Leben.

Perspektivische Erweiterungen

Edith Bernhofer hat mich auf meinen Aufenthalt als author@musil gut vorbereitet. Ich weiß, wo ich arbeiten, wo ich wohnen werde und fühle mich sehr willkommen.

Das Musil-Haus liegt gegenüber des Bahnhofs. Es gehört zu den ersten Gebäuden, die ich bei meiner Ankunft sehe: Das schöne alte Haus mit der orange getünchten Fassade, die weiß-grau schattierten Bilder von Ingeborg Bachmann, Christine Lavant und Robert Musil.

Ingeborg Bachmann ist seit vielen Jahre eine literarische Gefährtin. Das letzte Mal habe ich mich länger mit ihrem 30. Jahr beschäftigt, als ich einen Essay für die Literaturzeitschrift PS: Anmerkungen zum Literaturbetrieb/Politisch Schreiben verfasst habe. Der Essay trägt den Titel »Das ikste Jahr« und ist in der Nummer 4 zum Thema »alter« 2018 erschienen.

Christine Lavant bin ich erst vor einigen Jahren begegnet: Zunächst über eines der Klangbücher vom Mandelbaum Verlag. Ihr Wechselbälgchen wurde von Sophie Rois eingesprochen und von Franz Hautzinger, Matthias Loibner und Peter Rosmanith vertont. Ihre gesammelten Gedichte sind kurze Zeit später in meine Bibliothek eingezogen.

Robert Musils Mann ohne Eigenschaften ist während meines Germanistikstudiums aufgetaucht, in stundenlangen Erörterungen innerhalb und außerhalb der Seminarräume das berühmte Heimwegkapitel:

»Wohl dem, der sagen kann ›als‹, ›ehe‹ und ›nachdem‹! Es mag ihm Schlechtes widerfahren sein, oder er mag sich in Schmerzen gewunden haben: sobald er imstande ist, die Ereignisse in der Reihenfolge ihres zeitlichen Ablaufes wiederzugeben, wird ihm so wohl, als schiene ihm die Sonne auf den Magen. Das ist es, was sich der Roman künstlich zunutze gemacht hat: der Wanderer mag bei strömenden Regen die Landstraße reiten oder bei zwanzig Grad Kälte mit den Füßen im Schnee knirschen, dem Leser wird behaglich zumute, und das wäre schwer zu begreifen, wenn dieser ewige Kunstgriff der Epik, mit dem schon die Kinderfrauen ihre Kleinen beruhigen, diese bewährteste ›perspektivische Verkürzung des Verstandes‹ nicht schon zum Leben selbst gehörte.«

Es ist nicht nur »der Roman«, der sich diese »perspektivische Verkürzung des Verstandes« »künstlich zunutze gemacht hat«: Jede Erzählung, die ein singuläres Ereignis als Auslöser einer kausalchronologischen Abfolge setzt, jede narrative Konstruktion von etwas Ursprünglichem stellt eine Verkürzung dar, die mit gewissen Ab-Sichten vorgenommen wird. Oft blenden diese Ab-Sichten die Komplexität von Geschichte aus und dienen dem Erhalt des Status Quo: sie bestätigen die vorherrschende Ordnung. Das gilt insbesondere für nationale Gründungserzählungen. Es ist kein Zufall, dass sich Ulrich, während er diese Überlegungen anstellt, auf dem HEIM-weg befindet.

Die »verbohrten Heimaterer« und die »Heimatfinstler« nennt der Pokržnikov Luka in seinem Tagebuch auch jene Zeitgenossen, die ihren Heimatdienst im Zeichen kärntner Deutschtümelei verrichten. Janko Messner hat seine für die Zeitschrift Kladivo verfassten politischen Glossen zu einem Buch versammelt, das in der aus dem Bleiburger Slowenischen übersetzten deutschsprachigen Ausgabe Aus dem Tagebuch des Pokržnikov Luka heißt: Dieses Buch zählt zu den ersten neuen literarischen Begleiter:innen hier in Klagenfurt/Celovec.

Wege durch die Stadt

Am 10. Oktober 2020 bin ich eine gute Woche hier. Der 100. Jahrestag der Volksabstimmung, bei der sich eine Mehrheit der damaligen Bevölkerung in Kärnten/Koroška für einen Verbleib bei der Ersten Republik Österreich ausgesprochen hat, wird begangen. In der Stadt sind überall CarinthJA-Transparente zu sehen, die meisten einsprachig; einige Kärnten Flaggen hängen aus Fenstern von Privathäusern und Gaststätten. Der Jahrestag soll im Zeichen eines Brückenschlags zwischen der slowenischsprachigen und der deutsch sprachigen Bevölkerung stehen, und ich frage mich, warum stets von den über viele Jahrzehnte hinweg Verfolgten, Stigmatisierten und Ausgegrenzten erwartet wird, dass sie eines schönen Tages über all das hinwegsehen, was ihnen, ihren Familien, ihren Genoss:innen und Freund:innen angetan wurde, und sich versöhnlich zeigen. Als trügen die Opfer nationalistischer Gewalt Mitschuld an dem, was ihnen eine Mehrheit, die mit staatlicher Verfügungsgewalt ausgestattet ist, zufügt.

Ich mache mich gemeinsam mit in etwa hundert anderen auf den Weg, um für einen antifaschistischen Konsens in Kärnten/Koroška einzutreten. Wir versammeln uns am Vorplatz des Bahnhofs und ziehen über die Bahnhofstraße vorbei an der Parteizentrale des BZÖ, überqueren den Viktringer Ringer, passieren das Amt der Landesregierung und biegen in die Mießtalerstraße ein. Einmal ums Eck und wir stehen am Domplatz, vor dem großen Marmorblock, in den gemeißelt steht, dass es die Opfer der Partisan:innen sind, an die erinnert werden soll. Schräg gegenüber, in der Karfreitstraße, hat der kärntner Abwehrkämpferbund sein Quartier.

Die Oktobersonne verfängt sich in der gläsernen Fassade am Domplatz, bricht sich, streut sich, wirft Lichtsprenkel auf das Steinpflaster, auf die Köpfe und Schultern der Passant:innen. Haare flammen auf, getönte Augengläser spielen alle Farben. Ein Sonnenstrahl fädelt eine Scheibe aus der Fassade, lässt sie über den Platz schweben. Vor dem Marmorblock setzt er sie ab. Im Widerspiegel beginnt der Stein zu zittern. Die Inschrift zerfließt, dunkle Lachen bilden sich am Boden. Im Spiegel flackert das Bild von zwei Frauen, ihre Blicke sind entschlossen. Eine trägt ein Gewehr und eine Mütze mit einem roten Stern. Die Hügel und Wälder im Hintergrund sind blau. »Smrt fašizmu« steht nun in großen weißen Buchstaben auf dem Marmorblock. Ob sich alle daran erinnern werden, dass es der Faschismus ist, den wir bekämpfen wollen?

Wir ziehen weiter, biegen von der Karfreitstraße in die Lidmanskygasse und schließlich in die 10. Oktober Straße. Dort werden wir von einer Gruppe Männer angepöbelt, einer streckt die rechte Hand nach oben. Es sind selbst ernannte Mehrheits-Kärntner, die ihre Überlegenheit demonstrieren wollen. Immer wieder müssen sie sich selbst beweisen, dass sie stark und überlegen sind: Ahnen sie, dass ihre vorgestellte Überlegenheits-Gemeinschaft auf nichts anderem gründet als auf einer Illusion, die nur so lange Bestand hat, so lange viele daran glauben? Haben sie Angst aus einem vagen Schuldgefühl heraus? Ist es die Angst vor sich selbst, die Angst vor dem Anderen, das im auf Biegen und Brechen behaupteten Selbst schlummert?

Durch die 10. Oktober Straße weht plötzlich ein anderer Wind. Er rüttelt an den Mützen, saust um die Ecken, wirbelt Blätter auf. Die Straßenschilder an den Häuserwänden beginnen zu klappern. Wie blecherne Zähne schlagen sie auf Stein, nagen an den Fassaden. Das Scheppern ist ohrenbetäubend. Alle halten sich die Ohren zu und schließen die Augen. Mit der Stille, die einsetzt, hat die Straße ihren Namen geändert: Partizanska Cesta steht nun auf den blauen Schildern, die in der Herbstsonne glänzen. Ob sich alle daran erinnern werden, dass es die Partisan:innen waren, die den Faschismus und den Nationalsozialismus bekämpft haben?

Durch die Partizanska Cesta geht es weiter. Wir biegen in die 8.-Mai-Straße, von dieser aus wieder in die Karfreitstraße, überqueren die Paradeisergasse und den Neuen Platz. Wir stehen am Arthur-Lemisch-Platz. Arthur Lemisch war ein Verfechter einer deutschnationalen Eigenständigkeit, Vergeltung wollte er an jenen üben, die den »heiligen Frieden unserer Heimat schändeten«.

Der Platz ächzt und stöhnt unter der Last der Geschichte. Viel zu lange schon wird ihm die Losung »Ehre Freiheit Vaterland« ins Pflaster gehämmert, nicht nur unter den Schritten der Tauriska-Burschen zu Klagenfurt. Er hat genug davon und bäumt sich auf. Unter den wankenden Beinen der Passantinnen und Passanten wölbt sich das Pflaster, die Häuserfluchten stürzen aufeinander ein und bilden Schalltrichter, aus denen es an allen Ecken und Enden tönt: »Platz des antifaschistischen Widerstandes«. Ob alle verstanden haben, dass es der Kampf gegen den Faschismus und den Nationalsozialismus ist, der in dieser Stadt seinen Platz haben soll?

Über den Platz des antifaschistischen Widerstandes gehen wir weiter am Wörtherseemandl vorbei in die Kramergasse, die in den Alten Platz mündet. Wir überqueren den Alten Platz und biegen ein in den Landhaushof mit seinen schönen Arkaden. Im rechten Eck befindet sich die Stätte der Kärntner Einheit.

Über die Stätte der Kärntner Einheit zieht eine dunkle Wolke. Sie bauscht sich auf und senkt sich auf die Säulen herab. Ein flirrender Baldachin wirft seinen Schatten auf die Marmorplatten und auf das gusseiserne Kreuz. Die Flügelschläge tausender Finken wirbeln Luft auf. Die umherstehenden Menschen greifen sich an die Köpfe, halten ihre Kappen und Hüte fest. Sie trauen ihren Augen nicht: Das gusseiserne Kreuz löst sich von der Marmorplatte, fliegt auf und beginnt sich um die eigene Achse zu drehen. Immer schneller kreist es um sich selbst, ein wilder Kreisel, der durch die Luft zischt. Die Buchstaben, die sich zuvor noch zum Kärntner Freiheitskampf gefügt haben, brechen aus. Auf den Marmorplatten klirren sie wie Groschen, die fallen. Das Kreuz ist immer noch ein wirbelndes Blatt, das sich durch die Marmorsäulen fräst. Die Freiheit, die Begegnung, die Einheit und der Frieden stehen nicht mehr stramm. Sie teilen sich und nehmen unterschiedliche Formen an. Alle können Freiheit, Begegnung, Einheit und Frieden nun in die eigenen Hände nehmen, alle können nun mit ihnen etwas anfangen, das nicht ein gusseisernes Kreuz flankieren muss. Um das aufgewirbelte Tatzenkreuz kümmern sich die Vögel: Sie nehmen es in ihre Mitte und ziehen von dannen damit.

Eine Hör-Version dieses Essays ist unter d. Link abrufbar:

www.aau.at/musil/aktuelles/ authormusil/ authormusil-2020-eva-schoerkhuber

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Buchbesprechung von Michael Graber

Wenige Wochen vor ihrem 125. Geburtstag ist der von Christine Zwingl herausgegebene Band über jene Spuren erschienen, die Margarete Schütte-Lihotzky in Wien hinterlassen hat. Nun gibt es zwar schon zahlreiche Publikationen von und über Schütte-Lihotzky, eine Biographie, ihre Erinnerungen aus dem Widerstand oder das Buch Wie ich Architektin wurde, ein Werkverzeichnis und wissenschaftliche Sammelbände über ihr Leben und Wirken. Was das neue Buch auszeichnet, ist die akribische Darstellung der Orte und Werke in der Stadt, in der sie lernte, studierte und in der sie sich den Großteil ihres Lebens nach Krieg und Befreiung aufhielt.

Das Buch versammelt Beiträge der jüngst verstorbenen Ulli Jenni (»Schütte-Lihotzkys Wohnungen in Wien«), von Bernadette Reinhold (»Zur Schul- und Studienzeit einer künftigen Architektin«), von Christine Zwingl (»Der große soziale Aufbruch« und »Weiterleben in Wien 1947 bis 2000«), von Elisabeth Holzinger (»Widerstand und Gefangenschaft«), von Bärbel Danneberg (»Nicht nur Küche«) sowie Renate Allmayer-Beck und Chiara Desbordes (»Reise in die Vergangenheit« mit einem Interview des ehemaligen Direktors des MAK Peter Noever). Ein Gespräch mit der Familie Stransky führt in das familiäre Umfeld Schütte-Lihotzkys ein.

Wie bekannt, litt die kommunistische Architektin, die sich neben der berühmt gewordenen »Frankfurter Küche« mit Wohnbauten im Roten Wien und Kindergärten in der Sowjetunion einen Namen gemacht hatte, unter dem Boykott der Gemeinde Wien in der Nachkriegszeit des Kalten Krieges, sodass in Wien aus dieser Zeit nur wenige öffentliche Bauten von ihr zu finden sind, darunter zwei Wohnhausanlagen im zweiten und dritten Bezirk und zwei Kindergärten im 11. und 20. Bezirk und der Sozialtrakt des Globus-Hauses der KPÖ am Höchstädtplatz. Alle Bauten Schütte-Lihotzkys in Wien stehen inzwischen unter Denkmalschutz.

In einem Stadtplan sind alle Bezugspunkte, die an ihr Leben erinnern, eingezeichnet: Bauten, Wohnungen, Orte ihres architektonischen und politischen Wirkens. Erfreulich ist, dass es darüber hinaus auch zahlreiche Erinnerungsorte gibt, die im Buch aufgelistet sind: Das MAK, wo sie in der Dauerausstellung vertreten ist und ihr Nachlass aufbewahrt wird und Orte, die Schütte-Lihotzkys Namen tragen, so die ehemalige Frauen-Werk-Stadt in Floridsdorf, ein Park in Margareten, ein Hörsaal in der TU Wien, ein Weg beim Kindergarten in Simmering; und nicht zu vergessen: das Ehrengrab am Zentralfriedhof.

Der Schütte-Lihotzky-Raum, der seit 2014 in der Frauenhetz im 3. Bezirk bestand, wurde zugunsten der langjährigen Wohnung in der Franzensgasse in Margareten aufgegeben, die ebenfalls unter Denkmalschutz steht und öffentlich zugänglich gemacht wurde. Eine Zeittafel über das Leben, eine Liste der Ehrungen Schütte-Lihotzkys, eine Auswahlbibliographie und zahlreiche Fotos ergänzen das sorgsam zusammengestellte, informative Buch.

Christine Zwingl (Hg.): Margarete Schütte-Lihotzky. Spuren in Wien. Wien: Promedia Verlag 2021, 199 Seiten, 23 Euro.

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Ein Paar reist durch Zeiten und Räume.

Von Sissi Rausch

In und nach dem Ersten Weltkrieg mit Schule, Ausbildung und beginnenden Berufserfahrungen konfrontiert, haben beide, Grete und Wilhelm, angehende, energievolle, interessierte, vor allem an Veränderungen und Verbesserungen für große Bevölkerungsschichten reformerische und revolutionäre Umsetzungen für das Alltagsleben im Blick. Grete wird von ihrem Professor Oskar Strnad aufgefordert, sich einmal die Wohnsituation der armen Leute in Wien, Mehrheit der Bevölkerung, anzuschauen. Ihr Entsetzen reicht, um sich ihr ganzes Leben lang für Verbesserungen, oder überhaupt, annehmbare Möglichkeiten des Lebens, einzusetzen. Auf Grundlage und in Kombination mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die aus der Not geborene Siedler Innenbewegung ist praktisch ihr erstes größeres Eintauchen in die Misere der Nach- und Zwischenkriegszeitverhältnisse. Ernst May, Architekt, Lehrer, Stadtplaner des NEUEN FRANKFURT, wird bei einer Besichtigung der Siedlerhäuser in Wien von der jungen Architektin geführt, und ist von ihr so beeindruckt, dass er ihr anbietet, nach Frankfurt zu kommen, um in seiner Gruppe zu arbeiten. Sie nimmt an und übersiedelt 1926, arbeitet am Frankfurter städtischen Hochbauamt und lernt Wilhelm Schütte kennen. Aufgewachsen in einem evangelischen Pfarrershaushalt, ist er nach gründlicher Ausbildung bereits Regierungs baumeister, und wendet sich vor allem dem Reformschulbau im Neuen Frankfurt zu. Er war damals schon ausgewiesener Fachmann in dieser Sparte und sollte es bis an sein Lebensende bleiben.

1927 wird geheiratet, das Paar bezieht nahe ihrer Arbeitsstätte eine kleine Wohnung. Es muss dort recht vergnügt zugegangen sein, wie ein Nachbar Jahrzehnte später zu berichten weiß. Seine Eltern hätten sich oft beschwert über den Lärm, da »Mays Architektin« oft bis spät in die Nacht auf dem Balkon gefeiert habe.

Zeitgleiches

In Deutschland, das Luft holt für den nächsten Krieg, und in Österreich wird sowieso alles immer enger für Leute ihrer Profession und politischen Einstellung. Und eine bemerkenswerte zeitgeistige Unterscheidung in gute deutsche und ungute undeutsche Zeitgenossen macht sich in etlichen deutschen Oberstübchen bemerkbar. Eine Gegnerschaft Bauhausschule versus Heimatschutzarchitektur wird konstruiert und ideologisch aufgepäppelt. Und zwar nicht wegen der Schneelasten in den Alpen. Wegen der Herkunft, Einstellung, ideologischen Vorstellung der damit befassten Bauhausarchitekten und -Architektinnen wird das »bolschewistisch-jüdische« Flachdach gegen das alpenländische Giebeldach ausgespielt. Einer der diesbezüglichen Hauptpropagandisten ist der Architekt, Gartenstadtplaner, Hochschullehrer und – ab 1933 – Nazi Dr. Paul Schmitthenner. Auch ist er Mitbegründer einer Architekturvereinigung. DER BLOCK ist die Antwort auf die Interessensgemeinschaft DER RING, der von Walter Gropius, Ernst May und anderen gebildet wird und sich im Zuge der Gleichschaltung 1933 selbst auflösen muss. Paul Schmitthenner, als einflussreicher Universitätslehrer, verfasst als Vertreter der Stuttgarter Schule 1931 im Kampfbund für deutsche Kultur und als Mitunterzeichner des Manifests »Deutsche Geisteswelt für den Nationalsozialismus« zahlreiche Schriften – Die deutsche Volks­wohnung, Das deutsche Wohnhaus –, entwi­ckelt ein bis ins das Heute reichendes deutsches Konzept der Gartenstadt. Er wird Reichsfachleiter für bildende Kunst bis zum Kriegsende. Noch 1944 wird er von Adolf Hitler in die Gottbegnadetenliste aufgenommen. Er erhält diverse Professu­ren und Auszeichnungen, auch in Wien. Kurz nach Kriegsende ist etwas Pause, doch nach 1947, als Entlasteter, ist er wie­der in diversen Bündnissen aktiv und erhält zahlreiche Ehrenzeichen, das große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik, den Orden Pour la Merite für Wissenschaft und Künste, wird Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde usw. 2003 werden im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt Schmitthenners Arbeiten ausgestellt, unter dem sinnigen Titel: »Schönheit ruht in der Ordnung«.

Ordnungsstörer

Nicht schön und ordentlich ist es den damaligen Nicht-Deutschen gegangen. Den Jüdinnen und Juden, allen AnhängerInnen von Nicht- oder Anti-Nazigruppierungen. Einer von ihnen war Herbert Eichholzer: steirischer Architekt, Staatspreisträger, politisch aktiv im Schutzbund, in der Vaterländischen Front, in der KPÖ. Viel unterwegs auf Studienreisen. Er arbeitet in der Sowjetunion, bei französischen Architekten, ab 1938 auch in der Türkei bei Clemens Holzmeister. Er gibt, wieder einmal in Österreich, gemeinsam mit Richard Zach das angeblich einzige Flugblatt heraus, das gegen die grassierende Euthanasie Stellung bezieht: »Nazi-Kultur«. Er gibt auch, federführend, die einzige Zeitschrift in Österreich heraus, die die kulturelle Seite der ganzen Geschichte beleuchtet, den PLAN. Bemüht um das KP-Widerstandsnetz, will er Gruppen in Österreich mit den Auslandsgruppen verbinden.

Ab in die Sowjetunion

In, mit und zwischen diesen architektonischen Beben bewegen sich die Lebens- und Arbeitsabläufe der handelnden Personen. 1930: ein Team um Ernst May wird zusammengestellt, ca. zwanzig Fachleute, jeweils mit Spezialgebiet, um in der Sowjetunion beim Aufbau von Städten mitzuwirken. Die Schüttes sind dabei. Gemeinsam mit den Leuten um Ernst May verlegen sie ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in die Sowjetunion. Sie planen ganze Stadtviertel, Wohnhäuser und Kindertagesstätten samt Schulen, schreiben Artikel und pflegen Freundschaften. Fassungslos und voller Tatendrang beschreibt Margarete die Herausforderung in einem Brief an Adele Hanakam aus Moskau (12. November 1930, Abschrift von Thomas Flierl, zit. aus Margarete Schütte-Lihotzky. Architektur. Politik. Geschlecht): »Am 1. Tag, als wir im Büro waren und wir alle so etwas herumstanden und nicht gleich wussten, wie wir anfangen sollen, sagte HEBEBRAND in seiner trockenen witzigen Art: ›Man reiche mir eine Stadt‹; es ist aber Wirklichkeit, dass man uns alle paar Tage eine neue Stadt zur Projektierung reicht.« Dann wird es auch hier, in diesem riesigen Land, eng für gewisse Personen. Der im Volksmund des Kalten Krieges später Hitler-Stalin-Pakt genannte deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt lässt Antifaschist Innen für einige Zeit und weitum geschüttelt oder gerührt oder sonstwie gaga zurück. Schon davor, am 25. Juli 1937, wird ein heute nicht mehr geheimer Befehl Stalins erlassen, Personen deutschen Ursprungs in der Rüstungsindustrie und im Transportwesen, Sowjetbürger deutscher Herkunft, deutschsprachige politische EmigrantInnen auch aus Österreich und der Schweiz, zu verhaften. 1938 sind bereits Zehntausende verurteilt, davon viele erschossen. Möglicherweise erhalten die Schüttes eine Warnung von Ernst Fischer, der sich zu dieser Zeit als KPÖ-Emigrant in Moskau aufhält. Jedenfalls übersiedelt das Paar über mehrere Ecken in die Türkei, zur Gruppe um Clemens Holzmeister. Es kann wieder entworfen, gebaut und geschrieben werden.

Auf nach Wien

Grete tritt 1937 der KPÖ bei. Offenbar war es Herbert Eichholzer, auf den sie in Ankara trifft, gelungen, sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, in Österreich für den Aufbau von Widerstandsgruppen tätig zu werden. Sie reist, so wie vor ihr schon Eichholzer, am 24. 12. 1939 Richtung Wien, und kann dort einen knappen Monat lang Widerstandsarbeit leisten. Ins Visier der Spitzel bzw. der Gestapo geraten, wird auch sie inhaftiert, und durch mehr als Glück und Zufall wird sie zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt und in das Frauengefängnis Aichach in Bayern verbracht, wo sie schließlich im April 1945 die Befreiung erlebt. Viele Personen, mit denen sie zu tun hatte, werden hingerichtet. Auch Herbert Eichholzer. Die beiden Spitzel – Kurt Koppel und Grete Kahane –, liefern allein von Wien aus rund achthundert Menschen ans Messer; insgesamt werden im Lauf des Jahres 1941 allein von der Wiener Gestapo-Leitstelle 1.507 Personen wegen »kommunistischer Tätigkeit« verhaftet.

Wilhelm, der gegen die Ausreise seiner Frau nach Wien war, bleibt in der Türkei, arbeitet weiter an Schulprojekten, arbeitet auch für den britischen Geheimdienst, schreibt, unterrichtet, wird von 1944 bis 1946 interniert. Er muss sich in einer kleineren Stadt in Anatolien aufhalten, kann sich aber mit kleineren Bautätigkeiten und Entwürfen, dem Einrichten einer kleinen Bibliothek beschäftigen.

Enttäuschung im befreiten Wien

1946, aus Sofia kommend wieder in Wien, beide mit Ideen und der Hoffnung, sie auch umsetzen zu können, erleben sie Zurückhaltung und Boykott von offizieller Seite. Aufträge der KPÖ geben ihnen die Möglichkeit, ihr umfangreiches Wissen wenigstens zum Teil einzusetzen. Diverse Aufbauten und Gestaltungen für das Volks stimme fest werden entworfen, das Volkshaus in Graz, das Globus-Gebäude in Wien, das Volkswille-Haus in Klagenfurt von Grete gemeinsam mit Fritz Weber projektiert.

Etliche Gedenkstätten werden von Wilhelm geplant bzw. tragen seine Handschrift. Die Gedenkstätte am Wiener Zentralfriedhof, errichtet gemeinsam mit Fritz Cremer, der Gedenkraum im Wiener Landesgericht, der Gedenkpark bzw. der Denkmalhain in Mauthausen, Gedenksteine in Ebensee, Gusen, Hartheim, Melk.

1951 trennt sich das Paar. Sechs Jahre inhaltsgeladene Trennung sind eine lange Zeit. Im Interview mit Chup Friemert, dem ersten, der sich um eine Herausgabe ihrer Geschichte als Buch bemühte, meint Grete, mit einem Kind hätte sie das nicht gemacht, im Krieg nach Wien zu gehen. Sie bekam keine Kinder, und es dürfte dann auch eine Nachwuchsgeschichte seinerseits gewesen sein, die den Bruch verstärkte: »Er war richtig verlottert«, so Grete rückblickend.

Wilhelm bemüht sich um internationale und nationale Architekturvereinigungen und Unterstützung junger ArchitektInnen, und natürlich um die Gestaltung von Schulgebäuden. Sein Schlüsselwerk in Wien ist die allgemeine Sonderschule Floridsdorf, oder die Freiluftschule Wien-Floridsdorf. Der Schulbau bleibt weiterhin sein Urthema. Noch im Oktober 1967, bei einer Diskussion an der TU Dresden, schon schwer erkrankt an einem Herz leiden, wendet er sich gegen die Ansicht, sich dabei nach kurzfristigen ökonomischen Aspekten zu richten. Fritz Weber zitiert ihn in seinem Nachruf: »Wir dürfen die Kinder nicht spüren lassen, dass wir für sie kein Geld haben. ... Wenn wir also Schulen bauen, dann mit einer Blickrichtung in die Zukunft. Die besten Schulen sind die, die dem Kind das Gefühl einer neuen heimatlichen Umgebung geben, in der es sich wohlfühlt und in der es mit Stolz seine Eltern herumführen möchte.« Ein halbes Jahr später, am 17. April 1968, stirbt Schütte an seinem Herzleiden.

Unverwüstlich

Grete ist weiterhin unterwegs. Politisch in der ersten Reihe des Bunds demokratischer Frauen und im Weltfriedensrat. Sie besucht China, Kuba, Bulgarien, die DDR, übt Beratertätigkeiten aus, schreibt viel und bleibt einfach gesund und voller Energie. Als Peter Noever, seinerzeit Direktor des MAK (Museum für angewandte Kunst) in Wien, eine Ausstellung über sie vorbereitet, kommt es auch zu einem Treffen mit dem zuständigen Stadtrat in Noevers Büro. Der Stadtrat ist überzeugt, eine freudige Überraschung für Grete parat zu haben: sie möge bitte im Auftrag der Gemeinde Wien einen Kindergarten projektieren. Da ist sie bereits 96 Jahre alt und hat schon schlecht gesehen. Manche Zeitlosigkeiten sind schon einfach hinterfragenswert.

In einem Vortragsmanuskript schreibt sie, und das ist so etwas wie ihr Vermächtnis: »... die Vorstellung weiterzugeben, dass wir Architekten nicht nur dazu berufen sind, irgendwelche mehr oder weniger interessante äußere Architekturformen für das Auge zu schaffen – sondern dass die Gestaltung unserer Umwelt, die ja in den Händen der Architekten liegt – ständig auf die Nerven aller Menschen einwirkt und deshalb in ihnen Wohlbefinden oder Mißbehagen, Harmonie oder Disharmonie, das heißt Glücksgefühl erzeugt.«

Zu ihrem Hundertsten hatte Margarete Schütte-Lihotzky bekanntermaßen mit Bürgermeister Michael Häupl das Tanzbein zu Walzerklängen geschwungen. Das hat sie dann auch noch beim Wiener KPÖ-Ball Rote Tanz gemacht. Ohne Bürgermeister und ohne viel Aufhebens.

BENUTZTE LITERATUR:

Marcel Bois, Bernadette Reinhold (Hg.): Margarete Schütte-Lihotzky. Architektur, Politik. Geschlecht. Basel 2019.

Thomas Flierl (Hg.): Margarete Schütte-Lihotzky | Wilhelm Schütte. »Mach den Weg um Prinkipo, meine Gedanken werden Dich dabei begleiten!« Der Gefängnis-Briefwechsel 1941–1945. Berlin 2021.

ÖGFA – Österreichische Gesellschaft für Architektur, Ute Waditschatka (Hg.): Wilhelm Schütte. Architekt. Frankfurt. Moskau. Istanbul. Wien 2019.

Heimo Halbrainer: Herbert Eichholzer 1903–1943. Architektur und Widerstand. Katalog zur Ausstellung. Graz 1998.

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Dank feministischer Unterstützung, höherer Wahlbeteiligung trotz widriger Umstände und aus Angst vor einem rechtsextremen Kandidaten tritt Gabriel Boric am 11. März 2022 als neugewählter Präsident Chiles an. Der 35-Jährige steht für die Generation, die das Erbe des einstigen Diktators Augusto Pinochet beseitigen, das neoliberale System beenden und den derzeit stattfindenden, verfassungsgebenden Prozess vorantreiben möchte.

 

Von Hannah Katalin Grimmer

»No pasarán« (Sie werden nicht durchkommen) – dieser berühmte Ausruf wurde in Chile im Zuge der Präsidentschaftswahlen 2021 wieder zum Leben erweckt, insbesondere durch Feminist* innen. Im Jahr 1936, zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs, rief die kommunistische Abgeordnete Dolores Ibárruri damit zur Verteidigung der Republik und zur Mobilisierung gegen die faschistischen Truppen unter General Francisco Franco auf.

In Chile war der Auslöser, dass José Antonio Kast von der selbstgegründeten Partido Republicano de Chile (Republikanische Partei Chiles) mit 27,91 Prozent der Stimmen das beste Ergebnis im ersten Wahlgang am 21. November 2021 erzielt hatte. Die Sorge war groß, dass der rechtsextreme Kandidat der nächste Präsident des Landes werden könnte. Mit 25,83 Prozent folgte an zweiter Stelle Gabriel Boric, der für das Parteienbündnis Apruebo Dignidad (Ich stimme für die Würde) antrat.

Dieses Ergebnis war in Anbetracht der Meinungsumfragen, die Boric zumeist vorne gesehen hatten, erstaunlich und für jene, die sich Veränderungen für das Land wünschten, ein Schock. Seit dem Ende der zivil-militärischen Diktatur unter Augusto Pinochet im Jahr 1990 war es die erste Wahl, bei der weder das Mitte-Links-Bündnis Concertación de Partidos por la Democracia (Pakt der Parteien für die Demokratie, später Nueva Mayoría) noch das Mitte-Rechts-Bündnis Alianza Por Chile (Allianz für Chile, heute Chile Vamos) dominierte. Auch aus diesem Grund wurde die Wahl als richtungsweisend bezeichnet.

 

Befreiung vom Erbe der Diktatur

Kast, der ultrarechte Kandidat, trat zur Verteidigung der Diktatur, die er als Militärregierung bezeichnete, und des neoliberalen Wirtschaftssystems an. Boric hingegen repräsentiert eine neue politische Generation, die gegen eben dieses System ankämpft. Es ist die Generation, die seit der Schüler*innenbewegung im Jahr 2006, der so genannten »Revolución pingüina« (Revolution der Pinguine), sowie der Studierendenbewegung des Jahres 2011 den öffentlichen Raum und den politischen Diskurs verändern. Sie wollen die Transition zu einem Ende bringen und das Land vom Erbe der Diktatur befreien. Über raschenderweise ging Boric aus der Stichwahl am 19. Dezember 2021 als Sieger hervor. Mit 35 Jahren ist er der bislang jüngste gewählte Präsident des südamerikanischen Landes.

Die Wahl wurde außerdem als maßgebend bezeichnet, weil sie vor dem Hintergrund eines sozialen Aufstands stattfand. Im Oktober 2019 wurde das gesamte Land von einer sozialen Bewegung erfasst, die nicht einmal die Pandemie hat beenden können. Als Konsequenz daraus fand im Oktober 2020 ein nationales Referendum statt, in dem sich die Mehrheit der Teilnehmenden für die Konstituierung einer verfassungsgebenden Versammlung aussprach. Es ist das erste Mal, dass eine Verfassung in Parität und unter Beteiligung der indigenen Bevölkerung erarbeitet wird.

Kast bemühte sich sehr, diesen Prozess zu diskreditieren. Mit Slogans wie »Trau dich« oder »Alles wird gut« vermittelte er, dass Chile durch den sozialen Aufstand in einen furchteinflößenden Ausnahmezustand gerutscht sei, den es zu beenden gelte. Die frühere Ordnung müsse wiederhergestellt werden. Dabei beschwor er alte Geister des Kalten Kriegs: Boric bezeichnete er als Kommunisten und ließ verlauten, wäre Pinochet noch am Leben, hätte dieser ihm seine Stimme gegeben. Seinem Vorbild Donald Trump nacheifernd, wollte er einen Graben zur Abwehr von Migrant*innen im Norden Chiles einrichten lassen, und ebenso wie der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro wetterte er gegen Abtreibungen, sexuelle Diversität und gleichgeschlechtliche Ehe. Erst im Dezember 2021 hatte das chilenische Parlament ein Gesetz zur Legalisierung dieser verabschiedet.

Mit einer Rhetorik der Angst schien Kast in diesem Land extremer Ungleichheit zunächst erfolgreich zu sein. Das Ergebnis des zweiten Wahlgangs war auch deshalb unerwartet. Ungewiss war zudem, wie der Tod von Lucía Hiriart, Witwe Pinochets, drei Tage vor der Stichwahl, Einfluss nehmen würde. Außerdem wies der erste Wahlgang auf ein konservatives bis rechtes Wahlergebnis hin, denn auch der drittplatzierte Franco Parisi mit 12,80 Prozent vom Partido de la Gente (Volkspartei) und der viertplatzierte Sebatián Sichel mit 12,78 Prozent von Chile Podemos Más (Chile, wir können mehr) waren Kandidaten des rechten Spektrums.

 

Die Ursachen des Wahlsiegs

Seit 2012 ist Wählen in Chile ein freiwilliger Akt und die Wahlbeteiligung niedrig. Während im ersten Wahlgang 47,34 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung dieses Recht nutzten, waren es bei der Stichwahl mit 55,64 Prozent deutlich mehr. Boric erhielt 55,86 Prozent der Stimmen, Kast nur noch 44,14. Damit gelang es Boric, die meisten Stimmen bei einer Präsidentschaftswahl seit 1990 auf sich zu vereinen. Dabei mussten am Wahltag noch Fahrgemeinschaften zu den Wahllokalen gebildet werden, da in der Hauptstadt zu wenig Busse eingesetzt worden waren und die Menschen bei über 30 Grad lange Wartezeiten zu überstehen hatten.

Ausschlaggebend für Borics eindeutigen Sieg mit 971.024 Stimmen mehr als Kast sind verschiedene Faktoren: Zum einen war die Angst vor dem rechtsextremen Präsidenten groß, mit bei dessen Wahl vieles auf dem Spiel gestanden wäre: So hatte er bereits angekündigt, die neue Verfassung verhindern zu wollen. Zum anderen hat Borics Versuch, seinen Wahlkampf stärker auf die so genannte politische Mitte auszurichten, ihm viele Stimmen eingebracht.

Daneben ist der unermüdliche Wahlkampf in den Regionen, insbesondere im Norden Chiles, zu nennen. Bei einem über 4.000 km langen Land, das stark zentralisiert ist, ist die Bedeutung des ländlichen Raums nicht zu unterschätzen. Im Norden hatte der drittplatzierte Parisi gewonnen und anschließend dazu aufgerufen, Kast zu wählen. Boric konnte jedoch kurzfristig Izkia Siches als Kampagnenleiterin für den zweiten Teil des Wahlkampfes gewinnen. Die 35-Jährige gehört ebenso wie Boric zu der Generation der Studierendenbewegung 2011 gegen den damals in seiner ersten Amtszeit befindlichen Sebastián Piñera.

Nach dem schlechten Ergebnis für Boric im ersten Wahlgang legte Siches ihren Job im Colegio Médico de Chile, der chileni schen Ärzt*innenkammer, nieder, deren erste Präsidentin sie war. Anders als Boric und sein enger Vertrauter Giorgio Jackson gehörte sie jedoch nicht zu den Köpfen der studentischen Bewegung und ihrem politischen Umfeld. Sie ist in Arica, der Grenzstadt mit Peru geboren, und war für den vierwöchigen Wahlkampf im Norden in einem Bus unterwegs, in dem sie ihre wenige Monate alte Tochter dabeihaben konnte. Der Stärke ihres sozialen Aktivismus und der jungen Frauen* hat Boric viel zu verdanken.

Wie die Zeitung La Tercera am 20. Dezember 2021 berichtete, gingen im zweiten Wahlgang deutlich mehr Frauen* unter 50 wählen und gaben Boric ihre Stimme. Dazu beigetragen haben könnte, dass Coordinadora 8M, das Kollektiv, das unter anderem die Protestmärsche zum feministischen Kampftag organisiert, zwischen den Wahlgängen explizit zur Wahl Borics aufrief. Sie organisierten eine offene Versammlung, zu der 700 Menschen in der Universidad de Santiago und noch einmal 1.000 digital zusammenkamen. Auf ihrer Webseite stellten sie Kampagnenmaterial zur Verfügung und in ihrer kostenlosen Zeitschrift La Primaria Feminista verglichen sie die Wahlprogramme. An der Versammlung beteiligt waren auch Las Tesis, das feministische Theaterkollektiv, das mit der Performance »Un Violador en Tu Camino« (Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) während des sozialen Aufstands 2019 weltweit Berühmtheit erlangte.

Es verwundert also nicht, dass Boric sich in der Wahlnacht, in seiner ersten Rede als gewählter Präsident, explizit bei Frauen* bedankte, insbesondere bei Siches. Gleich zu Beginn seiner Rede ließ er verlauten, Frauen* könnten sich darauf verlassen, die Protagonist*innen der Regierung zu werden. Immer wieder betonte er Diversität als Grundlage für seine Regierung, mitunter deshalb eröffnete er seine Rede auch in Mapundungun, der Sprache der Mapuche.

 

Tod des Pinochetismus

Boric benannte außerdem eine Reihe moralischer Forderungen, die bereits seinen Wahlkampf begleitet hatte: Wahrheit, Gerechtigkeit, Reparation und Nicht-Wiederholung. Damit gelang es ihm, eine Brücke zu verschiedenen Menschenrechtsorganisationen zu schlagen: Die Verletzungen und die Gefangenen des sozialen Aufstands setzte er so in Verbindung mit den Gefangenen und Ermordeten der Diktatur. Dabei betonte Boric, wessen Erbe er vertrete: Einerseits lud er seine Zuhörer*innen dazu ein, mit Freude über den fair errungenen Sieg nach Hause zu gehen, womit er Salvador Allendes erste Rede als gewählter Präsident 1970 zitierte. Andererseits bezog er sich auf Patricio Aylwin, den ersten Präsidenten nach der Rückkehr zur Demokratie 1990, der zur Einheit des Landes aufrief. Symbolisch für die Einheit ist es wohl, dass Boric zwei Tage nach seiner Wahl die verfassungsgebende Versammlung besuchte, wo Elisa Loncón, Präsidentin derselben, ihn mit offenen Armen empfing.

Nichtsdestoweniger ist Boric nicht der Wunschkandidat aller Linken, seine Vor stellungen von gesellschaftlicher Ver - änderung sind für viele nicht weit reichend genug. Besonders unbeliebt hatte er sich gemacht, als er während des sozialen Aufstands am 15. November 2019 den von der Regierung Piñeras getragenen »Acuerdo por la Paz Social y la Nueva Constitución« (Abkommen für den sozialen Frieden und die neue Verfassung) mitunterzeichnete.

Zudem hat er sich Großes vorgenommen: Die Umstrukturierung des extrem neoliberalen Systems, insbesondere des Rentensystems AFP, ein kostenfreies Bildungssystem, eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Was er davon wird umsetzen können, bleibt abzuwarten, vor allem, weil er in beiden Kammern des Parlaments, Senat und Abgeordnetenkammer, über keine Mehrheit verfügt.

Dennoch war die Erleichterung am Wahlabend vielerorts sehr groß. Zehntausende strömten in Santiagos Straßen, um das Ergebnis und den zweifachen »Tod« des Pinochetismus in einer Woche gemeinsam zu feiern. »No pasarón«, sie sind nicht durchgekommen – so hat die Stichwahl gezeigt, nicht die Angst, sondern die Hoffnung hat in Chile erst einmal gewonnen.

 

Hannah Katalin Grimmer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel/documenta-Institut und befasst sich in ihrer Doktorarbeit mit dem Zusammenhang von Kunst und Erinnerungen in den sozialen Bewegungen Südamerikas.

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Die gängigen Vorstellungen von Kunst und Kultur werden auf unangenehme Weise infrage gestellt.

Von Paul Schuberth

Wer das Stichwort Musik im Konzentra­tionslager hört, denkt wohl zuerst an das »reiche« Kulturleben im Lager There­sienstadt oder an Lagerlieder wie z.B. »Die Moorsoldaten«. Es sind hauptsächlich solche Aspekte dieses Themas bekannt, bei denen Musik mit Hoffnung und Widerstand ver­knüpft ist. Die Kehrseite des Phänomens haben AutorInnen wie Gabriele Knapp, Juliane Brauer oder Guido Fackler herausge­arbeitet. In ausführlichen Studien beschrei­ben sie die Transformation von Musik in ein Terrormittel in den Händen der SS. Dass dieser Begriff keine Übertreibung ist, soll im Folgenden gezeigt werden. Dieser Text will einen kurzen Überblick darüber geben (mit notwendigen Auslassungen), mit welch per­fider Fantasie die TäterInnen Musik in den Dienst von Demütigung, Folter und Vernich­tung stellten.

Musik und Gewalt

Musik war ständiger Begleiter des Lagerall­tags. In kaum einem Zeitzeugnis von Überle­benden fehlt die Erinnerung an den Zwang zum Singen sowie an die physischen und psychischen Qualen, die damit verbunden waren. In den unterschiedlichen Situatio­nen, zu den verschiedenen Anlässen muss­ten deutsche Lieder gesungen werden. Der Überlebende Berthold Quade erinnert sich, dass etwa im KZ Sachsenhausen beim An- und Abmarsch der Arbeitskolonnen jeden Wochentag ein bestimmtes Lied »bis zum Erbrechen« intoniert werden musste. Das befohlene Singen hatte mehrere Funktio­nen. Es vereinheitlichte den Marschrhyth­mus, trug so zur Disziplinierung und – wie es Quade ironisch kommentiert – zur »Erhaltung der Arbeitskraft« bei. Außerdem stellte es eine belastende Ergänzung zu den stupiden, körperlich anstrengenden Zwangsarbeiten dar. Andererseits bot es für die SS-Leute immer wieder willkommene Anlässe zu besonderer Demütigung, Gewalt und Prügelexzessen (etwa als Strafe für wahlweise zu leises, zu lautes, falsches, … Singen): eine Machtdemonstration, die den besonderen »musikalischen Sadismus« der TäterInnen befriedigen sollte.

Dieser Begriff, vom als »Lagersänger« bekannt gewordenen ehemaligen Häftling Aleksander Kulisiewicz geprägt, beschreibt hervorragend die befremdliche Liaison zwi­schen Gewaltaffinität und einem liebevol­len Verhältnis zur Musik: »Auf den Takt legten sie großen Wert. Es musste militä­risch-schneidig und vor allem laut gesun­gen werden. (…) Unseren frisch-fröhlichen Gesang liebten sie sehr, sie konnten nicht genug davon haben«, erinnert sich der Häftling Karl Röder. Für die Liebe zur Musik spricht auch die Genauigkeit, mit der die TäterInnen das Repertoire auf die jeweils zu demütigende Häftlingsgruppe abstimmten: So wurden Juden und Jüdin­nen gezwungen, antisemitische Lieder dar­zubieten, und KommunistInnen wurden bestraft, wenn sie das ihnen aufgetragene Kirchenlied nicht vorzusingen wussten. Karl Röder ergänzt: »(…) auch die Halbto­ten, die am Boden lagen, mussten singen.« Ein Hinweis darauf, dass das Zwangssingen nicht nur als psychisches, sondern auch als physisches Foltermittel diente.

Zur vollen Geltung kam das Foltermittel Musik bei der sogenannten »Fuhrwerks ­kolonne«. Bei diesem Kommando, dem aus­schließlich Juden angehörten, mussten Häftlinge, die an Stelle von Pferden in Gur­ten gespannt wurden, einen schwerbelade­nen Wagen ziehen. »Damit sollten Muskeln, Lungen, Brustkorb, Nervensystem und Stimmbänder zugleich kaputt gemacht werden. Singen mussten sie Marschlieder, rasante und liebliche Melodien, alles, damit die Verzweiflung noch schlimmer wurde«, urteilt Aleksander Kulisiewicz. Die Histori­kerin Juliane Brauer beobachtet: »Die musi­kalische Gewalt birgt beides in sich – die Verletzung des Körpers und der Seele des Menschen –, wodurch sich ihre zerstörende Macht potenziert.« Ist schon das In- und Miteinander von Musik und Gewalt ein kaum zu entschlüsselndes Phänomen, ist es erst die Detailverliebtheit in der Umset­zung der musikalischen Gewalt, die einen ratlos zurücklassen muss. Jüdische Berufs­musikerInnen waren ein bevorzugtes Ziel des musikalischen Terrors. Das entsprach dem von MusikwissenschafterInnen über Jahre kultivierten antisemitischen Ressen­timent, wonach die Juden und Jüdinnen besonders musikalisch seien. Es sind etliche Fälle dokumentiert, in denen etwa jüdische Opernsänger eine Arie anstimmen mussten, während sie geschlagen oder ermordet wurden.

Die Lagerorchester

Zu den unglaublichsten Aspekten des Lageralltags gehört die Geschichte der Lagerkapellen und -orchester. 1933–1936 waren diese noch provisorisch zusammen­gestellte Übergangsphänomene. Doch nach der Neuordnung des Lagersystems wurden sie als feste Institutionen etabliert. Die Mit­glieder rekrutierte man, indem man unter den Häftlingen die MusikerInnen aussor­tierte oder Probevorspiele veranstaltete. Die Besetzungen der Kapellen reichten von einem Trio aus Mandoline, Geige und einem Blasinstrument in Treblinka bis zu einem Symphonieorchester von achtzig Menschen in Auschwitz. Sie wurden zu regelrechten Statussymbolen für die jeweiligen Kom­mandanten und SS-Mannschaften. Die Kapellen erfüllten einen doppelten Zweck, wie es auch der ehemalige Dirigent des Auschwitzer Männerorchesters, der polni­sche Jude Szymon Laks, beschreibt: »Auf­rechterhaltung der Lagerdisziplin« – durch den Rhythmus der dargebotenen Märsche konnte ein koordinierter Bewegungsablauf der Häftlingskolonnen garantiert werden; »Ablenkung und Entspannung« für die Täter – die aufputschende Wirkung der meist schmissig-heiteren Musik senkte die moralischen Hemmschwellen bei Gewalt ­aktionen, und Privatkonzerte für SS-Leute boten eine Entspannung nach der »undank­baren Arbeit«. Primo Levi beschreibt die Wirkung der Marschmusik der Kapelle auf die Häftlinge: »Es sind nur wenige Motive, etwa ein Dutzend, und alle Tage, morgens und abends, dieselben: Märsche und Volks­lieder, die jedem Deutschen lieb und teuer sind. Sie haben sich in unsere Köpfe einge­graben, und sie werden das letzte sein, was wir vom Lager vergessen werden: Des Lagers Stimme sind sie, der wahrnehmbare Ausdruck seines geometrisch konzipierten Irrsinns und eines fremden Willens, uns zunächst als Menschen zu vernichten, um uns dann langsam zu töten.« Einen weite­ren Aspekt hat die Historikerin Shirli Gilbert herausgearbeitet. Die TäterInnen konnten die Musik einerseits dazu nutzen, sich von ihren Taten abzulenken, und andererseits dazu, ebendiese unter ein kul­tiviertes, »zivilisiertes« Paradigma zu set­zen.

Musik und Vernichtung

Nicht unüblich war die Praxis, die Kapelle bei öffentlichen Züchtigungen oder gar Exekutionen aufspielen zu lassen, um den furchterregenden Eindruck des »Schau­spiels« auf die anderen Häftlinge noch zu erhöhen. In anderen Fällen sorgte Musik allerdings für den gegenteiligen Effekt: mit ihr konnten Leidensschreie oder Schüsse übertönt werden. Vom angedeu­teten Doppelnutzen von Musik – Übertö­nen von Gewalt bei gleichzeitiger Ablen­kung der TäterInnen – profitierten die TäterInnen des Öfteren, auf besondere Weise jedoch kam er zum Tragen bei der sogenannten »Aktion Erntefest«. Diese Operation bildete den Abschluss der Aktion Reinhardt. Dabei wurden die 40.000 verbliebenen Juden und Jüdinnen des Distrikts Lublin durch Mitglieder der SS und des Reserve-Polizei-Bataillons 101 ermordet. Allein in Majdanek wurden in Gruben, die die Opfer selbst ausheben mussten, 18.000 Juden und Jüdinnen erschossen. Dieser Massenmord war zugleich ein »musikalisches Inferno«; beim örtlichen Propagandaamt hatte man sich Lautsprecheranlagen ausgeliehen, die an Masten oder Wachtürmen befestigt wurden. Der Lärm aus den Lautspre­chern – fröhliche Tanzmusik – übertönte die Schüsse.

Mag man auch schon bis hier zur Auf­fassung gelangt sein, dass Musik eine wesentliche Rolle im Vernichtungspro­zess selbst spielte, ist es erst die nun zu beleuchtende Dimension, die diese These unwiderlegbar zu beweisen droht. Musik war Teil jener Inszenierung, mit der die im Vernichtungslager neu Ankommenden über dessen wahren Zweck hinwegge­täuscht werden sollten. In Treblinka wur­den die Ankommenden mit einem perfek­ten Täuschungsszenario begrüßt: Die Ent­laderampe der toten Gleise war dort zu einem Bahnhof mit vielen Schildern und Zugfahrplänen umgebaut worden, um den Eindruck eines Umsteigebahnhofs zu erwecken; soweit wahrscheinlich bekannt. Doch: Das zehnköpfige Orches­ter, geleitet vom berühmten Musiker und Häftling Artur Gold, spielte »jazz and Jewish folk tunes«. Auch in anderen Ver­nichtungszentren mussten die Musikgrup­pen direkt an den Gleisen spielen, um mit »fröhlicher« Musik eine Atmosphäre zu erzeugen, die Panik- und Angstgefühle der Ankommenden zerstreuen sollte. Die Musik half dabei, die nervösen »Neuzu­gänge« zu beruhigen und sie zur problem­losen Kooperation bei ihrer eigenen Ver­nichtung zu bewegen. Dieser musikalische »Willkommensgruß«, in seiner Wirkung kalkuliert, beugte Tumulten oder gar Auf­ständen vor und garantierte so den rei­bungslosen Ablauf des Vernichtungspro­zesses.

Esther Bejarano erinnert sich an eben­diese Praktik, die auch in Auschwitz ange­wendet wurde: »Als die Menschen in den Zügen an uns vorbeifuhren und die Musik hörten, dachten sie sicher, wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein. Was für eine schreckliche psychische Belastung war das für das Orchester!« Im Vernichtungslager Sobibór wurden die zur Ermordung bestimmten Juden an der Rampe mit Musik vom Grammophon begrüßt. In Bełżec musste die Kapelle zwi­schen den Gaskammern und den Grabgru­ben spielen, wo sie für die musikalische Begleitung der Arbeit des sogenannten Sonderkommandos zu sorgen hatte. Warum sind diese historischen Fakten, die die musikalische Gewalt betreffen, weniger bekannt als andere Aspekte des Phäno­mens Musik im Konzentrationslager? Womöglich, weil durch sie gängige Vor­stellungen von Kunst und Kultur auf unan­genehme Weise infrage gestellt werden. Doch das muss an anderer Stelle erörtert werden.

Weiterführende Literatur:

Guido Fackler: »Des Lagers Stimme«. Musik im KZ

Gabriele Knapp: Das Frauenorchester in Auschwitz

Juliane Brauer: Musik im Konzentrationslager Sachsenhausen

Shirli Gilbert: Music in the Holocaust

Paul Schuberth ist Musiker mit den Schwerpunk­ten Jazz und Klassik. Außerdem veröffentlicht er Texte zu v. a. kulturpolitischen Themen, u. a. in Café KPÖ, Versorgerin, konkret.

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Bemerkungen von Karl Reitter zum Buch: Corona und die linke Kritik(un)fähigkeit

Die Linke kann über die Pandemie kaum noch gemeinsam diskutieren. Die Standpunkte sind teilweise so extrem unterschiedlich wie wir es aus der Israel/ Palästina Debatte kennen. Allerdings gibt es da einen großen Unterschied: Was in Israel/Palästina geschieht ist eine Sache, wie dieser Konflikt hierzulande aufgenom­men, interpretiert und instrumentalisiert wird, eine andere. Von der Pandemie und den Maßnahmen hingegen sind wir alle unmittelbar betroffen. Wohl können wir uns mit vielen anderen Themen beschäfti­gen, aber die Pandemie und ihre Bekämp­fung beschäftigt sich mit uns, ob wir das wollen oder nicht; wenn ich das so sagen darf.

Der Riss geht nun keineswegs nur durch die Linke. Die gesellschaftliche Polarisie­rung wird seit Beginn der Pandemie bewusst vorangetrieben, KritikerInnen werden grundsätzlich denunziert und aus­gegrenzt. Statt Dialog und Debatte trium­phiert in den Leitmedien eine einseitige demagogische Verurteilung, die vor allem darauf beruht, jegliche Kritik über densel­ben Kamm zu scheren. In diesen Sog ist auch die Linke geraten, wobei mache die Konfrontation sogar noch verstärken. Ger­hard Hanloser, Peter Nowak und Anne Seeck haben in dieser Situation versucht, eine unaufgeregte Debatte zu führen. Vor Ort ging das nicht. Wie zur Bestätigung untersagte die Berliner Regenbogenfabrik die Diskussionen, die deshalb im Netz statt­finden mussten. Ein Resultat dieser Bemü­hungen ist das vorliegende Buch.

Verschiedene Blickwinkel

Fast alle AutorInnen nähern sich der Corona Problematik aus einem spezifischen Blickwin­kel. Im Abschnitt Wen Corona und Lockdown besonders betrifft geht es u. a. um Erfahrungen in der Psychiatrie, in den Pflegeheimen, im Gefängnis sowie um die Situation von Jugend­lichen und SchülerInnen. Die Abschnitte »Die Profiteure« sowie »Medizin« stellen Fragen nach einer feministischen Kritik an der Medi­zin, dem Thema der freien Entscheidung pro oder contra Impfung sowie der Situation der Pflegekräfte. Im Abschnitt Soziale Kämpfe und Gegenwehr geht es um Klassenkämpfe in ver­schiedenen Bereichen, zudem wird die Brücke zur Ökologie geschlagen.

Wie bei Sammelbänden wohl unvermeidlich, sind manche Beiträge durch hohe Kompetenz und argumentativen Scharfsinn bestimmt, etwa der Artikel von Michael Kronawitter »Malen nach Zahlen«, in dem die offizielle Datenpolitik in Frage gestellt wird, oder der Text von Laura Valentukeviciute »Klinik­schließung als Pandemie«, in dem die Pläne kritisiert werden, Kliniken mitten in der Pan­demie zu schließen, was 2020 in Deutschland auch tatsächlich geschah.

Andere finde ich weniger überzeugend, wie den Beitrag von Detlef Georgia Schulze, in dem die Autorin das berühmt-berüchtigte Strate­giepapier der deutschen Bundesregierung vom März 2020 verteidigt, in dem unter anderem von einer »gewünschten Schockwirkung« und der »Urangst« des Erstickens die Rede ist, um die Bevölkerung auf die kommenden Maßnah­men ideologisch einzustimmen. Auch der Ver­such von Raina Zimmering, die Reise der Zapa­tistas nach Europa mit der Thematik der Digi­talisierung und der Abwehr von Corona zu verbinden, erscheint mir gekünstelt und nicht besonders geglückt.

Explizit mit Positionen innerhalb der Linken beschäftigt sich der erste Abschnitt. Gerhard Hanloser beschreibt die Reaktion der Linken auf die Demonstrationen der »Corona-Rebel­len«, Anne Seeck reflektiert den Zustand der Linken vor dem Hintergrund ihrer feministi­schen Perspektive, Elisabeth Voß beschäftigt sich mit der grassierenden Wissenschaftsgläu­bigkeit und der patriarchal geprägten Recht­haberei innerhalb der Linken. Eine Aussage hat mich besonders bewegt, sie schreibt: »Hätte ich den Satz ›Wir impfen euch alle!‹ als Demobeobachterin nicht selbst gehört, ich hätte nicht glauben wollen, dass Antifas eine solche Parole rufen. Sind das die gleichen Leute, die sonst so viel Wert auf Achtsamkeit legen, sich den Kopf zergrübeln über ihre Pri­vilegien und sich akribisch um eine gewalt­freie und inklusive Sprache bemühen?« Felix Klopotek betont in seinem Beitrag, dass ein Lockdown, und sei er noch so solidarisch organisiert, keinen klassenkämpferischen Streik darstellen kann. Peter Nowak antwor­tet auf die Kritik von Thomas Ebermann, er bagatellisiere das Sterben der Alten. Chris­tian Zeller arbeitet erneut die seiner Mei­nung nach gegebene antikapitalistische und ökologische Orientierung von ZeroCovid heraus, ohne allerdings die Forderung nach einem radikalen Lockdown zu erneuern, wie er im Frühjahr 2021 von dieser Initiative pro­pagiert wurde. Zu den längeren Artikel gesel­len sich kürzere »Zwischenrufe«, in denen einzelne Aspekte beleuchtet werden.

Zweifeln erlaubt

Sammelbände zu Corona Politik gibt es inzwi­schen einige, aber ich kenne keinen, in dem so viele unterschiedliche Sichtweisen publi­ziert sind. Dieses Vorgehen halte ich für wichtiger denn je, da das Plädoyer für einen gemeinsamen Dialog leider nichts an Aktua­lität verlieren wird. Nach meiner Auffassung ist das Kalkül, mit den vorhandenen Impf­stoffen die Pandemie wesentlich einzudäm­men, gescheitert. Die Dauer der Wirksam­keit beträgt ganz offiziell nur ein paar Monate und der Schutz ist keineswegs hun­dertprozentig. Zudem dürft eine geringe Impfquote alleine auch nicht der alles ent­scheidende Faktor für das weitere Ansteigen der Fallzahlen sein, wie der Vergleich zwi­schen Ländern mit unterschiedlicher Durch­impfung zeigt. Wie die große Politik darauf reagieren wird, ist eine offene Frage, zur Deeskalierung werden die getroffenen Maß­nahmen kaum beitragen. Es ist also zu hof­fen, dass der Appell im Vorwort auf frucht­baren Boden fällt. »Dieses Buch soll einen Beitrag darstellen, zuzuhören, wahrzuneh­men, Kritik und andere Positionen auszu­halten. Nicht als Lobpreisung eines prinzi­pienlosen Pluralismus, sondern als Grund­lage weitergehender Überprüfung, um einen den Verhältnissen angemessenen Stand­punkt beziehen zu können.«

Corona und die linke Kritik(un) fähigkeit
Herausgegeben von Gerhard Hanloser, Peter Nowak und Anne Seeck, Neu-Ulm 2021

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