Von Anfang mit Begeisterung … Diana Möslinger www.texta.at
02 September

Von Anfang mit Begeisterung …

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Texta ist eine österreichische HipHop-Gruppe, die sich Anfang/Mitte der 90er Jahre in Linz mit fünf Mitgliedern (Flip, Laima, DJ Dan, Skero und Huckey†) gegründet hat. Texta ist eine fixe Größe im österreichischen Musikgeschehen. Darum hat sich unsere Reporterin Diana Möslinger auf ihr Motorrad gesetzt und ist frühmorgens aufgebrochen, um Laima und Flip in Linz zu interviewen. Und staunte, dass sie nach 25 Jahren Fandom von Flip und Laima zum Tee eingeladen wurde.

Euer zweites Album (Gediegen, 1997) hat als Kassette bestimmt mehrere meiner Walkmans durchlaufen und ihr ward die erste Band, die ich live sehen wollte – 1998 im Melkerkeller bei einer Party des Siedepunkt. Ich war da vierzehn, und durfte noch nicht hin. Könnt ihr mir was davon erzählen? Wie war’s?

FLIP: Ja, Melkerkeller sagt mir was. Aber in Baden waren wir öfter, mindestens noch einmal oder zweimal … LAIMA: Ich kann mich an das eine Ding erinnern, wo quasi unsere Vorgruppe die ganze Zeit mit dem Rücken zum Publikum gespielt hat, weil’s Publikum nicht so getan hat, wie sie wollten.

FLIP: So holt ma sich Sympathien. Ich mein, egal wie groß und berühmt ma is, ma muss sich alles erarbeiten.

LAIMA: Des war echt peinlich. Ma is halt trotzdem Dienstleister, die kommen und zahlen dafür. Da musst du mit denen … .

Ihr habt nicht nur in Baden, sondern auch in Mödling, meiner Heimatstadt, gespielt – vermutlich also mehrere Kleinstädte. Wie ist generell die Verteilung, wo spielt ihr lieber – Hauptstädte oder kleine Kaffs?

FLIP: Ich sag jetzt mal so: Wir haben in Österreich nur vier Großstädte. Wennst nur mit dem Anspruch hergehst, dass du nur große Locations spielst, bist halt schnell am Ende der Fahnenstange. Also bist du dazu gezwungen, dass d’ kleine Sachen spielst. Und es is a net unangenehm, kleinere Sachen zu spielen. Wennst da jetzt 150 Leute hast, die sich voll freuen, dass du spielst, is das deswegen kein schlechteres Konzert, als wenn da 500 oder 1.000 Leute stehen. Ich find sogar, die größeren die uninteressanten Shows, in dem Sinn, dass du halt in die Masse rein spielst.

LAIMA: Es ist einfacher, bei einem großen Konzert Stimmung zu machen, aber es macht halt nicht so viel Spaß. Weil du machst halt quasi Kommandos, und die Leute sind bei dir, irgendwie. Während wenn du kleine Shows spielst, dann willst du jeden Einzelnen beeindrucken. Suchst dann Augenkontakt oder sonst irgendwas.

Gibt es generell Konzerte, die ihr nicht vergessen werdet? Wo waren die?

FLIP: Das ist eine schwere Frage, bei zirka 1.000 Shows, die ich schon gespielt hab. Was mir jetzt einfallt, ist das letzte Konzert, das wir mit Huckey gespielt haben. Das war in der »Schule des Ungehorsams«, das Museum vom Gerhard Haderer im Herbst 2017 und da ist es dem Huckey zwischendurch – trotz Krebs – grad so gut gegangen, dass er zumindest drei oder vier Nummern mit uns spielen hat können.

LAIMA: Und das strangeste Konzert war dann das Konzert in der Woche, wo der Huckey gestorben ist … Ein Tonträger Allstars Konzert [Tonträger ist das von Texta und Freund*innen gegründete Label, Anm. d. Red]. Die Halle war voll, wir sind auf die Bühne gegangen, die Leute haben gejubelt – aber du hast hin und wieder auch Tränen gesehen und jeder, der auf der Bühne war und wieder runtergekommen ist, hat geheult und das war einerseits extrem schön und andererseits extrem traurig. Das war so ein Gefühlsmix, so ein Konzert kann es gar nicht wieder geben.

FLIP: Das Konzert war auch schon ausgemacht Monate davor und es war drei oder vier Tage nach Huckeys Tod – am 5. Mai … am 1. Mai 2018 ist er verstoben und normalerweise sagt man so ein Konzert vielleicht ab, aber in Linz im Posthof, mit den anderen Leuten von Tonträger, nicht.

Hättet ihr das Konzert woanders gemacht?

LAIMA: Vielleicht nicht, aber wir haben dann noch sieben weitere Tonträger-Konzerte gespielt und das war dann schon viel: Jedes Konzert wie ein kleines Begräbnis.

FLIP: Hätten wir es in Wien gemacht? Ich glaube nicht. Aber das in Linz war schon würdig. Auch dem Huckey seine Witwe hat an dem Abend gesagt, dass das eine Spitzen-Verabschiedung war von den Bühnen von Linz.

Spulen wir dreißig Jahre zurück, zur Anfangszeit von Texta. Wie war das am Anfang?

FLIP: Schlecht halt einfach :)

LAIMA: Wir haben uns kurz vorher kennengelernt und da war dieses Tanzhallenfest in der Kapu und es war so, dass der damalige Kapu-Chef gesagt hat: »Jetzt spielt’s da!« Das Tanzhallenfest war eine Dancehallparty, quasi. Und da haben wir vier Nummern gespielt. Es war nix Großes, aber 50 Leute waren da und denen hat es getaugt. Und aus dem sind dann die Kapu-Jams geworden, die der Flip veranstaltet hat.

FLIP: Das erste richtige Konzert war dann 1994. Die erste HipHop-Jam, die ich veranstaltet hab. Ich hab‘ damals Main Concept aus München eingeladen, Schönheitsfehler aus Wien – Total Chaos war vielleicht nicht beim ersten Mal dabei, aber das weiß ich jetzt nicht. Crb war dabei, Compact Phunction. Und das war auch in Österreich die erste Jam, wo Gruppen von überall herkamen. Auch da haben wir nur vier Songs gespielt. Und wir haben noch gar keinen DJ gehabt, für uns hat Master Huda (von Schönheitsfehler) aufgelegt. Und das war auch der Abend, an dem ich Dan – unseren späteren DJ – den anderen vorgestellt hab.

Wie hat sich eure Gruppe gefunden? Wenn du sagst, du hast die ersten Jams gemacht, wie ist man davor zusammengekommen? Sitzt man an der Theke und sagt: »Ah, du rappst auch? Machma was gemeinsam?«

FLIP: Eigentlich kann man sich’s genau so vorstellen. Um kurz auszuholen: Die Kapu war natürlich in Linz der Hardcore- und Punk Hotspot und alle von uns – außer Skero und Dan – waren ja immer in Hardcore- und Punkbands. Huckey als Schlagzeuger von Target of Demand und Seven Sioux war sowieso schon quasi ein Punkrock-Star. Laima war Sänger bei Babelfisch. Ich hab in einer Gitarrenband namens Groove gespielt. Wir haben uns also in der Kapu kennengelernt. Laima war schon länger in der Kapu, ich bin 1991 dazugestoßen.

Es hat davor auch eine Hand voll HipHop-Konzerte gegeben, und zweimal hat die Kapu Konzerte für die Gruppe Advanced Chemistry veranstaltet. Und dieses zweite Konzert war dann das Momentum – wir haben gemeinsam die Bühne abgebaut – da war der Laima dabei und der Huckey. Und Torch von Advanced Chemistry hat gefreestyled.

Und das hat uns dann eben so imponiert, dass wir auch auf ganz schlimme Art und Weise zu freestylen begonnen haben. Und es war der erste Moment, wo man gemerkt hat: der Laima will, und ich mach das auch. Und der Huckey. Auf jeden Fall war das so der Startschuss, wo wir uns gedacht haben, wir wollen jetzt auch rappen. Auf Deutsch.

Das heißt, ihr seid gemeinsam von Punk in HipHop reingewachsen?

FLIP: Ja, quasi. Skero hat vorher schon ein paar Raptexte auf Englisch geschrieben, ich hab schon ein paar sogenannte Beat-tapes gemacht und vielleicht ein bisschen Scratchen geübt mit dem Schallplattenspieler von meinem Vater. Aber ernsthaft ist es erst ab 1993 geworden. Eher zufällig.

Ich hab‘ zum Geldverdienen in einer Tanzband auf Bällen und Hochzeiten gespielt, als Gitarrist. Und unser Keyboarder hat sich einen ASR10 Sampler gekauft. Das ist der Sampler, mit dem der RZA die Beats für Wu-Tang gemacht hat. Der Keyboarder hatte den nicht zum Beats bauen gekauft, sondern da waren halt originale Klavierklänge vorabgespeichert, mit denen er dann hat spielen können. Und dieser ASR10 ist im Proberaum von der Tanzband gestanden, gemeinsam mit einem Atari und ich hab ihn gefragt, ob ich probieren kann mit dem Beats zu machen kann. Und da hab ich die ersten Beats gemacht. Das war natürlich Glück, weil der hat damals 45.000 Schilling gekostet. Und der Atari hat 10.000 Schilling gekostet. Das hätt ich mir nie leisten können. Keiner von uns.

LAIMA: Das war alles teuer damals, auch die Studios. Das waren halt die Großen, wo auch bekannte Austropopper ihre Songs aufgenommen haben, die haben volle Maut kassiert. Als kleine Band hast du dir das nicht leisten können.

FLIP: Und da haben wir halt sehr von der Kapu profitiert. Wir haben damals übers Kapu-Mischpult und die Mikros, die wir für Konzerte gehabt haben, unsere erste Platte aufgenommen.

Geschmeidig, 1995 ist in der Kapu aufgenommen worden? Im Proberaum?

FLIP: Nein, bis auf »3 Uhr 10« ist alles unten im Saal aufgenommen und abgemischt worden, drum klingt’s auch so relativ, nicht so gut. Aber viele Sachen waren damals technisch gar nicht anders möglich und das hat auch alles eine gewisse Energie gehabt, ich will das gar nicht so verteufeln. Es war vielleicht nicht alles präzise. Wenn du dir Rap-Sachen von früher anhörst, merkst du diese Energie. Man hat sich nicht alles vorher überlegt, wir haben nicht gesagt: »Ich schreib jetzt 16 Takte.« Manchmal waren es auch sechs Takte, elf, 27.

Diese Anarchie, weil man noch nicht so ein Profi war, hat auch eine gewisse Frische mitgebracht. Wir wollten keine Hits schreiben, sondern einfach Sachen, die auf einer HipHop-Jam funktionieren.

Waren von Anfang an alle gleich begeistert bei Texta dabei?

LAIMA: Ja. Sonst hätt es uns gar nicht gegeben. Wir waren wirklich von Anfang an alle mit Begeisterung dabei und das is glaub ich auch der einzige Grund, warum’s uns heute noch gibt.

Wie groß war Linz von Anfang an und wie groß ist Linz durch eure Aktivität geworden? Habt’s ihr das Gefühl, dass Linz so stabil auf der Landkarte ist, weil man immer die Kapu hat, von der aus man arbeiten kann?

LAIMA: Gehabt hat. Ich bin zwar jetzt nicht mehr so oft dort, aber klar ist ein Club- bzw. eine Kulturlandschaft – es ist ja nicht nur die Kapu, sondern auch die Stadtwerkstatt und so weiter – prägend. Weil wenn du einen Platz hast, wo du dich mit Anderen treffen kannst und gute Musik hörst und machen kannst, dann ist das halt der Schlüssel.

FLIP: Was für Linz ganz relevant war: In den Neunzigern hat halt alles, was in der Deutschrapszene Rang und Namen gehabt hat, in der Kapu gespielt. Ab den 2000ern haben wir auch angefangen, amerikanische Artists zu holen. Du hast halt immer eine Benchmark gehabt und hast dich nach oben orientieren können.

Es war aber immer in dem Kontext, dass es kein richtiges Startum gegeben hat. Wenn der gleiche Künstler in der Arena spielt, bist du relativ weit weg. Und jubelst halt, aber mit Distanz.

In der Kapu steht der direkt vor dir, du kannst mit dem dann auch reden. Der is da, du hast eine Nahbarkeit und stehst keine Armlänge weit weg von dem Hawara. Das is ein anderer Approach. Wir sind halt recht weit weg von diesem Starthema. Alle Besucher spüren, dass sie Teil der Kultur sind.

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