Volksstimme-Fest 1994 mit Ostbahn Kurti. Michael Graber Volksstimme-Fest 1994 mit Ostbahn Kurti. Foto: KPÖ Archiv
02 September

»Es wurde der stärkste Festabend.«

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Michael Graber spricht mit Christian Feldmann, der das Volks stimmefest über Jahre (mit)gestaltet hat.

Du hast Anfang der 1990er Jahre die Organisation des Volksstimmefestes übernommen. Das war die Zeit, als das Fest nach dem Wegfall der Teilnahme der sozialistischen Länder neu strukturiert werden musste. Worin bestanden dabei die größten Herausforderungen?

CHRISTIAN FELDMANN: Das war ein Prozess, der nicht in einigen wenigen Jahre abgeschlossen war. Das Fest wurde verbreitert, analog zum Soli-Dorf zuerst durch den Ausbau der Initiativenstraße, später durch das Kultur- und Medien-Platzl. Es wurden einheitliche Konditionen für alle nichtkommerziellen Stände, inklusive jener der KPÖ, eingeführt. Dazu wurde ein Stock von ausgesuchten Gastronomie-Ständen aufgebaut, die einen wichtigen Beitrag zur Finanzierung des Festes leisten. Wichtig in dieser Hinsicht war auch die Sicherung des Budweiser-Standes, als einzig verbliebenem Eigenstand des Volksstimmefestes. Das ist einer Initiative von ehemaligen Mitarbeiter*innen des Globus-Verlages, koordiniert von Susie Krpec, zu verdanken.

Andererseits musste die technische Ausrüstung, die sich in einem bejammernswerten Zustand befand, ersetzt werden. Es ging aber auch um so banale Fragen, wie beispielsweise um die Lagerung des Materials, nachdem das Globushaus [bis 1992 das Haus der KPÖ, Anm.] als Lagermöglichkeit weggefallen war. Aus dem früher bestehenden »großen« Festkomitee wurde eine kleine Geschäftsführung, an der unter anderem Christiane Maringer und Johann Höllisch mitarbeiteten.

Eine der finanziellen Grundlagen des Festes war die seinerzeit beliebte Dreifarbentombola. Warum konnte diese nicht mehr weitergeführt werden? CHRISTIAN FELDMANN: Das hing mit der Einstellung oder dem Verkauf der im Globus-Verlag erschienenen niederösterreichischen Wochenzeitungen zusammen, die seinerzeit in ihren Verbreitungsgebieten zum Teil Marktführer waren und deshalb von den großen Handelsketten Inseratenaufträge erhielten. Im Gegenzug erhielt das Fest die vielen Tausend Trostpreise, die bei der Tombola ausgespielt wurden.

Das Sportfest war seit den 1960er Jahren wesentlicher Bestandteil des Festes. Du konntest es noch einige Jahre weiter führen. Warum ist es dann doch aus gelaufen?

CHRISTIAN FELDMANN: Die wichtigste Veranstaltung des Sportfestes war das Boxturnier. Der Ausfall der sozialistischen Länder, wo die meisten Sportler*innen herkamen, und die Kürzung der KPÖ-Subvention für das Fest um die Hälfte sind da zusammengefallen. Es blieben das Judo-Turnier und der Friedenslauf. Letzterer hatte immer weniger Teilnehmer*innen, was wohl den zahlreichen, in den vergangenen Jahren entstandenen Laufveranstaltungen in Wien geschuldet ist. Dass das Judo-Turnier bis vor einigen Jahren weitergeführt werden konnte, ist zum Gutteil dem verstorbenen Fritz Höllisch zu verdanken. Aber die Erneuerung des Materials für das in die Jahre gekommene Judo-Podium hätte enorme Kosten verursacht.

Welche kulturellen Höhepunkte sind dir nach immerhin 30 Jahren in Erinnerung geblieben?

CHRISTIAN FELDMANN: Ich möchte nicht mit einer Aufzählung beginnen, denn das wäre zwangsläufig ungerecht und unvollständig. Künstlerisch war für mich persönlich das Jura Soyfer- und H. C. Artmann-Programm »Abendlieder« mit Sabine Hank und Willi Resetarits 2012 eines der wichtigsten Ereignisse. Besuchsmäßig war es sicher der Ostbahn-Kurti-Auftritt 1994. Geplant war er an einem Samstag, der mit einem nicht sehr vertrauenserweckenden Wetter begonnen hatte. Mit dem Management war vereinbart, dass bei zeitgerechter Absage der Auftritt am Sonntag nachgeholt werden kann. Nach Prognose der von uns konsultierten Flugwetterwarte hätten wir absagen müssen. Das haben wir glücklicherweise nicht getan, und es wurde der stärkste Festabend, an den ich mich erinnern kann.

Als Organisator des Festes hast du auch die Bürokratie der Wiener Magistrats verwaltung ausführlich kennen gelernt. Was waren die größten Probleme und Schwierigkeiten?

CHRISTIAN FELDMANN: Da ist mir eine Sache besonders in Erinnerung: Als ich das Fest übernommen habe, war es Usus, dass die Wiener Verkehrsbetriebe eine nicht unerhebliche Rechnung für ihren erhöhten Personalaufwand geschickt haben, die vom Fest auch bezahlt wurde. Die erste diesbezügliche Rechnung, die ich bekommen habe, war sogar vom damaligen SPÖ-Stadtrat Hatzl persönlich paraphiert. Ein Beweis dafür, dass auch den Verkehrsbetrieben die Sache nicht ganz geheuer war und sie für diese Maßnahme den Segen »von oben« wollten. Aus der Überlegung, dass die Verkehrsbetriebe mit uns keinerlei Vereinbarung hatten - sondern natürlich nur mit ihren Fahrgästen - haben wir nicht bezahlt. Die Folge war eine Klage gegen uns. Diese wurde Monate später zurückgezogen und das Verfahren eingestellt.

Im Großen und Ganzen hatten wir mit der Praterverwaltung, dem Magistrat Stadt gärten MA 42, zumindest bis Mitte der 2000er ein korrektes Arbeitsverhältnis. Die meisten Probleme gab es hinsichtlich der Standler*innen-Fahrzeuge auf der Jesuitenwiese. Insbesondere bei Schlechtwetter können Fahrzeuge einen erheblichen Schaden verursachen. Dazu muss man wissen, dass noch in den 80ern geduldet wurde, dass -zig Autos auch während des Festes auf der Wiese geparkt haben. Das konnten wir drastisch einschränken, indem wir klare Regeln durchsetzten, wer das Gelände wann befahren darf.

Gab es auch Unterstützung durch die Gemeinde Wien?

CHRISTIAN FELDMANN: Die Situation mit der Gemeinde Wien hat sich 2004 geändert. Dass wir das Fest in diesem Jahr nach dem Novum-Urteil aus finanziellen Gründen ausfallen lassen mussten, hat klar gemacht, dass die KPÖ keine »reiche Partei« ist. Wir erhielten zwar keine Subvention (wie etwa das Donauinselfest oder das Stadtfest der ÖVP), aber einen Werbeauftrag für den Logoabdruck in unserem Festfolder und das Anbringen von Transparenten am Fest.

Wichtiger für uns waren aber die Sachleistungen, die wir von der Gemeinde bekamen, die etwa die Müllabfuhr, die Wasserversorgung und -entsorgung betrafen. Und natürlich die Wiese selbst, für die wir keine Miete und keine Kaution zu leisten hatten. Das hat der MA 42 gar nicht gepasst, und so kam eines Jahres – im Zuge der Vorbesprechung zum bevorstehenden Fest – die Forderung, wir müssten die Bäume der Jesuitenwiese von einem Baumchirurgen auf die statische Sicherheit untersuchen und allenfalls zurückschneiden lassen. Das war eine absurde Forderung, denn für die Sicherheit der Bäume zu sorgen ist natürlich Aufgabe der MA 42 selbst. Auf der Jesuitenwiese finden auch andere Veranstaltungen statt und insbesondere auch an »normalen« Wochenenden wird sie von hunderten Menschen frequentiert. Es bedurfte eines kurzen Anrufes im Rathaus, der mit der verärgerten Bemerkung »Unwahrscheinlich, wie in Wien Veranstalter sekkiert werden!« quittiert wurde. Und die Sache war zumindest damals vom Tisch.

Was macht das Volksstimmefest aus, im Vergleich zu anderen Volksfesten in Wien, etwa dem Donauinselfest oder dem ÖVP-Stadtfest?

CHRISTIAN FELDMANN: Die über hundert – zum überwiegenden Teil – nicht-kommerziellen Stände machten schon immer die Besonderheit des Volks stimmefestes aus. Ein besonderes Anliegen war mir hier der Kultur-Bereich. Und ohne die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen an den Ständen, dem Linken Wort, in der Kassa, bei der Wiesen-Kassierung und vielem mehr wäre das Fest auch nicht denkbar gewesen.

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Christian Feldmann hat in den 1980er Jahren Veranstaltungen der KPÖ betreut und organisiert, Volksstimmefest-Mitarbeiter seit 1972, später verantwortlich für das Kulturprogramm; Gastspiele und Tourneen mit fortschrittlichen Künstlern. 1991–2012 Geschäftsführer des Volksstimmefestes.

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