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Von Marian Demitsch.

Die Wahl der Österreichischen Hoch­schüler_innenschaft (ÖH) im Jahr 2021 ist geschlagen und die Feierlichkeiten gut überstanden. Und zu feiern gab es aus lin­ker Perspektive wahrlich einiges. Speku­lierten manche bereits im Vorfeld ange­sichts der zu erwartenden geringen Wahl­beteiligung mit einem guten Ergebnis des Kommunistischen Student:innenverbands – Linke Liste (KSV-LiLi), so übertraf dieses am Abend des 20. Mai jedoch alle Hoffnun­gen.

So konnten in der ÖH-Bundesvertretung (BV) trotz des Abfalls der Wahlbeteiligung von 25 auf 15 Proeznt die absoluten Stim­men gesteigert werden. Die Mandatszahl verdoppelte sich damit auf zwei Mandate. Auch in der Universitätsvertretung der Uni Wien konnte erstmals ein drittes Mandat errungen werden. Als neue drittstärkste Fraktion konnte der KSV-LiLi sowohl die Neos-Studierenden als auch die ÖVP-Akti­onsgemeinschaft hinter sich lassen. Die neue Innsbrucker KSV-LiLi-Gruppe konnte bei ihrem ersten Antritt noch nicht in die Universitätsvertretung einziehen, war dort aber bereits auf Anhieb stärker als RFS und KSV-KJÖ. Nicht zuletzt kann auch auf das Ergebnis an der Universität für Ange­wandte Kunst Wien hingewiesen werden, an der KSV-LiLi stärkste Fraktion auf BV-Ebene wurde.

Trotz des starken linken Ergebnisses lässt eine kommunistische Beteiligung an der Exekutive der ÖH-BV zunächst noch auf sich warten. Nach langen Gesprächen wurde den Verhandler:innen des KSV-LiLi schließ­lich mitgeteilt, dass auf ihre Forderungen nicht eingegangen wird. Statt einer Kampa­gne zur Sichtbarmachung von Prekarität unter Studierenden oder der Etablierung eines Referats für antifaschistische Gesell­schaftskritik beschränken sich VSStÖ und GRAS lieber auf ein »Rebranding« der ÖH.

Erfolgreicher verliefen die Koalitionsver­handlungen für den KSV-LiLi an der ÖH Uni Wien. Trotz des klaren Wunsches der Neu­auflage der großen Viererkoalition, in der auch die GRAS vertreten war, einigte man sich hier schließlich auf ein Bündnis mit dem VSStÖ mit Beteiligung der linken Basisgruppen. Neben der »Fight Preca­rity!«-Kampagne konnte hier etwa ein Anti­rassismus-Kongress, das Bekenntnis zum Kampf für kritische Rechtsextremismusfor­schung und erneut die starke Förderung von emanzipatorischen, linken Projekten durchgesetzt werden. Damit sorgt der KSV-LiLi weiterhin innerhalb der linken Koali­tion an der ÖH Uni Wien für radikale linke Politik, die den Anspruch hat, gesellschaft­liche Verhältnisse aktiv zu kritisieren und zu überwinden.

Marian Demitsch (25) studiert Soziologie an der Uni Wien und ist Aktivist von KSV-LiLi.

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Unter der Losung »Was tun!« trat der 38. Parteitag der KPÖ zusammen. Fortan wird eine neue Generation Gesicht und Politik der Partei prägen.

Von Michael Graber und Mirko Messner

Drei Mal musste er verschoben werden, am 19. und 20. Juni konnte er endlich stattfinden. An diesem heißen Wochenende versammelten sich rund 150 Kommunist* innen in der VHS Liesing, um den 38. Par­teitag der KPÖ durchzuführen. Es war damit auch das erste größere Zusammen­treffen der Partei seit Beginn der Corona-Zeit, das endlich auch wieder die Atmo­sphäre des kollektiven Beratens, Diskutie­rens und Entscheidens spürbar werden ließ. Delegierte aus allen Bundesländern und Vertreter*innen befreundeter Organi­sationen waren gekommen. Das Bedürfnis, einander wieder zuzuhören, war an der großen Aufmerksamkeit im Saal abzulesen. Während bei den Parteitagen anderer Parteien, aber oft auch bei Parteitagen der KPÖ in der Vergangenheit, die Musik, also die eigentlich relevanten Diskussionen, in den »Couloirs«, d. h. in den Nebenräumen oder beim Buffet spielte, war das diesmal ganz anders.

Generationswechsel

Es war auch deshalb ein besonderer Parteitag, weil er einen Einschnitt und einen neuen Aus­gangspunkt in der Entwicklung der KPÖ bedeutet. Der Einschnitt ergab sich daraus, dass er mit einem gründlichen Generations­wechsel in den leitenden Gremien verbunden war. Mirko Messner, der seit 2006 Bundesspre­cher der KPÖ war, kandidierte nicht mehr für diese Funktion. In gewisser Weise trat die »Nach-68er-Generation« ab, zu der auch der ehemalige Parteivorsitzende Walter Baier und der langjährige Finanzreferent Michael Graber gehören. Sie wurden vom Parteitag mit viel Applaus aus ihren Funktionen verabschiedet.

Motivierende Wahlerfolge

Eröffnet wurde der Parteitag von Michael Gra­ber. Er verwies unter anderem auf den Plan, das Arbeitslosengeld auf 40 Prozent Nettoer­satzrate zu reduzieren, sowie auf den Hinaus­wurf von einem Drittel der Belegschaft im LKW-Werk in Steyr und die Lohnkürzungen von 15 Prozent für den verbleibenden Rest. Darin zeige sich beispielhaft die antisoziale Brutalität, mit der in den nächsten Jahren zu rechnen sein werde. Umso motivierender sei es, dass der Parteitag an einige bemerkens­werte wahlpolitische Erfolge in den letzten drei Jahren anknüpfen kann: Wiedereinzug in den Salzburger Gemeinderat mit KPÖ Plus, Erringung der Vertretung der Alternativen Liste Innsbruck im Gemeinderat mit Unter­stützung und Beteiligung der KPÖ, Ausbau der Vertretung im steirischen Landtag mit den zwei Mandaten, wobei das Dritte nur knapp verfehlt wurde, sowie das gute Abschneiden bei den steirischen Gemeinderatswahlen. Wahlerfolg bei den Wiener Bezirksratswah­len gemeinsam mit Links mit 23 Mandaten in 15 Bezirken, von denen neun statt bisher fünf von Mitgliedern der KPÖ gehalten wer­den. Der fulminante Wahlerfolg der Liste Schuh-KPÖ in Fischamend bei den Gemein­deratswahlen in Niederösterreich, wo mit 12 Prozent sogar die SPÖ überholt wurde, Stim­men- und Mandatszuwachs des Gewerk­schaftlichen Linksblocks bei den Arbeiter­kammerwahlen usw. Insgesamt, so berich­tete Florian Birngruber dem Parteitag, hält die KPÖ derzeit 115 kommunale Mandate, davon 80 in der Steiermark. Und dann gab es vor wenigen Wochen bei den Wahlen zur Österreichischen Hochschüler*innenschaft (ÖH) den Wahlerfolg von KSV-LiLi mit drei Mandaten und absoluten Stimmengewinnen trotz niedriger Wahlbeteiligung an der Uni­versität Wien, der größten Uni im deutsch­sprachigen Raum. KSV-Lili wurde damit drittstärkste Fraktion, noch vor den ÖVP- Student*innen, und ist erstmals auch im Uni­versitätssenat, dem wichtigsten Gremium der Uni Wien, vertreten. In der Bundesver­tretung der ÖH konnten die beiden kommu­nistischen Listen (KSV-Lili und KSV-KJÖ) ihre Mandate von zwei auf vier verdoppeln.

KPÖ nicht allein zu Haus

Mirko Messner und seine bis 2012 Ko-, danach stellvertretende Bundessprecherin Melina Klaus, die ebenso wie die Stellvertre­tenden Christiane Maringer und Michael Schmida nicht mehr kandidierte, referierten den Rechenschaftsbericht gemeinsam.

Heute, so Messner, unterscheidet sich die politische Landschaft stark von jener in den vergangenen Perioden: Einerseits ist die KPÖ wie alle Linksparteien mit einer globalen Umbruchsituation konfrontiert, in der sich vielfältige Krisen ineinander verflechten und insgesamt durch die ökologische Krise ver­tiefen, und in der die Linke weltweit ihren Platz finden muss. Andererseits ist die KPÖ in der österreichischen politischen Land­schaft nicht mehr allein, was den organisier­ten politischen Raum links von SPÖ und Grü­nen betrifft. Beides vergrößere immens die Anforderungen an die Kommunikationsfä­higkeit der Partei, erfordere neue Ansätze der Organisierung gegen eine Rückkehr zur alten Normalität, für soziale Alternativen, für bedingungslose soziale Existenzsiche­rung.

Melina Klaus thematisierte auch den Begriff der Aktivist*innenpartei. Nach dem Verlust des angestellten Apparats seien Spre­cher und Sprecherin 2006 als Ehrenamtliche angetreten. Auch wenn es nicht ideal sei, so eine Funktion als Ehrenamt auszuüben, hät­ten sie hoffentlich aus der Not eine Tugend gemacht – wobei eine stringente bundespoli­tische Arbeit ohne politischen Apparat zu leisten sich allerdings als fast nicht zu leis­tende Aufgabe herausgestellt hätte. Bewährt habe sich die Aktivist*innenpartei, was die vielfältige, in hohem Maß eigenverantwortli­che Tätigkeit der Kommunist*innen auf regionalen Ebenen betrifft. Jedenfalls, so Klaus abschließend, hätten sie die Partei vor allem als eines geschätzt: als pluralistische Partei. Dies nicht nur zu erhalten, son­dern konstruktiv zu nutzen – diesen Wunsch gab sie weiter.

Neue Generation, neuer Sprecher*innenrat

Adressat dieses Wunsches ist neben dem neuen Bundesvorstand nun auch ein neuer sechsköpfiger Sprecher*innenrat aus jungen, aber politisch erfahrenen Genoss*i nnen. Sie erhielten bei der Wahl in den neuen Bundesvorstand einen gro­ßen Vertrauensvorschuss. Das Gesicht der Partei wird sich dadurch wesentlich ver­ändern, liegt doch das Durchschnittsalter des Sprecher*innenrats bei 38 Jahren. Zwei der neuen Sprecher*innen kommen aus der Jungen Linken, der Nachfolgeor­ganisation der Jungen Grünen nach 2017, deren Bundessprecher*innen sie waren: Sarah Pansy und Tobias Schweiger. Kate­rina Anastasiou war Spitzenkandidatin der KPÖ bei den Europawahlen des Jahres 2019, Natascha Wanek und Günther Hopf­gartner gehörten schon bisher dem Bun­desvorstand der KPÖ an, Rainer Hackauf ist seit Beginn dieses Jahres für die Öffent­lichkeitsarbeit des Bundesvorstands zuständig. Heidi Ambrosch wurde als Frau­envorsitzende bestätigt und Florian Birn­gruber als neuer Finanzreferent und Bun­deskoordinator gewählt. Allesamt ein­stimmig in der konstituierenden Sitzung des Bundesvorstands, die wie im mer am Parteitag selbst abgehalten wurde.

Das Konzept »Organizing«

Ein neuer Ausgangspunkt für die KPÖ besteht in der politischen Orientierung, wie sie am Parteitag rund um das Konzept des »Organizing« beschlossen wurde. Es geht dabei um die Mobilisierung und Akti­vierung der Partei, ihrer Mitglieder und Aktivist* innen auf allen Ebenen – mittels der Formulierung konkreter politischer und sozialer Vorhaben, die zusammen mit ande­ren gesellschaftlichen Kräften erreichbar und durchsetzbar sind und zum Wachsen der Organisation und der Gewinnung neuer Mitglieder beitragen sollen. Dazu sollen neben den Grundorganisationen auch offene Arbeitsgemeinschaften gebildet werden, die sich um konkrete Vorhaben kümmern. Namens des Sprecher*innenrats formulierte Tobias Schweiger das Ziel, bis zum nächsten Parteitag – also in drei Jahren – die Zahl der Mitglieder wieder annähernd auf 2.000 zu bringen. Die KPÖ für Frauen attraktiver zu machen, steht auf der Prioritätenliste ganz oben.

»Wer will, dass die KPÖ so bleibt wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt«

Der neue statutarische Vorsitzende der KPÖ und Mitglied des Sprecher*innenrats Günther Hopfgartner fasste seine Positionen in Abwandlung eines Zitats von Erich Fried so zusammen: »Wer will, dass die KPÖ so bleibt wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt.« Die Herausforderung bestehe in der Formu­lierung einer »transformatorischen Sozialpolitik«, die die Möglichkeit einer solidari­schen Gesellschaft sicht- und erfahrbar mache. Dazu beschloss der Parteitag auch eine Neufassung des Dokuments mit dem Titel »Solidarische Gesellschaft«, das die programmatische Richtung skizziert.

Parteitage, auch die der Kommunist*innen, haben ihre Rituale und meist auch ein fest gefügtes überkommenes zeitliches Korsett. Große Aufregung herrscht natür­lich dann, wenn plötzlich etwas umgestoßen wird. Als sich nach einigen Wortmeldungen zur Generaldebatte herausstellte, dass keine Frauen dabei waren – es gilt in der KPÖ seit vielen Jahren das Reißverschlusssystem –, forderte die Frauensprecherin eine Auszeit, um den anwesenden Frauen unter den Dele­gierten Zeit und Raum zu verschaffen, sich besser in die Diskussion einzubringen. Daraufhin mussten die Männer eine Zeit lang den Saal verlassen, bis es weitergehen konnte. Die Intervention war erfolg- und lehrreich.

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Das Alltägliche patriarchaler Hierarchien und die Konsequenzen für die Gefühle der Männer und die Leben von Frauen.

Von Daniel Sanin

Wie kommt es, dass »wir« in Öster­reich in diesem Jahr schon 14 (bei Erscheinen dieses Textes vielleicht gar schon mehr?) Frauenmorde hatten? Ich möchte mich dem Versuch der Beantwor­tung dieser Frage über verschiedene Ebe­nen annähern. Es gibt zum einen einen realpolitischen Hintergrund, der darin besteht, den Opferschutz und die Täter ­arbeit seit Jahren fast auf Feigenblatt-Niveau zu finanzieren; dann gibt es eine gesellschaftspolitische Dimension, näm­lich die Dominanz eines Männlichkeits­typs auf politischer Ebene, der ungeniert die eigene phallische Macht zur Schau stellt, ohne die üblichen Schleier von Stil, Klassenbewusstsein (Standesdünkel), Höf­lichkeitsformen usw. darüberzulegen. Diese Männer, für die Donald Trump den Prototyp darstellt, leben absolut ungefil­tert ihre phallische Macht aus und kön­nen sich so sogar sexueller Belästigung rühmen. Sebastian Kurz hingegen hat etwas Bübisches, daher bemerkt man die­sen Zug bei ihm nicht so, er täuscht mit jugendlicher Unschuld. Dahinter jedoch lungert genauso die unverstellte Macht­gier, die nichts und niemandem verpflich­tet ist, außer jenen Elementen und Perso­nen, die für den eigenen Machterhalt gerade notwendig sind. Die Dominanz sol­cher Männer in den sichtbarsten Positio­nen, die, koste, was es wolle, ohne Kom­promisse, ihr »Ding« durchziehen, leben vor, was möglich ist.

Hierarchie der Köper

Das schlägt durch auf die dritte Ebene, der ich mich nun widmen möchte, die psy­chische. Was diese Männlichkeit unter anderem nämlich auszeichnet, ist ein Gefühl der Berechtigung und das Ausleben davon. Dieses Gefühl ist »normaler« Bestandteil (westlicher) männlicher Sozia­lisation und Männlichkeit. Die patriarchale Weltsicht stellt alle als männlich identifi­zierten Menschen auf einen Sockel. Daraus ergibt sich eine narzisstische Erhöhung, welche viele gesellschaftliche, soziale und individuelle Probleme generiert und/oder mitbestimmt. Durch diese Erhöhung wird der Mann zum Eroberer der Welt und zu ihrem Herrscher. Die Frau ist Teil dieser Welt, aber nicht als gleichberechtigtes Subjekt, sondern als Teil der Landschaft, als Teil des zu Erobernden. Das wirkt sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche aus, von der geringeren Entlohnung, der nied­rigeren Stellung von »Frauenberufen«, bis hin zur symbolischen Unterordnung, wodurch der weibliche Körper als weich (schlapp, schwach), offen (penetrierbar), voller eigenartiger (komischer, ekliger) Flüssigkeiten usw. gesehen wird und Jungs schon sehr früh erleben, dass »Du Mäd­chen!« eine Beleidigung sein soll.

Demgegenüber wird der männliche Kör­per als stark, hart, geschlossen, sowie aus- und zustoßend imaginiert. Aus dieser »erhabenen« Position nimmt er die Welt in Besitz – samt Frauen in ihr. Es ist sein Recht. Es steht ihm zu. Ganz »natürlich«. Von Kindesbeinen an. Selbst antisexisti­sche Erziehung, das Vorleben von Gleich­berechtigung, ein geschlechtssensibler Kindergarten und noch mehr kommen nicht gegen die ganze sexistisch struktu­rierte Welt an, das kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Jungs spüren und erkennen, dass sie »besser« sind, dass sie auf keinen Fall ein Mädchen sein und nicht mal als ein solches bezeichnet werden möchten.

Zugang zu dieser privilegierten (aber prekären, immer auf Absicherung bedach­ten, aus Angst vor dem Fall beseelten) Position hat ein Individuum über den männlichen Körper, bzw. den Penis. An ihm macht sich der (Macht-)Unterschied fest, er ist der Fetisch der patriarchalen Macht. Kein Wunder, dass er so einen Stel­lenwert in der männlichen Psyche ein­nimmt, seine Glorifizierung wie auch die Verschleierung seiner Instabilität und Ver­letzlichkeit.

Hierarchie der Räume

Aus dem Gefühl heraus, das durch den patriarchalen, narzisstischen Sockel ent­steht, ergeben sich spezifische Formen der Raumnahme, vom bequemen, breitbeini­gen Sitzen im öffentlichen Raum bis hin zur Eroberung ganzer Landstriche. Dazu gehört auch der offene, unbeschwerte Blick, der das zu Erobernde auskundschaf­tet und vermisst. Männer schauen Frauen an. Für sie ist das ungefährlich. Dieses Frauen Anschauen ist Ausdruck einer (unbewussten) sorglosen Eroberungs- und Beherrschungshaltung, gespeist von Gefühlen der Verfügbarkeit und Berechti­gung, von »männlicher Penetrationsener­gie« (K. Hirr). Umgekehrt kann es für Frauen sehr wohl gefährlich sein, einem Mann offen ins Gesicht zu schauen. Das könnte als Aufforderung zur »Eroberung« aufgefasst werden und unangenehme bis lebensbedrohliche Folgen haben.

Die narzisstische Erhöhung der Männer im Patriarchat bildet den Boden männli­cher Gewalt gegen Frauen und das Weibli­che. Diese dient der (Wieder-)Herstellung von Herrschaft und Hierarchie durch Unterwerfung und Kontrolle. Und das drückt sich auch schon im »normalen« männlichen Blick auf der Straße aus.

Hierarchie der Gefühle

Die männliche Position gibt sich als stark, mächtig, kontrollierend, handlungsfähig usw. Alle Gegensätze davon müssen gege­benenfalls abgespalten werden, also Weichheit, Schwäche, Abhängigkeit, Unsi­cherheit, Angst, Ratlosigkeit etc. Die männliche Position ist also prekär, ständig bedroht, da sie sich durch Abgrenzung von ihren Gegensätzen konstituiert. Die Preka­rität ergibt sich auch aus der sozialen Genese von Männlichkeit, im dem Sinne, dass sie sich als Kultur von der bloßen Natur abgrenzen muss. Die Natur wird demgegenüber als zirkulär und immer­während gesehen. Die männliche Erhö­hung muss durch imaginierte körperliche, geistige, soziale und emotionale Überle­genheit gerechtfertigt werden, welche – da nicht real gegeben – ebenfalls sehr brüchig ist. Der Schriftstellerin Margaret Atwood wird das Zitat zugeschrieben, dass Männer Angst davor haben, dass Frauen sie ausla­chen, während Frauen Angst davor haben, dass Männer sie umbringen. Dieses Lachen ist nämlich ein aufklärerisches, eines, das die Wahrheit ans Licht bringt und wo der Witz aus dem Kontrast zwischen Eingebil­detem und Realem entsteht und ersteres in seiner Lächerlichkeit zutage tritt. Das männliche Korsett ist sehr eng, dieses Lachen attackiert den Kern der männli­chen Identität, nämlich, dass er gar nichts besonderes ist, bloß ein Mensch, ganz anders, als Patriarchat, Mama, Papa und wer auch immer es ihn glauben ließ, näm­lich ein Gebieter, Eroberer, Held oder was auch immer.

Alles, was den Selbstwert eines Indivi­duums als es selbst steigert, ist gut, da es die Notwendigkeit, sich an Identitätskon­struktionen zu klammern, weniger dring­lich macht. »Du bist gut, wie Du bist« ist eine heilsame und nährende Botschaft. Abstrakte Identitätsbotschaften wie: »Das machen Männer nicht«, »Bist ein Mann oder eine Maus?«, »Bist schwul oder was?« und ähnliches mehr signalisieren ein Nicht-Genügen des Individuums im Hinblick auf ein Ideal und werten den aktuellen Menschen ab. Wenn ein Mann wenig Selbstwertgefühl hat, können externe Kategorien, wie eben eine männ­liche Identität, umso wichtiger werden. Daher ist in diesem Fall der Schutz bzw. die Stabilisierung dieser exoskelettalen Elemente auch existentiell wichtig.

Hierarchie der Symbolik

Wie schon gesagt, dient Gewalt an Frauen bis hin zum Mord der Stabilisierung oder (Wieder-)Herstellung von Männlichkeit: Demütigungen können vermeintlich gesühnt, Kränkungen geheilt, Verletzun­gen versorgt, Ehre wieder hergestellt wer­den. Das ist zumindest die Phantasie dahinter. Die Realität sieht dann oft ganz anders aus, Existenzen sind zerstört, Beziehungen zerrüttet, Leben ausge­löscht. Das sind aber die Extrembeispiele, die, die in den Medien landen, vor Gericht usw. Auf sie können wir zeigen, mit Abstand. Sie sind dort, dort, wo wir nicht sind, es sind besondere Umstände, die sie dort hingebracht haben. Umstände, die nichts mit uns zu tun haben. Wir sind auf der guten Seite, auf der Seite des Norma­len. Es sind auch Taten, die aus »Liebe«, »Verzweiflung«, »Rache« usw. begangen werden, aus Gründen also, die nachvoll­ziehbar sind, die »wir« verstehen können. Diese beiden Elemente, die Abspaltung ins Abnorme und das Pseudo-Verständlich­machen durch Psychologisierung, dienen der Verschleierung der grundsätzlichen Problematik patriarchal-herrschaftlicher Männlichkeit, welche den Normalzustand stellt. Die Männlichkeit, die schlägt und mordet, ist keine andere, monströse Männlichkeit, es ist dieselbe wie die »nor­male«, »durchschnittliche«. Im alltägli­chen »Abchecken« von Frauen, in der selbstverständlichen Raumnahme in den Öffis, im Mitlachen bei »Witzen«, im Baga­tellisieren sexistischer Diskriminierung, im »Mithelfen« im Haushalt und bei der Kindererziehung (oder beim Ablehnen davon), im Konsum von Mainstream-Por­nografie usw. steckt dieselbe Männlich­keit. Sie steckt aber auch in der Werbung, in Filmen (Kinderfilme!), Büchern (Schul­bücher!), in der Aufteilung von Berufen, im Fernsehen, der Musik usw., also in allem.

Fazit

So gesehen kann es nicht nur darum gehen, sich um die Opfer von Männerge­walt zu kümmern (großzügige Finanzie­rung und Ausbau der Frauenhäuser, Not­rufe, Vernetzung mit der Exekutive etc.), sondern auch sich klarzumachen, dass die Männer, die in den Schlagzeilen landen, das tun, was im Kopf der anderen in man­chen Situationen auch aufgeblitzt, aber aufgrund ausreichender Sublimierungs- und Verdrängungsmechanismen und sonstiger Ressourcen nicht umgesetzt wird. Jene setzen das durch, was das Patri­archat, in dem wir ja alle stecken, als Möglichkeit eben auch schlüssig denken und als Handlungsoption erscheinen lässt. Es muss folglich die materielle und sym­bolische Dimension des Patriarchats ange­griffen werden, zum Wohle aller. Dazu bräuchten wir z. B. ein sofortiges Schlie­ßen des Gender Pay Gaps, Frauenquoten, die Aufwertung/Normalisierung/Entfeti­schisierung des weiblichen Körpers und die Hinwendung zu Beziehungen (jenseits klerikalfaschistoider Familienbilder) als zentralem Wert u.ä.m. Der letzte Punkt, die Beziehungen und ihre Pflege, was aktuell unter »Care« diskutiert wird, steht in Opposition zum kapitalistischen Ver­wertungsgedanken. Damit deutet sich ein Zusammenhang an, den ich hier nicht mehr ausführen kann, der aber eminent wichtig ist: Patriarchat und Kapitalismus sind zwei Seiten derselben Medaille (sie ist übrigens blechern). Feminismus sollte daher antikapitalistisch sein und Antika­pitalismus feministisch.

Daniel Sanin lebt in Wien, ist klinischer Psy­chologe und arbeitet angestellt und selb­ständig im Sozialbe­reich.

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Der frühere Volksstimme-Redakteur Ernst Fettner feiert seinen 100. Geburtstag.

Von Michael Graber

Nur wenige hundert Meter vom Sitz der Redaktion der Volksstimme entfernt wohnt Ernst Fettner. Der Hundertjährige empfängt den Besucher in seiner Wohnung rüstig und aufgeräumt wie immer. Warum sich mit dem Jubilar befassen? Er ist der ein­zige noch lebende Journalist, der die Anfänge der kommunistischen Presse nach 1945 erlebt und ihre Entwicklung mitgeformt hat. Ernst Fettner ist aber auch kompetenter Zeitzeuge zu den erlebten Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

Dieses Leben begann in einer armen jüdi­schen Familie in Wien – die meisten Juden und Jüdinnen in Wien waren arm – und setzte sich früh in einem jüdischen Waisen­haus fort, da die Mutter gestorben war. Als Ernst wieder zur Familie seines Vaters zurückkehrte, wohnten neun Personen in der Zweizimmerwohnung. Von diesen über­lebten nur zwei den Holocaust.

Wie Ernst Fettner mit KommunistInnen in Berührung kam? Er erzählt diese Geschichte nicht das erste Mal. Als jüdischer Jugend ­licher wurde er nach dem Einmarsch der Nazis in eine der »Reibpartien« gezwungen. Nachdem sich die jüdischen Beschäftigten der Schneiderwerkstatt, in der Fettner beschäftigt war, während des Pogroms am 10. November 1938 in einem Keller verbarri­kadiert hatten, glaubten die Nazis, dies sei eine kommunistische Zelle. Fettner war zu dieser Zeit, so sagt er, völlig unpolitisch. Die Leute wurden verhaftet, und einer nach dem anderen wurde während des Verhörs geschlagen und gefoltert, weil sie leugneten, »Kommunisten« zu sein. Fettner versuchte es umgekehrt und gab zu, Kommunist zu sein. Er unterschrieb ein Geständnis, ver­pflichtete sich, das Land binnen eines Monats zu verlassen, und ersparte sich die Schläge. Seither ist er »dabei«.

In der Emigration und einer der Befreier

Eine jüdische Jugendorganisation ermög­lichte Fettner im März 1939 die Flucht nach England. Er landete in Schottland, wo er einem landwirtschaftlichen Betrieb zugeteilt wurde. Später ging er nach Glasgow und stieß dort auf »Young Austria« und das »Aus­trian Center«, das sich – geführt von Kom­munistInnen – um die österreichischen Flüchtlinge kümmerte und für ein Wiederer­stehen eines unabhängigen, demokratischen Österreich einsetzte. In diesem Umfeld ent­standen auch Fettners erste journalistische Versuche. Er erstellte Wandzeitungen und verfasste Beiträge für den Zeitspiegel, die wichtigste Publikation der österreichischen Emigration in England und darüber hinaus.

Seine kommunistische Schulung erhielt er während der Internierung als »feindli­cher Ausländer« auf der Isle of Man durch die dort inhaftierten Kommunisten. 1943 durften die Antifaschisten in die britische Armee eintreten, wozu »Young Austria« aufgerufen hatte, und Ernst Fettner kam als »Austrian Volunteer« zu den »Gordon Highlanders«. Mit dieser Einheit war er an der Befreiung Frankreichs, Belgiens, der Niederlande und Westdeutschlands betei­ligt. Mit viel Glück überlebte er die Kämpfe.

Journalistische Anfänge in Kärnten

Nach dem Ende des Krieges, er war in Kärn­ten, rüstete Fettner ab, schloss sich der Freien Österreichischen Jugend (FÖJ) und der KPÖ an und meldete sich bei der Redak­tion des Volkswillen, der damaligen KPÖ-Tageszeitung für Kärnten. »In dieser klei­nen Redaktion musst du alles schreiben, von Chronik bis zur Politik«, fasst er diese Erfahrung zusammen; und Recherche außerhalb Klagenfurts sei nur mit dem Rad möglich gewesen. Damit begann seine jour­nalistische Laufbahn, die nur drei Jahre unterbrochen wurde, als auch in der KPÖ am Höhepunkt des Kalten Krieges das Miss­trauen gegenüber der englischen Emigra­tion grassierte.

Ernst Fettner kehrte mit seiner Frau nach Wien zurück und verdingte sich als Metall­arbeiter bei Steyr, wo er unverzüglich eine Betriebszeitung gründete. Knapp vor der Wahl in den Betriebsrat holte ihn 1955 der damalige Chefredakteur der Volksstimme, Erwin Zucker-Schilling, in die Redaktion des damaligen Zentralorgans der KPÖ.

Innenpolitiker im Zentralorgan

Zunächst wurde ihm die Lokalberichter­stattung über Niederösterreich anvertraut. Später entwickelte sich Ernst Fettner zu einem der kompetentesten innenpoliti­schen Redakteure mit den Schwerpunkten Wirtschafts- und Sozialpolitik. Sein gewerkschaftliches Engagement brachte ihn bis ins Präsidium der Journalistenge­werkschaft. »Wir haben mit dem Günther Nenning gegen den Willen der SPÖ gepa­ckelt«, resümiert Ernst Fettner diese Epi­sode.

1968 fiel ihm ausnahmsweise die Aus­landsberichterstattung aus der Tschechoslo­wakei nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts zu. Er konnte mit der Adresse eines Kinderheims, in dem sich seine beiden Söhne zwei Jahre zuvor im Sommer aufge­halten hatten, und mit einem Pass, in dem die Berufsbezeichnung »Journalist« durch »Angestellter« ersetzt war, einreisen, was damals auch für einen kommunistischen Journalisten aus der damals zunächst kriti­schen KPÖ nicht so leicht war. Allerdings wurden seine Pro-Dubček-Berichte in der Redaktion immer weniger berücksichtigt, da sich die Linie der KPÖ inzwischen wieder geändert hatte.

»Es gab zu viele Lügen«

Auch nach seiner Pensionierung blieb Ernst Fettner der Redaktion der Volksstimme bis zur Einstellung der Tageszeitung im März 1991 treu. In den Jahrzehnten danach war er ein gefragter Zeitzeuge und gab Interviews in verschiedenen Medien und sprach bei Veranstaltungen. Im Grazer Verlag Clio ist ein Buch über ihn in Vorbereitung. Zu den Fehlern der Vergangenheit in der Partei­presse meint Ernst Fettner: »Es gab zu viele Lügen«, allerdings vermisse er die Parteizei­tungen, denn da wisse man, woran man ist. Der so genannte unabhängige Journalismus sei eine Chimäre, denn jeder, der schreibt, wolle überzeugen.

Sein politisches Credo gab Ernst Fettner 1998 in einem Erinnerungsbuch ehemaliger FÖJler:innen zu Protokoll: »Für die Linken ist die Lage derzeit nicht besonders rosig. Der Kapitalismus scheint zwar zu blühen, aber Blüten sind dazu bestimmt, abzuster­ben. Es wird an den nächsten Generationen liegen, die Welt entsprechend zu verändern und die Fehler der vergangenen Generatio­nen nicht zu wiederholen.« Und später fügte er hinzu: »Dabei bleib ich.« Vor zwei Jahren starb seine zweite Frau, die ebenfalls viele Jahrzehnte in der Redaktion arbeitete.

Die Redaktion der Volksstimme gratuliert dem Jubilar, der seinen Hunderter am 29. Mai im Kreis seiner großen Familie feierte.

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Eva Schörkhuber im Gespräch mit Heide Hammer über ihren neuen Roman Die Gerissene, das Papiertheaterkollektiv Zunder und Politisch Schreiben (PS)

Dein jüngster Roman, Die Gerissene, ist im Februar in der Edition Atelier erschienen. Die Ich-Erzählerin Mira ist sehr gegenwärtig, sehr tätig und zugleich dis­tanziert, mitten drinnen und doch nicht voll dabei. Ist diese Distanz Miras zur Welt auch deine Distanz zur Figur?

EVA SCHÖRKHUBER: Der Schreibprozess an diesem Text dauerte vier Jahre. Dabei war Mira am Anfang eine sehr traurige, melancho­lische Figur. Meine Erstleser*in nen wünschten sich mehr zärtliches Zutrauen in sie. In der Komposition des Schreibens, den Wiederho­lungen und Schleifen, verdichtete sich für mich die Frage nach Freiheit: In welchem Namen wird Freiheit für wen durchgesetzt? Wenn wir von formalen Analogien sprechen, geht es weniger um einen Entwicklungs- als um einen Schelmenroman. Dafür gibt es wenige herausragende Vorbilder – Irmgard Keun und Irena Brežná –, die den Weg einer Schelmin beschreiben. Die üblichen Versatz­stücke, eine Herkunft aus der Arbeiter*innen­klasse oder die Ich-Erzählerin habe ich beibe­halten. Auf ihrer abenteuerlichen Reise erfüllt Mira eine Spiegelfunktion, sie erfährt gesell­schaftliche Dynamiken, lebt darin und zieht auch wieder weiter.

Wann geht Mira? Du kennst die Orte sehr gut, in denen die Geschichte spielt – Mar­seille, Oran, die Westsahara, Havanna – du hast sehr viel recherchiert. Inwiefern ent­zieht sich Mira, entziehen wir als jeweils privilegierte Menschen mit den richtigen Papieren uns einer globalen Veränderung?

EVA SCHÖRKHUBER: Ich habe für längere Zeit in diesen Städten gelebt, und neben den aktuellen Recherchen bin ich auch meine eige­nen Notizen durchgegangen. Dabei ging es mir um ein Wissen und Erinnern lokaler Gegeben­heiten, Erfahrungen und Begegnungen in einer konkreten Architektur und Geografie. Es geht zugleich auch nicht um meine Reisen, es ist keine wie immer fingierte Autobiografie, konkrete gesellschaftliche Möglichkeiten und Missstände sind ein durchgängiges Thema, wobei genau diese, wie du sagst, privilegierte Position, sozusagen »von Haus aus« mit den »richtigen«, den »guten« Papieren ausgestat­tet zu sein, stets mitverhandelt wird.

Die Mira des Romans geht, wenn ihr etwas durch die Finger rutscht, entgleitet oder wenn ihr Menschen zu nahe kommen, sie sich zu sehr an einem Ort verankert. In der geopo­litischen Dimension der Flucht macht Mira Gegenbewegungen, sie geht in jene Ecken der Welt, aus denen die Leute tendenziell weg wollen: Algerien etwa, seine revolutio­näre Geschichte und postkoloniale Gegen­wart mit einem Machtsystem, worin die alten FLN-Kader [Front de Libération Natio­nale] und heutigen Militärs und Geheim­dienste ebenso eine gewichtige, korrupte Rolle spielen wie der Erdölreichtum des Landes, der zwar langsam versiegt, aber insgesamt wohl eher ein Fluch für das Land war.

Oran, die größte Stadt im Westen, war früher, vor dem Bürger*innenkrieg, eine der liberalsten Städte Algeriens. Was ich auch beschreibe, sind die jungen Männer, die in den 1990er und frühen 2000er Jahren vom Land kamen und durch Gelegenheits­diebstahl und Raubüberfälle ihren Lebens­unterhalt bestreiten müssen, da es kaum andere Möglichkeiten für sie gibt. Viele, auch sehr gut ausgebildete Frauen und Männer kommen vom Land in die Stadt, weil es dort mehr Freiheiten gibt, wobei etwa in Oran nach dem Bürger*innenkrieg kein einziges Kino mehr existierte: Es han­delt sich also immer um relative Freiheiten und Zwischenräume, die genutzt werden.

Und wieder einen ganz eigenen Kosmos bildet jenes UNHCR Camp, das seit vier Jahrzehnten im äußersten Südwesten Alge­riens Schutzsuchende aus dem so genann­ten Westsahara-Konflikt beherbergt. Die Bewohner*innen leben in der Wüste, in einer Zelt- und Lehmhüttenstadt, ihre Zeit ist perspektivenlos. Zwar ist auch ihr Zugang zu Wissen sehr viel demokratischer geworden und manche verlassen das Nie­mandsland zum Studium in Frankreich oder einem anderen Land des globalen Nor­dens, dennoch ist die Anwendung dieses Wissens ein Nadelöhr. Nach ihrer Rückkehr hat sich an der alltäglichen Enge und den fehlenden Möglichkeiten nichts geändert.

Jedes Kapitel, jede neue Station beginnt mit sehr poetischen, philosophischen, auch melancholischen Sätzen: »[…] Etwas in Gang zu setzen, den Anstoß dafür zu geben, die gewohnten Bahnen zu verlassen, bedeutet nicht, alles im Griff zu haben. Der Griff nach den Ster­nen ist ein vager, ein tastender. Das leuchtende Ziel vor Augen kann, wenn man endlich so weit gekommen ist, schon erloschen sein. […] Die Bedrohungen sind zahlreich, den äußeren Feinden folgen die inneren, und wenn gar nichts mehr hilft, wird der einstige Leitstern selbst zum Gegner erklärt, den es zu bekämpfen gilt. Am häufigsten hat dieses Schicksal einen Stern namens Freiheit ereilt.« (S. 55)

EVA SCHÖRKHUBER: Viele dieser einleiten­den Passagen sind von bestimmten Lektüre ­erfahrungen inspiriert. In diesem Fall han­delt es sich um Bini Adamczaks Buch Bezie­hungsweise Revolution. Darin arbeitet sie ent­lang konkreter historischer Kontexte die großen revolutionären Konzepte – Gleich­heit, Freiheit und, nein, nicht Brüderlichkeit, sondern Solidarität – auf und verortet sie neu. Dabei zeigt sie, wie mitunter verhee­rend sich ein hoher Abstraktionsgrad auf revolutionäre Taktiken und Praktiken ausge­wirkt hat und wie wichtig es ist, diese revo­lutionären Konzepte auf einer sehr breiten Basis zu praktizieren, anstatt sie zu Dogmen, die von einer kleinen Elite verwaltet und durchgesetzt werden, gerinnen zu lassen.

Zugleich beschreibst du in sehr eingängi­gen Bilder das körperliche Empfinden Miras, als eine »alte, eine verrostete Saite« (S. 50), die sie schlicht vergessen hatte, da sie sich in Marseille »endlich angekommen« wähnte, um wenig später zu bemerken: »Mein Leben, mein ganzes Leben hier in Marseille erschien mir plötzlich öd und leer.« Mira bricht aus der Enge und Rigidität einer dörflichen Gesellschaft auf und findet Resonanz und Intensität. Sie bleibt aber auch stumm oder verstummt immer wieder, sie ist eine Reisende und vieles bleibt ambiva­lent.

EVA SCHÖRKHUBER: Diese theoretische wie musikalische Resonanz ist für Mira wich­tig. Sie lernt zuerst diese fremde Seite in sich kennen, sucht sie und läuft zugleich vor ihr davon. Zunächst ist sie primär mit dieser Art der Entfremdung beschäftigt: Sie fällt aus einem sozialen Rahmen, den sie eine Zeit lang aufrechtzuerhalten versucht, da er auch eine gewisse, für sie allerdings immer beklemmendere Stabilität gewährleistet. Schließlich macht sie sich auf, um das Weite zu suchen. Revolutionen und ihre Verwirk­lichung ziehen Mira an: Sie imaginiert sich selbst an der Spitze einer Bewegung, sie stürmt mit der Fahne voran. Der paterna­listische Gestus, der naive Glaube, etwas richtig machen zu können, held*innenhaft zu wirken und zu helfen, wird fortwährend dekonstruiert. Amarou ist eine Figur, die ihr diese Begrenzungen aufzeigt, die sie begreifen lässt, wie existenziell unter­schiedlich die Bedrohungen und Hand­lungsmöglichkeiten in einer Stadt je nach race, Klasse und Geschlecht verteilt sind. Dass sie danach auch in Kuba eine neue Revolution mit einer Fahne, einem Stück Stoff, voranzubringen sucht, zeugt zugleich von ihrer Unbeirrbarkeit oder eben unse­ren begrenzten Lernerfahrungen.

VS: Ein Ausweg aus solchen Verirrungen und Selbstüberhöhungen könnte in Kol­lektiven zu finden sein, eine kritische Gruppe oder Masse, die als Korrektiv wirkt. Du selbst widmest sowohl als Autorin als auch Redakteurin einen Teil deiner Zeit der kollektiven Produktion, seit einigen Jahren auch dem Papier­theater. Mit dem Kollektiv Zunder wird diese Form mit radikalen, revolutionä­ren Inhalten bespielt. Welche Geschich­ten erzählt ihr und was fasziniert euch an der Form?

EVA SCHÖRKHUBER: Am Papiertheater fasziniert uns das ursprünglich biedermei­erliche Modell ebenso wie die sehr mobile und autonome Form: Eine der allerersten Überlegungen war es, diese Form des Thea­ters aus den privaten, bürgerlichen Wohn­zimmern in den öffentlichen Raum, auf Plätze, in Cafés und Gaststätten zu verla­gern und insofern gleichsam vom Kopf auf die Füße zu stellen. Unsere selbstgebaute Bühne hat in etwa die Größe eines mittle­ren Flachbildfernsehers und ist mit allem, was eine Bühne so braucht, in Miniatur­form ausgestattet: Wir haben unterschiedli­che bewegliche Scheinwerfer, verschiedene Kulissen und ein Papierfigurenensemble. Um irgendwo auftreten zu können, benöti­gen wir ein wenig Platz und lediglich eine Steckdose. Inhaltlich haben wir uns mit unserem ersten längeren Stück, mit der Rätebewegung in Österreich unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges, befasst. Das Stück haben wir kollektiv entwickelt und im Rahmen der WienWoche 2018 umgesetzt. Wir sind damit herumgewandert, waren in Innsbruck, Ebensee, Linz, auch in Meran und München. Beim momentan aktuellen Stück handelt es sich um eine musikalische Revue in Kooperation mit der Band Laut Fragen: Wir inszenieren einen Festakt für den expressio­nistischen Vagabundendichter Hugo Sonnen­schein (1889–1953).

Du bist auch Teil der Redaktion der Litera­turzeitschrift PS: Anmerkungen zum Litera­turbetrieb/Politisch Schreiben. Ihr erscheint – ebenso wie die Volksstimme – im anti­quierten Papierformat. Was lässt euch daran festhalten und warum ist ein politi­sches Schreiben für euch wesentlich?

EVA SCHÖRKHUBER: Die PS erscheint ein­mal im Jahr sowohl auf Papier als auch digi­tal: Beim Printformat legen wir Wert auf eine kooperative Gestaltung, die stets von Grafi­ker*innen und Illustrator*innen, die nicht zur Redaktion gehören, übernommen wird. Und ein Heft, an dem wir beinahe ein Jahr lang gearbeitet haben, in Händen zu halten, ist immer auch und Jahr für Jahr etwas Besonde­res. Unsere Auffassung von politischem Schreiben ist weit gefasst und fokussiert nicht ausschließlich auf die inhaltliche Ebene, sondern auch darauf, dass wir Zugangsmöglichkeiten beziehungsweise -beschränkungen mitdenken, bei der Auswahl der Heftthemen ebenso wie bei der Auswahl der eingereichten Texte: Die PS-Ausgaben bestehen grundsätzlich aus einem inhaltli­chen Teil, in dem wir uns anhand von Essays und Gesprächen mit einem bestimmten Aspekt des Literaturbetriebs beschäftigen – die letzte Ausgabe haben wir zum Prosadebüt gemacht und uns angesehen, welche Auswir­kungen die marktökonomischen Strukturen auf die Möglichkeiten haben, sich als Autor*in zu positionieren. Neben dem inhalt­lichen Teil gibt es auch einen literarischen: Mit der Ausschreibung sprechen wir vor allem Personen an, die aufgrund ihrer sozia­len Herkunft, ihrer Erstsprache, ihres Geschlechtes, ihres Alters, ihrer physischen und/ oder psychischen Konstitution mit Zugangsbarrieren zum Literaturbetrieb zu kämpfen haben.

Bis zum 22. Juni können noch Texte eingereicht werden, die Aus­schreibung findet sich auf https://www.politischschreiben.net/offene-ausschreibung-fur-ps7/

Eva Schörkhuber lebt als Schriftstellerin und Literaturwissenschafterin in Wien, ist Mitglied im Redaktionskollektiv von PS sowie im Papier­theaterkollektiv Zunder.

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Marco Kammholz wirft einen Blick auf die Frage, was die Menschen in der Krise sexuell treiben und was in Wissenschaft, Politik und Medien über Sex in Zeiten von Corona behauptet wird

Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch hat 1984 in seiner Schrift Die Mystifikation des Sexuellen vielsagend zusam­mengefasst, dass im Zentrum jeder Sexual­forschung die Frage stehe, »wie Gesell­schaft in das Sexuelle eindringt und aus ihm spricht«. Nachdem sich im Frühjahr 2020 mehr als die Hälfte der Weltbevölke­rung in einem Lockdown befand, weil ein Virus die multiplen, von der Menschheit selbst produzierten Krisen miteinander verschränkt und dabei grundlegend in das soziale und körperliche Miteinander ein­greift, ist die Frage nach den Auswirkungen auf die Sexualität mehr als naheliegend. Wie und was Gesellschaft aus dem Sexuel­len heraus spricht, ist dabei allerdings mehr als offen, auch nach über einem Jahr pandemischer Verhältnisse.

Weniger Gelegenheitssex

Auf die Frage, was die Menschen in der Pandemie sexuell treiben, haben sich seit Beginn der Krise nicht wenige Medien gestürzt. Nicola Döring und Ricardo Walter haben in der Zeitschrift für Sexualforschung frühzeitig eine erste Analyse medialer Narrative zur Sexualität in der Covid-19-Pan­demie vorgelegt und wenig Überraschen­des festgestellt. Aufgerufen wird vor allem ein Mehr an sexualitätsbezogenen Hand­lungen und Dynamiken: mehr Solosexuali­tät, mehr Sex in Partnerschaften, mehr Schwangerschaften, mehr Scheidungen, mehr Sextoy-Kauf und -Nutzung, mehr Telefon- und Internetsex, aber auch mehr Gewalt und mehr Diskriminierung gegen­über Frauen und sexuellen Minderheiten.

Nur einer sexuellen Verhaltensweise wird dabei vor allem ein Rückgang prog­nostiziert: dem so genannten unverbindli­chen Partnersex, also Gelegenheitssex außerhalb fester Beziehungen. Die Befra­gungen der Nutzerinnen und Nutzer von Dating-Plattformen (wie etwa Planet ­romeo und JOYclub) und die Selbstaus­künfte von Singles legen auch in der Tat nahe, dass sich diese Prognose bewahrhei­tet hat: Die Anzahl und Frequenz direkter sexueller Begegnungen außerhalb fester Partnerschaften hat sich verringert, im Falle der promisken schwulen und bisexu­ellen Männer sogar drastisch. Kein Wun­der, sind doch die sozialen Kontakte der allermeisten Menschen generell stark ver­ändert. Man trifft nicht nur kalkulierter und terminierter als üblich deutlich weni­ger Menschen, sondern zudem fast aus­schließlich diejenigen aus dem sozialen oder (wahl-)familiären Nahfeld. Somit ent­fallen die spontanen und anonymen Begegnungen, die Kontakte im Nachtleben oder auf Reisen und die Begegnungsräume an kommerziellen Orten für sexuelle Dienstleistungen.

Auch die soziologischen Untersuchungen von Barbara Rothmüller zu »Liebe, Intimi­tät und Sexualität in Zeiten von Corona« zu Beginn der Pandemie bestätigen das medial vermutete Schicksal der Singles: Während Paare mit dem Ausmaß an Nähe und Berührung vergleichsweise relativ zufrieden sind und in Teilen von einer Intensivierung der bestehenden romanti­schen und sexuellen Beziehung berichten, sind Singles deutlicher unzufriedener mit ihrem Sexleben. Ein Teil von ihnen gibt gar an, in keinerlei nahem körperlichem Kon­takt zu anderen Menschen mehr zu stehen. Zieht man allerdings die Paardynamik in Liebesbeziehungen im Speziellen und die in der Coronapandemie für viele Menschen deutlich belastenderen Lebensumstände im Allgemeinen hinzu, so muss die Vorstellung von der Paarbeziehung als letzte Bastion der Lust und Zufriedenheit in der Pandemie korrigiert werden: Selbstverständlich strei­ten die bereits vor der Pandemie (hoch-) konfliktiven Paare nun häufig noch mehr als zuvor und selbstverständlich wirkt sich ein (coronabedingt) erhöhtes Stresslevel oft negativ auf die sexuellen Funktionen, das sexuelle Begehren und die sexuelle Genussfähigkeit aus. Ohnehin besitzt ein sexualwissenschaftlicher Allgemeinplatz für die pandemischen Verhältnisse und die sexuelle Reaktion der Menschen besondere Gültigkeit: In sexueller Hinsicht sind Libi­doverlust und Unlust (die häufig mit weni­ger sexuellen Begegnungen und Handlun­gen einhergehen) genauso »sinnvolle« und nachvollziehbare Reaktionen auf die Pan­demie wie gesteigerte Erregung und inten­sivere Sexualisierung.

Sexuelle Neuerungen

Was das sexuelle Verhaltensrepertoire der Menschen in der Pandemie anbelangt, kommen die wenigen bisher vorliegenden sexualwissenschaftlichen Studien – wie etwa die Untersuchung »Less Sex, but More Sexual Diversity: Changes in Sexual Beha­vior during the COVID-19 Coronavirus Pan­demic« von Justin J. Lehmiller u. a. – eben­falls zu wenig überraschenden Ergebnissen: Ein kleiner, aber statistisch nicht unerheb­licher Teil der Befragten gibt an, seit der Pandemie neue Sexualpraktiken auspro­biert zu haben, sowohl solosexueller als partnerbezogener Art. Wie gewöhnlich und wenig abenteuerlich die (quantitativ erfass­baren) sexuellen Realitäten allerdings sind, verrät ein Blick in die angegebenen sexuel­len Neuerungen: Man probiert eine neue Sexstellung aus, spricht mit der Partnerin oder dem Partner über eine sexuelle Fanta­sie, man versendet ein Nacktfoto oder praktiziert Sexting. Eher unbeantwortet bleibt in diesen Untersuchungen die Frage, inwieweit welche sexuelle Dynamiken und Handlungen nicht schon vor der Pandemie bestanden haben und welche Bedeutung und Qualität die eigene Sexualität insge­samt und die neuen Sexualpraktiken im Besonderen besitzen.

Let’s talk about Sex

Aufschlussreicheres über den Zustand des Sexuellen in der Pandemie liefert dahin­gegen die Art und Weise, wie über Sexua­lität in der Coronakrise gesprochen und was über sie behauptet wird. Neben den wissenschaftlichen Befragungen und den medialen Berichterstattungen sind es vor allem die staatlichen und nicht-staatli­chen Gesundheitseinrichtungen, die sich zur Sexualität in der Pandemie äußern. Ihr Tenor ähnelt sich häufig und hält sich an die (rein medizinisch betrachteten) Fakten: Fast jede Art direkter körperli­cher Nähe birgt die Möglichkeit einer Ansteckung mit dem Coronavirus in sich. Wenn aber also Küssen, Anhauchen und Anhusten, hautenger Körperkontakt und Austausch von Körperflüssigkeiten zu den – aus Perspektive des Corona-Schut­zes – riskanten Verhaltensweisen zählen, bleibt dem oder der Einzelnen, will er oder sie sich konsequent an die Präventi­onsgebote halten, wenig sexueller Hand­lungsspielraum. Von einer befriedigen­den, direkten, sexuellen Begegnung bleibt – ohne Küssen, ohne heftigere Atmung, ohne Körperkontakt, ohne schmieriges Eindringen – für die meisten Menschen nicht sonderlich viel bis gar nichts übrig.

Betrachtet man in dieser Hinsicht die Botschaften und Narrative, mit denen zum Thema Sex in der Pandemie operiert wird, genauer, so entsteht der Eindruck, in die Sexualität, die sich stets individuell realisiert, halte ein Seuchenschutz Einzug, der aber einen kollektivierenden Anspruch formuliert. Während das Indivi­duelle mit Dynamiken der Aushandlung, Abwägung, Ambivalenz, Wechselseitig­keit, Mehrdeutigkeit und Kommunikation begriffen werden muss, handelt die kol­lektive Präventionsanforderung unter einem Anspruch der Lösung, des Ein­klangs, der Vereinseitigung. Woran die gut gemeinten Ratschläge der Gesund­heitsbehörden in Bezug auf das Sexuelle also scheitern, ist ihre implizite, und zutiefst lebensfremde Behauptung, dass eine (befriedigende) Vereinbarkeit von Corona-Schutz bzw. -Prävention einer­seits und sexuellen Handlungen oder Wünschen andererseits möglich sei.

Grenzüberschreitende Sexualität

Mit Blick auf die psychosexuelle Dimension des pandemischen Alltags lässt sich zudem auch das Gegenteil bekräftigen und fragen: Bricht sexuelle Erregung nicht stets auch – für einen Moment – in die Hygiene-, Schutz- und Abstandsgebote ein und triumphiert über sie? Das Sexuelle gibt vermutlich nur bei den Wenigsten ungefiltert die Anforderungen nach Hygiene und Abstand wieder. Zwar können Abstandhalten, Händewaschen und Atem­schutzmasken – alles Maßnahmen der Mäßi­gung, der Einsicht, des Rückzugs, der Reini­gung, des Verzichts, der Trennung, der Ver­nunft und der Grenzwahrung – sexuell in Aktion treten und natürlich auch sexualisiert werden, das sollte aber nicht darüber hinweg­täuschen, dass Sexualität mitunter eine grenz­überschreitende, drängende, besudelnde, ver­bindende, radikal assoziative und irrationale Angelegenheit darstellt.

Wer allerdings in den irritierenden Ratschlä­gen und Einschätzungen offizieller Stellen zur Sexualität in der Pandemie, bloß eine unverän­derte und weiterhin wirkmächtige Sex- und Lustfeindlichkeit entdeckt, der irrt. Die post­moderne Besprechbarkeit von Sexualität ist in der Pandemie nicht unmittelbar von einem epidemiologisch begründeten Sexualkonserva­tismus gebrochen, sondern nur von diesem begleitet. Es gibt zwar Umstände, die in Bezug auf die sexuellen Verhältnisse als vor-liberal bezeichnet werden können – etwa die Dramati­sierung außerpartnerschaftlicher Sexualität, die Schließung von Bordellen, das Verbot der Sexarbeit, die Privatisierung intimer Kontakte, die Reduktion des Körpers auf seine Eigen­schaft als Virusträger und dadurch als Gefahr für Andere –, dem steht aber gleichzeitig die (nicht minder ideologische) Bejahung von Sexualität als gesund und der fortschrittliche Standpunkt von Sexualität als einem menschli­chem Grundbedürfnis gegenüber.

Was allerdings den Versuchen, Intimität und Sexualität in der Pandemie sowohl coronage­recht als auch »sexpositiv« zu thematisieren, häufig nicht gelingt, ist eine so simpel wie radikale Betrachtungsweise: In Bezug auf Sexualität in Zeiten der Coronakrise sollte doch letztlich weniger entscheidend sein, was die Einzelnen tun sollen und ob sie das Rich­tige tun, sondern vielmehr, ob ihr sexuelles Tun befriedigend ist.

Den ausführlichen Text von Marco Kammholz findet ihr im Jahrbuch Sexualitäten 2021.

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Der Mensch erkennt sich in der Scham als das »verminderte, abhängige und erstarrte Objekt, das ich für den Anderen bin« (J. P. Sartre).

Von Helga Wolfgruber

Scham ist ein in seiner körperlichen und psychischen Reaktivität ein folgen­schwerer Affekt. Seine Bedeutung findet in Theoriebildung und psychotherapeutischer Praxis noch immer nicht genügend Beach­tung. Das führt zu einer häufigen, konse­quenten Ausblendung oder Verkennung von Schamreaktionen und sorgt oft für nie enden wollende Konflikte durch trans ­generationale Weitergabe.

Die schmerzliche Wirkmächtigkeit dieses Affektes findet in den Worten Sartres stim­migen Ausdruck: Selbstwertproblematik, Abhängigkeit von Anderen, Erstarrung als möglicher Schutz vor Wieder-Erleben oder Reagieren-Müssen.

Das Wesen der Scham

Scham, ein intersubjektiver, sozialer Affekt, ist nur im »Zwischen« (Altmeyer) oder an der inneren Grenze des Begegnungsraumes angesiedelt. Das heißt, ohne reale oder phantasierte Anwesenheit eines Anderen ist Scham nicht vorstellbar. Sie ist an ein »Gesehen werden« gebunden und regis­triert als »Grenzwächter« das Eindringen von Fremden und Fremdem. Sie fungiert daher auch als Regulationshilfe des eigenen moralischen, ethischen Verhaltens und des Gestaltens von Beziehungen. Sie hilft mir, Andere »in die Schranken zu weisen« oder sie »mir vom Leibe zu halten«. Ich kann auch aktiv zur Beschämer*in werden und Scham lebenslang als Sozialisationshilfe nutzen.

Ein Charakteristikum des (heftigen) Scha­merlebens ist die Unfähigkeit des Verstan­des, diesen Zustand kontrollierend zu been­den. Das klare Denken wird vorübergehend außer Kraft gesetzt und bringt Beschämte in eine unsichere Lage über ihre Identität. Der Bruch im Selbsterleben wird von Seid­ler u.a. mit einem Zustand der Selbst-Ent­fremdung verglichen. »In den Boden zu versinken« oder zumindest »sich in ein Mausloch verkriechen zu wollen« würde Erlösung bringen. Kein anderes Gefühl ver­anlasst Menschen dazu, sich eine Auslö­schung ihrer selbst zu wünschen. Ebenso verweisen die Metaphern »wenn Blicke töten könnten...« oder »dein böser Blick hat meinen Körper durchbohrt ...« auf die Bedrohlichkeit dieses Affektes.

Seine Wirksamkeit lässt sich auch nicht verbergen, weil der Körper ein schneller Gehilfe und Überbringer der erlittenen Beschämung ist. Schamröte, Zittern, Schwitzen, verwirrtes Stammeln, Herzra­sen oder unkoordinierte Bewegungen machen einen der intimsten Aspekte der Persönlichkeit sichtbar: seelische Verletz­lichkeit. Mit Grausamkeit wird diese sicht­bare Reaktion besonders oft von Jugendli­chen durch Verspottung, also einer Ver­dopplung der Beschämung, beantwortet. Auf dem Prüfstand stehen immer Verlust von Würde, Integrität und die Angst vor dem Ausgeschlossen-werden.

Schämen wovor?

»Schäm dich!« als verbaler, pädagogischer Imperativ hat zwar an Bedeutung verloren, als Mittel der Beschämung zur Durchset­zung gesellschaftlicher oder gruppenspezi­fischer Normen ist er aber ein Akt der Be­strafung geblieben. Es wäre falsch, Scham als Relikt des vorigen Jahrhunderts zu »be­greifen«. Sie ist ein universales (Macht-) Phänomen, begleitet uns ein Leben lang so­wohl als positive, emotionale Erfahrungs-, als auch schädliche zerstörerische Leidens­möglichkeit.

Die verbreitete menschliche Lust zu Kate­gorisierung und Begriffsbestimmung hat Schamexpert*innen zur Untersuchung und Beschreibung unterschiedlicher Scham­quellen veranlasst. Das Ergebnis lässt kei­nen sicheren Ort erkennen, an dem Beschä­mung keine Rolle spielen könnte. Sei es die Verweigerung des Wahlrechts für ALLE hier Lebenden, Frauen bei der Arbeitsplatzsuche wegen möglicher Schwangerschaft zu benachteiligen, an Ausländer*innen keine Wohnung zu vergeben oder die Aufforde­rung beim Arzt, den Oberkörper freizuma­chen.

Zeitgeist, Kulturspezifika und persönliche Schamerfahrungen bestimmen lediglich die Qualität des Erlebens. Sicher ist, dass unter hierarchischen Bewertungskriterien eines auf Exklusion beruhenden Gesellschafts ­systems die Folgen »zum Schämen« sind. Das stressreiche Heraustreten aus dem Schatten der Scham gelingt oft nur durch Gehorsam und Anpassung an Gruppen- oder Mehrheitsnormen, durch Perfektio­nismus bis hin zu Rechthaberei, emotionale Er starrung/Aktivitätslähmung oder durch eine Schamumkehr: Arroganz und vorge­täuschte Selbstsicherheit. Toxische Inhalts­stoffe für das Miteinander-Leben. Und auch oftmals für das Miteinander-Kämpfen in politischen Parteien.

Du bist nicht liebenswert …

Säuglings- und Bindungsforscher*innen haben die Bedeutung frühkindlicher Schamentwicklung für die Persönlichkeits­entwicklung ausführlich untersucht. Als Existentielle Scham oder Daseinsscham bezeichnen sie Schamgefühle, die sich auf die eigene Körperlichkeit beziehen. Das Gefühl des Nicht-gewollt-Seins, sich im »Glanz der mütterlichen Augen« (H. Kohut) nicht positiv gespiegelt zu sehen oder sich immer als Sündenbock erleben zu müssen, führt zu großem Selbstmisstrauen, verhin­dert Entwicklung von Selbstwert und begünstigt ein zweifelndes Grundgefühl, auch der Welt gegenüber. Eine negative Scham-Biographie ist beinahe vorgezeich­net, wenn sich Eltern oder nahe Bezugsper­sonen kindlichen Bedürfnissen gegenüber dauerhaft so verhalten, als wäre das Kind nicht existent. Die kindliche Frage heißt: Bin ich es nicht wert? Und die Antwort: Ich bin bedeutungslos.

Herkunftsscham/Sozialscham

Dazu eine Mini-Beschämungsgeschichte vom Beginn meiner Gymnasialzeit. Meine Tante hat mich zur Aufnahmeprüfung angemeldet und war im Gespräch mit dem Direktor von seiner entlarvenden Frage/ Feststellung irritiert. »Ach, das ist die Tochter von dem kleinen Wirten da drüben …?!« Noch beim Durchwandern meiner spä­teren Bildungsinstitutionen, den Laborato­rien von Beschämung, bin ich oft über die­sen Satz, für mich eine schmerzliche Erin­nerung, gestolpert. Norbert Elias hätte jene von mir empfundene Scham vielleicht »als Angst vor der sozialen Degradierung oder (…) vor den Überlegensheitgesten Anderer« interpretiert. Das soziale, hierarchische Gefälle mit »Schamhoheit« und Racheant­worten habe ich früh als Klassenspezifika kennen- und kritisieren gelernt.

An der Bedeutung von Herkunft als »Schamproduzenten« und sozialen Platzan­weiser haben sich schon viele Disziplinen abgearbeitet. Und Menschen erst recht. Darüber gibt eindrücklich auch autobiogra­phische Literatur (Innerhofer, Eribon ...) Auskunft. Die Diskrepanz zwischen dem, »wie ich bin«, und meiner »Idealvorstel­lung von mir« hat schon viele Menschen bewogen, ihrer Herkunftsklasse entfliehen zu wollen. Die Scham darüber beschreibt Neckel als Gefühl der Selbstentfremdung und »wer sich schämt, verachtet sich, der ist sich selbst fremd geworden (...)«. Diesem Zustand entkommen zu wollen, ist ver­ständlich. Auch wenn der Preis manchmal hoch ist, weil er zu einem lebenslangen Nomadenleben in der eigenen Biographie verurteilen kann. Solange eine Gesellschaft aber das Erklimmen der obersten sozialen Stufenleiter mit Kapital- und Machtbesitz belohnt, hat auch Armut schlechte Karten, um sich aus den Fesseln der Scham befreien zu können. Es reicht nicht, die Sprossen der Leiter enger zu setzen – eine Neuorganisa­tion der noch immer patriarchalen Gegen­wart ist notwendig. Ohne Leiter. Ohne Bein­bruch.

Fremdschämen

Eine merkwürdige Variante des Schämens ist das Fremdschämen. Es wurde 2010 zum Wort des Jahres gekürt und meint »stell­vertretende Peinlichkeit«. Es setzt die Fähigkeit voraus, sich in andere Men­schen, Berufsgruppen oder Situationen hineinversetzen zu können. Je näher, desto heftiger die Reaktion. Meine per­sönliche Bereitschaft zum Fremdschämen nimmt zu und wird häufig von Politiker* innen ausgelöst. Es sind deren stereotype Worthülsen, ihre Scham-Losigkeit, mit der sie Kritik abweisen und dem politi­schen Gegner alleinige Schuld am eigenen Versagen zuschreiben. Die Angst vor dem »Gesichtsverlust« rechtfertigt neben Lügen auch das Klammern an Machter­halt. Auf diese fehlende Bereitschaft zu Selbstkritik, auch von Genoss*in nen, hat Rosa Luxemburg in vielen Texten hinge­wiesen.

Eine Antwort heißt Rache

Die menschliche Seele kennt eine Vielzahl von Möglichkeiten, schambesetzte Grenz­verletzungen zu beantworten. Im Rache­akt wird passiv Erlittenes in aktives Han­deln verwandelt. Durch die Opfer-Täter-Umkehr wird zumindest ein Gefühl der Genugtuung garantiert. Wer erinnert sich nicht an das Haxl-Stellen, jemanden auf­blatteln, anrennen oder auf die Seife stei­gen lassen? Vielleicht spiegelt sich in die­sen Ritualen jene Schadenfreude wider, die einem kurzfristig das Gefühl von Überlegenheit bereitet.

Übertragen auf die politische Bühne der Gegenwart heißt der Beschämungs-Ping-Pong: aufdecken, der Korruption überfüh­ren, verdächtigen, entwerten, zerstören. Angesichts der Schamlosigkeit der Regie­rungspolitik im Besonderen einiger ihrer Repräsentant*innen scheint die Strategie die einzige zu sein, um demokratische Rechte zu verteidigen. Was dadurch wirk­lich zerstört wird, ist politische Kultur und der Glaube an die Lösung von Proble­men durch Politik.

Scham ein Kriegstreiber?

Missachtung und Zurückweisung als Beschämung wirken lebenslang nach. Nicht immer bleiben die Konsequenzen als Wut, Neid oder geheimer Groll im Res­sentiment als Schamteile der Seele ver­borgen. Oft erst nach Jahren zeigen sich Scham-Folgen im Außen und bestimmen Handlungen der Beschämten, bis hin zu Gewalt und Krieg.

Beispiel dafür aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts wäre Milosevic’s Schwur am Amselfeld, dass »die Serben nie wieder ge demütigt werden« sollten. Oder Hitler, der die »Schande von Ver­sailles« auslöschen wollte. Ist Scham einer der Treibstoffe, der die Kampfbe­reitschaft aufrecht hält?

Kein Entweder/Oder!

Wollen wir in einer solidarischen Gesell­schaft leben, in der Angst und Scham der Nährboden entzogen ist, dann bedarf es größerer Anstrengungen, als nur Symptome zu bekämpfen. Die Lösung liegt nicht in einer Therapeuti­sierung der Gesellschaft. Aber auch nicht im Unterschätzen der emotionalen Bedürfnisse der Menschen. Denn dadurch erhöht sich das Risiko, dass diese Menschen gegen ihre ökonomi­schen Interessen wählen, weil sie sich für ihre emotionalen Bedürfnisse ent­scheiden. Die Soziologin A. R. Hoch­schild lieferte dafür ein berührendes Beispiel: Ausgerechnet die ärmsten Wähler*innen in den verelendeten Bezirken im Süden der USA wählten republikanisch – gegen ihre ökonomi­schen Interessen. Warum? Weil sie sich von den Demokraten beschämt fühlten, die sie als dumme und rassistische Hin­terwäldler verhöhnt hatten. Dafür räch­ten sie sich an der Wahlurne.

Eine emanzipatorische Politik darf die emotionalen Bedürfnisse nicht zum Nebenwiderspruch degradieren und deren Befriedigung auch nicht der Rech­ten überlassen. Das wusste schon Wil­helm Reich vor fast 100 Jahren: »Ver­sucht man die Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesell­schaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen«.

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Die Lohnquote ist in Österreich seit 1975 um mehr als 16 Prozentpunkte gefallen. … Eine solidarische Lohn ­politik wurde ebenfalls nicht erreicht.

Eine Rezension von PETER FLEISSNER

Aktiv in vielfältigen Einrichtungen der Lohnabhängigen1 ist Fritz Schiller mit ihren Problemen bestens vertraut. Es ist ihm gelungen, erstmalig in einer Monogra­fie die theoretischen Konzepte und prakti­sche Ergebnisse der Lohnpolitik in Öster­reich seit den 1960er Jahren detailliert zu durchleuchten und ihre jeweiligen Rah­menbedingungen zu untersuchen.

Neben einigen anderen theoretischen Ansätzen testet er, welche Ergebnisse die Gewerkschaften mit dem Konzept der pro­duktivitätsorientierten und solidarischen Lohnpolitik erzielt haben. Ohne Zweifel ist sie in den späten 1960er Jahren bis in die 1970er Jahre tatsächlich realisiert worden.

Benya-Formel

Damals konnte der ÖGB einen Erfolg verbu­chen, der bis heute nie mehr erreicht wurde. Unter dem Gewerkschaftspräsiden­ten Anton Benya gelang es, nach der Formel »Reallohnerhöhung = Abgeltung der Preissteigerungen plus Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivi­tät« höhere Reallöhne durchzusetzen und zehn Jahre lang einen Gleichstand bei der Verteilung der Zuwächse der Arbeitspro­duktivität zu erreichen. Interessanter Effekt am Rande: Als 1975 die Wirtschaft in Österreich einbrach, die Wirtschaftsfor­scher aber fälschlich eine weitere Expan­sion vorhersagten, wurden in den sozial­partnerschaftlichen Gremien die Löhne ein­vernehmlich erhöht, mit dem Effekt, dass in Österreich durch die gestiegene Kauf­kraft die Arbeitslosenquoten wesentlich geringer blieben als in Deutschland.

In den letzten Jahrzehnten konnte die Benya-Formel nicht mehr durchgesetzt werden. Seitdem in der Gewerkschaft die richtungsweisenden Kollektivverhandlun­gen nicht mehr zentral, sondern von Ein­zelgewerkschaften (allen voran von den Metallern) bestritten wurden, zerfiel die solidarische Lohnpolitik, die auch für schwächere Branchen gleiche Lohnzu­wächse forderte. Trotz weiterhin wachsen­der Produktivität stagnierten die Reallöhne über Jahrzehnte. Eine weitere Schwäche: Die Lohnpolitik konnte die große Ungleich­heit der Löhne und Gehälter weder zwi­schen Männern und Frauen noch zwischen verschiedenen Beschäftigtengruppen abbauen. Männer verdienten 2015 um 62 Prozent mehr als Frauen (S. 287), Beam­tInnen verdienten 2,8-mal so viel wie ArbeiterInnen, Vertragsbedienstete und Angestellte um 67 bzw. 58 Prozent mehr.

Machtfrage

Als theoretische Alternative zieht Schiller Karl Marx mit seinem Konzept der indus­triellen Reservearmee heran. Marx zufolge führt die Tendenz, Arbeitskräfte durch Maschinen zu ersetzen, dazu, dass eine »überflüssige oder Zuschuss-Arbeiterbevöl­kerung« entsteht. Das Vorhandensein einer Reservearmee würde die Ansprüche der arbeitenden Menschen drücken, da die UnternehmerInnen jederzeit auf Arbeits­lose zurückgreifen könnten. Tatsächlich wirkt dieses Konzept selbstverstärkend: Höhere Arbeitslosigkeit führt zu einer Schwächung des Einflusses der Lohnabhän­gigen, und diese wieder zu höherer Arbeits­losigkeit. Weiters konstatiert Schiller einen negativen Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote und Lohnwachstum. Seine Bilanz: »Die Ergebnisse sind ernüch­ternd… Seit 1975 haben die Arbeitnehme­rinnen in Österreich kumuliert um mehr als 15 Prozentpunkte weniger erhalten, die Lohnquote ist seit 1975 um mehr als 16 Pro­zentpunkte gefallen. …Eine solidarische Lohnpolitik wurde ebenfalls nicht erreicht.« (S. 287)

Möglicherweise ist die politische Orien­tierung des ÖGB an diesen Misserfolgen schuld, wonach es »nicht Aufgabe der Gewerkschaften (ist), im Kapitalismus die Machtfrage zu stellen. Das ist jenen Arbei­terInnenparteien vorbehalten, die ihr stra­tegisches Ziel in der Ablöse des Kapitalis­mus sehen.« (S. 96). Wer damit wohl gemeint ist?

1 Betriebsratsobmann einer international tätigen Bank, Mit­glied im Bundesvorstand der GPA und des erweiterten Bun­desvorstands der Alternativen und Grünen GewerkschafterIn­nen / Unabhängigen GewerkschafterInnen (AUGE/UG), der Bundesarbeitskammer, des Vorstandes der Wiener Gebiets­krankenkasse und Wiener Arbeiterkammerrat.

ZITIERT*

Der beachtliche wirtschaftliche Aufschwung bei relativ modera­ter Inflation in den zwei Jahrzehnten bis 1971 war auch eine Folge der engen Zusammenarbeit zwischen Regierung und Sozi­alpartnern (Beer et al., 2016, S. 21). Diese Zusammenarbeit zielte auf ein ausgewogenes Verhältnis von internationaler Wettbe­werbsfähigkeit und Reallohnerhöhungen sowie der Sicherstel­lung von sozialem Wohlstand und Frieden ab. Die Beschleuni­gung der Geldentwertung im Jahr 1957 führte zur Gründung der Paritätischen Kommission für Preis- und Lohnfragen. Die Sozial­partner verpflichteten sich dazu, alle Wünsche nach Preis- bzw. Lohnerhöhungen von dieser Kommission begutachten zu lassen (Butschek, 2011, S. 313; Seidel, 2005). Anfang der 1960er-Jahre (Raab-Olah-Abkommen) wurde zusätzlich ein Lohnunteraus­schuss eingesetzt, der fortan Lohnverhandlungen freizugeben und die Ergebnisse dieser Verhandlungen (»Kollektivverträge«) zu genehmigen hatte. Zusätzliche Impulse für den Ausbau des Kapitalbestands und die Ankurbelung des Potenzialwachstums kamen von Steuererleichterungen für Investitionen und Maß­nahmen zur Investitionsförderung. Exportförderungspro­gramme, etwa attraktive staatliche Garantiemodelle und Finan­zierungen durch die öffentliche Hand, beflügelten die interna­tionale Verflechtung der österreichischen Wirtschaft.

*) https://fritz.breuss.wifo.ac.at/Breuss_100_Jahre_oesterreichische_Wirtschaft_WIFO-WP_570_23_10_2018.pdf

Fritz Schiller: Lohnpolitik in Österreich. ÖGB Verlag Wien 2018

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Rechtsextreme Väterrechtler, eine klerikal-konservative Familienministerin und das desaströse Unterhaltsrecht sind Ursachen für die prekäre Lage von Alleinerzieherinnen und ihren Kindern.

Von Iris Hanebeck

Alleinerziehen als strukturelle Armutsfalle

Rund 167.800 Alleinerziehende gibt es in Österreich, davon über 90 Prozent Frauen. Fast jede zweite Ein-Eltern-Familie lebt in Armut. Warum ist das eigentlich so?

Die hohe Armutsrate von Alleinerziehenden und ihren Kindern hat zahlreiche Ursachen. Zunächst gibt es – wenn überhaupt – nur ein einzelnes Familieneinkommen, mit welchem sämtliche Ausgaben gedeckt werden müssen. Obwohl Alleinerzieherinnen ohnedies die gesamte unbezahlte Care-Arbeit selbst verrichten, arbeiten sie zudem durchschnittlich mehr Lohnarbeitsstunden als Mütter in Hetero- Kleinfamilien. Trotzdem sind viele auf staatliche Leistungen wie die Mindestsicherung angewiesen. Ohne soziale Transferleistungen läge die Armutsrate unter Alleinerziehenden bei weit über 60 Prozent. Sie leben häufiger in überbelegten, zum Teil schimmligen Wohnungen. Das Familieneinkommen muss rationiert werden. Dennoch reicht es manchmal nicht einmal für das, was viele Menschen hierzulande als Selbstverständlichkeiten erleben: Etwa die Möglichkeit im Winter ausreichend zu heizen oder den Kindern Schulausflüge zu ermöglichen. Armut ist physisch und psychisch enorm belastend und geht mit einer erheblichen Beschämung der Betroffenen einher. Die Volkshilfe geht von einer halben Million Kinder in Österreich aus, die in Armut leben. Diese Dimensionen decken sich auch mit der Anzahl an Kindern, die beim Familienbonus der letzten türkis-blauen und aktuellen türkis-grünen Koalition leer ausgehen. Nur ein Beweis, dass Kinderarmut – obwohl es gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass diese dringend beseitigt werden muss, um das beliebte Schlagwort der »Chancengerechtigkeit« annähernd verwirklichen zu können – politisch nach wie vor keine Rolle spielt. Ökonomische Umverteilung nach unten ist ein Kampf, der heute dringender denn je geführt werden muss.

Antifeministischer Backlash von rechts

Was historisch überhaupt erst erkämpft werden musste, ist die rechtliche Möglichkeit, als Frau die eigenen Kinder überhaupt alleine großziehen zu dürfen. Erst im Juli 1989 wurde Alleinerzieherinnen das Recht auf die Obsorge ihrer eigenen Kinder zugesprochen. Fehlte der Vater, ging dieses Recht bis dato auf die Jugendwohl-fahrt über, inklusive regelmäßiger Kontrollen in den eigenen vier Wänden. Mütter konnten ihre Kinder betreffend keine selbstständigen Entscheidungen fällen. Im selben Jahr wurde übrigens auch erstmalig die Vergewaltigung in der Ehe zum Straftatbestand erhoben. All diese Errungenschaften gehen maßgeblich auf die zweite Frauenbewegung in Österreich zurück. Während es in den 1990er-Jahren mit Frauenministerin Johanna Dohnal, die sich nicht nur als Feministin bezeichnete, sondern auch die Anliegen der autonomen Frauenbewegung in die österreichische Innenpolitik trug, eine gewisse Aufbruchsstimmung gab, wurde die ernüchternde Frauen- und Familienministerin Susanne Raab mittlerweile mit vier Ressorts – Integration, Frauen, Familie und Jugend – betraut. Diese vertritt ein reaktionär christlich-konservatives Welt-und Familienbild, unterwirft die Frauenagenden einer rassistischen Teilungspolitik und macht Sexismus damit zu einem Problem der Anderen, lädt, statt feministische Politik zu machen, lieber mit Gudrun Kugler und Wolfgang Sobotka zum Beten ins Parlament ein.

Politische Einflussnahme durch reaktionäre bis rechtsextreme Väterrechtsgruppen

Ministerin Raab ist nur ein Abbild einer langen Kette von reaktionären bis rechts-extremen Einflüssen auf das Geschlechter- und Familienbild österreichischer Regierungsarbeit. Seit zwei Jahrzehnten lobbyieren Väterrechtler im eigenen Interesse für Änderungen im Familien-, Obsorge- und Unterhaltsrecht, sind Teil des politischen Establishments und sitzen entweder selbst auf Tickets der ÖVP und FPÖ im Parlament oder verfügen über weitreichende Netzwerke in diese Kreise. Norbert Hofer ist aktiver Väterrechtler und war Betreiber der formell »überparteilichen« Initiative »Trennungsopfer«. Ein weiterer Mitstreiter, Karlheinz Klement, wurde sogar aus der FPÖ ausgeschlossen, weil er »Homosexualität [als] Kultur des Todes« bezeichnete und den damaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer mit dem Begriff »Kinderschänder« bedachte. Auch Heinz Christian Strache hatte ein Näheverhältnis zur Väterrechtsbewegung in Österreich. Der Obmann von »Väter ohne Rechte«, die mittlerweile wichtigste Lobbygruppe dieser Bewegung, Martin Stieglmayer, war selbst BZÖ-Politiker und Büroleiter bei Bürgeranwalt Ewald Stadler. Er fällt mit Hetzkampagnen gegen Frauenhäuser, einem misogynen Weltbild und homophoben Tiraden auf. Auf einschlägigen Websites werden beispielsweise immer wieder die Adressen der Wiener Frauenhäuser veröffentlicht.

Diese Männer, die sich selbst gerne als Opfer der Justiz und des Feminismus sehen, beeinflussen die Familien- und Frauenpolitik Österreichs maßgeblich und setzen dabei auch auf Politiker*innen, die ihr reaktionär-konservatives und patriarchales Weltbild teilen. Damit waren sie vor allem im letzten Jahrzehnt sehr erfolgreich. So brachten 2013 mehrere Väterrechtler sowohl bei den österreichischen und deutschen Verfassungsgerichtshöfen als auch beim Europäi-schen Gerichtshof für Menschenrechte eine Klage gegen die Ungleichbehandlung gegenüber den Müttern ein. Ihnen wurde Recht gegeben und so waren die Staaten zu einer Gesetzesreform gezwungen. Die österreichischen Väterrechtler waren damals eng mit Justizministerin Claudia Bandion-Ortner und ihrer Nachfolgerin Beatrix Karl (beide ÖVP) verbunden. Während der Verein Väter ohne Rechte von Stunde eins in der Gesetzes reform-Arbeitsgruppe vertreten war, wurde keine einzige frauenpolitische Organisation miteinbezogen. Die damaligen Kernanliegen der Väterrechtler lassen sich wie folgt zusammenfassen: Bislang ging die Obsorge bei unverheirateten Eltern nach der Trennung in aller Regel an die Mütter, weshalb die Väterrechtlicher massiv für die gemeinsame Obsorge und das Doppelresidenzmodell der Kinder lobbyierten, mit dem Resultat, dass dies seit 2015 in der österreichischen Rechtsprechung mehr oder weniger Standard wurde. Für Laien mag die gemeinsame Obsorge nach einem progressiven Modell mit Beteiligung der Väter an der Care-Arbeit klingen. In der Praxis stehen jedoch oft ganz andere Überlegungen dahinter: Zum einen geht es um Macht, die (de- facto) alleinerziehenden Müttern jederzeit in Entscheidungen in Bezug auf die Kinder blockieren zu können (Bsp.: Mutter meldet Kind in Schule an, Vater meldet es wieder ab) und zum anderen um den Unterhalt. Denn trotz eines vorgeblich stolzen Männerbildes als Ernährer der Familien, verstehen sich Väterrechtler häufig als »Bankomaten« und »Sklaven« eines männerfeindlichen Justizsystems. Zur Erinnerung: 2015 plakatierte die Väterrechtskampagne von Vaterverbot in Wien Werbewände mit der Aufschrift »Echte Männer zahlen keinen Unterhalt«. Diese Haltung ist leider in der Praxis für viele Kinder bittere Realität. Gestützt wird dies durch die Ausgestaltung des österreichischen Unterhaltsgesetzes, welches als löchrig und veraltet bezeichnet werden muss.

Ein schwaches Unterhaltsgesetz, mangelnde Daten und linke Leerstellen

Bis heute fehlen valide statistische Erhebungen über die tatsächliche Unterhaltslage. Eine solche Datenerhebung ist seit langem eine zentrale feministische Forderung. Umfragen zufolge bekommt rund ein Fünftel der Kinder überhaupt keinen Unterhalt und nur jedes zweite Kind erreicht die Höhe der Regelbedarfssätze. Letztere legen die Höhe der Kosten fest, die der Staat monatlich pro Kind vorsieht. Diese Sätze werden seit langem kritisiert, da sie auf einem fiktiven Warenkorb aus dem Jahre 1964 beruhen. Also zu einer Zeit, in der beispielsweise das Grundbedürfnis Wohnen nur einen Bruchteil der heutigen Kosten ausmachte. Kurz gesagt, sind die Regelbedarfssätze viel zu niedrig angesetzt und spiegeln keinesfalls die wahren Kosten von Kindern wider. Zudem liegt der Gestaltung der Regelbedarfssätze ein enormes Problem inne, denn sie stellen keineswegs ein Mindestmaß an erforderlichen Unterhaltszahlungen dar. Nach unten hin gibt es schlichtweg keine gesetzliche Grenze. Weiters kann der Unterhaltsvorschuss vom Zahlungspflichtigen jederzeit in einem Herabsetzungsantrag auf ein Minimum reduziert werden. Bis ein solches Prozedere gerichtlich ausverhandelt wird, dauert es meist viele Monate, in denen die Kinder wenig bis gar keinen Unterhalt erhalten. Kurz, Alleinerziehende können sich nicht auf die monatliche Zahlung verlassen. Ein anderer Aspekt dieser männlichen Bevorzugung lässt sich mit der sogenannten Playboygrenze veranschaulichen. Prinzipiell wird der Unterhalt einkommensabhängig berechnet und macht je nach Alter der Kinder zwischen 17–19 Prozent des Einkommens aus. Damit die Kinder vor einer »Überalimentierung« geschützt werden, gibt es eine gesetzliche Obergrenze, die bei Kindern unter zehn Jahren bei dem doppelten Regelbedarfssatz wirksam wird und bei Kindern über zehn Jahren beim 2,5-fachen. Alleinerziehende stehen also nicht nur einem reaktionär-konservativen Familienbild der österreichischen Bundesregierungen gegenüber, sie sehen auch, wie die Vernetzung der rechten bis rechtsextremen Väterbewegung massiven Einfluss auf politische Entscheidungen nimmt, nicht nur in Österreich. Vielen linken Gruppen ist die Gefahr von rechten Väterbewegungen nicht ausreichend bewusst. Sie haben weitreichende Strukturen aufgebaut, agieren mit unzähligen Trollen im Internet, hetzen gegen FLINT-Personen und betrachten Feminismus und feministische Errungenschaften wie Frauenhäuser als Bedrohung für die Gesellschaft. »Väter ohne Rechte« bieten in ihrem Lokal im 20. Bezirk regelmäßige Beratungen an. Sie sind eine wichtige Anlaufstelle für frustrierte Väter, die sich dort im misogynen, homophoben und rassistischen Weltbild weiter radikalisieren. Diese Gefahr muss ernst genommen werden. Die Probleme von Alleinerzieherinnen schaffen es selten in linke Gruppen, weil der ganze Alltag, die Belastung durch Alleinverantwortlichkeit, Geldsorgen, Stig-matisierung in Gesellschaft usw. aktives politisches Kämpfen schwer ermöglichen. Der Aufstand der Alleinerziehenden in Wien ist seit 2017 ein Versuch, Alleinerziehende und ihre politische Wut zusammenzubringen, sich gemeinsam zu wehren, dabei Aufmerksamkeit auf strukturelle Probleme zu lenken und – last but not least – Väterrechtlern in den Arsch zu treten.

Iris Hanebeck ist aktiv im Aufstand der Alleinerziehenden und arbeitet als Trainerin für das Mauthau-sen Komitee. Zuletzt schrieb sie in der Novemberausgabe der Volksstimme über das Bittstellen beim Corona Familienhärtefallfonds.

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