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Fragen von Jan Niggemann

Bildung wird für viele wichtige Aufgaben angesprochen: Vorurteile und Diskriminierung abbauen, Menschen ohne Erbe sozial aufsteigen lassen, gegen rechten Populismus helfen usw. Bildung hat aber in der Form der Schulbildung die Funktion, bestehende Ungleichheit zu erhalten, Lebenschancen zu verteilen und nach zukünftigen Tätigkeiten zu sortieren. Zeit für außerschulische politische Bildung ist knapp. Vereine und Initiativen, die sie gezielt und kostenlos anbieten, haben knappe oder keine Budgets, werden nicht gefördert oder nur sehr selektiv. Was bedeutet es, wenn eine Gesellschaft die wichtige und sozial unverzichtbare Arbeit kaum oder schlecht bezahlt, während sie sie lobt, so lange Ruhe herrscht und es nichts kostet?

Diese komplexen, gewollt emanzipatorischen Prozesse sind langwierig: Lernen, bilden, erziehen, fürsorglich und unterstützend oder assistierend da sein lohnen sich für Menschen, aber nur bedingt für den Markt. Dennoch boomen Privatschulen, Nachhilfe, Coachings und Beratungen oder Tutorials auf youtube, tiktok oder insta. Der Bedarf ist riesig, die Bezahlung ein Witz. In der Hochschule werden massenhafte Befristungen zur neuen Normalität, so dass sich ohne sachlich-inhaltliche Begründung alle paar Monate die Karrieren und Lebensläufe statt dem Forschungs- oder Lernprozess zu folgen, einer abstrakten Konkurrenz also einer konkret unplanbaren Situation anpassen müssen. Bildung wird zur Ware, die Orte ihrer Vermittlung oder Ermöglichung werden zum Markt oder dem Zufall überlassen.

Andererseits hält diese Zwangslage, weil diejenigen, die im Bildungsbereich arbeiten, die Lücken mit Engagement, Idealismus, Mut und Fleiß tragen, also Mittragen, auch ohne angemessene symbolische oder materielle Aufwertung. Das Gefühl, etwas Gutes und Sinnvolles zu tun, ist sicher angenehmer, als Ohnmacht und wenige Spielräume zu erkennen. Dennoch beschleicht einen das Gefühl, dass genau dort die Falle zuschnappt. Und es stimmt, wenngleich auch nicht ganz. Denn so sehr Bildung zur Dienstleistung wird, widerstreben ihre Unplanbarkeit und Eigentümlichkeit sowie die Interessen und Wünsche der an ihr Beteiligten auch ihrer kompletten Vereinnahmung.

Bildung ist nicht neutral

Denken hat die Aufgabe, die Alternativlosigkeit von Gegenwart und das Erbe der Vergangenheit nicht als Perspektive der Ohnmacht, sondern des Möglichen (dabei überschreitenden) zu entwerfen. Der italienische Journalist, Philosoph und Mitbegründer der sozialistischen und der kommunistischen Partei Italiens, Antonio Gramsci interveniert in die als Naturgesetz erlebte und empfundene Geschichte, indem er all die Gruppen adressiert, die bisher keine oder keine »gemeinsame« Zukunft erwartet, gedacht oder geplant haben und stellt sich gegen jede Form von »Schicksalsgemeinschaft«. Mit und durch Bildung können sich Menschen selbst in die Geschichte einmischen lernen, sich selbst als denkende und fühlende individuell-kollektive Wesen kennenlernen, die »ohne Inventarvorbehalt« die Spuren der Gewalt und Herrschaft in ihnen und zwischen ihnen kennen lernen wollen. Nicht um sie zu leugnen, sondern mit ihnen Bündnisse, Lernprozesse und Kämpfe zu ermöglichen, in denen sie sich und die Welt verändern. Strukturen und Beziehungen zu sich selbst und untereinander sind nicht abstrakt, aber wirken unsichtbar. Menschen können selbst Erkenntnis- oder Beherrschungsobjekte sein und Objekte das Ergebnis subjektiver Tätigkeiten anderer: »Der Mensch ist zu begreifen als ein geschichtlicher Block von rein individuellen, subjektiven Elementen und von massenhaften, objektiven und materiellen Elementen, zu denen der Mensch eine tätige Beziehung unterhält.« (Gramsci) Das Wesen des Menschen liegt nicht in einem authentischen Kern, sondern in der Gesellschaftlichkeit, die Gramsci auch als »Konformismus« bezeichnet. Was einen Menschen als einzigartiges Individuum ausmacht, ist ein tätiges Dasein. Menschen sind ein Knotenpunkt sozialer Mehrfachzugehörigkeiten, sie gehören gleichzeitig vielen Gruppen an. Das gesellschaftliche Wesen des Menschen ist so widersprüchlich wie seine Existenzbedingungen, seine Geschichte und Situation.

Alle Menschen machen die Welt

Gesellschaftliche Widersprüche durchziehen die Geschichte und zeigen sich als Zerrissenheit des Menschengeschlechts durch Arbeitsteilung und Besitzungleichheit, in der Fragmentierung der Subjekte, ihrer Seelen, Körper und Gedanken, aber auch in der manchmal uneindeutigen Zugehörigkeit und Zuweisung zu verschiedenen sozialen Gruppen. Solche Spaltungen drücken sich in der Einsetzung von Gegensätzen aus: von Stärke und Schwäche, intellektuell und manuell, Kognition und Emotion und vielen weiteren. Wenn aber Spaltungen Ergebnisse sozialer Ungleichheit sind, müssen sie historisch verstanden werden, um ihre Wirkmächtigkeit aufzuschlüsseln und den Zweck, den sie für die Interessen bestimmter Gruppen erfüllen. Es genügt nicht, sie als Tatsachen zu sehen oder als menschliche Natur. Es gibt keine Konflikte außerhalb der Hierarchien von Gruppen. Sich selbst erkennen und die eigene Lage verstehen, das lernt niemand in der Schule oder eben gerade. »Diese Verhältnisse sind nicht mechanisch. Sie sind tätig und bewusst, d. h. sie entsprechen einem größeren oder geringeren Grad des Verständnisses, das der Einzelmensch von ihnen hat. Daher kann man sagen, dass jeder in dem Maße selbst anders wird, sich verändert, in dem er die Gesamtheit der Verhältnisse, deren Verknüpfungszentrum er ist, anders werden lässt und verändert.« (Gramsci) Das tätige Verhältnis, das Menschen zu ihren Verhältnissen eingehen, zeigt ihren sozialen Charakter und nicht der Status. Ihre Abhängigkeit in der Organisation des Zusammenlebens stellt die Idee einer Individualität als autonomer Existenz unabhängig von anderen radikal in Zweifel.

Der Mensch stehe in einem Austausch mit seinem Selbst, der Welt und den Anderen, einer Tätigkeitsbeziehung zu den anderen Menschen und der Ordnung der Dinge. Das schließt die Gleichzeitigkeit von Individualität und Kollektivität, von Vergangenheit und Gegenwart mit ein. So können sie durch die Kritik an der Aneignung und Umgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse »in einen Prozess der sozialen und kulturellen Selbstpotenzierung« (Merkens) eintreten, indem sie Möglichkeiten sehen und ergreifen. Und selbst zu anderen werden. In der diskreten Poesie der Sprache von Gramsci: »Die Außenwelt, die allgemeinen Verhältnisse zu verändern, heißt sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln.« Selbstveränderung, die sich ohne die Veränderung der Bedingungen, unter denen sie stattfindet, vollzieht, muss dementsprechend noch keine Selbstpotenzierung sein. Sie wird es erst, wenn Menschen über die Fortsetzung oder Rücknahme dieser Entwicklung selbst verfügen. Gramsci bezeichnet die menschliche Selbstpotenzierung in Veränderung der Umstände als explizit politisch-pädagogischen Prozess, weil sie die Entwicklung der Persönlichkeit an die Entwicklung gesellschaftlicher Umstände knüpft. »Daher kann man sagen, dass der Mensch wesentlich politisch ist, denn die Tätigkeit zur bewussten Umformung und Leitung der anderen Menschen verwirklicht seine ›Menschlichkeit‹, sein ›menschliches Wesen‹.«

Vom Fühlen zum Verstehen zum Wissen

Die schwierige Aufgabe, in der die Hoffnung auf Bildung steckt, ist es also all die Verbindungen und Zusammenhänge zu verstehen, wo andere Prinzipien, Wesen oder Schicksal sagen. Das geht nicht, wenn Denken, Fühlen und Handeln gegeneinander ausgespielt oder voneinander isoliert werden. Autonomie ist selbst ein Ergebnis von Herrschaft: die Freude über Autonomie bleibt allen anderen im Halse stecken. Emotionen haben eine »erkenntnisleitende Funktion«, sie sind Bewertungen von Zuständen und Situationen, die man erstmal verstehen und deuten muss. Das zu Beginn erwähnte Denken als individuelle und kollektive Suche nach den Möglichkei-ten einer Situation, einer Zeit eines Raumes, einer Politikform bedeutet dann nicht, aus jeder Ruine ein Schloss zu bauen, sondern die Grenzen des Möglichen als Begrenzungen durch Machtverhältnisse erkennen zu lernen, inklusive der eigenen Umgangsweisen mit Emotionen als widersprüchliche Verbindung zu den gesellschaftlichen Bedingungen.

Double Binds und Dilemmata

Pädagogische Autorität ist eine mögliche Umgangsweise, in der Menschen anderen zeigen, wie mit dieser widersprüchlichen und überdeterminierten Ausgangslage umzugehen ist. Darin wird Bildung als offener Möglichkeitsraum begriffen, in dem die Verstrickung mit der Herrschaft als gewordene Tätigkeitsbeziehung so untersucht wird, dass individuelle und gesellschaftliche Perspektiven durch kollektive, solidarische Sorgebeziehungen entstehen, die die Abhängigkeiten voneinander nicht leugnen. Das eigene Inventar der Überzeugungen, des Glauben, der emotionalen Zugehörigkeiten benötigt Umgangsformen und auch Bildungsformate, die unterstützend sein sollen und Konflikte nicht vermeiden, sondern austragen. Und das ist gegen machtvolle Bedingungen schwierig. Dazu brauchen wir einander mehr denn je. Und um noch einmal wegzugehen von den Einzelnen: ermöglichen die Bildungsinstitutionen Räume und Möglichkeiten, neue Koopera tionsformen zu finden, zu üben und sich gemeinsam den Herausforderungen einer verschwindenden Zukunft zu stellen? Wie kommt das Volk in die Volkshochschulen und wie hoch sind die Hürden der Schulen? Wie lange möchte sich ein Bildungssystem leisten, nach marktkonformen Kriterien zu funktionieren, die Zeit, Potentiale und Energie der in ihr Arbeitenden vergeuden und mit den Ressourcen umgehen wie Bolsonaro mit dem Regenwald? Schließlich kommt keine Erziehung ohne Zwang aus. Am Ende ist auch für die im Bildungsbereich Tätigen eine offene Frage, wer die Erziehenden bildet und wo die Grenzen sind, wo Erziehung, Bildung, Lernen und Sorgen vernünftig bezahlt, höher geschätzt und ins Zentrum des gesellschaftlichen Lebens rücken. Es gibt keine Zukunft ohne Sorge um die Zukünftigen.

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Von Phili Kaufmann

Vor mehr als zwei Jahren gingen tausende Schüler*innen für eine klima-gerechte Zukunft auf die Straße. Man konnte die Wut auf die Regierung, aber auch die Entschlossenheit und Zuversicht, die Welt verändern zu können, förmlich spüren. Doch wenn man das Fazit heute zieht, ist die Realität mehr als ernüchternd. Zehn oder elf weltweite Klimastreiks später – man hat schon lange aufgehört zu zählen – steuern wir weiterhin direkt auf die Klimakrise zu. Fossile Großprojekte in Millionenhöhe, wie die der Stadtstraße, werden weiter mit aller Gewalt, die nötig ist, durchgesetzt. Doch ist die Klimakrise nicht die einzige Krise, in der die Regierung versagt(e). Als die Corona Pandemie die Welt das erste Mal stillstehen ließ, waren es Schüler*innen und Student*innen, die ohne einen Plan nach Hause geschickt wurden. Monatelanger Online-Unterricht, kein langfristiger Plan und gleichbleibender Leistungsdruck gehörten fast zwei Jahre lang zum Alltag der Schüler*innen und Student*innen. Wer in der Zeit keinen eigenen Laptop besaß oder sich um jüngere Geschwister kümmern musste, war mit seinen*ihren Problemen auf sich alleine gestellt. Bis heute sind die sozialen Ungleichheiten, die die Pandemie noch weiter aufgerissen hat, spürbar. Kein Wunder, dass die jungen Menschen, die seit Jahren unermüdlich für sich und ihre Zukunft kämpfen, langsam frustriert sind. Doch genau in dieser schwierigen Zeit gründete sich etwas Neues.

Klima, Feminismus, Schule

Im Frühling 2020 rief der Jugendrat das erste Mal zu einer Versammlung in der Marx-Halle auf – circa hundert Menschen kamen. Seitdem hat sich durch die junge Organisation so Einiges verändert. Der Jugendrat versteht sich selbst als eine unabhängige, linke und feministische Jugendorganisation, die sich mit sozialen und klimabezogenen Konflikten beschäftigt. Gehört hat man den Namen wohl vor allem in Verbindung mit »LobauBleibt«, wo der Jugendrat von Beginn an gemeinsam mit der Gründerin und Sprecherin Lena Schilling eine tragende Rolle im Kampf spielte. Er war es, der noch vor allen anderen, im Frühling 2021 die Besetzung der Lobau ankündigte, sollte das Lobau-Projekt tatsächlich verwirklicht werden. Doch der Jugendrat ist sehr viel mehr als »LobauBleibt«. In seinen drei Themenbereichen, Klima, Feminismus und Schule werden ständig Kämpfe auf der Straße in der Schule oder Uni ausgefochten. Was den Jugendrat wohl am stärksten von den meis-ten Jugendorganisationen in Österreich unterscheidet, ist das Alter der Mitglieder. Denn man findet hier wirklich vor allem Schüler*innen. Was fast schon eine Seltenheit ist, in der sehr stark von Studierenden geprägten Organisationslandschaft. Doch genau das ist die Grundessenz des Jugendrats – jungen Menschen eine Stimme und Handlungsmöglichkeit geben. Dezentral werden seit der Gründung in Wiener Schulen unabhängige Schüler*innen-Komitees aufgebaut. Ein Startpunkt für junge Menschen, die politisch aktiv werden wollen. Egal ob es darum geht, Konsequenzen für einen sexistischen Lehrer einzufordern oder gemeinsam mit der ganzen Schule zum nächsten Streik zu gehen, die Schüler*innen-Komitees arbeiten in Schulen, aber auch schulübergreifend. Sie sind das linke, unabhängige Pendant zur AKS und der Schülerunion, an dem sich jede*r beteiligen kann der*die wirklich was verändern will.

Für alle, die sich die Frage stellen, warum es den Jugendrat braucht, gibt es eine ganz einfache Antwort. In der heutigen Zeit fühlen wir uns oft überwältigt und machtlos gegen die Probleme der Welt. Junge Menschen, um deren Zukunft es ja eigentlich geht, haben am wenigsten Mitspracherecht. Zusammen werden wir das verändern! Wir nehmen ab jetzt unsere Zukunft selber in die Hand.

Phili Kaufmann ist eine junge, feministische angehende Journalistin, Fotografin und Sprecherin des Jugendrats. In den letzten Jahren hat sie in Österreich soziale und Klimagerechtigkeits-Bewegungen begleitet und mitgeformt. Durch Texte und Fotografien versucht sie die Kämpfe zu verewigen und Menschen näher zu bringen.

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Beobachtungen aus Moskau von Katja Woronina

Russlands politisches Machtsystem sieht vor, dass keine politische Bewegung, Partei oder andere gesellschaftlichen Zusammenhänge dem Staatsapparat gegenüber Konkurrenz bieten dürfen. Wer eine eigenständige Agenda verfolgt, geht gewisse Risiken ein, ist gezwungen Grenzen des Erlaubten auszutesten oder sich unterzuordnen, um im vorgegebenen Rahmen zu agieren. Diese Prämisse trifft auch auf die russische extreme Rechte zu. Selbst in Fällen, wo sich Interessen decken, bleiben Handlungsspielräume begrenzt. Zwar wäre es verkehrt von einer stringenten ideologisch motivierten Vorgehensweise der russischen Führung oder gar einer kohärenten Ideologie zu sprechen. Dabei setzt sie spätestens seit Wladimir Putins Rückkehr ins Präsidentenamt 2012 durchaus zunehmend auf traditionalistische und konservative Wertvorstellungen bis hin zu faschistischen Elementen. Theoretische Vorgaben liefert der Philosoph und Vordenker des russischen Faschismus Iwan Iljin.

Mit der Perestroika und der damit einhergehenden Meinungsfreiheiten erlebte die russische extreme Rechte einen Aufschwung. Aus der Russischen Nationalen Einheit, kurz RNE, ging ein Großteil der von vielfältigen Spaltungen und Konflikten geprägten rechten Organisationen und Zusammenhänge hervor. Während sich in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken – vor dem Hintergrund der Distanzierung zur Moskauer Zentralregierung und der neuerworbenen staatlichen Unabhängigkeit – nationale Identitätsprozesse abspielten, gestaltete sich die Idee von der Schaffung eines russischen Nationalstaates weitaus komplizierter.

Russischer Nationalstaat versus Vielvölkerimperium

Letztlich gibt es ihn bis heute nicht. Russland ist gleichzeitig ein Produkt kolonialer Großmachtbestrebungen und dessen Teilzerfalls bei Erhalt einer Vielzahl von Ethnien und autonomer Teilrepubliken bestimmter nationaler Minderheiten. In der extremen Rechten findet sich dementsprechend ein breites Spektrum an Haltungen und Zielstellungen wieder. Ein grundsätzlicher Scheidepunkt macht sich daran fest, ob der imperiale Charakter Russlands im Vordergrund steht oder aber der Versuch eine russisch-nationalistische Definition anzuwenden ist. Dazu kommen unterschiedliche Vorstellungen von Staatlichkeit – von der Monarchie bis hin zu einer national-demokratischen Staatsform – und natürlich die Einstellung zur orthodoxen Kirche oder die komplette Ablehnung von Religion wie bei heidnischen Neonazis.

Trotz aller Differenzen fanden sich lange Zeit organisationsübergreifend tausende Rechtsradikale zum sogenannten Russischen Marsch ein. Anlass dafür bot der 2005 ins Leben gerufene Tag der Volkseinheit, der am 4. November begangen wird und als Alternative zum 7. November gedacht war – dem ehemaligen Tag der Oktoberrevolution. Einerseits entledigte sich die Regierung damit eines missliebigen, symbolträchtigen und an soziale Werte appellierenden Feiertags, andererseits war dieser Schritt auch eine Reaktion auf die sogenannte Orangene Revolution in der Ukraine. Rechtsextreme Bewegungen und die Neonaziszene erfuhren durch die legalen alljährlichen Aufmärsche einen enormen Aufschwung und betrachteten dies als Signal, sich alle Freiheiten der Welt herausnehmen zu dürfen. Es war die Zeit, als Neonazis alljährlich Dutzende rassistisch motivierte Morde verübten und poli-tische Gegner*innen töteten. In Bezug auf die Ablehnung der Zuwanderung von Migrant*innen aus Zentralasien und dem Kaukasus trafen sich Rechte unterschied licher Couleur. Den öffentlichen Diskurs darüber bestimmten lange Zeit weitestgehend russische Nationalist*innen, die ihn anheizten, bis der Sicherheitsapparat nach Pogromen im Moskauer Stadtteil Birjulowo im Oktober 2013 dieses Thema zum Staatsmonopol erklärte. Letztlich war und ist der Umgang mit der extremen Rechten für die staatlichen Organe immer ein Balanceakt.

Aus politischen Loyalitätsbekundungen gegenüber dem Staatsapparat zogen viele Rechte Profit – sei es, dass sie ungestört agieren durften oder auch durch finanzielle Zuwendung. Einzelne, wie Dmitrij Rogosin, der einst den Block Rodina (Heimat) angeführt hat, von dem Fotos mit Hitlergruß existieren, und der bis Mitte der Nullerjahre den Kreml offen kritisierte, legten eine famose Karriere hin: Rogosin ist heute Chef der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos. Andere machten sich Hoffnungen und gerieten ins Abseits. Dmitrij Djomuschkin, über viele Jahre einer der führenden Figuren der rechten Szene, entwickelte sich vom überzeugten Nationalsozialisten zum traditionalistischen Nationalisten und saß zwi-schendurch im Gefängnis. Ilja Gorjatschew, politischer Kopf der »Kampforganisation russischer Nationalisten« (BORN), auf deren Konto etliche Morde gehen, sitzt eine lebenslange Freiheitsstrafe ab.

Neonazis als freiwillige Kämpfer gegen die Ukraine

Mit dem Jahr 2014 setzte in vielerlei Hinsicht eine Zäsur ein und führte zu neuen Konstellationen. Der überwiegende Teil der extremen Rechten unterstützte den sogenannten russischen Frühling und die separatistischen Bewegungen im Donbass. Ohne sich infolge mit eigenen Positionen profilieren und vom Mainstream sichtbar absetzen zu können, erblasste sie im öffentlichen Raum. Im Donbass kämpften damals etliche Freiwilligenverbände, denen sich neben diversen Neonazis auch Anhän-ger*innen der Nationalbolschewistischen Partei anschlossen. Djomuschkin mit seiner Bewegung »Russkije« bezeichneten hingegen den Maidan als Kampf gegen ein korruptes Regime und wertete die propagandistische Begleitung des russischen Frühlings als Versuch, Nationalismus als solchen und damit Nationalist*innen auch in Russland zu diskreditieren.

Der deutsche Bundesnachrichtendienst veröffentlichte Daten, wonach die russische extreme Rechte auch heute in den Kampf gegen die Ukraine involviert ist. Genannt wird die Russische imperiale Legion, ein Ableger der monarchistisch ausgerichteten Russischen imperialen Bewegung (RID), die ein offen rassistisches Weltbild vertritt. Anführer Denis Garijew erhielt in der Vergangenheit für weite Teile seiner Strukturen Aufträge aus dem russischen Sicherheitsapparat. Auch die Gruppierung Rusitsch wird genannt, 2014 entstanden und von dem notorischen Neonazi Aleksej Miltschakow aus St. Petersburg angeführt. Miltschakow hatte zwischenzeitlich offenbar für die Söldnertruppe Wagner in Syrien gekämpft, zumindest legt dies ein Foto nahe, auf dem er deutlich zu erkennen ist. Auch unter den Kriegskorrespondent*innen finden sich Neonazis wie beispielsweise der für die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti tätige Gleb Erwje.

Ein Teil der russischen Neonaziszene hegt allerdings weder Sympathien für die sogenannten Volksrepubliken im Donbass oder den Kampf gegen die Ukraine, noch befürworteten sie den Maidan von 2014. Sie werden angetrieben vom Hass auf Nicht-Weiße, auch auf Obdachlose. Für sie steht die individuelle mörderische Praxis an erster Stelle. Instrumentalisieren lassen sie sich durch den Staat auf eine andere Weise: Im Frühjahr erfolgte die Festnahme mehrerer Neonazis, darunter auch zuvor straffällige. Ihnen wird unter anderem ein Mordanschlag auf den wohl bekanntesten Fern-sehpropagandisten Russlands, Wladimir Solowjow vorgeworfen.

Katja Woronina ist freie Journalistin und lebt in Moskau.

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Wie eine – gar nicht so neue – Organisations form dabei hilft, Entscheidungen prinzipiell gemeinsam und mit großem Respekt für Minderheitenpositionen zu treffen.

Von Michaela Moser

Gute Entscheidungen in Gruppen leben von der Mehrperspektivität des Kollektivs. Einfach sind diese selten, besonders wenn Diversität und Meinungsvielfalt genauso geschätzt werden wie die gleichberechtigte Mitbestimmung aller Beteiligten. Ärger und Unzufriedenheit scheinen unvermeidbar. Entweder es nerven die sich im Kreis drehenden Diskussionen auf der Suche nach einem Konsens, oder es werden Minderheitenanliegen ignoriert und die in einer Mehrheitsentscheidung Überstimmten ziehen sich zurück, oder suchen nach alternativen Wegen, ihre Anliegen trotzdem umzusetzen. Einen möglichen Ausweg bietet die Soziokratie, die versucht als Organisations- und Entscheidungsform einen Weg zu gehen, dessen höchstes und unumstößliches Prinzip es ist, gemeinsam zu entscheiden.

Dabei ist als Grundsatz die Gleichwertigkeit aller Beteiligten von größter Bedeutung. Es geht darum, dass jede*r zu Wort kommt und für ihre*seine Position Anerkennung erfährt, dass auch Minderheitenpositionen nicht einfach überstimmt werden können, unterschiedliche Meinungen geschätzt und letztlich praktikable und für alle lebbare Lösungen gefunden werden.

Klingt nach Quadratur des Kreises, ist trotzdem möglich.

Konsententscheidung nach Kreisgespräch

Zentrale Rolle spielen dabei moderierte Kreisgespräche, in denen zunächst zum jeweiligen Thema alle notwendigen Informationen gesammelt werden. Danach werden in »Meinungsrunden« Stellungnahmen und Vorschläge aller Anwesenden gehört, dabei wird strikt in Kreisform gesprochen, das heißt eine Person spricht nach der anderen, ein zweiter Redebeitrag ist erst möglich, wenn alle einmal gehört wurden. »Bildformende« Gesprächsrunden nennt die soziokratische Kreismethode das und macht damit deutlich, dass es um die Entwicklung eines gemeinsamen Bildes bzw. Vorstellung von einer für alle akzeptablen Lösung geht. Dazu braucht es meist einige Runden, Offenheit für den Prozess und reichlich Geduld. Spezielles Geschick und Verantwortung kommt der Moderation des Gesprächs zu, die dafür verantwortlich ist, Argumente zusammen zu fassen und zu visualisieren, zum Aufeinander-Eingehen und zur Meinungsänderung zu animieren und schließlich den Moment zu erkennen, an dem ein Lösungsvorschlag reif zur Entscheidung ist.

Kristallisiert sich nämlich eine gemeinsame Lösung heraus, schlägt die Moderation diese zur Entscheidung vor und fragt den »Konsent« ab, d. h. sie fragt nach, ob es einen schwerwiegenden Einwand gegen den Vorschlag gibt. Ein solcher Einwand ist kein Veto im Sinne von persönlichem Geschmack oder gar Blockade. Er muss mit Bezug auf übergeordnete Organisations- und Gruppenziele genau begründet werden und nach Möglichkeit sollte dies auch gleich mit einem Alternativ-Vorschlag verbunden werden. Die Erfahrung zeigt, dass ein solcher Einwand oft etwas konstruktiv aufgreift, das übersehen wurde und somit zu einer besseren Entscheidung beiträgt. Gibt es einen schwerwiegenden Einwand, muss weiter nach einer Lösung gesucht werden, bis schließlich eine Entscheidung möglich ist, die – so der entsprechende soziokratische Slogan – »good enough for now und safe enough to risk« (gut genug für den Moment und sicher genug, um sie zu ris-kieren) ist. Auch »einfache Einwände« können in diesem Prozess deponiert werden, konkret bedeutet das, dass vorhandene Bedenken artikuliert und zu Protokoll gegeben werden können, diese aber die ausreichend gute Entscheidung nicht blockieren. Das ist oft wichtig, wenn – was in der Soziokratie üblich ist – die getroffene Entscheidung nach einer gewissen Zeit evaluiert und gegebenenfalls adaptiert wird.

Gefragt ist für soziokratische Konsententscheidungen folglich nicht die völlige Übereinstimmung aller Beteiligten, sondern das Erreichen von Akzeptanz. Alle müssen mit der vorgeschlagenen Lösung leben können. Niemand soll sie mit ihrem oder seinem Widerstand behindern, wie es der übergangenen Minderheit nach Mehrheitsentscheidungen oft nicht zu verdenken ist.

Offene Wahl, Kreisstruktur, doppelte Verknüpfung

Soziokratische Konsententscheidungen brauchen Gruppen in einer Größe, die die Beteiligung aller zulässt. Das können zwar auch bis zu 40 Personen oder mehr sein, für die Auseinandersetzung und Entscheidung detaillierterer Fragen aber braucht es kleinere Gruppen.

In der Soziokratie hat sich daher die Strukturierung in kleinere Arbeitsgruppen mit klar abgesteckten und autonom auszuführenden Verantwortungen bewährt.

Hier zeigt sich der Subsidiaritätscharakter der Methode und ihr Vertrauen in die Weisheit kleinerer Gruppen, die Entscheidungen in jenen Feldern oder zu jenen Themen, mit denen sie sich speziell beschäftigen, auch fürs große Ganze treffen können und sollen. Koordiniert und abgestimmt werden die Entscheidungen der einzelnen Kreise bzw. jene, die mehrere Kreise betreffen, in einem Koordinationskreis, der sich aus zwei Vertreter* innen jedes anderen Kreises zusammensetzt und als sogenannte »doppelte Ver-linkung« ein weiteres wichtiges Element der Methode darstellt.

Die offene soziokratische Wahl als zusätzliches Element besticht durch ein Vorschlagsprinzip und die Regel, dass prinzipiell jede Person für jede Leitungsaufgabe vorgeschlagen werden kann. Auch hier geht es um Argumente, diese sollen letztlich den Ausschlag geben und nicht eine einfache Stimmenmehrheit. Und es ist ebenfalls erwünscht, wenn in einer zweiten oder dritten Runde die Beteiligten ihre Meinung ändern, sich durch die Argumente der Vorredner*innen überzeugen lassen, dass vielleicht doch Person A für diese Leitungsfunktion noch besser geeignet ist als Person B. Ein wunderbarer Nebeneffekt besteht hier darin, dass alle Vorgeschlagenen, auch wenn sie letztendlich nicht gewählt werden, im Laufe des Prozesses viel Positives über sich hören und damit meist eine Vielzahl von Personen explizit ausgesprochene Anerkennung für ihre Qualitäten erfährt. Zum Zug, also in Leitungspositionen, kommen erfahrungsgemäß dann oft ganz andere Menschen als in anderen Verfahren, nämlich nicht diejenigen, die – aus welchen Gründen immer – stets die Ersten sind, wenn es darum geht, Aufgaben zu übernehmen, sondern jene, die das größte Vertrauen der Gruppe haben.

 

No dictatorship. Die Anfänge der Soziokratie.

Niedergeschrieben wurden die Grundzüge der Soziokratie erstmals unter diesem Namen in dem im Jahr 1945 vom niederländischen Ingenieur Kees Boeke veröffentlichten Manifest No dicatorship. Boeke war engagierter Quäker und Pazifist, hatte in den 1910er Jahren einige Zeit im Libanon und in Syrien Schulen aufgebaut und eröffnete 1926 gemeinsamer mit seiner Frau Elizabeth Cadbury eine beteiligungsorientierte Alternativschule in den Niederlanden.

Zentrales Anliegen war es, eine Alternative zu Entscheidungen nach einem Mehrheitssystem zu schaffen und eine Struktur zu entwickeln, die Allen Mitsprache garantierte. Inspiration und Basisregeln dafür bezogen sie aus der über 300jährigen Geschichte erprobter, egalitärer Entschei-dungsstrukturen der Quäker.

Gerard Endenburg, ein Schüler Boekes, entwickelte in den späten 1960er Jahren dann daraus für das von seinem Vater übernommene Elektronik-Unternehmen die sogenannte Soziokratische-Kreis-Methode SKM, die seither weltweit Verbreitung findet und seit rund zehn Jahren auch in Österreich angewandt wird

Boeke selbst hatte die Soziokratie auch als Modell für die Politik geplant. Sein konkreter Vorschlag dafür war es, in Wohnvierteln entsprechende Gruppen zu formieren und dabei Einheiten von je ca. 150 Leuten als Nachbarschaft zu organisieren. Darüber hinaus hatte er die Idee, dass 40 dieser Gruppen wiederum eine nächsthöhere Einheit und quasi einen Wahlkreis bilden sollten, 40 dieser Wahlkreise einen Distrikt usw. bis hin zu einem Zentralen Kreis, der mit den Entscheidungen für ein ganzes Land befasst wird und einer Weltversammlung, in der globale Verteilungsfragen verhandelt und neu gelöst werden sollten. Sein wichtigstes Anliegen war es, dass alle Menschen lernen, ihre eigenen Interessen zu vertreten und zu verhandeln und er setzte darauf, dass das System von unten wachsen würde, ganz einfach deshalb, weil Menschen erfahren, dass es funktioniert.

Ja, es funktioniert

Als hilfreiche Organisationsform bewährt sich die Soziokratie in Österreich heute u. a. in zahlreichen kooperativen Wohn projekten, soziokratisch organisiert ist seit einigen Jahren auch die österreichische Armutskonferenz. Dabei zeigt sich, dass es damit gelingt, bestehende Status- und Machtdifferenzen zumindest bis zu einem gewissen Maß auszugleichen. Weil das Kreisgespräch dafür sorgt, dass wirklich jede*r zu Wort kommt, egal wie schnell oder langsam sie formuliert oder wie dominant das eigenen Sprechverhalten üblicherweise ist. Und weil die offene Wahl in den meisten Fällen dafür sorgt, dass nicht die »lautesten« Personen in Leitungsfunktionen kommen, sondern jene, die das größte Vertrauen haben.

Natürlich gibt es auch in soziokratischen Organisationen Schwierigkeiten und Konflikte und für das Gelingen braucht es die grundlegende Kooperationsbereitschaft aller. Mit konkurrenzfixierten Egoman* innen funktioniert auch die Soziokratie nicht, auch wenn sich zeigt, dass die Methode durchaus dafür sorgen kann, einzelne solcher Persönlichkeiten zu Verhaltensveränderungen zu bewegen.

Einfach und schwierig zugleich

Soziokratie ist – wie die praktischen Erfahrungen in der Anwendung zeigen – einfach und schwierig zugleich. Sie ist einfach, weil die Regeln – einmal erklärt und ein wenig eingeübt – rasch zur Routine werden. Gleichzeitig ist sie voraussetzungsvoll, weil sie von allen eine Haltung der Kooperation und folglich entsprechendes Augenmerk auf und Investitionen in gute Beziehungen verlangt. Dafür braucht es ein starkes Commitment zu Transpa-renz, zur tatsächlichen Anerkennung jede*r Einzelnen und zur Bereitschaft, Macht tatsächlich zu teilen. Soziokratie ist nicht dogmatisch, sondern eher ein Open-Source-System, das von den Gruppen und Communities, die es anwenden, mitentwickelt werden kann und soll. Erlaubt und möglich ist dabei vieles und unantastbar nur die Grundregel der gemeinsam getroffenen Entscheidungen und geteilter Macht.

Michaela Moser ist Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ilse Arlt Institut für Soziale Inklusionsforschung der Fachhochschule St. Pölten, wo sie den Forschungsschwerpunkt Partizipation, Diversität und Demokratieentwicklung leitet. Sie lebt gemeinsam mit gut 60 Erwachsenen und fast 40 Kindern im soziokratisch organisierten Wohnprojekt Wien und ist seit vielen Jahren als Aktivistin der – mittlerweile ebenfalls soziokratisch organisierten – Armutskonferenz engagiert.

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Ein Essay von Denice Bourbon

Es ist Sommer 1998 und ich sitze alleine außerhalb eines abgeschlossenen Bereichs. Ich sehe Menschen dabei zu, wie sie trinken und lautstark Spaß haben. Ich stehe auf einer Seite des Zauns, sie auf der anderen. Sie drinnen, ich draußen. Ich sitze auf weichem, grünem Gras und sie wirbeln Staub auf mit ihren FlipFlops und ihren Buffalo Schuhen. Auf dem großen trockenen Spielfeld füllen Tische und Bierbänke die leeren Flächen zwischen Barzelten, temporären Merchandise-Ständen und verschieden großen Bühnen. Irgendwo steht der Ring fürs lesbische Schlammcatchen.

Sie und ich, wir befinden uns auf der Europride in Stockholm. Aber ich bin Zuschauerin, sehe ihnen beim Feiern zu und sie nehmen keine Notiz von dem Goth-Mädchen, dass alleine im Gras sitzt, mit der warmen Bierdose in der Hand. Schmelzendes Make-up rinnt mir das Gesicht hinunter, während ich in der erbarmungslosen Sonne brate. Sie grölen Eurovision Song Contest Hits, während sie ihre Plastikbecher mit überteuertem Bier in der Luft schwenken. Ich sitze hier und frage mich: »Soll das jetzt mein Leben sein?«

Es ist weniger als ein Jahr her, seit ich der ganzen Welt (mich eingeschlossen) erzählt habe, dass Heterosexualität eigentlich nicht meins ist. Das Internet und die Möglichkeiten, sich mit anderen Queers in Verbindung zu setzen, war noch nichts, wozu alle Menschen Zugang hatten. Ich hatte versucht, queere Freund* innen zu finden, um mich weniger wie »Die Einsame Lesbe« zu fühlen, aber wie macht man sich denn Freund*innen auf Basis der geteilten Sexualität? Was hatte ich gemeinsam mit diesen Leuten, abgesehen davon, dass wir homo sind? Nichts.

So fühlte sich das an. Wir hatten nichts gemeinsam. Ich kam von Punk Rock, Alternativer Musik, antikapitalistischer Politik. Von rasierten Köpfen und non-konformem Make-up. Und saß da, sah mir die Leute an, die gekleidet waren wie all die anderen Normies auf der Welt (mal abgesehen von den Drag Queens). Sie singen mainstreamige Horror-Kommerz-Kack-Lieder und kennen jedes einzelne Wort, als hätten sie es in der Schwul-Schule gelernt.

»So fühlt sich das an, wenn man Teil der queeren Szene ist?« Wobei queer war damals eigentlich kein Konzept. Wir waren Homos. Manche waren Bi, aber die zählten nicht. Homo it was.

Also warum bin ich hier? Warum sitze ich alleine draußen? Warum sitze ich nicht drinnen? Warum bin ich allein?

Rückblick: Ich lebte zu dieser Zeit von weniger als 150 Euro im Monat, musste jeden Cent zählen, um sicher sein zu können, dass ich die Zeit bis zur nächsten Sozialhilfe-Zahlung überstehe. Aber ich hatte gerade erst mein Coming-Out, meine Mutter war gerade gestorben und ich wollte wirklich wissen, wie man eine Lesbe ist. Also habe ich 40 Euro investiert, um mit dem Bus sieben Stunden von Malmö in die Hauptstadt von Schweden zu fahren, in der Hoffnung, dass ich dort Homos wie mich treffe. Dort gab es zehntausende Queers auf einem Platz. Dort musste es Leute geben, die homosexuell und große The Cure Fans waren, oder?

Ich kam in Stockholm an, so aufgeregt, dass ich dachte, ich müsste aus der Haut fahren. Vielleicht würde ich ja sogar jemand Besonderen treffen. Die erste Hürde begegnete mir sehr schnell. Die Öffi-Fahrkarten waren zu teuer und ich musste sehr genau überlegen, welchen Weg ich nehmen wollte. (Die Öffis in Stockholm sind nicht frei zugänglich, wie in Wien. Es gibt Gates.) Und das Falafel Sandwich, das in Malmö einen Euro kostet, kostet 3 Euro in Stockholm. Aber dadurch wollte ich mich nicht aufhalten lassen.

Ich hatte Göttin sei Dank DocMartens an (These Boots Are Made for Walking) und war davon überzeugt, dass die Käsebrote, die ich mir zuhause gemacht hatte, eine volle Mahlzeit darstellten. Ich war mit meiner neuen Mitbewohnerin dorthin gereist, die Musicals liebte und Song Contest Fan war. Sie hatte vor, mit dem Malmö Schwulen- und Lesben-Chor aufzutreten und hatte den Veranstalter*innen gesagt, ich wäre Teil des Chors. Also hatte ich eine Couch, auf der ich schlafen konnte.

Wir waren ein seltsames Paar, sie und ich. Das totale Gegenteil voneinander. Sie konnte nicht verstehen, warum ich mich dazu »entschlossen« hatte, mein Leben so zu leben. Und ich hatte das Gefühl, dass sie keine eigene Persönlichkeit hatte. Aber irgendwie kamen wir miteinander aus und sie war im Grunde genommen eine der wenigen lesbischen Menschen, die ich kannte. Langer Rede kurzer Sinn, das war meine erste Pride überhaupt, seit ich als Lesbe out and proud war (im Jahr davor war ich schon auf der Malmö-Pride, versteckte mich hinter einer kleinen Regenbogen-Fahne und murmelte Dinge vor mich hin wie »vielleicht ein bisschen Bi«). Und das war hier nicht irgendeine Pride. Es war die EuroPride, mit Leuten aus ganz Europa. Und wenn ich sage Leute, dann meine ich schwule Männer mit viel Geld. Sie waren die einzigen, die sich die Reise nach Stockholm leisten konnten, in der Zeit vor Billigfluglinien. Stockhom ist ziemlich am Arsch der Welt, wenn man sich die Europa-Karte anschaut. Ich war so aufgeregt.

Und dann kam ich an, beim »Pride Park« und da war ein Schild, auf dem stand »Wochenpass 75 Euro / Tagesticket 20 Euro«. Mein Herz fiel mir in die Stiefel und ich wusste, dass ich das Innere dieses Parks nie sehen werde. Und ich dachte mir: »Scheiß drauf, ich war schon auf Festivals, ich bin früher schon über Zäune geklettert. Ich bin Punk Rock. Ich brauche keine Pässe und Tickets!«

Ich sagte das auch laut zu meiner Mitbewohnerin, und sie sah mich an als hätte ich sie gerade angekotzt. »Das kannst du doch nicht machen, was ist, wenn sie dich erwischen? Das ist super peinlich ...« Ich sah ihr an, dass sie gerade total bereute, dass sie mich mitgenommen hatte. Ich wollte sie nicht blamieren, letztendlich hatte sie die Couch für mich organisiert. Sie hat mir angeboten, mir ein Tagesticket zu bezahlen, aber ich hatte die Getränkepreise auf den Tafeln schon durch den Zaun gesehen und ich wollte nicht der traurige Grufti mit einem Glas Wasser sein, der in einer Staubwolke verschwindet, während Schwule mit nacktem Oberkörper um mich herumtanzen und »I am what I am« singen.

Ich sah mich um und sah, dass tatsächlich auch viele viele Menschen im Park rund um den Bereich saßen, billigen Wein direkt aus der Flasche tranken, Picknicks auf Decken hatten und Musik aus riesigen Boomboxen hörten, bis die Batterien leer waren. Ich sagte ihr, es wäre okay für mich, draußen zu bleiben. Dass ich mir ein Bier aus dem Supermarkt holen und mich draußen hinsetzen würde. Und dass ich mir sicher war, dass ich Freund*innen finden würde. »Mach dir keine Sorgen, geh rein. Viel Spaß beim Song-Contest Karaoke!«

Ich setzte mich hin und sah mich um. In der Nähe saß eine Gruppe, die wie meine alten Punk Freund*innen aussahen, nur nicht so hetero. Sie sahen aus, als hätten sie so viel Spaß. Sie hatten ein Transpi, auf dem stand »Stockholm Shame«. Ich brauchte eine Stunde, bis ich das Wortspiel begriffen hatte. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, wofür sie sich schämten. Es fühlte sich an, wie am ersten Schultag. Wenn du auf dem Spielplatz stehst und darauf wartest, dass jemand kommt und dich fragt, ob ihr beste Freund*innen sein wollt. Ich versuchte dezent cool und lässig zu wirken, als ob ich auf jemanden warten würde. Ich wollte nicht, dass jemand denkt, dass ich alleine hier war (nicht die beste Strategie, neue Leute kennen zu lernen).

Ich blickte durch den Zaun, sah die Leute, wie sie mit Geld um sich warfen, als gäbe es kein Morgen. Mit einem Schmunzeln im Gesicht dachte ich mir: »Stockholm Pride … Euro Pride … Ein Haufen kapitalistischer Kackscheiße, nicht besser als jede andere Mainstream Mist-Veranstaltung!«

Aber insgeheim wünschte ich mir, bei ihnen sein zu können. Und ich wünschte mir auch, tapfer genug zu sein, um »Hallo« zu den Queerpunks da drüben sagen zu können. Ich wünschte mir, ich wäre hetero, damit ich einfach zu normalen Punk Festivals gehen und damit zufrieden sein konnte. Ich wünschte mir, ich wäre eine Normie-Lesbe, die Eurodisco Musik liebt, damit ich in die Menge passe. Ich wünschte mir so viele Sachen und habe so wenig deswegen unternommen.

Mitten in der Pride Woche bin ich dann weg aus Stockholm, um mit irgend so einem Typen rumzumachen, den ich bei einem Festival kennen gelernt hatte. Ich brauchte einfach das Gefühl, zu wissen, was ich tue. Es war nicht das Richtige für mich, das zu tun, aber es gab mir Sicherheit. Er lebte eine Stunde von Stockholm entfernt und ich bin dort per Anhalter hingefahren. Und rechtzeitig zur großen Pride Parade wieder zurück. Aber ich hasste mich später selbst dafür, dass ich mich der Heteronorm gebeugt hatte. Und ich gab der Pride die Schuld. Ich ging ein bisschen mit der Parade mit, bis es sich falsch anfühlte. Die Schwulen Polizisten hatten ihren eigenen Block. Und dann kamen die Schwulen Geschäftsmänner. WTF?

Ich war danach lange auf keiner Pride Veranstaltung mehr. Ich habe andere Wege gefunden, stolz und queer zu sein und ich wusste, dass ich mich Dingen, die Konsumismus und Geld miteinschlossen, nicht anschließen musste. Ich wollte nicht derselben Gruppe angehören, wie die ganzen »Heterolesben«, nur weil wir die gleiche Lust-Orientierung teilten. Pffft.

»Die Pride ist nicht mehr politisch! Die Pride besteht nur mehr aus Unterneh-men, die vom queeren Konsumismus leben! Nur weil du eine Pride Fahne in deinem Schaufenster hast, bist du noch kein*e Unterstützer*in!«

Ich war echt eine trotzige Spaßbremse, die ihre politischen Ideale jedem unter die Nase gerieben hat, ohne auch nur danach zu fragen. Und dann, an einem wunderschönen Tag im Juni in Wien, noch nicht viele Jahre her, fiel diese Maske aus Ärger und Frust von mir ab und ich konnte sehen, wie die Leute feierten. Die Queers vom Land, die zu Hause nicht den Luxus der eigenen Szene hatten. Menschen, die genau einmal im Jahr Party machen konnten und zwar am Tag der Pride.

Die Leute von der Queer Base, die zum ersten Mal überhaupt bei einer Pride feiern konnten, ohne Angst vor Repression, Angst um ihre Sicherheit, Angst um ihr Leben haben zu müssen. Die unterschiedlichen kleinen politischen Netzwerke, die harte Arbeit leisten, um einzelne Themen sichtbar zu machen, die von der Gesellschaft ignoriert werden, weil sie nur für eine kleine Gruppe von Menschen relevant sind. Themen, die aber überlebens-notwendig sind für die Menschen, deren Leben davon abhängt.

Und ich fühlte mich so überheblich. Ich hatte von einem privilegierten Stand-punkt aus herumgeschrien, Jahre lang. Ich konnte nicht sehen, welches Privileg das war, ein großes queeres Netzwerk zu haben. In den vergangenen Jahren konnte ich meine eigene Pride jeden einzelnen Tag feiern. Das können nicht viele Menschen. Viele haben vielleicht nur diesen einen Tag. Und ich stand da und wollte sie anschreien dafür, dass sie »Lakaien des Schwulen Kapitalismus« waren. Ich trat die Ärger-Maske von mir weg und nahm an den Feierlichkeiten Teil.

Ja, es ist sehr Mainstream. Aber das ist auch okay. Nichts hält uns davon ab, unsere eigenen Gruppen bei der Parade zu bilden, anzuziehen, was wir wollen. Schilder zu tragen, mit welchen Sprüchen wir auch immer wollen. Wir können unsere eigenen After-Pride-Partys organisieren, wenn uns die existie-renden Partys nicht taugen. Und wir können unsere Energie einsetzen, um sicher zu stellen, dass wir eine inklusivere diversere Pride schaffen, damit die Menschen sehen, dass es mehr gibt als weiße schwule Männer, die im Brustgeschirr zu Techno tanzen. Wir können uns auch ein bisschen beruhigen und »wooohooo« rufen, wenn die Lastautos mit den Muscle-Gays an uns vorbeifahren. Wir können uns entscheiden, eine schöne Zeit zu haben. Einmal im Jahr etwas oberflächlichen Spaß haben. Zwar kritisch und aufmerksam bleiben, aber unsere Bitterkeit in ein Schachterl geben und ein bisschen Party machen.

Vor 24 Jahren war ich eine komische 22-jährige Lesbe außerhalb des Zauns. Es fühlte sich an, als wäre in der LGBTQ+ Community kein Platz für mich. Und wahrscheinlich hatte ich Recht. Es war damals kein Platz. Aber jetzt ist Platz. Weil sich die Zeiten verändern. Die Straßen werden breiter und Spaß haben gibt einem so viel mehr Energie als zwider sein. Und diese Energie brauchen wir, um die Straßen offen zu halten für Alle! Happy Pride Everybody!

Aus dem Englischen übersetzt von Diana Leah Mosser

Denice Bourbon ist eine lesbisch/queerfeministische Performancekünstlerin, Sängerin, Autorin, Moderatorin, Kuratorin und Stand-up-Comedian. Sie verwendet Humor und Unterhaltung als aktivistisches Werkzeug, um auf politische Themen aufmerksam zu machen. Seit Jahren arbeitet sie als freie Künst lerin sowohl im Theater- als auch im Filmbereich.

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Essay von Diana Leah Mosser

In leichter Anlehnung an Lisa Orlando, Verfasserin des Asexual Manifesto (1972) definiere ich Sex als absichtlich her­beigeführte Erregung, die durch gegensei­tiges Stimulieren einschlägiger – meist genitaler – Körperregionen erzielt wird. Dieselbe Frage, die ich mir oft beim Schauen schlechter Liebesfilme stelle, stelle ich nun allgemein: Ist das wirklich notwendig?

Ace? of Spades?

Unter dem Begriff der Asexualität versteht man die Abwesenheit sexueller Anziehung, fehlendes Interesse oder ein nicht vorhan­denes Verlangen nach Sex. Asexuelle Men­schen (kurz Aces – das kommt von der ers­ten Silbe des Wortes asexual) kommen also ohne Sex aus. Das Spektrum ist breit, es geht – wie bei vielen Queer Communities – eher darum, sich in den beschriebenen Erfahrungen der anderen zu erkennen, als um das Abstecken ganz klarer Merkmale. Manche Aces beschreiben ihr Verhältnis zu Sex mit einem kurzen Satz über Mehl­speisen: »I’d rather have cake« – »ich möchte lieber Kuchen«. Das nüchterne Verhältnis zu Sex drückt sich dabei in der

nüchternen Beschreibung des Kuchens aus. Es muss für viele kein besonders guter Kuchen sein.

Es gibt Aces, die sexuelle Erregung verspüren und ange­nehm finden und solche, bei denen das nicht der Fall ist. Manche haben Sex, weil es ihre*n Partner*innen gefällt und andere haben uninteressiert notwendigerweise Sex, um ein lästiges Bedürfnis loszuwerden. Viele reden daher vom ase­xuellen Spektrum, weil es nicht um klare Abgrenzung geht. Am Übergang vom allosexuellen (Menschen mit einem her­kömmlichen Verhältnis zu Sex) zum asexuellen Spektrum liegen Gray Aces. Gray Aces können z. B. manchmal horny sein.

Ace Spektrum

Um sich innerhalb dieser Vielzahl von Erfahrungen zu ver­ständigen, greifen Menschen, die sich im asexuellen Spek­trum verorten, auf ein Beschreibungsmodell – das soge­nannte Split Attraction Model – zurück. Es handelt sich dabei um eine gute Erklärungsbasis, auf welche Weise wir uns zu Menschen hingezogen fühlen. Dabei wird Attraktivität über verschiedene Ebenen näher definiert, mit dem Ziel, klarer sagen zu können, was wir meinen, wenn wir sagen, unser Gegenüber sei z. B. »schoaf«. Im Split Attraction Modell wird unterschieden zwischen den Eigenschaften sexuell und romantisch, weiter aufgeteilt in emotional, platonisch, kör­perlich und ästhetisch. So beschreibt z. B. Hans-A-plast im Lied »Lederhosentyp« eine ästhetische Form der Attraktivi­tät. Während Bryan Adams in »Have You Ever Loved a Woman« eine emotionale Form der Attraktivität beschreibt, die sich zu körperlicher Hingezogenheit steigert (davon abgesehen, dass er so verliebt ist, dass er Föten in den Augen seiner Geliebten sieht).

Aro Spektrum

Ebenso wie asexuelle Menschen versuchen, eine Community zu bilden, damit sie sich nicht ganz so allein und eigenartig vorkommen, bilden auch Menschen mit geringen romanti­schen Neigungen eine solche Community, sie bezeichnen sich kurz als Aros – als aromantisch.

Aros und Aces haben gemeinsam das Bedürfnis, sich zu versichern, dass das herkömmliche Verhältnis der Gesell­schaft zu Sex und Romantik kein Verhältnis ist, dem sich jeder Mensch unterordnen muss. Sie nutzen daher oft gemeinsame Plattformen. Asexuelle, die mit Romantik etwas anfangen können, bezeichnen sich manchmal als Ace of Hearts. Asexuelle, die auch Aro sind, bezeichnen sich sinnge­mäß als Ace of Spades. Insofern haben uns Ladytron und Motörhead je eine Acehymne geliefert.

Abgrenzung oder Entdeckung

Dass das so wahnsinnig distinguiert erscheint, liegt wohl am Konflikt mit normierter Sexualität und Geschlechtlichkeit. Wir entdecken an uns Nuancen, die wir in der Leitkultur SO nicht gelernt haben. Und das ist nichts Neues, es ändern sich nur manchmal die Namen. So hat sich bereits Karl Heinrich Ulrichs – einer der ersten deutschen Schwulenrechts ­aktivist*innen – mit Konzepten der Hinge­zogenheit auseinandergesetzt. Seine Zeit­genossen Marx und Engels hatten in ihren Briefen nur Spott für ihn über. Magnus Hirschfeld beschrieb 1896 in Sappho und Sokrates Leute, die kein sexuelles Verlan­gen verspüren. Emma Trosse schreibt in Ein Weib? Psychologisch-Biografische Studie über eine Konträrsexuelle den Begriff der »Sinn­lichkeitslosen« und meint über sich selbst, »Verfasser hat den Mut sich zu jener Kate­gorie zu bekennen«. Während Aces Selbst­erkenntnis in solchen Überlieferungen fin­den, werden Allos (Menschen mit her­kömmlichem Zugang zu Sex) zu jeder Zeit fälschlicherweise behaupten, die beschrie­benen Umstände seien neuartige Rander­scheinungen.

Aber Kuchen atmet nicht

So ist es für meine Freund*innen wohl nor­mal genug, nach einer längeren Phase der Unzufriedenheit, die zufällig mit einer sexuellen Durststrecke korreliert, zu sagen: »Ich brauch wieder Sex«. Als Gray Ace fällt es mir schwer nachzuempfinden, was das miteinander zu tun haben soll. Vielleicht sollte ich meine frustrierten Freund*innen in Zukunft fragen, wann sie das letzte Mal Kuchen gegessen haben (mir fällt ein: ich hatte drei Kuchen, als ich diesen Artikel begonnen habe).

Wenn wir die Aussage »Ich brauch wieder Sex« mit dem Split Attraction Modell ver­gleichen, dann werden beim Sex wahr­scheinlich mehrere Funktionen erfüllt, von denen einige davon vielleicht wirklich zu einer nachhaltig höheren Zufriedenheit führen. Wir selber können mit unserem Körper nur einen geringen Teil von uns berühren. Ein zweiter Körper kann uns allerdings umschlingen und einen großen Teil unserer Hautoberfläche bedecken, wär­men und streicheln. Durch die Atemluft unsere*r Partner*innen bewegen sich unsere Haare oder sie trifft auf unseren Hals oder hinter die Ohren. Wir werden von Botenstoffen (Dopamin, Oxytocin, Seroto­nin, Adrenalin, ...) überwältigt, zu denen wir sonst nicht in dieser Menge kommen und wir erfahren, dass wir nicht alleine

sind. Wir erfahren Wertschätzung und Vertrauen. Für nichts davon ist es not­wendig, Erregung durch gegenseitiges Stimulieren einschlägiger Körperregio­nen absichtlich herbeizuführen. Kann aber sein, dass es hilft. Und es wird auf jeden Fall besser, wenn uns und unseren Partner*innen bewusst ist, was da gerade passiert.

Netflix and boil

Als Gray-Ace seh ich mich auf der Suche nach Lustgewinn weniger konfrontiert mit der Frage »Sex oder Kuchen«, son­dern eher mit der Frage »Sex oder Schmusen«. Und meine Antwort ist eigentlich klar. Ich bin Hedonistin und will maximalen Lustgewinn, es soll ein­fach nicht mehr aufhören. Und Sex hört meistens irgendwann auf. Das Herum­schmusen auf der Parkbank oder auf der Couch hört auf, wenn eine*r der beiden Partner*innen keine Zeit mehr hat oder wenn Netflix fragt, ob man die Serie wei­terschauen möchte. Taumelig und über­flutet von Neurotransmittern geht man dann zur Bushaltestelle, um dort weiter zu knutschen oder in die Küche, um etwas zu finden, das gleich viel Lust bringt, wie die Zunge, die man gerade noch im Mund hatte (cake doesn’t quite cut it). Das alles sind Situationen, die ich als Single eher vermisse, als die Berüh­rung und Verwendung von Körperteilen, die ich mir als trans Frau sowieso erst wieder neu aneignen muss, bevor ich sie gedankenverloren teilen kann.

Wodurch ich die Leser*innenschaft wieder von meiner Couch zurück zur Auseinandersetzung mit der Wirklich­keit begleiten darf. Asexualität ist nicht – wie Magnus Klaue in der Konkret 06/13 polemisch behauptete – das »neu­erwachte Verständnis für Sexualfeind­lichkeit«, sondern ein Bekenntnis zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen. Ein Bewusstsein darüber ist notwendig, um Befriedigung und Überschreitung zu erfahren.

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40 Jahre Unruhezustand – Türkis Rosa Lila Villa.

Ein Rückblick von Marty Huber

Als 1980 mit dem Manifest »Für eine neue Liebesunordnung« gegen die gewaltsame Schließung des Informationsstandes der HOSI Wien bei den Wiener Festwochen protestiert worden war, rechnete wohl niemand damit, wie aktuell dieser Text bis heute bleiben würde. Es ist ein Aufschrei schwuler Männer gegen die Männergesellschaft und für eine neue Liebesunordnung. 1979 begann die Selbstorganisierung von HOSI und anderen schwulen Kontexten und manche führten die Sehnsucht nach anderen gesellschaftlichen Entwürfen und Lebensmodellen in radikale Formen über. 1982 hatte der Rosa Wirbel für internationale Aufregung gesorgt: Florian Sommer und Robert Herz hatten beim Neujahrskonzert nackt, bzw. fast nackt, denn sie waren noch mit einer Fliege bekleidet, die Bühne gestürmt, um gegen die Unterdrückung von Homosexualität zu protestieren. Im Zuge der Hausbesetzungen dieser Zeit (man erinnere sich an GAGA, Rotstilzchen, Aegidigasse) wurde auch ein Haus an der Linken Wienzeile besetzt, das eigentlich zum Abriss frei gegeben war und ein Parkplatz werden sollte. Heute ist dieses Haus unter dem Namen »Türkis Rosa

Lila Villa« bekannt und seit seiner Instandbesetzung ein virulenter Ort queerer Selbstermächtigung und Selbstorganisierung geblieben.

 

Ein Haus, dem freien Markt entrissen, treibt bunte Blüten!

Grundlage des 1. Wiener Lesben- und Schwulenhauses (trans Aspekte kamen erst im Laufe der Zeit hinzu) ist eine stabile ökonomische Lage. Die erste Generation Hausbesetzer:innen erstritt einen Baurechtsvertrag, das Haus ist immer noch im Besitz der Stadt Wien, jedoch wird es seit 1985 kollektiv von seinen Bewohner:innen und Aktivist:innen verwaltet und belebt. Mittlerweile wurde der auf 30 Jahre angelegte Vertrag auf das Jahr 2045 verlängert und somit steht einer unruhigen Zukunft nichts im Wege. Das Haus wurde general saniert, eine Beratungsstelle und ein Café (zuerst das Warme Nest, dann über 20 Jahre das Café Willendorf und jetzt die Villa Vida wurden eingerichtet und unzählige LGBTIQ+ Gruppen nutzten seit dem die Villa als Ort der Organisierung. Die Bedeutung und Wirksamkeit der Villa als Freiraum ist für die Emanzipation queerer Kontexte nicht zu unterschätzen. Zahlreiche Initiativen nahmen dort ihren Ausgang und haben von hier aus die Welt verändert, die sie umgibt. Nicht umsonst ist der 6. Gemeindebezirk in Wien ein Ort der sozialen Einrichtungen, vom benachbarten Kinderhaus, das aus dem GAGA hervorging, bis zum AIDS-Hilfe Haus am Gürtel, ehemalige Aktivist:innen aus der Villa finden sich ebenso bei QWIEN oder in der städtischen Antidiskriminierungsstelle WAST. Seit seiner Gründung 1995 trifft sich zum Beispiel der Verein transX in den Räumlichkeiten der Villa, die maßgeblich einschneidend für die Rechte von trans Personen gekämpft und z. B. den »Transsexuellen-Erlass« erfolgreich angefochten haben. Aus der Kinderwunschgruppe, die sich erstmals in den Räumlichkeiten der Villa traf, wuchs das jetzige Regenbogenfamilienzentrum in Wien Margareten. Hier trafen sich Gruppen wie Migay und Têkoşîn, um den Rassismus in der Community anzugehen. Bis heute ist die Villa ein Haus, das in wandelbare Liebe zum Umordnen steht.

 

Von Rändern nicht nur einmal ins Zentrum

Das letzte Jahrzehnt war insbesondere von intersektionalen Neuordnungen geprägt, die immer wieder die Frage stellte, welche Gruppe braucht heute Zugang, Ressourcen und Infrastrukturen, die kleine und große Revolutionen ermöglichen. Diese fortlaufenden Radikalisierungen stellen sich und den Freiraum – der in den 1980er glücklicherweise erkämpft worden war – immer wieder in Frage. Das ist manchmal schmerzhaft, aber notwendig, um nicht selbst der Institutionalisierung Vorschub zu leisten. So ist es zahlreichen Aktivist:innen und Bewohner:innen zu verdanken, dass Mehrfaches geschafft wurde: Dazu gehört der Umbau des Erdgeschosses in eine barriere ärmere Substanz und somit wurde ein Vorhaben, das seit den 1990ern immer wieder versucht wurde, umgesetzt. Das Erdgeschoss ist rollstuhlgerecht umgebaut worden und somit sind Beratungsstellen, Communityräume, das Lokal und der Garten für Rollstuhlfahrer:innen zugänglich. In den Räumlichkeiten und an der Fassade hängen bis heute Spuren der »Crip Convention«, die 2019 in der Türkis Rosa Lila Villa stattfand. Queer & Crip ist nicht der einzige Bereich in der Community, der ein Mehr an Aufmerksamkeit verdient hat. Auch die notwendige Intervention, die Villa nicht nur als weißen, queeren Raum zu erhalten, sondern wirklich an unter repräsentierte Gruppen zu übergeben bzw. diesen zu öffnen. In diesem Sinne ist die Villa wohl der Ort, der sich am meisten geändert hat, weil Schwarze, queere Aktivist:innen sich nicht abbringen ließen. Begonnen hat es wie schon oben angedeutet mit Migay und dann mit Têkoşîn, die gemeinsam mit dem Rosa Tipp das transkulturelle Freiräumchen betrieben. Parallel liefen dann die Entwicklungen rund um die Queer Base, die sich Ende 2014, Anfang 2015 formierte und eine in Europa hoch angesehene Anlaufstelle für queere Refugees wurde. Gleichzeitig fanden massive Veränderungen im Wohnverein statt, die gerade für Queers of Color mehr Platz reklamierten und auch schufen. Mittlerweile ist der Wohnverein ein Ort für Menschen, die in dieser Stadt neu ankommen und sich als Aktivist:innen und Gestalter:innen der Villa nicht neu, aber wieder erfinden. Die Villa gibt deshalb nicht nur anlässlich ihres 40-jährigen Geburtstages ein kräftiges Lebenszeichen von sich. Für weitere Liebesunordnung.

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Von Diana Leah Mosser

Seit Jahrzehnten ist die Regenbogenfahne ein Symbol des Friedens und der LGBT-Bewegung. Das meinen selbst die Beamt*innen des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl zu wissen. Im Juni 2018 wurde der Fall eines schwulen Iraners bekannt, dessen Asylantrag abgelehnt wurde, weil er die einzelne Bedeutung der Regenbogenfarben nicht kannte. Erst in zweiter Instanz wurde das Urteil widerrufen. Um dieses Wissen aufzufrischen, und der Leser*innenschaft ein derartiges Schicksal zu ersparen, möchten wir unsere Recherchen teilen.

Die originale Regenbogenfahne hat acht Streifen. Pink, Rot, Orange, Gelb, Grün, Türkis, Indigo und Violett. Die Bedeutung der Streifen in dieser Reihenfolge ist:

Sex, Leben, Heilung, Sonnenlicht, Natur, Zauber und Kunst, Gelassenheit und Geist (Sex, Life, Healing, Sunlight, Nature, Magic and Art, Serenity, Spirit). Der Entwurf entstand durch Gilbert Baker auf Bitte von Harvey Milk, die ersten Fahnen wurden noch innerhalb der Community handgefärbt.

Flaggenboom

Nach Harvey Milks Ermordung im November 1978 stieg die Nachfrage nach Regenbogenfahnen rasant an und die führenden Flaggenhersteller*innen griffen auf handelsüblichen Regenbogenstoff zurück, der sieben Farben enthielt. Auch Gilbert Baker verzichtete in seiner Produktion auf das schwerer verfügbare Pink und stellte siebenfarbige Flaggen her. Um eine gleichmäßige Verteilung der Farben zu gewährleisten, ließ Baker im Jahr 1979 die Farbe türkis weg und schuf somit die bekannte Flagge mit den sechs Farben. Genaugenommen fehlt es diesen Farben also an Sex und Zauber.

2003, zum 25. Jubiläum der Regenbogenfahne rief Baker dazu auf, wieder achtfarbige Flaggen zu hissen, wodurch vermutlich das Wissen über die Bedeutung der Farben einen neuen Schub bekam. Als Trump ein Jahr vor Bakers Tod zum Präsidenten gewählt wurde, fügte Baker eine neunte Farbe seinem Entwurf hinzu – über Pink stand nun Lavendel als Symbol für Diversität.

Flaggen sind in der LGBTQIA Community ein sich fröhlich wandelnder Aus-druck des Selbstbewusstseins und der gegenseitigen Achtsamkeit. Wir erkennen die Farben und wissen, dass wir offener miteinander umgehen können.

Philly Pride, Progress Pride, what’s next?

Um dem antirassistischen Gedanken innerhalb der LGBTQIA Bewegung Rechnung zu tragen, begann Philadelphia im Juni 2017 die sogenannte »Philly Pride« zu hissen, der sechsfarbigen Regenbogenfarbe wurde ein brauner und ein schwarzer Streifen hinzugefügt.

Im Juni 2018 griff Daniel Quasar den Gedanken auf und ergänzte die sechsfarbige Regenbogenfarbe durch einen Keil an der linken Seite, der die Farben Braun und Schwarz für People of Color zeigt, sowie die Farben Weiß, Hellblau und Rosa, um die Farben der trans Fahne einzubinden. 2021 folgte ein Entwurf von Valentino Vecchietti, es wurde ein gelber Keil mit lila Kreis eingefügt, das Symbol der Inter* Bewegung.

Welche Fahne denn die Richtige ist, fragen sich wohl vor allem hetero und cis Personen in der Befürchtung, etwas falsch gemacht zu haben. Mit der Gelassenheit von Gilbert Baker kann man die Leser*innen allerdings beruhigen: Die richtige Fahne ist die Fahne, die man gerade zu Hause hat. Erfahrungsgemäß freuen sich aber sehr viele Menschen, wenn sie die Fahne mit dem Keil sehen.

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Gespräch mit Vreer Verkerke, Mitglied der jungen Linkspartei BIJ1 der Niederlande aufgezeichnet von Eva Brenner

Fünf Jahre BIJ1

BIJ1 steht als Kürzel für das Wort bijeen, niederländisch »zusammen« (sein) und ist der programmatische Titel einer fünf Jahre jungen, linksgerichteten und marxistisch fundierten politischen Partei der Niederlande. Der_die non-binäre Aktivist_in und Mitglied des Amsterdamer Stadtrats, Vreer Verkerke, nennt sie ob der Tatsache, dass sie von nicht-weißen Frauen und LGBTQ/Transgender Personen geleitet wird, »die Zukunft der Linken Europas«. Mit ihrer antirassistischen, antisexistischen und nicht-kapitalistischen Ausrichtung hat BIJ1 von Amsterdam aus den Weg ins Land angetreten und zählt heute zu den am schnellsten wachsenden Linksparteien Europas (dzt. 2.500 Mitglieder).

 

Gründung, Wahl 2017 und Namensänderung

BIJ1 wurde Ende 2016 unter dem Namen Artikel 1 von der ursprünglich aus Suriname stammenden Fernsehmoderatorin und Schauspielerin Sylvana Simons gegründet. Diese war von Mai bis Dezember 2016 Mitglied der Einwanderer-Partei Denk gewesen, die vor allem von marokkanischen und türkischstämmigen Einwander_ innen gewählt wurde. Bei den Parlaments-wahlen 2021 erreichte BIJ1 erstmals ein Mandat in der Zweiten Kammer der Generalstaaten, dem eigentlichen Gesetzgebungsorgan (während die Erste Kammer Gesetzentwürfe nur bestätigen oder ablehnen kann); Simons wurde die einzige Abgeordnete für BIJ1.

Der Name der Partei bezieht sich auf Artikel 1 der niederländischen Verfassung, die jegliche Form von Diskriminierung aufgrund religiöser, weltanschaulicher oder politischer Anschauungen, der Rasse oder des Geschlechts verbietet. Zur Parlamentswahl im März 2017 trat Artikel 1 mit Simons als Spitzenkandidatin an, gemeinsam mit der ehemaligen sozialistischen Senatorin Anja Meulenbelt, die als feministische Autorin mit dem Bestseller Die Scham ist vorbei (1976) international bekannt wurde. Der Stimmenanteil betrug lediglich 0,27 Prozent, und Artikel 1 verpasste den Einzug ins Parlament, zudem unterlag die neue Partei gerichtlich gegen den gleichnamigen Think Tank und musste den Parteinamen ändern. 2018 trat die Partei mit Simons an der Spitze erstmals als BIJ1 zur Stadtratswahl in Amsterdam an und erhielt 1,9 Prozent der Stimmen und damit ein Mandat im Stadtrat, das an Simons fiel. Bei den Parlamentswahlen am 1. März 2021 entfielen 0,8 Prozent der Stimmen auf BIJ1 und Simons zog in die Zweite Kammer ein.

Politische Forderungen

Von Anbeginn setzte Simons die Bekämpfung von Rassismus, der Diskriminierung von Migrant_innen sowie die »Dekolonisierung der Bildung« und aktive »Frauenförderung« auf die Agenda. Im Mittelpunkt stehen neben Frauenrechten die Rechte der LGBT-Community und der Kampf gegen Rassismus, der in den Niederlanden mit dunkler kolonialer Geschichte eine zentrale Rolle spielt. Ökonomisch fordert BIJ1 eine verpflichtende Krankenversicherungen für alle, das Ende geschlechtsspezifischer Lohnunterschiede und die Ersetzung des Bruttoinlandsprodukts durch das Konzept

des Bruttonationalglücks als bestimmenden Wirtschaftsindikator. Mit der Kampagne gegen das Hausbesetzerverbot positioniert sich die Partei eindeutig anti-kapitalistisch – am Amsterdamer Wohnungsmarkt grassieren die Leerstände, Investor_innen schöpfen obszöne Summen ab, während das Wohnen in der Stadt für die breite Masse unerschwinglich geworden ist. Ein junger Aktivist bringt es auf den Punkt: »Ich denke, wir sollten Eigentumsrechte in Frage stellen. Ich denke zum Beispiel, dass ich ein Recht auf mein Fahrrad habe. Aber wenn ich 750 Fahrräder unbenutzt im Schuppen habe, fragen wir uns vielleicht, warum: ›Warum haben Sie Anspruch auf 750 Fahrräder, wenn Sie sie nicht benutzen, was verschwenderisch ist, während viele andere unbeweglich sind?‹« BIJ1 betrachtet grundsätzlich ihre Forderungen und Kämpfe intersektional, nur so kann die Spezifik der Partei und ihrer Erfolge erfasst werden.

Rendering visible the invisible (Die Unsichtbaren sichtbar machen)

Was hat dich zur Partei BIJ1 gebracht und was ist deine Funktion im Stadtrat?

VREER VERKERKE: Die Partei ist seit vier Jahren im Stadtrat und seit der letzten Wahl enorm gewachsen – von einem Mandat auf insgesamt drei von 45; außerdem sind wir nun auch national im niederländischen Parlament vertreten. Ich kam als junge_r LGBTQ-Aktivist_in aus der Pazifistisch-Sozialistischen Partei der 80er Jahre, die ich, genauso wie die Partei GroenLinks*, als nicht mehr hinreichend »links« erachte. Linke Parteien europaweit haben sich mit der Macht arrangiert, ihre anti-kapitalistische Prinzipien verraten. Es ist nicht einmal klar, wen sie heute vertreten.

 

Was hat dich besonders an BIJ1 angezogen, was ist anders?

VREER VERKERKE: Ich war begeistert vom neuen linken, internationalistischen und unorthodoxen Parteiprogramm. Wir sind offen für alle, antirassistisch und antisexistisch, aktiv in den Communities, treten ein für Einwander_innen und Menschen nicht-weißer Hautfarbe. Besonders attraktiv war für mich, dass hier, als einzige Partei der Niederlande, schwarze und

Queer-Aktivist_innen Führungsrollen innehaben. BIJ1 wird von einer Schwarzen Frau, die aus Suriname kommt, geleitet, die als Parteigründerin hohe Glaubwürdigkeit besitzt.

 

Was ist deine Funktion in der Partei?

VREER VERKERKE: Ich arbeite einem der Abgeordneten im Stadtrat zu, bin in mehreren Komitees und hier primär für die Bereiche »urban planning« (Gestaltung des städtischen Raums) und Ökonomie.

 

Was erachtest du als die wichtigsten politischen Forderungen von BIJ1?

VREER VERKERKE: Gegenwärtig propagieren wir ein langfristig wirksames Konzept gegen die Covid-Pandemie, was die Regierung vernach lässigt: Sicherheit durch Masken im öffentlichen Raum, »social distancing«, freie Testungen, Zugang zu allen Gesundheitseinrichtungen für alle. Wir sind klar gegen Krieg, setzen uns für ein soziales Arbeits-und Gesundheitssystem ein, gegen neoliberale Privatisierungen und die mächtigen Immobilien-Lobbies, für sozialen Wohnbau sowie ein nachhaltiges Verkehrskonzept.

Wer sind eure Anhänger_innen? Was macht euch attraktiv?

VREER VERKERKE: Wir treten jung, ehrlich, radikal und – mittlerweile – mit einer gewissen Autorität in der Linken auf. Unsere Wähler_innen sind Zugewanderte, Menschen nicht-weißer Hautfarbe und aus benachteiligte Einkommensschichten sowie aus der LGBTQI-Community. Allein unsere Zuwächse zeigen, dass es uns gelingt, eine breite Masse auch von früher nicht-links-bewegten Menschen, anzusprechen.

 

Erreicht ihr auch die unteren Mittelschichten und die Arbeiter_innen?

VREER VERKERKE: Mit der Gewinnung der Arbeiter_innenschichten haben wir unsere Mühe – viele Arbeiter_innen wählen heutzutage Mitte-rechts und rechts! Die Mainstream-Medien ignorieren uns, das heißt, wir beziehen unsere Stimmen vor allem über aktivistische Straßenarbeit und Mund-zu-Mund Propaganda.

 

Wie steht es um eure Beziehung zu anderen Linksparteien in Europa?

VREER VERKERKE: Wir kommen aus keiner explizit linken Tradition, sehen uns eher in der Nachfolge von Gruppierungen wie den US-amerikanischen Black Panthers, diversen Rebel-Cities-Bewegungen, den spanischen Indignados oder den neueren Black-Lives-Matter Bewegungen. Die meisten linken Parteien Europas sind nicht ernsthaft radikal, haben den Anspruch gesellschaftlicher Transformation aufgeben. Wir halten das »Prinzip Hoffnung« dagegen.

 

Worin besteht die neue Botschaft der Partei BIJ1?

VREER VERKERKE: Radikale Rekonstruktion linker Politik, Verankerung in den Communities, Thematisierung der Probleme Armut, soziale Gerechtigkeit, Einsatz für die Außenseiter_innen der Gesellschaft!

Letzte Frage: wie steht BIJ1 zum Krieg in der Ukraine?

VREER VERKERKE: Wir sind gegen den Krieg und schwere Waffen, die auch unsere Regierung liefert. Wir sind gegen die Nato und rigoros anti-militaristisch. Es ist ein imperialistischer Krieg, der sofort beendet werden muss.

Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg!

* Die Partij van de Arbeid (Partei der Arbeit) ist seit ihrer Gründung 1946 ununterbrochen in der Zweiten Kammer vertreten und führt die Tradition der 1894 gegründeten Sociaal-Democratische Arbeiderspartij fort. Sie liegt in der Mitgliederzahl hinter den Christdemokrat_ innen auf Platz zwei. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sie viermal den Ministerpräsidenten gestellt. Bei den Wahlen 2010 und 2012 wurde sie jeweils hinter der rechtsliberalen Volkspartij voor Vrijheid en Democratie zweitgrößte Fraktion in der Zweiten Kammer. Bei der Wahl 2017 fiel sie auf den siebten Platz zurück.

GroenLinks ist die Grüne Partei der Niederlande. Sie entstand 1990 aus einer Fusion von vier Parteien – der Communistischen Partij der Niederlande von 1909/1919, der Pacifistische Socialistische Partij von 1957, der Poltitieke Partij Radikalen von 1968 und der Evangelische Volkspartij von 1981. Sie ist in der Zweiten Kammer vertreten, war jedoch noch nie in der Regierung, auf europäischer Ebene gehört sie der Europäischen Grünen Partei an.

Die Sozialistische Partei stellt sich als linke Alternative zur Partei der Arbeit dar. Sie hat maoistische Wurzeln und strebt seit den Neunziger Jahren nach der Abkehr vom Maoismus nach einem demokratischen Sozialismus. Ihr Aufstieg zur nach Mitgliedern drittstärksten Partei verdankt sie einer pragmatischen sozialen Politik auf komunaler und regionaler Ebene, in den Regionalparlamenten und im nationalen Parlament. Ihren größten Wahlerfolg erzielte sie 2006 mit 16,6 Prozent. Derzeit (seit 2021) hält sie bei 6 Prozent der Stimmen.

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ISSN Nummer: 2707-1367