Dagmar Schindler Mirko Messner Dagmar Schindler Foto: Michi Graber
17 November

»Wenn historische Parallelen sichtbar werden, können auch aktuelle Zeichen gedeutet werden

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Erinnern und Nicht-Erinnern: Dagmar Schindler, Vorsitzende des Bundesverbands österreichischer AntifaschistInnen, WiderstandskämpferInnen und Opfer des Faschismus beantwortet Fragen der Volksstimme.

Wie beurteilst du die Situation der aktuellen Gedenk- und Erinnerungskultur in Österreich?

DAGMAR SCHINDLER: Unterschiedlich, je nachdem, welches Bundesland und welche Stadt man im Auge hat: In Wien werden einerseits bestimmte Erinnerungstermine sehr hochgehalten, z. B. der 12. Februar von der Sozialdemokratie, aber nicht nur von ihr, als Tag des Aufstands des Republikanischen Schutzbundes gegen Heimwehr, Ständestaat und Austrofaschismus. Dann gibt es in Wien die Befreiungsfeier als »Fest der Freude«, an dem alles teilnimmt, was Rang und Namen hat – bis zu den höchsten Regierungskreisen. Alles andere, was wichtig ist für das Selbstverständnis unseres Staates bzw. was wichtig wäre für das Eigenbild der Österreicher und Österreicherinnen, existiert nicht: es ist z. B. nicht üblich, offiziellerseits die Befreiung Wiens zu feiern. Oder den Tag der Unabhängigkeitserklärung Österreichs, dem ja das Hrdlicka-Denkmal bei der Albertina gewidmet ist. Immerhin war der 27. April praktisch der Gründungstag der Republik. Die

Arbeitsgemeinschaft der Opferverbände, deren Teil auch unser Verband ist, hatte seinerzeit zumindest eine Kranzniederlegung gemacht, auch eine Abordnung der Polizei und anderer staatlicher Einrichtungen waren da vertreten. Aber dieser Tag ist auch in Wien lange nicht so publik wie der 26. Oktober, um von den Bundesländern gar nicht zu reden. Was sollen wir denn am 26. Oktober überhaupt feiern, wo ja die Republik praktisch zehn Jahre vorher wiedererstanden ist? Es ist mühsam, andere Infos und Events zu anderen Terminen zu machen, vor allem, wenn keine Budgets dafür bereitgestellt werden.

Das heißt, für Anderes gibt es keinen Bildungsauftrag?

DAGMAR SCHINDLER: So ist es. Der 27. April – als Beispiel – ist in keinem offiziellen Bildungsauftrag der österreichischen Stellen enthalten, wurde nirgends hineingenommen.

Was heißt das für den Bildungsauftrag eures eigenen Verbands?

DAGMAR SCHINDLER: Wir haben, als Teil der Arbeitsgemeinschaft der NS-Opferverbände, auch zu Corona-Zeiten anlässlich des 12. März, also am Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung bzw. des sogenannten Anschlusses an Nazideutschland z. B. Rundgänge mit mehreren Schulklassen gemacht, bzw. waren bei diesen dabei; in Floridsdorf, am Denkmal für Karl Biedermann, Alfred Huth und Rudolf Raschke, die als Angehörige der Wehrmacht kurz vor Kriegsende von den Nazis dort umgebracht wurden, weil sie sich für die kampflose Übergabe Wiens an die Rote Armee einsetzten; dann im Weiheraum im Wiener Landesgericht, das zur Nazizeit eine Hinrichtungsstätte war; und dann in der Salztorgasse, am Hintereingang des Hotels Metropol am Morzinplatz, wo sich der Gestapo-Sitz befunden hatte.

Zu den offiziösen Terminen gehört ja auch der Besuch im ehemaligen KZ Mauthausen, wo euer Verband regelmäßig vertreten ist.

DAGMAR SCHINDLER: Ja, wir sind dort ja auch immer wieder mit Schülerinnen und Schülern, und sehen ihren unfassbaren Schrecken über das, was dort geschehen ist. Aber abseits davon muss es auch Geschichten geben von Menschen, die gegen die Nazis aufgestanden sind – das ist ein untrennbarer Teil des Bildungsauftrags, wie wir ihn verstehen: die Erinnerung an den Widerstand!

Was antwortest du Jugendlichen, wenn sie dich fragen: Was hat das alles mit uns zu tun, mit unserer Generation?

DAGMAR SCHINDLER: Da arbeite ich mit einem klugen Zitat: Unsere Generation hat den Vorteil zu wissen, was warum wie passiert ist und immer wieder passieren kann. Widerständler und Widerständlerinnen sind der Beweis und das Beispiel, dass und wie man etwas dagegen tun kann. In der Arbeit mit Jugendlichen hat die Widerstandsliteratur, haben die autobiographische Erinnerungen einen ganz ganz hohen Stellenwert: Sie schildern, wie es zum Nazifaschismus gekommen ist, und zwar so, dass Jugendliche – das ist zumindest meine Erfahrung – davon ergriffen werden. Wenn historische Parallelen sichtbar werden, können auch aktuelle Zeichen gedeutet werden. Das Bewusstsein, was der Holocaust bedeutet, hat ja glücklicherweise in breiteren Teilen der Bevölkerung Fuß gefasst, so dass auch offiziell sehr bewusst der Opfer gedacht wird. Dasselbe wünsche ich mir für den Widerstand, der unbewusst oder bewusst vergessen wird. Was wäre, wenn die still geblieben wären? Was wäre, wenn es keine österreichischen Freiheitsbataillone gegeben hätte? Oder ein anderes Beispiel für das Vergessen: Wie lange haben DeserteurInnen um Anerkennung als Opfer des Naziregimes kämpfen müssen? Als ÖsterreichInnen wollten sie nicht für ein fremdes Land kämpfen, ihr Beitrag zur Befreiung ist aber immer noch zu wenig anerkannt. Eine erfreuliche Ausnahme ist die jüngste Benennung eines Gemeindebaus im 11. Wiener Bezirk nach dem Deserteur Wadani. Beim Festakt im Wiener Rathaus wurde sogar erwähnt, dass er seinerzeit Kommunist gewesen war. So etwas ist allerdings immer noch eine Ausnahme.

Ein Blick auf europäische Zustände: Der Rechtsruck wird immer salonfähiger.

DAGMAR SCHINDLER: Und er nimmt sich seinen Raum in der Mitte der Gesellschaft. Darum ist ja die Erinnerungsarbeit, wie wir sie verstehen, so wichtig: Sie kann beeinflussen, wie Menschen das wahrnehmen oder nicht wahrnehmen, und ich rede dabei gar nicht über QANON oder andere ähnliche Rechtsextremitäten, sondern über die breiteren Kreise – z. B: in der Exekutive, wo null Bewusstsein da ist bezüglich Symbolik und Signalen; Ustascha und NS-Erscheinungen werden als Spinnerei abgetan, aber dahinter stecken Netzwerke, Geld, Drogen usw. Also das Zeug spielt ins Weltbild hinein. Und wenn ich weiß, wozu das führen kann, gehe ich als vernünftiger Mensch anders damit um, und nicht so wie die ÖVP-Nationalratsabgeordnete, die unlängst mit AbtreibungsgegnerInnen mitmarschiert ist, gemeinsam mit den Identitären und der rechtsextremen »Tanzbrigade«.

Abschließend: Wie gehts eurem Verband, und was habt ihr in naher Zukunft vor?

DAGMAR SCHINDLER: Uns gehts bestens. Der Wiener Verband ist gut aufgestellt, wir haben engagierte, junge Mitglieder. Wir bereiten uns auf die Feier zum 75. Gründungsjahr im Oktober 2023 vor, haben ein Archivprojekt am Laufen, mit einmaligen Dokumenten und auch Artefakten, unterstützen den Aufbau des WerkStattMuseums im Klagenfurter Schütte-Lihotzky-Haus, und sind – so wie auch in einigen Bundesländern – in unterschiedlicher Weise aktiv. Z. B. bezüglich Straßen- und anderen Bezeichnungen nach Nazis, usw. usw. Ein Tipp: unsere Website besuchen: https://kz-verband-wien.at/.

Die Fragen für die Volksstimme stellte Mirko Messner

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Gelesen 82 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 17 November 2022 08:58
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