Imker Klemens Herzog Imker pixabay/Lichtsammler
17 November

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Abwegige Gedanken von Klemens Herzog

Liebe Leser, liebe Leserin. Haben Sie jemals schon mit dem Gedanken gespielt, ein eigenes Buch zu schreiben? Haben Sie Acht. Denn Chef der deutschen Liberalen, Christian Lindner, führten solch literarische Avancen schnurstracks ins Fettnäpfchen. In einem Portrait der Wochenzeitung Die Zeit gab er seine Pläne für eine berufliche Auszeit preis, sobald er denn Kinder habe. So sei auch er irgendwann dran mit der Care-Arbeit: Er habe da schon seine Vorstellungen: »Bücher schreiben, vielleicht promovieren, jagen, fischen, imkern.«

Wenig überraschend kamen die Aussagen mäßig gut an. Vor allem bei Müttern, Vätern und pflegenden Angehörigen, die vor lauter Care-Arbeit keine Zeit zum Promovieren, Jagen, Fischen, Imkern und Bücherschreiben fanden. Womöglich hat sich der deutsche Finanzminister da einfach ein Scheibchen zu viel von unserem Ex-Kanzler abgeschnitten. Dieser begründete seinen Rückzug zwar vollmundig mit »mehr Zeit für die Familie«; dennoch startete seine Postpolitik-Karriere fulminant: Statt Windeln wechselte Kurz die Seiten des Atlantiks. Als »Global Strategist« für den stramm rechten US-Milliardär und Trump-Supporter Peter Thiel. Statt Anträge für Papamonat und Karenzgeld schrieb er gleich ein ganzes Buch. Und während unsereins in Second-Hand-Matschhosen investiert, stehen bei Kurz ganze Unternehmen auf der Einkaufsliste.

Gewinnträchtig scheint folgendes Vorhaben jedenfalls zu sein: Laut dem israelischen Medium Globes gründete Kurz vor kurzem ein Unternehmen für Cybersicherheit; gemeinsam mit Shaley Hulio. Dieser ist Mitbegründer des Softwareherstellers NSO Group, der mit seiner Abhörsoftware »Pegasus« für internationale Schlagzeilen sorgte. Offenbar wurde die Software an autoritäre Regime und in Krisengebiete verkauft und zur Überwachung von Oppositionellen, JournalistInnen, AnwältInnen und MenschenrechtsaktivistInnen eingesetzt. Bezaubernd.

Liebenswürdiger wirkt da hingegen Kurz’ jüngstes Investment: eine sechsstellige Beteiligung am Pflege-Startup HeldYn. Dieses hat keinen geringeren Anspruch als das Pflegesystem zu revolutionieren. Revolution im Pflegebereich? Das hört sich ja gut an.

Doch wer da vorschnell an höhere Löhne, bessere Personalschlüssel oder bezahlte Ausbildungen denkt, wird schnell eines Besseren belehrt. Neuartig scheint nur die Art der Vermittlung zwischen PflegerIn und zu Pflegenden zu sein. Mit nur wenigen Klicks kann man über eine Website Pflegekräfte buchen. Egal ob ein verrutschter Katheter oder therapeutischer Kaffeehausbesuch für vereinsamte Seelen – ab 118 Euro pro Stunde ist man dabei. Ausgebildeten Pflegekräften und TherapeutInnen wird »freie Zeiteinteilung« und »Arbeitszeiten nach den eigenen Bedürfnissen« in Aussicht gestellt. Das Unternehmen stellt die vermittelnde Plattform zur Verfügung.

Laut einem aktuellen Papier der Arbeiterkammer zeichnet sich diese Plattform-Ökonomie durch »hyperflexible Vermittlungs- und Beschäftigungsformen« aus, welche »die Masse potenzieller DienstleisterInnen und NachfragerInnen jenseits traditioneller Arbeitsorganisation und stationärer Märkte vernetzt«. Plattform-Unternehmen kennen wir bereits seit längerem von der Vermittlung von Fahrdienstleistungen (Uber), Wohnraum (Airbnb) oder Haushaltsdienstleistungen (Helpling). Ob sich mit so einem Modell die schwerwiegenden Probleme im Gesundheits- und Pflegebereich weg-revo-lutionieren lassen? Wohl kaum.

Übrigens: Im Oktober legten Plattform-ArbeiterInnen des Lieferdientes mjam zeitweise ihre Arbeit nieder. Mehr als hundert neongrün gekleidete FahrradkurierInnen versammelten sich zu einem wilden Streik für bessere Arbeitsbedingungen. Betriebsrätin Adele Siegl trifft in einem Interview mit dem ORF den Nagel auf den Kopf: »Mehr Lohn, jetzt gerade wo alles teurer wird. Wir arbeiten ausschließlich in der Stadt. Und die Mieten steigen. Wir arbeiten zu einem großen Teil auf E-Bikes. Und die Stromkosten steigen. Wir sind den ganzen Tag im Freien. Und wollen in warme Wohnungen heimkommen.«

Solidarisch zu sein ist also ein Gebot der Stunde. Und wer es sich leisten kann, sollte beim Entgegennehmen einer Essenslieferung immer auch ein, zwei große Münzen griffbereit haben, um den mageren Lohn etwas aufzubessern. Für alle, die ihr Karma aber noch zusätzlich aufbessern wollen, hat die schöne neue Plattform-Welt natürlich das passende Angebot parat. So lässt sich über die App GoMore der »Planet schützen«, indem man sein Privatauto stundenweise vermietet. Mit der App Too Good To Go kann man nicht nur günstig Lebensmittel abstauben, die ansonsten im Müll landen würden, sondern auch Teil einer »weltweiten Bewegung« sein und »Gutes für die Umwelt tun«.

Nicht ganz so hochtrabend, aber erfrischend ehrlich, klingt das Geschäftsmodell auf der Subseite, über die sich Unternehmen für das Projekt anmelden können, um ihren Ausschuss abzusetzen: »Umsatz statt Verluste« und »Querverkäufe: Unsere Nutzer:innen kaufen zusätzliche Produkte«. Armutsbetroffene berichten indes, dass seit dem Einstieg großer Lebensmittelhändler bei Too Good To Go deutlich weniger Produkte in den Regalen der Sozialmärkte landen würden. Die Auswahl werde immer knapper. Schmerzliche Erkenntnis: Auch für B-Ware gilt die Verwertungslogik des Kapitals. Und für den Kampf gegen diese, gibt es leider (noch) keine App.

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Gelesen 107 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 17 November 2022 08:45
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