Schief und krumm Lukas Pascher FOTOS: PHILLI KAUFMANN
19 Oktober

Schief und krumm

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Die klassische Zwei-Meter-Bank verschwindet zunehmend aus dem Stadtbild. An ihre Stelle treten immer öfter wenig gemütliche Designlösungen. Der Soziologe Lukas Pascher erläutert das Phänomen hostile design und plädiert für eine lebhafte Diskussion über unbequeme Sitzgelegenheiten

Der öffentliche Raum wandelt sich permanent. Egal ob große Veränderungen wie die eben erfolgte Neugestaltung des Wiener Pratersterns, oder kleine Adaptionen in Parks und auf Plätzen, Schritt für Schritt wird die Stadt modernisiert. Dabei weisen die einzelnen Projekte viele Gemeinsamkeiten auf. Von Seiten vieler Kommunen zeigt sich ein ehrliches Bemühen den öffentlichen Raum fußgänger*innenfreundlicher zu gestalten und für Abkühlung zu sorgen. Gleichzeitig lässt sich seit vielen Jahren eine gestalterische Entwicklung beobachten, die weit kritischer zu sehen ist: Sitzgelegenheiten verschwinden oder werden ungemütlicher. Warum ist das so?

Sitzmöbel sind seit jeher ein bei Designer*innen und Künstler*innen beliebtes Objekt. Die Suche nach Innovationen und einer eigenen künstlerischen Ausdrucksform können dabei auch manchmal auf Kosten der Funktionalität gehen. In der Regel folgt das Design, vor allem jenes von Alltagsgegenständen, aber der Prämisse form follows function, zu Deutsch in etwa: die Funktion bestimmt die Gestaltung. Davon ausgehend, dass Design ein bewusster und durchdachter Prozess ist, stellt sich die Frage, warum sind manche Sitzgelegen heiten absichtlich ungemütlich?

Unsichtbare Agent*innen

Die Erklärung ist ein Phänomen, das als defensive, beziehungsweise kritischer als hostile design, als feindseliges Design, bezeichnet wird. Dem Konzept des defensive designs liegt die Überlegung zu Grunde, dass die Gestaltung des öffentlichen Raums dazu beitragen kann, für Sicherheit zu sorgen, indem manche Handlungen ermöglicht werden und andere nicht. Beispiele dafür sind Mistkübel, die so gestaltet sind, dass nichts darin versteckt werden kann (Bombengefahr) oder große Blumentöpfe an Einkaufsstraßen die terroristischen Anschläge oder Amokfahrten mit Autos verhindern sollen. Die Dinge im öffentlichen Raum können also so gestaltet werden, dass sie wie unsichtbare Agent*innen Gefahren verhindern, ohne den Nutzer*innen des öffentlichen Raums aufzufallen.

Diese Idee, Handlungen durch die Gestaltung zu steuern, hat längst den Sicherheitskontext verlassen, weshalb diese Form der Gestaltung kritisch als hostile design bezeichnet wird. Durch Design lassen sich nicht nur »gefährliche« Handlungen unterbinden, sondern eine Vielzahl von Hand-lungsmöglichkeiten können gegeben oder genommen werden. Erwünschte Handlungen werden ermöglicht, unerwünschte Handlungen werden unterbunden oder sanktioniert. Dadurch üben die Objekte unsichtbar soziale Kontrolle aus. Als hostile design wird diese Gestaltungsform vor allem deshalb bezeichnet, weil nur bestimmte Personen und Gruppen davon betroffen sind und dadurch verdrängt werden. Zwar könnte hostile design praktisch überall auftreten, tatsächlich findet es sich aber vor allem in innerstädtischen öffentlichen Räumen und vor allem in Bezug auf die Sitzgelegenheiten.

Hostile design funktioniert am besten, wenn es unbemerkt wirken kann, wenn Parkbänke zwar vorhanden sind, aber durch ihre Form und das verwendete Material langes Sitzen unbequem machen oder Liegen verhindern. Die gewünschte Verwendung, kurzes Verweilen, wird ermöglicht, die unerwünschte Verwendung, langer Aufenthalt oder Schlafen, wird unterbunden. Extremere Beispiele, wie Anti-homeless spikes, also am Boden angebrachte Stacheln in Hauswinkeln oder unter Brücken, die verhindern, dass obdachlose Personen dort schlafen, haben zu einem großen Medienecho und viel Kritik geführt. Neben diesen offensichtlich menschenfeindlichen Gestaltungsmaßnahmen darf man den Effekt, den subtilere Formen haben, aber keinesfalls unterschätzen.

Gemütliche Konsumbereiche

Die klassische Zwei-Meter-Parkbank verschwindet aus dem innerstädtischen öffentlichen Raum und an ihre Stelle tritt eine Vielzahl von verschiedenen Designlösungen. Kurze Bänke, Sitzobjekte aus Stein, mit abgerundeten Kanten, Metallbeschlägen oder kurzen Sitzflächen. So vielfältig das Design ist, die Formen und Materialien haben einen ähnlichen Effekt und verändern die Nutzungsbedingungen des Raums. Nicht alle öffentlichen Räume in der Stadt sind durch hostile design geprägt und nicht alle modernen Sitzmöglichkeiten sind unbequem. Die regionale Verteilung, wo hostile design zu finden ist und wo nicht, verstärkt die verdrängende Wirkung noch weiter.

In innerstädtischen Räumen, in denen der Fokus auf Konsum und Tourismus liegt, finden sich oft wenige und unbequeme Sitzgelegenheiten. Wer dort länger verweilen will, muss sich wohl oder übel in ein Café oder einen Schanigarten setzten und etwas konsumieren. Um nur ein konkretes Beispiel zu nennen: die einzigen Sitzgelegenheiten des Wiener Grabens finden sich an der Ecke zum Kohlmarkt und sind durch die Position der Lehne so gestaltet, dass Liegen verhindert wird. Alle anderen Sitzgelegenheiten sind direkt mit Konsum verbunden. Konsumschwache und marginalisierte Personen werden dadurch aus dem Stadtbild verdrängt.

Augen aufmachen

Parkbänke sind nicht zufällig unbequem, sondern erfüllen dadurch eine konkrete Funktion, sie verdrängen bestimmte Personen. Wie das Beispiel der Spikes zeigt, funktioniert das am besten subtil und wird, wenn es den Personen bewusst ist, kritisch gesehen. Um hostile design entgegentreten zu können und einen demokratischen, inklusiven öffentlichen Raum zu schaffen, der einer Vielzahl von Nutzer*innen die Chance zur Partizipation gibt, müssen wir mit offenen Augen durch die Stadt gehen und uns kritisch mit der Gestaltung auseinandersetzen! Design ist nicht zufällig, Parkbänke müssen nicht unbequem sein!

Lukas Pascher ist Soziologe mit dem Schwerpunkt soziale Ungleichheit und Ausgrenzung im öffentlichen städtischen Raum. Befasst sich seit Jahren mit der Gestaltung des öffentlichen Raums und der Auswirkung auf marginalisierte Gruppen. Schreibt derzeit seine Masterarbeit zum Thema Obdachlosigkeit und Privatheit.

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Gelesen 177 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 19 Oktober 2022 17:14
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