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Keine Master-Leistung Michaela Gindl Uni Klagenfurt
02 September

Keine Master-Leistung

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Das Institut für Slawistik an der Klagenfurter Universität hat mit 11. Juli 2022 sein Master ­studium Slawistik eingebüßt, bekommt dafür aber im Herbst ein neues Masterstudium Cross-Border Studies. Warum das nicht nur mit dem Uni-Betrieb zu tun hat und warum das traditionelle Studium bleiben soll, obwohl das innovative kommt, wird in Form von fiktiven FAQs dargestellt – von Michaela Gindl

Seit wann gibt es das Institut für Slawistik?

Im Jahr 1973 nimmt die Hochschule der Bildungswissenschaften in Klagenfurt/ Celovec ihren regulären Unterrichtsbetrieb auf, zwei Jahre später wird sie zur Univer sität für Bildungswissenschaften, im Jahr 1993 zur Universität Klagenfurt. Auch die Slawistik gibt es seit 1975, sie ist somit eine Studienrichtung der ersten Stunde.

Wie zeigt die Universität ihren Bezug zur Region?

Den Zusatz Alpen-Adria erhält die Universität laut Zeitleiste ihrer Homepage im Jahr 2004. Allerdings ist es auch notwendig, die auf der Homepage unsichtbare Abkehr vom Alpen-Adria-Geist sichtbar zu machen, die sich etwa durch die Tilgung des Kognomens »Alpen-Adria« aus der Corporate Identity oder die Abschaffung des Lehrstuhls für Mehrsprachigkeit nur drei Jahre nach seiner Einführung ausdrückt. Auch spannend wäre die Antwort auf die Frage, warum die (Alpen-Adria-)Universität zwar Klagenfurt, aber nicht Celovec im Namen trägt. Spannend insofern, als es im Profil unter anderem heißt: »Gelebte Vielfalt und Offenheit machen die Universität Klagenfurt zum kulturellen Mittelpunkt der Region.« Unabhängig davon, wie Region definiert wird, sollte sie Mittelpunkt von Kärnten und Koroška sein.

Was kann man am Institut für Slawistik studieren?

Das Institut für Slawistik bietet unterschiedliche Studienmöglichkeiten in den Fremdsprachenphilologien für Bosnisch/Kroatisch/Montenegrinisch/Serbisch (BKMS), Slowenisch und Russisch. So kann man Bachelor und Masterstudium im Lehramt für Slowenisch studieren, im Süd-Ost-Verbund (gemeinsam mit der Universität Graz) auch für BKMS und Russisch. Dann gibt es das klassische Bachelorstudium Slawistik (mit einer der drei Philologien im Fokus), oder, ganz neu ab Herbst 2022, das Masterstudium Cross-Border Studies. In diesem einzigartigen Studium liegt der Fokus auf Slawistik, im Rahmen von Gebundenen Wahlfächern können aber Schwerpunkte aus anderen Disziplinen gewählt und das Studium somit interdisziplinär und individuell gestaltet werden. Ein Auslandssemester ist ausdrücklich erwünscht, ein – im besten Fall interdisziplinäres – Praktikum ist Pflicht. Was in der Aufzählung allerdings fehlt, ist das klassische Masterstudium Slawistik. Dieses wurde am 11.7.2022 zu Grabe getragen.

Wie kam das Masterstudium Slawistik abhanden?

Am 29. Juni 2022 informierte das Rektorat über die Auflassung des Masterstudiums Slawistik, am 11. Juli, knapp zwei Wochen später, wurde sie vollzogen. Damit setzte sich das Rektorat über die Entscheidung des demokratisch gewählten Senats hinweg, der sich gegen die Abschaffung aussprach. Wie der Rektor betonte, kam das Ende des Masterstudiums nicht über Nacht, es drohte seit Jahren und war sogar Teil der Leistungsvereinbarung zwischen Bundesministerium und Universität. Vielleicht war es blauäugig zu hoffen, dass das kurz zuvor stattgefundene Sondierungstreffen zwischen Delegierten der Universitäten Klagenfurt und Ljubljana einen Aufschub erwirken könnte, wurde bei dem Treffen doch über ein mögliches gemeinsames Masterstudium Slowenistik verhandelt. Doch der Würfel war gefallen, die Entscheidung getroffen, die Leistungsvereinbarung musste halten.

Warum reicht es nicht, ein Masterstudium Cross-Border Studies zu haben?

Geht man von der vorherrschenden neoliberalen Logik aus, ist die Auflassung des Masterstudiums Slawistik durchaus verständlich. Die Universitäten stehen durch die Leistungsvereinbarungen und die Berechnung ihres Wertes nach prüfungsaktiven Studierenden unter enormem Druck. Um attraktiver zu werden, versucht auch die Universität Klagenfurt die wichtigsten Rankings zu erklimmen, mehr Studierende anzulocken. Kleine Studien mit wenigen Studierenden, womöglich auch noch mit unklarem Berufsbild, wie die klassische Slawistik, müssen um ihre Existenz fürchten. Fakt ist: Das Masterstudium Slawistik war ein kleines, die Zahlen an neuzugelassenen Studierenden war in den letzten Jahren rückläufig, wie bei ein paar anderen Studien auch. Dass es gerade dieses Studium getroffen hat, war zu einem großen Teil Mathematik und zu einem kleinen Pech. Oder?

Was hat die slowenischsprachige Volksgruppe damit zu tun?

Abgesehen von den Einzelschicksalen der Studierenden, die dieses Studium nicht mehr inskribieren können, gibt es dabei allerdings einen wichtigen Punkt zu beachten: Die (Alpen-Adria-)Universität Klagenfurt(/Celovec) ist »die größte akademische Bildungsinstitution in Kärnten« – und damit auch in Koroška. Denn die Universität ist auch die größte akademische Bildungsinstitution im zweisprachigen Gebiet. Und hier beginnt es problematisch zu werden. Denn es wurde nicht ein x-beliebiges Studium in einer x-beliebigen Universität aufgelassen, sondern das Masterstudium Slawistik (inklusive Slowenistik) im zweisprachigen Kärnten/Koroška. In dem zweisprachigen Kärnten/Koroška, in dem die slowenische Sprache vor hundert Jahren noch allgegenwärtig war und heute fast auf eine Randerscheinung reduziert wurde, das einen langen Kampf um die Anerkennung der Sprache und der Volksgruppe führte und noch führt, in dem zweisprachige Ortstafeln vom Mob abgerissen und einsprachige von Lokalpolitikern verrückt wurden, um sie nicht zweisprachig machen zu müssen. Das Koroška, in dem in den 90er Jahren Menschen in den Hungerstreik traten, um eine öffentliche zweisprachige Volksschule zuerkannt zu bekommen, in dem es endlich möglich war, Slowenisch vom Kindergarten bis zum Doktoratsstudium zu lernen und zu nutzen (und das trotz der Widrigkeiten der Schulschließungen im ländlichen Gebiet, die einmal mehr zu Ungunsten der slowenischsprachigen Minderheit ausfielen). In diesem Kärnten/Koroška wurde nun das Masterstudium Slawistik und damit auch das Masterstudium Slowenistik abgeschafft, aufgrund von Unrentabilität. An der Universität, die Folgendes auf ihrer Homepage veröffentlicht: »Über ihre Kernaufgaben hinaus ist sie gesellschaftlich offene Dialogplattform, Ort der Begegnung und think tank und ist sich ihrer besonderen Rolle als partizipativer Wissens- und Kulturträger vollauf bewusst.« Bleibt zu hoffen, dass dieses Paradoxon den Zuständigen früher oder später ins Auge springt.

Wie könnte ein alternativer Lösungsansatz aussehen?

Dafür müssten zumindest folgende Punkte umgesetzt werden:

> Das Masterstudium der Slawistik ist aufgrund seiner speziellen Bedeutung für die slowenische Volksgruppe unantastbar, abgekoppelt von der einengenden und unfairen Studienplatzfinanzierung.

> Eine durchgängige zweisprachige Ausbildung vom Kindergarten bis zum Doktoratsstudium ist selbstverständlich.

> Slowenisch verpflichtend als zweite Amtssprache ist flächendeckend im öffentlichen Dienst (mindestens auf dem Niveau A2 nach GERS).

> Slowenisch ist an allen öffentlichen Schulen im Geltungsbereich des zweisprachigen Schulwesens Pflichtfach, außerhalb des Geltungsbereichs Wahlfach.

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Quelle der Zitate: www.aau.at

Michaela Gindl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Slawistik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt/Celovec. In ihrem Dissertationsprojekt befasst sie sich mit muttersprachlichem Unterricht in Österreich, Mehrsprachigkeit und Kommodifizierung von Sprache.

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Gelesen 547 mal Letzte Änderung am Freitag, 02 September 2022 16:39
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