Ökologischer Antifaschismus? Kilian Jörg fotokrug, pixabay
13 Juli

Ökologischer Antifaschismus?

von

Von Kilian Jörg

Versuch einer Ausweitung der Kampfzone fürs 21. Jahrhundert

Antifaschismus und Ökologie hatten sich traditionell wenig zu sagen. Doch je mehr der fossile Kapitalismus ins Visier der Kämpfe für eine lebbare Zukunft rückt, desto mehr lohnt es sich, dem schwerwiegenden Erbe des Faschismus bei der Errichtung von fossilen Abhängig keiten und seiner materiellen Linien bis in die Gegenwart nachzu spüren und entgegenzutreten.

Krise der Gedenkkultur?

Die Gedenkkultur ist in einer Krise. Seit ich Holocaustgedenkdiener vor knapp eineinhalb Jahrzehnten war, bangt man der nicht allzu fernen Zukunft entgegen, in der es keine lebenden Zeitzeugen mehr geben wird. An diesem entscheidenden Punkt des Übergangs von oraler zu geschriebener Geschichte stehen wir nun und die Ewiggestrigen stehen schon bereit und verlautbaren, dass es keiner Gedenkkultur mehr brauche und man endlich ein »gesundes« (was aus irgendeinem unerfindlichen Grund »stolz« und »patriotisch« sein soll) Geschichtsverständnis in den ehemaligen Täter*innenstaaten braucht.

Ich möchte mich in diesem Essay der Frage annehmen, wie der Antifaschismus mit dieser Zäsur umgehen kann und – in einem neuen, bislang wenig angedachten Bündnis mit ökologischen Belangen – sogar eine neue Stärke und Aktualität erreichen kann. Meine Argumente beziehe ich hierbei hauptsächlich aus dem jüngst erschienen Buch White Skin, Black Fuel – On the Danger of Fossil Fascism vom schwedischen Öko-Marxisten Andreas Malm und dem Zetkin-Kollektiv.

Fossiler Faschismus

In ihrem Buch versuchen die Autor*innen die Faschismustheorie zu aktualisieren und auf die Höhe der Anthropozändiskurse zu bringen. Grob zusammengefasst argumentieren sie, dass kein Faschismus jemals ohne die Glorifizierung der fossilen Stoffe verbrennenden Maschinen wie Autos und Flugzeuge und den sie ermöglichenden fossilkapitalistischen Lebensstil auskam. Dies eint auch alle neuen Rechtsparteien von der FPÖ, der AfD, den Schweden Demokraten, den spanischen Vox, wie jene des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro oder des US-amerikanischen Ex-Präsidenten Trump: Sie alle verteidigen das Recht auf den SUV (»Kein SUV ist illegal« war der besonders geschmacklose Wahlspruch der AfD Rosenheim), die eigene Kohle- oder Ölindustrie, deren weitere Deregulierung sowie den Bau von immer mehr Autobahnen.

Nun würde es natürlich zu weit gehen zu behaupten, bloß Faschist*innen würden den Errungenschaften des fossilen Kapitalismus frönen: Sowohl liberale, wie sozialdemokratisch geprägte und sogar kommunistische Staaten haben diese genauso gefördert und ihre Macht durch sie konsolidiert. Für die herrschende Klasse, die ihren Reichtum in den letzten zwei Jahrhunderten primär auf fossilem Kapital aufgebaut hat, waren die Faschist*innen nie die erste Wahl, wenn es »appetitlichere« politische Alternativen gab, die ihre Interessen wahrten. Allerdings zeigt die Geschichte, dass wenn die gesteigerte Akkumulation von fossilem Kapital bedroht ist (wie etwa durch die europäischen Arbeiter*innenbewegungen der ersten Hälfte des 20. Jhs), große Teile dieser Klasse bereit sind, mit den Faschist*innen Bündnisse einzugehen und sie gewähren lassen. Auch wenn es mit z. B. Henry Ford, der große Teile der Protokolle der Weisen von Zion und Mein Kampf auf Englisch drucken ließ und offen mit Hitler sympathisierte, auch in den USA ebenso stramm antisemitische fossile Kapitalist*innen gab, fühlten sich diese niemals zu gleichem Maße dazu gedrängt, ihre Macht faschistisch zu konsolidieren, da sie sich niemals im gleichen Maße bedroht fühlten, wie etwa in Italien oder Deutschland mit ihren damals starken Arbeiter*innen-bewegungen.

»Er hat auch Autobahnen gebaut«

Es ist vergleichsweise wenig bekannt, dass die erste Autobahn der Welt das Werk von Faschist*innen war. Benito Mussolini baute diese in den ersten beiden Jahren nach seiner Machtübernahme 1922 von Mailand in die Alpen beim Laggio Maggiore. Diese wurde nicht nur vom norditalienischen, sondern vom gesamten westlichen Großbürger*innentum (damals die einzige Klasse, die sich Automobilität leisten konnte) gefeiert, sodass die Autostrada ein Pilgerort für technikbegeisterte Entscheidungsträger*innen wurde, die somit einen prägenden Einfluss auf das hegemoniale Mobilitätsparadigma weit über die faschistisch geprägte Politsphäre hinaus ausübte.

Viel bekannter ist, dass Hitler nicht nur Konzentrationslager und Panzer bauen ließ, sondern auch Autobahnen. Diese Feststellung verliert mit zunehmendem Fortschreiten der Klimakrise und der Politisierung der Automobilität seine apologetische Konnotation. Das erste, nationen-übergreifende Autobahnnetz Europas wurde bekanntlich unter der NS-Herrschaft errichtet und diente in den Nachkriegsjahren den in automobiler Infrastruktur weit hinterherhinkenden Nationen Frankreich oder Großbritannien als Vorbild.

Wenn heute allerorts moniert wird, dass die Autoindustrie zu entscheidend puncto Arbeitsplätze und nationaler Verankerung ist, um angegriffen zu werden, dann ist dieser Umstand das Resultat einer fossilkapitalistischen Sattelzeit, die so ohne faschistische Zerschlagungen (von Gewerkschaften, Arbeiter*innenbewegungen und alternativen Verkehrsmitteln) in Europa nicht denkbar geworden wäre. Nach 1945 biegt sich bekannter Maßen die Kurve des globalen Schadstoffausstoßes ins Exponentielle. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass dieser konsumkapitalistische Eintritt in die ökologische Katastrophe in Europa ohne die unheilige Allianz des fossilen Kapitals mit dem Faschismus nicht so (intensiv) eingetreten wäre. Wenn man sich heute politisch wirksam der Klimakrise wie den wieder wachsenden faschistischen Tendenzen in den Weg stellen will, muss man diese als co-abhängig und co-konstitutiv verstehen.

Ökologischer Antifaschismus heute

Heute ist keine neue Arbeiter*innenbewegung in Sicht, die eine reale Bedrohung für den fossilen Kapitalismus darstellen würde. Es sind nicht mehr (nur) die Menschen, die sich gegen dieses unmenschliche System auflehnen, sondern auch das, was wir bisher »Natur« nannten. Die Klimakatastrophe ist in vollem Gange und es wird immer schwerer, die Augen davor zu verschließen, dass diese menschengemacht, will heißen kapitalismusgemacht ist.

Innerhalb der politischen Ökologie hat man sich bislang zumeist zu einfache Vorstellungen von politischer Macht gemacht: Man dachte, dass die Akkumulation von genügend Daten und Fakten genügt, um alle zur rationalen Einsicht in den Ernst der Lage und also zum Umdenken und Anders-Handeln zu bringen. Doch je mehr die Klimakrise ins Allgemeinverständnis der modernen Gesellschaften dringt, desto deutlicher sehen wir: Proto-faschistische und anti-ökologische Tendenzen wie der Trumpismus sind genauso eine politische Reaktion auf die Klimakrise wie der Kauf eines SUV auf individueller Ebene. Das für diese Politik anfällige Bevölkerungssegment fühlt sich zunehmend bedroht und will sich also abschotten, die Grenzen dichtmachen und von immer größeren Karosserien mit immer stärkeren Motoren umhüllt wissen. Eine antifaschistisch denkende Ökologiebewegung sollte weg kommen von der netten Hippiementalität des »alle ins Boot holen« und stattdessen mit vermehrt antagonistischen Reaktionen rechnen. Die Klimakrise bringt eine faschistische Gefahr mit sich und ein Kampf um den ökologischen Wandel kann nur Erfolgsaussichten haben, wenn er auch antifaschistisch ist.

Betonpolitik = faschismusoffen

Wie kann es sein, dass Namen wie Porsche, Thyssen und Volkswagen weiterhin bei einer großen Mehrheit positiv konnotiert sind? »Wehrwirtschaftsführer« Ferdinand Porsche war bekanntlich der Chefauto- und Panzerbauer Hitlers und bei jedem großen Porscheschriftzug, der am Wiener Ring oder sonst wo prangt, könnte ich fast genauso auch »Hitler« lesen. Bei jedem Mercedes sehe ich die berühmte Szene aus Leni Riefenstahls Propagandafilm Triumph des Willen, bei dem ein Mercedesstern nahtlos zu einem Hakenkreuz überblendet. Die beiden für mich aussichtsreichsten Fördergeber in Deutschland heißen Thyssen und Volkswagen-Stiftung – zwei Namen, die aufs engste mit dem deutschen Faschismus verwoben sind.

Doch es hört natürlich nicht bei diesen symbolträchtigen und daher wichtigen Namen auf. Selbst die Lobau-Autobahn, die seit einem Jahr von mutigen Aktivist* innen verhindert wird, wurde erstmalig in NS-Zeiten geplant und ist seitdem ein Schubladenmonster, welches die vollkommen verwirrte Sozialdemokratische Partei heute mit Ach und Krach durchzusetzen versucht. Dies darf aber nicht so weit gehen, Michael Ludwig oder anderen Betonfetischist*innen selbst eine faschistische Politik vorzuwerfen. Sie ist faschismus-offen, will heißen, sie stellt sich dem fossilen Kapitalismus nicht entschieden (genug) in den Weg, um zu verhindern, dass irgendwann mal Faschismus als einzige Alternative für die herrschende Gemengelage erscheint. Nur wenn alles mit Autobahnen und Kraftwerken zubetoniert ist, kann man so kaputt gemacht werden, dass einem nichts Anderes übrigbleibt, als die fossile Verbrennung auch noch zu glorifizieren.

Faschismus ist die patriarchale und rassistische Hingebung an den Todestrieb, der durch fossil betriebene, stinkende Maschinen modern geworden ist. Dieser Faschismus hat nicht nur willentlich sechs Millionen Jüdinnen und Juden und ca. acht Millionen weitere Opfer industriell getötet. Mehr oder weniger unwillentlich hat uns der Faschismus bis heute ein fossilkapitalistisches Mobilitäts- und Energieregime hinterlassen, welches heute die allermeisten Lebensformen auf diesem Planeten bedroht. Deswegen und mehr denn je: Macht kaputt was euch kaputt macht.

Im 21. Jahrhundert sollte sich die Erinnerungskultur von den Gräueltaten der NS-Verbrecher*innen ausweiten auf ihr materielles Erbe, welches bis heute sowohl in vielen staatstragenden Namen wie im materiellen Erbe in Form von Straßennetzen, vernachlässigten Bahnverbindungen und irrationaler Förderung von fossilen Brennstoffen fortbesteht. Ausschwitz liegt in einem Kohlerevier und in einigen Nebenlagern wurden die Häftlinge auch durch Zwangsarbeit im Untertagebau ermordet. Auf eine ähnliche Weise ist die »freie Fahrt für freie Bürger« mit den Aufschrift »Arbeit mach frei« und »Jedem das Seine« der Konzentrationslager Theresienstadt und Buchenwald verbunden. Wer heute einen Porsche mit Stolz fährt, reiht sich unwissentlich und unwillentlich in diese Tradition ein. Wenn wir bald mal wieder auf der Baustelle der aktuellen Stadtautobahn zur Lobau stehen und diese besetzen, können wir mit Fug und Recht auch »Alerta Antifascista« rufen und so dem Antifaschismus eine neue Kraft verleihen.

Kilian Jörg hat in der Volksstimme 02/22 den Text »Linke Corona-Politik?« veröffentlicht.

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Gelesen 307 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 13 Juli 2022 14:54
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