Lust ohne Sex? Diana Leah Mosser FOTO: RONSTIK (RIGA, LETTLAND) / DEPOSITPHOTOS
12 Juni

Lust ohne Sex?

von

Essay von Diana Leah Mosser

In leichter Anlehnung an Lisa Orlando, Verfasserin des Asexual Manifesto (1972) definiere ich Sex als absichtlich her­beigeführte Erregung, die durch gegensei­tiges Stimulieren einschlägiger – meist genitaler – Körperregionen erzielt wird. Dieselbe Frage, die ich mir oft beim Schauen schlechter Liebesfilme stelle, stelle ich nun allgemein: Ist das wirklich notwendig?

Ace? of Spades?

Unter dem Begriff der Asexualität versteht man die Abwesenheit sexueller Anziehung, fehlendes Interesse oder ein nicht vorhan­denes Verlangen nach Sex. Asexuelle Men­schen (kurz Aces – das kommt von der ers­ten Silbe des Wortes asexual) kommen also ohne Sex aus. Das Spektrum ist breit, es geht – wie bei vielen Queer Communities – eher darum, sich in den beschriebenen Erfahrungen der anderen zu erkennen, als um das Abstecken ganz klarer Merkmale. Manche Aces beschreiben ihr Verhältnis zu Sex mit einem kurzen Satz über Mehl­speisen: »I’d rather have cake« – »ich möchte lieber Kuchen«. Das nüchterne Verhältnis zu Sex drückt sich dabei in der

nüchternen Beschreibung des Kuchens aus. Es muss für viele kein besonders guter Kuchen sein.

Es gibt Aces, die sexuelle Erregung verspüren und ange­nehm finden und solche, bei denen das nicht der Fall ist. Manche haben Sex, weil es ihre*n Partner*innen gefällt und andere haben uninteressiert notwendigerweise Sex, um ein lästiges Bedürfnis loszuwerden. Viele reden daher vom ase­xuellen Spektrum, weil es nicht um klare Abgrenzung geht. Am Übergang vom allosexuellen (Menschen mit einem her­kömmlichen Verhältnis zu Sex) zum asexuellen Spektrum liegen Gray Aces. Gray Aces können z. B. manchmal horny sein.

Ace Spektrum

Um sich innerhalb dieser Vielzahl von Erfahrungen zu ver­ständigen, greifen Menschen, die sich im asexuellen Spek­trum verorten, auf ein Beschreibungsmodell – das soge­nannte Split Attraction Model – zurück. Es handelt sich dabei um eine gute Erklärungsbasis, auf welche Weise wir uns zu Menschen hingezogen fühlen. Dabei wird Attraktivität über verschiedene Ebenen näher definiert, mit dem Ziel, klarer sagen zu können, was wir meinen, wenn wir sagen, unser Gegenüber sei z. B. »schoaf«. Im Split Attraction Modell wird unterschieden zwischen den Eigenschaften sexuell und romantisch, weiter aufgeteilt in emotional, platonisch, kör­perlich und ästhetisch. So beschreibt z. B. Hans-A-plast im Lied »Lederhosentyp« eine ästhetische Form der Attraktivi­tät. Während Bryan Adams in »Have You Ever Loved a Woman« eine emotionale Form der Attraktivität beschreibt, die sich zu körperlicher Hingezogenheit steigert (davon abgesehen, dass er so verliebt ist, dass er Föten in den Augen seiner Geliebten sieht).

Aro Spektrum

Ebenso wie asexuelle Menschen versuchen, eine Community zu bilden, damit sie sich nicht ganz so allein und eigenartig vorkommen, bilden auch Menschen mit geringen romanti­schen Neigungen eine solche Community, sie bezeichnen sich kurz als Aros – als aromantisch.

Aros und Aces haben gemeinsam das Bedürfnis, sich zu versichern, dass das herkömmliche Verhältnis der Gesell­schaft zu Sex und Romantik kein Verhältnis ist, dem sich jeder Mensch unterordnen muss. Sie nutzen daher oft gemeinsame Plattformen. Asexuelle, die mit Romantik etwas anfangen können, bezeichnen sich manchmal als Ace of Hearts. Asexuelle, die auch Aro sind, bezeichnen sich sinnge­mäß als Ace of Spades. Insofern haben uns Ladytron und Motörhead je eine Acehymne geliefert.

Abgrenzung oder Entdeckung

Dass das so wahnsinnig distinguiert erscheint, liegt wohl am Konflikt mit normierter Sexualität und Geschlechtlichkeit. Wir entdecken an uns Nuancen, die wir in der Leitkultur SO nicht gelernt haben. Und das ist nichts Neues, es ändern sich nur manchmal die Namen. So hat sich bereits Karl Heinrich Ulrichs – einer der ersten deutschen Schwulenrechts ­aktivist*innen – mit Konzepten der Hinge­zogenheit auseinandergesetzt. Seine Zeit­genossen Marx und Engels hatten in ihren Briefen nur Spott für ihn über. Magnus Hirschfeld beschrieb 1896 in Sappho und Sokrates Leute, die kein sexuelles Verlan­gen verspüren. Emma Trosse schreibt in Ein Weib? Psychologisch-Biografische Studie über eine Konträrsexuelle den Begriff der »Sinn­lichkeitslosen« und meint über sich selbst, »Verfasser hat den Mut sich zu jener Kate­gorie zu bekennen«. Während Aces Selbst­erkenntnis in solchen Überlieferungen fin­den, werden Allos (Menschen mit her­kömmlichem Zugang zu Sex) zu jeder Zeit fälschlicherweise behaupten, die beschrie­benen Umstände seien neuartige Rander­scheinungen.

Aber Kuchen atmet nicht

So ist es für meine Freund*innen wohl nor­mal genug, nach einer längeren Phase der Unzufriedenheit, die zufällig mit einer sexuellen Durststrecke korreliert, zu sagen: »Ich brauch wieder Sex«. Als Gray Ace fällt es mir schwer nachzuempfinden, was das miteinander zu tun haben soll. Vielleicht sollte ich meine frustrierten Freund*innen in Zukunft fragen, wann sie das letzte Mal Kuchen gegessen haben (mir fällt ein: ich hatte drei Kuchen, als ich diesen Artikel begonnen habe).

Wenn wir die Aussage »Ich brauch wieder Sex« mit dem Split Attraction Modell ver­gleichen, dann werden beim Sex wahr­scheinlich mehrere Funktionen erfüllt, von denen einige davon vielleicht wirklich zu einer nachhaltig höheren Zufriedenheit führen. Wir selber können mit unserem Körper nur einen geringen Teil von uns berühren. Ein zweiter Körper kann uns allerdings umschlingen und einen großen Teil unserer Hautoberfläche bedecken, wär­men und streicheln. Durch die Atemluft unsere*r Partner*innen bewegen sich unsere Haare oder sie trifft auf unseren Hals oder hinter die Ohren. Wir werden von Botenstoffen (Dopamin, Oxytocin, Seroto­nin, Adrenalin, ...) überwältigt, zu denen wir sonst nicht in dieser Menge kommen und wir erfahren, dass wir nicht alleine

sind. Wir erfahren Wertschätzung und Vertrauen. Für nichts davon ist es not­wendig, Erregung durch gegenseitiges Stimulieren einschlägiger Körperregio­nen absichtlich herbeizuführen. Kann aber sein, dass es hilft. Und es wird auf jeden Fall besser, wenn uns und unseren Partner*innen bewusst ist, was da gerade passiert.

Netflix and boil

Als Gray-Ace seh ich mich auf der Suche nach Lustgewinn weniger konfrontiert mit der Frage »Sex oder Kuchen«, son­dern eher mit der Frage »Sex oder Schmusen«. Und meine Antwort ist eigentlich klar. Ich bin Hedonistin und will maximalen Lustgewinn, es soll ein­fach nicht mehr aufhören. Und Sex hört meistens irgendwann auf. Das Herum­schmusen auf der Parkbank oder auf der Couch hört auf, wenn eine*r der beiden Partner*innen keine Zeit mehr hat oder wenn Netflix fragt, ob man die Serie wei­terschauen möchte. Taumelig und über­flutet von Neurotransmittern geht man dann zur Bushaltestelle, um dort weiter zu knutschen oder in die Küche, um etwas zu finden, das gleich viel Lust bringt, wie die Zunge, die man gerade noch im Mund hatte (cake doesn’t quite cut it). Das alles sind Situationen, die ich als Single eher vermisse, als die Berüh­rung und Verwendung von Körperteilen, die ich mir als trans Frau sowieso erst wieder neu aneignen muss, bevor ich sie gedankenverloren teilen kann.

Wodurch ich die Leser*innenschaft wieder von meiner Couch zurück zur Auseinandersetzung mit der Wirklich­keit begleiten darf. Asexualität ist nicht – wie Magnus Klaue in der Konkret 06/13 polemisch behauptete – das »neu­erwachte Verständnis für Sexualfeind­lichkeit«, sondern ein Bekenntnis zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen. Ein Bewusstsein darüber ist notwendig, um Befriedigung und Überschreitung zu erfahren.

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Gelesen 306 mal Letzte Änderung am Sonntag, 12 Juni 2022 11:35
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