Volksstimmefest 1955 Das Gesangs- und Tanzensemble der Sowjetarmee in Österreich (»Rotarmisten ensemble«). Volksstimmefest - 1974 Fußballlegende Hans Krankl - Volksstimmefest 1975 Der regierende Schach-Weltmeister Anatoli Karpow spielte simultan gegen 30 ÖsterreicherInnen, unter ihnen der Bildhauer Alfred Hrdlicka und die Kommunalsprecherin der KPÖ Wien Gertraud Kermani (li.) Manfred Mugrauer Volksstimmefest 1955 Das Gesangs- und Tanzensemble der Sowjetarmee in Österreich (»Rotarmisten ensemble«). Volksstimmefest - 1974 Fußballlegende Hans Krankl - Volksstimmefest 1975 Der regierende Schach-Weltmeister Anatoli Karpow spielte simultan gegen 30 ÖsterreicherInnen, unter ihnen der Bildhauer Alfred Hrdlicka und die Kommunalsprecherin der KPÖ Wien Gertraud Kermani (li.)
27 August

75 Jahre Volksstimmefest

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Seit 1946 ist das Pressefest der KPÖ Anziehungspunkt für zehntausende BesucherInnen. Einen Streifzug durch die Geschichte von Wiens schönstem Volksfest unternimmt Manfred Mugrauer

Das Volksstimmefest im Wiener Prater ist die wichtigste Veranstaltung der KPÖ, die ihr über Parteigrenzen hinaus eine breitere Öffentlichkeit sichert. Benannt ist das älteste politische Fest in Wien nach der damaligen Tageszeitung der Partei, deren erste Ausgabe im August 1945 erschien. Das erste Pressefest fand ein Jahr später, am 11. August 1946, im Praterstadion statt. Hauptpunkt war das Fußballmatch zwi­schen der Vienna und dem tschechischen Sportclub Kladno vor mehr als 50.000 ZuschauerInnen. Die KPÖ hatte zuvor um die Überlassung des Wiener Stadtparks für ein »Volksfest« ersucht, was die Gartenbau­direktion jedoch im Auftrag des Bürger­meisters nicht genehmigte. Weitere Attrak­tionen des ersten Festes waren ein Leicht­athletik-Frauenländerkampf zwischen Österreich und Ungarn und ein Auftritt des Rotarmistenensembles.

Vorbild »L’Humanité«

Ab 1947 wurde das kommunistische Presse­fest auf der Jesuitenwiese und ab 1949 auch auf der Arenawiese ausgetragen, wobei jedes Jahr bis zu 150.000 BesucherInnen gezählt wurden. Vorbild dieses Volksfestes war das L’Humanité-Fest der Kommunisti­schen Partei Frankreichs, das in einem Grüngebiet in der Nähe von Paris stattfand. Der Anstoß dazu ging vom damaligen KPÖ-Funktionär Egon Lederer aus, der in den Jahren des Exils in Frankreich in der Wider­standsbewegung aktiv gewesen war. Nach der Einbeziehung der Arenawiese und der Verdoppelung des Geländes nahmen die Bruderorgane aus den sozialistischen Län­dern Osteuropas mit eigenen Ständen und eigenen Programmen am Volksstimmefest teil. Die Pavillons der Bruderparteien blie­ben bis 1990 ein fixer Bestandteil der Fest­wiese.

Das Kulturprogramm der Volksstimme­feste zeichnete sich zunächst durch Unter­haltungs- und Tanzmusik sowie Spiel- und Volkstanzgruppen aus. Musikalisch fanden neben Blasorchestern und Wienerlieder­sängern auch Stücke aus Opern und Operet­ten Platz, zumeist dargeboten von SolistIn­nen aus den sozialistischen Ländern. Es gab Veranstaltungen auf mehreren Bühnen, verschiedene Sporteinlagen (etwa ein Blitz­turnier der Ringer, Kunstturnen usw.), Varietés mit Akrobatik, ein Kino und in den ersten Jahren auch einen Kinderzirkus, Ponydressurnummern usw. Älteren Festbe­sucherInnen werden die Auftritte der poli­tischen Kabarettgruppe »Die Ironiker« in den 1950er und 1960er Jahren in Erinne­rung sein. Am Ende jedes Festes stand das große Feuerwerk.

Ein Höhepunkt des Festes im Jahr 1955 war die von Heinrich Sussmann organi­sierte Internationale Karikaturenausstel­lung, an der u. a. der französische Cartoo­nist Jean Effel teilnahm. Die Festarchitektur wurde in diesen Jahren u. a. von Wilhelm Schütte gestaltet. Conférenciers waren die Schauspieler Karl Paryla, Fritz Eckhardt, Otto Tausig und Fritz Muliar oder auch der Kabarettist und Volksschauspieler Karl Hruschka.

Von großer Attraktivität war die Tom­bola des Volksstimmefestes. Seit den 1950er Jahren waren dort Autos, Motorrä­der, Fernsehapparate und Waschmaschinen als Hauptpreise zu gewinnen. In den 1960er Jahren stieg die Anzahl der Tombola-Preise auf über 50.000 an. Die Preise wurden zum Teil von den Bezirks organisationen der KPÖ hergestellt. Ab 1961 gab es ein Vierfar­bensystem, sodass alle Lose einer konkre­ten Farbe einen Preis zur Folge hatten.

Internationales Sportfest

Bis 1961 fand das Volksstimmefest an nur einem Tag statt. Hauptgrund für seine Erweiterung auf zwei Tage war das 1962 erstmals abgehaltene Sportfest, das sich zu einem wahren Publikumsmagneten entwi­ckelte. Geburtshelfer des Sportfestes war der ungarische Boxchampion Laszlo Papp, der einen Schaukampf gegen den österrei­chischen Meister Leo Potesil bestritt. 13.000 ZuseherInnen waren gekommen, um den dreimaligen Olympiasieger live zu erleben.

Im Jahr 1963 stellte der sowjetische Olympiasieger Juri Wlassow mit 190,5 kg einen neuen Weltrekord im Gewichtheben auf. Auch in den Folgejahren entsandten die Sportorganisationen der sozialistischen Länder dutzende WeltklasseathletInnen zum Sportfest, wie den tschechischen Lang­streckenläufer und Olympiasieger Emil Zátopek oder den Radsport-Weltmeister Gustav Adolf »Täve« Schur und den Boxer Henry Maske aus der DDR. In all den Jahren besuchten mehr als 100 OlympiasiegerIn­nen, Welt- und EuropameisterInnen das Volksstimmefest. Prominente Ehrengäste waren u. a. die Kunstturnerin und siebenfa­che Olympiasiegerin Věra Čáslavská, die Hochspringerin Ilona Gusenbauer und Hans Krankl (damals Rapid), die Autogrammstunden gaben.

Der Schwerpunkt des Sportfestes lag auf Judo, Amateurboxen und Gewichtheben, auch deshalb, weil der Sportredakteur der Volksstimme Kurt Castka zu den Verbands­funktionären dieser Sportarten gute Beziehungen hatte. Der Kabarettist Werner Schneyder war einer der Ringrichter beim Boxturnier. Hinzu kamen das Schauturnen, Tischtennis, ein Volleyballturnier und das Radrennen »Rund um die Jesuitenwiese«, in dessen Verlauf Spitzenfahrer aus Österreich und den sozialistischen Ländern 25 Runden fuhren. 1975 spielte der regierende Schach­weltmeister Anatoli Karpow simultan gegen 30 ÖsterreicherInnen, unter ihnen der Bild­hauer Alfred Hrdlicka. Ab 1986 wurde der »Friedenskilometer« gelaufen: zehn Kilome­ter für erfahrene LäuferInnen und fünf Kilo­meter als »Volkslauf«.

Durch das Sportfest gelang es auch, den Medienboykott partiell zu durchbrechen. Das Volksstimmefest wurde weitgehend totge­schwiegen, die Teilnahme berühmter Sport­lerInnen an internationalen Wettkämpfen – die Box- und Judobewerbe wurden von den Weltverbänden anerkannt – konnte nicht mehr ignoriert werden.

Kulturelle Höhepunkte

Bis 1958 fanden die Volksstimmefeste Anfang August und 1959 sowie 1960 Ende August statt. Zwischen 1961 und 1973 wurde das Fest an den Beginn der Schulferien (Ende Juni bzw. Anfang Juli) vorverlegt, bis man es 1974 wieder am Wochenende vor Schulbeginn – also Ende August bzw. Anfang September – ansetzte.

Dominierten in den ersten Jahren des Fes­tes Tanzmusik, das Rotarmistenensemble und Volkskunstgruppen das Programm, gab es in den 1960er Jahren einen Wandel in Richtung Jazz und Rock. Zu dieser Zeit spiel­ten auch erstmals Bands am Fest auf, die für ein jüngeres Publikum attraktiv waren. Wäh­rend Auftritte von Volkskunstgruppen aus Österreich sukzessive weniger wurden, blieben Folkloreensembles aus der Sowjet­union, osteuropäischen Ländern, Kuba usw. bis in die 1980er Jahre am Fest prä­sent.

In den 1970er Jahren verschwanden Parterreakrobatik, Opern- und Operetten­musik und Wienerlieder völlig aus den Programmen. Die Folklore wich immer stärker »widerständiger« Kultur. Heute erinnert einzig der Budweiser-Stand mit seiner Blasmusik an frühere Jahre. Kultu­relle Höhepunkte waren die Auftritte u. a. der Berliner Brecht-Interpretinnen Gisela May und Sonja Kehler oder der deutschen Liedermacher Dieter Süverkrüp und Franz Josef Degenhardt. 1974 und weitere drei Mal stand der tschechoslowakische Sänger Karel Gott – die »goldene Stimme aus Prag« – auf der Hauptbühne des Volks­stimmefestes. Seinem ersten Auftritt ver­dankt die Bühne ihr stabiles Dach, musste doch das mit ihm geplante Konzert im Vorjahr Regen-bedingt abgesagt werden, was sich 1974 nicht wiederholen durfte.

Seit 1981 findet das künstlerische Fest­programm auf vier Bühnen statt. Neben den »Schmetterlingen« traten hier u. a. Wilfried, Jazz Gitti und Harri Stojka auf. Nicht wegzudenken vom Volksstimmefest war Sigi Maron, der von 1979 bis 2014 so oft wie kein anderer zu hören war.

In den 1970er Jahren wurden nicht nur die musikalischen Angebote, sondern auch jene in den Bereichen Literatur und bil­dender Kunst erweitert. Seit 1975 findet die AutorInnenlesung »Linkes Wort« statt, bei der sich in den folgenden Jahren u. a. Elfriede Jelinek, Marie-Thérèse Kerschbau­mer, Michael Scharang, Peter Turrini und Helmut Zenker beteiligten. Heute sind bei den auf der Sigi-Maron-Bühne stattfinden­den Lesungen sowohl etablierte Schrift­stellerInnen als auch NachwuchsautorInnen vertreten. Eine weitere kulturpoliti­sche Initiative war die erstmals 1977 vom »Arbeitskreis Realismus« organisierte »Galerie Rotpunkt«, die am Fest Ausstel­lungen bildender KünstlerInnen organi­sierte. Der 1972 gegründete »Kommunisti­sche Kulturkreis« präsentierte am Volks­stimmefest über viele Jahre Ausstellungen, etwa zum Thema »Kommunistische Auto­ren Österreichs« (1974).

Bezirksstände und Solidorf

Das Rückgrat des Volksstimmefestes waren von Beginn an die Stände der Bezirks- und Betriebsorganisationen der KPÖ, die politi­sche Information mit Unterhaltung und Kulinarik verbinden. Die Ausgestaltung die­ser Stände war vom Ideenreichtum und der Kreativität der dort engagierten freiwilligen MitarbeiterInnen abhängig. Im Laufe der Jahrzehnte wurde bei den KPÖ-Ständen vie­lerlei Unterhaltung geboten: etwa Wurf­spiele, ein Karussell, ein Kasperltheater, Glücksspiele, eine Kegelbahn, Eselreiten, eine Marionettenbühne usw. Ein bis heute beliebter Fixpunkt des Festes, für den die KPÖ Favoriten verantwortlich zeichnet, ist das Favoritner »Plattlspiel«, bei dem auch heuer wieder attraktive Preise zu gewinnen sind.

Viele KPÖ-Stände bieten auf Bücherfloh­märkten politische Literatur an. Einnahmen können die Bezirksstände auch durch kuli­narische Angebote erzielen. Von Mitgliedern und SympathisantInnen der Partei herge­stellte Mehlspeisen entwickelten sich zu einem fixen Bestandteil der Festtradition. Bis heute machen die Bezirksstände der KPÖ den Charme des Volksstimmefestes aus. Nach wie vor sind die ehrenamtlich tätigen HelferInnen die tragende Säule des Festes.

1982 gab es am Volksstimmefest erstmals ein Lateinamerika-Solidaritätsdorf, in dem die verschiedenen Solidaritätsbewegungen zusammengefasst wurden. Nach dem Zusam­menbruch der Staaten des realen Sozialis­mus musste sich auch das Volksstimmefest den neuen Umständen anpassen. Der Ausfall der Pavillons und Stände der osteuropäi­schen Parteizeitungen führte zur Konzentra­tion des Festes auf der Jesuitenwiese. Das Feuerwerk wurde gestrichen. Nicht zuletzt aus finanziellen Gründen ist das Fest zwar kleiner geworden, einen Aufschwung nah­men jedoch das Solidaritätsdorf und die Ini­tiativenstraße, wo sich heute etwa 100 fort­schrittliche Initiativen und Organisationen präsentieren. Solidorf und Initiativenstraße prägen neben den Ständen der einzelnen KPÖ-Bezirksorganisationen maßgeblich das heutige Erscheinungsbild des Festes. Das Volksstimmefest ist bis heute die größte öffentliche Veranstaltung der KPÖ und bleibt das schönste Volksfest Wiens.

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