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19 Juli

Gleichwertige Ungleichheit?

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Gleichwertige Ungleichheit?

Eine Kritik am Intersektionalismus steht im Mittelpunkt der neuen Ausgabe von Z. Zeitschrift für marxistische Erneuerung.

Von Krista Springer

»Wir sind jedoch nicht überzeugt, dass eine sozialistische Revolution, die nicht auch eine feministische und antirassistische Revolution ist, unsere Befreiung garantie­ren wird. Wir stehen vor der Notwendig­keit, ein Verständnis von Klassenverhält­nissen zu entwickeln, das die spezifische Klassenposition Schwarzer Frauen berück­sichtigt.«

The Combahee River Collective Statement (1977)

Mit diesen Worten begründete das Schwarze feministische Combahee River Collective in den 1970er Jahren die Notwendigkeit intersektionaler Politik. Heute ist Intersektionalität aus dem akade­mischen wie politischen Diskurs nicht mehr wegzudenken. Stand die Forderung des Combahee River Collective noch auf marxistischen Füßen, so stößt man im heu­tigen Mainstream hauptsächlich auf ein liberal geklärtes Verständnis. Intersektio­nalität ist damit bei weitem nicht die erste politische Intervention, die zum Opfer libe­raler Vereinnahmung wurde.

Die in Frankfurt/M. erscheinende Z. Zeit­schrift für marxistische Erneuerung erhebt die Kritik am Intersektionalismus zum Schwer­punkt ihrer aktuellen Ausgabe. Die Autor:innen inspizieren darin sorgfältig die Anfänge und Weiterentwicklungen der Intersektionalitätsdebatte. Herausragend sind jene Texte, die aus dieser Kritik heraus eine alternative Analyse von Rassismus und Geschlecht entwerfen. Auch wenn sich Intersektionalität schon seit geraumer Zeit mit Kritik aus den eigenen Reihen konfron­tiert sieht, ist es der Verdienst der Z., die Mängel dieses theoretischen Konzepts in gesammelter Form auf Papier zu bringen. Die Stärke der Ausgabe liegt weniger in den Kritikpunkten selbst – Kenner:innen der Auseinandersetzung sind sich dem Gros der konzeptuellen Schwächen bewusst – als vielmehr in den Perspektiven, aus denen sie in die Debatte getragen werden sowie den marxistischen Gegenentwürfen, die einige Beiträge skizzieren.

Was ist Intersektionalität?

Im akademischen Diskurs etablierte sich der Intersektionalitätsbegriff durch die Arbeiten Kimberlé Crenshaws. Als Juristin kritisiert sie das US-Antidiskriminierungs­recht, Überschneidungen von Diskriminie­rungsachsen unbeachtet zu lassen und daher vielen Betroffenen keine juristische Absicherung bieten zu können. Sie argu­mentiert ihre Forderung anhand eines Prä­zedenzfalls bei General Motors, wo im Zuge einer Massenentlassung fast alle Schwarzen Arbeiterinnen des Unternehmens gekün­digt wurden. General Motors wertete den Vorgang weder als rassistische noch als geschlechtsspezifische Diskriminierung, da weder Schwarze Männer noch weiße Frauen von der Kündigung betroffen waren. Crenshaw folgert, dass erst die Ver­knüpfung von Geschlecht und Rasse aus­schlaggebend für die unrechtmäßigen Ent­lassungen gewesen war.

Historisch folgte aus diesem Verständnis von Ungleichheit schließlich ein Kanon theoretischer Beiträge, der sich in folgen­den Kernpostulaten zusammenfassen lässt: Unterdrückungsformen sind nicht von ­einander zu trennen und lassen keine Prio­risierung untereinander zu. Neben der indi­viduellen – wie im juristischen Fall – sind auch die strukturelle, repräsentative und diskursive Ebene gleichermaßen in die Analyse miteinzubeziehen. Darin sind Iden­titäten heterogene, historisch gewordene und gruppenbasierte Gebilde. Intersektionalität ist schließlich auf­grund seiner aktivistischen Praxis eine Kritik von Macht und zugleich eine Quelle von Gegenmacht.

Fehlender Gesellschaftsbegriff

Die Autor:innen des Leitbeitrags (John Lütten, Christin Bernhold und Felix Eckert) vollziehen eine ausführliche Sezierung dieser theoretischen Grundlagen. Ihr Hauptkritikpunkt ist der fehlende Gesellschaftsbegriff. Im Laufe der Lektüre ergibt sich daraus der gesellschaftstheoretisch interessanteste Kritikpunkt: In diesem abwesenden Gesellschaftsbegriff gründe das praktische Unvermö­gen, erfahrungsbasierte Identitäten als den Subjekten gegenüber­stehende verdinglichte Entitäten zu kritisieren. Der Intersektiona­lismus bestätige diese Entfremdung viel mehr.

Der zweite zentrale Kritikpunkt beschreibt, dass sich die Inter­sektionalität als Gegenkonzept zum Primat der Klasse versteht, dem Konzept selbst aber die klassenförmige Vergesellschaftung von Subjektiven als zentraler Mechanismus von Herrschaft und Ausbeutung fehlt. Klasse taucht nur noch als ökonomische Benach­teiligung in Form von »Klassismus« auf; einem zahnlosen Antidis­kriminierungsbegriff, dem letztlich Herrschaftskonformität inhä­rent ist. In den Worten der Autor:innen: »Im Intersektionalismus werden Ungleichheitsverhältnisse und ihre Überschneidung beschrieben, aber nicht erklärt; die Gesellschaftsanalyse erschöpft sich […] im Aufsummieren von Diskriminierungsverhältnissen. Der grundlegende Stellenwert von Ausbeutungsverhältnissen und Klas­seninteressen sowie ihre Vermittlung in Politik und Kultur lässt sich auf diese Weise nicht thematisieren. […]. Der Intersektionalis­mus gibt daher keine Agenda für grundsätzlich gesellschaftskriti­sche Analyse und Politik her.«

Intersektionalismus liefere somit eine Beschreibung statt eine Erklärung von Herrschaft. Auch wenn von Vertreter:innen der Strömung abgelehnt, resultiere das intersektionale Konzept letzt­lich in einem additiven Verständnis von Herrschaftsverhältnissen. Zusätzlich lade der fehlende Gesellschaftsbegriff dazu ein, keine strukturverändernde politische Strategie zu skizzieren. Hier ließe sich einwenden, dass Intersektionalität als Hilfsmittel für eine umfassende Gesellschaftsanalyse konzipiert ist, anstelle den Anspruch zu stellen, selbst Gesellschaftstheorie zu sein. Nichtsdes­toweniger bleibt in der Vielfalt intersektionaler Beiträge häufig ungeklärt, welches Verständnis von Gesellschaft die Grundlage der Analyse bildet. Das Plädoyer für die Gleichrangigkeit von Ungleich­heitsachsen, um eine angebliche politisch-normative Hierarchisie­rung des Marxismus zu vermeiden, mündet schließlich in einer prinzipiellen Ablehnung historisch-materialistischer Gesellschafts­theorie: Das Kind wurde sozusagen mit dem Bade ausgeschüttet. Übrig blieben Identitäts- und Diskriminierungsfragen, die die zugrundeliegenden Verhältnisse wenig bis gar nicht erklären kön­nen.

Offen bleibt jedoch, wie die Autor:innen das Verhältnis von poli­tischer Erfahrung und Struktur bestimmen wollen, wenn Erfah­rung als politischer Ausgangspunkt von Identität und Intersektio­nalität kritisiert wird. Ist Erfahrung denn etwa nicht konstitutiv für ein Verständnis von Gesellschaft? Sollten Linke das erlebbare Irritationsmoment mit der Gesellschaft, das einer Strukturkritik praktisch immer vorausgeht, nicht sogar fördern?

Geschlecht und Rassismus marxistisch verstehen

Für Marxist:innen sind zwei Beträge von besonderem Interesse. Gemeinsam ist ihnen die Kritik der kapitalistischen Produktion von Identität. Eleonora Roldán Mendívil und Bafta Sarbo heben an Ende ihres Beitrags »Rassismus, Identität und Marxismus« glän­zend hervor, wie uns Kategorien wie Weiß, Schwarz und Migrant:in und damit letztlich verdinglichte Identitäten als Normalität begegnen. Hinter diesen imaginierten Kol­lektiven verschwindet die ihrem Phantasma zugrundeliegende materiellen Struktur und damit letztlich die darin eingebetteten Sub­jekte als politisch Handelnde.

In eine ähnliche Richtung argumentiert der Text von Kim Lucht und Margareta Steinrücke »Was macht die Klasse mit dem Geschlecht?«. Während die These eines klas­senförmigen Vergeschlechtlichungsprozes­ses – dem »Klassengeschlecht« – empirische Schwächen aufweist, ist die Kritik an den Konsequenzen einer Vervielfachung von Geschlechtsidentität als Konservierung tra­ditioneller Formen von Weiblichkeit und Männlichkeit sehr plausibel. Das genannte Defizit könnte der von Martha E. Gimenez beigetragene Artikel zur »kapitalistischen sozialen Reproduktion« auf theoretischer Eben ausgleichen. Der vielversprechende Absatz bleibt dann aber sehr knapp. Hier wäre eine genauere Ausführung spannend gewesen. Interessierten sei also geraten, das Buch von Gimenez zu lesen.

Die neue Z. ist ein Muss für Marxist:innen und all jene, die sich in die Intersektionali­tätsdebatte aus einer kritischen Perspektive einlesen möchten. Zudem erfreut, dass die Ausgabe zahlreiche junge und weibliche Autor:innen zur Wort kommen lässt, die sich der kritischen Gesellschaftstheorie ver­schrieben haben. Obgleich die marxistische Kritik im deutschsprachigen Raum dazu neigt, sich abwehrend hinter Zitaten aus Marx-Engels-Werken zu verschanzen – auch die Z. blieb davor nicht gewahrt –, gelingt der Ausgabe ein hoffnungsvoller Ausblick auf die Erneuerung marxistischer Gesell­schaftsanalyse.

Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, »Kritik des Intersektiona­lismus«,
Nr. 126, Juni 2021, 10 Euro

www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de

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Gelesen 655 mal Letzte Änderung am Freitag, 27 August 2021 12:28
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Krista Springer
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