Diese Seite drucken
Von Analog nach Digital Helga Wolfgruber CC BY-NC 2.0 THOMAS HAWK
05 Mai

Von Analog nach Digital

von

Gedanken zur Allgegenwart von Digitalisierung.

Von Helga Wolfgruber

 

Ich wurde analog erzogen, habe keine virtuelle Körpergeschichte und Digitalis war in meiner Jugend ein Wort auf dem Beipackzettel des Herzmedikamentes meiner Großmutter. Anfang der 60er Jahre habe ich auf meiner sieben Kilo schweren Olympus Kofferschreibmaschine nach dem Zehnfingersystem tippen gelernt. Später hat der Kugelkopf einer elektrischen Schreibmaschine eine leichte Beschleunigung und bessere Tippfehlerkorrekturen zugelassen. Vervielfältigt wurde mittels Durchschlag, inklusive blauer Fingerabdrücke auf dem Original. Die Mechanik dieser Apparate war mir verständlich. Mein erstes Telefonat habe ich über Vermittlung des »Fräuleins vom Amt« geführt. Danach wurde die Bedienung einer Wählscheibe zu einem Akt der Selbstwirkamkeit, bevor Handy und Smartphone dieses Gefühl wieder zunichte gemacht haben. Die Undurchschaubarkeit der Technik nahm zu. Ich ahnte aber noch nicht, von wieviel Ärger und Gefühlen der Beschämung die Digitalisierung »meiner beruflichen und privaten Welt« begleitet sein würde. Und vor allem, wie viel Zeit-und Energieaufwand es bedeuten würde, zwischen Fortschrittsgläubigkeit und Kritik daran mich nicht als fremdbestimmte Nutzerin zu fühlen. In meiner Jugend wurden neben Zeitung, Radio und Fernsehen vorwiegend Personen als Medien bezeichnet, die mittels parapsychologischer Fähigkeiten mit fremden Welten in Verbindung treten konnten. Ein Bedeutungswandel des Wortes Medium als Mittel globaler, sozialer Kommunikation und Speicherung war noch nicht absehbar.

Neue verpixelte Welt

Wandel als historische Konstante schon von Jürgen Habermas in den 60er Jahren als »Strukturwandel der Öffentlichkeit« thematisiert, vollzog sich anfangs langsam, verwandelte aber in den letzten 15 Jahren unser aller Leben in einen sich ständig verändernden Datenstrom mit immer kürzer werdender Halbwertszeit. Zur oft kritisierten Ökonomisierung aller Lebensbereiche gesellte sich deren digitale Total-Vermessung und beeinflusst nicht nur kommunikative Kompetenz, sondern auch Sprache und alle menschlichen Ausdrucksformen. Ein »An-der-Maschine-Vorbeiexistieren«, wie der Medienkritiker Peter Schmitt es nennt, wird faktisch immer unmöglicher. Was es für eine Gesellschaft und ihre Verfasstheit bedeutet, wenn das Entfernte/die Welt, immer näher rückt, aber das Nahe/die Nähe körperlicher Präsenz und Kommunikation in die Ferne rückt, lässt sich auch von Zukunftsforscher*innen nicht vorhersagen. Vorhergesehen hat aber schon vor über 20 Jahren der Soziologe Georg Franck, dass »Aufmerksamkeit anderer Menschen die unwiderstehlichste aller Drogen« ist. Das scheint sich in exzessivem Verlangen nach Produktion von Selfies und in narzisstischen Selbstinszenierungen auf medialen Kanälen zu verdeutlichen. Gehorsame Nutzer*innen, die gegen normative Mitmachgebote nicht aufbegehren, verfallen oft in suchtartigen Internet- Gebrauch. Einleuchtend argumentiert der Psychoanalytiker Altmeyer, dass es sich bei diesem Resonanzverlangen keineswegs um ein Kunstprodukt der Medienwelt handelt, sondern um den Niederschlag eines frühkindlichen Grundbedürfnisses. Er bezieht sich dabei auf Winnicott, der in der Entwicklung des Kindes das Gesicht der Mutter als Vorläufer des Spiegels sieht. »Die Mutter schaut das Kind an, und wie sie schaut, hängt davon ab, was sie selbst erblickt [...] wenn ich sehe und gesehen werde, so bin ich.« Der regressive Sog spiegelt sich wider in einer infantilisierenden Sprache, die den Erzählstrom ganz dem verpixelten Zahlenstrom anzugleichen scheint. Allmachtsphantasien durch anonyme Kommnikation mit beinahe der ganzen Welt werden befeuert und schaffen illusionären Bedeutungsgewinn. Quälende Erfahrungen der Konkurrenz sind durch permanenten Vergleich garantiert.

Ersticken im Datenhaufen?

Der »digitale Schadstoffausstoß« sozialer Medien ist groß. Aggression, Entwertung, Rache, Lüge sind Bestandteile von fake-news und sorgen für eine emotionale Überhitzung und Radikalisierung der Öffentlichkeit. Diese Entwicklung kommt den Profiteur*innen sehr gelegen. Je mehr Nutzer*innen, desto mehr Nutzen für sie. Durch Zugewinn an Kapital und Macht erwerben Konzerne nicht nur die Kontrolle über Produktions-und Konsumverhältnisse, sondern übernehmen auch die Steuerung unseres gesamten zukünftigen Lebens. Digitalisierung sollte als Werkzeug verstanden sein, das im Dienste der Menschheit demokratisch von allen genützt werden kann und sich nicht als Bumerang erweist, der in einen »digitalen Imperialismus« (Ivonne Hofstetter) mündet. Die vielzitierte demokratische Freiheit (Macht über sich selbst) als Ausdruck von Autonomie kann ich in der algorithmischen Gefangenschaft nicht erkennen. Vielmehr sollte der Ausbeutung menschlicher Gefühle und der schamlosen Steuerflucht von Google, Facebook und Co. ein Riegel vorgeschoben werden.

Lebenslang lernen für den Profit?

Auch die Digitalisierung der industriellen Produktion birgt die Gefahr, dass Menschen irgendwann zu den Ausgeschlossenen zählen, wenn »die Arbeit verschwindet«. Sie verlangt eine hohe Bereitschaft zur Akzeptanz des Imperativs von »lebenslangem Lernen«. Mit dem paradoxen Ergebnis, dass zwar Arbeitsvorgänge durch digitale Automatisierung erleichtert werden, aber der Druck der Produktivitätssteigerung durch Beschleunigung der Arbeitsabläufe an die Arbeiter*innen weitergegeben wird. Das erfordert besonders von älteren Menschen eine enorme Adaptionsfähigkeit. Es geht dabei nicht nur um das von Bourdieu beschriebene »kleine Elend«, das jedem sozialen Feld bekannt ist, sondern auch, wie Neurobiolog*innen feststellen, um eine biologische Veränderung neuronaler Netzwerke unserer Gehirne. Die digitale Verschmelzung von Arbeits- und Freizeit zu einem Dauer-Online-Szenarium begünstigt psychische Erschöpfungszustände. Der hektische Austausch über Whats App, das Bestimmen des individuellen Marktwertes über Likes und Smileys sowie die Angst, etwas zu verpasssen oder verpasst zu werden, bedeuten für das Gehirn als »Integrationszentrum« von Hormon-, Nerven-, Immun- und Herz-Kreislaufsystem eine Herausforderung. Individuelle Antwort und Widerstand gegen das gesellschaftliche Tempo ist für Hartmut Rosa der Weg in die Leitkrankheit der Gegenwart, die Depression. Dann steht durch Verweigerung zumindest die innere Zeit still.

Alter gefährdet Teilhabe

In diesem Klima des Unbehagens, deutlicher und sichtbarer geworden durch die Pandemie, zeigen sich Spaltungsprozesse und Risse quer durch alle Bevölkerungsschichten. In besonderer Weise von der Ausdünnung des Analogen betroffen sind ältere Menschen. Sollte es zutreffen, dass es im höheren Alter zu »intellektuellem Appetitmangel« (Odo Marquard) kommt, bedeutet Lernen für eine immer größer werdende Gruppe von Menschen, zu essen, ohne Hunger zu haben. Aber das Bedürfnis nach Verbundenheit, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe animiert dann doch zu digitaler »Nahrungsaufnahme«. Die Energie, die dafür verwendet werden muss, ist jedoch deutlich größer als bei jungen Menschen, die neuen Technologien gegenüber weniger »fremdeln«. Ihr Aufwachsen und Lernen war schon immer ein digitales. Das Altern auch als positiven Prozess der Entschleunigung wahrzunehmen, als »stufenweises Zurücktreten aus der Erscheinung«, wie J. W. Goethe es formulierte, wird durch Digitalisierung erschwert, hat aber auch Vorteile. Das aber nur dann, wenn Digitalisierung an die Bedürfnisse der immer älter werdenden Bevölkerung angepasst wird, und nicht umgekehrt. Das Deutsche Zentrum für Altersfragen hat auf die Bedeutung von PC und Smartphone-Apps hingewiesen und sie zwar als die neuen Kontrolleure bezeichnet, die aber das Leben in den eigenen vier Wänden lange möglich machen. Sie schaffen einen Ausgleich zum Mobilitätsverlust, leisten Dienste gegen Einsamkeit, ermöglichen Teilhabe am Weltgeschehen, vermitteln Wissen und bieten Gedächtnistraining an. Online-Dienste, dazu zählen auch Single-Börsen, können tatsächlich den Autonomieerhalt im Alter fördern und einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität leisten. Dass die Mehrheit der über 70-Jährigen noch nie im Netz war und von den über 80-Jährigen 90 Prozent immer offline sind, hat viele Gründe. Als erste Hürde erweist sich der fehlende Netzzugang in vielen ländlichen Gebieten. Eine bedienungsfreundlichere, weil einfachere Software könnte den Veränderungen im Alter (Abnahme des Kurzzeitgedächtnisses) gerecht werden und Vorbehalte verringern. Weniger Klicks auf der Nutzer*innenoberfläche würden den durch allzu viele Anglizismen angezeigten »Pfad zum Ziel« erleichtern. Nicht jeder*jedem Benutzer*in steht jederzeit ein sachkundiges, Englisch sprechendes Enkelkind zur Verfügung, um die digitale Ampel auf grün zu schalten. Untersuchungen zeigen, dass neben Armut, Alter und Bildungsmanko die fehlende Bedienungsfertigkeit die größte Barriere bei der Nutzung elektronischer Geräte darstellt.

Wer vermittelt Technikkompetenz?

Von demokratischer Teilhabe kann erst dann gesprochen werden, wenn Befähigungs- und Verwirklichung-schancen (Amartya Sen) eine befriedigende Nutzung ermöglichen und digitale Mündigkeit fördern. Damit die Arbeit am PC nicht zu einem Ringen um den richtigen Klick wird, ist der Ausbau professioneller Hilfestellung notwendig. Diese Hilfe wird z. B. in Bremen durch aufsuchende Digitalassistent* innen geleistet oder in Hamburg durch Medien- und Techniklots* innen. Bezahlt von öffentlicher Hand, unterstützen sie Einrichtung und Bedienung von Messenger-Diensten, Videotelefonen, sozialen Medien und Vernetzung von Nachbarschaftsplattformen. Angelehnt an die Politik der Commoners (Tauschen statt Haben wollen) entstehen in Deutschland »Caring Netzwerke«, die ebenso durch Technologie unter stützung das Leben vieler Menschen erleichtern. Digitalisierung ist allgegenwärtig und wirkt als Brandbeschleuniger eines globalen Kapitalismus. Die Folgen inkludieren Selbst-Ausbeutung der Menschen, Raubbau an der Natur bis hin zu »smarter« Kriegsführung. Kritik an diesen Schattenseiten ist notwendig, selbst wenn man dadurch als »Maschinenstürmerin« oder analoges Auslaufmodell bezeichnet wird.

AA FB share

Gelesen 894 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 06 Mai 2021 07:20
Artikel bewerten
(0 Stimmen)
Helga Wolfgruber

Das Neueste von Helga Wolfgruber

Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten