28 Februar

Liebe in Zeiten von Corona : »Na Boom«

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Na Boom. Auch schon wieder ein Jahr Leben und Lieben in Zeiten von Corona. Das Erfreuliche zuerst: Das Jahr 2021 bringt mir einen zweifachen Großtantenstatus ein. Denn offensichtlich hat der Frühjahrs-Lockdown 2020 nicht nur das sexfrustrierte Pandapaar Ying-Ying und Li-Li im Hongkonger Zoo liebestechnisch reaktiviert, sondern auch im Familien- und Freundeskreis herrscht Babyalarm. An der alten Weisheit, dass besondere Zeitumstände auch zu einem Babyboom führen, dürfte wohl was Wahres dran sein. Der Rückzug ins Private und mangelnde Ablenkung durch allerlei außerhäusliches Amüsement beflügelt offensichtlich die Fruchtbarkeit fortpflanzungswilliger Paare oder vielleicht hat manches Paar doch den Bedarf an Kondomen unterschätzt und doch zu sehr den Klopapiervorrat im Auge gehabt. Wie weitsichtig waren da die Franzosen schon im ersten Lockdown. Klären wird sich die Frage eines tatsächlichen Babybooms wohl erst bei Vorlage der Bevölkerungsstatistik nächstes Jahr lassen, dann hoffentlich schon in Post-Corona-Zeit.

Aber jetzt ist es auch schon wieder vorbei mit Erfreulichem, denn mühsam ist es derzeit: Die Pandemie trifft alle, aber nicht alle gleich. Besonders die Frauen sind wieder mal die Gelackmeierten. Entweder abgeklatscht als Systemerhalterinnen oder in der altbekannten Kombination Home office, Haushalt und Kinderbetreuung an den heimischen Herd verbannt. Im Rückzug ins Private liegt besonders für Frauen manch Teuflisches begraben. Nicht umsonst skandierte die zweite Frauenbewegung lauthals: Das Private ist Politisch! Der Mangel an kraftspendenden Zusammenkünften zu Tag und zu Nacht macht vielen zu schaffen. Existenzängste, Isolation, beengte Wohnverhältnisse und Perspektivlosigkeit drücken aufs Gemüt. Böse Zungen behaupten sogar, dass sich auch die Wohnungskatzen von der menschlichen Dauerpräsenz im trauten Heim genervt fühlen. Und es gäbe ja genügend Gründe sich im öffentlichen Raum gegen die Zumutungen der wirtschaftlichen und sozialen Krise zu verbünden. Neidvoll blickt man da nach Argentinien, immerhin das Herkunftsland des amtierenden Papstes, wo streitbare Frauen Ende 2020 das Recht auf sichere, legale und kostenlose Abtreibungen trotz Pandemie erkämpften. Soviel Durchhaltevermögen und Kampfgeist wünscht man auch den Polinnen, die derzeit gegen ein »de facto«- Abtreibungsverbot einer reaktionären und frauenhassenden Regierung ankämpfen.

Die pandemiebedingten Hindernisse fürs lustvolle Zusammentreffen treibt aber auch die Digitalisierung voran. Für Abenteuerhungrige und Nähesuchende bietet die digitale Welt so einiges. Onlinedating boomt. Die Ernüchterung folgt aber oft auf den Fuß. Auch in der digitalen Welt spiegeln sich die sexuellen Verhältnisse wider. Ob die Kontaktbeschränkungen mit dem Rückzug ins Private die in Österreich dominierende Sexualkultur der seriellen Monogamie bestärken wird, der Reaktion neue Wege bannt oder die Vielfalt der sexuellen Milieus obsiegen, bleibt offen. Denn man soll sich nicht täuschen, unter der Decke raschelt es gewaltig. Das Bedürfnis nach Nähe, Lust und Abenteuer lässt sich weder digitalisieren noch auf Dauer unterdrücken. Auch hört man, dass der Konsum von stimmungsaufhellenden Getränken alkoholischer Natur im trauten Heim zugenommen hat. Wissenswertes dazu erläutert eine Studie, die berichtet, dass ähnliches Trinkverhalten bei Paaren die Langlebigkeit einer Beziehung auch in Coronazeiten fördert. Na dann Prost!

Gerlinde Grünn ist Gemeinderätin (KPÖ) in Linz und schrieb schon im Mai 2020 in der Volksstimme über »Liebe in Zeiten von Corona«.

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Gelesen 974 mal Letzte Änderung am Freitag, 26 März 2021 07:55
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