06 Februar

Willkommen zur Debatte

von

Mit dieser Ausgabe etablieren wir in der Volksstimme ein bewährtes journalistisches Format: die Debatte. Fragen sollen erörtert – gar beantwortet? – werden, Begriffe entblättert und Probleme kontrovers diskutiert oder auch gewälzt werden. Nun wären wir nicht wir, würden wir unversöhnliche Pro- und Contra-Texte nebeneinanderstellen und die geneigten Leser:innen dann damit allein lassen. Bereiten Sie sich vor, zwei »Ja, aber ...«- Texte zu lesen. Oder zwei »Ganz bestimmt nicht !« Die Argumente für Zustimmung oder Ablehnung werden dann durchaus unterschiedlich sein. Wir möchten Zugänge eröffnen und zeigen, wo etwas verloren gehen könnte, wenn man sich zu sehr auf eine Position versteift. Vielleicht werden sich manches Mal Positionen gegenüberstehen, ausschließen können wir das nicht. Alleine lassen wir Sie damit aber nicht: Schreiben Sie uns, wenn Sie den ausgewählten Texten zustimmen, widersprechen oder ein weiteres Argument hinzufügen möchten. Schreiben Sie uns, wenn Sie interessante Vorschläge für zu führende Debatten haben. Wir freuen uns! Unter redaktion@ volksstimme.at lesen wir all Ihre Schreiben. Seien Sie versichert – selbst wenn keine Veröffentlichung folgen sollte –, dass jedes Schreiben in der Redaktion ausführlich diskutiert werden wird. Wir beginnen mit Brigitte Theißl. Sie ist Journalistin und Erwachsenenbildnerin und versucht stets in ihrer Arbeit Feminismus und Anti-Klassismus zu verbinden. Von ihr sind zuletzt erschienen: »Klassenreise. Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt« (gemeinsam mit Betina Aumair) und »Solidarisch gegen Klassismus – organisieren, intervenieren, umverteilen« (gemeinsam mit Francis Seeck). Ihr Text analysiert den Umgang mit Ungleichheit aus einer nicht nur ökonomischen Sicht. Der zweite Text, »Emanzipationsbegriff oder Nebelkerze ?« von Martin Birkner, versucht genau diese Frage zu beantworten. Birkner ist Sozialphilosoph, Verleger und heilfroh, dem kleinbürgerlichen Mief seiner gemeindebauproletarischen Sozialisierung entkommen zu sein.

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Was ist »Klassismus«?

Von Brigitte Theißl

Der Begriff »Klassismus« ist – gerade im deutschsprachigen Raum – wenig geläufig und sorgt dennoch für heftige Debatten in der Linken. Klassismus bezeichnet – analog zu Rassismus und Sexismus – die Diskriminierung, die Unterdrückung und Ausbeutung aufgrund der Klassenzugehörigkeit oder der Klassenher-kunft. Klassismus ist strukturell wirkmächtig, das zeigen eine ganze Reihe von Studien: Nicht nur das Vermögen, auch die Bildung wird etwa in Österreich (und ebenso in Deutschland) vererbt, Kinder aus Akade-miker:innenhaushalten haben eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, eines Tages ebenso wie ihre Eltern einen Studienabschluss in der Tasche zu haben als Kinder aus der Arbeiter:innen- und Armutsklasse. Klassismus trifft Wohnungslose, Erwerbslose, die permanent damit konfrontiert werden, es sich bloß in der »sozialen Hängematte« bequem zu machen, er trifft einkommensarme Frauen (mit Migrationsgeschichte), die mehr als nur ein Kind bekommen (»Die Kinder kriegen heute die Falschen!«). Ebenso Armutsbetroffene, die auf an Bedingungen geknüpfte Sozialleistungen angewiesen sind und auf dem Amt schikaniert werden und Menschen mit geringer Formalbildung, die im Unterhaltungsfernsehen als vermeintlich dumm und faul vorgeführt werden.

Klassismus und Kapital

Klassismusanalysen interessieren sich also nicht nur für die Ökonomie, sondern auch für das soziale und kulturelle Kapital, für die Strukturen und Ideologien, die den neo-liberalen Kapitalismus zu dem machen, was er ist. Und das stößt vielen Linken – allen voran Marxist:innen – sauer auf: Klassis-mus markiere den Abschied vom Klassenkampf, er folge einer Logik der Individualisierung und begnüge sich damit, Diskriminierungen zu sanktionieren, so die Kritik. Die Sorge mag nicht ganz unberechtigt sein: So kämpft in Deutschland etwa Arbeiterkind.de »für alle, die als Erste in ihrer Familie studieren«, ohne dezidiert Systemkritik zu üben und präsentiert die dazu passenden T-Shirts, auf denen ein »Erster!« prangt. Der Kampf gegen Klassismus ist ebenso wenig vor einer neoliberalen Umarmung gefeit wie feministische und antirassistische Kämpfe, die in Diversity-Konzepten multinationaler Konzerne verwurstet werden. Doch genau das wollen klassismuskritische Analysen nicht. Die Entstehung des Begriffs ist eng mit feministischen, queeren und antirassistischen Bewegungen verknüpft, deren Aktivist:innen sich dagegen wehren, zum Nebenwiderspruch erklärt zu werden, die aber immer auch die ökonomische Frage im Blick haben. So stellt Klassismus immer auch die (Um-)Ver-teilungsfrage und zielt auf das gute Leben für alle. Klassismus hilft dabei, zu verstehen, wie neoliberaler Kapitalismus funktioniert, warum Armutsbetroffene aus Scham keine Sozialhilfe beantragen und eine politische Selbstorganisierung so schwierig ist, warum Erwerbslose sich unnütz und als Versager:innen fühlen und warum sich Einkommensarme meist der Mittelschicht zuordnen.

Klassismus und Klassenkampf sind kein Widerspruch

»Ich glaube nicht, dass es eine gute Entwicklung ist, wenn immer weniger Menschen in der Früh aufstehen, um zu arbeiten, und in immer mehr Familien nur mehr die Kinder in der Früh aufstehen, um in die Schule zu gehen«, so formulierte es einst Sebastian Kurz und brachte jene Politik des Sozialabbaus und der Verachtung auf den Punkt, die für ihre Legitimierung auf klassistische Stereotype zurückgreift. Klassismus zu benennen, ihn kenntlich zu machen und zu bekämpfen, ist somit ein wichtiger Schritt, um eine Solidarisierung und politische Organisierung zu ermöglichen. Klassismus und Klassenkämpfe – sie sind kein Widerspruch.

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Emanzipationsbegriff oder Nebelkerze?

Von Martin Birkner

Die Klassenfrage ist zurück. Nachdem in den 90er und 00er-Jahren im Gefolge der Konjunktur der Neuen Sozialen Bewegungen als »kulturell« oder »identitätspolitisch« konnotierte Widersprüche ins Zentrum linker Politik gerückt sind, ist gegenwärtig die Rückkehr der Klassenfrage zu konstatieren. Deutlich sichtbar wurde dies am Erfolg von Didier Eribons Buch »Rückkehr nach Reims«, sowie den etwa zur gleichen Zeit geführten Debatten um eine »neue« oder eine »verbindende« Klassenpolitik. Ein neuer Aspekt ist die Figur des »Klassismus«, die nun auch in der deutschsprachigen Linken breites Echo findet. Seit einigen Jahren erobert der Begriff das Terrain innerlinker Auseinandersetzungen. Einführungen, wissenschaftliche Beiträge und Sammelbände wurden publiziert. Taugt er als Emanzipationsbegriff, oder ist eine weitere Nebelkerze aus dem US-amerikanischen, linksliberal-universitären Universum?

Grundsätzlich lassen sich zwei Perspektiven auf die Klassenfrage unterscheiden: Die eine versteht Klasse als sozialwissenschaftliche Kategorie, als Merkmal eines Teils der Bevölkerung gegenüber anderen Teilen. Dieses Merkmal bedeutet: nichts anderes »zum Verkaufen zu haben als die eigene Arbeitskraft«. Dieses lässt sich sowohl empirisch/quantitativ ermitteln, wie auch zum Ausgangspunkt eines politischen Selbstverständnisses machen – wie jene berühmte »Klasse an sich«, die erst durch die Entwicklung von Klassenbewusstsein zur »Klasse für sich« werden kann, die dann als politisches Subjekt auf den Plan der Geschichte tritt.

Eine andere Sichtweise verbindet den Klassenbegriff konstitutiv mit einem anderen marxistischen Zentralbegriff, jenem des Klassenkampfs. Erst im Zuge der Auseinandersetzung der Arbeiter:innen mit ihren Beherrscher:innen und Ausbeuter:innen ist es überhaupt sinnvoll von Klasse zu sprechen. Einer auf eine reine Strukturkategorie reduzierter Klassenbegriff ist für diese Sichtweise Teil der positivistischen, bürgerlichen Wissenschaft, und daher abzulehnen. Hier kommt ein weiterer Begriff ins Spiel, der in der marxistischen Tradition synonym mit Kommunismus gebraucht wird: die klassenlose Gesellschaft. Wie aber kommen wir zu dahin? Genau diese theoretische und strategische Frage lässt die Unterscheidung zwischen verschiedenen Klassenbegriffen ans Tageslicht treten. Um es vorwegzunehmen: Aus der Art und Weise des Verständnisses von Klasse lassen sich die großen Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Spielarten linker Politik ableiten, auch jener »klassismus kritischen«, um die es hier geht. Soweit es um Diskussionen innerhalb der gesellschaftlichen Linken geht, ist eine emanzipatorische Wirkung des Klassismusbegriffes gut vorstellbar. Abwertungen und Desartikulierung proletarischer Sprechweisen von nicht-so-informierten Menschen im Rahmen politischer Zusammenhänge, das Ausblenden sozialer und ökonomischer Differenzen innerhalb von Politzusammenhängen waren lange eine vernachlässigte Problematik. Durch dieses Vernachlässigen wurden Hierarchien bestätigt und Ungleichheiten vergrößert – oder zumindest nicht verkleinert. Insofern ist das Sprechen über und der Kampf gegen die Diskriminierung von Arbeiter:innen – und das macht meines Erachtens das Zentrum der Klassismuskritik aus – eine wichtige Weiterentwicklung linken Denken und Handelns. Wenn jedoch durch die Fokussierung auf klassistische Diskriminierungen und Verteilungsungerechtigkeiten die Ebene der Selbstorganisierung und ihr Zusammenhang mit dem Ziel der klassenlosen Gesellschaft aus dem Blick gerät, wird der Klassismusdiskurs selbst zur Nebelkerze. Er verschleiert dann die Tatsache, dass es aus antikapitalistischer Perspektive um die Selbstaufhebung der Arbeiter:innen klasse geht, darum eben nicht mehr klassifiziert zu werden. In einer durch die Klas-senspaltung konstituierten Gesellschaft wie der kapitalistischen muss es den Kräften der Befreiung um die Abschaffung aller Klassen-unterschiede – und somit der Klassen selbst – gehen, und nicht der besseren Aner-kennung oder »gerechteren« Ressourcenzuteilung.

Den Kapitalismus anerkennen?

Vor einigen Jahren gab es eine Diskussion zwischen den Theoretiker:innen Nancy Fraser und Axel Honneth über die Zentralbegrifflichkeit kritisch-politischer Theorie: Anerkennung oder Umverteilung?, so lautete auch der Titel eines damals breit diskutierten Suhrkamp-Bandes. Beide Seiten hatten sehr gute Argumente für ihre Position – was wenig verwunderlich ist, braucht der Mensch als gesellschaftliches Individuum doch sowohl eine materielle Grundausstattung, um am sozialen und kulturellen Leben der Gesellschaft teilzunehmen, als auch »immaterielle« Formen von Anerkennung wie Wertschätzung und das Ausleben können individueller Lebensentwürfe. Das »oder« im Titel begründete jedoch eine grundlegend reformorientierte Verkürzung von Kapitalismuskritik: Anerkennung subjektiver Identitäten ist immer auch Anerkennung der Gesellschaft, die sie hervorbringt; die Umverteilungsperspektive wiederum verliert die Bedingungen dessen, was durch wen produziert wird, aus dem Blick. Ging es der klassischen Kritischen Theorie noch um die Kritik der gesellschaftlichen Totalität – und der radikalen Linken des 20. Jahrhunderts um die Überwindung des Kapitalismus, so bleibt nun nur noch die Wahl zwischen etwas mehr an Anerkennung oder materieller Ausstattung. Dabei wurde auf vermeintlich avancierte Art einer Unüberbietbarkeit zahmer Reformpolitik das Wort geredet. Dass jede im Wortsinne radikale Politik notwendiger Weise immer beide Aspekte beinhaltet und – und das ist das Entscheidende – sie über die Grenzen der Verfasstheit bürgerlicher Gesellschaften (letztere eben genau als Ursache defizitärer Anerkennung wie Verteilung), hinauszutreiben trachtete, geriet im Diskurs der schönen akademischen Seelen nicht zufällig ins Hintertreffen. 1989 war ja gerade erst vorbei, das angebliche Ende der Geschichte hingegen noch ganz am Anfang. Eine ähnliche Problematik finden wir beim Klassismusbegriff: Selbstverständlich richtet er sich nicht aktiv gegen eine radikale, klassenlose Perspektive. Der Horizont und die real existierenden Praktiken der klassismus-kritischen Linken jedoch verkürzen Klassen-auseinandersetzungen auf die kapitalismus-kompatiblen Reformaspekte Anerkennung und Umverteilung (mehr soziales Kapital für Arbeiter:innenkinder an Unis, Awareness- Workshops, Forderung nach respektvoller Armutsberichterstattung, etc.). Mit dieser Diskursverschiebung tragen sie zwar zu einer besseren Wahrnehmung und politischen Bearbeitbarkeit der »feinen Unterschiede« (Bourdieu) von Klassenherrschaft und zur Thematisierung von Klassenunterschieden auch innerhalb der Linken bei, allerdings zu einem hohen Preis: dem der Desartikulation einer Perspektive der Selbstaufhebung des Proletariats in einer Gesellschaft ohne Klassen. Letztlich bleibt der Klassenbegriff des Klassismus-Konzepts – wie jenes von Umverteilung vs. Anerkennung – an ein empirisches, letztlich positivistisches Verständnis von Klasse gebunden. Zugespitzt: Nicht dass es Klassen überhaupt gibt, ist ihm der Skandal, sondern dass abwertend über die Mitglieder einer Klasse gesprochen wird, oder dass sie bei der Verteilung des gesellschaftlichen Kapitals (egal ob ökonomisch, symbolisch oder kulturell) Nachteile haben. Dementsprechend geht es in klassistischen Interventionen meist um Sichtbarmachung oder eben um Anerkennung der Arbeiter:innenklasse als Klasse. Das damit eine auf Klassenspaltung beruhende Gesellschaftsordnung mit anerkannt wird, gerät nicht ins Blickfeld. Es ist, als ob der überwunden geglaubte Widerspruch zwischen Reform- und revolutionärer Politik durch die Hintertür wieder hereintritt. Eine kommunistische Perspektive wird die Sichtbarmachungen und Errungenschaften der Klassismuskritik nicht bestreiten, dennoch liegt ihr ein anderes Klassenverständnis zugrunde, nämlich dass es Kapitalismus ohne Klassen nicht gibt, und dass folgerichtig der politische Einsatz die Abschaffung aller Klassen im Zuge der Selbstaufhebung der Arbeiter:innenklasse und nicht die Anerkennung (wenngleich auch in »verbesserter« Form) ihrer Realität ist.

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