FOTO: ADRIAN ONGKEKO / RIGHTPLUS / DEPOSITPHOTOS Peter Fleissner FOTO: ADRIAN ONGKEKO / RIGHTPLUS / DEPOSITPHOTOS
19 Juni

ABECEDARIUM: Die Zähmung der Widerspenstigen oder die Dressur der ÖkonomInnen

von

VON PETER FLEISSNER

Wie kommt es, dass die große Mehrheit der ÖkonomInnen in Österreich völ­lig eindimensional nur eine einzige Lehr­meinung vertritt, wo doch der Individualis­mus ein zentrales Bekenntnis ihrer Diszip­lin ist? Obwohl sich auf dieser Grundlage eine bunte Vielfalt von Meinungen entfal­ten sollte, sind sich die Wissenschaftler und ForscherInnen in einem Punkt einig: Der Kapitalismus ist das einzige lebensfähige Wirtschaftssystem, an das sie glauben. Wer darüber hinaus denkt, muss entweder ein*e Idiot*in oder krank sein. Was sind die Mechanismen, die eine solche Einigkeit in einer ziemlich großen Gruppe von Men­schen erzeugen?

Ausbildung zur Konformität

Die Dressur beginnt mit der Ausbildung an den Universitäten und Fachhochschulen. Dort sitzen in den allermeisten Fällen Lehr­kräfte, die sich schon ein gerüttelt Maß an bürgerlichen Inhalten angeeignet haben und sie dann im Brustton der Überzeugung vertreten. Es ist an den Unis leider nicht so, dass kreatives Denken vermittelt wird, son­dern oft nur die Reproduktion vorgegebe­ner Lehrinhalte. Den Lehrkräften ist es in der Regel lieber, die Studierenden eignen sich den von ihnen vorgegebenen Lehrstoff rasch an, möglichst ohne persönliche Inter­aktion. Das würde zu viel Zeit kosten. Bei Prüfungen werden daher gerne multiple choice Fragen eingesetzt, wo eine von meh­reren vorgegebenen Alternativen anzu­kreuzen ist. Das spart der Lehrkraft kost­bare Beurteilungszeit, da die Ergebnisse standardisiert ausgewertet und benotet werden können (was sie oft an ihre Assis­tent*in outsourced). Diskussion über die Antworten gibt es keine. Der äußerst wich­tige wissenschaftliche Diskurs findet nicht statt. Ein wahres, aber vielleicht absichtlich den Lehrbetrieb karikierendes Beispiel aus einer Philosophieprüfung an der Universi­tät Wien: Auf die Frage: »Gibt es einen Gott?« konnte zwischen »ja«, »nein« und »weiß nicht« gewählt werden. Man bekam seinen Punkt, wenn genau eine der Mög­lichkeiten angekreuzt wurde, welche, war lt. Auskunft des Professors für die Beno­tung gleichgültig.

Die Abschlussarbeit (Diplomarbeit, Dis­sertation und die früher für eine Position als Professor*in nötige Habilitation) ist oft der krönende Beweis, dass die Zähmung gelungen ist. In meinem Habilitationsver­fahren warnte einer der Gutachter, dass meine Arbeit nicht auf der Basis des Positi­vismus stehen würde (ein Code, der allen Wissenden anzeigte, so jemand wird nicht habilitiert). Ein anderer, ein linkeres Mit­glied der SPÖ, später Vorsitzender des Finanzschuldenausschusses (seit 2013 Fis­kalrat genannt), ließ per E-Mail verlauten: »Sie werden die Sklavensprache schon noch lernen!«

Disziplinierung durch Förderung

Nach dieser universitären Abrichtungspe­riode ist die Dressur noch lange nicht zu Ende. Vor allem jetzt, wo die Fördertöpfe für Sozialwissenschaften immer mehr aus­getrocknet werden, machen viele Kolleg* innen kaum mehr etwas anderes als Anträge zu formulieren, bei Erhalt der För­derung rasch das Projekt abzuarbeiten, um dann sofort das nächste zu beantragen. Für ein sammelndes Innehalten, das inno­vative Einsichten bringen könnte, gibt es keine Zeit, obwohl jede* Forscher*n seine Vorlieben und speziellen Interessen für das eine oder andere Thema hat und sich gerne grundlegender damit beschäftigen würde. Immer mehr Kolleg*innen raufen sich um die rar gewordenen Fördergelder.

Junge Wissenschaftler*innen müssen an ihre Zukunft denken. Jede Arbeit, die sie veröffentlichen, wird bei einer Bewerbung darauf untersucht, ob sie Ergebnisse ver­spricht, die der finanzierenden Institution nützen. Wenn z.B. die Wiener Arbeiter­kammer ein Projekt über die Entwicklung der Lohneinkommen der ArbeitnehmerIn­nen in Österreich finanziert, will sie weder, dass die ÖGB-Politik heftig kriti­siert wird, noch, dass herauskommt, dass die Lohnabhängigen in Österreich von die­ser Politik gar keine Vorteile haben. Auch die Bundeswirtschaftskammer, andere Interessensvertretungen und private Unternehmungen arbeiten so.

Etwas besser ist es bei den öffentlich finanzierten Fonds (siehe www.wien.gv.at/ forschung/foerderungen/oester.html) die transparent die Bedingungen definie­ren, unter denen eine Finanzierung möglich ist.

Selbstbeschränkung und Selbstzensur

Für Berufstätige, die sich mit ihren Vorge­setzten nicht streiten wollen, tritt ein Mechanismus der Selbstzensur in Kraft, der verblüffend effektiv ist. Arbeitet man nicht auf marxistischem Terrain, bleibt für Aus­flüge in den Marxismus kaum Zeit übrig.

»Ein Marxist wird bei mir in der Akade­mie nix«, hat der damalige Generalsekretär der Österreichischen Akademie der Wissen­schaft noch zu mir unter vier Augen gesagt. Das ist immerhin schon 40 Jahre her. Mitt­lerweile ist die Lage für aktive Linke nicht mehr ganz so schlecht, aber damals war das eine klare Verletzung der Menschenrechte und eine explizite politische Diskriminie­rung, die mir vorübergehend den Aufstieg im wissenschaftlichen Bereich erschwert hat. So wurde ich als Habilitierter (ich hatte den Rang eines Dozenten) nicht Direktor an meinem Institut, sondern ein Kollege ohne Habilitation, obwohl die Stellenausschrei­bung eine Habilitation explizit erforderte.

Es gab und gibt im Kreis der Linken, vor allem bei den Kommunist*innen, viele Fälle von Menschenrechtsverletzungen und Dis­kriminierung aus politischen Gründen. Mir war seinerzeit das Verhalten meiner Vorge­setzten zwar unangenehm, aber ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass hier eine Rechtsverletzung vorläge. Es war quasi normal, dass Linke diskriminiert wurden. Aber immerhin konnten meine KollegInnen und ich die stärkste Fraktion im Betriebsrat der Österreichischen Akademie der Wissen­schatten stellen, obwohl die Akademie-Mit­arbeiterInnen als äußerst konservativ gal­ten. Trotzdem war es für mich als Betriebs­rat eine schöne Zeit der beständigen Ausei­nandersetzung mit der Akademieleitung, die mich die Diskriminierung vergessen ließ.

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing

Die permanente Diskriminierung der Denk­weise von Linken führt dazu, dass marxisti­sches Denken nur selten Gegenstand der Forschung ist und sich kaum weit verbrei­ten kann. Und so sieht auch die Arbeit der meisten Ökonominnen und Ökonomen aus. Sie haben die Wahl, sich entweder aller politischen Äußerungen zu enthalten oder – in beinahe mittelalterlicher Manier – das Lied derer zu singen, deren Brot sie essen, mit aller Energie, die ihnen zur Ver­fügung steht. Sie werden so zu echten Apo­logeten des Kapitalismus, Sprachrohre der Ausbeutung und Entfremdung. Das heißt nicht, dass sie in dieser Rolle nicht Intelli­gentes leisten würden, im Gegenteil, es ist auch in den heutigen Zeiten nicht leicht, die richtigen Argumente zu finden, um ein ineffizientes, korruptes und faulendes Gesellschaftssystem zu verteidigen, von dem sogar Papst Franziskus sagt »Diese Wirtschaft tötet«. Denn es produziert anstelle der Voraussetzungen für ein gutes Leben für alle Ungleichheit, Ausgrenzung und Umwelt-, Wirtschafts- und Finanzkri­sen am laufenden Band. Nur mit einem komplexen intellektuellen Eiertanz können sie rechtfertigen, dass die reichsten 10 Pro­zent der Menschen in Österreich 56,4 Pro­zent des gesamten Vermögens besitzen, während die ärmeren 50 Prozent nur 3,6 Prozent ihr Eigen nennen können. Dabei werden sie von den neoliberalen Think­tanks unterstützt, die seit Jahrzehnten ganz gezielt als Bollwerk gegen jegliche Kritik am Kapitalismus aufgebaut und finanziert wurden.

Dass darüber hinaus der Inhalt der bür­gerlichen Wirtschaftswissenschaften eben­falls höchst kritikwürdig ist, verdient eine genauere Analyse. Aber das ist eine andere Geschichte.

Erosion menschenfreundlicher Ziele

Die Zielvorstellungen der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft verschoben sich im Zuge der Ausbreitung der neoliberalen Pandemie zum Schlechteren. Einer der Begründer der ökonomischen Klassik, Adam Smith, hat im 18. Jahrhundert noch durchaus moralisch argumentiert und von Empathie (Einfühlungsvermögen in andere) gesprochen, was Menschen daran hindern würde, gegen die Interessen ihrer Mitmen­schen zu handeln, und zeitgleich hat Bent­ham im Utilitarismus noch die Maxime ver­treten, dass »das größte Glück für die größtmöglich Zahl« zu ermöglichen sei. Noch in der Nachkriegszeit war von magi­schen Vielecken als konsensualer Zielset­zung für eine Volkswirtschaft die Rede, bei einem Dreieck etwa wurden die Ziele Wirt­schaftswachstum, Vollbeschäftigung und Preisstabilität verlangt. Das niederländi­sche Centraal Planbureau beschäftigte sich noch bis 2017 mit der Erreichbarkeit dieser Ziele, dann wurde es ausschließlich der Untersuchung der Möglichkeiten von Pro­duktivitätssteigerungen (engstens verbun­den mit Profitabilität) untergeordnet. Diese Verschiebung des Fokus zeigt sich an allen Ecken und Enden der EU. Die Österrei­chische Nationalbank ist deshalb nicht zuständig etwa für die Verhinderung von Arbeitslosigkeit, nein, »der EU-Vertrag legt Preisstabilität als vorrangiges Ziel des Eurosystems fest. Zur Umsetzung dieses Ziels hat der Rat der Europäischen Zentral­bank (EZB-Rat) Preisstabilität als mittelfris­tigen jährlichen Anstieg des Harmonisier­ten Verbraucherpreisindex (HVPI) von unter, aber nahe zwei Prozent definiert.«* Da gibt es keine direkte Orientierung auf humanes Wirtschaften mehr, sondern es geht nur noch um die Absicherung von arbeitslosem Einkommen (Erträge aus Wertpapieren, Mieten oder Pacht) gegen­über der Inflation.

Am weitesten verbreitet und besonders bedeutsam für uns ist die Verleugnung von objektiv vorhandenen Alternativen zur herrschenden Wirtschaftsordnung. Daher erscheint den bürgerlichen Ökonom*innen deren Erforschung gar nicht nötig. Thomas Mann hat diese Einstellung schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als das gebrandmarkt, was sie ist: »Der Antikom­munismus ist die Grundtorheit unserer Epoche.«

*https://www.oenb.at/Geldpolitik.html

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